Fairy Queen (06.02.2010, 23:48): G. Verdi Simon Boccanegra Metropolitan Opera New York 6.2.2010
Simon Boccanegra: Placido Domingo Amelia Grimaldi/Maria: Adrienne Pieczonka Gabriele Adorno: Marcello Giordani Jacopo Fiesco: James Morris
Inszenierung: Giancarlo del Monaco Musikalische Leitung: James Levine
Hat jemand die Übertragung aus der MET gesehen? Ich hatte diese Oper bisher nie auf der Bühne gesehen und kannte zu meiner Schande auch keine einzige Arie daraus- richtige Hits sind ja sowieso eher Mangelware. Statt dessen gibt es aber massenhaft wunderbare Ensembles/Duette und vor allen Dingen eine sehr packende und in Atem haltende Handlung. Ich verstehe jetzt, warum das eine Llieblingsoper von Sevi und Rideamus ist. :engel Nur ganz kurz, weil ich serh müde bin: die Inszenierung war so konservativ, wie sie konservativer nciht hätte sein können. Originalgetreues Dekors und Kostüme- da lacht jedes Staubi-Herz! Personenregie serh diskret, die Sänger mussten halt das beste aus ihren Rollen machen. Für eine Erstbegegnung war das nicht schlecht, zumindest hab ich sofort kapiert wo , wann und worum es ging. :wink Levine wie immer total unspektakulâr- ich bin kein Fan von ihm, er hat mich aber auch nciht weiter gestört. Gesangliich war das ein Freudenfest für alle Domingo-Fans (und das bin ich mit Haut und Haaren!) Dass er so einfach von Tenor auf Bariton umsteigt, ist schon unfassbar genug, aber wie gut er dieses Rolle singt und spielt, ist in seinem Alter das reine Wunder. :down :down :down Leichte Abnutzungserscheinungen am Anfang, fielen nciht ins Gewicht,zumal James Morris echte Abnutzungserscheinungen zeigte und die von Domingo dagegen Peanuts waren. Der Wobble ist nciht mehr weit bei Morris, ich fürchte er wird bald wie Ramey klingen. X( Giordani hat mich in dieser Rolle mehr überzeugt als als Kalaf- er war serh gut in Form und passte von Statur und Alter und Stimme auch gut zu seiner Amelia . Selbige hatte ich noch nie gehört oder gesehen, sie singt gut, aber ohne jedes Charisma. Fazit : eine tolle Oper und ein herausragender Domingo. F.Q.
Heike (07.02.2010, 09:23): Hallo Fairy, vielleicht wäre das besser in diesem Thread aufgehoben: Die MET im Kino Mail doch mal Satie an, dann kann er deinen thread dort anhängen. Heike
P.s. Domingo hat ja sein Debüt in dieser Rolle im letzten Oktober in der Lindenoper gegeben und dafür hervorragende Kritiken bekommen - ich hatte leider keine Karte mehr erwischt, aber neidvoll darüber gelesen, dass er großartig als Bariton gewesen sein soll!
Rideamus (07.02.2010, 09:44): Ich habe soeben die Rundfunkübertragung angehört, kann aber von dem Eindruck der Kinoübertragung nur den akustischen Teil kommentieren. Die Inszenierung kenne ich ja schon von dieser DVD, in welcher der schon etwas reife Domingo noch den Gabriele Adorno singt:
Von daher kann ich Fairys Charakterisierung dieser höchst traditionellen, aber immerhin auch wenig störenden Arbeit del Monacos als akzeptables Staubifutter nur bestätigen.
Ansonsten gieße ich höchst ungern Essig in den spontan gelobten Wein, aber ich habe den Eindruck, dass die DVD die bessere Aufführung dokumentiert. Fraglos ist diese Aufführung ein Triumph für Plàcido Domingo. Wer ihn nicht kennt, der könnte ihn für einen sehr guten Bariton mit tenoralem Timbre halten, dem die relativ hohe Tessitur des Simon Boccanegra gut liegt. Ich kann allerdings nicht sagen, ob er sich nicht die eine oder andere Passage hat transponieren lassen. Auch gestalterisch hat er sich wohl von den vielen großartigen Simones, mit denen er im Laufe seiner Karriere gesungen hat, viel Gutes abgeguckt, was ich aber mangels visuellem Eindruck nur vermuten kann. So kann ich Deine Begeisterung für seinen Simone bislang nur verstehen, nach dem rein akustischen Eindruck aber nicht teilen, zumal durch das tenorale Timbre Domingos beim bloßen Anhören von Amelias Dialogen mit ihrem Vater und ihrem Geliebten ein ungewöhnlicher EInheitsbrei entsteht, der im Endeffekt Gleichgültigkeit erzeugt. Immerhin: sobald Domingo allein und der andere Tenor fern ist, etwa in dem großen "Meeres"-Monolog zu Beginn des zweiten Aktes, ist er schon großartig - solange man nicht daran denkt, was Cappucilli oder Gobbi mit dieser Partie gemacht haben.
Meine gedämpfte Begeisterung resultiert allerdings auch aus seinem Umfeld, das die Oper wiedergibt, als habe sie nie Boitos reifere Überarbeitung erfahren, sondern sei in der Attitüde ihrer Erstfassung von 1857 stecken geblieben. Hier schlug sich die Tradition der MET als die größte Zirkusarena gleich nach der von Verona arg deutlich nieder. Levine dirigierte einen Reißer mit toller Musik und ist anscheinend immer weniger willens (oder in der Lage), seinem Orchester etwas anderes als ein pauschales Forte oder Foretissimo, nicht aber ein wirkliches Piano abzufordern.
James Morris schien ganz darauf konzentriert, seine frühe und besonders beliebte Auftrittsarie "Vi lacerato spirito" ordentlich über die Rampe zu bringen, ging danach aber ziemlich aus dem Leim. Wie schon jemand zu Recht formuliert hat: sein Fiesco war nahe am Fiasko. Das macht das wunderschöne Duett mit Gabriele Adorno "Vieni a me" ziemlich kauputt, zumal Giordano zwar durchaus eindrucksvoll singt, aber für meinen Geschmack schon arg viel von dem weinerlichen Ton zahlreicher früherer Verdi-Tenöre an den Tag legt, der für mich immer etwas danach klingt, als habe er sich in den TROVATORE verirrt und ahnte, dass auch er am Schluss geröstet wird.
Der Paolo Stephen Gaertners ist in dem auf Bravour ausgerichteten Umfeld in angenehmer Weise unauffällig, aber keineswegs ideal. Adrienne Pieczonka bot eine zwar solide grundierte, aber bei jedem exponierten Anspruch rasch schmerzhafte Darbietung, so dass ich sogar Frau Gallardo-Domas Abbitte tun muss, die mir in der Wiener Aufführung nur wenig gefallen hat. So aber vermisste ich sogar Katia Ricciarelli in der etwas farblosen Gavazzeni-Einspielung, von Kiri Te Kanawa in der o. g. DVD oder gar Mirella Frenis optimaler Leistung ganz zu schweigen.
Zusammengefasst: es erweist sich bei dieser Oper als unbestreitbarer Nachteil, dass es ausnahmsweise eine perfekte Einspielung gibt, die ich jederzeit viel lieber höre:
Mit einem noch weiter gehenden, endgültigen Urteil warte ich aber ab, bis ich die ganze Oper gehört und ggf. auch gesehen habe, denn Domingos visuelle Präsenz scheint ja sehr stark gewesen zu sein, und wenn die Aufführung zudem weitere Konvertiten zu einem der allergrößten Werke Verdis gewonnen hat, hat sie ihren edelsten Zweck ja auch schon erfüllt.
:hello Rideamus
Severina (11.02.2010, 00:21): Eure Eindrücke vom MET-Simone trösten mich etwas darüber hinweg, dass ich die Radioübertragung wegen eines überraschenden Besuchs verpasst habe. Domingos Simone hätte mich natürlich brennend interessiert, aber darüber hinaus scheine ich nichts versäumt zu haben. Ein Fiesco mit Tendenz zum Wobble hätte mich total frustriert, weil mir diese Partie ebenso wichtig ist wie der Titelheld. Sein "Prega, Maria per me..." im Prolog ist für mich ein highlight dieser Oper, und wehe, das verwobbelt mir einer!! X(
Wie Rideamus halte ich die CD mit Abbado, Cappuccilli, Freni, Ghiaurov für eine absolute Referenzeinspielung. Live hat mir auch Renato Bruson immer sehr gut gefallen und auch Thomas Hampson, der bei vielen gar nicht so gut weg kam. Aber ich finde, er gestaltet ein sehr eindrückliches Rollenporträt, die Ratsszene, wo er Paolo dazu bringt, sich selbst zu verfluchen, hat noch kein Simone so auf die Spitze getrieben wie er. lg Severina :hello
Ingrid (19.02.2010, 18:34): Original von Severina Wie Rideamus halte ich die CD mit Abbado, Cappuccilli, Freni, Ghiaurov für eine absolute Referenzeinspielung. lg Severina :hello
Diese CD habe ich ein paar Tage nach der MET-Übertragung gehört und sie hat mich zwischen den Boxen fast zur Salzsäule erstarren lassen, so nahm mich alles mit. Fand eben auch Abbado um vieles besser und Ghiaurov um Welten besser als Morris.
Liebe Severina, Du hättest sicher gelitten wie ein Hund (wir auch) und wahrscheinlich erstmals im Kino BUH geschrieen :cool
Trotzdem war ich sehr glücklich, Domingo erlebt zu haben, denn sein Spiel war atemberaubend und da ich ja zu diesem Zeitpunkt seine Stimme nur mit Gavanelli vergleichen konnte :ignore, auch sehr gut :)
Liebe Grüße Ingrid
Ingrid (08.03.2010, 23:44): Offensichtlich brauche ich manchmal mehrere Anläufe, bis ich mich mit einer Stimme so richtig anfreunden kann. Gestern hat es auch Erwin Schrott geschafft :beer
Mit seinem Don José hatte ich große Probleme, da irgendwie etwas unkultiviert und klotzig, aber gestern empfand ich seinen Bassbariton richtiggehend balsamisch. Keine Ahnung, ob man das sagen kann :cool . Er baute wohl eher auf die kleinen Gesten, zeigte mehr Respekt vor den "Herrschaften" und trug auch in seinen Arien nicht besonders dick auf. Zusammen mit Laura Tatulescu kamen sie bei mir nahe in den Bereich "Traumpaar" :down Rose ist gesichtet worden und hat bestimmt noch gute Ratschläge gegeben.
Volle genoss seine Rolle sichtlich und wirkte, wie eine Freundin meinte, sehr gefährlich (für die Frauen natürlich). Ihn mag ich sowieso und freue mich total, ihn in dieser Rolle zu erleben. Glaube fast, dass ich ihn gestern zum ersten Mal italienisch singen hörte und es klang echt gut und auch schauspielerisch legte er sich so voll ins Zeug, dass der Kopf gegen Ende der Farbe seines Kostüms sehr ähnlich war :wink Am Schluss rührte aber auch er mich zu Tränen. Das schaffen nicht alle.
Barbara Frittoli hatte es bei mir etwas schwerer, denn da habe ich halt immer noch Anja Harteros vor Augen und Ohr.
Der Cherubino von Kate Lindsey war sicher sehr gut, aber gerade für sie/ihn finde ich diese Inszenierung nicht so ideal. Da habe ich immer noch die von Kosky im Kopf. Da war echt was los auf der Bühne und die weißen Tücher in der Münchner Gartenszene, gerade wenn man diese Inszenierung schon einige Male gesehen hat, nicht mehr so prickelnd, obwohl die Arie der Susanna (Tatulescu erinnert optisch sehr an Cecilia Bartoli) und das entsetzte Gesicht von Schrott doch zu Herzen ging. Er nahm es auch auf sich, unter dem großen weißen Tuch von hinten bis vorne durchzukrabbeln, was sich Terfel z.B. nicht antat. Der war natürlich sowieo ein ganz anderer Typ von einem Figaro.
Obwohl dieser Mozartabend schon seine Längen hatte, freue ich mich doch wieder auf den Donnerstag und einen Stehplatz :wink
:hello Ingrid
Severina (09.03.2010, 16:34): Liebe Ingrid, danke für Deinen Bericht, ich bin doch immer glücklich, etwas von der Münchner Oper zu erfahren! Als Figaro fand ich Erwin Schrott auch immer sehr gut, ich habe ihn - ebenfalls mit Volle als Graf - in Zürich in dieser Partie erlebt. (Diese Produktion gibt's auch auf DVD!) Auch als Leporello gefiel er mir immer, er darf offensichtlich nur nicht in die Chefetage aufsteigen :wink :D lg Severina :hello
Fairy Queen (09.03.2010, 19:14): Ich war gestern in einer mir total unbekannten Haydn-Oper "L'infedeltà delusa"
Inszenieirung: Richard Brunel Leitung: Jeremy Rohrer "Le cercle d'harmonie"
Es sangen: Claire Debono, Mari Eriksmoen, Ian Paton, Julian Preghardien, Thomas Tatzl
Die Story ist ziemlich seicht und gibt nciht viel her. Ein Vater will seine arme Tochter an ienen reichen Mann verkuppeln, die liebt aber einen armen Mann und dessen Schwester ist wiederum mit dem Reichen verlobt, der sie nun für die andere Dame im Stich lâsst. mit Raffinesse udn allerlei lustigen Verkleidungstricks à la Despina oder Norina gelingt es schliesslich, den Vater auszutricksen und die richtigen Paare zusammenzubringen. Dei Musik ist serh hübsch, es gibt viele schöne ensembles, einige grössere Arien, aber ncihts Ohrwurmiges oder besonders Herausragendes. Was die aufführung zum Genuss machte, war der grosse Elan und die Leichtigkeit des Orchesters unter Rohrer und die rieisge Spielfreude der Sänger(hervorzuhebn ist Claire Debono als Vespina)!), die überdies fast alle über serh schöne stimmen verfügen. Schöner lyrischer Gesang ohne Geschreie und Gestemme- das erfreut mein Herz und Ohr! :leb Die inszenierung fand ich nicht so besonders und hab sie auch nicht richtig verstanden scheint mir, erspare euch und mir daher einen Bericht, es sei denn, jemanden interessiert das brennend.
Es war meine erste Haydn Oper und obschon sehr nett anzuhören, fehlt doch etwas, wenn man mit Gluck oder Mozart vergleicht. Weder die dramatische Grundkraft noch die wunderbaren Melodien und Ohrwürmer gibt es da und irgendwo kann man nachvollziehen, dass Haydns Opern doch ziemlich im Schatten stehen.Aallerdings hab ich mal den Orfeo auf DVD gesehen und der hat mir ziemlich imponiert. Vielleciht ist da "L'infedeltà delusa" einfach nicht sein stärkstes Werk.... aber angenehm kurz! Um 22Uhr30 waren wir schon wieder zu Hause..
Für den 8.4. habe ich heute Karten in München bestellt "Poulenc "Les dialogues des Carmelites"- ein phantastisches Werk!!!!
F.Q.
Ingrid (09.03.2010, 21:05): Liebe Fairy,
hatte mich noch nicht um Karten für die Karmelitinnen bemüht, da ich mich nicht so ganz dran traue. Da regt mich die schlimme Geschichte schon im Vorfeld zu sehr auf.
Schade, dass ich am 8.4. nicht kann, sonst hätte ich mir wohl doch noch ein Stehplatzerl besorgt, aber da findet ein Gesprächsabend mit Erwin Schrott in München statt und den möchte ich doch nicht verpassen :wink Er soll auch am Bühnenausgang wieder charmant ohne Ende gewesen sein. Leider ist die Vorstellung erst so kurz vor 23 Uhr zu Ende und da muss ich dann doch schaun, dass ich zu meiner S-Bahn komme, sonst wäre ich wohl auch immer in der Meute am Bühnentürl :D
Liebe Severina,
bin ja gespannt, wie sich Schrotti dann demnächst als Chef macht :D Als Leporello in Salzburg fand ich ihn auch echt gut (TV) Volle durfte in Zürich offensichtlich viel viel mehr im italienischen Fach singen. Er kam wohl auch her, um den Don Giovanni zu bekommen, aber da ist er auch zukünftig offensichtlich nicht vorgesehen. Echt gemein.
Liebe Grüße nach Lille und Wien Ingrid
Ingrid (10.03.2010, 08:54): Liebe Fairy,
Du hast gute Überzeugungsarbeit geleistet. Habe mir gerade eine Karte für den 17. bestellt.
LG Ingrid
Rachmaninov (23.03.2010, 17:25): Vor einigen Tagen war ich übrigends in der Oper.
Geboten wurde im "Saal für Mozart" in seiner Geburtsstadt Salzburg, die ihn so sehr vermarktet obwohl sie ihm so zu wider war :ignore, die Puccini Oper Tosca.
Das recht minimalistische Bühnenbild mit sehr hohem weiß Anteil sowie silbernem Dekor (Kerzenständer ect.) im Kontrast zu den farblich sehr hervorstechenden Kleidungsstücken von Tosca fand ich sehr ansprechend. Auch die Kostüme des Polizeichef's bzw. seiner Leute im meist fahlen Weißtönen fand ich sehr passend.
Was die Schauspielerischeleistung angeht sowie den gesanglichen Leistungen war ich nicht sonderlich überwältigt. Denke das war ein solides Niveau.
Ein Liebhaber dieser Oper bin ich auch durch das Liveerlebnis nicht geworden.
Einzig der Chor am Ende des ersten Aktes hat mich doch verzückt.
Severina (23.03.2010, 18:21): Lieber Rachmaninov, nun, abseits der Salzburger Festspiele dümpelt die Salzburger Oper auf einem recht bescheidenen Niveau dahin, insofern war das sicher keine gute Werbung für einen Opernmuffel :wink Die Wiener Opernfans fahren gerne nach Graz oder Linz, aber kaum je nach Salzburg. lg Severina :hello
Heike (05.04.2010, 23:19): Richard Wagner Rienzi, der letzte der Tribunen
Deutsche Oper Berlin, 5.4.2010 Musikalische Leitung Evan Rogister Inszenierung Philipp Stölzl
Rienzi Torsten Kerl Irene Marika Schönberg Adriano Kate Aldrich
Ich gestehe, ich kannte bisher von Rienzi nur die Ouvertüre. Insoweit hat sich der Besuch absolut gelohnt, das ist ein hochinteressanter Stoff und ich fand es faszinierend, dass Wagner richtig gut für Chöre komponieren kann :-) Schade,d ass er es später aufgegeben hat. Gesungen wurde in den Hauptrollen ordentlich, Chor und Orchester agierten gewohnt gut und routiniert, die knapp 2,5 Stunden vergingen rasend schnell.
Was die Inszenierung angeht, mir hat es im wesentlichen gefallen. Natürlich war es sehr direkt auf die Parallelen zu Hitler und dessen Vorliebe gerade für diese Oper angelegt und hat somit den Blickwiinkel schon ziemlich eingeengt; sicher hätte man das subtiler machen können. Aber es waren schon einige wirklich gelungene Einfälle dabei (sehr beeindruckend z.B., wie Rienzi im Bunker wie ein Kleinkind mit Bausteinen von Speers Monumentalbauten einen Turm baut) und mich als Rienzi- Neuling hat das offensichtliche Prinzip nicht gestört, weil es imho sehr gut gemacht war.
Ich finde es schade, dass die Oper so selten gespielt wird, der Stoff bietet sicher großartiges Material für gute Regisseure und die Musik (die ja leider heute arg viel gekürzt war) ist melodisch hörenswert, rhythmisch packend (hat mich fast an Verdi erinnert, dieser frühe Wagner) und vielseitig. Heike
Rachmaninov (06.04.2010, 07:40): Original von Severina Lieber Rachmaninov, nun, abseits der Salzburger Festspiele dümpelt die Salzburger Oper auf einem recht bescheidenen Niveau dahin, insofern war das sicher keine gute Werbung für einen Opernmuffel :wink Die Wiener Opernfans fahren gerne nach Graz oder Linz, aber kaum je nach Salzburg. lg Severina :hello
Linz wäre für mich durchaus gut erreichar. Wo find eich aktuelle Spielpläne für Opern und Konzerte in Linz?
Cetay (inaktiv) (06.04.2010, 11:38): Original von Rachmaninov Original von Severina Lieber Rachmaninov, nun, abseits der Salzburger Festspiele dümpelt die Salzburger Oper auf einem recht bescheidenen Niveau dahin, insofern war das sicher keine gute Werbung für einen Opernmuffel :wink Die Wiener Opernfans fahren gerne nach Graz oder Linz, aber kaum je nach Salzburg. lg Severina :hello
Linz wäre für mich durchaus gut erreichar. Wo find eich aktuelle Spielpläne für Opern und Konzerte in Linz?
Der Opernplan ist hier. U.a. stehen Hoffmanns Erzählungen auf dem Spielplan!
bereits 30 jahre ist die inszenierung von piero faggioni alt und man sieht es ihr auch an allen ecken und kanten an. (die 2 jahre ältere wiener staatsoperninszenierung kommt dagegen fast wie neu daher) für mich war es die bisher schwächste inszenierung (und auch aufführung) einer "carmen" überhaupt. 3 1/2 stunden quält man sich durch ein uninspiriertes einheitsbühnenbild (enzio frigerio)und in der personenregie scheint dem regisseur nicht viel eingefallen zu sein.(oder es ist davon nicht mehr viel übrig).
wären wenigstens die sängerischen leistungen halbwegs akzeptabel gewesen,hätte man viell. darüber hinwegsehen können. die carmen sang hadar halévy,leider mit sehr wenig ausstrahlung. don josé gesungen von yonghoon lee hingegen hat mir sehr gut gefallen,zumindest sängerisch,darstellerisch allerdings kam er über ein standardrepetoir von ein bissl hände ringen nicht hinaus. viel schlimmer aber noch war kyung-il ko. davide damiani sang den escamillo ganz passabel,aber unter einem torero stelle ich mir was anderes vor. die micaéla wurde von der jungen vida mikneviciute,einem mitglieddes int. opernstudios,gesungen.darstellerisch hat sie mir sehr gut gefallen ,sängerisch weniger,aber dem hamburger publikum hat sie gefallen.sie wurde mit bravos überschüttet.(viell. weil sie so jung ist.ich weiss nicht) trine w. lund (frasquita) und ann-beth solvang (mercedes) fand ich rund um klasse.
die musikal. leitung lag in den händen von alexander joel und hat mich auch nicht von den stühlen gerissen.
hätte ich mich bloss f. das neumeier-ballett (nijinsky) gestern abend entschieden. lg yago
Severina (18.04.2010, 00:40): Hallo yago,
wenn eine "Carmen" langweilig ist, muss wirklich vieles schief laufen, denn diese Oper kann man doch kaum umbringen. Du Ärmster! Das Problem mit asiatischen Sängern kenne ich nur zu gut: Stimmlich sind sie oft wirklich ausgezeichnet, leider hapert es beim Spiel, da fühlt man sich oft in ein Opernmuseum versetzt, so antiquiert wirken die Gesten. Deshalb halte ich den Herrn Youn so schlecht aus, obwohl er wirklich gut singt, aber ansonsten nur gepflegte Langeweile verbreitet.
Freuen wir uns also auf die Wiener "Carmen", die hoffentlich wenigstens ein wenig aufgemöbelt wird, wenn es schon keine Neuinszenierung gibt! :D lg Severina :D
Dulcamara (18.04.2010, 09:33): Habe die aktuelle Aufführung nicht gesehen, aber schon vor zwölf Jahren war die Hamburger Carmen-Inszenierung völlig verbraucht und jegliche Ansätze von Bewegungsregie völlig verpufft. (Gleiches gilt auch für Traviata, Liebestrank, Barbiere und Cav/Pag.)
Vor diesem Hintergrund ist mir die derzeitige Neuinszenierungspolitik in Hamburg auch völlig unverständlich. In denselben zwölf Jahren gab es zwei neue Lucias, zwei neue Bohemes, zwei neue Rosenkavaliere, zwei neue Hoffmannes Erzählungen und nächstes Jahr kommt auch die zweite neue Cenerentola dazu (sowieso, warum dann nicht mal eine L'italiana oder Il vaggio o.ä.?).
yago (18.04.2010, 10:46): eine "la boheme" habe ichletztes jahr im mai gesehen und auch diese inszenierung fand ich sehr konventionell.allerdings wurde da besser gesungen,vor allem olga mykytenko war grossartig. ich hätte mir diese inszenierung im dez. nochmals angesehen,denn da sollte elena mosuc singen. sollte aber nur,denn von den beiden terminen wusste wohl nur die staatsoper HH.elena mosuc u. die züricher oper nichts,die,die mosuc auch an diesen tagen auf dem programm auswiesen. ich vermute man wollte nur den vorverkauf ankurbeln,denn auf anfrage meinerseits reagierten,fr. mosuc´s agentur u. die züricher oper sehr schnell und hamburg erst sehr spät.
und ja,severina ich freu mich schon wahnsinnig auf wien u. "carmen".(hoffentl. ist anna netrebko dann wieder fit) :hello lg yago
Severina (18.04.2010, 11:06): Original von yago und ja,severina ich freu mich schon wahnsinnig auf wien u. "carmen".(hoffentl. ist anna netrebko dann wieder fit) :hello lg yago
Liebe Yago, davon gehe ich aus! Ich denke mal, die "Halsentzündung" ist in Wahrheit eher die Erkenntnis, dass die Puritani nicht mehr gehen :wink. Bei ihrer wirklich großartigen Mimi unlängst fragte ich mich etwas besorgt, wie sie mit der nun viel schwereren und tiefer liegenden Stimme eine Elvira stemmen will. Ich bin ehrlich gesagt über diese Absage nun eher erleichtert als beunruhigt. Das Problem ist halt, dass Verträge so lange im Voraus unterzeichnet werden, sich eine Stimme in der Zwischenzeit aber ganz anders entwickeln kann. Da ist es dann nur klug, die Notbremse zu ziehen, anstatt einen Schaden zu riskieren. Natürlich sind die Leute not amused, die viel Geld für die Netrebko ausgegeben haben (Freunde aus Köln haben nur wegen der "Puritani" ihren Wienurlaub gebucht...), aber der Künstlerin deswegen einen Vorwurf zu machen, ist unfair. Ich war auch schon wegen Flórez in Zürich und dann hat ein Herr Laho geträllert. (Nicht schlecht, übrigens!) Natürlich war ich enttäuscht, aber gegen Krankheit ist niemand gefeit, und mir ist es lieber, meine Lieblinge pflegen ihr kostbares Instrument und sagen notfalls ab, als dass sie trotzdem singen und damit riskieren, ihre Stimme nachhaltig zu beschädigen.
lg Severina :hello
Dulcamara (19.04.2010, 09:25): Gestern abend "Daphne" von Richard Strauss in der Oper Frankfurt. Die Handlung ist eine etwas ungewöhnliche Variante einer klassischen Dreieckskonstellation: Zwei Tenöre (Apoll und Leukippos) streiten sich um eine Frau. Apoll tötet Leukippos, woraufhin Daphne ihn auch nicht mehr mag und sich in einen Baum verwandelt. Hinzu kommt noch ein recht - sagen wir mal krudes - Libretto von Joseph Gregor, da Strauss die weitere Zusammenarbeit mit Stefan Zweig ja aufgrund des NS-Regimes nicht mehr möglich war.
Trotz einiger alltbekannter Manierismen (stumme Nebendarsteller, spielende Kinder, hohe Flure), die nahezu in all seinen Regiearbeiten vorzukommen scheinen, ist Claus Guth eine eindrucksvolle Inszenierung dieses absurd anmutenden Stoffs gelungen. Er erzählt die Geschichte als eine Geschichte eines Traumas: Die Tatsache, dass die beiden ihr nahestehenden Menschen sich gegenseitig nach dem Leben trachten und Leukippos sogar stirbt, steht in kompletten Widerspruch zu Daphnes liebendem Wesen, weshalb sie angesichts des traumatischen Morderlebnisses für immer verstummt, sich als Baum wähnt.
Musikalisch ist Daphne trotz eines gewaltigen Orchesters eher kammermusikalisch angelegt und sehr sparsam instrumentiert. Dabei fehlt der Oper die inspiratorische Dichte der sensationellen Strausschen Frühwerke, nichtdestrotz weist die Oper diverse sehr gelungene, wunderschöne Stellen auf, gerade in den Soloszenen der Daphne.
Diese wurde auch sängerisch geradezu herausragend interpretiert und zwar von Maria Bengtsson, einer jungen schwedischen Sopranistin. Mit einer perfekten Diktion, einem emphatischen Vortrag und einer wunderschönen Mittel- und ausdrucksstarken, niemals schrillen, Höhenlage ist ihr gestern eine Interpretation gelungen, die ich mir (als bekennender Nicht-Kenner des Werkes) nicht besser vorstellen kann. Im Vergleich waren die beiden Tenöre, Daniel Behle als Leukippos und Lance Ryan nicht so stark besetzt. Zwar waren sie ihren Rollen durchaus gewachsen, gerade Lance Ryan war aber immer wieder gezwungen, gerade bei lauten Orchesterpassagen auf forcierten Sprechgesang auszuweichen. Die Nebenrollen waren - wie so oft in Frankfurt - durchweg sehr stark besetzt, besonders Tanja Ariane Baumgartner gelang ein eindrucksvolles Rollenportrait als Mutter Gaea. Ich freue mich auf ihre Eboli im Mai.
Ingesamt ein sehr gelungener Opernabend! Kennt jemand eine gute Einspielung dieses Werks?
Rideamus (19.04.2010, 09:58): Original von Dulcamara Kennt jemand eine gute Einspielung dieses Werks?
Ich kenne nur eine, aber die ist optimal dank Karl Böhm, dem Uraufführungsdirigenten, vor allem aber dank der Idealbesetzung, aus der Fritz Wunderlich und Hilde Güden noch herausragen.
Hilde Güden gelingt (nicht nur) die Verwandlungsszene am Schluss geradezu märchenhaft. Die höre ich mir auch öfter an, während mich der Rest der Oper eher kalt lässt. Deswegen kenne ich auch nicht die Aufnahme mit Renée Fleming, obwohl ich mir die auch recht hörenswert vorstellen kann.
:hello Rideamus
Dulcamara (19.04.2010, 20:19): Danke für den Hinweis! Ist gleich mal auf meinem Wunschzettel gelandet. Renée Fleming ist nicht so mein Fall.
Am vergangenen Samstag kam in unserem Teo-Otto-Theater Jacques Offenbachs "Les contes d'Hoffmann" zur Aufführung, für mich war das seit Jahren die erste Gelegenheit, diese Oper, die für mich zu den schönsten überhaupt zählt, wieder einmal live zu erleben. Bisher mußte ich mich leider meist mit CD oder DVD zufrieden geben. Gespielt wurde die Fassung von Fritz Oeser aus den 70ger Jahren, in der die Rolle der Muse ja im Vergleich zur bis dahin gespielten Version eine beträchtliche und wunderbare musikalische Aufwertung erfährt. Gesungen wurde auf Deutsch mit teilweise neu übersetzen Texten, lediglich Olympia durfte ihr Chanson auf französisch singen, hat die paar Worte die sie davor und danach noch zu singen hatte aber ebenfalls auf Deutsch gesungen. Hier meine Eindrücke.
Es handelte sich um eine Co-Produktion des Theaters Solingen mit der Hochschule für Musi und Tanz in Köln. Diese Produktionen sind seit einigen Jahren immer wieder hier zu sehen, unter anderem mit "Eugen Onegin" und "Das schlaue Füchslein", beides m.E. sehr gelungene und poetische Aufführungen von für unsere Provinzverhältnisse erstaunlichem musikalischem Niveau. Der Regisseur Igor Folwill beginnt mit dem Auftritt der Muse, die den schlafenden Hoffmann betrachtet und sich während ihrer Arie, mit der die Oper hier beginnt, in Niklausse verwandelt. Die Szene verwandelt sich in Luther Weinkeller mit Auftritt Lindorff, Studenten etc. Als Hoffmanndie Bühne betritt, fällt sein erster Blick auf Lindorff und man sieht: er hat den Kaffee schon wieder auf und möchte am liebsten gleich wieder auf dem Absatz kehrt machen. Als er beginnt seine Geschichten zu erzählen ist die ganze Zeit klar, daß Hoffmann nicht von tatsächlichen Erlebnissen erzählt, sondern daß er, von Wein, Kummer und Melancholie berauscht, seiner Phantasie die Zügel schießen lässt und Geschichten erzählt, die in dem Moment enstehen in dem wir sie auf der Bühne sehen. Die ganze Zeit über sind am rechten und linken Bühnenrand die Tische aus Luthers Weinkeller zu sehen an denen Hoffmanns Zechkumpane sitzen, zu denen er sich zwischendurch immer wieder umdreht, ein Glas trinkt oder ihnen im Olympia-Bild Tanzschritte vorführt, die Olympia zeitgleich übernimmt. Hier ist Hoffmann nicht der arme Teufel dem all das eins zu eins wirklich passiert ist, hier ist ein ganz großer Erzähler, Poet und Menschenverzauberer am Werk, der sein Publikum in seinen Bann zieht und in seinen Erzählungen ein Ventil für seinen Kummer um Stella findet. Die Handlung spielt wage im 19. Jahrhundert, also nicht im modernen Kostüm. Es ist die Zeit vor der Erfindung des Grammophons, weshalb Spalanzanis Gäste die Schönheit und Bewegungsfähigkeit der Puppe Olympia bewundern und bestaunen, auf seine Ankündigung die Plastikdame werde gleich eine Arie singen aber mit schallendem Gelächter reagieren. So etwas ist ihnen unvorstellbar. Olympia selber ist optisch die modernste Gestalt des Abends: platinblonde kinnlange Haare, durchsichtiger, Reifrock und kleine leuchtende Glühbirnen am Kleid. Die Koloratursopranistin Elisabeth von Stritzky spielt eine sich etwas ungelenk bewegende, aber umso eindrucksvoller singende Puppe die, wenn ihr die Sicherungen durchdrehen, auch schon mal dazu neigt dem einen oder anderen an die Gurgel zu gehen. In diesem Akt liegt der Akzent der Inszenierung auf dem komischen Element, obwohl es mir immer das Herz zereißt zu sehen, wie Hoffmann glücklich und verliebt mit Olympia über die Bühne tanzt und nicht ahnt, daß er einen leblosen Automaten in den Armen hält.
Am Schluß des Bildes bleibt der Bühnenvorhang offen, während im Hintergrund ein schwarzer Vorhang fällt hinter dem die (deutlich hörbaren) Umbauarbeiten laufen, wir befinden uns wieder in Luthers Weinkeller, Hoffmann sammelt sich, ruft "Antonia!" und der schwarze Vorhang gibt Crespels Musikzimmer frei. Das Bühnenbild wird beherrscht von drei lebensgroßen Portraits die Antonias Mutter in Opernrollen zeigen. (Nach den Kostümen die sie trägt könnten es Donna Anna, Donna Elvira und Zerlina sein. Das würde zu E.T.A. Hoffmanns Mozartverehrung passen und zur Tatsache, daß man im Theater nebenan gerade "Don Giovanni" spielt). Antonia ( eine sehr jugendliche Hellen Cho) singt ihr Lied von der Taube. Der Regisseur verzichtet dankenswerterweise auf den langweiligen Ausweg, Antonias Gefährdung durch den Gesang mit einer schlichten Tuberkulose zu erklären. Die Ursache der Gefahr bleibt im dunkeln und am Ende ist es tatsächlich eher ein verströmen ihrer Seele als ein Herz- oder Lungenkollaps das ihr zum Verhängnis wird. Hoffmann wird Zeuge des Auftrittes von Doktor Mirakel. Das Terzett Mirakel-Hoffmann-Crespel ist trotz der extrem schwierigen Akustik unseres Theaters (noch dazu bei all den schallschluckenden Vorhängen auf der Bühne) wunderschön gelungen. Doktor Mirakel im weißen Arztkittel mit Doktortasche umkreist Crespel wie die Katze den Milchtopf und verströmt viel unheimliche Atmosphäre. Man kann Hoffmanns "Angst grauenvoll gelangt starr, eisig in die Seele!" nur aus tiefstem Herzen beipflichten. Im anschließenden Duett mit Antonia (Antonia betritt die Szenen in einem der Bühnenkostüme ihrer Mutter!) nimmt er ihr das Versprechen ab nie mehr zu singen und (und hier muß man wirklich den Text verstehen die wie gesagt z.T, neu übersetzt wurde) entsagt ebenfalls seinem Künstlertum. Ein bürgerliches Leben wollen sie führen, eine Ehe mit Kindern und Beamtenstellung des Gatten. Kein gemeinsames singen mehr, keine Musik, keine Poesie. Damit ist der Beziehung der beiden aber die Grundlage entzogen, und so wirkt der Abschied der beiden wie ein Abschied für immer, es ist eine tottraurige Szene. Im anschließenden Terzett Mirakel-Antonia-Stimme der Mutter sind nur Mirakel und Antonia auf der Bühne, man sieht Antonias Mutter nicht, ihr Bild leuchtet gespenstisch, ihre Stimme scheint von weither zu kommen. Als Antonia den Kampf und- und sich dem Singen ergibt, tritt sie ganz nah an den Bühnenrand, hinter ihr fällt ein roter Samtvorhang: der Bühnenvorhang eines Theaters und wir sehen eine Primadonna die sich in Exstase singt, und, von der Musik und dem Jubel des unsichtbaren Publikums (das wir sind) berauscht, sterbend zusammenbricht. Der rote Vorhang hebt sich, wir befinden uns wieder in Crespels Musikzimmer wo der verzweifelte Vater die Tochter findet.
Das Venedig-Bild spielt nicht zwangsläufig in Venedig, es ist nicht ganz klar, wo wir uns befinden. Ein paar fahrbare Sofas auf der Bühne, zwei riesige Lüster die von der Decke hängend wohl Sünde und Sinnenlust symbolisieren sollen. Wir sind in irgendeinem Puff irgendwo auf der Welt. Der Regisseur macht sich das Fragmentarische dieses Aktes m.E. auf überaus geschickte Weise zu Nutze: ich fand immer, daß das Venedig-Bild mehr eine lsoe Sammlung einzelner Szenen darstellt als eine wirkliche Handlung. Das nutzt diese Inszenierung: Hoffmann hat in Luthers Keller bereits mehrere Stunden erzählt und dabei mächtig gebechert, seine Phantasie und Imagination sind nach wie vor ungebrochen, seine Fähigkeit, die Bilder die in seinem Innern aufsteigen in einen nachvollziehbaren Zusammenhang zu bringen läßt allerdings merklich nach. Im Einführungsvortrag hat es der Regisseur mit den Worten "Der Venedig-Akt schwimmt und verschwimmt" bezeichnet, und ich finde dieses Bild sehr treffend. Regisseir Folwill hat die Spiegelarie in der Oper belassen, obwohl ja so langsam jeder weiß, daß sie eigentlich nicht dorthin gehört, aber ich für meinen Teil bin im sehr dankbar dafür: es ist ein wunderbares kleines Stück Musik, daß sehr gut in die Stimmung dieses Bildes passt, und irgendwann muß es ja mal aufgeführt werden wenn es nicht einfach nur Tinte auf einem Blatt Papier sein soll. Ich finde also, daß man mit der Tradition der Spiegelarie nicht brechen muß. Es fehlt jedoch das Sextett am Ende des Bildes, und auch wenn ich dieses Stück eigentlich sehr mag, kann ich das verstehen, immehin soll es ja nicht mal von Offenbach sein. Pittichnacchio ist hier ein halbnackter Sexsklave Giuliettas, der sich ständig vor ihr auf dem Boden wälzt, ihr die Stiefel leckt etc.was mir nach fünf Minuten gehörig auf den Sender ging. In dieser Gespenster-Oper gibt es gruseligeres als die sexuelle Hörigkeit zu einer Kurtisane. Aber gut, jeder Regisseur hat das Recht auf ein paar richtig blöde Ideen. :engel Seltsam fand ich auch, daß Schlemihl nachdem Hoffmann ihn getötet hat, plötzlich wieder aufgestanden ist und ihn ausgelacht hat. Das Tragische an diesem Akt ist m.E,.gerade die Tatsache, daß Hoffmann hier unmittelbar nachdem er sein Spiegelbild (seine Seele?) verloren hat, zum Mörder wird. Aber es kann auch ein Bild dafür gewesen sein, daß Hoffmann langsam in die Gegenwart zurückkehrt und alles ja eben doch "nur" Phantasie war. Musikalisch war dieser Akt am problematischsten, was aber offenbar wirklich an der schwierigen Akustik lag. Stellenweise hat man die Sänger in Reihe 13, wo ich saß, kaum gehört. Mein Mann hatte Gelegenheit nach der Vorstellung ein paar Worte mit dem Regisseur zu wechseln (gleiche Kneipe :beer), auf seinen Dank für die gelungene Inszenierung hat sich der Regisseur bitter über die schlechte Akustik beklagt. Es scheint also wirklich ein Problem zu sein, daß nicht nur mit den Sängern zu tun hat, die ja hier in der Provinz natürgemäß nicht zur der allerersten Liga gehören.
Das Nachspiel in Luther Keller endet mit dem Auftritt Stella, die der nun stockbesoffene Hoffmann zynisch beleidigt. Nach all den Geistergeschichten und der Tragik die im Zuschauer noch nachklingen, ist der Saufchor der Studenten kaum zu ertragen, und ich denke, so soll es auch sein. Die Oper endet wie sie begann: Hoffmann und die Muse, die jetzt wieder ihre wahre Geatalt angenommen hat, bleiben allein auf der Bühne zurück. Hoffmann berappelt sich aus seinem Suff, und während im Orchester noch einmal Olympias, Antonias und Giuliettas Motive erklingen beginnt er zu schreiben. Die Muse hat den Kampf um Hoffmanns Seele gewonnen.
Für mich war das ein sehr schöner und beeindruckender Opernabend, auch wenn es natürlich zwischendurch immer wieder Momente gegeben hat, in denen ich mich nach den ganz großen Stimmen gesehnt habe mit denen ich diese Oper zumindest via Konserve erleben durfte oder irgendwann hören möchte (Was wäre Bryn Terfel für ein Bösewicht! :down) Noch ein Wort zum Titelhelden: der Tenor Robert Chafin gehört vielleicht nicht zu den ganz großen seiner Zunft, hat mir aber sehr gefallen und hat dankenswerterweise der Versuchung widerstanden, die Akustik durch pures Brüllen "auszutricksen", wie ich es leider auch schon erlebt habe. Er war ein bewegender Dichter,dem man den romantischen Schwärmer, den begnadeten Geschichtenerzähler und den verbitterten Zyniker abnimmt. Die Bösewichte waren mit Aldo Tiziani stimmschön besetzt, aber auch er drang leider nicht in jeder Sekunde mit seiner Stimme über den Bühnenrand. Am leichtesten hatten es in dieser Hinsicht naturgemäß die Frauenstimmen, vor allem Olympia und Antonia. Luis Lay hat bei Franz' Couplet seinem Affen ordentlich Zucker gegeben und für große Heiterkeit im Publikum gesorgt. Alles in allem war "unsere" Aufführung sicher kein Weltklasse-Hoffmann, aber ein sehr schöner Theaterabend war es dennoch, und wieder einmal zeigt sich, daß sich der Zauber "Oper" auch entfalten kann wenn nicht die allererste Garnitur antritt, man muß nur bereit sein, sich darauf einzulassen, und den so geliebten Stimmen im Hinterkopf auch mal sagen "Jetzt halt einfach mal die Klappe!" :cool Ach und ehe ich es vergesse: der Chor (Theaterchor Solingen & Opernchor der Musikhochschule Kökln) war ganz hervorragend. Das habe ich auf Schallplatte wahrlich nicht immer so gut gehört!
Severina (27.04.2010, 16:16): Liebe Mina, das klingt nach einem bereichernden Opernerlebnis, das Dir da beschieden war! Und natürlich hast Du Recht, dass das nicht immer mit großen Namen verbunden sein muss, damit der Funke überspringt. Als Wienerin ist man halt ziemlich verwöhnt, was Besetzungen betrifft, und da fällt es dann nicht immer leicht, Abstriche zu machen. Aber wenn ein Ensemble mit Herz und Begeisterung bei der Sache ist (Bei den vielen kleinen Opernfestivals landauf, landab z.B.), gelingt es mir schon auch.
Das Regiekonzept, dass Hoffmann seinen Kumpels seine Fantasiegeschichten erzählt, erinnert mich an Harry Kupfers Inszenierung vor vielen Jahren an der Volksoper. Auch da waren die Studenten die ganze Zeit anwesend und reagierten auf die "erotischen Möchtegernabenteuer" ihres Saufkumpans. (Der Giuliettaakt spielte in einem Bordell!) lg Severina :hello
Solitaire (28.04.2010, 14:44): Hallo Severina! Ach, mir fällt es ja auch oft schwer, Abstriche zu machen, denn immerhin habe auch ich die Aufnahmen und Aufführungen im Ohr die ich via Konserve und in seltenen Fällen auch mal live erleben durfte und darf. Aber was soll man machen ... Eines zeigen mir solche Opernabende immer wieder: was eigentlich die Künstler leisten, die tatsächlich in der allerersten Liga singen. Eine Natalie Dessay an einem schlechten Abend, ein Villazón in einer veritablen Stimmkrise, ein Florez in einer Rolle die ihm nicht wirklich liegt (Ducca) etc. sind immer noch um Klassen besser als das meiste was ich hier je zu hören bekommen habe. Und doch geben „unsere“ Sänger in aller Regel ebenfalls alles und nehmen ihren Beruf nicht weniger ernst. Aber welch übermenschliche Leistungen die von uns allen auch gerne mal gescholtenen Herren und Damen Startenöre,-bässe,-soprane etc. immer wieder bringen wird mir drastisch klar, wenn ich unsere Sänger höre, die sich redlich bemühen und es dennoch niemals in ihre Reihen schaffen werden. :(
Fairy Queen (16.05.2010, 20:09): Ich möchte meiner Begeisterung über eine Don Giovanni Aufführung, deren Inszenierung zwar schon 15 Jahre alt ist,(1995 Preis für die beste Opernaufführung des Jahres) die aber nichts von ihrem Reiz und ihrer Überzeugungskraft verloren hat, teilen. Vor allem aber die Begeisterung für eine erstklassige Sängerriege, die man so sehr sehr lange auf den grössten Bühnen der Welt suchen muss. Ich habe diese Oper live noch nie so phantastisch gesungen gehört :down :down :down (CD-Aufnahmen sind natürlich etwas Anderes) und habe sie wohl an die 10 mal gesehen.
Musikalische Leitung: Jean-Claude Malgoire Inszenierung: Pierre Constant Don Giovanni Nicholas Rivencq Leporello: Laurent Naouri Donna Anna: Sandrine Piau Donna Elvira: Veronique Gens Don Ottavio: Donat Havar Zerlina: Ingrid Perruche Masetto: Christian Helmer La Grande Ecurie et la Chambre du Roy
Es handelt sich um eine HIP Version in einem ziemlich kleinen Haus, so dass die Rollen ohne Probleme mit lyrischen und sogar leichteren Stimmen (Sandrine Piau als Anna) besetzt werden können: Schönklang ist Trumpf. Der zweite Trumpf ist die in jeder Rolle überzeugende Schauspielkunst und 1:1 rollenidentische Besetzung. Eine solche Bühnenasthetik muss man ebenfalls lange suchen. Auch die Kostüme und das Bühnenbild schliesse ich da ausdrücklich ein.
Die Inszenierung respektiert den historischen Ort und die Handlungszeit, ohne darum aber grosses Aufhebens zu machen (keinerlei Ausstattungstheater): die spanische Halskrause des Commendatore und die Kapuzenmönche weisen dezent darauf hin. Es handelt sich in erster Linie um Personenregie und um einige recht deutliche erotische Einschläge, die dem Thema der Oper vollkommen gerecht und nie vulgâr werden. Alle drei Damen (Anna, Elvira und Zerlina) befinden sich mindestens einmal in horizontaler eindeutiger Position unter oder auf dem Don, die Szenen Masetto Zerlina sind- auch angescihts der beiden sehr attraktiven Sänger ebenfalls- serh verführerisch und die Ballszene finde ich besonders gelungen. Die drei Masken kommen mit strengem spanischem Look, schwarzen Mantillen etc in den Saal, der von Libertinage (viva la libertà) nur so strotzt. Der Chor, der das Volk darstellt und auch aus lauter attraktivem Jungvolk besteht, feiert eine Orgie mit Don Giovanni- Sex and Drugs and Rockn roll. Ein weiterer Regieeinfall in diese Richtung ist die Champgnerarie, in der Don Giovanni einen Weinpokal schwingt und am Ende vor seinen Unterleib hält und den Wein in die Gegend verspritzt. Die Gesten die er mit Leporello im Laufe der Oper austauscht, sind ebenfalls serh deftig, aber wie gesagt, nciht vulgär. Der Schluss ist spektakulâr : der Commandatore tritt nciht in personam auf, sondern man sieht eine leuchtend weisse Wand, aus der die Stimme kommt. Don Giovannis Höllenfahrt ist ein Stunt-Akt ersten Grades: er wird vom roten Vorhang, der sich zu einem Seil dreht erst eingerollt und dann in die Luft gezogen und schwebt dann frei über den Köpfen, sich wild windend, bis er schliesslich den Tod findet. Damit endet die Oper, das Schlussensemble ist weggelassen, was absolut stimmig ist.
