GLUCK: Il trionfo di Clelia ... der Triumph des Librettisten?
Peter Brixius (07.05.2012, 22:04): Nach dem "Orfeo" macht Gluck sich eines "Rückfalls" ins alte Opernsystem schuldig, der schon oft die Verwunnderung und den Kummer seiner Biographen hervorgerufen hat. Er komponiert, zur Eröfffnung des neuen Theaters in Bologna, "Il trionfo di Clelia" "del celebre Signor Abbate Pietro Metastasio poeta cesareo". Wenn es wenigstens nicht gerade Metastasio gewesen wäre! (Alfred Einstein: Gluck Kassel 1987, S 100)
Da nun die "Clelia" in einer Gesamteinspielung vorliegt, möchte ich mir diese Oper unter dem Aspekt ansehen, welchen Einfluss das Libretto auf die Komposition hat. Zum Vergleich werde ich die zeitnahen Opern, "L'innoncenza giustificata", "Orfeo ed Euridice", "Telemacco" und die Wiener "Alceste" heranziehen. Es ist eine allgemein vertretene Überzeugung, dass ein wichtiger Teil der Gluckschen Reformoper das Libretto darstellte. Gluck selbst hat dies bewusst später bei der Komposition der "Armide" widerlegt, wo er der Komposition das Libretto unterlegte, das Lully vertonte. Aber wie sah es 1763 in Bologna aus?
Da der Begriff der Reformoper häufig sehr einseitig oder auch schwammig gebraucht wird, ist s mE lehrreich, sich die "Clelia" im Vergleich anzusehen und festzustellen, was konventionell gearbeitet ist und wo es Abweichungen im Sinne der (anerkannten) Reformopern "Orfeo" und "Alceste" gibt. Der Vergleich mit dem "Telemacco" zeigt sehr schnell, dass dieser zum "harten Kern" der Reformoper gehört, dabei in einer Reihe von Merkmalen dem "Orfeo" entspricht, ihn gar weiterführt.
Die Entscheidung für das Libretto wurde durch die Auftraggeber getroffen. Gluck hätte lieber "L'Olimpiade" vertont, aber in Bologna bevorzugt man die (schwächere) Clelia, die bereits von Jommelli und Hasse vertont worden war. Man wünschte sich für den Anlass größte Prachtentfaltung, was nicht zuletzt in der Größe des Orchesters dokumentiert wird. So kam es zu einer Vorgabe, die Stärken des Komponisten, die gerade im europäischen Erfolgsstück "Orfeo" abgerufen wurden, hier nicht zur Geltung kamen: es gibt weder dramatisch wirksame Chöre (außer einem kurzen Schlusschor) noch ein Ballett - es bleibt eine Folge von Rezitativen und Arien.
Gluck war ein Realist, und Gluck liebte das Geld. Er schrieb den Bolognesern eine Oper , wie sie sie ungefähr verlangten. (Einstein, a.a.O., S. 100f)
Tat er das?
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (02.06.2012, 13:06): Um mit der Ouvertüre anzufangen. Es gibt bei Gluck zu dieser Zeit einen Wechsel von der dreisätzigen italienischen Sinfonia (schnell -langsam - schnell, wobei der dritte Teil im 3/4-Takt geschrieben ist) zu einer einsätzigen Ouvertüre, die in die Richtung eines Sonatensatzes geht. Es ist aber nicht nur ein formaler Wechsel, sondern einer, den er im Vorwort zur Alceste auch inhaltlich fasst
Ho imaginato che la Sinfonia debba prevenir gli Spettatori dell'azione, che ha da rappresentarsi, e formarne, per dir così 1'argomento;
(ich stellte mir vor, die Ouvertüre müsse die Zuhörer auf das Stück, das aufgeführt werden soll, vorbereiten, damit sie sich sozusagen vorstellen können, worum es geht)
Diese Intention gilt sicher schon für den "Telemacco" - ein weiteres Indiz für den Rang des Werkes - und (z.T. umstritten) für den "Orfeo" (wo es motivische Verknüpfungen zu der Oper gibt), nicht aber für die "Innocenza" oder die "Clelia". Es lassen sich zwar inhaltliche Bezüge zu der Handlung herstellen (vor allem scheint der langsame Satz eine Charakteristik der weiblichen Protagornistin nahezulegen), aber das scharf Charakterisierende wie bei m "Telemacco" fehlt - und damit das Neuartige.