Rivencq ist nciht mehr der Jüngste, aber noch sehr ansehnlich. auch stimmlich, es gab lediglich einige Ermûdungserscheinungen am Ende. Er gibt einen überzeugenden Lebemann ohne jedes Gewissen und ohne Herz, mit dem man keinerlei Mitleid hat, den man aber insgeheim bewundert. Leporello stiehlt ihm dabei trotz dieser tollen Leistung fast noch die Show, denn Laurent Naouri(Ehemann von Natalie Dessay) ist stimmlcih noch besser und auch als Bühnenfigur der Hit. Er könnte genausogut den Don machen und dadurch wird das ambivalente Verhältnis dieser beiden noch authentischer. Die Verwechslungspiele glaubt man hier jedenfalls sofort- auch die Statur der beiden Männer ist fast gleich. Sandrine Piau ist die zierlichste Donna Anna die mir je begegnet ist, sie wirkt wie ein halb erwachsenes Mädchen und die obsessive Vaterbindung wird damit vordergründig. Verführerisch ist an ihr zwar nichts, aber sie passt in die Kategorie der Registerarie "junge Anfängerin, von Don Giovanni besonders bevorzugt". Sie wirkt verletztlich und unreif und ist keine hysterische , unsympathische Donna Anna wie etwa Edda Moser. Stimmlich zieht sie sich viel besser aus der Affâre als ich fürchtete- das Barockorchester kommt ihr serh zugute udn so klingen auch die dramatischen Partien der Rolle nciht überanstrengt. Ihre grosse Arie "Crudele... non mi dir" ist sehr schön gelungen. Der Don Ottavio hat sich ansagen lassen, daher sage ich nur, dass man trotz Krankheit hôrt, wie schôn der Kern der Stimme und die Beweglichkeit ist. Laut Programm singt er viel in Deutschland, ich kannte ihn nicht. Ingrid Peluche ist eine typische Soubrette. Sehr attraktiv, rothaarig, sexy, beweglich und mit einer netten Stimme ausgestattet. Eine serh gute Zerlina- wobei ich die Tessitur der Rolle in der Barockversion etwas zu tief fûr sie fand, vor allen Dingen im Duett und den Ensembles. Ihr Spiel macht aber alles wett.
Masetto und der Commendatore haben serh gute Repertoireleistungen geliefert, dazu kann ich ncihts weiter sagen. Star des Abends war für mich neben Naouri Veronique Gens! :down :down Neben te Kanawa die elganteste, lyrischste und nobelste Elvira die ich je erlebt habe. Frei von Hysterie, schön an Stimme und Erscheinung, einfach toll! Sie bekam auch zu Recht den meisten Applaus.
Für mich abgesehen von der eher durchschnittlichen musikalischen Umsetzung durch Malgoire und sein Orchester (die aber in keinster Weise negativ auffiel, es gab ja Höhepunkte genug...) eine Live- Referenzaufführung ganz nach meinen Geschmack. Bravissimi! Am 7.9.11. Juni noch in Paris , Theatre des Champs Elysée zu erleben.
F.Q.
Severina (16.05.2010, 22:07): Liebe Fairy, klingt nach einem tollen Opernabend, besonders das Ende stelle ich mir wirklich spektakulär vor, das ist wenigstens einmal etwas völlig anderes.
Ich ziehe übrigens auch die Version ohne die "Moral von der Geschicht" vor, die mir immer ziemlich aufgesetzt erscheint und vor allem die ganze Stimmung kaputt macht - die Höllenfahrt ist für mich das logische Ende, deren Effekt (musikalisch und theatralisch) durch das Schlussextett irgendwie verniedlicht wird.
Laurent Naouri würde ich gerne einmal als Leporello (oder Don!!) erleben, der verfügt über das gewisse Etwas. Veronique Gens habe ich erst einmal live gehört, im "Tancredi", und da hatte sie leider nicht ihren besten Tag, was ja vorkommen kann.
Schön, dass der Dirigent dann doch nicht ganz so schlimm war! :wink
lg Sevi :hello
Fairy Queen (17.05.2010, 06:25): Liebe Sevi, ich hat das Ende auch shcon immer genervt udn ich habe lange geglaubt, Mozart habe das nur geschrieben um sich gegen die Moral seiner Zeit und die Zensur abzusichern. Gut ist nur, dass man dort erfährt, was aus den Donnas wird und dass der arme Ottavio wohl noch heute auf die Hochzeit wartet. Aber ich sehe das sosnt wie Du: nach der Höllenfahrt ist der dramatische Höhepunkt erreciht udn wenn der noc hso spektakulär wie gestern daherkommt, ist alles, was danach kommen kann nur noch überflüssig und zerstört die Dramaturgie.
Naouri war stimmlich wirklich top,in dem kleinen Haus wirkte sein sonorer Bass noch beeindruckender und seine schauspielkunst kennen wir ja zur Genüge aus Offenbach und Co (sein Jupiter zusammen mit Natalie Dessay in der Minkowski/Pelly Version Orpheus in der unterwelt ist unerreicht für mich). Veronique Gens hat mir auf ihrer letzten Cd mit den "tragediennes " auch nicht mehr sooo gut gefallen, aber gestern als Elvira war sie einfach Spitze! Ihre Arie "Mi tradi quell'alma ingrata" hat sogar Annas" Non mi dir" in den Schatten gestellt. Da ich der ansciht bin, dass Donna Elvira die einzige Figur ist, die wirklich etwas Tieferes empfindet (ausser Don ottavio, dem gestehe ich das auch gerne zu) mag ich gar nicht, wenn sie als hysterische Ziege rüberkommt oder eine hässliche Kreischstimme hat. Hier konnte man wirklich grosses Mitleid empfinden. Don Ottavio hat ihr auch einmal serh zärtlch die Hand geküsst und war nciht so ganz abgeneigt, seine pubertierende Anna gegen eine echte Dame einzutauschen. Und Leporello hat auch Geschmack an der Verkleidungsszene gefunden :D Ihre Stimme ist rund, warm und serh lyrisch, ohne dass ihr aber die dramatischen Koloraturspitzen der Rolle Probleme machen. Sie war wohl auch gut in Form gestern. Und dann : was für ein Bild von einer Frau! Hast du sie als Iphigenie in Wien gehört?
F.Q.
Solitaire (17.05.2010, 09:10): Hall Fairy! Vielen Dank für diese Schilderung. Ich muß zugeben, daß ich live noch nie einen Don Giovanni erleben durfte, der mich zu 100 Prozent überzeugt hätte, und selbst auf DVD habe ich meistens irgendwas zu meckern. :I Ich denke manchmal, diese Oper ist so perfekt komponiert, daß es fast unmöglich ist, sie ebenso perfekt auf die Bühne zu bringen. Die Szene mit dem Komtur im Finale habe ich ganz ähnlich einmal in Düsseldorf erlebt: da öffnete sich eine große Tür im Bühnenhintergrund, gleißend helles Licht fiel auf die Bühne und man hat nur die Stimme des Komturs gehört. Das war ziemlich genial und überaus gruselig. Ich kann mich nicht wirklich mit dem zweiten Finale anfreunden, mag es aber auch nicht, wenn es ausgelassen wird. Ich denke, ein Regisseur ist gut damit beraten, es mit leichter Ironie zu inszenieren, da es nunmal wirklich ziemlich moralinsauer ist, aber leider verwässert es für mich den Eindruck den die Höllenfahrt hinterlassen hat. Was mir daran gefällt: die Welt wirkt plötzlich, ohne den Don, so schrecklich grau, farblos und langweilig. Er mag ja ein Schuft, Womanizer und auch Mörder gewesen sein, aber er hat doch viel Farbe in das Leben aller Anwesenden gebracht, und es ist noch sehr die Frage, wie die mit sich und den anderen zurechtkommen, jetzt, wo der Lieblingsfeind plötzlich weg ist. Das ist für mich das eigentlich Tragische an dieser Oper, nicht die Höllenfahrt. Ich hatte immer den Eindruck, daß Giovanni nach gewissen „Eingewöhnungsschwierigkeiten“ auch in der Hölle zurechtkommen wird, um den muß man sich keine Sorgen machen. Aber die anderen...?
Fairy Queen (17.05.2010, 11:57): :D Liebe Solitaire, wenn Du mal Dantes Diivina Commedia ansiehst und das, was da in der Hölle auf solche Schufte wie den Don wartet, glaubst du kaum noch, dass da irgendjemand zurechtkommen wird :D Die wirklich verleibten Ehebrecher wie Francesaca da Rimini und Paolo Malatesta sind ja im zweiten Kreis noch ganz glimpflich weggekommen und haben Dantes volles Mitgefühl, aber ein Verrâter udn Betrüger wie Don Giovanni schmort sicher in einem der unteren Kresie udn da ist wahrlich Schluss mit lustig! Kopfüber in Fässern mit heissem Öl und was mit den Füssen oben passiert.... Nee, das ist keine Hölle à la Ofrenbach..... Da er partout nciht bereuen wollte, sind die ausscihten aufs Fegefeuer gegen Null. es sei denn Donna Elvira wird heiliggesprochen und seine Beatrice. Evtl rückt er dann ein paar Kreise nach oben. Aber ich seh da eher schwarz. Im Fegefeuer finden wir wahrscheinlich Leporello der bei gleissender Sonne ohne etwas zu trinken den ganzen Berg 1003(milletre)mal hochsteigen muss..... Bei Dante wird das ausgesprochen plastisch beschreiben und jeder bekommt genau das, was er verdient hat.
F.Q.
Zefira (17.05.2010, 13:55): Ich hatte immer den Eindruck, daß Giovanni nach gewissen „Eingewöhnungsschwierigkeiten“ auch in der Hölle zurechtkommen wird,
Ist vielleicht etwas OT, aber ich habe mal eine Aufführung des Don Giovanni gesehen (im Fernsehen, ich weiß nicht mehr aus welchem Opernhaus), in der während des Finales Don Giovanni hinter dem Rücken der Sänger noch mal auf die Bühne gefahren wurde. Die standen alle vorne an der Rampe und hinten fuhr D.G. auf einem Podest durch, auf dem er schon wieder die nächste Frau umarmte. Ehrlich gesagt hat mir das überhaupt nicht gefallen, hat es vielleicht noch jemand von euch gesehen? Ich kann mich auch an keinen der Sänger erinnern, weiß nur noch, dass D.G. extrem lange Haare hatte - er sah ein wenig aus wie Antonio Banderas in "Interview mit einem Vampir" :tongue:
Schönen Gruß von Zefira
Solitaire (17.05.2010, 16:42): Hallo Zefira! Das müßte die Aufführung mit Rodney Gilfry in Zürich gewesen sein, die habe ich auch gesehen. Seine Donna Elvira war damals Cecilia Bartoli, von der ich immer noch nicht weiß, ob das was sie da getrieben hat wirklich in Mozarts Sinn war :ignore Fasziniert hat sie mich dennoch. Allerdings nehme ich dieser Donna Elvira keine Sekunde ab, daß sie ins Kloster geht. Die heiratet irgendeinen armen Teufel, macht mit ihm 12 Kinder und ihm das Leben zur Hölle wenn er es wagt, eine Andere auch nur anzusehen :D In dieser Inszenierung sah man zum Schluß Don Giovanni in der Hölle in angeregtem Gespräch mit einer hübschen Teufelin. Ich muß sagen, ich fand's süß :J Aber Fairy hat recht: das war eher eine Offenbach-Hölle. Der Dante lag mal auf meinem Nachttisch, aber ich gebe zu, mehr als ein paar Blicke habe ich bisher nicht reingeworfen. Ich muß das ml lin Angriff nehmen.
Fairy Queen (18.05.2010, 17:45): Original von Solitaire Die heiratet irgendeinen armen Teufel, macht mit ihm 12 Kinder und ihm das Leben zur Hölle wenn er es wagt, eine Andere auch nur anzusehen :D
:rofl :rofl :rofl Du hast das Wichtigste vergessen: sie stopft ihn derartig mit köstlichster Pasta arrabbiata (doppelte Knoblauchmenge) und Tiramisu voll, dass der weder auf die idee kommt, eine andere anzusehen noch die andere ihn noch ansehen oder -riechen wird. In Bella Italia geht amore doppelt durch die cucina. Und Barrtoli kann mit Sicherheit super kochen.
Der Dante ist für Nicht-Italiener nur mit einer sehr guten und kommentierten Übersetzung wirklch zu geniessen -oder- und das fand ich genial!- als szenisches Hörbuch. Mit Musikuntermalung- das ist wie Oper und du zitterst vo nder ersten bis zur letzten Minute mit. ich war so fasziniert, dass ich das Ganze dreimal hintereinander durchghört habe. Und es ist nciht eben wenig..... :down :down :down
Bei Reclam kommt aber gerade eine offenbar sehr gut kommentierte neue Prosaübersetzung von Hartmut Köhler heraus. Bisher gibts nur die Hölle. einige bzhaupten ja, der Rest sei eh langweilig, diese Meinung teile ich aber nicht.
F.Q.
Severina (18.05.2010, 18:18): Original von Fairy Queen Original von Solitaire Die heiratet irgendeinen armen Teufel, macht mit ihm 12 Kinder und ihm das Leben zur Hölle wenn er es wagt, eine Andere auch nur anzusehen :D
:rofl :rofl :rofl Du hast das Wichtigste vergessen: sie stopft ihn derartig mit köstlichster Pasta arrabbiata (doppelte Knoblauchmenge) und Tiramisu voll, dass der weder auf die idee kommt, eine andere anzusehen noch die andere ihn noch ansehen oder -riechen wird. In Bella Italia geht amore doppelt durch die cucina. Und Barrtoli kann mit Sicherheit super kochen.
F.Q.
Das kann sie in der Tat, und auch mit ebensolcher Begeisterung darüber reden wie über die Malibran, wie ich von freunden weiß :D!!!
Und damit's nicht ganz OT ist: ich hoffe ja immer, die Donna Anna lässt sich nicht doch irgendwann von diesem Langweiler Ottavio einkochen - dann lieber das Kloster!!!!! :engel
lg Sevi :hello
Solitaire (19.05.2010, 11:00): Und damit's nicht ganz OT ist: ich hoffe ja immer, die Donna Anna lässt sich nicht doch irgendwann von diesem Langweiler Ottavio einkochen - dann lieber das Kloster!!!!! E.T.A. Hoffmann vermutet in seiner Novelle "Don Juan" ja, daß Donna Anna das Trauerjahr um ihren Vater nicht überleben wird. Da wäre sie dann zumindest der Entscheidung enthoben ob sie nun Don Ottavio heiraten und sich für den Rest ihres Lebens mit ihm langweilen soll oder nicht. Trotzdem: Mozart der alte Fuchs hat ihm schon zwei sehr, sehr schöne Arien in die Kehle geschrieben. Wenn Michael Schade "Dalla sua pace" singt bin ich verloren und ich denke mir wer das soooo singt, kann doch eigentlich kein Langweiler sein :down
@Fairy Bei Bartoli denke ich auch immer an Pasta und Rotwein. Kennst du den wunderbaren Film "Im Rausch der Tiefe" (Le grand bleu) von Luc Besson? Da spielt Jean Reno einen Supermacho der nur vor einem Angst hat: seiner Mama. Die rastet regelmäßig aus, wenn er "Spaghetti di Mare" woanders ißt als bei ihr. So wäre sie, Bartolis Donna Elvira :J
Der Dante als Hörbuch wäre nstürlich auch eine Möglichkeit. Eine Kollegin von mir ist Italienerin und hat's neulich mit der Origianlfassung versucht, hat aber aufgegeben. Dabie sagt sie, ein Italiener MUSS Dante gelesen haben, sowie ein Deutscher "Faust" und "Don Carlos" gelesen haben muß.
Fairy Queen (19.05.2010, 11:26): Ihr tut dem armen Ottavio Unrecht! Das ist doch ein Gentleman durch und durch und überhaupt der ideale Schwiegersohn. :engel So eine wie Donna Anna hat der gar nciht verdient, der wäre mit einer Bellini-Heldin oder mit Micaëla viel besser dran. Einer der so schön singen darf, muss wirklich auch gute Eigenschaften haben. Stellt eudh nur vor, wie rücksichtsvoll der ist! Er liest sicher jeden Wunsch von den Augen ab, ist treu wie Gold (auch wenn Donna Anna 360 abende im Jahr sagen sollte "mein Migräne, Liebling") und recih ist er auch noch. Ihr habt vielleciht Ansprüche! Wollt ihr lieber dauernd betrogen und verlassen werden und am ende im kloster landen? Nöö danke, dann doch viel lieber einen Don Ottavio- da weiss frau was sie hat und die Ohren werden auch gleich mitverwöhnt :engel :times10 F.Q.
Was den Dante angeht: das Hörbuch ist spannend wie ein Krimi und von den besten Schauspielern gesprochen. Engelsmusik und Gruselfaktor inclusive- kann ich nur jedem empfehlen. Wenn man dann erst mal weiss, was ienem für diverse Sünden im fegefeuer udn in der Hölle so alles blüht...... :A
Solitaire (19.05.2010, 11:48): Ja, das alte Dilemma: Vertrauen, Zuneigung und Tannenbaum mit Don Ottavio, oder Nervenzusammenbruch, Wutanfälle und heiße Nächte mit dem Don. :D Im Kino halte ich ja meistens zu den bösen Jungs: also Alan Rickmann und John Malkovich statt Bruce Willis oder Harrison Ford. Neben mir im Kinosessel möchte ich so jemanden aber nicht haben. :J
Aber jetzt mal im Ernst: Don Ottavio wird ja wirklich oft als etwas treudoof dargestellt und eigentlich wird man ihm damit nicht gerecht. Immerhin schwört er, Don Giovanni „als Richter und als Rächer“ zu verfolgen und zu strafen. Daß es nicht mehr dazu kommt liegt am Eingreifen einer höheren Macht. Ist er nun ein braver aber etwas langweiliger Junge der sein Bestes gibt sein Mädchen zu rächen, oder ein ernstzunehmender Gegner für Don Giovanni? Ich bin mir da immer noch nicht sicher. Im Übrigen: als Donna Anna mit Don Giovanni allein in ihrem Zimmer ist (als er sie überfällt/nötigt/zu verführen sucht, was immer da nun auch genau passieren mag) hält sie ihn znächst für ihren Verlobten, ein gewisses Feuer traut sie Don Ottavio also grundsätzlich durchaus zu. :cool
Fairy Queen (19.05.2010, 14:02): Genau! Wir sollten mal einen Thread aufmachen: Rehablitation missinterpretierter und verkannter Opernfiguren. Don Ottavio hat da bei mir ein warmes Plätzchen.
Nur: ob Anna Don Giovanni wirklich zuerst für Don Ottavio gehalten hat oder dass nur zu ihrer Rechtfertigung gesagt hat, ist noch die Frage..... Der gute Ottavio ist ja gar nciht erfreut über das, was er an Ehrverletzendem da zu hören bekommt und um seine berechtigten Zweifel zu zerstreuen...... er ist immerhin auch ein stolzer Spanier udn Edelmann F.Q..
Dulcamara (24.05.2010, 09:07): Gestern abend in der Oper Frankfurt: Billy Budd von Benjamin Britten.
Erst einmal positiv: die letzte Vorstellung im Rahmen der zweiten Vorstellungsreihe und dennoch war zumindest im Parkett kein Platz mehr frei. Toll für eine Oper von 1964! Ob's auch an Peter Mattei lag, der als Billy Budd angekündigt war? Er musste aber aus Krankheitsgründen absagen und wurde durch Christopher Maltman ersetzt, der selbst auch restlos zu überzeugen wusste. Aus einem sehr starken Ensemble ragten zudem John Daszak als Kapitän und Clive Bayley als Bösewicht John Claggart (habe mich den ganzen Abend gefragt, ob auch er Rehabilitierung im entsprechenden Thread verdient, denke aber eher nicht) heraus. Große Begeisterung für einen herausragenden Opernabend.
Daran hatte sicher auch die szenische Umsetzung ihren Anteil. Zwar wurde nicht unbedingt klar, wodurch die Oper durch die Verlegung der Handlung von einem Schiff in eine Kaserne gewinnt, aber Richard Jones ist es mit einer ins kleinste Detail überzeugenden Personenregie gelungen, die vielschichten inneren und äußeren Handlungskonflikte in all ihrer beklemmenden Tragik offenzulegen. Hoffentlich wird diese Inszenierung jetzt noch das ein oder andere Mal wiederbelebt!
Solitaire (20.06.2010, 20:11): Nicht "Gestern in der Oper" aber "Gestern in der Glotze". Ich empfange hier aus irgendwelchen Gründen France TV 5 (und bin sehr froh darüber). Gestern Abend habe ich zufällig in den letzten Traviata-Akt gezappt. Es war eine Open-air-Afführung (was für eine Schnappsidee, diese Oper Open-Air zu spielen :( ) aus Orange. Die Tonqualität war leider miserabel, die Inszenierung soweit ich sie mitbekommen habe belanglos. Also genug Gründe, abzuschalten. Aber dann habe ich gesehen, daß Patrizia Ciofi die Titelrolle gesungen hat, und bin dabei geblieben, denn ich liebe sie sehr. Warum ich das hier erwähne: Vittorio Grigolo, der Alfredo, der mir schon in der unsäglichen Bahnhofs-Traviata gefallen hat und der mich zwar nicht ganz so umhaut wie ein Villazón in Hochform, der mir aber gerade bei "Parigi o cara" sehr gut gefallen hat. Was denn sagen unsere Stimmenexperten dazu? Klick
Mime (21.06.2010, 11:55): Salute Solitaire!
Ohne mir den Titel "Stimmexperte" anmassen zu wollen, hat mir deine ausgewählte Traviata-Szene recht gut gefallen. Grigolos Alfredo klingt sehr authentisch, bei Ciofi hätte ich mir eine Spur mehr Dramatik und hinsiechende Erotik gewünscht. Und warum muss sie beim Singen so sehr den Mund verziehen? Darstellerisch hat es die Netrebko einfach besser drauf.
Übrigens gibt es den Clip bei Youtube auch mit lebenden Bildern. Dabei gerate ich immer in gefahr, die anderen verfügbaren Interpretationen gleich dranzuhängen, was mitunter sehr zeitraubend sein kann, doch ungeheuer viele Eindrücke hinterlässt.
:hello
Severina (21.06.2010, 12:25): Original von Solitaire
Warum ich das hier erwähne: Vittorio Grigolo, der Alfredo, der mir schon in der unsäglichen Bahnhofs-Traviata gefallen hat und der mich zwar nicht ganz so umhaut wie ein Villazón in Hochform, der mir aber gerade bei "Parigi o cara" sehr gut gefallen hat. Was denn sagen unsere Stimmenexperten dazu?Klick
Liebe Mina,
ich habe Grigolo noch nie live gehört, aber er singt sehr viel in Zürich, und zwar mit sehr unterschiedlichem Ergebnis. Wenn ich das, was meine Freunde über ihn erzählen, als Wordrap zusammenfasse: Ziemlich durchgeknallter Typ, schönes Timbre, gute Anlagen, aber fragwürdige Technik, wird's nicht lange machen, wenn er nicht seeehr an sich arbeitet. Allerdings hat er jetzt einen Exclusivvertrag mit Sony und soll wohl als neuer Tenorstar aufgebaut werden. Was wohl gelingen dürfte, denn er enspricht ganz den Marktanforderungen: Niedliches Kerlchen + Bühnenpräsenz + Temperament + schöne Stimme, die wahrscheinlich nicht lange halten wird, aber das interessiert die CD-Produzenten nur wenig, die in unserer kurzlebigen Zeit gar keine Dauerbrenner wie einen Domingo wollen, denn mit immer neuen "Stars", die immer dieselben Sachen einspielen, kann man viel mehr Kohle machen.
lg Sevi :hello
Fairy Queen (21.06.2010, 12:33): Liebe Solitaire ich habe es auch eben zum ersten Mal gehört und fidne das stimmlcih wunderschön. Natürlcih eine relativ "lecihte" Besetzung aber wenn man das liebt und wenn die Ciofi den zweiten Akt durchgestanden hat. Ich habe sie live als Bellini Giulitetta (Capuleti e Montecchi) erlebt udn finde die Frau auch darstellerisch umwerfend gut. :down Mir gefällt im Gegensatz zu Dir, lieber Mime, Anna Netrebko keinesfalls besser in der Rolle- sie ist eine ganz andere Verkörperung der Figur, die natürlich auch ihre volle Berechtigung als eine mögliche interpretation der Violetta hat. Ciofi ist aber viel mehr die femme fragile der Romantik eines Alexandre Duma: im wahren Wortsinne schwind-süchtig. Dass sie ieine Volblutschauspielerin ist, habe ich wie gesagt live erlebt. Besonders positiv erstaunt hat mich der Tenor! Wieso ist der nicht viel bekannter? Ein echter Wonne-Alfredo für meinen Geschmack! Ich fidne ciofi allemal glaubwürdiger als Christine Schâfer, die zwar technisch phantastisch gesungen hat, aber deren Stimme und Ausstrahlung mir in dieser Rolle ûberhaupt nciht zusagen. Chacun à son goût..... Und ausserdem geht sowieso ncihts über Ileana Cortubas :down
Liebe Sevi, wir haben uns gekreuzt, danke fûr die Auskunft über Grigolo: das klingt ja wie einer der italiensichen Fussballstars, die es auch nciht lange bringen und schnell vom Geschâft korrumpiert. werden.. :D. von den franzosen mal ganz zu schweigen.... :S..
Solitaire (21.06.2010, 14:49): Ich danke euch allen für eure Eindrücke! Warum lande ich immer wieder bei Tenören, die offenbar auf der Überholspur singen und also gefährdet sind??? Egal, er hat mir jedenfalls im letzen Akt gut gefallen, wie er sich in der ganzen Oper gemacht hat, kann ich ja leider nicht sagen, werde aber nochmal bei Youtube stöbern. In der Bahnofs-Traviata war er jedenfalls so gut wie es m.E. in dieser schwierigen Situation möglich war. Severnina, danke auch für den Wordrap! :) Das kommt einem ja irgendwie bekannt vor... :I
Was Ciofi als Violetta angeht werde ich mir ausnahmsweise erlauben, mich selbst zu zitieren und im Traviata-Thread eine DVD vorstellen, die ich vor eniger Zeit erworben und zu der ich auch bei Capriccio etwas geschrieben habe. Der Einfachhiet halber kopiere ich das einfach, ich hoffe, das ist okay. Hier nur soviel: es mag Sängerinnen mit "runderen" Stimmen geben, aber ich finde sie gerade für Rollen wie Violetta, Lucia, denn ich stimme Fairy zu: das sind zerbrechliche Frauen, die Ciofi stimmlich und optisch glaubhaft machen kann. Das ändert nichts daran, daß mich Netrebko als Violetta in Salzburg sehr beeindruckt hat, aber das lag auch an der hervorragenden Inszenierung, die die unbestrittenen Stärken dieser Sängerin zu nutzen wußte. Im Übrigen mag ich es sehr, wenn Violetta mit einer leichteren Stimme besetzt wird, sofern die Sängrin ihr im Großen und Ganten gewachsen ist,denn immerhin ist Violetta mit ihren 23 Jahren eine sehr junge Frau.
Solitaire (19.07.2010, 22:58): BSO "Le nozze di Figaro" 19.7.2010
Graf Almaviva Mariusz Kwiecien Gräfin Barbara Frittoli Cherubino Anna Bonitatibus Figaro Ildebrando D'Arcangelo Susanna Camilla Tilling Bartolo Donato DiStefano Marcellina Heike Grötzinger Barbarina Evgeniya Sotnikova Bayerisches Staatsorchester Chor der BSO Juraj Valcuha Inszenierung: Dieter Dorn Bühne & Kostüme: Jürgen Rose
Mit Beginn der Ouvertüre öffnet sich der rote Samtvorhang und wir blicken auf einen bemalten Bühnenprospekt, der das Innere eines Rokokoschlosses zeigt. Während der Ouvertüre gibt es keine Bühnenaktion, die heute so beliebte illustrierte Ouvertüre fällt aus, was mir gut gefallen hat, denn nur selten gelingt so etwas so gut wie beim Londoner Figaro, der hier ja ausführlich diskutiert wurde. Als sich der Prospekt zum Beginn des ersten Aktes hebt, sehen wir einige wenige Möbel in einem blendend hellen Raum: ein Bett, einen Lehnstuhl, ein paar Matratzen sowie drei Türen. Die Bühne ist in weiß und blau gehalten, was während der ganzen Oper so bleiben wird. Alle Innenräume sind durch sparsame Dekoration angedeutet: ein Sofa, ein Tisch, ein paar Stühle im Zimmer der Gräfin, eine Reihe von Stühlen während der Gerichtsszene etc. Dabei fällt immer wieder das Grellweiß der Wände in die Augen, das zunächst aber noch nicht wirklich stört. Die Kostüme sind historisch, Graf und Gräfin kleiden sich an diesem tollen Tag, den Gepflogenheiten ihrer Zeit folgend, mehrfach um. Die Inszenierung versucht nicht, das Rad neu zu erfinden, Personen und Beziehungsgeflecht werden nicht neu gedeutet, und bis auf eine (allerdings atemberaubende!) Ausnahme, auf die ich später kommen werde, gibt es nichts, was uns dazu bringen könnte, einen Charakter in einem neuen Licht zu sehen. Ich denke, es handelt sich um eine Inszenierung, die auch mit Sängern wirkt, denen das Spielen nicht unbedingt im Blut liegt, die aber ungeheuer gewinnt, wenn wirkliche Sängerdarsteller am Werk sind. Was Witz, Esprit und Komik angeht kann sie sich allerdings nicht in Ansätzen mit dem Londoner Figaro messen. Darstellerisch haben mir Ildebrando D'Arcangelo als Figaro und Mariusz Kwiecien als Almaviva am besten gefallen. D'Arcangelo ist ein Figaro, der nicht nur gewitzt und gerissen ist, sondern sich offenbar auch immer wieder selber zu seiner Genialität beglückwünschen möchte und nicht weniger von sich überzeugt ist als sein Brotgeber, und bei Gelegenheit wie ein Pfau über die Bühne stolziert. Mariusz Kwiecien ist optisch ein durchaus attraktiver, verführerischer Almaviva, und man kann Susanna nur dazu gratulieren, von zwei so feschen Mannsbildern umworben zu werden... Barbara Frittolis Gräfin ist eine sehr traurige aber würdevolle Frau, die vor Beginn von "Porgi amor" ihre Zofe aus dem Zimmer weist, da sie nicht vor ihren Augen zusammenbrechen will. Im Großen und Ganzen ist aber über die Inszenierung nicht viel zu sagen, wie gesagt, sie ist weit entfernt davon schlecht zu sein, hat aber auch keine zündenden neuen Ideen. Wenn man allerdings bedenkt, auf welche Ideen Regisseure heutzutage so kommen ist das nicht unbedingt ein Fehler. Aufgebrochen wird dieser traditionelle Figaro ein bißchen in der Gartenszene: kein Pinienhain um Mitternacht, keine lauschigen Büsche zum Verstecken, lauschen, kosen und was immer sie da so treiben. Statt nächtlicher Dunkelheit, die das Verwirrspiel halbwegs glaubhaft macht, gleißende Helligkeit: die gleichen Grellweißen Wände mit den drei Türen wie in den früheren Bildern, aber ohne Möbel, und jetzt stört sie, die Helligkeit. Als Versteck dienen am Boden liegende weiße Tücher unter die das Bühnenpersonal kriecht und in die es sich hüllt, wenn es gilt, sich vor unerwünschten Blicken zu verbergen.Schon klar, wir haben es begriffen: ob tintenschwarze Nacht oder gleißendes Licht, beides verhindert den klaren Blick auf Menschen und Situationen. Nur daß die Dunkelheit poetischer ist, und so ein bißchen Poesie gehört nunmal zur schönsten Szene dieser schönsten aller Opern. Einen ganz großen Theatermoment gibt es dann aber doch in dieser Aufführung, einen Moment, von dem ich nicht weiß, was Mozart oder DaPonte zu ihm gesagt hätten, der mir aber fast den Atem geraubt hätte: als Susanna ihre Rosenarie singt, tritt Figaro, von ihr unbemerkt, in den Türrahmen hinter ihrem Rücken. Erst tief getroffen, dann zu Tode erschöpft lauscht er ihrem, scheinbar an einen anderen gerichteten, Liebesgeständnis. Während Susanna vom Mond, von Rosen und Liebesglück singt, tritt Figaro hinter sie: eines der "Verstecktücher" in den Händen, Entschlossenheit im Blick. Bei einem anderen Sänger könnte die Szene immer noch amüsant wirken, D'Arcangelo aber läßt keinen Zweifel: hier steht jemand, der zum Mord fähig ist, es fehlt nicht viel, und alles könnte in einer furchtbaren Tragödie enden. Ein Moment, bei dem man nicht zu atmen wagt. Aber, und hier trifft der viel strapazierte Satz, die Liebe siegt. Figaro ist eben doch nicht fähig zum Mord an Susanna und läßt sie weiter singen von der Liebe von der er glaubt, sie gälte einem anderen. Für mich war diese Szene der darstellerische Höhepunkt der Inszenierung, der einzige Nachteil: D'Arcangelo, mit seiner ungeheuren Bühnenpräsenz und seinem sprechenden Mienenspiel lenkt fast zu sehr von Susanna ab, deren große Szene das doch ist und die doch so wunderschön singt. Aber am Ende wird alles gut, die Reue des Grafen klingt aufrichtig und ist es in dem Moment wohl auch, dennoch: während des überirdischen Finales umschleichen sich diverse Personen wie die Katzen den Milchtopf. Cherubino klaut (mal wieder) ein Band der Gräfin, die das sehr wohl bemerkt. Selbst jetzt, in diesem Augenblick im Paradies, kommen das gräfliche Paar und seine Dienerschaft nicht wirklich zur Ruhe.Mich hat das ehrlich gesagt gestört. Alles in allem eine eher traditionelle Inszenierung die man sich sehr gut ansehen kann, in der es immer wieder etwas zu lachen gibt, der aber für meinen Geschmack am Ende etwas mehr Poesie nicht geschadet hätte.
Was nun das Musikalische angeht, so muß ich gestehen, daß ich es nicht gewohnt bin, Sänger von dieser Qualität live zu erleben. Allein die Erfahrung, das jeder Sänger mit seiner Stimme mühelos über die Rampe kommt ist ein Genuß, der mir nicht oft zuteil wird, denn die Akustik in unserem Theater ist dermaßen problematisch, daß selbst größere Sänger als die die ich normalerweise zu hören kriege Probleme haben dürften. In der Bahn nach der Oper habe ich jemanden etwas von "normale Repertoirevorstellung mit zwei Stars" murmeln hören. Nun, wenn das normales Standardniveau ist: glückliche Münchner! Herausragend an diesem Abend waren für mich allerdings tatsächlich D'Arcangelo und Kwiecien. Ich war gespannt, wie D'Arcangelo singt, denn sein Escamillo hat mir nicht gefallen, und es gab in letzter Zeit ab und zu auch Absagen von ihm. Aber Mozart scheint ihm wohl um Längen mehr zu liegen als Bizet, denn er war wirklich wunderbar und hat außerdem jenen Hauch Selbstironie aufblitzen lassen, den ich bei seinem toternst gemeinten Escamillo so schmerzlich vermisst habe. Für mich hat dieser Sänger eine der schönsten Stimmen unserer Zeit, stimmlich ist er dem (darstellerisch grandiosen!) Erwin Schrott weit überlegen. Mariusz Kwiecien habe ich zum erstenmal als Enrico Ashton in der Opernübertragung aus der MET gehört, und er hat mir schon damals sehr gefallen. Neben dem gut singenden aber kreuzbraven Piotr Beczala als Edgardo war er stimmlich und darstellerisch DER Lichtblick dieser Aufführung (denn ich goutiere Netrebko als Lucia nicht unbedingt). Hier nun hat er mir noch besser gefallen, von ihm werden wir hoffentlich noch viel hören und ich hoffe, ihn eines Tages als Onegin hören zu können, der laut Interview zu seinen Lieblingsrollen gehört. Camilla Tilling (Susanna) und Anna Bonitatibus (Cherubino) haben mir von der Damenriege am besten gefallen. Tilling hat eine sehr schöne, jugendliche Stimme und Bonitatibus hat einen etwas verhaltenen, aber sehr innigen Cherubino gesungen. Besonders eindrucksvoll: die kleine hektische Szene zwischen Cherubino und Susanna im zweiten Bild als Graf und Gräfin das Zimmer verlassen haben um ein Brecheisen zwecks Öffnung des Kabinetts zu besorgen. Atemlos, gehetzt und leise beratschlagen sie was zu tun sein. Ich fand das überaus gut gesungen. Cherubino springt übrigens nicht aus dem Fenster sondern in den Orchestergraben. Barbara Fritolli kann als Gräfin m.E. nicht ganz mit Dorothea Röschmann oder gar Lisa DellaCasa mithalten, ist aber dennoch die beste Gräfin die ich bisher live erlebt habe (wie gesagt: Provinz...) Heike Grötzinger (Marcellina) wirkte weit weniger lächerlich als das bei dieser Rolle üblicherweise der Fall ist, und war attraktiv und jung genug, daß die Idee einer Ehe mit Figaro nicht völlig absurd wirkt. Gesungen hat sie gut, wenn auch manchmal etwas spitz in den Höhen. Ihre große Arie in der Gartenszene wurde ebenso gestrichen wie die Arie von der Eselshaut. Evgeniya Sotnikova war eine hübsche junge Barbarina mit sehr schöner Stimme. Allerdings bestand hier keinerlei Zweifel, daß es in "L'ho perduta, me meschina...." wirklich nur um die Nadel ging. Über das "Geheimnis um die Nadel und die Unschuld" wie Fairy es so schön formuliert hat, mußte sich an diesem Abend niemand Gedanken machen, denn es gab keines. Noch so ein verpasster Moment der Poesie... Zum Schluß sei noch Alfred Kuhn, in Ehren ergrautes Ensemblemitglied der BSO erwähnt: er hat einen sehr witzigen, wutschnaubenden Antonio gegeben und am Ende einen überaus herzlichen Beifall eingeheimst. Ich denke nicht, daß ich diese Aufführung auf DVD kaufen würde wenn es sie mal geben sollte,aber ich bin sehr froh, sie im Theater erlebt zu haben.
Im Übrigen ist München eine tolle Stadt, in der ich wenn es nach mir geht nicht zum letztenmal war, und die mir (soweit ich das nach den paar Tagen beurteilen kann) mehr liegt, als z.B. das obercoole Berlin :cool
Severina (20.07.2010, 00:55): Liebe Mina, schön, dass Du wieder da bist, und dann gleich mit einem so interessanten Bericht von der "Nozze"! Ich kann mir alles so richtig gut vorstellen, und da ich einige der Sänger schon öfter gehört habe, auch akustisch nachvollziehen. D'Arcangelo ziehe ich jederzeit dem Herrn Schrott vor, er hat die wesentlich schönere Stimme und singt auch exakter. Was beiden gemeinsam ist - ein gewisser Hang zur eitlen Selbstbespiegelung ("Hach, was bin ich schön!")
lg Sevi :hello
PS: Jetzt brenne ich aber auf einen anderen Bericht!!! :D Deine Liebe zu München teile ich auch, ich war früher oft dort, um opernmäßig fremdzugehen :wink
Solitaire (20.07.2010, 09:28): Hallo Severina! Ach ja, auf einen anderen Bericht brenne ich auch. Aber ich fürchte, den wird jemand anders liefern müssen, denn ich bin ja schon wieder in Remscheid. Ich hoffe so sehr, daß er's packt... :I
Severina (20.07.2010, 10:09): Liebe Mina, da habe ich mich glatt um eine Woche geirrt, ich dachte, unser amico hätte schon seine Nemorinos geträllert! Und warum bist Du nicht eine Woche später nach München gefahren, da hättest Du caro Rolando LIVE erleben können?????? Dann müssen wir weiter bangen und hoffen, vor allem darauf, dass ein Münchner Opernfan genau Bericht erstattet!
lg Sevi :hello
Solitaire (20.07.2010, 10:51): Original von Severina Und warum bist Du nicht eine Woche später nach München gefahren, da hättest Du caro Rolando LIVE erleben können??????
Naja, um es mit den Worten eines Bekannten zu sagen: "Erst kommt Mozart, dann lange nix und dann der Rest..." :D Ich habe tatsächlich lange überlegt, Karten für "Elisir" zu besorgen, aber ich wäre nur wegen RV hingefahren. Musikalisch hat mich Mozart viel mehr gereizt, also habe ich mich für ihn entschieden. Ich weiß, ich bin ein ganz schlechter Fan. Sorry Rolando, aber gegen Wolfgang Amadé den kürzeren zu ziehen ist keine Schande :cool Ich hoffe aber auch, daß irgendjemand aus München berichten wird...
Severina (20.07.2010, 11:03): Liebe Mina,
alles klar, das ist eine ehrenwerte Einstellung! (Und die eines wahren Opernfans!) Schade halt, dass Du nicht beides haben konntest, aber das klappt leider nur selten. Ich hätte auch bei meinem Zürichtrip im Mai zu gerne noch die "Rusalka" mitgenommen, aber die ging erst zwei Tage später über die Bühne, und meine Neugier auf Schrekers "Fernen Klang" in Kombination mit Rolandos Alfredo war halt größer. lg Sevi :hello
Fairy Queen (20.07.2010, 12:21): Liebe Mina, danke für den serh anschaulichen Bericht aus der Münchner oper. wo habt ihr denn gesessen? Ich war ja auch erst einmal dort und zwar ganz oben auf der Galerie. die Akustik ist dort superb, allerdings hatte ich zeitweise etwas Schwindelgefühle und leichte Höhenangst- man kommt sich doch arg weit oben vor. Mir gign es lange Jahre wie dir und ich war nur "Provinz-Sänger" gewohnt. wenn man dann mal echte Weltklasse geboten bekommt, ist das schon sehr beeindruckend. Nicht Jeder hat ja solches Riesenglück wie unsere Severina in Wien, die sich in Sachen Sänger wohl die grösste Feinschmeckerin nennen kann. Ich bin kein grosser Fan von Frittoli,(als Micaëla fand ich sie z.B. diese Saison an der Met total fehlbesetzt) aber die Herren deiner Münchner Riege finde ich auch toll! Und Camilla Tilling hat sich in lille als Oratorien-Sopran recht positiv hervorgetan. Die Szene mit dem Figaro kurz vor dem Otello-Reflex fidne ich toll- ja für solche Ideen lohnt sich dann doch jede neue Aufführung, auch wenn es sosnt eher Normalmass ist. Seit meine Tochter in München lebt, finde ich die stadt übrigens auch klasse- insbesodnere auch das Umland und die sehr sehr hohe Lebensqualität. Einziger Nachteil: von hier aus eine halbe Weltreise, besonders für Leute, die kein Flugzeug benutzen wollen, so wie ich. Liebe Grüsse von Fairy, die deinen wunderbaren Londoner Figaro nun wieder auf die Rückreise schicken wird.
Ingrid (20.07.2010, 18:29): Original von Severina Und warum bist Du nicht eine Woche später nach München gefahren, da hättest Du caro Rolando LIVE erleben können?????? Dann müssen wir weiter bangen und hoffen, vor allem darauf, dass ein Münchner Opernfan genau Bericht erstattet!
lg Sevi :hello
Liebe Severina,
leider nicht :I :I :I
Zumindest ich nicht, denn ich habe gestern, in sträflichem Leichtsinn, meine Karte für die nächste Woche gegen eine für morgen eingetauscht und nun hat Rolando offensichtlich Magenprobleme und abgesagt. Breslik springt ein. Seit dieser Nachricht bin ich auch krank und sehr :( Wenn er jetzt nächste Woche singt, was ich ihm ja sehr wünsche, dann beiß ich mich, trotz gestrigem Rippenbruch, in ein bestimmtes Teil. Bin natürlich trotzdem zur Tosca gegangen. Mußte doch wissen, ob die Hitze wieder Zwangshandlungen hervorruft :wink. Die waren tatsächlich nicht mehr ganz so heftig :D
:hello Ingrid
Severina (20.07.2010, 23:34): Oh nein, dann geht es also wieder los mit den Absagen :I ! Fast habe ich es befürchtet nach den beiden Alfredos in Zürich. Ich wünsche mir sehr, dass es wirklich nur Magenprobleme sind......
Und was ist mit Dir? Gebrochene Rippe? :B Wie ist denn das passiert? Dann wünsche ich Dir baldige Besserung, und uns allen natürlich einen topfitten Rolando nächste Woche.
lg Sevi :hello
Ingrid (21.07.2010, 00:21): Liebe Severina,
auf Rolandos Homepage ist nur noch der 27.7. für die BSO reserviert. Eigentlich waren ja 3 Vorstellungen vorgesehen. Und für diesen 27. hätte ich eigentlich die Karte gehabt :I
Na ja und das mit der Rippe wäre wahrscheinlich reif für gewisse Sendungen gewesen. Ein riesiger Rosenbusch hatte sich durch einen Gewitterguss zu stark zur Seite gelegt und ich wollte ihn wieder hochbinden. Der Stock brach und ich landete in den Rosen und mein Ellenbogen in den Rippen. Es knackte recht gespenstisch. Auf jeden Fall war es am Abend nicht so einfach etwa zu finden, was für Hitze im Opernhaus und Verhüllung von Kopf bis Fuß tauglich war. Sehe ungefähr so aus, als wäre ich einer kleinen Raubkatze zum Opfer gefallen :(
:hello Ingrid
Solitaire (21.07.2010, 12:19): Ihr Lieben! Was sind denn das für schlechte Nachrichten? Rolando krank, Ingrid verletzt.Kaum ist man mal eine Woche nicht da geht ihr alle über Tisch und Bänke! :wink Ingrid, dir gute Besserung, mein Schatz hatte letztes Jahr zwei Rippen gebrochen und das hat fies wehgetan, ist aber schneller verheilt als wir zunächst gedacht hätten. Meinereiner ist auch malade: bin gestern aus einem Autio gestiegen, die Fahrerin ist aber zu früh wieder angefahren :I Das hätte GANZ übel enden können, aber ich hatte Glück und habe nur eine große Schürfwunde am Knie und muß es in den nächsten Tagen ewtas ruhig angehen und morgen zum Verbandwechsel. Tut auch fies weh... Und jetzt Rolando...ich weiß gar nicht mehr, was ich dazu noch sagen soll. Der Mann ist wahrlich vom Pech verfolgt und ich denke, diese Absage ist gar nicht gut. Jeder kann sich einen Darmvirus einfangen, nur ist es eben nicht jeder sondern mal wieder Herr Villazón...ich hoffe einfach nur noch, daß diese Pleiten-Pech-und-Pannen-Serie irgendwann ein Ende findet und zwar ein glückliches. Für Ingrid tut es mir sehr, sehr leid!!!
Hallo Fairy! Wir haben im Parkett in der 11. Reihe gesessen, hatten also ziemlich gute Plätze. Aber danke für den Hinweis zur Akustik auf der Galerie! Ich habe nämlich vor, wieder mal nach München zu fahren und möchte dann wieder in die Oper. Da ist es gut zu wissen, daß man auch billigere Plätze buchen kann und trotzdem gtu hört, denn die Karten waren sündhaft teuer. So was kann ich mir wirklich nicht immer leisten. Schwindelfrei bin ich so halbwegs, von daher hoffe ich, daß mir die Höhe kein Problem machen wird. Ja die Szene mit dem "Otello-Reflex" war sehr beeindruckend. Plötzlich wurde klar, daß Figaro nicht nur der lustige, gerissene Kerl ist, sondern auch ein zutiefst verletzter, enttäuschter Mann (noch dazu ein Spanier! :cool) und D'Arcangelo hatte in diesem Moment eine physische Präsenz, daß es einen gruseln konnte. Das kam umso heftiger, als seine Arie "Aprite un po' quegli occhi..." ja noch eine gewisse Komik hat. Davon war hier nun wahrlich keine Rede mehr...
OT An Ich fliege übrigens auch nicht übermäßig gern und habe es bisher erst einmal gemacht (nach Paris mit zwei Feundinnen weil das schändlicherweise billiger war als der Zug). Ehrlich gesagt: ich brauche das nicht unbedingt. Es ist nunmal exrem umweltschädlich und tut bei Strecken die man auch in der Bahn zurücklegen kann wirklich nicht Not. Ich fahre furchtbar gerne Eisenbahn und mag es, wenn ich aus dem Fenster schauen und sehen kann wie sich die Landschaft langsam verändert. Dazu Musik hören und ich bin glücklich, ich ziehe das jedem Flug oder dem Streß im Auto vor. Ich habe in der Bahn mit Klavierauszug und mp3-player das Requiem von Fauré gelernt. Im September fangen die Proben an, und jetzt hatte ich endlich mal Zeit mich länger damit zu befassen. Also: für mich den Zug bitte. OT Ende :)
Severina (21.07.2010, 12:47): Liebe Mina,
Du Ärmste, erst Ingrid, dann Du - wir wollen doch hier keinen Krankenthread aufmachen. Baldige Besserung Euch Unglücksraben! Das mit Rolando ist wirklich verflixt blöde, wobei ich ja inständig hoffe, dass es wirklich "nur" ein Darmvirus ist. Im nächsten Jahr singt übrigens D'Arcangelo bei uns den Don Giovanni, in einer Neuproduktion! Wäre das nicht ein Grund für eine Wienreise?? (Ist auch nur 4 Stunden weiter als München :wink )
lg Sevi :hello
Ingrid (21.07.2010, 12:49): Liebe Mina,
die guten Besserungswünsche natürlich auch für Dich (das hätte ja ganz ganz böse ausgehen können) und auch von mir vielen Dank für Deinen tollen Figaro-Bericht. Ich werde erst wieder in der nächsten Serie drin sein.
Ich erlebte D'Arcangelo live nur einmal als Escamillo und für den Rest sagte er leider auch ab. War echt schade. Da bei dieser Carmen allerdings neben Garanca und Jonas Kaufmann fast alle anderen mehr oder weniger Statistenrollen hatten, nahm man die Einspringer eher gelassen hin. Es war halt immer nur ein Schock, wenn man die Besetzungsänderung im Mailkastl fand und ja zuerst nicht wußte, wer abgesagt hat. Bei Rolando wurde ich von einer Freundin informiert, die ich zuerst aber nicht ernst nahm. Dachte, sie wollte mich ein wenig dratzen. Leider war es nicht so. Der Kartentausch ist für mich natürlich dadurch besonders dumm gelaufen.
Noch schnell zu den Plätzen in der Staatsoper. An Deiner Stelle würde ich vielleicht sogar die 2. Reihe Mitte in der Galerie nehmen, da dort die Griffleiste nicht so stört. Ich bin grundsätzlich auf den billigen Steh- oder Sitzplätzen im 3. Rang oder eben ganz oben auf den Stehsitzern, denn Parkett ist, bei dem doch regeren Opernbesuch, nicht mehr drin und meist kann ich trotzdem bestens sehen und vorallem hören, was von den teuren Plätzen oft nicht mal so gegeben ist. Saß z.B. mal beim Ballett in der 4. Reihe Parkett und sah nur die Köpfe der Tänzer und ich bin nicht mal klein.
Nach den Schreckensmeldungen der überhitzten Züge würde ich im Moment doch wieder das Flugzeug vorziehen und meist ist es wirklich sehr viel günstiger, obwohl ich auch immer ein schlechtes Gewissen habe. Ich fliege aber doch ziemlich selten und deshalb ist es vielleicht nicht ganz so schlimm.
Wäre auf jeden Fall schön, liebe Mina, wenn Du ab und zu wieder in München sein könntest.
Herzliche Grüße Ingrid
Fairy Queen (21.07.2010, 15:01): Allen Kranken auch meinerseits die allerbesten Genesungswünsche- ob Rolando oder Mina, ob Ingrid oder Arcangelo. :hello :engel
Ich fand die Griffleiste in der Galerie gar nciht störend, aber das liegt daran, dass ich so klein bin, dass ich locker drunterpasse.... :D. Teuer fand ich das immer noch: hier bekommt man jedenfalls sehr gute Opernkarten wesentlich billiger! Fröhliches Zugfahren (bin auch ein Fan, nirgends liest es sich besser!) wünscht Fairy , die ab Samstag dann zwei Wochen offline ist und bretonische Hinkelsteine und Feen belauscht (und Erstere im Auftrag von Sevi auch streicheln wird...!!!!!)
Solitaire (21.07.2010, 17:48): Ist die Bretagne nicht Asterix-Land? Ich frage, weil ich gerade eine Norma auf DVD hinter mir habe, die optisch doch arg an das kleine, unbeugsame dorf in Gallien erinnert hat. Oroveso sah aus wie Miraculix, aber alle ahben wunderbar gesungen. Besonders Norma (Montesarret Caballé :down) und Pollione, dieser Drecksack (Jon Vickers). Wollte eigentlic endlich mal "Lulu" sehen, aber das war ir dann doch zu finster. Nicht das "Norma" eine leichte Sommerkomödie wäre... :cool Danke für die Genesungswünsche. :) Eine schöne Zeit jedenfalls für Fairy!
Ja Severina, das WÄRE ein Grund für Wien :D Mal sehen, was das Jahr bringt und der Geldbeutel hergibt.
Fairy Queen (08.08.2010, 16:14): Hat zufällig jemand den Don Giovanni aus Glyndebourne gesehen und kann etwas dazu sagen? Musiklaisch soll das ein grosser geniestreich gewesen sein, aber ich muss noch etwas warten, bis ich einen Mitschnitt sehen kann. Und den aus Aix en Provence? Immer dankbar für alle Opernberichte ist Fairy Queen, zurück aus einem klienen gallishcen dorf, wo ich Troubadix von seinen total ungerechten Fesseln udn Knebeln befreit habe. Der singt jetzt wieder frei in der Gegend herum, unter dem Pseudonym............ denke sich dabei jeder, wenn er mag. :D
Severina (08.08.2010, 16:51): Liebe Fairy, den DG aus Glyndebourne habe ich nicht gesehen, den aus Aix schon - es gibt dazu ein paar Postings im TV-Thread! Es war ein ziemlich schräges Regiekonzept, bei dem sämtliche Protagonisten miteinander verwandt sind, der Don ein lethargischer Depri, der scheinbar mehr an sich leidet als seine Opfer unter ihm, musikalisch sehr durchwachsen. Die Personenführung war teilweise nicht ohne Reiz, aber insgesamt nicht wirklich meine Vorstellung von diesem Stück. lg Sevi :hello
PS: Für Troubadix fielen mir einige Kandidaten ein, ich werde dann mein Eintrittsgeld von Dir zurückverlangen!! :D
nikolaus (08.08.2010, 19:05): Nun, ich habe auf medici.tv, wo man ihn sich derzeit als VOD umsonst anschauen kann, einmal "durchgezappt".
Der Eindruck war durchaus positiv. Die Handlung wird in den zweiten Weltkrieg, wohl gegen Ende, verlegt. Mehr kann ich zum Regiekonzept nicht sagen, da zu wenig gesehen. Insgesamt scheint es mir zusammen mit der - ja, man kann wirklich sagen - liebevollen Austattung eine stimmige Inszenierung zu sein.
Mit Gerald Finley, dessen Stimme ich gerne höre, als Don und Luca Pisaroni als Leporello sind erstklassige Sänger(-darsteller) dabei. Auch die Damenriege mit Anna Samuil als Donna Anna (wie passend), Kate Royal als Donna Elvira und Anna Virovlansky (übrigens an der Düsseldorfer Oper engagiert) als Zerlina lassen sich hören und sehen und tragen damit das Konzept vortrefflich.
Wie gesagt, dieses nur ein grober Eindruck.
Gruß, Nikolaus.
Fairy Queen (23.08.2010, 11:42): Ich habe inzwischen eine Aufzeichnung des Don Giovanni aus Glyndebourne und bin wirklich begeistert :down :down :down Nicht so sehr von der Inszenierung, die zwar nciht schlecht aber auch nicht umwerfend ist sondern vom Dirigat Jurowskys und dem Orchestra! Das ist nämlich wirklich umwerfend. Schon bei der Ouverutre fliegen mir die Ohren weg- einen so dynamischen Don habe ich noch nie gehört, manche Akkorde sind schon wie Peitschenhiebe aus der Hölle, in die er am Ende fahren wird. Ich hoffe, dass dieses junge Dirigenten-Genie noch sehr viel von sich hören lassen/machen wird!!!! Sängerisch bin ich auch sehr zufrieden mit dieser Aufführung und da gibt es ja wahrlich genug Vergleiche. Natürlich gibt es immer noch bessere Prototypen jeder einzelnen Rolle- Raimondi ist natürlich letztlich besser als Finley, van Dam oder Naouri besser als Pisaroni, te Kanawa besser als Royal und della Casa besser als Samuil etc etc aber das was hier geboten wird, ist dennoch oberste Liga! Kate Royal als Elvira gefällt mir besonders gut, während die Marilyn Monroe-Zerlina ein bisschen dick aufgetragen daher kommt. Finley und Pisaroni sind ein sehr glaubwürdiges und Paar und ich bin auch angenehm überrascht von dem Don Ottavio, der seine Turboarien schönstimmig meistert und der Figur eine positivere Komponente verleiht als so manche "Weicheier"-Kollegen. Anna Samuil als Donna Anna hat das hysterische Kreischen sehr gut drauf ohne dass die Stimme überfordert wirkt. Das ist für mich dann eher der unsympathische Donna Anna Typ- was aber zur Rolle genausogut passt, wie die viel verletzlichere Version, die z.B. Sandrine Piau geliefert hat. Die Spielfreude der Sänger ist besonders hervorzuheben und macht einfahc Riesenspass. ich habe bisher nur 2/3 gesehen und bin sehr gespannt wie es weitergeht. Ich kann aber jetzt schon sagen: Musikalisch eine der besten Don Giovannis, die ich je gehört habe :down
Solitaire (24.09.2010, 18:39): Ich will euch heute von einem ungewöhnlichen Freischütz erzählen, den ich vor einigen Tagen erlebt habe. Aufgeführt wurde er im Burgtheater. So der Name eines der wenigen in Deutschland noch (oder wieder) erhaltenen Papiertheater. Es befindet sich in Solingen auf der dortigen mittelalterlichen, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder errichteten Burganlage:
Spielleiter, Schauspieler, Bühnentechniker, Sänger, Hausherr, Faktotum, Buffetfräulein und vieles mehr ist Peter Schauerte – Lüke, der seit nahezu 30 Jahren diese alte Theaterkunst am Leben erhält, und seit 2001 sein Publikum im Bergischen Land mit Kindermärchen, Schauspielklassikern, Mozartopern etc. begeistert. In der aktuellen Spielzeit werden neben Märchen,Kindertheater, Gastspielen von Kollegen etc. die Opern „Don Giovanni“, „Die Zauberflöte“, „Die Entführung a.d. Serail“ und „Der Freischütz“ gespielt. Der Theaterleiter bestreitet nahezu die komplette Vorstellung alleine, er singt, spielt, ist sein eigener Bühnentechnikerund tut, was immer sonst noch getan werden muß. Bei Opernaufführungen unterstützt ihn manchmal eine professionelle Sopranistin, die z.B. im Don Giovanni die (stark gekürzten) weiblichen Rollen übernimmt. Im Freischütz aber singt Peter Schauerte – Lüke alle Rollen, vom Kaspar über Ännchen und Agathe bis zum Eremiten, selbst. Er hat einen ausgebildeten Bariton, und auch wenn seine Agathe nicht ganz mit Elisabeth Grümmer mithalten kann, singt er sie doch immerhin in Originallage. :cool Im Ernst: niemand wird in seine Opern gehen, um musikalisch den Jahrhundert-Freischütz zu erleben, wer sich jedoch darauf einlässt, diese alte Form der Familienunterhaltung zu erleben, dem kann erstaunliches widerfahren. Denn Peter Schauerte – Lüke ist ganz ohne Zweifel von einer leidenschaftlichen Liebe zum Theater infiziert, die sich auf das Publikum überträgt. Zu Beginn der Vorstellung gab es eine kleine Einführung in die Geschichte des Papiertheaters. Es entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als das gehobenene Bürgertum endlich die Möglichkeit hatte, sich Theaterbesuche zu leisten, Theater aber nur in großen Städten zu finden waren. Eine Oper oder ein Schauspiel zu erleben war also ein seltener Luxus. Man suchte nach Möglichkeiten, das Theater nachause zu holen und erinnerte sich der damals beliebten Ausschneidebögen für Kinder. Man begann, ganze Theater mit Bühnenbild, Vorhang, Proszeniumslogen, Schauspielern, Kostüme etc. auf diese Bögen zu drucken und zu verkaufen. Daheim wurde alles liebevoll ausgeschnitten, zusammengebaut und verklebt. Und wenn man es richtig gemacht hatte, hatte man ein richtiges kleines Theater mit Vorhang und Bühnentechnik. Gleichzeit brachten Verlage Textbücher mit bereits gekürzten Schauspielen und Opern auf den Markt, nach denen die Papiertheater bespielt werden konnten. Die Stücke dauerten zwischen 10 Minuten und einer guten Stunde. Da damals in nahezu jedem wohlhabenderen Haushalt musiziert wurde (glückliche Zeiten...) gab es immer jemanden, der ein passendes Instrument spielte oder zu den Vorstellungen sang. Peter Schauerte – Lüke bezeichnet das Papiertheater als „Vorgänger von Fernsehen und Playstation“. Nur das damals noch echte Kreativität gefragt war. Mit der Zeit gab es in vielen Städten Theater und irgendwann wandelten sich die Papiertheater von der Unterhaltung für Erwachsene zum Kinderspielzeug. Jetzt wurden Märchen gespielt, oft von Kindern für Kinder. Nach dem zweiten Weltkrieg geriet das Papiertheater nahezu vollständig in Vergessenheit, bis es Anfang der 80ger Jahre von einigen Nostalgikern wiederentdeckt wurde. Die alten Muster der Ausschneidebögen waren noch vorhanden und wurden neu aufgelegt, und heute wird wieder mehr und mehr Papiertheater gespielt oder zu Dekorationszwecken für’s traute Heim gebastelt. Herr Solitaire z.B. hat einmal an einer Papiertheaterversion des Kinderbuches „Wolfine“ mitgewirkt. Nach der Einführung ging es dann los: Licht aus, Ouvertüre an (vom Band), der Vorhang hebt sich, und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Wie im großen Theater. Peter Schauerte – Lüke, der isch auch gern „Der Prinzipal“ nennt, singt zu Klavierbegleitung die er vorher von einem Pianisten hat einspielen lassen. Die Arien sind z.T. stark gekürzt, in seiner eigenen Stimmlage wird er aber manchmal ausführlicher und läßt z.B. Kasper alles singen, was auch Gottlob Frick oder Matti Salminen singen würden. „Der Prinzipal“ hat die Musik selber zusammengestrichen, und er hat das m.E. sehr gut gemacht. Szenisch ist das ein Freischütz völlig ohne Regietheater-Eskapaden, und man würde sich wünschen, daß sich gewisse Selbstdarsteller auf dem Regiesessel mal ein Beispiel daran nehmen. Bei Maxens Schuß aus Kaspars Büchse trudelt zu unser aller Vergnügen ein echter Papier-Steinadler vom Himmel, in der Wolfsschlucht glühen winzige Eulenaugen unheilvoll in die Dunkelheit, das wilde Heer rast ebenso über die Bühne wie das restliche von Weber vorgeschrieben Getier: der wilde Eber, ein unheimliches Gespenst etc. Das alles zur (jetzt vom kompletten Orchester gespielten) Wolfsschlucht-Musik und zu unheimlichen Echoeffekten beim Zählen der Freikugeln. Dann: eine sehr bekannte, aber völlig unwebersche Melodie. Das Holländer-Motiv erklingt, das Schiff des bleichen Mannes dem Erlösung einstmals noch werden kann rast über den Himmel und ein entnervtes „Captain! Wir sind in der falschen Oper! Auf nach Norwegen, zu Daland!“ ist zu hören ,was allgemeines Gekicher auslöst. Danach geht’s wie gewohnt weiter: Samiel erscheint, und der Papierteufel sieht wahrlich zum fürchten aus. Max fällt, der Vorhang auch, Pause.
In der Pause geht es zu wie in der großen Oper: Sekt oder Saft an der improvisierten Bar. Serviert vom Sänger, Spieler, Bühnentechniker persönlich. Es ergibt sich die Gelegenheit, ihm mitzuteilen, daß man diese Inszenierung viel schöner findet als jene von Achim Freyer...
Die Stärkung durch Alkoholika war nötig, denn jetzt ist das Publikum dran: den Brautchor gilt es mitzusingen, und kurz darauf den Jägerchor. Wir tun es mit Inbrunst und (mal wieder) mehr Begeisterung als wirklichem Können. Das Stück nimmt seinen üblichen Verlauf: Probeschuß, „Schieß nicht Max, ich bin die Taube“, die Papier-Agathe und Kaspar fallen um, der Eremit rettet die Situation, und ganz am Schluß erfahren wir noch, wie das mit Agathe und Max weiterging. Die haben nämlich tatsächlich geheiratet und 20 Kinder bekommen, von denen tragischer Weise nur 3 überlebt haben. Das Freikugel-Rezept wurde unter der hand über Generationen weitergegeben, in späteren Jahrzehnten verschlug es Maxens Nachfahren nach Amerika, und heute sitzt einer von ihnen im Pentagon und arbeitet an einer streng geheimen Geheimsache Zwecks Ausbildung amerikanischer Scharfschützen. Und so kommen wir dann doch noch zu ein bisschen Regietheater.
Nach der Vorstellung ist es Brauch, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, und da kann man die Theatermaschinerie, das wilde Heer und den Steinadler bewundern. Und fragt sich, wo Peter Schauerte – Lüke die übrigen 3 Arme versteckt hat, die er doch ganz sicher braucht um sein Theater zum Leben zu erwecken. Der Prinzipal mit einigen seiner Darsteller:
Don Giovanni:
Und ja: man kann es als Kitsch sehen wenn man will, aber ich finde es einfach zauberhaft. Man bekommt einen Eindruck davon, was Theaterbegeisterte Menschen gemacht haben, die nicht die Möglichkeit hatten, eine DVD oder eine CD einzulegen.
Kommendes Jahr sind u.a. der Holländer geplant und ein Projekt „Der komplette Ring in 45 Minuten“.
Fairy Queen (25.09.2010, 19:08): Liebe Solitaire, das ist wirklich bezaubernd, im wahrsten Sinne des Wortes und macht grosse Lust und Mut, sich an "unperfekte" Theaterprojekte zu wagen. Mich inspierieren solche Berichte sehr- grand merci!!!! :engel F.Q.
Solitaire (28.09.2010, 11:18): Hallo Fairy! Nein, perfekt war es wirklich nicht, aber schööön! Jetzt bin ich nur gespannt auf den Don Giovanni. Mozart schätzt er sehr, der Prinzipal, daher läßt er Donna Anna, Elvira etc. wohl doch lieber von einer ausgebildeten Sopranistin singen.
miranda (29.09.2010, 01:25): Liebe Solitaire,
auch ich finde deinen Bericht wunderbar. Schade, dass ich weit vom Ruhrgebiet entfernt lebe, sonst hätte ich mir diesen Freischütz gern selbst angeschaut!
Dabei fiel mir ein, dass ich im Sommer 1994 in Prag auch einmal eine völlig ungewöhnliche Aufführung von Glucks "Orpheus und Eurydice" mit Marionetten und typisch barocker Bühnentechnik erleben durfte. Natürlich war das viel aufwendiger als das Papiertheater aus deinem Bericht... Das Schöne an solchen Experimenten ist der Verfremdungseffekt, der aber der Essenz der Oper keine Gewalt antut.
Schöne Grüße,
Miranda
Severina (30.09.2010, 19:45): Liebe Mina, danke für diesen Bericht über einen Opernbesuch der anderen Art, bei dem ich gerne dabei gewesen wäre. Das mag Dich vielleicht erstaunen aus dem Mund von einer, die doch eher moderne Inszenierungen bevorzugt, aber ich finde diese Papiertheater einfach bezaubernd. In unserem Theatermuseum gibt es eine ganze Reihe davon, die ich immer ganz verzückt betrachte und mir jedesmal vorstelle, wie es wohl wäre, wenn.... Dass es tatsächlich noch jemanden gibt, der auf diese anachronistische Art Opern aufführt und dass Du das erleben durftest, finde ich wunderbar! lg Sevi :hello
Solitaire (04.10.2010, 08:29): Hallo Mirando & Severina! Wenn es euch ins Bergische verschlägt, seit ihr alle herzlich eingeladen, ins Papiertheater zu kommen! Frau Mina spendiert auch den Pausensekt! Im Ernst: wer zufällig in der Gegend ist, sollte sich das nicht entgehen lassen! Wie schön, daß es auch noch andere gibt, denen diese Form des Theaters so gefällt. Obwohl ja schon Christian Buddenbrook den kleinen Hanno warnt, daß man die Finger davon lassen solle, da mit dem Papiertheater das Elend seinen Lauf nähme... :D
Solitaire (30.10.2010, 17:00): Am Freitag hatte in unserem Teo-Otto-Theater "L’incontro improvviso" von Joseph Haydn Premiere, die bei uns in sehr freier Übersetzung "Unverhofft in Kairo" hieß. Es handelte sich um eine der bei uns häufigen Co-Produktionen mit dem Ensemble des Opernhauses Wuppertal und "unseren" Bergischen Symphonikern. Die Oper wurde 1775 uraufgeführt und stammt aus der Zeit als türkische und orientalische Themen (oder was man dafür hielt) sehr beliebt waren. Die Handlung erinnert sehr an Mozarts "Entführung aus dem Serail". Hier wie dort geht es um ein Liebespaar das auf einer Reise getrennt wurde (böse Piraten...). Sie, Rezia, landete im Harem des Paschas, der sich seither vergeblich um ihre Gunst bemüht, er, Ali, irrt mit seinem treuen Diener durch die Welt, die Geliebte zu finden. Am Ende wird alles gut: der Pascha, obschon vorher eifersüchtig und rachedurstig, läßt das Paar ziehen.
Das Bühnenbild bestand aus einem drehbaren Aufbau, der auf der einen Seite ein riesiges Kamel zeigte, das offenbar für die Außenwelt (Basar, Stadt. etc.) stand, auf der anderen Seite aus einem mit floraler Tapete verzierten Damenzimmer mit riesigem Sofa. Das sollte dann wohl der Serail sein Die Darsteller trugen moderne Gewandung, Rezia und ihre beiden Freudinnen sahen immer dann wenn sie von draußen kamen oder im Begriff waren, das Haus zu verlassen aus wie Thilo Sarazins schlimmster Alptraum: lange Mäntel, Kopftuch, das Gesicht vebergende Sonnenbrillen. Unter den langen Mänteln und den Kopftüchern verbargen sich hochmodische glitzernde Kleider und morderne Frisuren. Drei Frauen, die alles besitzen außer der Freiheit, und sich überaus elegant und sehr ausgiebig langweilen.
Wenn man akzeptiert, daß unsere Sänger nicht zurWeltspitze gehören, so war das eine durchaus hörenswerte Vorstellung. Ich persönlich mag vor allem die Sopranistin Banu Böke sehr, die seit Jahren in Wuppertal singt, und die ich schon in vielen Rollen gehört habe. (u.a. als Figaro-Gräfin) und die hier die Rolle der REzia gesungen hat. Sehr gefallen haben mir auch die Bässe des Opernchores Wuppertal. Die Musik hat mir gefallen, ohne riesigen Eindruck bei mir hinterlassen zu haben. Gesungen wurde in einer deutschen Übersetzung, für die Sprechrolle des Pascha hat man einen Trick angewendet, den ich recht gelungen fand: er hat seine Texte auf Türkisch gesprochen,begletiet wurde er wie bei einem klassischen Rezitativ auf einem Soloinstrument: der türkischen Saz. Banu Böke hatte einen sehr berührenden Moment gegen Ende der Oper: als der Pascha ihr die Freiheit schenkt, stimmt sie ein leises, melancholisches Lied auf Türkisch an, von dem ich nicht weiß, worum es geht, aber es war sehr traurig und sehr schön. Man hat gemerkt, wie nahe der Sopranistin, die türkische Wurzeln hat, diese Musik war. Obwolh das Stück wohl nicht von Haydn stammt, und eher eine Einlage war, war das für mich der schönste Moment der Aufführung Hier ein Musikbeispiel: http://www.youtube.com/watch?v=Uh1r9mQ6vEA&p=FF69B3B52B23494A&playnext=1&index=1 Im Übrigen muß man wohl damit leben, daß man es damals mit geografischen und kulturellen Unterschieden nicht so genau genommen hat: Türkei war, wo man den Koran gelesen und mehrere Frauen hatte. Und so verabschieden sich die Helden mit einem "Verlassen wir das Land der Türken!" aus Kairo...
miranda (30.10.2010, 19:21): Liebe Solitaire, dank für den schönen Bericht von der Aufführung dieser mir völlig unbekannten Haydn-Oper. Was die geografische Ungenauigkeit betrifft, so tust du deinen Theaterleuten, glaube ich, unrecht: zur Zeit der Uraufführung der Oper gehörte Kairo zum Osmanischen Reich. Da die Herrscher Türken waren, ist es also keineswegs völlig abwegig, dass sich die Befreiten von den "Türken" verabschieden. Nicht unbedingt einleuchtend finde ich dagegen, dass Rezia, nach dem Libretto eine persische Prinzessin, mit einem türkischen Lied Abschied von ihrem Pascha nimmt. Gab es für das Lied denn keine Übersetzung? Es wäre schön, wenn man wüsste, um welches Lied es sich handelt (ich singe selbst sehr gerne türkische Lieder). Prinzipiell finde ich die Idee gut, durch das Hereinholen "werkfremder" Elemente - ich denke gerade an eine Inszenierung der "Entführung aus dem Serail", vermutlich in Salzburg, wo ein türkisches Ensemble zum Einsatz kam - den Abgrund der Ignoranz zwischen Orient und Okzident ein wenig zuzuschütten. Viel Freude weiterhin am Opernbesuch in der Provinz - es können ja nicht alle in Wien und Berlin wohnen. Miranda
Solitaire (01.11.2010, 09:12): Hallo Miranda! Danke für die Aufklärung bezüglich des osmanischen Reiches! Du hast natürlich recht, und meine Geschichtskenntnisse würden mal wieder jeden Geschichtslehrer in die Verzweiflung treiben :I Ich denke mal, das türkische Lied haben sie gewählt, weil Rezia sich damit bei ihrem türkischen nennen wir es mal "Gastgeber" für seine Menschlichkeit bedanken wollte, und immerhin zwei Jahre in seinem Land gelebtund seine Kultur kennengelernt hat. So habe ich mir das jedenfalls erklärt. Sehr bedauerlich war allerdings, das unser Theater mal wieder nur zu zwei dritteln gefüllt war, und das war noch viel, da es eine Premiere war. Die müssen sich wirklich nicht wundern, wenn sie uns den Laden eines Tages dicht machen... :S
Dulcamara (21.11.2010, 23:59): Komme gerade von einem wunderbaren Abend in der Frankfurter Oper. Gegeben wurde die Walküre und es ist in dem m.E. hervorragenden Intendanten in Frankfurt gelungen, dafür wirklich ein tolles Sängerensemble zusammenzustellen. Allen voran Eva Maria Westbroek als Sieglinde, die aber ohnehin eine meiner allerliebsten Sängerinnen ist. Mit ihrem eher dunkel timbrierten Sopran und einer ungeheuren Präsenz erzeugt sie eine fühlbare Spannung und ist souverän in den fortissimo-Passagen wie an den ganz leisen Stellen. (Manchmal ist ihr Vibrato vielleicht einen Hauch zu stark, aber das mag ich kaum erwähnen, so eindringlich hat sie heute abend ihre Rolle gestaltet.) Wer sie noch nicht erlebt hat, nachholen! Im April singt sie die Sieglinde in der HD-Übertragung aus der Met, mit Jonas Kaufmann als Siegmund. Das kann eigentlich nur toll werden.
Ihr kaum nach stand ihr Mann, Frank von Aken, als Siegmund. Das Frankfurter Ensemblemitglied gestalte die anspruchsvolle Tenorpartie zu jeder Zeit klangschön und kantabel, wobei er seine Kraft mitunter spürbar dosierte, um die Stimme dann zu den Highlights geradezu strahlen zu lassen. (So schön habe ich die Wälse-Rufe jedenfalls noch nicht live gehört.) An der Stelle muss aber auch gesagt werden, dass das Frankfurter Haus ein eher kleineres Haus ist, inwieweit seine Stimme auch in den ganz großen Häusern trägt, wäre herauszufinden.
Auch die Götter waren durchweg hörenswert, vor allem Terje Stensvold als Wotan. Auch ihm kommt das kleinere Haus, denke ich, sehr gelegen, auch ihm gelang es, die anspruchsvolle und anstrengende Partie komplett singend zu gestalten - was man sonst nur sehr selten erlebt. Falk Struckmann zum Beispiel, der Hamburger Wotan, verfällt nach meinem Empfinden immer wieder in eine Art Sprechgesang. Die Brünnhilde in Frankfurt ist Susan Bullock. Wenngleich sie im zweiten Akt bei einigen Spitzentönen an ihre Grenzen stieß und etwas schrill klang, so hat auch sie im dritten Akt ein wunderschönes Rollenportrait abgeliefert, wobei sie gerade an den innigen Stellen zu überzeugen wusste - als würde mit dem Status der Gottheit auch der Anspruch der Rolle verschwinden. Ich weiß nicht, ob sie auch die Siegfried-Brünnhilde singen soll, aber ich bin trotz ihrer ingesamt sehr guten Leistung heute abend skeptisch, ob das etwas für sie wäre. Auch Fricka - eine Rolle, die oft sehr nachlässig besetzt wird - war mit Martina Dike souverän gecastet.
Das Museumsorchester unter Sebastian Weigle hat einmal mehr unter Beweis gestellt, warum es jetzt zum zweiten Mal in Folge zum "Opernorchester des Jahres" gewählt wurde. So ungeheuer präzise in den Einsätzen, so akkurat in den Bläsern und so bildgewaltig habe ich die Walküre live noch nie hören dürfen. Neben der offenbar hervorragenden Einstudierung erweist sich Weigle auch als ein kluger Kommentator und orchestraler Erzähler, der die Sänger niemals zudeckt.
Die Inszenierung von Konwitschny-Schülerin Vera Nemirova wusste nur halbwegs zu überzeugen, zumindest stand sie aber dem eindrucksvollen musikalischen Erlebnis nicht im Wege. Wie schon im Rheingold steht im Mittelpunkt der Inszenierung ein großer, halbschräger Kreis im Zentrum der Bühne, der aus mehreren breiten bewegbaren Ringen besteht, aus denen immer wieder in veränderten Konstellationen das Bühnenbild entsteht. Mitunter gelingen so eindrucksvolle Bilder (das Schlussbild!), mitunter ist das aber auch einfach nur ein Klotz.
Diese abstrakte Umgebung ist aber nicht gleichbedeutend mit einer komplett abstrakten Inszenierung, vielmehr trägt Siegmund brav sein Fell und die Walküren zieren geflügelte Helme. Wotan ist aber eher als Geschäftsmann angelegt und Brünnhilde wurde vom FAZ-Kritiker aufgrund ihrer roten Kraushaarperrücke treffend als Pumuckl charakterisiert. Entsprechend uneinheitlich auch die Personenführung. Während Nemirova die Charaktere teilweise sehr eng und treffend führt (z.B. in der großen Konfrontation von Brünnhilde und Wotan am Ende), so wechselt sich dies doch oft mit bloßem Rampensingen ab, die Wälserufe gelten so dem Publikum, genau wie Sieglindes "hehrstes Wunder." Ich habe mich geschmeichelt geführt.
Jede Menge Bravos für alle und Standing Ovations. Nach dem einen Vorhang bei Hoffmanns Erzählungen vor ein paar Wochen geradezu Frankfurter Ekstase.
ETA: Die Sängerin heißt natürlich Susan Bullock und nicht Sandra Bullock. ;-)
Severina (22.11.2010, 00:21): Klingt nach einem tollen Opernabend, den Du da erleben durftest! Leider sind mir die von Dir erwähnten Sänger noch nicht live über den Weg gerannt, aber was nicht ist, kann ja noch werden! (Ist aber teilweise meine Schuld, denn Frau Westbroek hat im September unsere Forza-Leonora gesungen, aber da ging sich leider kein einziger Termin aus!) Was Vera Nemirova betrifft, so reicht sie leider an ihren Lehrmeister nicht heran. Ich finde meist den Ansatz ihrer Inszenierungen sehr interessant, aber dann verläuft alles irgendwie im Sand. Man glaubt immer viele Fäden zu erkennen, aber keiner wird weiter verfolgt, sodass zumindest ich immer ziemlich unbefriedigt zurückbleibe.
lg Sevi :hello
Heike (22.11.2010, 00:22): Vielen Dank für deinen Bericht - besonders freue ich mich über deine gute Kritik für Eva Maria Westbroek als Sieglinde - denn für die MET-Übertragung mit ihr habe ich schon ein Ticket - nachdem das Rheingold so umwerfend gut gesungen war, hoffe ich auf eine adäquate Fortsetzung :-) Heike
schwarzehand (22.11.2010, 11:37): Original von Dulcamara Komme gerade von einem wunderbaren Abend in der Frankfurter Oper. Gegeben wurde die Walküre ...
Ich war gestern ebenfalls in der Walküre und kann mich Dulcamaras Worten nur anschließen! Ein rundum gelungener Abend, vor allem musikalisch. Allerdings finde ich, dass das Ringscheiben-Bühnenbild nicht wie ein Klotz wirkt, im Gegenteil: ich bin erstaunt, wie es dem Regie-Team gelingt, mit diesen Scheiben die unterschiedlichsten Orte und Stimmungen einzufangen.
Original von Dulcamara Nach dem einen Vorhang bei Hoffmanns Erzählungen vor ein paar Wochen geradezu Frankfurter Ekstase. Ja, das hat mich auch gefreut. Endlich zeigt das Frankfurter Publikum wenigstens einen kleinen Hauch an Emotionen! :wink
Maria-Anna (23.11.2010, 10:39): Ich bin schon die ganze Zeit am hin und her überlegen, ob ich mir den Frankfurter Ring ansehen soll: Wäre halt schon 'ne ziemliche Fahrerei....
Das Rheingold habe ich schon verpasst, aber ich könnte ja noch zur Walküre einsteigen..... Nach euren Berichten würde es sich ja in jedem Fall lohnen! :cool
Dulcamara (27.11.2010, 22:19): Liebe Severina, denke mit dem Verzicht auf La Forza mit Eva-Maria Westbroek hast Du nicht viel verpasst. Ich habe sie in Frankfurt einmal als Ballo-Amelia gesehen (ihre nächste Rolle, mit der sie auch in Wien engagiert ist). Wenngleich sie die Rolle hier auch sehr eindringlich gestaltet hat, ist ihr Vibrato hier manchmal denn doch schon zu stark. Vielleicht hat sie doch zu früh mit den Wagner- und Strauss-Partien begonnen. Aus meiner Sicht vergleichbar ist das aus meiner Sicht mit Nina Stemme, die als Isolde sicherlich neben Waltraud Meier derzeit das absolute Nonplusultra ist, in italienischen Rollen aber weniger überzeugt.
Eva-Maria Westbroek versucht aber auch in den nächsten Jahren den Spagat zwischen deutschen und italienischen Rollen (insbesondere Puccini). So sehen ihre Planungen neben Sieglinde, Elisabeth und Isolde auch Tosca, Fanciulla und Manon Lescaut vor. Ich bin gespannt. Zu sehen ist sie aber vor allem in London, Pappano scheint sie sehr ins Herz geschlossen zu haben.
Liebe Maria-Anna, fürchte, das mit dem Einstieg zur Walküre wird auch schwierig, da alle Restvorstellungen der Serie ausverkauft sind. Im Juni 2012 wird es aber zwei komplette Zyklen geben, näheres zum Vorverkauf steht schon auf der Homepage der Oper. Falls Du ein Wagner/Ring-Fan bist, lohnt es sich sicherlich!
Dulcamara (27.11.2010, 22:56): Aus gegebenem Anlass habe ich gestern an der Oper Frankfurt eine schöne Vorstellung der Hochzeit des Figaro besucht. Die Besetzung bestand vorwiegend aus Nachwuchssängern. Einziger "Promi" Tatjana Lisnic als Susanna. Sie hatte offensichtlich ausgezeichnete Laune, sprudelte über vor Spielfreude und war so eine Bilderbuch-Susanna, die zudem auch noch außerordentlich schön sang. Ein ebenso schönes Rollenportrait lieferte die junge Amerikanerin Jacquelyn Wagner als Gräfin ab, ihre zwei Arien waren so mit die Höhepunkte des Abends. Eine sehr talentierte Sängerin, die - wenn man dem Internet so glauben kann - schon auf diversen "zweiten" Bühnen Europas für tolle Mozart-Abende gesorgt hat. Ich hoffe, sie wird bald wieder in Frankfurt engagiert. Da mit dem Frankfurter Ensemble-Mitglied Tanja Ariane Baumgartner zudem eine absolute Luxus Marzelline auf der Bühne stand und auch Opernstudio-Mitglied Eun-Hye Shin eine niedliche Barbarina gab, hatten es die Herrn ein wenig schwer. Wenngleich auch sie beide (Sebastian Geyer als Graf und Florian Plock als Figaro) stimmlich durchaus überzeugen konnten, hatte ich den Eindruck, dass ihnen die Konzentration auf die anspruchsvollen Rollen keinen Raum für eine wirkliche Interpretation gab. Sie gestalteten die Rolle so zwar musikalisch sicher, gerade der Graf fiel aber komplett unböse und eindimensional aus. Das Dirigat von Yuval Zorn nahm viel Spannung und Schärfe aus der Partitur, Fleice Venanzoni begleitete die Rezitative sehr inspiriert am Hammerklavier.
Zur Regie lässt sich in der 43. Vorstellung einer Inszenierung ja oft nicht mehr so viel sagen, das Bühnenbild (mehr oder weniger wahllos drapierte Requisiten auf einer ansonsten oft weitestgehend leeren Bühne) und die vorsichtig modernisierten Kostüme ließen mich zum wiederholten Male kalt.
Maria-Anna (05.12.2010, 15:47): Ich war gestern in der Londoner Adriana Lecouvreur Vorstellung. Die Besetzung war mit Jonas Kaufmann und Angela Gheorghiu in den beiden Hauptrollen wirklich genial! Davon hat der Abend, meiner Meinung nach, gelebt. Denn die Oper an sich ist wirklich nicht besonders prickelnd und zudem hat sich Frau Gheorghiu beim Schlussapplaus peinlich lange in den Bravi gebadet.
Ein bisschen mehr über meine (persönlichen) Eindrücke hab ich auf meinem Blog geschrieben: http://opernblog.blogspot.com/2010/12/adriana-lecouvreur-royal-opera-house.html
Severina (05.12.2010, 16:04): Original von Maria-Anna Ich war gestern in der Londoner Adriana Lecouvreur Vorstellung. Die Besetzung war mit Jonas Kaufmann und Angela Gheorghiu in den beiden Hauptrollen wirklich genial! Davon hat der Abend, meiner Meinung nach, gelebt. Denn die Oper an sich ist wirklich nicht besonders prickelnd und zudem hat sich Frau Gheorghiu beim Schlussapplaus peinlich lange in den Bravi gebadet.
Ein bisschen mehr über meine (persönlichen) Eindrücke hab ich auf meinem Blog geschrieben: http://opernblog.blogspot.com/2010/12/adriana-lecouvreur-royal-opera-house.html
Liebe Maria-Anna,
danke für deine Eindrücke! Na ja, was soll man sich von dieser Obertussie auch erwarten? Mir unbegreiflich, dass das Publikum immer wieder über alle ihre Allüren hinwegsieht und sie trotzdem feieret. Ich drehe inzwischen schon ab, wenn Madame irgendwo um eine Wortspende gebeten wird, denn diese Affektiertheit ertrage ich einfach nicht. Unvergesslich wird mir ihr Nicht-Auftritt in "Kultur am Montag" (im ORF) sein, wo sie bereits in der Schminke saß (gemeinsam mit ihrem damaligen Noch-Göttergatten Alagna) und erbost abrauschte, als sie hörte, dass in dieser Sendung auch der Bohème-Film mit Netrebko erwähnt werden sollte. Dem Moderator blieb nichts anderes übrig, als dem verdutzten Fernsehpublikum den Abgang des gerade eben erst angekündigten Divenpaares mitzuteilen.
lg Severina :hello
Maria-Anna (05.12.2010, 17:19): JA! Es ist wirklich furchtbar und konsequenterweise sollte man sie und ihre Allüren schlicht ignorieren, dann kommt sie irgendwann von alleine drauf....
Das Blöde ist nur, dass ich's nicht lassen konnte: Irgendwie ist sie ja schon echt verdammt gut und sie zu hören ein wirklicher Genuss.... :engel Asche auf mein Haupt!!!
P.S.: Unvergessen auch Alagnas Aida-Abgang: http://www.youtube.com/watch?v=AxyBxbGF-Qg ....
Ingrid (05.12.2010, 20:18): Original von Maria-Anna Ich war gestern in der Londoner Adriana Lecouvreur Vorstellung. Die Besetzung war mit Jonas Kaufmann und Angela Gheorghiu in den beiden Hauptrollen wirklich genial! Davon hat der Abend, meiner Meinung nach, gelebt. Denn die Oper an sich ist wirklich nicht besonders prickelnd und zudem hat sich Frau Gheorghiu beim Schlussapplaus peinlich lange in den Bravi gebadet.
Ein bisschen mehr über meine (persönlichen) Eindrücke hab ich auf meinem Blog geschrieben: http://opernblog.blogspot.com/2010/12/adriana-lecouvreur-royal-opera-house.html
Liebe Maria-Anna,
habe den Bericht in Deinem Blog natürlich gleich gelesen. Vielen Dank dafür. Aber irgendwie verstehe ich jetzt immer noch nicht, warum dann nicht die gestrige Vorstellung übertragen wurde. Nahm an, JK ist wegen Krankheit ausgefallen, aber das war ja offensichtlich (zum Glück für Dich) nicht so. Dachte auch im ersten Moment, dass er sich inzwischen schon von den Allüren der Diva hat anstecken lassen, aber das wird hoffentlich nie passieren.
Liebe Grüße Ingrid
Maria-Anna (06.12.2010, 13:00): Liebe Ingrid,
offenbar wurde sie doch nicht übertragen.... Dass das eine alte Aufnahme war, die gesendet wurde, haben sie aber erst nach 1:42h angesagt? Offenbar haben sie dies getan, weil Jonas Kaufmann sich "unwell" gefühlt hat. Im Haus wurde das nicht angesagt und es war auch wirklich nicht nötig, denn er hat super gesungen und entsprechend viel Applaus geerntet. Zudem wurde das Ganze so oder so aufgezeichnet: Denn überall im Haus waren für eine DVD-Produktion Kameras aufgestellt.
Ein Rätsel? ?(
Maria-Anna (10.12.2010, 09:56): ich habe mir gestern in Bremen die Tschaikoswsky-Oper Mazeppa angesehen. Der Abend war durchmischt: super Musik, gute Sänger und grottenschlechte Inszenierung.
Hab meine Eindrücke wieder auf meinem Blog gepostet: :D
Flosshilde (10.12.2010, 12:25): Hallo an alle, bisher lese ich hier nur stumm mit, aber vielleicht kann ich etwas zur Klärung beitragen: Jonas Kaufmann war wohl erkältet, sodass sicherheitshalber die geplante Live-Radio-Übertragung am 04.12. abgesagt wurde. Im Opernhaus hat er allerdings gesungen. Es war für ihn nicht abzusehen, dass der Abend so problemfrei laufen würde - hätte auch anders kommen können. Sie haben im Radio eine Aufzeichnung gesendet, dieses allerdings sofort bei Beginn der Sendung (und in jeder Pause erneut) angekündigt. Normalerweise sind diese BBC3 Übertragungen live aus dem Opernhaus, was man dann an den Hintergrundgeräuschen hört. Deshalb hat der Sprecher von Anfang an erklärt, dass sie im Studio geblieben sind, weil Jonas Kaufmann „unwell“ sei und statt einer Live-Übertragung mit Erlaubnis des Opernhauses eine interne Aufzeichnung des ROH vom 30.11. senden würden. Die Adriana wird für DVD aufgezeichnet, sie filmen - soweit ich weiß - jede Aufführung, in der Angela Gheorghiu singt.
Gruß Flosshilde
Maria-Anna (13.12.2010, 15:54): Hallo Flosshilde, danke für die Aufklärung!! :D Rätsel gelöst! :D
Hatte mich ziemlich gewundert, denn ich war schon einige Male in der ROH und habe dort nie (so viele) Kameras gesehen und da man dort im Shop ja die meisten Produktionen auf DVD kaufen kann, sind wir automatisch davon ausgegangen, dass diese Aufführung eben dafür mitgeschnitten wird..... Ist ja echt ein ziemlicher Aufwand jedesmal nur für die Gheorghiu so eine riesen Welle zu machen und zudem ja auch noch wegen der Kameras diverse Plätze nicht verkaufen zu können.... Weißt zu zufällig, warum sie da ALLE aufnehmen? Sonst werden doch auch immer nur zwei oder höchsten drei Mitschnitte gemacht - oder irre ich mich da?
Flosshilde (14.12.2010, 12:13): Hallo Maria-Anna,
da kann ich auch nur spekulieren, aber wahrscheinlich wollten sie auf Nummer sicher gehen und haben soviel Aufführungen mit Angela Gheorghiu wie möglich für die Kameras eingeplant (man weiß ja nie, wann die Diva wirklich singt :wink). Kann natürlich auch sein, dass es ihr persönlicher Wunsch war, soviel Auswahl wie möglich für eine perfekte DVD zusammenzubekommen. Diese Produktion schien mir wirklich um "La Gheorghiu" herum arrangiert worden zu sein. Natürlich kann man darüber streiten, ob sie den Aufwand wert ist, aber alleine die Tatsache, dass sich ihre Vorstellungen schnell ausverkaufen, zählt sicher auch. Akustisch ist die Kombination Kaufmann/Gheorghiu ein Genuss, aber was das Live-Erlebnis im Haus betrifft, ziehe ich die Blancas-Gulin vor - das gesamte Ensemble hat merklich entspannter ohne den Star agiert. :ignore
Gruß Flosshilde
Maria-Anna (14.12.2010, 13:10): Hallo Flosshilde,
stimmt vermutlich.... auch wenn das bei mir den ketzerischen Gedanken weckt, warum die Gute so viele Anläufe für die perfekte DVD für notwenig hält :ignore
Na ja, so oder so, war es schon ein tolles Erlebnis die beiden im Duett zu hören! Leider fehlt mir der Vergleich, um etwas über die innere der Mitwirkenden Ruhe bei Abwesenheit der Gheorghiu zu sagen....
Maria-Anna (17.12.2010, 11:35): Ich hab mir gestern in Hannover Die Liebe zu den drei Orangen angeschaut! War ein knallig, bunter Opernabend mit durchaus charmanten Pointen :rofl und einem Ensemble, das sichtlich Spaß am Stück hatte. War toll!
Und natürlich hab ich auch wieder mehr auf meinem Blog geschrieben :D: http://opernblog.blogspot.com/2010/12/staatsoper-hannover-die-liebe-zu-den.html
Heike (20.12.2010, 17:17): Hector Berlioz -Die Trojaner / 19.12.2010 Deutsche OperBerlin Musikalische Leitung Donald Runnicles Inszenierung David Pountney
Aeneas - Ian Storey Kassandra - Petra Lang Dido- Béatrice Uria-Monzon Chorèbe - Markus Brück Narbal - Reinhard Hagen Ascagne - Heidi Stober Hector - Stephen Bronk
Ich kannte die Oper vorher nicht, war aber (insbesondere wegen Rideamus' Verrätselungen) extrem neugierig darauf. Und ich bin wirklich begeistert, was für ein wundervolles Werk! Eine Schande, dass es in Berlin Jahrzehnte nicht gespielt wurde und überhaupt so selten auf der Bühne ist. Ein toller Stoff, der zu allerhand Interpretationen über Menschenbilder einlädt - und phantastisch abwechslungsreiche, originelle und überraschende Musik, quasi eine gelungene Transformation der Oper Glucks in die moderne Romantik.
Die Inszenierung hat mir gut gefallen. Pountney stellt zwei Welten gegenüber - die kriegerische, harte, aggressive Männerwelt der Soldaten in Troja und die warme, friedliche, liebevolle Frauenwelt unter der Herrschrin Dido in Karthago. Entsprechend sind die Bühnenbilder und Kostüme - im ersten Teil karg, schrottig, dunkel: im zweiten Teil weichgezeichnet, hell und harmonisch. Als sich die beiden Welten dann begegnen, vermischt sich das und das eine oder das andre dominiert. In den Mittelpunkt stellt Pountney die beiden tragischen Frauengestalten, Kassandra und Dido, denen Aeneas als getriebener Mensch gegenübersteht. Auch die Geister spielen eine große Rolle. Eine eher konservative Inszenierung, aber gekonnt mit unpompösen, treffenden Mitteln umgesetzt und für mich sehr stimmig.
Musikalisch ragte Petra Lang heraus, die eine starke Kassandra sang und spielte und den ersten Teil absolut beherrschte. Demgegenüber die zarte Dido, mit wunderschönem gefühlvollem Mezzo von Béatrice Uria-Monzon gesungen. Aeneas war leider (angesagt) erkältet, aber machte seine Sache dann doch noch recht annehmbar. Großartig auch Heidi Stober als sein Sohn. Orchester und Chor der DOB machten die Aufführung zu einer runden Sache. Heraushebenswert auch die schön inszenierten und getanzten Ballettszenen.
Die 5 Stunden (incl. 2 Pausen) sind wie im Fluge vergangen! Heike
Fairy Queen (20.12.2010, 19:00): Liebe Heike ich beneide dich- auch ich war spontan von dieser Oper total begeistert, hatte allerdings nciht das Glûck, sie live mit einem Team von der Qualitât Runnicles/Pourtney zu erleben. Wobei die Rheinoper ihre Sache auch nciht schlecht gemacht hat. Ich musste mir den ersten Akt erst langsam ershcliessen, denn ich war komplett geblendet von den Ensembles und der Liebesszene Dido/Aeneas "Nuit d'ivresse" die in allen Rätseln immer wieder auftauchen- zu Recht, man kan nnciht genug dafür werben. Als DVD kann ich nur allerwärmstens die Gardiner-Einspielung mit Anna Caterina Antonacci und Susan Graham anpresien- die beiden Super-Frauen werden hier adäquat von Super-Sängeirnnen verkörpert. :down :down :down
An Dramatik und Grandiosität steht Berlioz seinen deutschen Vorbildern jedenfalls in keinster Weise nach. Allerdings vergehen bei ihm 5 Stunden wirklcih wie im Fluge....
F.Q..
Karolus Minus (20.12.2010, 19:29): Hallo Heike,
danke für den Bericht! Das Stück steht auch bei mir auf der Favoritenliste sehr weit oben. Gesehen hab ich es allerdings bisher leider nur mal in Hamburg so um 1982 in einer kräftig gekürzten Version mit nicht unbedingt aufregenden Sängern, werde mir deswegen auch Berlin im Frühjahr ansehen.
Die DVD-Empfehlung von Fairy Queen kann ich nur unterstützen, wobei ich da neben den Damen auch den Aeneas von Gregory Kunde herausheben möchte, eine ungewöhnlich lyrische Besetzung, aber im Chatelet mit Gardiner geht es, in der DOB hätt er vermutlich Probleme mit der Größe des Hauses.
Gruß Karolus -
Fairy Queen (21.12.2010, 07:35): Lieber Karolus, ich wollte Gregory Kundes sehr gute Leitung keinesfalls unterschlagen- er hat den Aeneas wirklch rollendeckend gesungen und gespielt- je lyrischer das möglich ist, desto besser gefällt es mir persönlich. sowieso. Ich kann brüllende Tenöre auf den Tod nciht ausstehen. Leute wie Corelli oder del Monaco sind für mich ein Graus! Gerade auch m Duett mit Susan Graham ist er wirklich serh serh schôn anzuhören! :down
Überhaupt sind auch die Nebenrollen gut besetzt auf dieser DVD!
F.Q.
Karolus Minus (02.01.2011, 18:13): Das Ganze war zwar nicht gestern sondern schon am Donnerstag - aber das sieht man mir beim obligaten Jahreswechselstreß hoffentlich nach:-))))
Ich war zur Falstaff-Premiere in Lübeck, die zunächst einmal mit einer Ansage begann. Der Titelrollenträger Gerard Quinn sei schwer erkältet und hätte bei den Proben auch gleich noch Bardolfo und Pistola angesteckt.... Bei den beiden war es kaum zu merken, aber Quinn hat wohl nur gesungen, um die Premiere zu retten, insofern entzieht er sich jeglicher Beurteilung.
Herausragend der Ford von Antonio Yang, mit metallischem Kern und exzellenter Phrasierung; ein Sänger Mitte 30, der in Lübeck u.a. Alberich, Carlo Grard, Onegin und Mandryka gesungen hat, an den kleineren Häuser ist es ja nichts mit den Spezialisten für 5 Partien, was durchaus seine Vorteile hat - so sie nicht vorzeitig verheizt werden. Da er demnächst auch schon in Hamburg auftritt (Klingsor) wird Lübeck ihn wohl nicht ewig halten können. Ihm am nächsten kam Anne Ellersiek als Nannetta mit wunderbaren Pianohöhen, eine lyrische Soubrette im richtigen Fach - ganz im Gegenteil zu der wie eine ältliche Soubrette klingenden Birgit Beer (Alice Ford) - und ausgerechnet sie war die einzige, die nicht ins Ensemble gehörte! Klasse auch die Quickly von Veronika Waldner, auch wenn sie kein Kelleralt ist. Und Daniel Szeili machte sich als Fenton auch recht ordentlich, trotz ziemlich deutscher Stimmführung und leicht operettigen Höhen. Die kleineren Partien waren alle ok.