Gluck beglückte also die Bologneser mit einer konventionell gefassten, durchaus melodiösen und prächtigen Sinfonia, deren Musik ihm so gefiel, dass er sich später wieder aufgriff. Wer nach Belegen sucht, was Gluck als Instrumentalkomponist vermochte, findet in der geglückten Erfindung und farbenreichen Instrumentation dieses Orchesterstückes Argumente für die Meisterschaft Glucks, doch einen Bezug zur Oper, sei es musikalisch, sei es musikdramatisch, wird man nicht auffinden.
Die Bologneser konnten es sich also in ihren Stühlen bequem machen ... aber die Zündsätze sollten noch kommen.
Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (04.06.2012, 15:11): Zur zeitlichen und inhaltlichen Orientierung stelle ich hier einmal die Daten der Kompositionen Glucks zusammen, auf die ich immer wieder zurück kommen werde.
1750 Ezio (1. Fass., Metastasio) 1755 L'innocenza giustificata (Pasticcio von Durante: Metastasio, Arien) 1761 Don Juan (revolutionäre Choreografie: Angiolini) 1762 Orfeo ed Euridice (Calzabigi - Angiolini - Durante) 1763 Il trionfo di Clelia (Metastasio) - Gluck hätte sich die L'Olimpiade als Vorlage gewünscht 1764 Ezio (2. Fass. Metastasio) - La rencontre imprévue (Opéra comique) 1765 Telemaco ossia L'isola di Circe (Coltellini 1767 Alceste (Calzabigi - Noverre)
Zu den einzelnen Werken werde ich in Zukunft (wenn schon nicht geschehen) einzelne Threads starten. Die verschiedenen Entwicklungslinien bringen ab der Wiener "Alceste" die Reihe der großen Reformopern hervor: - Vertonungen von Metastasio-Libretti enthalten zunehmend Einzelstücke, die die Opera seria von innen "aufbohren", der Vergleich von Ezio (Prag) und Ezio (Wien) macht die Art der Bearbeitung deutlich - eine neue Art von Libretti, angefangen mit Durantes Rezitativtexten - damit verbunden: neue Rolle der Rezitative - das neue Gewicht des Handlungsballetts, das aber vom Librettisten ermöglicht werden muss - die zunehmende Textorientierung und Kürze der Diktion, die in den Opéra comiques erworben und erprobt wude - die Integration von Chor und Tanz in die neue, die "Reformoper"
Ebenso wie der "Telemaco" reizt mich die "Clelia" zu einem näheren Hinsehen, weil an bislang unbekannten und kaum besprochenen Werken Fragen gestellt werden können, zu denen einem bei den bekannteren Werken z.T. der Blick verstellt ist. Dazu kursieren missverständliche Begriffe von "Reformoper" und Winckelmannscher "Edle Einfalt, stille Größe", die mehr desorientieren als hilfreich sind. Liebe Grüße Peter
Fairy Queen (05.06.2012, 08:25): Lieber Peter, schade dass ich zu deinen wie immer sehr sorgfältig und erschöpfend recherchierten Beiträgen nichts sagen kann. Bei einer total unbekannten Oper ist das noch schwieriger - wie kennen ja nichtmal die Musik...... ich hoffe, Deine Arbeit findet gebührende Würdigung von Gluck- Fachleuten. Sollte mir diese Oper mal über den Weg laufen, weiss ich nun genau, wo und bei wem ich etwas dazu finde. Im Moment gebe ich mich aber mit so ausgetragenen Pantoffeln wie Mozarts Figaro ab. Trotzdem immer wieder schön!
Belle journée F.Q.
Severina (05.06.2012, 11:55): Ich kann mich Fairy nur anschließen - ich lese diesen Thread mit großem Gewinn und Bewunderung für Deine akribischen Recherchen, aber darüber hinaus kann ich leider nichts dazu beitragen!
lg Sevi :hello
Peter Brixius (06.06.2012, 12:02): Hören kann man die Oper inzwischen
2007 wurde das Manuskript der Uraufführung wieder gefunden, 2008 erschien die Partitur im Rahmen der Gesamtausgabe. Seitdem gibt es Aufführungen (u.a. dieses Jahr im Februar in London)
Dass die erfolgreiche Opera seria sich nicht wie andere Gluckopern in europa verbreitete, lag an dem szenischen Aufwand, den die Bologneser ja gewünscht hatten und der anderen Orts nicht so leicht reproduziert werden konnte (mal wieder ein Pferd auf der Bühne :wink)
So geriet sie in Vergessenheit, unverdient, wie ich hoffentlich vermitteln kann.
Vielen Dank für die liebe Ermutigung aus Lille und Wien, weiter über dieses unbekannte Werk hier zu berichten.