Regisseur Anthony Pilavachi hat die Geschichte aufs Kreuzfahrtschiff "H.M.S. Windsor" verlegt, oben die feinere Gesellschaft (warum die auch noch "rassistisch" sein soll, wie der Kritiker der Lübecker Nachrichten schreibt, ist mir allerdings schleierhaft, vielleicht hätte er beim Ford-Monolog mal ins Libretto schauen sollen...), Fenton offenbar Masseur oder ähnliches, und direkt neben den Weinvorräten Falstaff als blinder Passagier. Das geht nicht immer mit dem Text auf, ist zu Beginn aber durchaus kurzweilig, entwickelt sich nur zunehmend in Richtung Klamotte, bei der permanent hektisiert wird und man vor lauter nachdenken über die szenischen Zitate nicht mehr recht zum zuhören kommt. Da wäre weniger mehr gewesen!
Im Orchester unter GMD und Opernintendant Roman Brogli-Sacher höchst gelungenes neben zu lauten Passagen und nicht immer organischen Tempowechseln-
Heike (02.01.2011, 18:35): Hallo und vielen Dank für den interessanten Bericht! Premieren sind immer besonders spannend, wie ich finde! Eine Frage habe ich als laienhafte Opernhörerin: Was ist denn eine "ziemlich deutsche Stimmführung"? Darunter kann ich mir nichts vorstellen. Kommt das vom Wagnerfach, oder gar von den Schubert-Liedern oder gibt es eine spezielle deutsche Gesangsschule? Was hat das zu bedeuten? Heike
Karolus Minus (02.01.2011, 19:15): Original von Heike Eine Frage habe ich als laienhafte Opernhörerin: Was ist denn eine "ziemlich deutsche Stimmführung"? Darunter kann ich mir nichts vorstellen. Kommt das vom Wagnerfach, oder gar von den Schubert-Liedern oder gibt es eine spezielle deutsche Gesangsschule? Was hat das zu bedeuten? Heike
Italiener singen meist mit deutlich mehr Portamento (überbinden der Töne, was bei zuviel ein Ineinanderschleifen werden kann), während deutsche Sänger in der Tongebung "gerader" sind, ohne das - wenn auch nur geringe - hinüberziehen vom einem Ton zum anderen. Hängt in beiden Fällen mit der Tradition zusammen, aus der man kommt - und bei der Musik, wo was passt.... Wobei die Übergänge auch ein bißchen fliessend sind. Wagner selbst hat sich ja über die Qualitäten italienischen Gesanges sehr lobend geäußert, der wäre selbst über das Konsonatenspucken, das sich nach seinem Tod unter Cosima und Kniese in Bayreuth etabliert hatte, kaum erfreut gewesen.
Ich hoff, Du kannst was damit anfangen, ich bin kein guter Erklärer bei solchen Sachen - und wäre somit ein miserabler Gesangslehrer....
Heike (02.01.2011, 19:18): Danke! Den Begriff Portamento kenne ich, also jetzt kann ich mir darunter was vorstellen! Heike
Fairy Queen (03.01.2011, 10:13): Ergänzend noch zu K.M.: es hängt auch sehr von der Sprache selbst ab. Das Itanienische ist eine vokalbetonte Sprache und das Gleiten von einem Vokal zum Anderen ist ihr quasi schon immanent. Deshalb ist diese Sprache die beste Voraussetzung für ein gutes Legato. Mir hat mal eine Gesangslehrerin gesagt, die Konsonanten seien wie die Katzentüren, die sanft von einem Vokal zum anderen leiten und das Legato habe ich bei dieser Dame mit Glissando zwischen den Vokalen gelernt. Das ist nichts anderes als eine extreme Form des Portamento. Der Vokalreichtum des Italiensichen bietet sich daher für den Belcanto(in dem der Text eher zweitrangig ist und die Gesangslinie entscheidend) geradezu an, denn aus der Charakteristik einer Sprache leiten sich m.E. nicht nur solche Dinge wie Portamento oder Konsonanten spucken ab, sondern ganze Gattungen , Schulen und Philosophien. Das die Gattung "Lied" in Italienischen chancenlos und im Detuschen so wichtig ist, hängt auch damit zusammen. Aber das ist ein anderes Thema .
Was das Portamento angeht, ein praktisches Beispiel, das jeder selbst durchführen kann, um das am eigenen Leib zu erfahren: man nehme eine Quinte auf-und dann wieder absteigend auf die Silben mu(Grundton)-a(Quinte)-u(wieder Grundton). Erst singt man die Töne gut getrennt und dann ineinandergleitend, also mit starkem Portamento. Und man höre und spüre bitte den Unterschied. :wink
F.Q.
Maria-Anna (10.01.2011, 13:06): Hach Leute! :down ich war am Freitag in einer unglaublich gut besetzen Tosca im kleinen Bremerhaven..... http://opernblog.blogspot.com/2011/01/tosca-stadttheater-bremerhaven.html
Es ist echt manchmal unglaublich, was so kleine Theater mit so wenig Mitteln alles auf die Beine stellen!
Severina (10.01.2011, 13:28): Original von Maria-Anna Hach Leute! :down ich war am Freitag in einer unglaublich gut besetzen Tosca im kleinen Bremerhaven..... http://opernblog.blogspot.com/2011/01/tosca-stadttheater-bremerhaven.html
Es ist echt manchmal unglaublich, was so kleine Theater mit so wenig Mitteln alles auf die Beine stellen!
Klingt nach einem spannenden Opernabend! Ich gäbe was drum, in Wien endlich einmal eine andere Inszenierung als unsere über 50 Jahre alte Wallmann-Produktion sehen zu dürfen....
lg Severina :hello
Fairy Queen (08.02.2011, 14:05): Opéra National de Paris G.F. Haendel "Giulio Cesare" 7.2.2011
Leitung: Emmanuelle Häim Orchestre du Concert d'Astrée Regie: Laurent Pelly Decors: Chantal Thomas
Über die wohl bekannteste Oper Hândels selbst sage ich ncihts weiter, das kann man in jedem Opernführer besser nachlesen, so man sie noch nciht kennt. Die Musik ist von einer durchgehenden Schônheit und Überzeugungskraft, die m.E. so nur noch in der Alcina und im Orlando erreciht wird- es handelt sich in jedem Fall um ein Meisterwertk und eine Sternstunde der Musikgeschcihte. Leider oder gottseidank dauert diese Meisterwerk seine 3 1/2 Stunden und besteht zudem aus zahllosen Da-Capo Arien die immer wieder nach dem wohlbekannten barocken Prinzip a-b-a ablaufen. Wenn Sänger und Inszenirung nciht überzeugen, kann das schnell in unangenehme Längen ausarten und nciht wenige Hörer lassen sich deshalb von Barockopern nciht allzu sehr begeistern. Selbige sollten diese Aufführung sehen und alles sieht plötzlich ganz anders aus. :wink
Pelly, der Kennern der frz. bzw internationalen Szene fûr seine grandiosen Einfälle bekannt ist, verlegt das Ganze kurzerhand in die Antikenabteilung des Louvre und zwar in den Keller, wo die Kunst-Objekte ankommen, gelagert werden, ein- und ausgepackt, für Austellungen zurechtgemacht etc pp. Während der gesamten Oper gibt es ständig nichtsingende Arbeiter auf der Bühne, die verschieben, abschleppen, einpacken , säubern usw. sie werden immer wieder in die Inszenierung einbezogen und sind Teil derselben. Die Sänger bewegen sich innerhalb dieser Szenerie und sind nicht selten als lebende Statuen, lebende Bilder zu sehen, mit ensprechenden Kostümen: Beispiel: Cleopatras Bruder Tolomeo trägt exact das blaue Gewand und die Kopfbedeckung der berühmten sitzenden Pharao-Statue des echten Ptolemäus und Caesar ist einem Louvre Caesar nachgebildet. In einer Szene sitzen beide Sänger in Museumsschaukâsten und sind ihren Kunst- Darstellungen täuschend ähnlich. Die Antike wird sozusagen lebendig und dann doch wieder nicht- das ist ein toller Kunstgriff und ein durch und durch tragendes Konzept der gesamten Inszenierung. Im zweiten Akt wechselt Pelly kurz das Zeitalter und stellt die Liebesgeschichte Caesar/Clepatra in die Romantik- Schinken-Abteilung des Louvre. Epigonen von Delacroix, Monumentalgemälde, die natürlch alle Caesar und Cleopatra darstellen, werden aufgefahren. Die Arie "V'adoro pupille" wird als lebendes Bild inszeniert und hier trägt Natalie Dessay dann auch ein romantisches Rüschenkleid(stattt des äusserst raffiniert geschnittenen fast ncihts, das sie sonst mehr ent-als bekleidet) und wird von einem ebenso romantisch gewandeten Damenorchester, das auf der Bühne erscheint, begleitet. Die Liebe wird damit quasi aus der Antike rausgehoben und in die Hochromantik verlegt. Wobei Caesar allerdings immer derselbe bleibt......
Pelly hat sehr viel rasante, witzige und manchmal sogar etwas zu-viele Einfâlle.Man kommt sich nciht selten vor wie in einem sprühenden Operetten-Feuerwerk. Mich stört das nciht weiter, meistens im Gegenteil, aber das wäre ein evtl Kritikpunkt für Puristen. Mit Natalie Dessay hat er ausserdem einen Star im Ensemble, die das Koboldige noch enorm steigert und die sich fûr ncihts zu fein, zu divenhaft oder zu alt ist. In der Szene im ersten Akt, als sie ihrem Bruder die Herrschaft absprechen und ihn auf die Freuden der Liebe (als Ersatz) verweisen will, turnt sie auf einem riisigen Pharaotorso herum, der gerade aus Abu Simbel zu kommen scheint und räkelt sich dabei lasziv in allen möglcihen und unmöglchen Positionen herum- der Phantasie bleibt wenig Raum für das , was sie dem verweichlichten tolomeo als politikersatz empfiehlt. Diese Szene fand ich überzogen und fast peinlich, denn Dessay ist dabei fast nackt und als sie dann am ende anfängt auf dem Gexciht des Pharao zu reiten und das Ganze auch noch lautmalerisch das ganze unterstreicht, ist die Grenze für mich überschritten. Das ist aber auch schon mein einziger Einwand und wahrscheinlich Geschmackssache. Sie ist ja nun alles andere als eine Sexbomben-Cleopatra und hat hier zudem noch eine freche Kurzhaarfrisur, aber man nimmt ihr die Verführerin und den tausend Sehnsuchtstode sterbenden Caesar trotzdem ab und das ist ihre wahre Kunst. Etwas glaubhaft darszustellen, was man in Wahrheit nciht ist- das ist echtes Schauspîel Die Kostüme sind ausgesprochen gewagt, die römische und âgyptische Mode hat dabei Pate gestanden und sich mit frz. Lingeriekunst gepaart. Cornelia und Cleopatra tragen durchsichtige Roben und Cleopatra singt sogar teilweise oben ohne- aus der Nähe erkennt man dann, dass sie hautfarbene Figurnachformer tragen , bei denen sogar besonders schône Brustwarzen nachgebildet sind. Sowas hab ich noch nie auf der Bühne gesehen und erst mal geschluckt, weil ich dachte die beiden Damen sängen und spielten wirklich nackt.
Weiteres zu der Inszenierung, wenn sie von mehr Forianern am samstag gesehen wurde- ich war rundweg begeistert und das bei härtester Konkurrenz durch McVicars tolle inszenirung vor wenigen Jahren. Von Häim und Hândel bin ich eh begeistert, das ist einfach ihr Ding, bleiben die Sänger. Die folgen heute abend, mich ruft die Arbeit. Nur soviel: :down :down :down
F.Q.
Severina (08.02.2011, 15:15): Liebe Fairy,
das ist aber jetzt fiese, uns so lange auf die Folter zu spannen, wo ich doch sooooooo neugierig bin, wie "unsere" Natalie momentan bei Stimme ist. Das Inszenierungskonzept klingt toll, aber eigentlich kenne ich von Pelly keine Inszenierung, die mich nicht begeistert hätte. Und wie Du richtig sagst, gerade für die Da-capo-Arien muss einem Regisseur etwas einfallen, um das Publikum bei der Stange zu halten. Meine Favoriten in dieser Beziehung sind Robert Carsen und Jens-Daniel Herzog.
Leider, leider kann ich Mezzo nicht empfangen und daher nicht mitdiskutieren :I :S. (Apropos diskutieren: Ich warte immer noch auf Deine flammende Verteidigungsrede des Pariser "Werther", den ich doch im entsprechenden Thread ziemlich zerzaust habe! :cool :D)
lg Sevi :hello
Solitaire (08.02.2011, 15:30): So, jetzt hast du mich, die ich mich mit Brockopern doch auch manchmal etwas schwer tue, aber so richtig neugierig gemacht und angespitzt! Bin ebenfalls darauf gespannt, wie die Sänger sich geschlagen haben und werde mich mal nach einer Aufnahme umsehen.
Fairy Queen (08.02.2011, 19:10): Liebe Sevi und liebe Solitaire, erstmal hab ich meine Fehler oben verbessert und noch etwas eingeschoben, aber die Sänger kommen auch gleich. :D Was den Werther angeht muss ich leider enttäuschen, ich hatte noch keinerlei Zeit mir das wieder auf DVD anzusehen und kann im Moment und in absehbarer Zeit nichts Substanzielles dazu sagen. Asche auf mein Haupt, aber sogar mein eigener Reynaldo Hahn Bericht liegt brach, der tag hat leider nur 24 Stunden. Was die Übertragung des Pelly-Hândel angeht: vielleicht findet sich ja ein barmherziger Melomane, der seine Aufzeichnung mit Sevi teilen kann, ich bin leider technisch nciht ausgestattet und kann ncihts aufnehmen, habe nciht mal TV.....
Nun aber zu den Sängern: Erstmal was mir nciht gefallen hat: Nathan Berg, den ich schon aus Lille kenne und der zwar nciht schlecht aber auch nciht auf derselben Höhe wie die Anderen singt und spielt. Aber als basso cantante dennoch mit den besten singen darf, es gibt halt zuwenig Konkurrenz in dem Fach. Dominique Visses grässliche Counter Stimme, die nur zu ertragen weil, weil er die komische rolle des Nireno sang (oder kreischte....) Drei Counter auf einen Schlag, wobei zwei davon allerdings erste Sahne sind, insbesondere Lawrence Zazzo als Cesare, der zudem auch die Rolle glaubhaft verkörperte und wie ein echter antiker Held und Macho rüberkam. Man konnte dabei annâhernd nachvollziehen, dass Cleoparta auf starke Männer abfuhr und genug von verweichlichten Pharaonen und Inzest hatte.....
Zazzo und Dumaux waren perfekt gecastet und beide haben eine phânomenale Koloraturtechnik.
Begeistert haben mich die mir noch unbekannten Damen: Isabel Leonard(Mezzo) und Varduhi Abrahamyan(Allt). Herrlich timbrierte Stimmen, persönlichee Überzeugungskraft, wunderbare Technik- einfach ideale Rollenbesetzungen. Das Mienenspiel des Sesto in seinem wunderschönen Gesicht war allein ein Schauspiel und die Erscheinung der Cornelia in einer durchsichtigen Toga und einer sehr kunstvollen antiken Frisur fast zu auffällig- man wusste nicht immer, ob man mehr sehen oder mehr hören sollte, beides zusammen ist manchmal nciht ganz einfach. :wink Ich liebe ohnehin die verzweifelten Arien der Cornelia udn das Duett der beiden war ein Gedicht! Die Namen muss man sich unbedingt merken :down :down :down Nun zum Star des Abends: Natalie Dessay. Die Cleopatra ist ein Rollendebüt für sie und sie verkörpert die Rolle stimmlich ideal, aber ich glaube nciht, dass das wirklich ihre Idealrolle ist. Sie hat hier einfach zuwenig Möglichkeiten, das grosse Potential ihrer hinreissenden Höhe zu entfalten, Die Rolle liegt zwar nciht wirklich tief, aber auch nciht wirklich hoch- nur in den Da Capo Teilen kann Dessay wirklich zeigen was sie hat und kann. Sie singt sehr sehr gut und jeder Regisseur und Dirigentsoll froh sein, sie zu haben, aber ich weiss nciht, ob sie in dieser Rolle nciht unter ihrer Liga singt. So ein bisschen, wie wenn ein Weltmeister plôtzlich in der Oberliga antritt. Das heisst keinesfalls dass diese rolel leicht zu singen ist, sie ist riesenlang und hat 8 Glanzarien! aber fûr einen Koloratursopran ist das keine wirklich Paraderolle Vielleicht will sie sich hôhenmässig schonen (klug!) oder einfach ihren Spass haben (in dieser Inszenierung kann sie sich so ausleben wie sonst nur in der Operette....) oder, und das kann ich bestens nachvollziehen, sie ist von Händels Musik so hingerissen, dass ihr alles Stimm-Theater egal ist und sie nur diese Musik singen will. Ihre Arien sind wirkich ein Traum nach dem Anderen :engel Alle drei Gründe zusammen passen zu ihr. Leichte Schwächen zeigte sie gestern bei grossen aufsteigenden Intervallen. Da gelangen ihr nicht allzuoft ihre berühmten piani in der Höhe udn der Ansatz des hohen Tons war manchmal zu hart und schrill, was den besonderen Glanz ihrer Stimme zerstört. Sie hatte sich letzte Woche fûr einige aufführungen krank gemeldet und war evtl noch nciht ganz auf der Höhe. Gut, das Händelpartien so stimmfreundlich sind!
Wie ich schon gesagt habe: die exotische Männermörderin und subtile Verführerin ist sie wahrlich nciht, eher ein mâdchenhafter und frecher Kobold,aber sie überzeugt dennoch- das ist das Wunder an dieser Frau und ihrer Begabung. Manchmal übertreibt sie und tut das schamlos im wahrsten Sinne des Wortes, aber da sie nicht ordinâr wirken kann, ist man ihr nie gram deswegen. Ein Phänomen! Ihr Meisterstück war gestern die Arie "Per pietà" am Ende des dritten Aktes- zum Hinschmelzen schôn gesungen und gespielt. Ihr seht, ich bin noch ganz im Zauber- Bann dieser Aufführungund sehr gespannt, was andere dazu meinen.
F.Q.
Heike (08.02.2011, 19:21): Liebe Fairy, zu Natalie Dessays Cleopatra gibt es auch eine CD, die im Kulturradio des rbb gerade die CD der Woche ist:
Es wurden schon einige Auszüge gestern und heute gespielt, mir hat es sehr gut gefallen (aber ich mag sowieso die Händel-Opern sehr gern!). Wieder begeistert bin ich von Emmanuelle Haim (schon früher, auf anderen CDs!) ich hoffe, ich habe irgendwann auch mal das Vergnügen, sie live zu sehen!
Danke für den Bericht! Heike
Solitaire (08.02.2011, 20:14): Die habe ich heute im Laden gesehen! Ich mußte mich sehr zusammenreißen, sie nicht zu kaufen, da ich mein Geld zur Zeit für andere Dinge brauche, aber sie steht auf der to-do-Liste!
Fairy Queen (08.02.2011, 21:10): Hier gibt es schon einige Bilder: http://fomalhaut.over-blog.org/article-giulio-cesare-dessay-zazzo-msc-pelly-au-palais-garnier-65215140-comments.html#comment75006479 Und vor allen Dingen hier- auch wenn ihr nichts von dem frz. Bericht versteht, trotzdem ansehen, denn es gibt bereits ein Bild von der Szenerie;
http://www.youtube.com/watch?v=ovDyNpUZWPY
Ich habe oben vergessen zu sagen, dass das Regiekonzept und vor allen Dingen Händels Musik eine echte entwicklung in der figur der Cleopatra will. Von der leichtlebigen machtgierigen femme fatale zur liebenden und sogar an der lLebe leidenden Frau. Besonders diese liebende Frau überzeugt in Dessays Interpretation! Die Cd kenne ich noch nicht, werde sie mir aber unbedingt kaufen. Da es eine Studioaufnahmen ist gibt es nur die Sternstunden-Töne. und die sind wahrlich traumhaft. :down :down :down
Fairy Queen (13.02.2011, 09:27): Hatte jemand Gelegenheit, den Giulio Cesare zu sehen?
Karolus Minus (13.02.2011, 12:35): Original von Fairy Queen Hatte jemand Gelegenheit, den Giulio Cesare zu sehen?
Ich hab gestern abend das Video bekommen und vorerst nur mal vielleicht 25 Minuten "diagonal" geschaut. Wenn der erste Eindruck vorhalten sollte, dann ist das ziemlich grandios - und zwar durchgehend, nicht nur "Star mit drumherum".
Einen schönen Sonntag! Karolus -, der sich nachher als Alternativprogramm "The Lighthouse" von Peter Maxwell Davis und "Von Fischer un syner Fru" (Plattdeutsch mit deutschen Übertiteln) von Othmar Schoeck in Lübeck anschauen wird.
Fairy Queen (13.02.2011, 18:08): Das freut mich sehr zu lesen! Wenn Du Alles gesehen hast, bin ich serh auf ausfühtlicheren Kommentar gespannt. Ich fand es so grandios, dass ich diese Aufführung für eine neue Referenz halte. Ich hoffe, Pelly knöpft sich noch möglichst viele Oper dieses musikalischen Kalibers vor. F.Q.
Severina (21.02.2011, 19:50): Liebe Fairy,
dank eines lieben Forianers (Noch einmal: grande merci!) bin ich nun auch im Besitz dieser Aufnahme und habe mir eben den ersten Akt angeschaut! Der zweite folgt sogleich, aber dazwischen muss ich schnell meiner Begeistrung Ausdruck verleihen! Ich bin ja schon lange ein Fan der Regiearbeiten von Laurent Pelly, und mit dem "Giulio Cesare" ist ihm ein weiterer Geniestreich gelungen. Die Idee, die Geschichte im Antikendepot eines Museums spielen zu lassen, ist wirklich genial, nicht nur wegen des Spiels mit den verschiedenen Realitätsebenen, sondern weil das in mir eine besondere Saite zum Klingen bringt. Seit jeher stelle ich mir in Museen/Gemäldegalerien die Frage: "Wer warst Du?", natürlich ohne eine schlüssige Antwort zu finden, und die findet auch Pelly nicht - wie sollte er auch. Kleopatra hat weder mit Shakespeare, noch mit Händel viel zu tun, selbst die Annäherungswerte an die historische Königin, die uns die Wissenschaftler geben, sind wahrscheinlich meilenweit von der Wirklichkeit entfernt. Und trotzdem, indem Pelly genau diese Frage stellt, werden für mich die "toten Skulpturen" lebendiger als in einer 1:1-Inszenierung, die das Libretto ganz ohne Brüche ernst nimmt und so tut, als erzähle es uns die Geschichte von Carsar und Kleopatra. Ich fühle mich ihnen näher, ihr Schicksal berührt mich mehr als in einem bloßen Kostümschinken. Das kann ich nicht rational erklären, aber es ist einfach so. Alleine die letzte Szene, das Duett, in dem Cornelia und Sesto voneinander Abschied nehmen: Wie da die Depotarbeiter die Kisten, auf denen die beiden sitzen, in unterschiedliche Richtungen hinausziehen - kann man die Tragik dieser Szene eindringlicher zeigen??
Und daneben dann Pellys feiner Humor, der sich in vielen Kleinigkeiten zeigt, etwa in den Singenden Büsten zu Beginn oder im über die unordentlich herumliegenden Schwerter empörte Kustos.
Anfangs versuchte ich hinter das Konzept zu steigen: Wird jetzt die Antike lebendig, also eine Art Geisterstunde im Antikendepot? Oder regen die Skulpturen die Phantasie der dort Arbeitenden an, stellen sie sich ähnliche Fragen wie ich? Aber dann vermischen sich die Ebenen, gibt es Brücken zwischen der realen Welt des Depots und der Phantasiewelt des Spiels - köstlich, wenn plötzlich alle Arbeiter Kleopatra anhimmeln - also ist es wohl die Brücke der ewig gültigen Gefühle, die uns mit den fernen Menschen der Antike verbinden. Wie auch immer, ich zerbreche mir einfach nicht mehr den Kopf, was genau Pelly gemeint hat, sondern habe meinem Spaß daran, wie perfekt die Rädchen ineinandergreifen.
Was die Sänger betrifft, bin ich exakt Deiner Meinung, die sind bis auf die eine Ausnahme allesamt großartig. Und genau wie Du bin ich besonders von den Sängerinnen der Cornelia und des Sesto begeistert.
Natalie Dessay werte ich genauso positiv wie Du, aber unter einer anderen Prämisse: ich finde ihre Kleopatra sehr erotisch und finde gar nicht, dass sie mehr Kobold als große Verführerin ist. Sie schätzt einfach die Männer ihrer Umgebung richtig ein, nämlich als testosterongesteuerte Dummköpfe, die sie mit Leichtigkeit um den Finger wickelt. Dass sie sich dabei selbst sehr lasziv als Köder anbietet, auch ihrem Bruder, dessen Intelligenz sowieso zwischen den Beinen sitzt, ist für mich nur logisch. Dessay spielt das hinreißend und in meinen Augen kein bisschen peinlich, es passt für mich auf den Punkt genau.
So, und jetzt freue ich mich auf den zweiten Akt!
lg Sevi :hello
Fairy Queen (21.02.2011, 21:31): Liebe Sevi, wie schön, dfass Du genauso begeistert bist! Wir haben die 3 Cds (grand grand merci an Peter den Allzeitschenkenden und Musikgenüsse-Teilenden) am Samastag auch nochmal angesheen und in Händel Seligkeit geschwelgt. diese Musik ist so edel und nobel und trotzdem voller Witz und Emotion- einfach nur genial! Was die Peinlichkeit angeht: ich finde das ganze allegemein auch kein bisschen peinlich, im Gegenteil- bei der echten Cleopatra ging es sicher noch ganz anders zu, aber da, wo Natalie Dessay auf dem Gesicht des Pharao reitet und dabei an Grimassen und geräuschen ncihts auslâsst, hätte ich mir weniger derb-um die Ohren gehauenes gewünscht.Auf mich wirkte das deplaciert, zumal die Dame 45 Jahre alt ist und kein "Boxenluder"-Typ das Wort hab ich im Forum gelernt, jawoll!. Aber das Geschmackssache und das kann man natürlich ganz anders sehen. Nee, erotisch finde ich N.D. trotz der perfekten Brustwarzen und der durchsichtigen Gewänder nicht. Aber auch das ist Geschmackssache und ausserdem bin ich ja kein Mann.... :wink Viel Spass beim 2. und 3. Akt!!! Ich freu mich scho nauf deinen Kommentar. F.Q.
Peter Brixius (21.02.2011, 22:58): Der Giulio Cesare in Egitto war mein mich begeisternder Einstieg in die Opernwelt Händels. Mit seiner Instrumentalmusik und seinen Oratorien war ich früh vertraut, aber die Oper mit ihren Kastratenpartien entzogen sich mir.
Janet Bakers Rollengestaltung des Giulio Cesare brachte für mich den Durchbruch. Ein Mezzo als Alt-Kastraten-"Ersatz", der so glaubhaft die Rolle zu gestalten wusste, das war für mich eine überzeugende Lösung. Die traditionelle, Giulio Cesare von einem Bass singen zu lassen, hat mich noch nie überzeugt, auch bei Harnoncourt nicht. Die Partie ist so virtuos geschrieben, dass sie von einem Bass nicht adäquat wieder gegeben werden kann. Aber ein Counter kann mich leider nicht überzeugen - und das ist mein einziger Einwand gegen die vorzügliche Einspielung unter Haim. Ich kann eher eine Janet Baker ins Männliche übersetzen als einen Counter, sorry ...
Eine der schönsten Einspielungen der Oper (bei mir stapeln sich inzwischen die Giulio Cesare-Boxen) ist die mit Bernarda Fink als Cornelia. Wenn man nach der Cleopatra geht, ist sicher die mit Dessay die beste - unwiderstehlich! Aber die Hauptrolle ist mE immer noch der Cäsar (man höre/sehe die Eingangsszene, die überwältigende Szene am Grab Pompeius) - und da brauche ich einen absolut überzeugenden Darsteller. Klar, dass die Bassisten da überzeugen - allerdings nicht in den Koloraturarien, in denen sie hoffnungslos hängen bleiben. Im Moment liegt Janet Baker bei mir noch immer an erster Stelle.
Alles andere spricht für diese wunderbare Einspielung unter Haim. Schön, dass es sie gibt.
Liebe Grüße Peter
Severina (21.02.2011, 23:54): Liebe Fairy, lieber Peter, eben hat sich der Vorhang gesenkt und ich habe im Wohnzimmer begeistert mitapplaudiert! Die Inszenierung hielt auch im 2. und 3. Akt, was sie im 1. versprochen hatte, ich bin restlos begeistert. Allerdings muss man sie wohl mehrmals sehen, um die vielen feinen Details herauszufiltern, mit denen Pelly arbeitet. Neben Carsen und Herzog ist er nun der 3. Regisseur, der es versteht, Barockopern witzig zu inszenieren, sie aber trotzdem ernst zu nehmen. Alle drei pflegen einen subtilen Humor, der nie mit dem Holzhammer daherkommt und nie aufgesetzt wirkt. Mir gefällt beim Cesare besonders diese wechselseitige Durchdringung der Spielebenen, dass aber auch oft in der Schwebe bleibt, auf welcher Ebene man sich gerade befindet. Manchmal gibt es "Löcher" in die andere Welt, etwa wenn Cleopatra leicht irritiert und verblüfft den beiden Magazineuren nachschaut, die gerade ein Schiffsmodell vorbeitragen. Köstlich finde ich die Szene, wo sie sich in der Virtine räkelt, die gerade geputzt wird.
Lawrence Zazzo kenne ich bereits als Ottone vom ThadW, schon damals gefiel er mir sehr gut und ich wünschte mir, er hätte den Nerone gesungen, den ich ziemlich unerträglich fand. Denn eigentlich geht es mir wie Peter - ich hab's nicht so mit Countertenören (Ich habe immer Probleme, diese extreme Stimmlage mit einem "richtigen" Mann in Verbindung zu bringen...), und als ich Deine Rezension las, war mein erster Gedanke "O Gott, 3 Counter, wie hält man das aus!" Ich bezweifelte, dass ich Deine Euphorie teilen würde, was die Sänger betrifft, und doch ist es so. Zazzo und Dumaux sind großartig und überzeugen mich auch als Typen, weil beide trotzdem masculin wirken. Der 3. im Bunde, Visses, ist allerdings eine Zumutung.
Noch rasch zu Nathalie: Natürlich ist sie kein Boxenluder, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es ihr Spaß macht, eins zu spielen. Außerdem wandelt sich die Cleopatra vom frivolen Vamp des 1. Aktes sowieso zur großen Liebenden, wenn auch nicht ohne dynastische Hintergedanken. (Was die Wirkung weiblicher Erotik angeht, bin ich natürlich auch keine Expertin, diese Frage müssten Peter oder Dein liebe Gatte beantworten :wink )
lg Sevi :hello
Peter Brixius (22.02.2011, 00:51): Original von Severina Noch rasch zu Nathalie: Natürlich ist sie kein Boxenluder, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es ihr Spaß macht, eins zu spielen. Außerdem wandelt sich die Cleopatra vom frivolen Vamp des 1. Aktes sowieso zur großen Liebenden, wenn auch nicht ohne dynastische Hintergedanken. (Was die Wirkung weiblicher Erotik angeht, bin ich natürlich auch keine Expertin, diese Frage müssten Peter oder Dein liebe Gatte beantworten :wink )
Liebe Severina,
es gibt leider keine "einfache" Antwort.
Die Brustwarzen verweisen auf die säugende Mutter. Also gibt es für Männer entweder die Identifikation mit ihrer Mutter oder mit der Mutter ihrer Kinder. Wenn ich so einen Counter habe, fällt mir eher der Rückblick auf die eigene Mutter ein. Dann versinke ich in meine vor-bewußte Säuglings-Existenz (ähnlich wie dann Schamhaare den Wunsch repräsentieren, in die Vagina der Mutter zurück zu kehren).
Aber ist das Cäsar? Ist es bei Cäsar nicht das Ziel des erwachsenen Mannes, Nachwuchs zu zeugen, königlichen gar?
Weibliche Erotik zielt entweder auf das eine, Mutter und Hort des Friedens zu sein, oder Mutter der zukünftigen Geschlechter und Quell der Kraft zu sein, die zukünftige Geschlechter mit der Aggressivität ausstattet, sich gegen andere durchzusetzen.
Die Erwartung Cäsars ist mE sicherlich die zweite. Barocke Literatur hat Erotik und die Zielsetzung von Macht immer im Zusammenhang gesehen (vgl. Lohenstein) - und so sehe ich das Verständnis von Händel: Es geht nicht um eine retrospektive (homoerotische) Perspektive, sondern um eine aggressiv zukunkunftsgerichtetete.Die Partnerschaft von Cäsar und Kleopatra begründet ein neues Imperium.
Liebe Grüße Peter
Fairy Queen (22.02.2011, 07:32): Liebe Sevi, mich hatte die Aussciht auf DREI Counter auch abgeschreckt,(du kennst ja meine Haltung zu sieder Spezies Sänger :wink) aber das Konzept war in diesem Fall einfach total überzeugend. Ein kriegerischer Caesar, der seiner Statue gleichen muss kann einfach nicht von einer Frau dargestellt werden, so viel lieber ich auch Altstimmen (siehe Janet Baker oder sonia Prina die in Lille einen grossartigen Caesar gab) in dieser Rolle höre. Basse schliesse ich wie Peter aus, die schaffen kaum mal, den Achilla, wie soll da erst der Caesar gehen? Nee, dazu liebe ich guten Gesang zu sehr und Samuel Rameys in Hochform gibt es leider nur alle Jubeljahrzehnte auf internationalen Bühnen. Was die Brustwarzen angeht: an Mutter hab ich gar nciht gedacht.... ?( In dieser Inszeneirung ist alles so auf Erotik ausgelegt, dass man eine säugende Cleopatra oder Cornelia schlecht hineindenken kann. Aber die Gründung der Dynastie und die Herrschaft über zwei Imperien, die Peter anspricht, legen den Gedanken dann doch nahe. Der Sohn der beiden Protagonisten, Caesarion, scheint aber ein eher trauriges Schicksal gehabt zu haben- oder?
Wie auch immer: Natalie Dessay passt weder als Boxenluder noch als säugende dynastiengründendeMutterkuh- sie ist halt ein Unikat und erschafft jede Rolle dadurch neu. Ihre Wandlung zur leibenden Frau in der Arie Per pietà war für mich ein Höhepunkt der Oper. :down :down :down
Ich wünsche dieser Aufführung eine DVD und möglichst viele Hörer- besser kann man es kaum hinbekommen.
nikolaus (22.02.2011, 22:40): So, ich möchte in diesem thread doch auch mal mitreden.
Gestern war ich in der Kölner Philharmonie, wo Verdis Il Trovatore konzertant (! - ich denke wegen der anstehenden Sanierungsarbeiten in der Kölner Oper) gegeben wurde.
Zugegeben, ich bin vor allem wegen Anja Harteros hin, weil man (und ich auch im Radio) schon so viel Gutes über sie gehört hat.
Und was soll ich sagen: mit einigen wenigen Abstriche war das ein grossartiger Abend!
Die Szene hat - ehrlich gesagt - kaum gefehlt. Das lag vor allem an den Sängern, genauer an den Sängerinnen, die auch so die nötige Atmosphäre schufen und allein mit ihrer Stimme alles ausrücken können. Die Szenen mit Arien aus dem off (Manrico, Chor...) sind auch entsprechend gelöst worden (Manrico einmal hinter der "Bühne", einmal hoch oben auf einem Balkon, der Chor im Foyer bei geöffneten Türen). Da das Orchester auf der Bühne natürlich sehr präsent ist, hört (und sieht) man anders: wenn Orchester, Dirigent und Solisten quasi verschmelzen, ist das sehr beglückend, andererseit fallen "Stolperer" auch deutlicher auf. Und wenn ich wiederum sehe, was für einen Spaß die Orchestermusiker haben, freue ich mich auch...
Hier die Besetzung:
Leonora - Anja Harteros - ein Traum von einem Verdi-Sopran. Mühelos in allen Lagen, langer Atem, ein Gespür für die Musik und vor allem eine wunderschöne Stimme!!!
Inez, deren Vertraute - Adriana Bastidas Gamboa - eine entzückende junge Kolumbianerin, Mitglied des Ensembles, mit einem tollen Mezzo, eigentlich eine Luxusbesetzung für diese kleine Rolle.
Graf Luna - Kiril Manolov - ein Riese von einem Bariton mit einem Brustumfang, der eigentlich das Frackhemd hätte sprengen müssen. Eindringliche Rollengestaltung und durchaus imposante Stimme; witzigerweise hatte dieser kräftige Sänger bisweilen etwas zu kämpfen.
Ferrando - Mirco Palazzi - ein "Zwerg" von einem Bariton (ganz lustig anzusehen neben dem Grafen) mit einem angenehmen Auftreten und einer eleganten, weichen Stimme.
Azucena - Andrea Edina Ulbrich - ist weltweit offenbar auf diese Rolle abonniert; letztes Jahr hat sie in Verona gesungen. Sie hat aber auch die ideale Stimme dafür: ein voluminöser, wenn nötig "orgelnder", bei Bedarf durchschlagskräftiger Mezzo. Sie braucht nur die Arme zu verschränken und ihre Stimme fliessen zu lassen und alles ist klar.
Manrico - Giuseppe Gipali - an sich keine schlechte Stimme, vielleicht etwas monochrom; aber die Stimme ist nicht sehr groß, wird schnell eng und man merkt dann doch, dass es ihn Kraft kostet. Vielleicht ist er an kleineren Häusern besser aufgehoben, und vielleicht fehlt ihm am meisten die Szenerie; er wirkte etwas steif (wobei diese Rolle aber auch wirklich nicht sehr dankbar ist...).
Ruiz, Manricos Vertrauter - Alexander Fedin Ein alter Zigeuner - Jong Doo Park Ein Bote - Jeongki Cho - Ensemblemitglieder, wegen der kurzen Auftritte will ich mir kein Urteil erlauben.
Chor der Oper Köln: ganz famos! und engagiert geleitet von Andrew Ollivant (scheint ein kauziger Typ zu sein).
Gürzenich-Orchester Köln unter Markus Stenz: manchmal nicht optimal ausbalanciert, aber insgesamt haben sie sicher zum Gelingen des Abends beigetragen.
Begeistertes Publikum in der fast ausverkauften Philharmonie.
Nikolaus.
Severina (22.02.2011, 23:23): Original von Fairy Queen Liebe Sevi, mich hatte die Aussciht auf DREI Counter auch abgeschreckt,(du kennst ja meine Haltung zu sieder Spezies Sänger :wink) aber das Konzept war in diesem Fall einfach total überzeugend. Ein kriegerischer Caesar, der seiner Statue gleichen muss kann einfach nicht von einer Frau dargestellt werden, so viel lieber ich auch Altstimmen (siehe Janet Baker oder sonia Prina die in Lille einen grossartigen Caesar gab) in dieser Rolle höre. Basse schliesse ich wie Peter aus, die schaffen kaum mal, den Achilla, wie soll da erst der Caesar gehen? Nee, dazu liebe ich guten Gesang zu sehr und Samuel Rameys in Hochform gibt es leider nur alle Jubeljahrzehnte auf internationalen Bühnen.
Ich wünsche dieser Aufführung eine DVD und möglichst viele Hörer- besser kann man es kaum hinbekommen.
Liebe Fairy, bei dieser Frage bin ich hin und hergerissen, weil ich nicht nur mit Counter, sondern auch mit Hosenrollen ein Problem habe. (Das hat mir lange Zeit einige frühe Opern Rossinis vermiest...) Was ich als das kleinere Übel betrachte, ist von Werk zu Werk verschieden, aber ein Ceasar MUSS für mich ein Mann sein, da sind wir uns ganz einig. (Und ja, Caesarion wurde auf Befehl Octavians ermordet, nach Kleopatras Selbstmord.)
Und ehrlich gesagt waren meine Assoziationen zu den freizügigen Kostümen auch keine mütterlichen, und ich bezweifle ein wenig, dass Laurent Pelly von Peters faszinierender psychologischen Analyse ausgegangen ist ist. Ich unterstelle ihm mal wesentlich banalere Motive :D Ich hätte aber auch wissen müssen, dass ich von einem Geistesmenschen wie Peter auf die banale Frage "Findest Du Nathalie Dessay erotisch?" keine einfache Antwort bekommen würde :wink :D
lg Sevi :hello
Severina (22.02.2011, 23:30): Lieber Nikolaus, ich bin zwar kein Fan konzertanter Opern, schon gar nicht, wenn es sich um eine so hochdramatische wie "Trovatore" handelt, aber für Anja Harteros hätte ich eine Ausnahme gemacht! Allerdings kann ich mir vorstellen, dass es ihr gar nicht leicht gefallen ist, ihre Rolle "nur" mit stimmlichen Mitteln zu gestalten, ist sie doch eine ausgezeichnete Singschauspielerin. Schade, dass Dich der Manrico nicht so begeistert hat, gerade da sind "Schmettertenöre" gefragt. Ich hab's mit denen ja nicht so, und daher ist meine Lieblingsarie in dieser Oper auch nicht der berühmte Tenorhit, sondern Lunas "Il balen del tuo sorriso", für mich eine der schönsten Baritonarien überhaupt. lg Severina :hello
Besetzung: Königin der Nacht: Elena Fink Pamina: Dorothea Brandt Tamino: Patrick Henckens Papageno: Miljan Milovic (und ich habe mir sooo sehr Thomas Laske gewünscht... :() Papagena: Annika Boos Erste Dame: Banu Böke Zweite Dame: Joslyn Rechter Dritte Dame: Mirjam Scholz Sarastro: Thomas Schobert Monostatos: Boris Leisenheimer Dir.: Florian Frannek Sinfonie Orchester Wuppertal Chor u. Statisterie Wuppertaler Bühnen Regie: Christian v. Treskow
Die Wuppertaler „Zauberflöte“ ist eine jener ärgerlichen Produktionen, die gewaltsam versuchen wollen, den Bruch im Handlungsverlauf wegzuerklären. Anstatt einfach hinzunehmen und zu akzeptieren, daß die Welt nicht schwarz oder weiß ist, die böse Königin der Nacht eine liebende Mutter sein kann und mit ihrem Zorn auf Sarastro keineswegs völlig unrecht hat, Sarastro seinerseits ein chauvinistisches Frauenbild und rassistische Tendenzen pflegt, und dennoch kein Tyrann ist, wurden die Vorzeichen in Wuppertal einfach umgedreht: die Königin ist eine zornige Streiterin für das Recht und die Freiheit, Sarastro ein fast schon faschistischer (Gewalt)herrscher, Taminos Prüfungszeit eine Gehirnwäsche. Tja. Besser wird das manchmal problematische Libretto dadurch aber leider auch nicht. Dabei fängt es gar nicht mal sooo schlecht an: das Reich der Königin der Nacht ist hell, weiß und lichtdurchflutet, selbst die mordlustige Schlange ist weiß, die Damen der Königin sind in überaus kleidsame, weiße Gewänder gehüllt:
Das ist ungewöhnlich, hat mich aber nicht gestört, und in der Tat: kann sich irgendjemand vorstellen, daß Papageno, der ja nach eigenem Bekunden das Land in dem er geboren wurde niemals verlassen hat, in einer Welt der ewigen Finsternis und des Schreckens „sozialisiert“ wurde, wie man das wohl nennt? Irgendwo muß er seine heitere Sorglosigkeit ja her haben. Also: ungewöhnlich, aber passend. Prinz Tamino gibt sich in all dem Weiß schon durch seine farbige Kleidung als Fremder zu erkennen. Papageno ist weniger farbenfroh gekleidet als man es gewohnt ist, seinen Charakter aber hat der Regisseur unangetastet gelassen: er wirkt wie ein verlässlicher alter Freund in einem Kreis von Menschen, die einem im Laufe der Zeit immer fremder werden. Hier versorgt er den Haushalt der Königin übrigens vor allem mit Hühnern für ihre Küche. Schon recht, ein Brathähnchen wäre mir ohnehin lieber als unschuldige Singvögel einzusperren. Die Königin (ganz in leuchtendes, schimmerndes Gold gehüllt) gibt Tamino den Auftrag Paminen zu retten. Dann erscheinen die drei Knaben, die unverständlicher Weise mal wieder von drei jungen Frauen gesungen werden. Unverständlich, weil es in Wuppertal die hervorragend singende Wuppertaler Kurrende gibt, aus der sich mit absoluter Sicherheit drei wunderbare Knaben rekrutieren ließen... Die Knaben kommen in einem Gefährt aus Holz daher, das an eine Hausgans erinnert, und sehen seltsam aus: kahlköpfig, grau geschminkt mit Fledermausohren und Engelsflügeln. Drei sehr seltsame, etwas gruselige Teletubbies.
Auch Sarastros Reich ist zunächst noch hell: die Mauern des Weisheitstempels sind weiß, aber schon der erste der Eingeweihten dem Tamino begegnet verheißt optisch nicht gutes: groß, schlank, kahlköpfig und in düstere, wehende Gewänder gehüllt erinnert er fatal an Klaus Kinski in „Nosferatu“. Grau und schwarz sind dann im weiteren Verlauf der Handlung auch die Farben Sarastros: bei seinem Einzug schwenken trostlos gekleidete Menschen (und offenbar auf Geheiß der Geheimpolizei) schwarze Fähnchen. Das ganze erinnert an verordneten Jubel wie wir ihn aus diversen Diktaturen kennen. Bunter und heiterer wird es dann auch nicht mehr werden, es bleibt düster, dunkel und bedrückend. Und um es vorweg zu sagen: in dieser Produktion ist es offenbar Sarastros Ziel, sich einen Kronprinzen heranzuziehen der eines Tages das Ruder übernehmen und die Herrschaft in seinem Sinne fortführen wird. So ist es ja auch, aber hier wird das Ganze wesentlich düsterer ausgedeutet als es m.E. der Fall sein sollte. Da sind Pamina und Papageno zunächst eine wahre Erholung: Pamina trägt ebenfalls weiß, ihre Frisur gemahnt an Prinzessin Leias legendäre Haarschnecken und sie ist ein im Grunde fröhliches, lebhaftes Mädchen, das allerdings im Laufe der Handlung immer mehr in eine Art psychischen Ausnahmezustand getrieben wird: da ist die versuchte Vergewaltigung (und um eine solche handelt es sich hier eindeutig) durch Monostatos, da ist die Gefangenschaft in Sarastros Reich, da ist die plötzliche Verliebtheit in Tamino, da ist der Mordauftrag durch die Mutter, da ist Sarastros Rede von der Rache die man hier nicht kennt. Worte, die alles über den Haufen werfen was Pamina bisher über diesen Mann (und ihre Mutter) zu wissen glaubte. Kein Wunder, daß Taminos Schweigen sie an den Rand des Suizid treibt. Wenn der Regie etwas gelungen ist, dann zu zeigen, wie im Verlaufe der Handlung mit diesem armen Mädchen umgesprungen wird, wie jeder an ihr zerrt und sie für seine Zwecke benutzen will. Am Ende wird sie eine leblose Marionette sein: die hohe Frau an der Seite des nicht minder marionettenhaften Tamino. Sie wird nichts mehr hinterfragen und willenlos den Platz einnehmen den Sarastro für sie vorgesehen hat, den schließlich hat sie jetzt einen Platz gefunden an den sie gehört.
Das ist alles nicht dumm überlegt (und natürlich hat der Heilsbringer Sarastro in der Tat beunruhigende Eigenschaften) nur findet sich eben von dem was die Regie ab der 4. Szene (also in Sarastros Reich) auf die Bühne bringt kaum etwas in Mozarts Musik wieder, und die Musik und das was sie uns erzählt, ist bei einer Oper für mich dann eben doch das Maß aller Dinge, Ungereimtheiten im Text hin oder her. Ich persönlich finde ja, daß die Schwachpunkte im Libretto dieser Oper bei geschickter Regie dessen größter Vorteil sein können: es ist eben nicht alles nur gut, oder nur böse. Böse Menschen haben berechtigten Grund zum Zorn, gute Menschen die um Weisheit bemüht sind, haben ihre abgründigen Seiten. Wenn man „In diesen Heilg’en Hallen“ pervertiert in dem Sarastro Pamina mit seinen Worten geradezu bedrängt, und ihr am Ende einen zynischen Blick zuwirft, so ist das sehr viel platter, dümmer und problematischer als wenn der nach Wahrheit strebende Sarastro in den großen philosophischen Fragen ein weiser Mann ist, und im Kleinen (Monostatos, seine Einstellung Frauen gegenüber) versagt.
Wie schön, daß wenigstens Papageno und Papagena so sein dürfen wie sie immer waren: fröhlich, sympathisch, unbekümmert und im richtigen Moment feige. Sollen die Regisseure dieser Welt mit allen anderen Figuren der Zauberflöte anstellen was sie wollen, aber meinen Papageno soll man bitte in Ruhe lassen!
Zur musikalischen Seite ist zu sagen, daß mir die Aufführung, mit den Abstrichen die man in der Provinz nun mal machen muß wirklich gut gefallen hat. Natürlich weckt jeder Provinz-Tamino meine Sehnsucht nach Fritz Wunderlich oder Francisco Araiza, aber was soll’s, Patrick Henckens hat sich achtbar geschlagen, ebenso Elena Fink als Königin der Nacht. Nein, ihre Koloraturen können sich nicht mit Edda Moser, Natalie Dessay oder einer der anderen üblichen Verdächtigen messen, und an einer Stelle hat sie ganz schön gemogelt (und wenn ICH das höre, dann möchte ich nicht wissen, was unsere Wienerinnen und Wiener dazu sagen würden...). Dennoch hat sie mir im Großen und Ganzen gut gefallen. Wirklich gut waren Dorothea Brandt als Pamina und Miljan Milovic als Papageno. Letzterem hätte noch ein bisschen mehr Spielfreude nicht geschadet, aber er hat sich im Laufe des Abends sehr gesteigert, und seine Arien und Lieder verfehlen ohnehin bei mir nie ihre Wirkung. Der einzige stimmliche Totalausfall war für mich Sarastro: seine Stimme war einfach nur schrecklich und hatte manchmal das was man wohl „Wobble“ nennt, und da hat nix mit Provinztheater zu tun. Die Wuppertaler Sinfoniker waren dagegen ein Quell reiner Freude, die Ouvertüre war so wunderbar gespielt, daß ich mich standhaft geweigert habe, die eingeblendete „Vorgeschichte“ zu lesen durch die offenbar via Übertitel im Vorfeld mitgeteilt wurde, das Sarastro ein ganz schlimmer ist. Ich hasse illustrierte, kommentierte oder sonst wie gestörte Ouvertüren. Das geht nur ganz, ganz selten gut. Ebenfalls großartig war der Opernchor, dessen wunderbarer Gesang so gar nicht zu den von der Regie verordneten trostlosen Gesichtern passen wollte...
vielen Dank für diesen Bericht, den ich mit großem Interesse gelesen habe, denn - Du ahnst es wohl :wink - ich hätte mich mit dieser Inszenierung durchaus anfreunden können, denn so wie Du das schilderst, klingt es sehr plausibel. Dass es nicht ganz zur Musik passt - nun sei doch nicht so kleinlich :ignore :engel! Aber im Ernst - ich verstehe Deine Einwände natürlich, muss aber auch gestehen, dass ich bei einem spannenden Regiekonzept eher darüber hinwegsehe, wenn es sich ein wenig mit der Musik spießt. Das ist mir auf jeden Fall lieber als eine allzu brave 1:1-Umsetzung.
lg Sevi :hello
Solitaire (05.04.2011, 17:42): Hallo Severina! Naja, ich kann dich schon verstehen, aber ich muß sagen, manchmal hat es schon arg gespiest. :cool Auf der anderen Seite, und das rechne ich der Regie schon hoch an, ist mir zum ersten mal wirklich klar geworden, was Pamina eigentlich alles ertragen muß. Ich habe bei „Ach ich fühl’s...“ sonst immer gedacht „Ja, wunderschöne Musik, aber man bringt sich doch nicht um nur weil ein Kerl nicht mehr mit einem redet“. Was das für Pamina bedeuten muß nach allem was sie erlebt hat, und wie sehr Sarastros Worte von den heil’gen Hallen ihr Weltbild und alles was sie bisher geglaubt hat zu wissen auf den Kopf stellen ist mir nie vorher klar geworden. Wenn ein Regisseur das bei einer Oper schafft von der man glaubt sie in- und auswendig zu kennen, hat er wahrlich nicht alles falsch gemacht. Auch bei einer weniger „bösen“ Sichtweise auf Sarastro muß das ein unglaublicher Schock für Pamina sein: sie hat immer geglaubt, Sarastro sei ein böser Dämon, plötzlich entpuppt er sich als etwas völlig anderes und sie muß davon ausgehen, daß es ihre Mutter ist, die Unrecht hat. Auch in einer traditionellen Umsetzung werde ich die „Sprengkraft“ dieser Szene in Zukunft wohl mit anderen Augen wahrnehmen, und das ist ja nicht das schlechteste was man aus so einem Opernabend mitnehmen kann.
Als ich vor einigen Monaten gehört habe, daß Lucia Aliberti, die ja in den 80er Jahren durchaus hoch gehandelt wurde, in Remscheid singt war mein erster Gedanke "Ah ja. Alternde Primadonna veruscht es jetzt in der Provinz. Das wird ja was schönes werden..." Trotzdem bin ich hingegagen und muß mich für meine Arroganz entschuldigen. Es war ein sehr schöner Abend, umso mehr, als es sich bei Lucia Aliberti um eine echte Belcantistin handelt, und so jemanden bekommen wir hier im Bergischen nicht oft zu hören. Unsere Sänger sind sicher nicht schlecht (hier gastiert regelmäßig das Ensemble der Wuppertaler Bühnen), aber gesungen wird was auf den Tisch kommt, egal ob das nun immer wirklich zum Stimmfach passt oder nicht. Das ihre Stimme nach einer dreißigjährigen Karriere nicht mehr ganz so frisch klingt wie einst im Mai ist m.E. nachvollziehbar und absolut verzeihlich, sie gleicht das durch wirkliche Musikalität aus. Und es ist lange her, daß ich unserem Haus ein Piano gehört habe, das diesen Namen auch verdient... Aber der Reihe nach. DerAbend trug den wenig originellen Titel "Viva Belcanto!". auf dem Programm standen Arien und Ouvertüren aus frühen Verdi-Opern (Un giorno di regno, Atilla, La battaglia di Legnano), sowie Bellini (Norma, La Sonnambula), Catalani (La Wally) und Puccini (Manon Lescaut, La Bohème). In der Zugabe gab es u.a. "O mio babbino caro" und das seit einigen Jahren unvermeidliche (aber sehr schön gesungene!) Traviata-Trinklied. (Unser GMD durfte an zwei Stellen für den Tenor einspringen. Ist schon gut, daß er Dirigent geworden ist und nicht Sänger :engel)
Ich habe Lucia Aliberti immer mal wieder gehört, wenn auch bisher nur von der Konserve, daher wußte ich also: wenn die Aliberti einen Arienabend gibt, dann ist das etwas anders als bei anderen Sängern, denn Lucia Aliberti hat ganz offensichtlich in ihrem Leben eine große Liebe: Maria Callas. Tja. Wer kann es ihr verdenken. Böse Menschen sagen Aliberti kopiere Callas schamlos, aber seit gestern glaube ich, daß das ein bißchen unfair ist, ich würde es so formulieren: sie nähert sich ihr so sehr an, daß das manchmal problematisch (und schade!) ist. Das geht bis in ihre äußerde Erscheinung, bis in ihre Mimik, ihr Lächeln, ihre Gestik und Körpersprache. Und selbstverständlich bis in ihre Stimme: selbst ein Laie wie ich hört, daß sie z.B. ihre Tiefe künstlich abdunkelt damit sie ihrem großen Idol ähnelt. Aber es ist dennoch mehr als eine bloße Kopie: in jeder Sekunde die Lucia Aliberti gestern gesungen hat war ihre grenzenlose Bewunderung für diese größte aller Sängerinnen spürbar, und so ganz leicht ist es ja nun vermutlich auch nicht einer Maria Callas, ja wie soll man es nennen...nachzuleben. Ich weiß nicht, wie es anderen Besuchern erging, aber für mich war dieses Konzert gestern daher nicht nur ein (wirklich sehr schönes!) Aliberti-Konzert, sondern eben auch ein stellenweise sehr bewegender Erinnerungsabend an die Eine Einzige. In manchen Augenblicken war es fast ein bißchen spooky, und ich kann wirklich nicht verstehen, daß noch kein Theaterregisseur auf die Idee gekommen ist, Aliberti ein Stück über MC auf den Leib zu schreiben. Ich meine das gar nicht so böse wie es sich hier vielleicht liest, ich glaube wirklich, daß Aliberti in einem entsprechenden Rahmen ein bewegendes Portrait dieser Künstlerin liefern könnte. Ich denke, Lucia-Aliberti-Konzerte sind vor allem eines: eine Hommage an eine Andere. Das ist durchaus bewegend, aber auch ein bißchen schade. Es wäre spannend gewesen, zu sehen, welch eine Sängerin aus ihr geworden wäre, wenn sie sich von ihrem Vorbild hätte lösen können, denn Stimme hatte (und hat) sie definitiv. Und sonst? Sonst war es wie gesagt ein sehr schöner Abend bei dem erfreulicher Weise auch seltener gespielte Stücke aufgeführt wurden. Alibertis Stimme klingt in den Höhen mnachmal etwas schrill, aber das ist wie gesagt nach 30 Jahren Karrier durchaus verzeihlich, unser Orchester hat sie wirklich sehr sensibel begleitet (eine Bratscherin hat mir nach dem Konzert erzählt sie hätten "geackert wie die doofen") und hatte sichtlich Spaß. Kommt hier auch nicht sooo oft vor. :ignore Mit "O mio babbino caro", das ich eigentlich langsam nicht mehr hören kann, weil es landauf landab gefiedelt und geträllert sind, hat Frau Aliberti mich doch tatsächlich zum weinen gebracht, so schön hat sie es gesungen, und auch der Kritiker vier Reihen vor mir mußte plötzlich seine Brille abnehmen... Und ihre Piani waren wirklich ganz wunderbar. Oder, um es mit den Worten des Kritikers (mit dem ich mich kurz unterhalten habe weil wir uns kennen) zu sagen: "Beglückend". Wer die Aliberti nicht kennt, hier ein (schon etwas älteres Video): La Sonnambula Hat sie auch gesungen, und mir hat es gefallen. Im Übrigen hat oben erwähnte Bratscherin erzählt, daß Aliberti bei den Proben im Umgang mit dem Orchester sehr sympathisch und unkompliziert gewesen sei.
yago (23.05.2011, 01:40): lieber freunde,die ,die es gesehen haben,können mir vielleicht eine schlüssige antwort geben. warum sich der junge am ende die (blonde) prücke vom kopf nahm?
da könnte man ja hineininterpretieren....ist er doch nicht pinkertons sohn?
ansonsten fand ich die inszenierung wirklich spannend,keine sekunde langweilig.die geschichte stringent erzählt...diese wunderbare ,eigentlich recht romantische musik,diese grossteils entgegengesetzen texte...es passt einfach hinten u. vorne.
annemarie kremer als cio-cio-san war sowohl musikalisch,als auch vom schauspiel her,die perfekte besetzung. auch mikael babajanyan überzeugt mich sehr...stimmlich und schauspielerisch. mit marcel roscas geschrei kann ich wenig anfangen. der goro des rainer maria röhr,war so richtig schön fies.
eine wirklich sehenwerte,an herz gehende auffführung,dank einer starken titelheldin und einer wunderbaren orchesters in den händen des chefs. lg yago http://www.aalto-musiktheater.de/premieren/madama-butterfly.htm
Severina (23.05.2011, 12:23): Lieber Yago,
ohne die Inszenierung gesehen zu haben, ist das vielleicht völliger Mumpitz, was ich da schreibe, aber ich könnte mir denken, dass es ein Symbol dafür ist, dass er sich nun zu seinen japanischen Wurzeln bekennt, das "Amerikanische" (wofür vielleicht die blonde Perücke steht), das ihn und seine Mutter verraten und nie als das akzeptiert hat, was sie sind, nun quasi ablegt. Aber wie gesagt: Das ist in den luftleeren Raum hineinspintisiert, ich kenne das Regiekonzept nicht!
lg Sevi :hello
Solitaire (23.05.2011, 14:20): Das wäre auch meine Vermutung gewesen, und ebenfalls ohne die Inszenierung zu kennen.
In diesem Zusammenhang fällt mir ein, daß ich vor einigen Wochen einen Roman gelesen habe, der sich mit dem Thema beschäftgit: "Madame Butterflys Schatten" ist nicht so kitschig wie Titel und Cover vermuten lassen und geht der Frage nach, was aus Cio-Cio-Sans Sohn wird nachdem er mit seinem Vater nach Amerika gegangen ist, wie sich Pinkertons japanisches Abenteuer und sein Verhalten auf seine Ehe und seine Persönlichkeit auswirken. Damit die Zeitlinie so funktioniert wie die Autorin das beabsichtigt, und bestimmte historische Ereignisse (Weltwirtschaftskrise, Pearl Harbour,die Internierung japanischstämmiger Bürger, Hiroshima & Nagasaki) in der Geschichte eine Rolle spielen können, wurde die eigentlich Butterfly-Handlung in die Zeit um 1920 verlegt. Als Pinkerton seinen Sohn holt schreibt man dann das Jahr 1923. Butterfly ist hier auch nicht ganz so naiv wie in der Oper: sie begreift sehr wohl, worum es in diesem Arrangement geht, und sie kann sich nicht dagegen wehren und hat Angst, denn hier ist sie wirklich erst 15 Jahre alt. Als sie jedoch Pinkerton kennenlernt, verliebt sie sich, wie in der Oper, in ihn und hofft, daß er wider alle Erwartungen bei ihr bleibt wenn sie nur so ist, wie er sie haben möchte. Im übrigen stellt das Buch die Frage, was denn passiert wäre, wenn Butterfly gefunden worden und den Suizidversuch, gegen ihren Willen, überlebt hätte... Am Ende des Roman bekommt der Titel eine ganz andere, herzzereißende Bedeutung... Wer die Oper mag (und ich gebe zu, ich liebe sie, Kitsch hin oder her), der sollte den Roman mal lesen.
Lee Langley: Madame Butterflys Schatten Edition Elke Heidenreich, 2010 ISBN 978-3-570-58017-2 19,95.
Oder in der Bibliotheks ihres Vertrauens :D
yago (23.05.2011, 21:40): hi sevi und solitaire, so ziemlich das gleiche hat mir alviano im capriccio geantwortet.
auf alle fälle ist diese inszenierung überaus sehenswert. auch sehr nah am libretto. hier http://www.aalto-musiktheater.de/premieren/madama-butterfly.htm sind auch jede menge fotos. lg yago
Solitaire (24.05.2011, 07:11): Da gab es doch vor einigen Wochen diese Posse: Buttefly durfte nicht am Karfreitag gespielt werden, da das Stück in erster Linie unterhaltenden Charakter habe. In Gelsenkirchen wurde angeblich am gleichen Tag "Anatevka" gespielt... ?( Danke jedenfalls für den Tip!
yago (24.05.2011, 22:51): richtig. soltesz musste die premiere um einen tag vorverlegen. eigentlich eine provinzposse. lg yago
Heike (02.06.2011, 10:44): 29.5.2011 DOB "Samson und Dalila" von Camille Saint-Saëns Musikalische Leitung Alain Altinoglu Inszenierung Patrick Kinmonth
Dalila Vesselina Kasarova Samson Endrik Wottrich (für den kranken Jose Cura) Oberpriester des Dagon Laurent Naouri Abimélech, Satrap von Gaza Jörn Schümann
Eine Oper, die ich bis dahin nur von kleinen Ausschnitten kannte und deren Musik mich sehr begeistert hat. Wieder einmal bedaure ich, dass die Franzosen in Berlin so selten gespuielt werden.
Es war eine eher merkwürdige Inszenierung, in einem Gleisbett. Verlagert wurde das antike Drama ins 19. Jahrhundert; die Israeliten waren die Franzosen und die Philister die Deutschen - im Krieg gegeneinander. Die Edelhure Dalila steht wiederum als Konservative dem Freiheitshelden Samson gegenüber (Ist sie Kind eines Deutschen? Sehr merkwürdig alles) Im dritten Akt landen wir schließlich auch noch im 3. Reich und dann sieht man das Volk als Juden vor der Deportation. Dafür gab es keine abgeschnittenen Haare, sondern eine Vergewaltigung von Dalila - und als das Volk den bisher verehrten Samson als Brutalo sieht verliert er seine Macht. An sich keine schlechte Variante, aber etwas zuviel unstimmige Interpretation drumrum.
Gesungen hat die Kasarova mit schönen, warmen Tönen, nur bei den hohen Passagen hatte sie deutlich Mühe. Schwächer war Wottrich, schade, ich hätte (schon wegen der Optik) Cura lieber gesehen. Das Werk lebt sehr von den tollen Chören; hier konnte der Opernchor glänzen. Tolles Dirigat auch, ich bin ganz begeistert von der Musik.
Hat Spaß gemacht, der Abend! Heike
Heike (04.06.2011, 00:31): KOB, 3.6.2011 Lady Macbeth von Mzensk Oper in drei Akten von Dmitri D. Schostakowitsch Deutsche Textfassung von Jörg Morgener und Siegfried Schoenbohm
Musikalische Leitung ... Rossen Milanov Inszenierung ... Hans Neuenfels
Boris Timofejewitsch ... Jens Larsen Sinowi ... Christoph Späth Katerina ... Elena Nebera Sergej ... Kor-Jan Dusseljee Pope ... Jan Martinik Der Polizeichef ... Carsten Sabrowski spielend/ Bruno Balmelli singend Sonjetka ... Caren van Oijen
Ich hatte - trotz durchaus durchwachsener Gesangserlebnisse - einen großartigen Opernabend, was einerseits natürlich der fantastischen Musik zu verdanken ist, andererseits aber auch auf der genialen Inszenierung beruht.
Fange ich mit der Oper an: Was für eine aufwühlende Story, und was für eine meisterhafte Musik dieses damals noch jungen Schostakowitsch! Ein Jammer, dass er keine weiteren Opern mehr schrieb. Sehr sehr abwechslungsreiche, total expressive Musik, in gewohnt geistreicher, auch satirisch-überzeichneter Art. Dazwischen immer wieder einsame, fast kammermusikalische Sequenzen mit tiefster Innenschau. Wahnsinnig eindrucksvoll die instrumentalen Zwischenspiele (es gab sogar Szenenapplaus dafür). Da muss man keinen Koitus zeigen (hat Neuenfals auch nicht), da genügt die Musik und man weiß, was die grade machen und wann es vorbei ist... Auch die Figuren sind überhaupt sehr gekonnt gezeichnet, jede hat ihre gesanglichen Eigenarten.
Die Inszenierung fand ich großartig. Sehr direkte, starke Bilder, ohne je naturalistisch zu sein. Fast zeitlos und doch mit Anspielungen auf russische und Shakespeare-Zeiten. Zentral war die Einführung der 3 (hier männlichen) Hexen aus Macbeth, die nach der Liebesszene der Katarina mit Sergej erstmalig erscheinen und ab da die Handlung mit lenken: Sie stehen für die inneren Triebe, für Leidenschaften, aber auch Gewissen, zeigen den ständigen inneren Kampf der Katarina sehr bildhaft auf. Auch die Schlussszenen gelingen Neuenfels wahnsinnig gut, man bleibt mit der trostlos ausklingenden Musik betroffen zurück.
Gesanglich die Hauptfigur der Lady Macbeth (E. Nebera) ließ mich eher zwiegespalten zurück. einerseits sang sie mit ganz viel Energie und auch der nötigen Dramatik, andererseits gab es auch ziemlich schrille Höhen und manchmal fehlte mir ein wenig die Lyrik. Ihr russischer Akzent störte mich eher weniger, weil das zu der russischen Figur doch irgendwie passte. Leider war ihr Partner Sergej (Dusseljee) für mich der Schwachpunkt des Abends, er sang oft zu leise und insgesamt fand ich ihn langweilig, stimmlich, aber auch optisch war er irgendwie zu platt für einen Verführer. Dafür gab es einen ganz tollen Boris (J. Larsen) und auch der Polizeichef (Balmelli) war klasse. Er war erst heute als Ersatz für den allergiebedingt stimmlosen Sabrowski eingesprungen, hatte bisher die Rolle noch nie auf deutsch gesungen.
Also, wer in Berlin noch Gelegenheit hat, seht euch eine der weiteren Vorstellungen im Juni/ Juli an. Es lohnt sich.
"Lady Macbeth – der verzweifelte Amoklauf einer Frau zwischen Traum und Realität, zwischen Erfüllung und Zerstörung, zwischen einer Person und der Gesellschaft." Hans Neuenfels
:thanks Heike
Heike (10.06.2011, 08:37): Ich grüsse euch aus Budapest! Gestern habe ich bei den Wagnertagen im MüPa eine grossartige Lohengrinpremiere gesehen - am Pult sensationell Ádám Fischer, mit absolut fantastischen Solisten und einer gelungenen Inszenierung. Ich werde berichten, wenn ich wieder da bin!
Bereits jetzt gibt es übrigens die Tickets für die Wagnertage 2012, es wird wieder den Ring geben und einen neuen Tannhaeuser. http://mupa.hu/en/menu/programok/komolyzene-opera-szinhaz/wagner-berletek-es-jegyek-2012-re/
Heike
Severina (10.06.2011, 11:02): Liebe Heike, sehe erst jetzt Deine Berichte von der KOB - beide Vorstellungen hätten mich SEHR interessiert! "Samson et Dalila" gibt gab es an der WSO vor vielen Jahren mit Domingo und Baltsa, würde ich gerne wieder einmal sehen. Obwohl ich kein Cura-Fan bin, kann ich gut verstehen, dass Wottrich kein adäquater Ersatz war, zumindest darstellerisch nicht.
Die "Lady" hatten wir erst im Vorjahr, in einer recht gelungenen Hartmann-Inszenierung, aber Neuenfels hat sicher eine spannendere Lösung gefunden, wie man Deinem Bericht unschwer entnehmen kann. Da bei uns russisch gesungen wurde, hatte unsere Lady Angela Denoke vielleicht einen deutschen Akzent, das kann ich aber nicht feststellen. :D
Ich dachte, Fischer dirigiert in Ungarn nicht mehr? Und in welcher Sprache wurde gesungen? Bin schon neugierig auf Deinen Bericht! (Außerdem gehst Du mir beim Baderätsel ab :I )
lg Sevi :hello
Heike (10.06.2011, 12:39): Hallo Sevi, Fischer dirigiert im Opernhaus nicht mehr, aber im Müpa macht er weiter die Wagnertage (zum Glück). Es wurde selbstverstaendlich auf deutsch gesungen! Mehr zu Lohengrin (und dem noch folgenden Tristan sowie Parsifal) dann, wenn ich zurück bin. Heike
P.s. zum Raetseln komme ich leider hier nicht! Bin nur grad den Vormittag am PC vertrödeln, weil es grad ganz ungemütliches Wetter draussen ist.
Heike (25.06.2011, 00:34): Candide - Leonard Bernstein Staatsoper im Schillertheater Berlin; Premiere 24.6.2011
Staatskapelle; Musikalische Leitung Wayne Marshall Inszenierung Vincent Boussard Kostüme Christian Lacroix
Candide Leonardo Capalbo Pangloss | Martin | Señor II Graham F. Valentine Cunegonde Maria Bengtsson Paquette Stephanie Atanasov The Old Lady Anja Silja
Ach, ein unterhaltsamer Abend! Aber ich bin nicht so sicher, ob das dem Werk wirklich gerecht geworden ist!
Musikalisch hat es mir Spaß gemacht. Ich kannte das Werk nicht und hatte vor allem meine Freude an den vielen Zitaten; von der zwölftönigen Langeweile über Wagners Gewitter bis zum betrügerischen Walzer .... Sängerisch gab es wenig zu mäkeln, beide Hauptfiguren sangen und spielten gut. Candide mit Capalbo machte rein optisch eine tolle Figur, vielleicht hätte eine etwas frischere Stimme noch mehr Esprit gehabt, aber eigentlich hat es mir auch gefallen. Cunegonde ala Maria Bengtsson war genial, wunderschön, super gespielt und gesungen, eine fantastische Verwandlung am Ende, Respekt. Der heimliche Star für mich das Berliner Original Anja Silja, das hat Spaß gemacht! Das Orchester, nicht ganz in seinem üblichen Genre, vielleicht etwas zu brav.
Die Inszenierung hat mich nicht wirklich geärgert, aber auch nicht begeistert. Es gab hinreißende Kostüme vom Herrn Lacroix (einmal so ein Kleid tragen dürfen!!!). Aber die absurde Geschichte habe ich nicht erlebt. Statt Dialogen gab es Übertitel mit Zitaten/ Regieanweisungen (vermutlich aus dem Voltaire-Text) und auf der Bühne gab es quasi eine Nummernoper. Ob das Bernstein so vorgesehen hat? Wurde da was weggelassen? Keine Ahnung. Es hat mich auch fast an buntes Variete erinnert. Die ganze skurile Story von Leibnitz über Voltaire bis zu heute ging mir dioch arg unter in der Reisewelt der wechselnden Kostümierungen und Shows. Die Welt ist zu gut? Oder zu simpel?
Interessant fand ich eigentlich das Bühnenbild, ein riesiger wechselnder Frame; wir als Zuschauer diverser existentialistisch gelenkter Szenen. Schade, dass die Personen in ihrer Entwicklung so zerfielen. Zwar gab es wunderbare Bilder, überzeugende Lichteffekte. Aber das Thema ist nicht wirklich erfasst worden. Vielleicht geht das auch heute gar nicht mehr? Diese Welt voller Bosheit endet auf der Bühne am Ende in einer Psychiatrie, das passt. Aber vorher? Ein absurdes Theater, mit Anklängen an Brecht (Gardinenvorhänge), aber die Figuren im Zentrum blieben mir zu blass. Das Äußere, man kann auch sagen die Kostüme, dominierten über das Innere. Irgendwie bleibt man da unzufrieden zurück; weil man denkt, dass die Geschichte mehr sagen will.
Trotzdem habe ich mich nicht gelangweilt und das ist auch was wert. Die Berliner waren begeistert, es gab jede Menge Applaus. Sehenswert.
Heike
Dulcamara (25.06.2011, 08:24): Am Donnerstag, 23. Juni, waren wir in Frankfurt in "Medée" von Marc-Antoine Charpentier, aufgeführt im Bockenheimer Depot (eine Außenstelle der Oper). Der Stoff ist ja mehr oder bekannt, die Handlung beginnt hier aber erst in Korinth. Medeas Liebhaber und Vater ihrer Kinder, Iason, hat sich in Creuse, die Tochter des Königs Créon, verliebt und ist in eine Intrige verwickelt, die darauf abzielt, ihn und Creuse zu verheiraten. Dabei sollen Medea verbannt und Oronte, ein befreundeter Heerführer, um die ihm versprochene Créuse gebracht werden. Als Medea diesen Plan aufdeckt, beschwört sie - betrogen in die Ecke gedrängt - die Geister der Hölle. In Folge ihrer Hexerei bringt Créon erst Oronte und dann sich selbst um. Anschließend tötet Medea ihre Kinder von Iason. Sie schenkt Créuse zudem ein vegiftetes Kleid. Der Schönheit des Kleides kann sich Creúse nicht entziehen, sie zieht es an und verbrennt. Zurück bleiben Medea und Iason. Das Stück endet dann auch in einem kurzen Dialog zwischen Iason und Medea, bevor ein kurzes Instrumentalstück Medeas Abgang untermalt (hier nicht inszeniert).
Charpentier war ein Kirchenmusiker zu Zeiten von Louis XIV, die Musik ist hochexpressiv und fernab von dem Da-Capo-Festival, das ich von Barockopern normalerweise erwarte. Soweit ich das beurteilen kann, war Andrea Marcon ein äußerst inspirierter musikalischer Leiter (und Cembalist) mit viel Gespür für dramatische Momente. Anne Sofie von Otter als Medea war sensationell, sowohl gesanglich als auch darstellerisch. Sie war durchweg eine glaubhafte betrogen Liebende. Ihr zur Seite standen viele Mitglieder des tollen Frankfurter Ensembles. Herausragend hier wie so oft Christiane Karg als Créuse, kaum weniger beeindruckend Julien Prégardien als Iason und Simon Bailey als Créon.
Die Inszenierung von David Hermann verlegte die Handlung in die Vorstadtvilla eines Industriellen, Christoph Hetzer schuf dazu ein raffiniert verschachteltes Bühnenbild. Durch die zeitliche Entdistanzierung trat die persönliche Dimension des Dramas in den Mittelpunkt - und damit sicher eine besondere Stärke von Libretto und Musik. Unterstützt wurde dies durch eine - gerade in den Dialogszenen - äußerst geschickte Personenregie.
Insgesamt war es ein sehr gelungener Opernabend, der mich auf weitere Opern aus Versaille mehr als neugierig gemacht hat.
Severina (25.06.2011, 17:45): Das wäre doch einmal etwas fürs THadW :D! Und französische Barockopern mag ich überhaupt (noch) lieber als deutsche, eben weil sie ohne die Da-Capo-Endlosschleifen auskommen, die bei weniger virtuosen Sängern und einer einfallslosen Regie tatsächlich enervierend wirken können. Jetzt habe ich rasch nach Julien Prégardien gegoogelt, das ist tatsächlich der Sohn des von mir hoch geschätzten Christoph Prégardien! Wusste gar nicht, dass der seine Gene so erfolgreich weitergegeben hat!! (Schande über mich, ist er doch schon im ThadW aufgetreten, allerdings in einer konzertanten Oper, die ich nicht so mag und daher fast immer schwänze)
lg Severina :hello
Dulcamara (26.06.2011, 09:10): Gestern abend haben wir unsere kurze Exkursion in die Oper des 17. Jahrhunderts fortgesetzt und beendet. In der Oper Frankfurt gab es in einer ungewöhnlichen Kombination vor der Pause Dido und Äneas von Purcell und nach der Pause Herzog Blaubarts Burg von Bartok. Man könnte jetzt auf den Charme dieser Paarung eingehen, aber irgendwie habe ich dann das Gefühl, in die allzu offensichtlich gestellte Falle des Dramaturgen zu laufen. Deshalb spare ich mir das.
Ein wirklich toller Abend war es dennoch. Auch weil Barry Koskie gar nicht erst versuchte, verbindende Elemente der beiden Stücke herauszustellen. Für Dido und Äneas verlegte er die gesamte Handlung auf eine große breite Holzbank vor einem zieharmonikamäßig gefalteten hellgrauen Vorhang. Dazu kamen der hochgefahrene Orchestergraben und der Zuschauerraum, den die Akteure für ihre Abgänge nutzen. Und so saß dann Dido am Ende ganz alleine auf der Bank, auf der sie vorher mit Äneas getobt und geküsst hatte. Nach und nach hatte in Anlehnung an Haydns Abschiedssymphonie sogar das Orchester den Zuschauergraben verlassen und Dido war starb allein. Nicht nur dieses Bild (wenngleich sicher nicht komplett originell) machte das ganze zu einer ungemein mitreißenden und theatralischen Angelegenheit. Jede Bewegung saß und der minimalistische Ansatz verstärkte die innere Spannung des Stücks ungemein. Dazu die effektvolle Musik Purcells (auch noch lange vor der da-capo-Manie). Ein wirklich ergreifender erster Teil des Abends. Auch dank Paula Murrihy als Dido, die aus dem wieder einmal saustarken Ensemble hervorstach. Komplett ohne Vibrato und voller Schönklang machte sie die Traurigkeit und Melancholie der Dido lebendig.
Im zweiten Teil des Abends dann Herzog Blaubarts Burg. Hier setzte Koskie auf eine große weiße Scheibe, auf der sich die ganze Handlung abspielte. Da diese ohnehin vor allem eine Reise ins allerinerste einer Beziehung ist, funktionierte dies sehr gut. Abgesehen von einigen Alter Egos der beiden Akteure blieb die Bühne auch über die ganze Stunde hinweg leer. Das Land hinter den Toren wurde lediglich wieder durch einige Gimmicks angedeutet - dennoch entstanden einige ungemein starke Bilder, so z.B. als die Tür mit der Landschaft geöffnet wird und um die vier Blaubarts auf der Bühne plötzlich dichter Nebel aufstieg, der sich zu der Wolke formte, die dann wenig später als blutig besungen wird. Der Symbolismus der Oper erschließt sich mir als zu wenig Kundigem eher nicht, aber die psychologische Wucht der Musik war beim Dirigenten des Abends Constantinos Carydis bestens aufgehoben, er arbeitete meisterhaft die unterschiedlichen Texturen und Farben der beiden Kompositionen als kongenialer Partner des Geschehns auf der Bühne heraus. Auch sängerisch waren die beiden Rollen der Oper fabelhaft besetzt, Claudia Mahnke gab eine wunderbar klangschöne und intensive Judith. Robert Hayward als Blaubart überzeugte ebenfalls restlos.
Wie gesagt, ein toller Abend. Für alle Frankfurter, ein paar Mal gibt es das noch, in den nächsten Tagen. Hingehen!
yago (27.06.2011, 20:50): ich komme eben von der essener götterdämmerung und ich muss sagen,ich war sehr begeistert.
die 5 1/2 stunden vergingen schnell,dank der guten regie von barry kosky. im ersten akt gab es einen durchhänger,mit wenig action auf der bühne und das war für kurze zeit (fast) einschläfernd. stefan soltesz wurde mit seinem orchester wieder gefeiert(fast wie bei einem popkonzert). hervorzuheben sind die sängerleistungen und vor allem die wortdeutlichkeit,mit der gesungen wurde. man hätte die übertitelung (fast) nicht gebraucht. ich fand den essener ring insgesamt sehr gut ,auch wegen seiner unterschiedlichkeit in den interpredationen. am besten fand ich das rheingold und fast genauso gut den heutigen abend. die walküre war grundsolide und siegfried sank ein bissl ab. barry kosky hat sehr nah am libretto inszeniert und man wusste immer,was gerade geschah. besonder gut fand ich die idee mit dem film und den trickfiguren.(der rabe oder was immer es war,als er menschliche züge annahm oder auch erda und die drei nornen die quasi die filmrolle abspulten. die containerladung nazis durfte halt bei kosky nicht fehlen und der chor sang wunderbar(diesen schrecklichen text).
,woglinde, flosshilde, wellgunde,wie einem pariser variete entsprungen,schieben illustre typen in einem umzugskaton auf die bühne.(superman,wikinger,verwundete,...),das bietet was für´s auge und lässt die zeit schnell vergehen.
gesungen wurde auf sehr hohem niveau. jeffrey dowd stand die partie des siegfried gut durch, selbst nach über 5 stunden klang seine stimme noch gut.
ich kann den essener ring nur empfehlen. lg yago
Heike (17.07.2011, 22:10): Staatsoper im Schiller Theater 17.7.2011
Matsukaze Oper von Toshio Hosokawa Libretto von Hannah Dübgen nach dem gleichnamigen Nô-Spiel von Zeami Choreographie von Sasha Waltz Musikalische Leitung Pablo Heras-Casado
Staatskapelle Berlin, Vocalconsort Berlin, Sasha Waltz and Guests
Inhalt: Matsukaze ist ein Klassiker des japanischen Nô-Theaters. Das Stück handelt von zwei Schwestern (zwei Yin/Yang-Seiten einer Frau?), die, von unerfüllter Zuneigung zu einem Mann beherrscht, als Totengeister ins Diesseits zurückkehren. Es beginnt, als ein Mönch eine Gedenktafel für sie findet und einen Fischer danach fragt. Die beiden "Salzfrauen" liebten vor hunderten von Jahren denselben Mann, lebten 3 Jahre mit ihm, dann ging er zurück in die Stadt und starb unerwartet. Seitdem sind ihre Seelen unerlöst. Es folgt eine in Zeit und Raum vieldeutige, poetische Geschichte - der Mönch schläft/ erwacht, die Salzfrauen erscheinen, erinnern sich an den Mann, leben liebevolle Erinnerung und Wahnsinn aus, bitten den Mönch um Gebete. Am Ende erwacht der Mönch wieder und zieht weiter. Zu meiner großen Verwunderung wurde in deutsch gesungen.
Musik Eine sehr seltsame Musik, mehrheitlich ruhig und dahinfließend, man kommt sich wie in einem Traum vor. Teilweise war es wie moderne Kammermusik mit naturalistischen Anklängen (auch Tonbandzuspielungen von Naturgeräuschen), dann wieder spärisch fern, überirdisch, dann wieder harte Schläge des Schlagwerkes. Unüberhörbar japanisch, aber auch so klangstark, dass es mich sehr fesselte. Sehr merkwürdige Gesänge auch; der Mönch (Bass) fast nur auf einem Ton, die Frauen geisterhaft surreal, oft wie in Trance - das hat mich außerordentlich berührt.
Inszenierung Ich weiß nicht, was das war - Oper oder (modernes) Ballett oder wahrscheinlich beides. Jedenfalls war es faszinierend. Hier auf der webseite der Staatsoper kann man sich einen Trailer ansehen, der einen kleinen Eindruck vermittelt. Ein sehr konzentrierter, ritualisierter Tanz, der ganze Bühnenraum in riesigen, minimalistischen Bildern. Und alle Mitwirkenden, Chor und Tänzer, bilden oft dazu mit Bewegungen eine intensive Kulisse. Ganz fantastisch, wie vor allem die beiden Frauen sich in das Tanzensemble einfügten.
Ich hatte vorher zwei gute Kritiken (hier und hier) gelesen und mich daher schon sehr drauf gefreut. Und wirklich, ein ausgesprochen origineller, intensiver und beeindruckender Abend war das! Ganz viel Beifall gab es. Heike
Dulcamara (01.08.2011, 11:09): Einen sensationellen Opernabend habe ich gestern an der Bayerischen Staatsoper in München erlebt. Zum Abschluss der Saison 2011/2012 gab es Tristan und Isolde in der (inzwischen auch schon 13 Jahre alten!) Inszenierung von Peter Konwitschny. Es war wirklich eine Sternstunde.
Sängerisch muss man natürlich zuallererst Nina Stemme als Isolde nennen. Auch sie ist jetzt wohl schon etwa ein Jahrzehnt mit dieser Rolle unterwegs und hat sich zu einer fantastischen Interpretin entwickelt. Gestern abend war sie zumindest in Höchstform. Anders als Waltraud Meier (die ich in dieser Rolle auch unglaublich schätze) betont sie die lyrischen Aspekte der Rolle, singt die Isolde voll aus, ohne auch in den Höhen jemals schrill zu klingen. T&I-erprobt bewahrt sie sich auch ausreichende Kraftreserven für einen hinreißenden Liebestod, total ausgesungen und dabei scheinbar leicht über dem lauten (!) Orchester schwebend.
Ihr als Tristan gegenüber stand Ben Heppner. Im Netz kann man ja vieles über seine derzeitige stimmliche Verfassung lesen, kaputt sei die Stimme, die Höhen unsicher usw.. Ich kann davon nichts bestätigen. Im Gegenteil, gestern abend zeigte sich Ben Heppner in herausragender Form. Nicht nur hat er ein sensationelles Textverständnis (und - als Kanadier - auch eine nahezu akzentfrei vorgetragenes Deutsch), er hatte auch durch das ganze Stück hindurch die Kraft, den Tristan auch über das Orchester hinweg zu singen, während es ja schon ein Quasi-Standard ist, dass aktuelle Tristan-Darsteller irgendwann im dritten Akt (spätestens!) anfangen zu deklamieren. Bei den hohen Tönen setzte er zwar mitunter etwas vorsichtig an, sie waren aber letztlich alle da und schön obendrein.
Auch die übrigen Rollen waren toll besetzt, Rene Pape war ein König Marke der Sonderklasse, frenetisch gefeiert von den Münchnern. Alan Held war ein ausdrucksstarker Kurwenal und Ekaterina Gubenova eine Isolde in nichts nachstehende ausgesprochen lyrische aber dennoch sehr kraftvolle Brangäne.
Im Orchester setzte Kent Nagano wie schon angesprochen auf eher laute Klänge, anfangs befürchtete ich noch, er würde die Sänger zudecken, aber bei dem Personal, was ihm auf der Bühne stand, brauchte man diese Ängste eigentlich nicht zu haben. Persönlich bevorzuge ich vielleicht ein wenig ein Dirigat, was die Vielschichtigkeit der Stimmführung im Orchester noch transparenter macht (wie z.B. in der Aufnahme Stemme/Domingo von Behlohlavek) und mehr auf ein Zusammenspiel als ein Gegeneinander einzelner Motivstrukturen setzt, aber die Münchner waren begeistert.
Zur Inszenierung von Peter Konwitschny brauche ich vermutlich gar nicht so viel zu sagen, es gibt die Aufnahme ja auch schon auf DVD (die sich allerdings nur wg. der Inszenierung und Waltraud Meier lohnt, gerade der Tristan ist komplett fehlbesetzt). Konwitschny baut auf der Bühne eine zweite Bühne auf, in der in den ersten beiden Akten sehr farbenfroh die "Welt des Tages" zelebriert wird. So hat die Überfahrt im ersten Akt zu Beginn fast Kreuzfahrtcharakter, Isolde und Brangäne werden in Liegenstühlen sitzend Cocktails serviert.
Von der kleineren Bühne führt eine Treppe auf die eigentliche Hauptbühne und diese Treppe ist eigentlich das zentrale Element der Inszenierung. Für Konwitschny ist die Liebe zwischen Tristan und Isolde das lebensbejahende Element der Oper, während sie die Welt mit ihren Machtstrukturen am Ausleben dieser positiv gewendeten Beziehung hindert. Und so versuchen Tristan und Isolde immer, über diese Treppe die "Welt" zu verlassen. Im zweiten Akt lassen sie so ihre irdischen "Hüllen" (d.h. ihre Überkleider, z.B. Tristans Rüstung) zurück und betreten schwarzgewandet (Nacht!) die Treppe, als König Marke auftritt und sie daran hindert. Erst zum Ende der Oper, vor Isoldes Liebestod gelingt ihnen dann tatsächlich das Verlassen der Welt und Tristan und Isolde stehen gemeinsam vor einem geschlossenen Vorhang, während sie ihn beim Liebestod direkt ansingt und ihn an der Hand hält. Dann gehen die beiden lachend und fröhlich ab, während sich der Vorhang noch ein letztes Mal öffnet und Marke und Brangäne trauernd auf dem Friedhof zeigt.
Mit diesen Bilder gelingt es Konwitschny zumindest bei mir die ja manchmal fast unerträgliche Spannung der Partitur auch visuell aufzugreifen. Dazu kommt durchweg seine detailversessene Personenregie - und da er diese Wiederaufnahme persönlich geleitet hat (nach 13 Jahren war er am Mittwoch wohl sogar mit auf der Bühne beim Schlussapplaus) saß auch hier alles. Ich fand's sensationell.
Am Ende meinte ich zu meiner Frau, dass wir jetzt wohl nicht mehr in Tristan und Isolde gehen könnten, weil wir das besser nicht mehr zu sehen kriegen, aber ich denke spätestens in ein, zwei Jahren werde ich diesen Vorsatz wohl brechen. Vielleicht für die Isolde von Eva-Maria Westbroek, die ja 2013 in Dresden damit debütieren will.
Hach!
Severina (01.08.2011, 14:13): Klingt nach einem tollen Opernabend! Mit Nina Stemme an Bord würde vielleicht sogar ich mich einmal an den Tristan heranwagen, ich befinde mich ja immer noch in einer Annäherungsphase, was Wagner betrifft. Zumindest den Ring habe ich schon lieben gelernt, vor dem Tristan scheue ich immer noch ein bisschen zurück.
Das Gefühl, dass einen ein rundherum gelungene Aufführung für alle weiteren verdirbt, kenne ich nur allzu gut!
Libretto von Othmar Schoeck nach Heinrich von Kleist Regie: Hans Neuenfels Musikalische Leitung: Alexander Liebreich Bühnenbild: Gisbert Jäkel Kostüme: Elina Schnizler
Penthesilea: Tanja Ariane Baumgartner Prothoe: Marion Ammann Meroe: Britta Stallmeister Oberpriesterin der Diana: Katharina Magiera Achilles: Simone Neal Diomedes: Guy Mannheim Ein Herold / Ein Hauptmann: Dietrich Volle Oberste: Oda Pretzschner
Chor der Oper Frankfurt Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Inhalt: Ort der Handlung ist ein Schlachtfeld bei Troja. Penthesilea, die Anführerin der Amazonen, hat Achilles zum Kampf herausgefordert, der sie im Zweikampf besiegt. Als Achilles am Lager der ohnmächtigen Penthesilea erscheint, weil er an ihr interessiert ist, rät ihm Prothoe, Penthesileas Vertraute, er solle sich dieser gegenüber nach ihrem Erwachen als Unterlegener ausgeben, da nach dem Gesetz der Amazonen nur jemand zum Gatten genommen werden kann, der im Kampf besiegt wurde.
So geschieht es und nach dem Penthesilea erwacht, verlieben sie und Achilles sich ineinander. Achilles aber erzählt Penthesilea von der Täuschung und bietet ihr erneut einen Zweikampf an. Zu diesem erscheint Achilles unbewaffnet, da er sich Penthesilea gleich ergeben will. Diese aber mißversteht dies vollkommen und ihre Liebe schlägt in Haß um. Penthesilea tötet Achilles und zerfleischt seine Leiche mit ihren Hunden.
Am Ende, als sie sich ihrer Tat bewußt wird, und den Toten küßt, richtet sie sich mit einem Messer selbst.
Inszenierung: Die Inszenierung fand ich spannend, da Neuenfels eine strenge Personenführung liefert. Da sitzt jede Geste und jeder Blick. Keine Person steht irgendwie unbeteiligt auf der Bühne herum. Die Spannung und Intensität ist jeder Person anzusehen. Das Bühnenbild ist sehr sparsam und erinnert entfernt an einen griechischen Tempel. Die Amazonen sind fast komplett dunkel gekleidet und sind mit einem großen Bogen bewaffnet. Dagegen werden die Griechen als Cowboys und Piraten geschildert. Am Ende wird der zerfetzte Körper von Achilles nur angedeutet, indem mehrere blutverschmierte Koffer in einem Rollstuhl auf die Bühne geschoben werden. Penthesilea trägt zum Schluss ein weißes Gewand, das von Achilles Blut besudelt ist.
Musik: Der Star des Abends war für mich Tanja Ariane Baumgartner, die Sängerin der Penthesilea. Sie sang diese Partie bereits in Basel und man merkt, wie sehr sie offensichtlich mit diesem Werk vertraut ist und es verinnerlicht hat. Zu Recht bekam sie dann auch den stärksten Applaus des Publikums.
Ebenfalls beeindruckend war für mich die Schauspielerin Oda Pretzschner mit ihrer starken Präsenz und ihrer intensiven Spielweise. Eigentlich ist diese Rolle in Schoecks Oper gar nicht vorgesehen. Es gibt in diesem Werk immer wieder Sprechpassagen, die eigentlich auch die Sänger/-innen ausführen sollen. Da dies aber anscheinend nicht immer optimal zu realisieren ist, hat Mario Venzago, der diese Oper in Basel dirigierte, diese Rolle dazu erfunden, welche dann alle Sprechpassagen ausführt und in dieser Version wurde "Penthesilea" auch in Frankfurt gespielt.
Die anderen Sänger/-innen haben mir auch gut gefallen, d. h. es gab für meine Empfindung da zumindest keine stimmlichen Ausfälle.
Sehr gut waren Chor und Orchester unter der versierten Leitung von Alexander Liebreich, der nicht nur die lauten expressiven Stellen auskostete, sondern der auch ein Gespür für die vielen verinnerlichten, lyrischen Stellen hat, von denen es sehr viele in diesem Werk gibt.
Insgesamt war das für mich ein sehr spannender Opernabend, vor allem, weil ich in Genuss eines sehr seltenen Werkes kam.
Armin
yago (20.09.2011, 02:58): ich werde am samstag in der oper sein und dann auch hier berichten. vorab die doch ziemlich vernichtenden kritiken für dörrie und young. http://www.abendblatt.de/kultur-live/article2031931/Don-Giovanni-mehr-tot-als-lebendig.html http://www.stern.de/kultur/musik/doris-doerrie-inszeniert-exotischen-don-giovanni-1729440.html http://www.neuepresse.de/Nachrichten/Kultur/Uebersicht/Hamburger-Oper-verhebt-sich-an-Mozarts-Don-Giovanni lg yago
yago (25.09.2011, 02:07): eiin satz mit x,"das war wohl nix"... hilfe! wie kann man mozart nur so lieblos und klanglos spielen! ich glaube nicht,dass es an den hamburger philharmonikern liegt,die würden schon können,wenn man(n) oder besser frau sie denn liesse. simone young lässt jegliches gespür für einen mozart vermissen.es ist traurig und es ist ärgerlich. doris dörrie´s daneben gegangene inszenierung stört da kaum noch. aber kann es denn noch schlimmer kommen? da können die sänger/innen noch so dagegen ansingen,wenn frau young und das orchester nicht mitspielen,geht halt nichts. wolfagng koch wirkt teilweise gelangweilt,erst im letzten bild,zeigt er sängerisch u. darstellerisch,was ich mir von der rolle erwarte. warum wilhelm schwinghammer als leporello eine feuerrote perücke tragen musste,weiss wohl,doris dörrie alleine.gesungen hat er gut und streckenweise auch gut gespielt. elza van den heever als donna anna sang sich im laufe des abends gut in form,von ihrem spiel kann man das nicht sagen,ausser grosse augen machen,war´s das schon. christina damian als donna elvira,frl. rottenmeier höchstpersönlich.hätte mit ihrem kostüm sofort in der nä. heidi-verfilmung mitspielen können.auch sie konnte letztendlich gesanglich nicht gerade überzeugen. jongmin park als masetto war sängerisch u. schauspielerisch überfordert. ebenso und noch viel schlimmer,maria markina,ihr fehlte es total an gespür für mozart. nun muss ich schon zugestehen,dass es bei dieser orchestralen begleitung immens schwierig für die sänger sein muss,das richtige gefühl und gespür rüber zu bringen.
dorris dörries idee mit dem weibliches tod als sinnbild durch die ganze inszenierung,mit einzuflechten,mag ja noch angehen. aber ihr und ihrer bühnenbildnerin ist nicht sonderlich viel eingefallen. einfach lauter überdimensionale einzelstücke,sei es ein bett,ein divan,eine steinplastik,ein baum,ein tisch mit kronleuchter(aus skelettknochen) oder eine riesige,liegende frauenfigur mit gespreizten beinen,die stark an arbeiten von mirò erinnert(der fluchtweg des don giovannis führt geradewegs durch eine riesengrosse rote vagina)...auf die bühne zu stellen, ist mir zu wenig. im hintergrund wird die weisse wand mit traumbildern der schlafenden donna ann,donna elvira u. zerlina bebildert. oder mit wolkenbildern,oder mit einem, mehr oder weniger, schemenhaften softporno,während leporello die errungenschaften seines herrn aufzählt. mir ist das zuwenig.das ist keine aussage. es hätt´so schön werden können. lg yago
zum trost muss ich mir wohl den essener " don giovanni" noch ein drittes mal ansehen.*grins*
Severina (25.09.2011, 12:59): Au weia, das klingt nach einem veritablen Flopp! Hoffentlich fällt Deine Bilanz in Wien dann positiver aus!
lg Sevi :hello
yago (25.09.2011, 20:22): den Don Ottavio hätte ich fast vergessen,der wurde von Dovlet Nurgeldiyev hervorragend gesungen,leider wurde er von der regie ziemlich alleingelassen.das war einer hamburger staatsoper würdig. er erhielt auch den grössten applaus und bravi. lg yago ps.:leider hat essen den DG dies saison nicht auf dem programm.
yago (27.09.2011, 21:46): http://www.deropernfreund.de/hamburg-neu.html Das so etwas komplett schief gehen kann, haben Simone Young und Doris Dörrie als Regisseurin nachdrücklich unter Beweis gestellt. Wäre es sehr gehässig, Frau Dörrie anzuraten, doch bitte sich auf die Filmerei zu beschränken und um Himmels Willen die Finger wegzulassen von Opern? Ich glaube nicht. lg yago
yago (01.10.2011, 02:05): http://omm.de/veranstaltungen/musiktheater20112012/HH-don-giovanni.htmlFAZIT Der Flirt von Doris Dörrie mit Don Giovanni war ein szenisches Desaster, das leider auch Simone Young nicht abgefangen, sondern eher noch verstärkt hat. In Hamburg kann es in dieser Spielzeit nur besser werden! lg yago
Billy Budd (01.10.2011, 13:30): Lieber Yago, der einzige mir bekannte Sänger ist Wolfgang Koch; im Juni 2010 sang er in Wien einen sehr guten Telramund. Aber ich kann mir vorstellen, dass ihm Mozart weniger liegt. Jongmin Park wird bei uns Ende November als Colline debütieren. Ich werde mich überraschen lassen. Billy :hello
Dulcamara (08.10.2011, 12:22): Schon am letzten Wochenende war ich ebenfalls in der Frankfurter Penthesilea, von der Armin schon so ausführlich berichtet hat. Seinem Urteil kann ich mich rundherum anschließen. Die Neuenfels-Inszenierung saß und Tanja Baumgartner hat einmal wieder unterstrichen, dass sie eines (wenn nicht das) der Juwelen in Frankfurts tollem Ensemble ist.
Mit Schoecks Oper selbst konnte ich mich nur teilweise anfreunden, sie ist schon fast aufdringlich expressionistisch mit ihrer Collagetechnik und der Vermengung von Gesang und Sprechtheater. Mitunter war das Ganze von einer Persiflage moderner Opern nicht mehr weit entfernt.
Dieses Wochenende bleibe ich in derselben Schaffenszeit, morgen besuche ich die Wiederaufnahme von Korngolds toter Stadt, ebenfalls in Frankfurt.
Bert (16.10.2011, 16:20): Tristan und Isolde Premiere am 15.10.2011 Staatstheater Braunschweig, Großes Haus
Musikalische Leitung: Alexander Joel Inszenierung: Yona Kim Bühne: David Hohmann Kostüme: Nadine Grellinger Chor: Georg Menskes Dramaturgie: Jens Neundorff von Enzberg
Tristan: John Uhlenhopp Isolde: Silvana Dussmann König Marke: Selcuk Hakan Tirasoglu Kurwenal: Oleksandr Pushniak Melot: Orhan Yildiz Brangäne: Dagmar Pecková Ein Hirt: Tobias Haaks Ein Steuermann: Leszek Wos Stimme eines jungen Seemanns: Tobias Haaks
Nun, diese Premiere habe ich mir nicht entgehen lassen, und mit gemischten Gefühlen bin ich zur späten Stunde aus dem Opernhaus nach Hause gefahren.
Vorweg Tristan und Isolde gehört zu meinen Lieblingsopern, die ich bereits zigmal gehört/gesehen hatte, mitunter in den unerreichbaren Interpretationen wie unter Karl Böhm, Bayreuther Festspiele 1966 oder Wilhelm Furtwängler 1952. Es wäre naiv und ungerecht zugleich, in einer Provinzoper Leistungen zu erwarten, die mit denen von Kirsten Flagstad, Birgit Nilsson, Waltraud Meier, Christa Ludwig, Jon Vickers oder Wolfgang Windgassen vergleichbar wären. Dementsprechend dürfen die Erwartungen nicht zu hoch geschraubt werden; dennoch gibt es Grenzen, die auch in einer Provinzoper eingehalten werden sollten.
Negatives Tristan erleidet im zweiten Aufzug keine Wunde von Melots Wehr geschlagen, sondern schneidet sich im dritten Aufzug die Pulsadern durch - nichts gegen künstlerische Freiheit, aber man kann diese Freiheit ad absurdum führen. So hat Yona Kim mit diesem inszenierten Unsinn zahlreiche Buhrufe geerntet - wohlbemerkt, säuberlich getrennt von dem begeisterten Applaus, mit dem das Publikum die Leistungen der Sänger belohnte.
Das Orchester bzw. das Dirigat war leider eine einzige Katastrophe. Offensichtlich hatte der Dirigent (Alexander Joel) während seiner Arbeit keine Sekunde im Publikumraum verbracht und selbst an seinem Pult trug er Ohropax in den Ohren...
Dagmar Pecková, die ich als in der Tat gelungene Hexe (Dvoraks Rusalka, konzertant, Schleswig-Holstein Musik Festival 2004) erlebt hatte, war als Brangäne (selbst in Provinzmaßstäben) enttäuschend - stellenweise hatte ich den Eindruck, daß sie die Rolle nicht gründlich einstudiert hatte. So bleiben ihre gestrigen Sternmomente und ihre stimmlichen Möglichkeiten von ihren zahlreichen "Ausfällen" überschattet.
Positives Selcuk Hakan Tirasoglu als König Marke und Oleksandr Pushniak als Kurwenal - beide durchaus solide, ebenso ansprechend die schlicht gehaltene Bühne (die IKEA-Möbel werde ich nicht kommentieren) mit außergewöhnlichen Effekten - insbesondere die tropfende Wand im zweiten Aufzug sorgte für staunende/bewundernde Gespräche in der zweiten Pause.
Silvana Dussmann begann zwar nervös, konnte sich aber im laufe des Abends zu einer in Provinzmaßstäben akzeptablen Isolde steigern. Mit ihrer fein dosierten gewaltigen Stimme überstrahlte sie alle übrigen Akteure, und als einzige Stimme konnte sie sogar dem unsensibel geführten Orchester Paroli bieten.
John Uhlenhopp gab einen etwas benommenen (was nicht negativ verstanden werden muß), recht akzeptablen Tristan. Leider in vielen Passagen rücksichtslos erdrückt durch die enorme Lautstärke des Orchesters; in dieser Hinsicht kam er neben der bühnenpräsenten Silvana Dussmann sowohl körperlich als auch stimmlich recht unterlegen heraus.
Empfehlenswert? Nun, wer Wien, Berlin oder Scala gewohnt ist, wird wohl schon nach dem ersten Aufzug in das gegenüberliegende Block House flüchten, aber aus den Augen toleranter, bodenständiger/realitätsnaher Opernliebhaber kann dieses Ensemble durchaus einige Rührungstränen hervorlocken.
Unter dem Strich waren es für mich (trotz aller oben geschilderten Mängel und Einwände) lohnenswerte 5 Stunden Kultur - als Ergebnis ehrlicher handwerklicher Arbeit, die ich besonders zu schätzen weiß.
Für die kommenden Reprisen sehe ich durchaus Steigerungspotential.
Gruß, Bert
Solitaire (03.11.2011, 14:52): 2.11.2011 Teo-Otto-Theater Remscheid: Giuseppe Verdi - Falstaff
Sir John Falstaff Kiril Manolov Ford Thomas Laske Alice Ford Banu Böke Nanetta Dorothea Brand Fenton Boris Leisenheimer Dr. Cajus Stephan Boving Bardolpho Ralf Rachbauer Pistola Thomas Schobert Mrs. Quickly Diana Pilcher Meg Page Joslyn Rechter Chor der Wuppertaler Bühnen Bergische Symphoniker Dirigent: Peter Kuhn
Es gibt Momente, da spitzt der Opernfreund auch in der tiefsten Provinz plötzlich die Ohren, glaubt, selbigen nicht trauen zu dürfen und schüttelt ungläubig den Kopf. So geschehen gestern Abend in unserem Teo-Otto-Theater. Die Opernsaison wurde mit Giuseppe Verdis letzter Oper eröffnet, es handelte sich um die Premiere der neuen Produktion der Wuppertaler Bühnen, die erst in einigen Wochen in Wuppertal selbst zu sehen sein wird. Eines vorweg: der Titelheld, gesungen von Kiril Manolov, hätte auch größeren Häusern als unserem alle Ehre gemacht. Der Bariton aus Bulgarien ist der wohl beste Sänger den ich seit Jahren auf unserer Bühne erleben durfte und ich wage die Prophezeiung, daß man von ihm noch hören wird. http://www.cee-musiktheater.at/images/stipendiaten/kiril_manolov.JPG
Aber der Reihe nach. Es ist lange her, daß ich diese wunderbare Oper auf der Bühne sehen durfte, sie wird bei uns (wie vieles jenseits von Traviata und Zauberflöte) selten gespielt, viele Vergleiche zu anderen Produktionen habe ich also nicht, aber gute Ohren, und die kamen gestern Abend durchaus auf ihre Kosten. Die Handlung wurde in die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende verlegt und spielt nun in einem englischen Seebad um 1910. Man befindet sich in der Sommerfrische, die ganze Oper spielt vom ersten bis zum letzten Akt am Strand: ein elegantes kleines Café, ein paar Liegestühle, zwei Umkleidekabinen, ein malerisches kleines Ruderboot am Bühnenrand. Im Hintergrund das Meer, bestehend aus Plastikfolie und blauen Stoffbahnen (schöne Grüße von der Augsburger Puppenkiste), noch weiter im Hintergrund ein Rummelplatz mit Riesenrad, dessen Lichter den Feenspuk im letzten Bild illuminieren werden. Die Damen tragen Bademoden Anno 1910 (und sehen darin entzückender aus als man vermuten würde) die Herren sind typische englische Sportsmen, die zu Beginn der Oper Joggen, Laufen und sich in gymnastischen Übungen ergehen, was für viel Situationskomik sorgt. Überhaupt ist das eine sehr heitere Inszenierung, in der es viel zu lachen gibt. Falstaff, und das ist vielleicht der einzige „Vorwurf“ den man dem grandiosen Kiril Manolov an diesem Abend machen kann, ist ein nicht unattraktiver Mann in mittleren Jahren (in Wirklichkeit ist der Bariton gar erst 35 Jahre alt). Seine Figur würde eine Freundin von mir mit „gut über den Winter gekommen“ bezeichnen, will sagen: er hat den Wohlstandsbauch eines Genussmenschen, ist aber keineswegs der grotesk fette Lustgreis den der Text manchmal suggeriert. Ich stelle mir Falstaff optisch schon etwas anders vor, der „vecchio John“ läuft so ein bisschen ins Lehre und auch die Erkenntnis „Tutto nel mondo è burla“ wirkt bei einem Mittvierziger anders (und weniger bewegend) als bei einem wirklich alten Mann. Das ist aber auch wahrlich das Einzige, was es an diesem Falstaff zu bemäklen gibt: er singt ganz großartig, spielt sehr witzig, hat eine wunderschöne Stimme und umschifft die Klippen der Akustik unseres Theaters scheinbar ohne jedes Problem. Leider habe ich nicht herausfinden können, ob er zum festen Ensemble der Wuppertaler Bühnen oder bereits zu denen gehört, die für gutes Geld für solche Produktionen „eingekauft“ werden. Jedenfalls hat er seinen Falstaff bereits 2010 an der Hamburger Staatsoper gesungen.Vielleicht kennt ihn ja jemand. An seiner Seite der von mir ebenfalls sehr geschätzte Thomas Laske als Ford: zu Beginn der Oper im Sportsdress mit Golfschläger in der Hand (mit dem er später auf Falstaff losgehen wird), im Gespräch mit dem Cavalliere als englischer Stutzer mit Oberlippenbart und rotem Fächer getarnt. Ich habe mich sehr gefreut ihn wieder einmal hören zu dürfen, denn auch er hat eine sehr schöne Stimme und ist auch international tätig, so daß ich ihn nicht so oft hören kann wie ich gerne würde. Sir John hat sich für sein Rendez-vous mit Alice Ford übrigens in seine alte Pfadfinderkluft gezwängt, was im ersten Moment witzig aber nicht stimmig war: der Mann ist zwar geil (pardon) aber nicht blöd: SO würde sich auch ein John Falstaff nicht der Frau präsentieren mit der er die Ehe brechen möchte.
Die Frauen waren durchweg gut besetzt: ich mag die türkischstämmige Sopranistin Banu Böke sehr und habe sie bereits in vielen Rollen gehört, u.a. als Figaro-Gräfin, Zauberflöten-Dame und als Rezia in Haydns „L’incontro improvviso“. Ich habe mehrfach erwähnt, daß die Akustik unseres Theater mehr als problematisch ist (was ich im Chor auch von der anderen Seite des Vorhangs erleben musste...) mit der „unsere“ Sänger manchmal zu kämpfen haben, aber aus irgendeinem Grund war davon gestern nichs zu spüren: vielleicht stimmt es ja tatsächlich, daß ein hervorragender Kollege den anderen hilft, über sich selbst hinauszuwachsen. Es mag ja sein, daß die Wiener Staatsoper oder die BSO einen besseren Falstaff auf die Bühne bringt, aber mir hat unserer so gut gefallen, daß ich ihn gerne nocheinmal sehen würde.
Der Feenspuk am Ende der Oper war bunt und witzig: der Opernchor in knallbunten Tutus, mit Fühlern auf dem kopf und Schmetterlingsflügeln auf dem Rücken, Frau Ford und Frau Page bei einem kuriosen Pas-de-Deux, der es dann doch nicht ganz mit Myrtha, der Königin der Willis aufnehmen konnte und daher umso komischer wirkte, Mrs. Quickly (die HINREISSEND war) als großer Marienkäfer und Mr. Ford als wilder Wassermann mit langem Bart. Also: nach der für mich zumindest szenisch problematischen Zauberflöte im Frühjahr, war dies nun ein Opernabend der mich rundherum glücklich gemacht hat. Schade nur, daß unser Theater wieder einmal viel zu viele leere Sitzreihen hatte. Immerhin spielen unsere Bergischen Symphoniker zur Zeit wieder einmal buchstäblich um ihr Überleben, man will sie nämlich auflösen...
Maria-Anna (13.11.2011, 18:43): Das klingt nach einem tollen Abend!!! :) Ich habe auch schon viele positive Überraschungen in kleineren Häusern erlebt - z.B. bin ich immer ziemlich begeistert von der Arbeit des Staatstheaters Oldenburg. Sie bringen durchweg tolle Produktionen auf die Bühne (okay, bis auf das eine Mal, als der Regisseur kurz vor der Premiere das Handtuch geschmissen hat und die Dramaturgie fix irgendwas improvisieren musste - aber gut, irgendwas ist ja immer :D)....
Den Falstaff habe ich auch schon was länger nicht gesehen (war in Hamburg) und habe gerade wieder große Lust drauf bekommen..... :engel
Ingrid (18.12.2011, 00:20): Turandot am 17.12.11 in der BSO
werde jetzt zwar auch wieder nicht viel schreiben können, da es einfach zu spät ist und die Nacht dann zu kurz, aber ich wollte einfach nur mitteilen, dass ich heute wohl bei der spektakulärsten und grandiosesten Inszenierung "meines" Lebens im Opernhaus dabei sein konnte.
Das ist bestimmt Geschmackssache und andere würden dieses Spektakel vielleicht kitschig finden, aber was Carlus Padrissa - La Fura dels Baus mit seiner Crew da auf die Bühne an Aufbauten, Lichteffekten und Kostümen gezaubert hat, war wirklich phänomenal. Das kann man eigentlich nicht in Worte fassen, da sich ja ständig alles veränderte und auch durch die 3D-Brillen gab es noch besondere Höhepunkte.
Diese Turandot ist echt ein MUSS (finde ich inzwischen), obwohl ich ja heute nur reingegangen bin, weil ich für eine andere Bekannte eine Karte besorgt hatte, die dann nicht konnte. Ich wollte ja wegen eines bestimmten Tenors die Turandot voll boykottieren und er hat mir ja auch wirklich wieder bei seinem ersten Ton, da hatte ich ihn auf der Bühne noch nicht einmal entdeckt, mein re. Ohr ramponiert. Es tut seitdem weh, wie damals bei seinem Don José auch ganz lange.
Seine Angebetete (J.Wilson) war zwar nicht viel besser (die Rätsel sogar ziemlich gruselig) und bekam deshalb nur sehr mageren Applaus. Dafür wurde man aber durch den sagenhaft guten Chor, der in viele Rollen schlüpfen mußte, die zarte und sehr zu Herzen gehende Liù (Ekaterina Scherbachenko), den Timur (Alexander Tsymbalyuk) mit einem weichen und sehr sehr wohlklingenden Bass, reichlichst belohnt.
Der Star des Abends war für das Publikum aber sowieso Zubin Mehta, der den allermeisten Applaus bekam. Für mich hat er es ein wenig zu arg krachen lassen, aber das ist auch sein Markenzeichen und bei dieser Inszenierung mußte man sich schon bemerkbar machen, sonst würde vielleicht nichts anderes in Erinnerung bleiben :wink
Wenn ich es demnächst noch schaffe, kommen noch ein paar Einzelheiten der Inszenierung.
Gute Nacht und liebe Grüße Ingrid
Billy Budd (19.12.2011, 19:57): Liebe Ingrid, schön, dass Du uns von der Turandot berichtest. Marco Berti habe ich einmal als Cavaradossi gehört und er hat mir durchaus gefallen, allerdings kann ich mich an die Aufführung nicht mehr so gut erinnern. Jennifer Wilson wird Jennifer Wilson bei uns im Mai die Senta singen. Schauen wir mal ... Ich habe auch im anderen :wink Forum gelesen und herausgefunden, dass Du mit Deiner Meinung über die Sänger nicht alleine dastehst. Divergenzen gibt es bei der Ansicht zur Inszenierung, aber das war ja nicht anders zu erwarten. Ich habe noch nie eine Inzenierung mit 3D-Brillen gesehen, das wäre sicher interessant. An der Volksoper in Wien gab (Angeblich ist die schon abgesetzt.), eine moderne, aber farbenfrohe Turandot, die mit zugegebenermaßen gefallen hat. (Auch so etwas gibt es! :wink) Kurze Filmsequenzen gibt es hier und hier. Billy :hello
Ingrid (19.12.2011, 23:55): Lieber Billy,
wahrscheinlich sollte ich mich echt genieren, weil ich dieses Riesenspektakel gut fand. Ich war aber wirklich überwältigt, da ich der Meinung bin, dass diese Geschichte der grausamen und eiskalten Turandot und des verblendeten Prinzen Calaf totzdem sehr glaubwürdig rüberkommt. Es ist irgendwie großes Kino, mit allen Mitteln, die heute eben zur Verfügung stehen. Da wurde halt mal richtig geklotzt und sicher jede Menge Geld ausgegeben. Aber wie oft wird für den Mülleimer produziert, denn manche Inszenierungen überstehen ja gerade so mit Ach und Krach eine Spielzeit. Die Turandot wird wahrscheinlich einige Jahre gut angenommen werden, auch wenn sich viele Kritiker den Mund drüber zerreißen.
Sollte es mal eine Serie ohne einen gewissen MB geben, werde ich sicher sogar mehrmals in die Turandot gehen oder eben gleich Ohrstöpsel anlegen, denn optisch haben sie ihn ja ganz ansehnlich hergerichtet :D
Über die BSO könnte man auch ein paar Sequenzen anschauen, um einen kleinen Eindruck zu bekommen, denn ich weiß nicht so genau, wie ich das alles beschreiben sollte.
Auf jeden Fall steht im Programm, dass sich das alles so um das Jahr 2046 abspielt und China die neue Weltmacht sei. Es hatte sich Europa finanziell völlig einverleibt. Turandot (Prinzessin aus Eis) kontrolliert nun alle europäischen Bürger wie Big Brother und das wird dann auch durch dieses überdimensionale Auge dargestellt, das immer mal wieder in den Mittelpunkt der Bühne rückt. In dieser Zeit leuchtet dann meist auch die Brille auf und ein großes Geraschel im Opernhaus begleitet das Orchester. Alles auf der Bühne wird durch diese Brille dann in Rot gefärbt und man fühlt sich auch als Zuschauer beobachtet. Gerade dieses Hin und Her (mal rot, mal gleißend hell) brachte noch besondere Effekte und löste, zumindest bei mir, einige Gänsehautmomente aus. Ganz bes. am Schluss, als sich Liù für ihre Liebe opferte und sehr plastisch gezeigt wurde, wie ein Bambus ganz langsam durch ihren Körper wuchs und sie tötete.
Durch dieses Opfer verwandelte sich dann die Gesellschaft oder zumindest Turandot. Die alte Tao-Philosophie lebte angeblich wieder auf. Durch die traditionellen Kostüme des Volkes hatte man aber nicht so sehr das Gefühl, dass sich in den Jahrhunderten überhaupt viel veränderte. Das passierte aber dann doch durch die Darstellung der Großstädte im Hintergrund und das sich ständig verändernde Bild und seine Hektik.
Sehr eindrucksvoll wurde auch der Kinderchor bei seinen Auftritten in Szene gesetzt. Sie sahen wie kleine weiße Zwerge aus, die durch Laternen angestrahlt wurden. Sie sollten die Kinderarbeiter darstellen. Die Chorszenen überhaupt wurden dramaturgisch perfekt eingebaut. Musikalisch gehörten sie wieder, wie so oft, zu den Höhepunkten.
Also ich kann diese Turandot wirklich empfehlen, aber jeder hat halt doch einen anderen Geschmack und eigentlich waren mir bis jetzt ja auch die ganz schlichten Inszenierungen mit wenig Prunk und Pomp, aber einer guten Sängerriege und Personenführung am Allerliebsten. Manchmal kommt es aber anders als man denkt :wink
Liebe Grüße nach Wien Ingrid
Severina (20.12.2011, 00:35): Original von Billy Budd Marco Berti habe ich einmal als Cavaradossi gehört und er hat mir durchaus gefallen, allerdings kann ich mich an die Aufführung nicht mehr so gut erinnern. Billy :hello
Berti gehört für mich in die Kategorie der "Brüllaffen", für die Singen in erster Linie eine sportliche Leistung in der Disziplin "Wer kann's man lautesten und längsten?" darstellt. Ich hab die Story schon einige Male erzählt, aber nach einem Ballo mit ihm in Zürich hatte ich am nächsten Tag einen Hörsturz. OK, vielleicht hätte ich den auch ohne die massive Malträtierung meines Trommelfells durch den Herrn Berti bekommen, aber Tatsache ist, dass ich mir zum ersten Mal in meinem Opernleben wünschte, ich würde nicht so nahe an der Bühne sitzen......
lg Severina :hello
Billy Budd (20.12.2011, 17:26): Liebe Ingrid, aber nein; warum solltest Du Dich genieren? Es ist doch völlig in Ordnung, wenn Dir ein bestimmter Inszenierungsstil gefällt, warum nicht? Ich mochte zum Beispiel auch den von fast allen so gehassten und nunmehr abgesetzten Kosky-Lohengrin (Speziell die Idee mit der blinden Elsa finde ich genial!). Die Videos auf der Hompage werde ich mir bald anschauen, um einen Eindruck von der Inszenierung zu bekommen. Billy :hello
Ingrid (20.12.2011, 17:28): Original von Severina Berti gehört für mich in die Kategorie der "Brüllaffen", für die Singen in erster Linie eine sportliche Leistung in der Disziplin "Wer kann's man lautesten und längsten?" darstellt. lg Severina :hello
Liebe Severina,
Brüllaffe ist zwar eine schlimme, aber doch irgendwie sehr passende Bezeichnung, bes. wenn man einen Hörsturz bekommen hat oder tagelang Ohrenschmerzen (habe ich immer noch re.).
Am "längsten" passte diesmal aber irgendwie nicht so ganz, denn gerade bei seiner Paradearie blieb er sehr kurzatmig und hielt keinen Ton länger als irgend notwendig aus. Ich glaube, da würde ihn Potts auf jeden Fall schlagen :ignore Bei der Lautstärke allerdings nicht :D
:hello Ingrid
Ingrid (20.12.2011, 17:33): Original von Billy Budd ... nunmehr abgesetzten Kosky-Lohengrin (Speziell die Idee mit der blinden Elsa finde ich genial!). Billy :hello
Ich hab ja seine Figaro-Inszenierung an der KOB sehr geliebt (da sogar mit deutscher Übersetzung) und die fanden auch einige schrecklich. Bin ja gespannt, wie er sich als neuer KOB-Chef macht.
Liebe Grüße Ingrid
Billy Budd (20.12.2011, 17:34): Liebe Severina, ich habe mir beinahe gedacht, dass wir bezüglich Marco Berti nicht übereinstimmen. An mein letztes und bisher einziges Liverlebnis im Herbst 2010 kann ich mich nicht mehr so gut erinnern und wenn man sich den Abendzetel (siehe unten) anschaut, lässt der auf keine gute Aufführung schließen, aber mir hat's trotzdem gefallen. :D Ich habe mir auch gerade sein "Addio fiorto Asil" und die Sternenarie auf Youtube angehört und da gefällt er mir gut. Meinungen sind eben verschieden. :beer Billy :hello
Billy Budd (22.12.2011, 15:11): Original von Ingrid Original von Billy Budd ... nunmehr abgesetzten Kosky-Lohengrin (Speziell die Idee mit der blinden Elsa finde ich genial!). Billy :hello
Ich hab ja seine Figaro-Inszenierung an der KOB sehr geliebt (da sogar mit deutscher Übersetzung) und die fanden auch einige schrecklich. Bin ja gespannt, wie er sich als neuer KOB-Chef macht.
Liebe Grüße Ingrid
Liebe Ingrid, der "Lohengrin" ist die einzige mir bekannte Kosky-Inszenierung, weswegen ich mich zu seinen derzeitigen nicht äußern kann/möchte. Wie schon erwähnt, finde ich die Idee, Elsa nicht als schwach zu zeigen sehr gut. Sie ist stark, aber da sie ihren Bruder verloren hat, leidet sie unter einem Trauma, was sich in der Blindheit äußert (Ich glaube, so etwa steht es im Programmheft.). Ok, die Brautgemach-Szene ist ziemlich langweilig inszeniert (Die beiden sitzen wie ein altes Ehepaar nebeneinander.), aber sonst finde ich die Inzenierung bei weitem nicht so schlecht, wie manche andere Besucher.
Original von Ingrid Über die BSO könnte man auch ein paar Sequenzen anschauen, um einen kleinen Eindruck zu bekommen, denn ich weiß nicht so genau, wie ich das alles beschreiben sollte. Der Kurzdilm dauert über zehn Minuten und ich habe heute nicht die Zeit, alles anzuschauen (Ich werde gleich zur "Zauberflöte" aufbrechen.), kann mir aber den Effekt dieser Inszenierung vorstellen.
Noch eine Frage: Hast Du die Vorgängerinszenierung von Ponnelle gesehen?
Billy :hello
Ingrid (22.12.2011, 22:48): Original von Billy Budd Noch eine Frage: Hast Du die Vorgängerinszenierung von Ponnelle gesehen?
Billy :hello
Lieber Billy,
die Turandot habe ich nur einmal bei einer Übertragung aus der MET gesehen und diese Inszenierung war einfach nur schrecklich. Gehe erst seit ungefähr 13 Jahren regelmäßiger in Oper und Ballett und deshalb ist mir die Ponnelle-Inszenierung, wie auch viele andere hochgelobte Opernvorstellungen, Dirigenten, Sängerinnen und Sänger entgangen :I
Herzliche Grüße Ingrid
Zefira (10.01.2012, 01:13): Wir sind im Rahmen unserer Silvester-Rundreise auch am 3.1. in Bratislava in einer Aufführung der Traviata gewesen ...
Die Geschichte ist schon beinahe komisch, weil es im Vorfeld so viele Probleme gab. Erstmal waren im November, als ich Plätze reservieren wollte, über die üblichen, auch auf der HP des Opernhauses verlinkten Onlineshops keine Karten zu bekommen. Ich habe schließlich das Opernhaus selbst angeschrieben und konnte sofort Plätze reservieren, sehr schöne Plätze zu sehr günstigem Preis übrigens. Die waren dann aber, als wir am Aufführungstag in die Oper kamen, besetzt :haha
Da das Haus keineswegs voll war, haben wir uns woanders hingesetzt, aber ich muss schon sagen, dass ich mir in einer solchen Situation vom Personal des Hauses ein wenig mehr Interesse und Mitarbeit erwartet hätte. Im Gegensatz zu der Situation beim Hoffmann in Frankfurt damals hatten wir nämlich diesmal definitiv die "richtigen" Karten mit dem richtigen Datum. Aber von den Herrschaften Platzanweisern interessierte das keinen, die standen bloß gähnend herum ...
Die Aufführung war aber sehr schön. Leider kann ich dem Programmzettel nicht die vollständigen Namen der Sänger entnehmen, von denen ich keinen kannte; die gehörten zum Haus. A. Vizvari als Violetta war ein Genuss; bis zum Ende sang sie mit großer Ausdruckskraft, beweglicher Stimme und ergreifender Darstellung. Alfredo, ein Herr namens L.Ludha, fiel demgegenüber etwas ab, er sang irgendwie schaumgebremst (allerdings mit schönem Stimmklang) und bewegte sich etwas hölzern mit klassischen Operngesten. Germont ("J.Kettner a.h." steht auf dem Programmzettel) gefiel mir wieder sehr gut. Die Regie war eher konventionell, allerdings mit ein paar originellen Ideen: So erschien Violetta zu Beginn er Oper auf einem Stühlchen ganz am Rand der Bühne, außerhalb des Vorhangs, und legte dort einen Blumenstrauß ab. Während der gesamten Oper blieb der Strauß dort liegen und der verlassene Platz wurde hin und wieder während Violettas Gesangspassagen hell angestrahlt, um an ihren bevorstehenden Tod zu erinnern. In der Sterbeszene verließ sie wieder die eigentliche Bühne und ging zu diesem Platz hinaus, so dass sie beim Fallen des Vorhangs außerhalb stand oder vielmehr lag. Was das Orchester betrifft, muss ich sagen, ich setze mich wohl nicht mehr so weit vorne hin (wir saßen in der dritten Reihe Parkett), das war keine gute Entscheidung. Wahrscheinlich war das Dirigat sehr gut, aber es kam so weit vorne alles etwas explosionsartig an. Es war ein wirklich schöner Abend, aber nächstes Mal gehe ich in Budapest in die Oper. Da haben wir nämlich keine Plätze gekriegt, die konnten wir nur besichtigen. Ein Wahnsinnshaus!
Nachtgrüße von Zefira
Severina (10.01.2012, 01:33): Liebe Zefira,
die Inszenierungen in Bratislava sind überwiegend konventionell, weshalb Wiener Opernfans, die sich regietheatergeschädigt fühlen, so gerne dorthin pilgern. (Außerdem ist es von Wien aus das nächste Opernhaus, und die Besetzungen sind meistens auch OK!) Ich war früher öfter in Bratislava, weil dort im Unterschied zu Wien nicht nur die 0815-Werke im Repertoire aufschienen, aber leider musste man immer mit Programmänderungen rechnen. Und nachdem es mir zweimal hintereinander passierte war, dass ich statt der erhofften eine ganz andere Oper zu sehen kriegte (z.B. statt "Adriana Lecouvreur" einen "Don Giovanni" in einer unfreiwillig komischen Inszenierung....), hatte ich die Nase voll. Aber ich sollte vielleicht wirklich wieder einmal einen Opernabend in Bratislava ins Auge fassen!
lg Severina :hello
Ingrid (10.01.2012, 01:35): Auch von mir noch ein paar Nachtgrüße und danke liebe Zefira für den Bericht Deiner spannenden Opernreise.
Hier nun ein paar Zeilen über den fliegenden Holländer aus der Bayerischen Staatsoper vom 8.1.2012
Lieber Billy,
Du hast mich in einem anderen Thread gefragt, wie mir der Holländer gefallen hat. Okay, dann probiere ich es mal hier, Dir zu antworten.
Nach ganz langer Zeit durfte ich mal wieder vom Parkett aus eine Opernvorstellung bewundern und diese Inszenierung, die ich ja über alles liebe (einige würden mich dafür wahrscheinlich steinigen wollen) sah ich bisher ja nur aus luftigen Höhen. Es war ganz merkwürdig, dass ich fast bis zum 3. Akt brauchte, um mich nicht wie im Keller zu fühlen und mir die Sicht aus der Höhe nicht mehr fehlte. Dafür erschlug mich dann auch der Schlussakt in dieser riesigen Scheune beinahe. Kann mir kaum vorstellen, dass man diese Dramatik noch mehr steigern könnte.
Wer mag, sollte sich auch da unbedingt das Video bei der BSO anschauen. Die Bilder kann man unmöglich selbst so gut und eindrücklich beschreiben, wie es diese kurzen Ausschnitte schon zeigen.
Anja Kampe war wieder Senta, wie auch in der Premiere am 26.2.06 und den meisten der bisher 32 Vorstellungen, so die Angaben im Vorstellungsarchiv stimmen (Brynn Terfel habe ich z.B. dort als Holländer nicht mehr gefunden, meine aber, er hätte Uusitalo in der letzten Serie 2009 vertreten). Bei AK hatte ich wirklich das Gefühl, sie ist noch besser geworden, obwohl das kaum mehr geht, hat die Rolle noch mehr verinnerlicht und verausgabt sich gerade im letzten Akt voll und ganz. Ihr irres Lachen begleitet noch lange Zeit und zeigt, wie Menschen förmlich zu unsinnigen Handlungen gezwungen werden, wenn man ihre Liebe so verschmäht oder fordert. In dem Fall fliegt dann wirklich alles in die Luft und man ist auch als Zuschauer erst einmal blind und taub. Wirklich immer wieder ein phänomenales Erlebnis.
Alan Held erlebte ich das erste Mal als Holländer und er war für mich sehr gewöhnungsbedürftig, auch sehr gespenstisch im Aussehen und ab und zu kam seine Muttersprache durch, aber nur wenig. Man konnte durchaus mit ihm zufrieden sein, aber ich liebe halt Juha Uusitalo in dieser Rolle, der ja auch einmal am Bühnenausgang sagte, dass er den Holländer nicht spielt sondern ist und das Gefühl hatte ich bei ihm immer. Es knisterte auch förmlich zwischen Senta und ihm, was jetzt nicht zu erkennen war, da Held fast so alt wirkte, wie er der Sage nach sein sollte :ignore
Da verstand man dann natürlich erst recht nicht, dass Senta den, vergleichsweise wunderschönen Erik (von K. F. Vogt natürlich in gewohnter Weise wieder engelsgleich gesungen) so verschmähte. Er war schon eine Luxusbesetzung, bes. nachdem wir auch einige Male Herrn Wottrich genießen durften, aber so hin und hergerissen wir vor Jahren, bin ich jetzt von ihm und seinem Gesang nicht mehr. Es war alles irgendwie zu eindimensional und zu Lohengrin-like. Das passte irgendwie nicht zu dieser Rolle. Egal, denn da werden sich immer die Meinungen trennen, aber er bekam, neben AK doch den heftigsten Applaus.
Mir gefiel ja Peter Rose als Daland sehr gut, denn ihn verstand man perfekt und er hat einen sehr wohlklingenden Bass, obwohl mir das verschwurbelte finnische Deutsch von Matti Salminen und sein Auftritt doch ein klein wenig abging. Er gehörte als Urgestein halt einfach auch in diese Produktion. (Singt er eigentlich noch?)
Der Steuermann Kevin Conners hat wohl noch keine Vorstellung ausgelassen, aber ist inzwischen doch nicht mehr ganz so temperamentvoll, obwohl ihm der Überschlag von der Landungsbrücke nach wie vor gut gelingt. Seine Stimme ist inzwischen halt auch schon "reifer" geworden, aber er ist in München nach wie vor beliebt.
Wer fehlt noch? Ach ja die Mary. Die sang diesmal Okka von der Damerau. Sie ist eine sehr selbstbewußte Dame mit kräftiger Stimme, die mir sehr gut in dieser Rolle, wie inzwischen auch in vielen anderen, gefiel und der blonde Engel war auch wieder die Premierenbesetzung und so schön wie immer. Engel altern halt auch nicht :wink
Die musikalische Leitung hatte Kazushi Ono, ein gebürtiger Japaner. Die Ouvertüre kam mir noch ziemlich schaumgebremst vor, aber bis zum 3. Bild steigerte er sich dann doch gewaltig. Man konnte sicher auch mit ihm und dem Orchester sehr zufrieden sein, aber das empfindet jeder anders. Auf jeden Fall war mein Opern-Auftakt im Jahr 2012 sehr zufriedenstellend, nachdem mir der Abschluss 2011 mit der Fledermaus nicht ganz so gut gefiel. Und bald geht es munter und bestimmt großartig weiter.
Gute Nacht und liebe Grüße Ingrid
Schweizer (10.01.2012, 09:16): Hallo Ingrid, zu Deiner Frage betreffend Matti Salminen: "singt er eigentlich noch?"
Ja, demnächst in zwei Neuinszenierungen am Opernhaus Zürich: 1) ab 22.01. Veit Pogner in den "Meistersingern" (ML: Daniele Gatti / R: Harry Kupfer) mit/neben u.a. Michael Volle als Sachs, Roberto Saccà als Stolzing, Juliane Banse als Eva, Martin Gantner als Beckmesser, Peter Sonn als David, Wiebke Lehmkuhl als Magdalene 2) ab 04.03. FilippoII im 5-aktigen, ital. Don Carlo (ML: Zubin Mehta R: Sven-Eric Bechtolf) mit/neben u.a. Anja Harteros/Elisabetta, Vesselina Kasarova/Eboli, Fabio Sartori/Don Carlo, Massimo Cavaletti/Posa. Alfred Muff/Grande Inquisitore
Er hat aber in einem Interview 2011 gesagt, dass er seine lange Karriere langsam ausklingen lasse, schliesslich wird er im Sommer dieses Jahres 67.
Gruss vom Schweizer :)
Severina (10.01.2012, 11:58): Mensch, wenn man diese Besetzungen liest, kann einen als leidgeplagte Wienerin nur der Neid fressen! Salminen habe ich vor zwei Jahren als noch sehr imposanten Filippo in Zürich erlebt, allerdings noch in der alten Inszenierung.
lg Severina :hello
Schweizer (10.01.2012, 12:26): Hallo Severina, in diesem Zusammenhang ein interessantes Détail: dieses Werk wird in der 21-jährigen Intendanz Pereiras im März zum dritten Mal eine Neuinszenierung erfahren; in den zwei vergangenen Inszenierungen hat aber Salminen den Filippo stets nur nachgesungen und/oder war in der Premièrenserie mal der Inquisitor, R.Raimondi und C.Colombara waren seine auch nicht zu verachtenden Vorgänger als Philipp. Jetzt kriegt er ihn von A.Pereira als logisches Abschiedsgeschenk. Dieser Beitrag ist etwas OT, jedoch wird er für Dich und Ingrid bestimmt von Interesse sein, hoffe ich mal? Gruss vom Schweizer :)
Ingrid (10.01.2012, 13:25): Ja sehr, lieber Schweizer, vielen Dank!
Ist schon toll, wie lange manche Sängerinnen und Sänger noch aktiv und auch gut sein können. Heute werden die Jungen doch leider sehr viel schneller verschlissen, aber das ist ein anderes Thema.
Volle, Banse und Gantner sind sicher auch ein sehr gutes Gespann und viel zu wenig in München.
Herzliche Grüße Ingrid
Billy Budd (11.01.2012, 22:58): Liebe Ingrid, vielen Dank, dass Du meiner Bitte nachgekommen bist. Ich habe Deinen Bericht mit großem Interesse gelesen. Anja Kampe sang in der "Tannhäuser"-Premiere 2010 die Elisabeth. Ich war nicht dort, aber mir ist erzählt worden, sie hätte recht schlecht gesungen. Angeblich soll die Stimme schrill sein, aber ich kann nichts dazu sagen, da ich sie noch nie live erlebt habe, was auch für Alan Held und Peter Rose gilt, die letzte Zeit in Wien aufgetreten sind (Jochanaan und John Claggart). Klaus Florian Vogt hingegen ist mir von drei "Katja"-Vorstellungen in der Rolle des Boris sehr wohl bekannt, aber warm wurde ich nicht mit ihm. Ich wollte mir eben seine "Gralserzählung" auf Youtube anhören, habe aber ob seinem Gesäusel vorzeitig gestoppt. Matti Salminen mag ich übrigens auch sehr! Billy :hello
Billy Budd (11.01.2012, 23:00): Original von Severina Mensch, wenn man diese Besetzungen liest, kann einen als leidgeplagte Wienerin nur der Neid fressen! Salminen habe ich vor zwei Jahren als noch sehr imposanten Filippo in Zürich erlebt, allerdings noch in der alten Inszenierung.
lg Severina :hello
Liebe Severina, was unseren Direktor und seine Besetzungen betrifft, gehe ich ja sehr oft konform mit Dir, aber diesmal nicht. Sind Deiner Meinung nach unsere "Don Carlos"-Besetzungen wirklich viel schlechter, als die zürcher? Billy :hello
Ingrid (11.01.2012, 23:51): Original von Billy Budd Liebe Ingrid, vielen Dank, dass Du meiner Bitte nachgekommen bist. Ich habe Deinen Bericht mit großem Interesse gelesen. Anja Kampe sang in der "Tannhäuser"-Premiere 2010 die Elisabeth. Ich war nicht dort, aber mir ist erzählt worden, sie hätte recht schlecht gesungen. Angeblich soll die Stimme schrill sein, aber ich kann nichts dazu sagen, da ich sie noch nie live erlebt habe, was auch für Alan Held und Peter Rose gilt, die letzte Zeit in Wien aufgetreten sind (Jochanaan und John Claggart). Klaus Florian Vogt hingegen ist mir von drei "Katja"-Vorstellungen in der Rolle des Boris sehr wohl bekannt, aber warm wurde ich nicht mit ihm. Ich wollte mir eben seine "Gralserzählung" auf Youtube anhören, habe aber ob seinem Gesäusel vorzeitig gestoppt. Matti Salminen mag ich übrigens auch sehr! Billy :hello
Lieber Billy, es fiel mir nicht leicht, Deiner Bitte nachzukommen, da ich Stimmen nicht so differenziert beschreiben kann und gerade in Bezug auf Anja Kampe keine großen Rollenvergleiche habe. Frau Stemme fand ich auf jeden Fall nicht so überzeugend als Senta, kann mich aber auch nicht mehr so arg gut an sie erinnern (wurde offensichtlich schnell abgehakt). Mag schon sein, dass Anja Kampe ab und zu auch schrill wird, aber das sehe ich halt mehr als Gestaltungselement in dazu passenden Situationen an.
Bei Rose konnte man wirklich nicht meckern, obwohl er, meiner Ansicht nach, keinen so rabenschwarzen Bass hat, um z.B. den Claggart gemein und böse zu singen. Unsrer war sehr gut, aber im Moment komme ich einfach nicht auf seinen Namen. (Es war Titus) Hat auch oft den Wotan gesungen. (Billy Budd gehört sowieso zu meinen Lieblingsopern und -inszenierungen in München. Hoffentlich kommt die/er bald mal wieder).
Bei Vogt sind wir uns einig :wink Ich konnte den BT Lohengrin nicht bis zu Ende sehen und hören.
Gute Nacht und herzliche Grüße Ingrid
Billy Budd (13.01.2012, 16:20): Original von Ingrid Original von Billy Budd Liebe Ingrid, vielen Dank, dass Du meiner Bitte nachgekommen bist. Ich habe Deinen Bericht mit großem Interesse gelesen. Anja Kampe sang in der "Tannhäuser"-Premiere 2010 die Elisabeth. Ich war nicht dort, aber mir ist erzählt worden, sie hätte recht schlecht gesungen. Angeblich soll die Stimme schrill sein, aber ich kann nichts dazu sagen, da ich sie noch nie live erlebt habe, was auch für Alan Held und Peter Rose gilt, die letzte Zeit in Wien aufgetreten sind (Jochanaan und John Claggart). Klaus Florian Vogt hingegen ist mir von drei "Katja"-Vorstellungen in der Rolle des Boris sehr wohl bekannt, aber warm wurde ich nicht mit ihm. Ich wollte mir eben seine "Gralserzählung" auf Youtube anhören, habe aber ob seinem Gesäusel vorzeitig gestoppt. Matti Salminen mag ich übrigens auch sehr! Billy :hello
Lieber Billy, es fiel mir nicht leicht, Deiner Bitte nachzukommen, da ich Stimmen nicht so differenziert beschreiben kann und gerade in Bezug auf Anja Kampe keine großen Rollenvergleiche habe. Frau Stemme fand ich auf jeden Fall nicht so überzeugend als Senta, kann mich aber auch nicht mehr so arg gut an sie erinnern (wurde offensichtlich schnell abgehakt). Mag schon sein, dass Anja Kampe ab und zu auch schrill wird, aber das sehe ich halt mehr als Gestaltungselement in dazu passenden Situationen an.
Bei Rose konnte man wirklich nicht meckern, obwohl er, meiner Ansicht nach, keinen so rabenschwarzen Bass hat, um z.B. den Claggart gemein und böse zu singen. Unsrer war sehr gut, aber im Moment komme ich einfach nicht auf seinen Namen. (Es war Titus) Hat auch oft den Wotan gesungen. (Billy Budd gehört sowieso zu meinen Lieblingsopern und -inszenierungen in München. Hoffentlich kommt die/er bald mal wieder).
Bei Vogt sind wir uns einig :wink Ich konnte den BT Lohengrin nicht bis zu Ende sehen und hören.
Gute Nacht und herzliche Grüße Ingrid
Liebe Ingird, ich wollte Dich natürlich zu nichts drängen. Wenn es Dir schwer fällt, zu berichten, musst Du es selbstverständlich nicht tun. Wie gesagt: Anja Kampe und Alan Held habe ich noch nie gehört und kann mich dazu eigentlich nicht äußern. Billy :hello
Ingrid (13.01.2012, 19:59): Lieber Billy,
um was zu bitten, sehe ich nicht als drängen an und natürlich war es dann mein freier Wille, es zu tun. Fühlte dabei halt noch stärker meinen fehlenden Wortschatz, da musikalisches Grundwissen durch die paar Jahre Opernbesuche nicht groß ins Gewicht fallen und Du oder viele andere User berichten halt wirklich so gut, dass ich mich doch ziemlich anstrengen mußte. Aber das schadet ja eigentlich nicht :wink
Wollte Dich auf jeden Fall nicht ärgern :beer
Liebe Grüße nach Wien Ingrid
Billy Budd (14.01.2012, 23:49): Liebe Ingrid, dann war es also nur ein Missverständnis. :beer Danke übrigens für das Kompliment. :) Billy :hello
Zefira (01.03.2012, 01:15): Ich komme gerade zurück von einem ganz wunderbaren "Maskenball" in Mainz. Unter den Sängern gefiel mir die Damenriege besonders; die Sängerin der Amelia (Ruth Staffa) war einfach großartig mit großer Dramatik und bis zum Schluss gut kontrollierter Stimme - um nur die eine hervorzuheben. Das Programmheft weist unter "musikalische Leitung" einen Männernamen aus; ich habe im Graben eine junge Dirigentin gesehen, die eine phantastische Dynamik herausgespielt hat. Wäre schön, wenn man noch ihren Namen erfahren könnte - eine Einspringerin? Die Regie war in Anbetracht dessen, dass in Mainz chronischer Geldmangel herrscht, wirklich nicht schlecht. Ich habe ein paar Einzelheiten nicht verstanden, aber im großen ganzen fand ich es gelungen. Tom und Samuel wanderten mit einer Bombe im Koffer auf der Bühne herum (der Koffer wurde hin und wieder quasi in einer Reminiszenz an "Pulp Fuction" geöffnet und offenbarte rote blinkende Lichtchen), Amelia ließ es sich nicht nehmen, Renatos Hemd zu bügeln, während er ihr mit Mord und Totschlag drohte, und Ulrica wirkte auf offener Bühne als Hebamme (wenn ich das richtig verstanden habe) und vergoss dabei reichlich Theaterblut. Wie auch immer, es war richtig gut. Vor allem das Orchester und das Dirigat waren richtig gut. Ich hoffe, ich bekomme den Namen der Dirigentin noch heraus.
Gruß von Zefira
nikolaus (13.05.2012, 10:23): Gestern in der Oper Bonn:
Léo Delibes: Lakmé
Die Geschichte ist ja furchtbar simpel: I. Brahmane und Tochter Lakmé müssen sich im englisch besetzten Indien in ihrem Heiligtum versteckt halten. Englische Gesellschaft, darunter Gérard, betreten verbotenerweise das Heiligtum, Gérard sieht Lakmé und verliebt sich auf der Stelle in sie (und sie sich in ihn). Dafür droht ihm die Todesstrafe, weshalb Lakmé ihn wegschickt. Ihr Vater bekommt es trotzdem mit und schwört Rache. II. Vater missbraucht Lakmé als Lockvogel, um Gérard zu finden. Lakmé muss singen ("Glöckchenarie"); mit Erfolg: Gérard erscheint, wird vom Vater erkannt und schwer verwundet. III. Lakmé lässt Gérard von einem ihr treuen Diener in ein Versteck bringen und pflegt ihn. Er träumt von England, sie muss erkennen, dass ihre Liebe ohne Zukunft ist. Sie geht als Unsterbliche in den Tod.
Genauso simpel war die Inszenierung von Paul-Emile Fourny: Einfaches Bühnenbild mit indisch verziertem Gitterwerk als Hintergrund und Raumteiler auf der Drehbühne, wenige Requisiten, schöne Beleuchtung. Der Epoche entsprechende Uniformen für die Engländer, folkloristische Kostüme (Saris) für die Inder. Personenführung auf ein Minimum reduziert, Spannungsbogen sauber ausgearbeitet. Insgesamt eine konventionelle, ein bisschen einfallslose und langweilige, aber immerhin schön anzuschauende Inszenierung.
Die Übertexte habe ich lieber nicht mitgelesen, denn die waren wirklich haarsträubend kitschig, zumindest in dieser holprigen Übersetzung. Stattdessen habe ich mich auf die Musik konzentriert, und was wir zu hören bekamen, war sehr erfreulich.
Das Beethoven Orchester Bonn und der Chor des Theaters Bonn spielte unter der Leitung von Robin Engelen. Aufgefallen ist mir ein breites dynamisches Spektrum; die Partitur war wirklich gut ausgearbeitet; solistische Partien solide gespielt. Das Zuhören hat wirklich Freude gemacht. Miriam Clark als Lakmé war ideal besetzt und mit ihrer wunderschönen, sicher geführte Stimme erstklassig für unser kleines Haus. Einzig ein bisschen mehr Risikofreudigkeit hätte ich mir gewünscht. Mirko Roschkowski als Gérard hat mir nach etwas schwachem Start sehr gut gefallen. Er verfügt über einen sehr hellen, klaren leichten Tenor, konnte sich aber zumindest im zweiten und dritten Akt auch an den lauteren Stellen gut behaupten und harmonierte stimmlich mit Miriam Clark aufs beste. Ramaz Chikviladze als Brahmane Niklakantha trat sowohl stimmlich als auch darstellerisch ebenfalls rollendeckend auf. Die kleineren Rollen der Engländer waren mit Anjara Bartz, Julia Kamenik, Charlotte Quandt und Giorgos Kanaris gut besetzt. Dazu kamen als Diener Hadji Carles Prat und vor allem die schwangere Susanne Blattert als Mallika, die im Duett Lakmé im ersten Akt für einen ersten Höhepunkt sorgte.
Besagtes Duett war übrigens der Anlass für einen Zuhörer, extra aus Norddeutschland anzureisen. Er hatte das Duett in einer Fernsehwerbung gehört, rausgefunden, woraus es stammt und dass diese Oper gerade in Bonn gespielt wird. Wozu Werbung also auch gut ist...
Nikolaus.
Zefira (03.06.2012, 22:08): Hallo ihr Lieben, hier der versprochene Bericht zu „L’Elisir d’amore“ in Baden-Baden am 31.5., inszeniert von Rolando Villazón:
Ich glaube, bei dem Gedanken, dass caro Rolando selbst inszeniert, haben wir alle Clownsnummern befürchtet :o) . Ganz so schlimm war es dann aber wirklich nicht. Laut eigener Aussage (in einem Filmchen, das auf youtube zu sehen ist) hatte Villazón von Anfang an ein sehr klares und entschiedenes Regiekonzept, und das hat man auch gemerkt. Die Grundidee kam mir zwar etwas übergestülpt vor, ist aber sehr straff durchgezogen, deshalb schien mir auch alles stimmig.
Villazón hat das Geschehen in einem Filmstudio der Dreißigerjahre angesiedelt. Es wird ein Western gedreht, die Kulissen sind entsprechend aufgebaut: Saloon, Bank, im Vordergrund eine Tunnelöffnung mit daraus hervorkommendem Gleis, auf dem die Kamera vor- und zurückfährt. Regisseur des geplanten Films ist Dulcamara, der auch selbst im Indianerkostüm mitspielt; Regieassistentin ist Giannetta, die Hauptdarstellerin Adina … und Nemorino erscheint als Komparse im – wen wundert’s? – mexikanischen Kostüm mit Poncho und Sombrero (darauf muss er sich gefreut haben!). Außerdem traten auf: die Daltons, mehrere Revolvermänner, Barkeeper, Cancan-Tänzerinnen, ein Riesenaffe, ein Chinese (der im Hintergrund ständig neue Tai Chi-Figuren aufführte), ein Apache (der steif an der Seite stand und das Geschehen hin und wieder mit „Howgh!“ kommentierte) usw., alle verkörpert von Chormitgliedern und einigen stummen Darstellern.
Ich gebe zu, dass ich der Inszenierung eher skeptisch gegenüber stand. Aber das Konzept ging besser auf, als ich erwartete. Es war – wohl absichtlich – nicht immer genau zu erkennen, welche Szenen nun eigentlich zum Film gehören und welche sich außerhalb des Drehs am Rande abspielten. Zum Beispiel bei Dulcamaras Auftritt als Indianer-Quacksalber lief die „Kamera“ mit, unmittelbar darauf wurde er (nach Abgang des Filmteams) von Nemorino um den Liebestrank angehauen – hier liefen Binnen- und Rahmenhandlung ein wenig ineinander, wie bei Sauras Carmen, oder vielleicht war Nemorino auch nur so verpeilt, dass er nicht zwischen Schein und Wirklichkeit unterschied. Die Wildwestfilm-Idee reichte bis in die musikalische Umsetzung hinein mit einigen Songzitaten aus dem Orchestergraben, einmal zum Beispiel „Der Clou“, vom Flügel gespielt.
Eine tolle Idee zum Schluss: Bei geschlossenem Vorhang durften wir den fertigen Wildwestfilm noch sehen (er war nur wenige Minuten lang), und zwar im echten Stummfilmstil mit Zwischentiteln!
Kleine, poetische Ideen garnierten die Inszenierung: Zum Beispel im ersten Duett zwischen Adina und Nemorino faltet letzterer, während er davon singt, wie der Bach stets nach dem Meer strebt, ein großes Papierschiffchen. Anschließend faltet Adina, indem sie ihm sagt, er solle wie sie sich jeden Tag neu verlieben, einen Papierflieger. Anderes kam mehr slapstickartig, hier ließ Villazón seinem Sinn fürs Clowneske freien Lauf: Er setzte sich versehentlich auf einen Sprengsatz und brachte ihn dadurch zur Explosion (was natürlich ziemlich vorhersehbar war, als der Sprengsatz auf die Bühne kam), Adina warf eine Torte nach ihm, traf jedoch einen Komparsen, Nemorino stand gerade unter einer umfallenden Kulisse, es passierte jedoch nichts, weil die Kulisse exakt so fiel, dass er in einem Fenster stand … Ein King Kong-Affe kam übrigens auch noch vor, der sich dann im Laufe des Stücks ebenfalls in ein Can-Can-Tänzerin-Kostüm gesteckt hat.
Miah Persson, die als Adina vorgesehen war, war leider erkrankt; als Ersatz wurde die junge Olga Peretyatko aus Turin eingeflogen, kam (laut Ansage vor Beginn der Oper) grade mal eine halbe Stunde vor Beginn im Opernhaus an und wurde eine Viertelstune lang in die Inszenierung eingewiesen; der Rest der Zeit ging für die Anpassung des Kostüms drauf. Mir fällt es schwer, das zu glauben; die z.T komplizierte Choreographie in den Ensembles klappte dafür wirklich überragend gut. Überdies erwies sich Frau Peretyatko als großartige Sängerin und Schauspielerin, sang einwandfrei mit schöner, weicher Stimme, gefühlvoll und exakt in den Koloraturen, mit einem Wort eine tolle Leistung, die vom Publikum mit viel Zwischen- und Schlussapplaus entsprechend belohnt wurde.
Was Ildebrando d’Arcangelo betrifft, so muss ich sagen, dass wir ihn schon besser gehört haben, aber er hat dennoch eine solide Leistung abgeliefert. Seinen Dulcamara kennen wir bereits aus der Inszenierung von Otto Schenk, er hat durchaus komödiantisches Talent ;-).
Am wenigsten gefiel mir Roman Trekel als Belcore. Abgesehen von seiner etwas poltrigen, undifferenzierten Intonation (mag Interpretationssache sein) kam er oft auch einfach nicht über das Orchester. Kurz und ungut, er machte den Mund auf und zu, aber ich hörte nichts. (Mimì, die noch einen Rang höher saß als ich, meinte, es seien alle Sänger immer wieder schlecht über das Orchester gekommen – mir ist es nur bei Herrn Trekel richtig aufgefallen.)
Rolando Villazón hat auf jeden Fall weit besser gesungen, als wir befürchtet haben. Stimmliche Probleme sind uns nicht aufgefallen. Keine Stimmkrise, keine Intonationsschwierigkeiten. Teilweise war er etwas zu leise, aber das galt für alle Sänger. Außerdem fehlte es manchmal etwas an Präzision in den großen finalen Schlussteilen. In den Duetten gefiel er uns dagegen meistens sehr gut und nach wie vor singt er sehr gefühlvoll. Dagegen sind die Soli etwas abgesunken, vor allem das berühmte „Una furtiva lagrima“. Das war nicht geanz so gelungen, sowohl im Ausdruck und in der Dynamik als auch in der Artikulation; es fehlte vor allem an der Textverständlichkeit. Wenn ich ein Stück sehr gut kenne, mich darauf freue, und dann aber statt „una furtiva lagrima“ „ooona fotiva lagrima“ höre, bin ich doch einigermaßen irritiert. Kommt so etwas durch den Druck der Erwartung im Publikum zustande? Denn andere Passagen wiederum waren sehr schön ausgesungen (mir gefällt ja immer der Moment von „Adina, credimi“!).
Was die Darstellung betrifft: Rolando kann es wohl nicht lassen, bei Adinas Liebeserklärung zu trippeln wie ein kleiner Junge, der ein Geschenk bekommen soll. Ich habe mich diesmal entschieden, das einfach zu ignoriern, und gesungen hat er diese Stellen sehr schön ;o)
Besonders hervorzuheben wäre auch der Balthasar-Neumann-Chor, welcher nicht nur eine große dynamische Bandbreite und vielerlei Farben beherrschte, sondern auch unglaubliche Spielfreude bewies. Die Orchesterleistung war solide – aber man muss natürlich fragen, ob das Orchester nicht einen Gang zurückschalten sollte, wenn die Sänger so schlecht durchkommen.
Ihr könnt euch übrigens alle demnächst selbst ein Urteil bilden, denn die Aufführung wurde gefilmt und soll irgendwann auf arte gezeigt werden, möglicherweise an Silvester – ich habe das noch nicht genau herausbekommen können. Ich werde dann auf jeden Fall den Finger am Aufnahmeknopf haben :o) Insgesamt war es ein wunderschöner Abend.
Dieser Beitrag wurde von Mimí und mir gemeinsam verfasst; wir haben unsere Eindrücke zusammengeworfen.
Schöne Grüße Zefira und Mimí
Heike (03.06.2012, 22:34): Na das ist ja interessant, RV als Regisseur, ich hatte bisher von diesem Projekt noch nichts mitbekommen. Ehrlich gesagt hätte ich ihm das auch nicht zugetraut und ich bin auch nicht sicher, ob ich Spaß dran gehabt hätte, so wie du das beschreibst. „Der Clou“, vom Flügel gespielt, oder wiederkehrende "Howgh"s als Kommentare klingen jedenfalls für mich ziemlich abschreckend :ignore Aber naja, vor imaginierten Filmkulissen kann man natürlich auch Quatsch machen, das passt dann vielleicht sogar. Das mit dem Stummfilkm am Ende finde ich wiederum eine richtig gute Idee.
Danke euch zweien für den sehr interessanten Bericht! Heike
Zefira (03.06.2012, 23:11): Es gab noch mehr Kleinigkeiten, die einen sog "Regietheatergegner" zur Verzweiflung getrieben hätten: Lautstarkes Schlagen der Klappe, ein paar ins Megaphon gebrüllte "Action!", Revolverschüsse ... Ich bin allerdings in der glücklichen Lage, keine geübte Operngeherin zu sein, ich gehe da rein mit dem Entschluss, mich verzaubern zu lassen, und kann mehr oder weniger alles goutieren.
Es ist halt Theater ... Wenn es in sich geschlossen ist und gut aufgeht, kann ich auch mitgehen. Das war eindeutig der Fall. Es stimmte alles gut zusammen und die Spielfreude kam mit Schwung über die Bühne. Der Schlussapplaus war entsprechend mit Getrampel und Bravo. Leider mussten wir uns danach sofort auf den Weg machen, ohne "backstage" abwarten zu können - es war auch so nach drei Uhr, bis wir zu Hause waren; der nächste Tag war ein Arbeitstag und ich musste in aller Frühe mit Mimí nach Weimar. So eine Hektik tu ich mir nicht wieder an. Aber was solls, es war schön!
Heike (03.06.2012, 23:22): Liebe Zefira, ich bin überhaupt kein Regietheatergegner, im Gegenteil ich langweile mich in konservativen Inszenierungen zu Tode. Ich reagiere aber meist recht allergisch auf Veränderungen am Libretto und noch mehr auf Veränderungen der Musik, zumal, wenn sie auch noch in Richtung Klamauk gehen. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass ich relativ sinnfreie Komödien nach dem Muster von „L’Elisir d’amore“ sowieso nicht besonders mag (*wink* an stiffelio) - bzw. höre ich mir da zwar gern die schöne Musik an ,will aber am liebsten gar nichts dazu sehen, um die story dabei zu vergessen. Heike
Fairy Queen (04.06.2012, 10:25): Lieber Nikolaus, ich habe gerade erst gelesen, dass du Lakmé in Bonn gesehen hast- wie hat dir denn die Musik gefallen? Meines Erachtens ist das eine verkannte Oper, ich finde die Musik sehr schön und keinesfalls nur das werbetaugliche Blumenduett . Leider ist diese Oper serh schwierig zu besetzen, weil der Tenor und der Sopran mörderisch schwere Partien zu singen haben. Ich habe mich mal in einem Workshop an mehreren Duetten abgearbeitet und fand die Musik überhaupt nicht seicht oder kitschig sondern raffiniert und sehr schön. Leider kenne ich diese Oper nur von Cd-Aufnahmen und habe sie noch nie auf der Bühne gesehen. Schön, dass sie in Bonn gespielt wurde! Und schade dass die Inszenierung nicht gut war.
F.Q.
Zefira (04.06.2012, 12:45): Nachtrag zum Liebestrank: Sendetermin Silvester scheint festzustehen, hier nachzulesen auf der HP des Festspielhauses.
Grüße von Zefira
nikolaus (04.06.2012, 19:15): Liebe Fairy Queen!
Original von Fairy Queen Lieber Nikolaus, ich habe gerade erst gelesen, dass du Lakmé in Bonn gesehen hast- wie hat dir denn die Musik gefallen?
Die Musik hat mir insgesamt schon gut gefallen. Sie ist in positivem Sinn einfach schön, farbig etc. Mir persönlich fehlt ein bisschen die Dramatik, um endgültig zu fesseln, aber das ist ganz subjektiv.
Original von Fairy Queen Und schade dass die Inszenierung nicht gut war.
Nun, die Inszenierung war nicht richtig schlecht, einfach nur ein bisschen - sagen wir: brav. Auf jeden Fall war sie ästhetisch und schön anzuschauen.
Gruß, Nikolaus. :hello
Severina (04.06.2012, 19:22): Liebe Zefira,
danke für Euren Bericht, den ich schon mit Spannung erwartet habe! Die Inszenierung muss man wohl gesehen haben, um sagen zu können, ob sie passt oder nicht. Das Konzept klingt zwar originell, das könnte ich mir also schon vorstellen, aber ob ich Belcanto angereichert mit Pistolenschüssen etc. goutiert hätte, weiß ich ehrlich gesagt nicht!
Schön auf jeden Fall, dass unser Sorgenkind sich so gut geschlagen hat, er dürfte also momentan wieder eine positive Phase haben. In Zürich war ich ja auch zufrieden mit seiner Leistung.
Olga Peretyatko habe ich vor etlichen Jahren in Pesaro als großartige Desdemona im Rossini-Otello erlebt, die würde ich gerne einmal als Adina hören. Bei ihr stimmt alles, die Stimme, das Spiel und das Aussehen.
Von D'Arcangelo bin ich in letzter Zeit auch nicht mehr so begeistert wie früher. Ich habe manchmal den Eindruck, er singt mit angezogener Bremse, gibt nicht alles, was er drauf hätte.
lg Sevi :hello
Ingrid (08.10.2012, 09:21): Gestern Abend TOSCA in der Bayerischen Staatsoper.
Mit Jonas Kaufmann als Cavaradossi versprach es ja auch wieder ein großes Erlebnis (für seine Fans) zu werden und er war, ohne Zweifel, in einer bombastischen Form. Seine Victoria-Rufe schienen keine Ende nehmen zu wollen, was trotz allem auch nicht protzerisch auszulegen war, sondern die pure Verzweiflung ausdrückten. Das war also auch wieder Cavaradossi soz. live und trotzdem war das Gesamtpaket bei den Festspielen noch packender, da gestern Jonas Kaufmann wieder der war, der die Tosca rettete, wie es nach der Premiere irgendwo als Schlagzeile stand.
Mir fehlte halt Bryn Terfel an allen Ecken und Enden. Die beiden zusammen wären's halt gewesen und dann auch noch Catherine Naglestad als Tosca dazu, obwohl man ja über Tatiana Serjan nicht jammern muss, aber irgendwie riss sie mich nicht vom Sessel. Es war halt mal wieder eine Warterei auf die Auftritte von Jonas und irgendwie reicht mir das nach der Tosca im Sommer nicht mehr. Die war für mich so ein Gesamtkunstwerk (trotz nicht berauschender Regie von Bondy) und einem Massimo Giordano, der die Victoria-Rufe halt nicht ganz so lange aushalten konnte, aber es war halt ein Liebespaar, denen man alles komplett abnahm und das war gestern wieder nicht so. An Kaufmann kann es nicht liegen und eigentlich spielte auch Serjan die Rolle gut und trotzdem..... irgendwie blieb bei mir ein schales Gefühl zurück.
Für mich war gestern Scott Hendricks die eigentliche Fehlbesetzung, obwohl er bestimmt keine falschen Töne sang und auch kein hässlicher Typ war, aber halt nur ein kleiner schmalbrüstiger Mann, der Null gefährliche Ausstrahlung hatte. Nur sterben konnte er ganz beeindruckend, aber danach war er auch abgehakt und bei Terfel wünschte man sich so von Herzen, dass er diesmal überleben darf und bitte bitte im dritten Akt noch irgendwas anstellt.
Die Besetzung, die hoffentlich noch lange bleiben wird, ist die des Meßners mit Christoph Stephinger, einem großen und stattlichen Herrn mit sehr wohltuendem Bass. Die alten Herrschaften, die sonst immer diese Rolle sangen, mögen zwar komisch gewesen sein, aber störten die Duette, bes. mit dem Cavaradossi sehr eindrücklich und jetzt ist auch das ein Wohlklang.
Witzig war ja gestern, dass Jonas Kaufmann keinen Szenenapplaus bekam, obwohl sich einige mühten, das zu bewerkstelligen, aber oftmals passte es dann halt so überhaupt nicht, dass es bei dem guten Willen blieb und die Masse nicht reagierte. Der Schlussapplaus war aber dann doch sehr heftig. Wenn wir uns nicht täuschten, saß auch Margarete Joswig in der Bachler-Loge.
ich bin wieder da! Ich war in Wahrheit nur eine Woche weg, hatte davor aber wenig Zeit und nicht wirklich Lust etwas zu schreiben (Herbstfaulheit lässt grüßen), melde mich aber hiermit wieder zurück! :D (Meine Schreibunlust lag auch daran, dass ich in den letzten Wochen sehr selten in der WSO war und wenn wenig begeistert war)
Paris ist ja - was Opernhäuser betrifft - bestens bestückt. Leider ist es ja so, dass der "Platzhirsch" "Opéra national de Paris" mit Opern nur die Bastille (einen mäßig schönen Bau aus den 80ern) und nicht das zugegeben viel kleinere, aber sehr schöne Palais Garnier bespielt. Kommt man also in die Bastille hinein, glaubt man sich eher in einem überfüllten Bürogebäude zu befinden. So etwas wie ein Foyer fand der Architekt wohl überflüssig, es ist ja so wunderbar gemütlich direkt vor den Saaltüren am neonröhrenbeleuchteten Gang zu stehen. Der Saal selbst ist durchaus interessant, die Beleuchtung sowie die doch beachtliche Größe mit 2700 Sitzplätzen. Schon allein das Parkett ist riesig, weil es keine Logen gibt, erinnert mit den schwarzen Sesseln und der starken Steigung aber eher an einen Kinosaal. Die Programmverkäuferinnen erinnern dagegen an Wochenmarkt oder Circus. In jedem Stock steht mindestens eine hinter einem Tisch und ruft alle zwanzig Sekunden "De programme avec des photos!"...
So ist überhaupt die ganze Atmosphäre. Es ist also auch nicht verwunderlich, dass sich die Franzosen nicht sehr aufputzen, um in die Oper zu gehen. Man sieht auch generell mehr junge Leute.
Nun aber zur Aufführung:
Die Inszenierung ist ja dieselbe wie in Wien, London und New York und sie ist immer noch ein Hit. Allerdings ist es grad in Frankreich besonders lustig (französische Dialoge, die liebevoll-lächerliche Darstellung des Heeres und zum Schluss das Hahnenkrähen). Am Anfang war ich etwas irritiert, weil diese Produktion von vorne bis hinten auf Natalie Dessay zugeschnitten ist und Desirée Rancatore optisch nicht wirklich ein verschmitztes Henderl ist (das ist in keinem Fall abwertend gemeint!). Die eckigen, groben Bewegungen waren zu Beginn nur schwer zu ertragen, wirkten zu aufgesetzt und lächerlich. Aber im Laufe des Abends fand sich Rancatore aber hervorragend in die Rolle hinein, schaffte es hinter Spitzentönen und Slapstick-Gesten einen wirklichen Menschen zu formen. Gesanglich hat sie mir (überraschend) gut gefallen - ich kannte sie nur von der Inauguration der Mailänder Scala 2004, wo mir ihre Stimme bei der Fernsehübertragung gar nicht gefallen hat. Rancatore hat deutlich mehr Volumen in der Stimme als Dessay, ein ordentliches, aber kontrolliertes Vibrato und ihre Höhe klingt weder scharf noch unflexibel. Nach anfänglichen leichten Intonationsschwierigkeiten in den rezitativen Stellen war ziemlich bald nichts mehr auszusetzen.
Celso Albelo sang den Tonio. Er ist als Bühnenerscheinung ein gemütlicher Bursche, einfach aber liebenswert. Auch er hatte einige Startschwierigkeiten (lag sicher auch daran, dass es für ihn und Rancatore die erste Vorstellung war), wurde im Lauf des Abends ebenfalls immer besser. Seine Stimme war in der Mittellage etwas eng, vielleicht bereiteten ihm die französischen Laute Probleme, die Spitzentöne waren groß, gut geerdet und sehr schön. Auch seine ganzen Cs kriegte er gut hin und bekam einen Applausorkan.
Alessandro Corbelli und Doris Lamprecht agierten witzig und souverän als Sulpice und Berkenfield. Lamprecht (eine Österreicherin, die allerdings schon in Frankreich studiert hat) hatte eine nicht mehr ganz taufrische Stimme, aber in der komischen Rolle überzeugte sie trotzdem.
Heimlicher Star des Abends war eindeutig Dame Felictiy Lott, die noch über erstaunlich viel Stimmmaterial verfügt und, in dem Fall noch wichtiger, über die nötige Komik. Das Publikum gab mehrfach Szenenapplaus bei ihren Auftritten, ihre englischen Einwürfe ("olympic obligations") sorgten für Lacher.
Dirigiert hat der ja auch in Wien bestens bekannte Marco Armiliato. Man merkte, dass es für diese Aufführung viele Proben gegeben hatte, die Kommunikation mit den Sängern klappte tadellos und er brachte in das Pariser Orchester einigen belcantischen Esprit hinein. Die Akustik ist merkwürdig, wie ich finde, weshalb ich auch nicht wirklich über die Dynamik urteilen kann. Ich saß ganz hinten im Parkett, weit unter dem ersten Rang, der Orchestergraben ist ziemlich tief unten und deshalb hörte sich das Orchester viel weiter weg an, bei den Pianostellen fast wie ein Bühnenorchester, als in Wien. Die Sänger waren dadurch allerdings sehr gut hörbar, auch weiter weg als gewohnt, aber insgesamt wurden die Stimmen über das Orchester getragen. Durch den trichterartigen Bau der Bühne sank die Lautstärke allerdings rapide, sobald sich jemand nach hinten bewegte. 80% der Regie spielten sich aber sowieso ganz vorne ab.
Das französische Publikum ist übrigens auch sehr klatschfreudig! Es gab nach fast jeder Arie/Ensemble Zwischenapplaus, ein paar enthusiastische Bravo-Rufer waren auch im Einsatz. Daran, das bei Dialogen kaum gelacht wurde, merkte man, dass Touristen im Publikum waren, denn eine französische Oper sollte den Parisern ja entgegenkommen, die sogar in das offizielle Jahresprogramm "Le Noce de Figaro" und "L'Or du Rhin" schreiben... Eine anscheinend humorlose Dame vor mir drehte sich zweimal um, als ich leise kicherte. Sehr leise, wohlgemerkt. Nach der Pause war sie verschwunden... :D
Ein höchst seltsamer Brauch: Nachdem eine Viertelstunde lang die Glocke am Gang durchgeläutet hat(volle 15 Minuten Glockenläuten, im Ernst!), sitzen alle schon brav auf ihren Plätzen, obwohl die Vorstellung erst in ein paar Minuten beginnt. Das Licht wird schwächer, zahlreiche Besucher vor mir im Parkett erheben sich. Nein, die Leute wollten nicht noch vor der Ouvertüre nach hause gehen, sie wurden ganz einfach von den Billeteurinnen dazu aufgefordert, sich doch auf die wenigen freien Plätze in die Reihen davor zu setzen. Als der Dirigent hineinkam, standen immer noch ein paar. Die spinnen, die Franzosen.. :J
Hyacinth :hello
Severina (04.11.2012, 13:10): Danke für diesen interesanten Bericht aus Paris! Leider habe ich's nie geschafft, in die Opéra Bastille hineinzukommen, ich hätte mich schon im Vorfeld um Karten bemühen müssen. (Mein letzter gescheiterter Versuch war die "Lady Macbeth von Mzensk") Hässlich fand ich das Gebäude allerdings schon von außen.
Da ich sämtliche Wiener Vorstellungen mit Dessay&Flórez gesehen habe (Ja, ich weiß, ich spinne!), kann ich mir eine andere Paarung nur schwer vorstellen. Die beiden haben mich wohl für alle Zeiten verdorben. Flórez soll ja 2013 wieder den Tonio singen, Natalie Dessay hoffentlich nicht mehr - ich will sie in guter Erinnerung behalten!
lg Severina :hello
Heike (04.11.2012, 13:54): volle 15 Minuten Glockenläuten, im Ernst! Schräg! Es gab nach fast jeder Arie/Ensemble Zwischenapplaus Gab es den wenigstens zu recht??? Normalerweise nervt mich dieses anfallartige permanente Geklatsche - vor allem dann, wenn es sich mehr an der Dramaturgie in den Noten als an der Qualität des Gesanges orietiert. Heike
Hyacinth (04.11.2012, 15:10): Im Lauf des Abends wurde der Zwischenapplaus immer gerechtfertigter und auch begeisterter. Am Anfang nur dieses Geklatsche "Da war ein hoher Ton, hat ganz schön schwierig geklungen, zum Schluß war noch ordentliches Schrummtata, die andern klatschen auch, also klatsch ich mit", bis zum Schluss steigerte es sich zu maßloser Begeisterung.
Mich nervt so etwas auch, übertrieben war, dass weit in den Schluss des ersten Aktes hineingeklatscht wurde. Da kann man doch warten, wenn mans so toll gefunden hat! Vor mir saß anscheinend der weibliche italienische Fanclub von Desirée Rancatore, der nach jedem ihrer Gesangsauftritte total aus dem Häuschen geriet.
Hyacinth :hello
Sfantu (05.11.2012, 18:41): Hallo zusammen,
wir waren auch in der Vorstellung am Freitag in der Bastille. Es war ein Geschenk meiner Freundin - sie lebt (leider oder glücklicherweise...?) vollkommen klassikfern & schaute daher nicht danach, ob an dem Abend nun Florez/Dessay oder Albelo/Rancatore sangen. Mir war das recht, da mich viel mehr ihre (unerwartete) Aufmerksamkeit für meine Leidenschaft rührte, ausserdem - da schliesse ich mich Hyacinth an - war da nun wirklich keine B-Besetzung zu hören & zu sehen. Das dritte der berüchtigten neun hohen Cs hat Albelo nicht ganz erwischt, dafür war er aber immer mit gutem Mischregister & ohne Schreien dabei. Auch ich fand sein Auftreten sympathisch, auch uns waren die etwas abgehackten Olympia-Nummern der Rancatore ein bisschen zu aufgesetzt, auch wir fanden, dass sich beide im Laufe des Abends zunehmend frei- & aufeinander einspielten. Gut gefallen hat mir der Darsteller des Sulpice als gute Seele des Geschehens. Er kam mir vor wie eine Papa-Moll-Kopie in seiner bequemen Art mit Schnäuzer, Glatze und (ich glaube, echtem) imposanten Bauch. Die liebevolle Ausstattung gefiel uns durch die Abwesenheit von Designer-Sofas, Notebooks, kotzenden Punks und dergleichen - das wäre definitiv auch etwas für unseren Holger aus Berlin! Ja, die Akustik: wir sassen Mitte/rechts im zweiten Rang. Das war wirklich ein Jammer, das exquisite Orchester dermassen dumpf zu hören - wenigstens hatte der Paukist Holzschlägel ohne Filz & in den wenigen ausgekosteten Crescendi bekam man immerhin eine Idee vom Klangzauber, der möglich gewesen w ä r e... Ich oute mich ohne Reue als einer der In-die-Schlussakkorde-hinein-Applaudierer. Wir haben diesen gelungenen Abend genossen: gute Unterhaltung, ein Stimmenfest, mitreissende Musik - wenn dann bei mir die Tränen fliessen, gibt's einfach kein Halten mehr... Nachdem es in der Stadt den lieben langen Tag wie aus Kübeln geschüttet hatte & man in Abendgarderobe keine 5m ohne Taxi zurücklegen konnte, war das mehr als eine Versöhnung!
LG - Sfantu
P.S. Diese Glockennummer im Foyer fanden wir auch etwas irritierend: geht's etwa schon vor der Zeit los oder ist das in Wahrheit der Evakuierungs-Alarm? Unseren Wein haben wir so jedenfalls (für nix & wieder nix!) hastig hinuntergestürzt.
Hyacinth (05.11.2012, 22:51): Na da hatten wir anscheinend einen ähnlichen Eindruck! :D
Man kann meiner Meinung nach in diesen Opernhäusern ohne Repertoirebetrieb nicht wirklich von A- oder B-Besetzungen sprechen, die ersten fünf Vorstellungen singen halt die einen, die zweiten fünf die anderen. Das können berühmte oder nicht berühmte sein, gute oder weniger gute. Ich finde das durchaus spannend, weil man da die Möglichkeit hat so gut wie direkt zu vergleichen, andererseits ist das Ensemble vielleicht auch weniger aufeinander eingespielt.
OK, ich hab das vielleicht etwas übertrieben formuliert, ich verstehe auch, wenn man sich vor Begeisterung nicht mehr halten kann und grad bei Belcanto stört mich das nicht wirklich. Ich habe es in Wien allerdings schon öfters erlebt, dass befreundete, nicht so erfahrene Operngeher dann einen bösen Blick eines sich aufregenden Nachbarn erdulden. Ich bin da in anderen Ländern, wenn ich in die Oper gehe eher vorsichtig, weil ich nicht weiß, was man dort so macht. Heißt nicht, dass ich weniger klatsche, wenn alle weniger klatschen, ich versuche nur nicht als Tourist aufzufallen :wink
Ich frag mich, ob das in der Bastille mit der Akustik immer so ist. Das wäre wirklich schlimm. Kann aber auch sein, dass der Orchestergraben verstellbar ist?!
Mein Bruder hat gemeint, vielleicht probieren die bei der ersten Vorstellung jeden Monats die Feuerglocke aus :J
lg, Hyacinth :hello
Billy Budd (05.11.2012, 23:00): Mich stört dieses "Hineinklatschen" extrem! Gut, bei Belcanto-Opern gehört das vielleicht dazu (keine Ahnung, ich geh nicht oft in solche), aber diejenigen, die bei der FroSch die HERRLICHEN Schlussakkorde hinmachen, gehören bestraft. Und um beispielsweise die Aktschlüsse vom Rosenkavalier zu zerklatschen (in letzter Zeit öfters erlebt!), muss man ein ziemlicher Prolet sein. Unlängst bei den Salome-Vorstellungen dauerte es mindestens eine halbe Minute, bis ich mich überhaupt rühren konnte - diese Musik hatte mich so gefesselt. Billy :hello
Hyacinth (27.05.2013, 10:43): Mein erster Besuch in der Bayerischen Staatsoper! Gleich zu Beginn muss ich bemerken, dass mich die Anstell-Disziplin der Münchner wirklich beeindruckt hat! Sowohl beim Pausenbuffet, als auch nachher bei der Garderobe stellen sich alle gesittet in einer Schlange an - hier hat man wohl erkannt, dass sowieso jeder zu seinem Getränk/seinem Mantel kommt, dass also vordrängen nichts nützt. :down
Nun aber zur Aufführung. Ich nehme an, dass die Inszenierung von Richard Jones vielen Forianern bekannt sein dürfte, da sie ja letztes Jahr mit Damrau und Villazon im Fernsehen zu sehen war. Ich muss aber leider dem Rezensenten des Online-Merker, DZ (http://www.der-neue-merker.eu/munchen-les-contes-d%e2%80%99hoffmann), insofern rechtgeben, dass die Inszenierung am Freitag irgendwie doch nicht mehr so originell schien, wie einst. Freilich ist die Idee kreativ, dass alle Geschichten in Hoffmanns Zimmer spielen, er zum Schluss wie am Anfang im Suff auf seinem Schreibtisch liegt, diesmal allerdings von den Figuren seiner Geschichten umringt. Vermutlich verliert diese Art der Interpretation an Aussagekraft, da die Frauengestalten ja nun nicht mehr wirklich eine sind, wie bei Damrau letztes Jahr, die alle drei Rollen verkörperte. So ist die Idee zwar ganz nett, aber teilweise lasch und mangelhaft umgesetzt. Auch die Rauchzeichen bei den jeweiligen Vorspielen sind nicht wirklich raffiniert, sondern wirken ebenso wie der kollektive Fingerzeig auf Hoffmann zum Schluss wie ein müdes Klischee.
Als Hoffmann war Giuseppe Filianotti aufgeboten, der zwar über eine geradlinige, stählerne Stimme verfügt, die aber bei länger hohen Passagen ziemlich angestrengt klingt (zum Beispiel im Terzett Mirakel-Hoffmann-Crespel im 2. Akt). Zum Sport machte er es sich, die Schluss- und Spitzentöne länger auszuhalten als alle anderen, was für mich kein Qualitätskriterium ist. Filianotti bietet zwar eine ordentliche Bühnenerscheinung, aber für den Hoffmann agiert er viel zu blass. Seine Zerissenheit ist genauso wenig glaubwürdig und wird kaum dargestellt wie sein Alkoholproblem. Zeitweise fiel ihm wohl eine Regieanweisung ein und er torkelte kurz herum, aber das war's dann auch schon wieder. Mir ist es natürlich viel, viel lieber, wenn ein Sänger anständig singt und nicht wie Villazon den Kasperl mimt, aber bei Filianotti fehlte mir so einiges an Ausdruck - ist ja schließlich die Titelfigur.
Als Hoffmanns junger Alter Ego Nicklausse agierte Tara Erraught, der Publikumsliebling der Münchner, wie auch der Applaus zeigte. Klarerweise war diese Begegnung mit Erraught erfreulicher als die "Cenerentola" in Wien - mit 26 sollte man auch Nicklausse, Cherubino etc. auf der Bühne singen, und nicht Rossini-Heroinen. Erraught verfügt über eine prinzipiell vor allem in der höheren Lage schönen Stimme mit einem natürlichen Vibrato, das aber ab und zu schon jetzt ein wenig unkontrolliert klingt. Die zumeist lyrischen Cantilenen der Partie liegen ihr gut, unsauber und verwaschen klingen allerdings die Parlando-Stellen, was für einen jungen Mezzo-Sopran bedenklich ist. Dass Erraughts Tiefe kaum über das Orchester klingt ist dagegen weniger schlimm, in ihrem Alter sollte man die Bruststimme auf keinen Fall forcieren. Im Großen und Ganzen war Erraughts Nicklausse ein äußerlich ein Lausbub, der aber ernsthaft versucht, seinen Schützling zur Kunst zurück und von den Frauen weg zu bringen. Diese Diskrepanz liegt aber vermutlich auch an der betont burschikosen Verkleidung - kurze Hosen - die nicht notwendig gewesen wäre, um ihn von Hoffmann zu unterscheiden. Das merkt man ja spätestens, wenn einer der beiden den Mund aufmacht :D
Die Olympia war durch Kathleen Kim besetzt, die für diese Rolle mit einer scharf pointierten, aber nicht unangenehm klingenden, perfekt kontrollierten Stimme und einer hervorragenden Körperbeherrschung alle Fähigkeiten mitbrachte. Sie spielte sich vielleicht nicht so sehr mit den Koloraturen wie Damrau, aber lieferte eine 1A-Show ab. Dass in diesem Akt der Chor als Kinder verkleidet war, war eine gute Idee und die Damen und Herren Chorsänger hatten sichtlich Spaß an den sämtlichen Kindereien inklusive Eis schlecken.
Olga Mykytenko sang statt Genia Kühmeier die Antonia. Sie war stimmlich ein ziemlicher Gegensatz zu Kühmeier, da ihre Stimme leichter ist, eher soubrettenhaft klingt, was aber zur Antonia durchaus passt, die ja offensichtlich Belcanto-Sängerin ist, wie Offenbach in der Arie zum Schluss "Un moment encore à vivre" zeigt. Darstellerisch war Mykytenko in Ordnung, so richtig mitleiden konnte man mit ihr allerdings nicht, ihre Figur blieb unscheinbarer, als man das von anderen Interpretinnen gewohnt ist. Dass sie verkleidet ist, wie das grausliche Mädchen in "The Excorsist" ist mir ein Rätsel. So viel Überzeichnung braucht es nun auch nicht, um ihre Krankheit darzustellen, die sich ja obendrein physisch nur durch rote Flecken und nicht durch Leichenblässe gepaart mit Augenringen äußert. Keinen ersichtlichen Grund gab es ebenfalls für all die Partituren französischer Komponisten im Notenschrank. Falls Jones die Tatsache nicht bewusst war, dass "Rat Crespel" in Deutschland spielt und der Alte und seine Tochter den italienischen Belcanto als die höchste Musikform ansehen (Antonias Schlussarie!), hätte er bei E.T.A. Hoffmann nachlesen sollen.
Der letzte Akt - für mich sowohl dramatisch als auch musikalisch mit Abstand der schwächste - war nun völlig unglaubwürdig vom Bühnenbild. Welcher Mann würde sich freiwillig in ein schon nach Versuchslabor ausschauendes Séparée begeben, das weiß gekachelt und mit Waschbecken und Gläsern voll Augen ausgestattet ist. Und, nein, die Antwort heißt nicht Giulietta - die ist nämlich viel zu vulgär dargestellt, als dass sie Männer verführen könnte, in so ein Zimmer zu kommen. Da half auch die edle, füllige Stimme von Dinara Alieva nichts. Die Schönheit ihrer Stimme wurde durch die Kostümierung nicht unterstützt - schade!
Das Böse schlechthin war John Relyea, der zu Unrecht wenig Applaus bekam. Seine Stimme ist gleichzeitig schwarz und samtig warm, sodass er den abgrundtief bösen Machenschaften der jeweiligen Figur ebenso Ausdruck verleihen konnte, wie er der Diamanten-Arie das nötige Funkeln verlieh. Er schaffte es ebenso, immer einen unterschiedlichen Bösewicht zu verkörpern, und doch hingen alle irgendwie miteinander zusammen. Eine wirklich beeindruckende und absolut rollendeckende Leistung!
Aus dem Ensemble stachen vor allem Kevin Conners als Cochenille/Frantz und Dean Power als Nathanael heraus. Ersterer verwendete seinen Buffo-Tenor für die beiden komödiantischen Rollen hervorragend und lieferte wahre Kabinettstückerl, zweiterer verfügt über eine vielversprechende, schöne, klare und lyrische Tenorstimme. Er verlieh der wenig bedeutenden Rolle des Nathanael einiges an Aufmerksamkeit.
Der Chor agierte am Anfang eher chaotisch, pendelte sich dann aber auf hohem Niveau ein und gestaltete vor allem die Schluss-Szene in wunderbarem Piano.
Das Dirigat von Emmanuel Villaume bedarf keiner besonderen Würdigung. Obwohl er es bei den Massenszenen und Ensembles schaffte, alles halbwegs zusammenzuhalten, waren mehrere Sänger bei Solostellen mit dem Orchester nicht zusammen, was eher peinlich ist.
Insgesamt war es ein erfreulicher Abend und die insgesamt über 10 Stunden Zugfahrt haben sich für mich auf jeden Fall gelohnt! Nebenbei bemerkt finde ich das Opernhaus wirklich nett - noch nie ist mir so ein Zuckerlpalast in Form eines Zuschauerraums untergekommen :D
lg, Hyacinth :hello
Ingrid (27.05.2013, 11:37): Liebe Hyacinth,
freue mich sehr, dass sich die lange Fahrt nach München, auch ohne Genia Kühmeier als Antonia, für Dich doch gelohnt hat.
Ich sah die Aufführung halt in der Premierenbesetzung, da ich ja Diana Damrau so mag und Rolando Villazon zwar stimmlich angeschlagen fand, aber doch der Meinung war, dass er die Rolle schauspielerisch gut gestaltet und mich auch berührt hat. John Relyea ist für mich auf jeden Fall eine Idealbesetzung als Lindorf usw.. Mochte ihn immer schon sehr und verstehe den schwachen Applaus überhaupt nicht. Bei Deiner Einschätzung über die stimmliche Verfassung von Tara Erraught bin ich etwas beunruhigt. Ist es schon eine Überbelastung?
Bei Deiner Bewertung fehlt mir noch Christoph Stephinger als Crespel/Luther. Er war in dieser Zeit ja schwer auf Reisen und hat, neben den "Wurzn" in München, große Rollen stemmen müssen (Hagen, Gurnemanz).
Für diese Serie hatte ich mir keine Karte bestellt, da ich mit dieser Inszenierung nicht ganz so viel anfangen kann und mich die Besetzung jetzt nicht unbedingt zu einem Besuch zwang.
Liebe Grüße Ingrid
Severina (27.05.2013, 12:04): Liebe Hyacinth,
auch ich danke Dir für Deinen anschaulichen Bericht, der mich an meine enthusiastischen Opernzeiten erinnerten, als ich mindestens zweimal imMonat nach München pendelte - am Nachmittag hin und mit dem Nachtzug wieder retour. Da musste ich oft schon beim letzten Ton sausen, um den ZUg noch zu erwischen! Filianoti zählt zu den Sängern, denen ich zwar nichts vorwerfen kann, die mich aber insgesamt ziemlich kalt lassen. Die Begeisterung, die manche für ihn aufbringen, kann ich absolut nicht nachvollziehen.
lg Severina :hello
Hyacinth (27.05.2013, 12:15): Liebe Ingrid,
wie es genau um Erraughts Stimme steht, weiß ich nicht, da es ja auch von der Tagesverfassung abhängen kann. Ich weiß auch nicht, wie Erraught vor 1, 2 Jahren gesungen hat, aber eben die unsaubere Intonation bei manchen schnelleren Stellen hat mich stutzig gemacht. Vielleicht hatte sie auch nur einen schlechten Tag.
Christoph Stephinger fiel mir nicht weiter auf, er gliederte sich hervorragend in das insgesamt sehr erfreuliche Ensemble ein.
Ich verstehe auch, dass du nicht dort warst - die Inszenierung ist beim zweiten Anschauen nur ein müder Abklatsch und wenn ich gewusst hätte, dass Kühmeier nicht singt, wäre ich sicher auch nicht extra hingefahren.
lg, Hyacinth :hello
Hyacinth (27.05.2013, 12:20): Liebe Severina,
zweimal im Monat werde ich jetzt wohl nicht nach München fahren, 1 Zugkarte kostet ja gut und gern so viel, wie eine Sitzplatzkarte im Parkett :wink Außerdem ist die Rückfahrt mit dem Nachtzug (den ich ohne Laufen und mit Applaus bis zu Schluss locker erwischt habe) nicht gerade bequem und an Schlaf war nicht zu denken (ich weiß, ich, in meinen jungen Jahren, soll mich nicht beschweren :J ). Ich bin nicht traurig, wenn ich jemanden wie Filianotti sehen kann (es geht gewiss viel schlimmer), aber er hat das Charisma eines Stuhlbeins und dementsprechend wenig Spielfreude...
lg, Hyacinth :hello
Severina (27.05.2013, 12:49): Original von Hyacinth Liebe Severina,
zweimal im Monat werde ich jetzt wohl nicht nach München fahren, 1 Zugkarte kostet ja gut und gern so viel, wie eine Sitzplatzkarte im Parkett :wink Außerdem ist die Rückfahrt mit dem Nachtzug (den ich ohne Laufen und mit Applaus bis zu Schluss locker erwischt habe) nicht gerade bequem und an Schlaf war nicht zu denken (ich weiß, ich, in meinen jungen Jahren, soll mich nicht beschweren :J ). Ich bin nicht traurig, wenn ich jemanden wie Filianotti sehen kann (es geht gewiss viel schlimmer), aber er hat das Charisma eines Stuhlbeins und dementsprechend wenig Spielfreude...
lg, Hyacinth :hello
Ich schwebte meist noch so auf Wolke Sieben, dass mir der unbequemste Platz meine Euphorie nicht verderben konnte, und fürs Schlafen war ich sowieso viel zu aufgekratzt. Die Stunden bis Wien verbrachte ich mit dem Anhören meines Mitschnitts (In de rSteinzeit der Technik mittels Kassettenrekorder :D) Da das nun schon gut 30 Jahre zurückliegt, ist dieses kriminelle Delikt längst verjährt und ich darf es hier unbesorgt erwähnen :wink!
Mich stört Filianoti auch nicht, aber er weckt auch keine allzu positiven Gefühle in mir.
lg Severina :hello
Heike (22.06.2013, 10:58): Ich habe in Budapest (MüPa, Wagnertage) letzte Woche eine ganz herrliche Aufführung der Meistersinger von Nürnberg gesehen:
Hans Sachs: James Rutherford Veit Pogner: Eric F. Halfvarson Kunz Vogelgesang: William Saetre Konrad Nachtigall: Domonkos Blazsó Sixtus Beckmesser: Bo Skovhus Fritz Kothner: Miklós Sebestyén Balthasar Zorn: István Horváth Ulrich Esslinger: József Csapó Augustin Moser: Lars-Oliver Rühl Hermann Ortel: Piotr Prochera Hans Schwarz: Ferenc Cserhalmi Hans Foltz: Zoltán Nagy Walther von Stolzing: Klaus Florian Vogt David: Uwe Stickert Eva: Annette Dasch Magdalena: Gudrun Pelker A Nightwatchman: Dömötör Pintér
Featuring: MR Symphonic Orchestra and MR Choir (choirmaster: Csaba Somos), Hungarian National Choir (choirmaster: Mátyás Antal) Director: Michael Schulz Set: Dirk Becker Costumes: Renée Listerdal Director's Assistant and Master of Stagecraft: Gabor Sylvie Artistic director; conductor: Adam Fischer
Ich habe mal gegoogelt, was man darüber findet, viel nicht. Aber hier hat jemand in seinem Blog darüber berichtet und war genauso begeistert wie ich: http://hutterer.blog.de/2013/06/19/wagnertage-budapest-2013-tag-16145813/
Das kann ich alles quasi so unterschreiben, daher spare ich mir weitere Erläuterungen. Da muss ich lange lange überlegen, wann ich das woanders mal so gut gesehen und vor allem gehört habe!
Sonntag 23.6. gibts nochmal die letzte Aufführung für dieses Jahr in dieser Besetzung. Die Preise sind lächerlich niedrig, Tickets und Infos (auch zu den Wagnertagen 2014) hier.
Hyacinth (06.07.2013, 15:58): Falls dieser Bericht etwas ungenau ausfällt, bitte ich um Entschuldigung, ich schreibe ihn zu zweiten Mal (siehe "1000 Mal geärgert")...
Mein erster Besuch bei der Styriarte, was soll ich sagen.. ein Erlebnis, das die nicht gerade niedrigen Preise wert war!
Offenbachs Interpretation des Blaubart-Stoffes war mir vorher nicht bekannt und ich verstehe nun auch, warum diese Opéra bouffe nicht so oft gespielt wird wie andere: große musikalische Ideen gibt es keine. Offenbach setzt mit gewohnter Spritzigkeit das urkomische, satirische Libretto von Meilhac und Halévy treffend um - liefert neben schmissigen Ensembles Couplets, lyrische Romanzen und auch unheimliche Momente (5 Särge sind ja primär nichts gemütliches). Außerdem ist jeder Charakter, jeder Satz gespickt mit Anspielungen, Gesellschafts- und Polit-Kritik, die auch heute noch gültig ist - hier bin ich ganz bei Karl Kraus, "Offenbach ist der größte Satiriker aller Zeiten".
Vater und Sohn Harnoncourt boten musikalisch und szenisch die Grundlage für einen kurzweiligen, witzigen und abwechslungsreichen Opernabend: Das Chamber Orchestra of Europe spielte französische Operette vom feinsten, homogene Streicher und schön klingende Bläsersolos boten ein musikalisches Sprudeln, das von Nikolaus Harnoncourt aber ebenso zu ruhigen Klängen gezähmt wurde. Die halbszenische Inszenierung war für mich genau das, was eine Inszenierung sein soll - durch ein einfaches, durch Projektionen wandelbares Bühnenbild, wenige, aufs Notwendige reduzierte Requisiten und gewitzte, abwechslungsreiche, gute einstudierte Choreografie/Personenführung wurde wieder einmal gezeigt - weniger ist mehr! Die Kostüme von Elisabeth Ahsef waren ebenso auf Funktionalität ausgerichtet (so ließen sich alle Kostüme verwandeln, dass sie völlig anders aussahen) , stellten aber trotzdem was dar.
Der Arnold Schönberg Chor bewies einmal mehr seinen hervorragenden Ruf als Opernchor - wenn man diese Sänger nur auftreten, singen und abtreten lassen würde, wären sie vermutlich unterfordert. So wurden auch die Nebenrollen wie die 5 Ehefrauen Blaubarts durch den Chor rollendeckend besetzt.
Die Titelrolle war Johanns Chum anvertraut: Ein typischer Harnoncourt-Tenor (weiße, klare, unschuldige Stimme). Er hatte meist keine Probleme, über das Orchester zu kommen, bewältigte auch virtuosere Stellen seiner Partie und zeigte bei Spitzentönen keine Anstrengung in der Stimme. Die Romanze im Keller bei den fünf Särgen ("Le voila donc le tombeau des cinq femmes" - typisch Offenbach - bitterböser Text mit zuckersüßer Musik) gestaltete er wunderbar lyrisch. Er führte die Regie ordentlich aus, blieb jedoch manchmal etwas blass, vor allem neben seiner sechsten Ehefrau.
Diese wurde von Elisabeth Kulman dargestellt, was will man mehr... Stimmlich konnte Kulman sich mit Farben, Nuancen und auch Stilmitteln fern des Schönklangs spielen, interpretierte den Text zwar zur Rolle passend bodenständig-derb, aber trotzdem mit Tiefgang - ist doch die Boulotte die einzige Partie in der ganzen Oper, die durchwegs positiv dargestellt wird, mit dem Herz am rechten Fleck - so haben ihre unbedachten, unkoventionellen Aussagen meist einen wahren Kern. Wenn auch figurlich etwas nachgeholfen werden musste, um eine "Rubens-Figur" zu schaffen, brachte Elisabeth Kulman sonst alles mit, um die einfach gestrickte, gerechtigkeitsliebende und für damalige Verhältnisse überaus emanzipierte Bäuerin Boulotte überzeugend darzustellen. Ohne bis zur Peinlichkeit zur Outrieren fegte sie mit einem Hirtenstab über die Bühne, kletterte über die vielen Stufen in halsbrecherischen High Heels und küsste jeden Mann, der ihr über den Weg lief (auch den Herren mit dem Taktstock) - was sogar zu einer Beschwerde bei der Styriarte führte, weil sich eine Besucherin gar nicht erfreut zeigte, dass Boulotte sich just ihren Mann aus dem Publikum zum Küssen ausgesucht hat (die Dame empfahl der Sängerin obendrein einschlägige Etablissements, wo sie dafür bezahlt würde). Kunst polarisiert also immer noch... :rofl Auch wenn ich aufgrund des Burgenlandsteirisch Boulottes in den Dialogen vor der Vorstellung skeptisch war ("Muss das wirklich sein?"), wurde ich eines besseren belehrt; Kulman hatte bereits nach ihrem ersten Satz die Lacher auf ihrer Seite, am Ende der Szene bog sich der ganze Saal vor Lachen. Wenn sich jemand mit so viel sichtlicher Freude, Energie und Begeisterung in eine Rolle "wirft", kann es eigentlich kaum übertrieben werden.
Der männliche Buffo-Gegenpart war Sébastien Soulés als Blaubarts Handlanger/Medicus/Henker Popolani. Seine samtige Bassstimme besitzt ebenso Parlando-Qualitäten und sein Spiel war wirklich komisch, auch wenn er nicht sprach (der Regisseur beschäftigte ihn während Orchester- oder Chor-Stellen damit, am Platz einen Marathon zu veranstalten). Eine Allegorie des kleinen Mannes, der sich auf nicht ganz legale Art und Weise Vorteile verschaffen will (Popolani bringt entgegen den Befehlen seines Herren des Frauen nicht um, erpresst sie aber damit, es wirklich zu tun, wenn sich nicht mit ihm "Karten spielen und so weiter..."), die Soulés aber nichtsdestotrotz sympathisch verkörperte - lässt Popolani sich zum Schluss ja auch auf eine Enthüllung von Blaubarts Machenschaften ein.
Das Königspaar Bobeche (Cornel Frey) und Clémentine (Elisabeth von Magnus) ist eine erneute Herrscher-Anspielung: Der König, der beim Versuch, den Liebhaber seiner Frau umzubringen, leider immer den Falschen erwischt, wurde mehr als überzeugend und rollendeckend von Frey dargestellt, dem man den rechthaberischen Tattergreis, der eigentlich nichts zu melden hat, voll und ganz abnahm - ein kabarettistisches Zuckerl. Elisabeth von Magnus blieb dagegen blass.
Die meisten politischen Anspielungen ("Was macht denn der Finanzminister mit dem vielen Geld, das er einnimmt?" -"Er verteilt es unter seinen Freunden.") durfte Thomas E. Bauer als Graf Oscar bringen. Mit ernster Miene und immer gewahrter Haltung bekommen solche Seitenhiebe natürlich noch mehr Härte. Obendrein verfügt Bauer über einen wohlklingenden Bariton - ein weiteres Gesamtpaket!
Bleibt noch das obligatorische junge Paar mit der obligatorischen Verkleidungskomödie: Fleurette erfährt, dass sie die verschollene Tochter des Königs, Hermia, ist und ihr Geliebter Saphir, entpuppt sich als Prinz, der sich als Schäfer ausgegeben hat, um die vermeintliche Blumenhändlerin kennenzulernen. Vokal lassen Sophie Marin-Degor und Markus Schäfer keine Wünsche offen. Auch hier ist übrigens Satire verborgen: Sobald Fleurette/Hermia am Hof ihres Vaters ankommt, mutiert sie zur verwöhnten Prinzessin, die den Kommandoton ihres Vaters annimmt.
Das Ende ist beschwingt und seicht - die fünf "ermordeten" Ehefrauen heiraten die fünf "umgebrachten" Liebhaber, Boulotte heiratet ihren Barbe-Bleue, der sich reuend und geläutert gibt und Hermia Saphir. Es bleibt zu hoffen, dass Barbe-Bleue seine 6. Gattin wenigstens leben lässt - die lebenslustige Boulotte hätte sicher nichts gegen eine offene Ehe! :wink
Fazit: Eine hervorragende Vorstellung, spannend und lustig durch die Protagonisten und die Inszenierung und musikalisch hochwertig durch Orchester, Chor, musikalische Stabführung und Solisten! Ich bin sehr froh, dieses nicht allzu häufig gespielte Werk gesehen zu haben - es hat mich wieder einmal in meiner Meinung bestätigt, warum ich die französische Opéra bouffe der Wiener Operette bei weitem vorziehe!
PS: Meine Befürchtung, die Interpretation würde zu "Österreichisch" - sprich: Derber Humor mit dem Holzhammer statt feiner Situationskomik und spitzer Anspielungen - wurde nicht erfüllt! :wink
lg, Hyacinth :hello
Severina (06.07.2013, 16:41): Liebe Hyacinth,
danke für diese lebendige und mit spürbarer Begeisterung verfasste Rezension! Obwohl ich leider leider nicht vor Ort war, wie's so schön heißt, kann ich Deine positiven Eindrücke nur unterstreichen, denn ich habe diese spritzig-witzige Produktion zumindest im TV gesehen. (Bis auf die ersten 10 Minuten, weil ich nicht rechtzeitig auf die Uhr geschaut habe :S)
Elisabeth Kulman war einfach hinreißend und man merkte ihr den Spaß an, endlich auch einmal richtig komisch sein zu dürfen. Und wie Du so richtig schreibst: Sie übertrat nie die Grenzen des guten Geschmacks, verwechselte nie Komik mit Klamauk.
lg Severina :hello
Hyacinth (06.07.2013, 21:36): Im TV ist dann vermutlich die Mimik der einzelnen Darsteller noch besser zur Geltung gekommen - was aus der 22. Reihe schon extrem lustig war, muss "aus der Nähe" ja noch komischer sein :J Ich werde mir auch sicher die ziemlich hochpreisige DVD leisten - die ist ihr Geld dann nämlich wert. Keine Sorge, die ersten 10 Minuten waren nicht sooo spannend :wink
Und wie Du so richtig schreibst: Sie übertrat nie die Grenzen des guten Geschmacks, verwechselte nie Komik mit Klamauk. Das waren ja vorher so meine Bedenken, wie mir das mit den deutschen Dialogen zu Ohren gekommen ist. Nicht, dass ich es von Kulman gewohnt wäre, dass sie peinlich überzeichnet.. Egal, meine Zweifel haben sich in Rauch aufgelöst, der Abend war wirklich stimmungsvoll und im Humor absolut zeitgemäß, aber nie gegen Libretto oder Musik!
lg, Hyacinth :hello
Solitaire (22.07.2013, 11:34): Richard Wagner. Der fliegende Holländer
Opernhaus Wuppertal, 21.7.2013 Besetzung:
Holländer: Kay Stiefermann Daland: Michael Tews Senta: Turid Karlsen Mary: Miriam Ritter Steuermann: Christian Sturm
Chor und Extrachor der Wuppertaler Bühnen Sinfonieorchester Wuppertal Leitung: Florian Frannek Regie: Jakob Peters-Messer
Gestern ging die aktuelle Spielzeit der Wuppertaler Bühnen mit der Geschichte vom bleichen Manne zu Ende. Es war zugleich die letzte Aufführung einer in der Spielzeit 2011/2012 umjubelten Produktion. Ich habe sie damals verpasst und war daher sehr froh, dass sie noch einmal für zwei Abende auf die Bretter kam. Obwohl ich die Oper oft auf CD gehört habe, war es mein erster Holländer im Opernhaus, Wagner wird hier vergleichsweise selten gespielt, so dass sich nie die Gelegenheit ergab, ich war also gespannt auf die Aufführung. Um es gleich zu Beginn zu sagen: ich bin immer noch hin und weg. Doch der Reihe nach. Die Ouvertüre wird so gespielt, wie sich das gehört: bei geschlossenem Vorhang. Als der sich dann schließlich hebt gibt er den Blick frei auf eine Spielfläche, für die der komplette Bühnenraum samt Hinterbühne eingesetzt wird. Schwarze Vorhänge im hinteren Bühnenbereich verkleinern die Spielfläche bei Bedarf. Dalands Schiff wird durch eine eiserne Leiter am rechten Bühnenrand angedeutet sowie durch einige kräftige Taue an denen die Herren des Opernchores sich abarbeiten. Die Nebelmaschine hat ordentlich zu tun und sorgt für Nordseeatmosphäre. Die Zeit der Handlung ist aufgrund der vergleichsweise zeitlosen Kostüme nicht recht einzuordnen und könnte ebenso heute wie vor 100 Jahren spielen. Auf der Linken Bühnenseite sehen wir eine Deckenkonstruktion bestehend aus mehreren Scheinwerfern, sie deuten das Segel des Geisterschiffs an. Es ist in diesem Fall nicht blutrot, sondern blendend hell und der Effekt bei der Ankunft des Holländers ist sehr eindrucksvoll: gleißende aber unwirkliche Helligkeit statt düster-romantischem Halbdunkel. Der Steuermann singt sein Lied in einen modernen Schlafsack gehüllt und hat mir sehr gut gefallen. Daland wirkt mit seinem weißen Backenbart und der Kapitänskluft ein bisschen wie Käptn Iglo, da wurde für meinen Geschmack etwas zu sehr in die Klischeekiste gegriffen, aber er hat gut gesungen und Dalands kindische Gier angesichts der Schätze die der Holländer vor ihm ausbreitet gut rübergebracht. Fast gemahnte sein Gesichtsausdruck ein bisschen an Gollum und ich hätte mich nicht gewundert ihn „mein Schatz“ flüstern zu hören...
Auftritt des Stars des Abends: Kay Stiefermann. Ich gebe zu, dass ich vor allem seinetwegen in die Oper gegangen bin, denn die Besprechungen waren nach der Premiere zum Teil hymnisch und die wenigen Ausschnitte der regionalen Fernsehberichterstattung überaus faszinierend. Ich wurde nicht enttäuscht: dieser Holländer ist allein schon optisch ein wahrer Augenöffner: groß und schlank, wehender langer Mantel (natürlich in schwarz was ihm die Möglichkeit gibt, immer wieder mit den Bühnenvorhängen zu verschmelzen), schwarzes, enges Beinkleid, tragische Blässe im Gesicht, gewagte Punkfrisur mit halbrasiertem Schädel und Tätowierungen, dunkle Augengläser die immer dann zum Einsatz kommen wenn der Holländer nicht will, dass sein wahres Wesen entdeckt wird, ruhige, gemessene Bewegungen, angesichts Dalands Gier ein zynischer Ausdruck im Gesicht. Dazu und vor allem eine wirklich großartige Stimme und absolute Textverständlichkeit. Wow. Erste Male sollen ja sehr prägend sein, ein künftiger Holländer wird sich also gewaltig anstrengen müssen, um diesen für mich Ersten zu überbieten.
Sentas Spinnstube ist hier ein Nähzirkel: junge und nicht mehr ganz so junge Damen arbeiten an ihren Brautkleidern und –schleiern. Alle nähen fleißig außer Senta, dich mich nur zum Teil überzeugen konnte. Nicht mehr ganz jung und nicht mehr ganz schlank entspricht sie leider zu sehr dem Klischee der blondbezopfen Wagnerheroine und kann das nur bedingt durch ihre Stimme ausgleichen, die in den Höhen manchmal etwas schrill war auch die Textverständlichkeit ließ einige Wünsche offen. Gespielt hat sie das schwärmerisch-neurotische Mädchen allerdings sehr gut und der Moment in dem sie und der Holländer einander zum erstenmal begegnen und gefühlte drei Stunden kein Wort miteinander wechseln sondern sich nur ansehen war großartig. Des Holländers Bild hängt im übrigen nicht an der Wand sondern wird durch einen hellen Lichtfleck auf der Erde symbolisiert.Es ist der gleiche Lichtfleck, der im ersten Akt erscheint und in den sich der Holländer stellt wenn er von seinem gepriesnen Engel Gottes singt.
Erik singt gut und spielt hölzern. Ich an Sentas Stelle hätte mich auch für eine romantische Erlösungstat für den Holländer statt für eine Ehe mit Erik entschieden, mehr ist zu ihm nicht zu sagen. Vielleicht noch dies: im Duett zwischen ihm und Senta versteht man leider mal wieder kein Wort, was mehr als nur bedauerlich ist.
Auftritt des zweiten Stars des Abends: der Wuppertaler Opernchor. Ich werde nicht müde, diesen Chor, der mich bisher wann immer und wo immer ich ihn gehört habe begeistert hat, zu rühmen und zu preisen. :down „Steuermann laß die Wacht“ räumt gewaltig und mit einem Chor der nicht nur singen sondern auch spielen kann räumt er noch mehr. Als die Männer die Mannschaft des Geisterschiffs auffordern beim fröhlichen Saufen mitzuhalten und dieser schließlich antwortet, wird es auf der Bühne finster und im Zuschauerraum blendend hell. Die Geisterstimmen antworten von irgendwo hinter mir und ich drehe mich doch wirklich und wahrhaftig um um zu sehen, wo sie denn ist, des Holländers Geistermannschaft. Sie hat sich in geschickt angebrachten Lautsprechern versteckt und die paar Takte Musik wurden offenbar vor der Vorstellung aufgenommen, aber das habe ich erst verstanden als man es mir hinterher erzählt hat. Ein Trick, aber ein sehr wirkungsvoller. Als Senta sich am Ende in die Tiefe stürzt (einen wahnwitzigen Augenblick lang habe ich gedacht, sie würde den Sprung in den Orchestergraben wagen) erlöschen die grellen Scheinwerfer die das Segel des Geisterschiffes bilden, zu den letzten Takten der Musik und während der Vorhang fällt gehen Senta Holländer auf der Hinterbühne unendlich langsam aufeinander zu. Ihre Vereinigung im Tod sehen wir nicht mehr. Fazit: ich war und bin begeistert , trotz ein oder zwei Schwächen war es eine grandiose Aufführung und ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem solch wunderbaren Vorstellungen (noch...) nicht nur in drei oder vier Metropolen zu erleben sind. Chapeau und vielen Dank!
Severina (22.07.2013, 15:31): Liebe Solitaire, das klingt so, als hätte es mir auch gefallen können! Wie schön, dass Du einen so positiven Saisonausklang erleben durftest! Da freut man sich gleich noch mehr auf den Beginn der nächsten.
lg Sevi (die gerade verschmachtet bei 29° in der Wohnung...)
stiffelio (22.07.2013, 17:20): Hallo Solitaire,
oh nein, Mist! Wenn ich das gewusst hätte, wäre es mir trotz der mörderischen Temperatur einen Kurztrip nach Wuppertal wert gewesen.
Verstehe ich das richtig, dass in absehbarer Zeit keine weiteren Aufführungen geplant sind? :( Falls doch nochmal eine Wiederaufnahme erfolgt, wäre ich dir für einen Hinweis sehr dankbar.
VG, stiffelio
Solitaire (22.07.2013, 18:25): Ja, das verstehst du wohl leider richtig. Ein Freund der mit in der Oper war arbeitet dort als Sicherheitsbeauftragter (nebenbei: hochinteressant was er zu dem Thema immer so erzählt) und hat uns den Tip gegeben, daß es sich erstmal um die letzten Vorstellungen gehandelt hat. Sehr schade :( Trotz Hitze war das Haus nahezu ausverkauft. Wenn ich davon höre, daß die Oper nochmal gespielt wird gebe ich Bescheid :)
Hier der Trailer:Klick
@Sevi Bei uns sind's 25,5 Grad in der Wohnung. Ich gehe jetzt in die eiskalte Badewanne und stelle mir vor es wäre die Nordsee :D
Severina (28.07.2013, 11:24): Einen netten Sommerspaß erlebte ich am Samstag mit Züricher Opernfreunden im barocken Stiftshof von Klosterneuburg. Otto Nicolais "Lustige Weiber von Windsor" standen in einer flotten und witzigen Inszenierung von Andy Hallwaxx auf dem Programm.
Das Bühnenbild (Hans Kudlich) erinnert ein wenig an Shakespeare: Zwei halbrunde hölzerne Aufbauten mit einer Galerie umarmen quasi ein Podest im Hintergrund, auf dem angekohlte Baumstämme in unterschiedlicher Stärke verankert sind – der sehr reduzierte Park von Windsor. Zwei weitere erhöhte Spielflächen vor den beiden Pawlatschen dienen als Wirtshaus "Zum Goldenen Nashorn" und als gute Stube derer von Fluth, die mit den nötigsten Requisiten ausgestattet ist. Das schafft also mehrere Ebenen, auf denen sich Kabalen und Liebe munter entfalten können. Irgendwie hatte Regisseur Andy Hallwaxx wohl das Gefühl, dass es heutzutage nicht reicht, eine Handlung "nur" librettogetreu abschnurren zu lassen. Also tat er, was nicht wirklich originelle Regisseure in dieser Situation zu tun pflegen, nämlich auf die altbewährte Spiel-im-Spiel-Masche zurückzugreifen. Er zeigt eine Probe auf dem Theater, und geprobt werden – no na – "Die lustigen Weiber von Windsor". Der Chor bekommt viel zu tun, denn neben seinem Gesangspart muss er auch die Rollen von Regieassistenten, Masken- und Kostümbildnern, Kulissenschiebern etc. übernehmen. Allerdings muss man dem Regisseur zu Gute halten, dass diese Nebenaktivitäten recht gut in die Haupthandlung integriert sind und sie nie störend überlagern. (Die Frage, ob, wann und überhaupt bei diesem überstrapazierten Strickmuster aus dem Spiel im Spiel Ernst im Spiel wird, stelle ich mir schon lange nicht mehr, denn eine schlüssige Antwort gibt es selten. Einzige Ausnahme: Mary Zimmermanns "Sonnambula" an der MET – die konnte diese zwei Handlungsebenen wirklich überzeugend auseinanderdröseln!)
Ansonsten gibt es einige hübsche Einfälle, etwa wenn der weiß gekleidete Chor nach dem "O süßer Mond!" weiße Luftballons in den inzwischen nachtschwarzen Himmel entlässt und sie speziell an diesem heißen, beinahe windstillen Abend noch geraume Zeit über den Köpfen der Zuschauer schweben, immer höher steigen und irgendwann mit den flimmernden Sternen verschmelzen. Als besonderen Gag lässt Andy Hallwaxx am Schluss die drei "Weiber von Windsor" (fast) persönlich auftreten: Huldvoll winken von der linken Galerie Herzogin Kate (natürlich mit dem royalen Bauxerl), Herzogin Camilla und die Queen dem allerdings nur mäßig amusierten Publikum zu – ich glaube, der Großteil hat das am Freitag gar nicht richtig mitbekommen, weil dieser Auftritt unmittelbar nach dem letzten Ton der Musik erfolgte und die Aufmerksamkeit den sich verbeugenden Sängern galt. (Die Masken allerdings waren wirklich perfekt!)
Natürlich darf man sich von einer Freiluftaufführung mit beschränktem Budget keine A-Besetzung erwarten, und unter diesem Aspekt durfte man mit den Sängern sehr zufrieden sein – mit einer einzigen Ausnahme boten alle wirklich ansprechende Leistungen.
Christian Hübner, ein Riegel von Mann, der seine Kollegen beinahe um Haupteslänge überragte, stattete den Sir John nicht nur mit einer imposanten, wenn auch noch etwas ungeschliffenen Stimme aus, sondern auch mit der nötigen Portion Spielfreude. Er war wirklich Dreh- und Angelpunkt dieses flotten Verwirrspiels und sorgte immer wieder für Erheiterung im Publikum.
Als Herr Fluth bin ich eigentlich tiefere Stimmen gewöhnt als den extrem hoch liegenden Bariton von Viktor Rud. (Ehrlich gesagt waren wir uns anfangs gar nicht sicher, ob wir es wirklich mit einem Bariton zu tun hatten!) Leider war die Stimme auch nicht besonders durchschlagskräftig, sodass wir diesen Sänger als einzigen oft wirklich kaum hörten – und das von der 4. Reihe aus! Aber insgesamt war die Leistung OK.
Besser gefiel mir David Steffens, dem der Herr Reich anvertraut war.
Ilker Arcavürek, der Fenton des Abends, verfügt über ein wirklich schönes, zu Herzen gehendes Timbre, das seinen Reiz allerdings nur in der Mittellage richtig entfalten kann. Geht es in die Höhe, wird die Stimme eng und immer dünner, man spürt auch die Kraftanstrengung, mit der die Spitzentöne produziert werden. Da ist wohl noch einiges an technischen Hausübungen zu erledigen!
Stimmlich potenter unterwegs war Patrick Vogel als Junker Spärlich, der vor allem eine wirklich köstliche Figur kreierte und damit die Lacher auf seiner Seite hatte.
Gleiches galt für den Dr. Cajus von Boris Grappe, auch er absolvierte den musikalischen Part zufrieden stellend und punktete mit seiner Spielfreude.
Von den Damen gefiel mir Dshamilja Kaiser als Frau Reich am besten: Ein satter, interessant gefärbter Mezzo, den ich gerne einmal in einem Opernhaus hören würde.
Talia Or, die Frau Fluth, meisterte die nicht unbeträchtlichen Anforderungen ihrer Partie im Prinzip gut, konnte mit schönen Koloraturen und innigen Pianophrasen aufwarten, allerdings gelang ihr (noch) keine einheitliche Gesangslinie.
Gar nicht gefiel mir hingegen Sarah Tuleweit als Jungfer Anna. Eine Sängerin, die sich schon am Anfang ihrer Karriere ein derart starkes Vibrato eingehandelt hat und auch die Höhenflüge nicht ohne Schärfen absolviert, empfiehlt sich nicht gerade für größere Aufgaben.
Christoph Campestini leitete die Sinfonietta Baden mit Umsicht und Schwung – mehr darf man sich von einem Sommerfestival nicht erwarten!
Mein Fazit: Leichte, aber keineswegs seichte Sommerkost unter einem perfekten Sternenhimmel!
lg Severina :hello
Hyacinth (28.07.2013, 22:23): Liebe Severina, danke für den Bericht! Ich gehe am Dienstag und bin schon sehr gespannt - meine erste Erinnerung in Klosterneuburg ist eine Zauberflöte mit Eröd als Papageno, seither war ich immer wieder mal dort. Die Produktionen waren immer sehr liebevoll gemacht und man hatte das Gefühl, dass alle Freude dran hatten und alle Möglichkeiten genutzt wurden. Dein Bericht ähnelt meinen früheren Erlebnissen, dann kann ich mich ja auf Dienstag wirklich freuen - langsam kriege ich im Sommerloch Wien Entzugserscheinungen :rofl
lg, Hyacinth :hello
Hyacinth (04.08.2013, 22:50): Jetzt komme ich selbst dazu, zu berichten:
Viel hinzuzufügen zu Severinas Worten habe ich nicht - zu der Spiel-im-Spiel-Masche: Mir war nie klar, was jetzt "Die lustigen Weiber von Windsor" und das Theater war (bezogen auf die Solisten). Die Nebenhandlungen mit dem Chor waren lustig, lockerten die Stimmung und sorgten sicher dafür, dass den engagierten Chormitgliedern niemals fad wurde. Dass die Hauptpersonen jemals nicht "im Stück" waren (außer, wenn die Damen ihre vom obligatorisch tuntigen Designer präsentierten Kleider begutachteten) habe ich nicht wirklich feststellen können. Wenn man sich nicht zu sehr den Kopf über das Vorhandensein dieser 2. Handlungsebene zerbrach, war es aber ein kurzweiliger Abend.
Spätestens beim Mondchor wurde auch ich versöhnt - das Bild war absolut magisch und auch die Musik war von da an immer besser (es war meine erste Begegnung mit den "Lustigen Weibern").
Viktor Rud war gut hörbar in der ca. 20. Reihe, allerdings (da ich die Oper eben nicht kannte und ohne genaues Programmstudium in die Vorstellung ging) kam mir erst nach geraumer Zeit der Gedanke "Wer ist denn jetzt der, den Severina gemeint hat?". Da alle anderen wie Baritone klangen oder Tenöre waren, blieb er übrig und auch ich war erstaunt - da ich die Rolle nicht kannte, störte mich sein Stimmklang aber nicht.
Ansonsten teile ich deine Meinung zu den Sängern, daher spare ich mir die Worte :D
lg, Hyacinth :hello
Billy Budd (29.09.2013, 23:53): (Nachträglicher Bericht) Die österreichweite Erstaufführung nach dem Zweiten Weltkrieg der der breiten Masse an Opernbesuchern unbekannten Oper war auch für mich gewissermaßen eine Premiere, denn abgesehen vom „Vorspiel zu einer Oper“ hatte ich noch nie ein Werk Schrekers live erlebt. Dazu war es nun höchste Zeit und ich bedaure, dass der Wiener Operndirektor stets die gleichen Stücke neu inszenieren lässt, anstatt auch gelegentlich Raritäten zu bringen. Die Musik hat mich in atemberaubender Weise in ihren Bann gezogen, dass ich es nicht bereue, unter der Woche nach Linz gefahren und erst um halb zwei nach Hause gekommen zu sein. Abgesehen von Alexander Kaimbacher (Narr) kann ich allen Künstlern (Martin Sieghart; Roman Sadnik, Ingeborg Greiner, Sebastien Soules, Dirk Aleschus, Yigal Altschuler, Günter Haumer, Ivaylo Guberov, Andreas Jankowitsch, Karl Oblasser und Ilona Roth) ein Pauschallob aussprechen. Auch die Inszenierung wurde perfekt auf den Aufführungsort (die ehemalige Tabakfabrik) abgestimmt. Oftmaligere Begegnung mit Werken Schrekers würde Freude bereiten. Der Besuch der Vorstellung ermöglichte übrigens auch den Besuch der interessanten Ausstellung "Das Verdächtige Saxophon - "Entartete Musik" im NS-Staat", die "offiziell" erst am nächsten Tag eröffnet wurde. Billy :hello
Severina (30.09.2013, 11:48): Lieber Billy,
ich bedaure es genau wie Du, dass Schreker so selten auf den Spielplänen auftaucht. Ich bin vor einigen Jahren für den "Fernen Klang" nach Zürich gefahren und musste es nicht bereuen!
lg Severina :hello
Billy Budd (30.09.2013, 18:07): Liebe Severina, schön, dass wir uns hier einig sind! :beer Billy :hello
Florestan (25.11.2013, 12:31): Oper Hamburg – Peter Grimes
Musikalische Leitung: Simone Young Peter Grimes: Michael Schade Ellen Orford: Inga Kalna Balstrode: Robert Bork Auntie: Renate Spingler First Niece: Larissa Wäspy Second Niece: Gabriele Rossmanith Boles: Peter Galliard Swallow: Tigran Martirossian Mrs. Sedley: Anne-Marie Owens Reverend Adams: Jürgen Sacher Ned Keene: Viktor Rud Hobson: Florian Spiess Chor der Hamburgischen Staatsoper
Aus Anlass von Brittens 100. Geburtstag wurde die Inszenierung von 1998 wieder aufgenommen. Um es vorweg zu sagen: dies war eine ganz außergewöhnlich gelungene Aufführung. Das Orchester war in Hochform, die Sänger, allen voran der famose Michael Schade, waren glänzend disponiert, und der Chor mustergültig. Eine derart intensive Darstellung dieses Stoffes habe ich bisher bei dieser Oper noch nicht erlebt. Die Inszenierung war schlicht und unspektakulär, und kam ohne die üblichen Mätzchen des modernen Regietheaters aus. Die Handlung war trotzdem, oder gerade deswegen sehr präsent und eindringlich vorgeführt. Besonders die leisen Abschnitte, welche die Verzweiflung des am Leben und seinen Mitmenschen gescheiterten Titelhelden vor Augen und Ohren führen, waren von einer unmittelbaren Eindringlichkeit, die einem das Blut in den Adern stocken ließ. Dabei war die Textverständlichkeit bei fast allen Sängern sehr ausgeprägt. Die Übertitel brauchte man auf weiten Strecken gar nicht. Wenn ich mir vorher das Libretto komplett durchgelesen hätte, wären sie für mich wohl gänzlich überflüssig gewesen. Die Musik von Britten ist ja besonders auch in dieser Oper ausgesprochen farbenreich, differenziert und packend. Das wurde nach meinem Eindruck auch perfekt umgesetzt. Besonders zu loben ist auch der ausgezeichnete Chor, der ja in dieser Oper die stets präsenten Einwohner des Städtchens darstellt. Auch hier überwog die präsente und differenzierte Darstellung. Simone Young wird ja hier nicht von allen geliebt, und gerne kritisiert, was völlig unverständlich ist. Ich habe bisher noch keinen Flop mit ihr erlebt, weder in der Oper noch im Konzert. Man merkte ihrem Dirigat an, dass Britten ihr ein Herzensanliegen ist. Leider gab es in dieser Saison außer der Gloriana (ebenfalls eine herausragende Produktion) nichts weiter von Britten zu hören. Stattdessen wurden die Eulen Verdi und Wagner nach Athen getragen, die sich ja nun wirklich über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen müssen. So wurde leider die Chance vertan, dem wohl bedeutendsten britischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, und einem der wichtigsten Opernkomponisten zu größerer Beachtung zu verhelfen.
LG Florestan
Severina (25.11.2013, 13:53): Lieber Florestan,
danke, dass Du Deine Eindrücke mit uns teilst, die mich umso mehr interessieren, als ich am Sonntag eine Aufführung von "Peter Grimes" an der WSO erleben werde. Ich liebe besonders die "Seestücke" zwischen den einzelnen Akten heiß und innig - das ist Musik zum Eintauchen und Abheben.
Michael Schade kann ich mir in der Titelrolle nicht so gut vorstellen, er hat mir dafür eine zu "schöne", will sagen süße Stimme, die mir nicht so recht zu einem Charakter mit Ecken und Kanten zu passen scheint. Aber ich stelle Deine positive Einschätzung natürlich nicht in Frage! (Wahrscheinlich beruht meine Skepsis darauf, dass ich Schade in erster Linie mit Mozart und Strauss in Verbindung bringe!) Mal sehen, wie sich Lippert am Sonntag schlägt, auch da bin ich eher skeptisch.
Unsere Inszenierung würdest Du wahrscheinlich furchtbar finden, sie ist von Christine Mielitz. Ich finde sie auch nicht soooo toll, obwohl ich moderne Inszenierungen bevorzuge.
lg Severina :hello
Fairy Queen (27.11.2013, 08:38): Vincenzo Bellini « I Puritani » Opéra Bastille Paris 25.11. 2013 Zum ersten Mal seit 1987 wurde in Paris, dem Ort ihrer Uraufführung 1835, Bellinis letzte Oper « I Puritani » wieder gespielt. Ich hatte das grosse Glück noch eine Premierenkarte für diese meine Lieblingsoper zu bekommen und möchte, da ich I Puritani zum 1. Mal auf der Bühne sehen konnte, davon berichten. Musikalische Leitung: Michele MariottiiInszenierung und Kostüme: Laurent Pelly Bühnenbild; Chantal Thomas Elvira: Maria Agresta Lord Arturo Talbot: Dmitri Korchak Sir Riccardo Forth: Mariusz Kwiecien Sir Giorgio: Michele Pertus iSir Bruno Roberton: Luca Lombardo Enrichietta di Francia : Andreea Soare Lord Gualtiero Walton : Wojtek Smilek Chor(Patrick Marie Aubert) und Orchester der Opera Bastille Paris
Laurent Pelly hatte seine Inszenierung ursprünglich für seine Lieblingssängerin Nathalie Dessay geplant und auf deren enorme Bühnenpräsenz und schauspielerische Begabung gebaut. Leider hat sich Dessay inzwischen aus dem Opernbetrieb zurückgezogen und steht für die Puritani nicht mehr zur Verfügung. Die Puritani sind Bellinis letzte Oper und wurden im Jahr seines allzu frühen Todes 1835 in Paris am Theatre des Italiens uraufgeführt. Eine andere Fassung, die Bellini der von ihm hoch vereehrten Diva Maria Malibran angepasst hatte, war für das Teatro San Carlo Neapel geplant, konnte jedoch wegen einer Choleraepidemie zunächst nciht aufgeführt werden und wurde dann durch die kurz aufeianaderfolgenden frühen Tode Bellinis und der Malibran auf Eis gelegt. Diese tiefer gelegte neapolitanische Fassung, in der zudem Riccardo von einem Tenor gesungen wird, wurde erst 1985 in London und 1986 in Bari uraufgeführt. Die heuer in Paris gegebene Fasssung hat Bellini den damals besten Belcanto-Sängern ihrer Zunft in die geläufigen Girgeln hineingeschrieben: der Sopranistin Giulia Grisi, ihres Zeichen ein eher leichter Sopran, dem Bellini sogar ausdrücklich von der Norma abgeraten hatte (was sie aber nciht daran hinderte, sie trotzdem zu singen….), dem Wundertenor Giovanni Battista Rubini, der laut Urteil seiner Zeitgenossen ein einmaliges Stimmphänomen gewesen sein muss, dem Bariton Arturo Tamburini und dem Bass Luigi Lablache. Bellini hatte damit Traumbedingungen, um seine Bel-Canto Auffassung, die in allererster Linie auf der Schönheit und Ausdruckskraft der Gesangslinie fusst, künstlerisch umzusetzen. Das ist ihm in herausragender Weise gelungen, trotz des nicht besonders logischen Librettos von Carlo Pepoli, mit dem er seit dem Bruch mit Felice Romano zum 1. Mal zusammenarbeitete und das auf dem Theaterstück « Têtes rondes et cavaliers » von D’Ancelot et Santine fusst. Auch wenn nach einhelligem Urteil Bellinis Orchestrierung in den Puritani reicher und differenzierter ist als in seinen anderen Opern, tritt das Orchester doch klar hinter den Sängern zurück und diese Vorrangstellung die Bellini als Italiener dem Gesang in der Oper einräumt, wurde von Komponistenkollegen des aufsteigenden romantischen Zeitalters immer wieder scharf kritisiert. ( u.A. Liszt, Berlioz und Wagner haben stark gegen Bellini polemisiert.) Es handelt sich dabei aber um eine ganz bewusste künstlerische Entscheidung, die mit der Ara Wagner/Berlioz dann vor allen Dingen in deutschen und frz. Breiten als obsolet galt und deren musikalischer Wert weiterhin vielfach angezweifelt wird. Der Vorrang der Melodie (nicht wie bei Rossini der Virtuosität) vor der Harmonie wird mit Bellini auf die Spitze getrieben und sein hoher Wiedererkennungswert und seine besondere Position beruhen auf dieser (für mich) unerreichten melodischen Begabung. Bellinis Opern sind dem heutigen Opernbetrieb, in dem es vor allen Dingen um Regie und Orchesterleistungen geht, geradezu entgegengesetzt. Was auch die 26jährige Abstinenz an der Pariser Oper zeigt. Die grösste Schwierigkeit besteht in der adäquanten Besetzung des Sänger-Quartetts. Die Puritani brauchen die besten zur Verfügung stehenden Belcantisten. Bellini selbst hat das genau gewusst und gesagt , man könne als Sänger in dieser Oper entweder ewigen Ruhm oder ein Massaker bekommen. Heute wird das anders gesehen und gestern gab es dementsprechend weder das Eine noch das Andere. Zunâchst ein paar Worte zur Inszenierung. Laurent Pelly/Chantal Thomas haben gottseidank in keiner Weise versucht ,die in sich nicht gerade logische Handlung zu aktualisieren oder politisch zu deuten. Sie haben das Libretto als das gesehen, was es für Bellini war: eine dramatische Vorlage um die Gefühle und Leidenschaften der Protagonisten in Gesang zu setzen. Das Bühnenbild ist schlicht aber sehr wirkungsvoll: eine Art filigrane, teilbarerr und beweglicher Drahtkâfig in Form eines englischen Schlosses, ein Vogelkâfig mit zahlreichen Auf- und Abstiegen (Treppen) für Elviras Seele, die für Pelly der Dreh- und Angelpunkt seiner Interpretation ist. Ich finde diese Idée ausgesprochen gelungen- felicitation! Die Kostüme sind eine modernisierte und geschmackvolle Version puritanisch- und sogar viktorianischem Ambientes und setzen den in dieser Oper stark präsenten Chor bestens in Szene. Die Sänger haben grosse Freiheiten und sind als voll und ganz als Singschauspieler gefordert. Pelly trägt damit der Schwierigkeit der Partien weitgehend Rechnung, auch wenn Elvira im Laufe des Abend sehr viele Treppen herauf-und herunterlaufen muss- mit Nathalie Dessay kann man sowas ja problemlos machen………. Einige Slapastickelemente hâtte Pelly sich sparen kônnen. Wenn er die puritanischen Soldaten wie Komikfiguren mit erhobenen Säbeln über die Bühne marschieren lasst oder Riccardo mit Enrichietta und Arturo dreimal auf der Bühne hin-und zurückgeht ehe sie dann flüchten dürfen, ist das eher unfreiwillige Komik und einfach unpassend. Aber seine Vorliebe für komische Stoffe kann sich wohl nicht ganz unterdrûcken lassen. Das ist mein einziger Kritikpunkt an dieser passenden und âsthetisch schönen Inszenierung, die weiss und versteht was eine Belcanto-Oper ist. Michele Mariotti hat sein Orchester bestens im Griff und ich war angenehm überascht von der Leichtigkeit und dem “Auf Hânden tragen” der Musik- ideale Bedingungen für das Solistenquartett. Viellecht muss man Italiener sein, um Belcanto-Opern so zu dirigieren? Weder langweilig noch trâge, weder zurückhaltend noch aufdringlich und auch nicht kitschig sentimental. Fûr meine Ohren genau richtig und am Anfang hatte ich sogar den Eindruck, dass ich eine HIP- Version vor mir habe, dem war aber nciht so. Den Mann wurde ich gerne mal Wagner dirigieren hören!!!!!! Was haben nun die Sänger aus dieser Idealvorlage gemacht? Ich habe mit jedem Einzelnen mitgezittert- was für ein Druck ! Michele Pertusi als Giorgio war für mich eine Idealbesetzung. Da stimmte jeder Ton, das Timbre der Stimme warm und stark zugleich, die Bühnenpräsenz dieses hochgewachsenen und attraktiven Italieners, sein perfekter Belcanto-Stil, einfach Alles. Die Rolle des liebevollen gütigen Onkels, der seiner Nichte ihr Lebensglück um jeden Preis erhalten will und seinem Bruder eine politisch motivierte Zwangsheirat ausredet, ist eine sehr dankbare Partie. Man môchte sich diesem Ideal -Onkel, wie Elvira es reichlich tut, sofort in die Arme und an die starke Brust werfen. Wohlklang pur in jeder Beziehung. Das Duett "Suoni la tromba" mit Riccardo war ein Wucht und eine der besten Nummern des Abends. Pertusi verstand es aber auch, sich zurückzunehmen im Trio “O rendetemi la speme » oder im Gebet des 1. Aktes setzt er wirkungsvolle Piani ein. Bravissimo ! :down :down :down Mein Favorit des Abends. Mariusz Kwiecien, der den unglûcklich liebenden Riccardo sang und gleich zu Anfang eine Traumarie « Ah per sempre io ti perdrei » hat, kam nicht an diese Leistung heran, war aber nach anfänglichen Schwierigkeiten eine gute Besetzung. Ein warmer und kraftvoller Bariton mit weitgehend guter Höhe und Beweglichkeit, der der Rolle gerecht wurde. Schauspielerisch souverän, er musste ja vom enttâuschten Rächer zum verständnisvoll Sublimierenden werden. Eine der Ungereimtheiten dieser Oper ist dieser Wandel kriegerischer puritanischer Cromwellisten zu sanften "Frauenverstehern" Dass die Gefûhle Elviras diese Bedeutung für Giorgio und Riccardo haben, ist zwar sehr menschlich aber einzigartig in einer solchen Oper, die in einer Kriegs-Männerwelt spielt, in der Liebe ncihts zu suchen hat. Riccardos Einstiegsarie hat mich trotz Wackeltönen (Lampenfieber nehme ich an) sehr berührt, leider war das Pariser Publikum was Szenenapplaus anging ziemlich “obsessiv”und man wurde angezischt, wenn man vor der letzen Note des Orchesters Begeisterung zeigte. Was meine Begeisterungsausbrüche dann später etwas dämpfte……. :I. Der Tenor Dmitri Korchak hatte die schwierigste Partie zu singen. Selbst ein Ausnahmestar wie Juan Diego Florez hat vor dieser Oper Manschetten und das zu Recht! Schlimmer geht es kaum. Von Null auf 100 auf die Bühne mit der Turbo-Arie “A te o cara” die von Allen sehnlichst erwartet und vom Chor vorbereitet wird- die Erwartungshaltung steigt und steigt und dann muss Arturo sofort brillieren. Ins Eiswasser geschmissen und man soll nicht nur schwimmen sondern olympiareif schwimmen. Dann im letzen Akt eine Kraftanstrengung ohnegleichen mit mehreren hohen C’s und dem hohen F als Sahnestûckchen. Meiner Kenntis nach gibt es keinen Tenor, der das einfach so schafft. Korchak jedenfalls nicht. Sein Einstieg war ziemlich katastrophal und er brauchte bis zum dritten Akt, um seine Stimme wirklich zu entfalten . Er hat im Finale dann noch eine erstaunlich gute Leistung gezeigt, aber “A te o cara” war die pure Enttäuschung. Wie ein Dampkochtopf, dem man den Deckel nicht abgenommen hat, die Stimme war dünn und nicht timbriert, und ich weiss nciht, was davon nun Lampenfieber und was reine Überforderung war, ich habe ihn ja nie zuvor gehört. Die Stimme an sich ist keine Offenbarung, ihr fehlt der einschmeichelnde Schmelz des Bel-canto und ich nehme an, in einer etwas weniger angespannten Tessitur klingt sie besser. Sein Rollenporträt war in Ordnung, er gibt den jugendlichen Liebhaber überzeugend. Arturo ist ja hier der einzige Mann der wie normalerweise üblich in der Oper, politische Motive und Ehre über seien Gefühle und vor allen dingen über die Gefühle Elviras stellt, anders als Giorgio oder Riccardo. Erstaunlich was Bellini und Pepoli da gemacht haben. Die italienische Korchaks Aussprache war leider nicht durchgehend idiomatisch, man hörte den Akzent zuweilen deutlich. Ich bin allerdings froh, dass es überhaupt einen Arturo gab und eine deutliche Steigerung vom 1. Zum letzen Akt,wo er seine SuperTöne fast immer hatte. Er hat dann auch viel Applaus bekommen, bei dieser Rolle trotz alledem verdient. Wer soll das singen? Mir wäre eine andere stimme lieber gewesne, ich weiss aber keine...... Forsetzung folgt, sobald ich Zeit habe.
F.Q. belliniselig auf Wolke 71/2
Severina (27.11.2013, 12:07): Liebe Fairy,
ich habe jetzt kurz überlegt, ob ich Deine Begeisterung mit einem Kommentar unterbrechen oder auf die Fortsetzung warten soll, aber es juckt mich zu sehr in den Fingern! Schließlich warte ich seit Sonntag mit großer Spannung auf Deinen Bericht! (Ich bin aber nicht böse, wenn Du Satie dann bittest, meinen Einschub zu löschen, der Deine Rezension in zwei Teile spaltet!)
Da ich im UNterschied zu den Damen die Herrenriege bestens kenne, kann ich Deine Kritik gut nachvollziehen, denn exakt das hatte ich mir erwartet: Pertusi großartig (Ich liebe diese Stimme!), Kwiecien OK, Korchak ungenügend. Er war bei uns ein großartiger Lenskji - DAS ist sein Fach - aber ein schwacher Don Ramiro, und wie man auf die Idee kommen kann, diesen Tenor mit seinem spröden, so gar nicht einschmeichelnden Timbre im Belcantofach einzusetzen, ist mir ein Rätsel. Dafür fehlen ihm alle Voraussetzungen. Aber immerhin scheint er die Spitzentöne wenigstens einigermaßen drauf gehabt zu haben, was aber wenig nützt, wenn zuvor das "A te o cara" so total in den Sand gesetzt wird. Eine meiner Lieblingsarien, und Flórez singt das zum Abheben schön, obwohl wie schon erwähnt sogar bei ihm deutlich wird, dass der Arturo alles andere als ein vokaler Spaziergang ist.
Ich bin gespannt auf Deine Besprechung der Damenriege!
lg Sevi :hello
Fairy Queen (27.11.2013, 14:14): Fortsetzung, ich antworte dann Später liebe Sevi. :hello
Nun zur Heldin der Oper, einzige Frau im Solistenquartett, wenn man von der gut gesungenen Nebenrolle der Enrichietta absieht. Was für eine Herausforderung für Maria Agresta ,die damit zudem ihr Paris-Debut gab! Ich kann diese junge Italienerin nur bewundern. In den Spuren der Callas zu wandern, deren Elvira bis heute unerreicht bleibt und dann in einer Inszenierung, die auf Nathalie Dessay zugeschnitten war und die weder stimmlich noch als Person irgendwie mit Maria Agresta vergleichbar ist. Chapeau! :down Sängerisch hat sie eine grosse Leistung geboten, sie ist der Rolle technisch gewachsen, hat sowohl die Koloraturfeuerwerks- Polonaise “Son vergin vezzosa” als auch die lyrischen und eher dramatischen Teile(Schlussduett) der Rolle so tadellos wie man es von einer Live-Premiere nur erwarten darf, hinbekommen. Ihre anfängliche Nervosität unter der ausser Pertusi alle Protagonisten offenbar stark gelitten haben, vergessen wir einfach. Dafür gebührt ihr grosse Hochachtung! Dazu musste sie, Spiegel -ihrer Seelenzustände- häufig die Treppen ihres Burg-Käfigs auf und ablaufen, und kam trotzdem hörbar nicht ausser Atem. Maria Agresta ist sehr verdi-erfahren (Violetta, Elena, Leonora etc) und auch bei Puccini zu Hause. Sie hat eine angenehme, solide, aber unauffällige Stimme, man kann ihr weder ein besonders schönes Timbre noch besondere Ausdruckskraft zusprechen, aber genausowenig das Gegenteil. Auch wenn sie kein Koloratursopran sui generis ist, hat sie die môrderischen Läufe in “Vien diletto” und die “Vergin vezzosa” gut gemeistert. Und sie hat nuanciert gesungen und die grosse Palette der Stimm-Farben dieser Rolle gut benutzt. An ihrem Gesang gibt es m.E. nichts Wesentliches zu meckern. Mein einziges Problem ist, dass ich sie nicht für die adäquate Besetzung dieser Rolle halte .Es fehlt einfach das typisch fragile Bellini-Element, das diese zwischen Liebe, Melancholie und Wahnsinn schwankenden und schwebenden Frauenfiguren unbedingt brauchen. Maria Agresta ist viel zu robust und stark für diese Rolle, ein ähnlicher Fall wie Anna Netrebko als Antonia. Bellini hat Giulia Grisi oder eine Terz tiefer Maria Malibran in dieser Rolle gesehen und nciht Giuditta Pasta oder Giulias Schwester Giuditta Grisi. Das zerbrechliche und schwebende Element gehört unbedingt dazu. Ein dramatischer Sopran wie die Callas konnte das erzeugen, sie war ein Genie. Aber viele grosse lyrische Soprane(wie Agresta einer ist) bekommen das einfach nicht hin und daraus kann niemand ihnen einen Vorwurf machen. Und das geht dann leider leider zu Kosten der Rolle und der emotionalen Tiefe des Gesangs, die für Bellini Alles war. Nathalie Dessay hâtte trotz anderweitiger Schwächen dieses Element verkörpert und Pelly hat seine Inszenierung darauf zugedschnitten. Als Videoprojektion taucht auch Elviras Bild im Hintergrund auf bzw ihre Augen (bei Risccardos Arie z.B.) das ist sehr wirkungsvoll hat aber mit dieser Elvira nur sehr bedingt funktioniert. Schauspielerisch hat mir die Leistung allenfalls mittelmässig gefallen, ich glaube kaum dass Frau Agresta neben der Wahnsinnsgesangsleistung überhaupt die Energie und Möglichkeit hatte, sich in die figure einzuleben, Ausser einem ziemlichen Hin-und Hergerenne und aufs Bett oder in Giorgios Arme werfen war da sehr wenig. Ich stelle mir sie serh gut als Trovatore-Leonora vor, als Elvira hâtte ich lieber jemand vom Schlage Patricia Sciofi gesehen. Die Produktion kommt 2014 an die Met und wird ausserdem am 9.12. hier im Kino gezeigt. Ich hoffe, hingehen zu kônnen und vielleicht eine andere Vorstellung als die Premiere zu erwischen, wo die Sänger evtl noch anders wirken. Trotz allem bin ich auf rosa Wolken aus der Oper geschwebt und die nâchtlcihe Taxifahrt durch Paris war dann noch la cerise sur le gateau. Paris bei Nacht in der Vorweihnachtszeit ist einfach “féérique. Der algerische Taxifahrer hat sich mit mir gefreut, obschon er noch nie eine Oper gesehn hat, muss das ansteckend gewesen sein. Bellinis Musik erreicht in I Puritani ihren melodischen Höhepunkt und ich war noch nie so ergriffen von den Ensembles in einer Oper. Die Sänger haben in dieser Hinsicht alle ihr Bestes gegeben und teilweise viel Besseres als in den Arien. Wenn pure Schönheit glücklich macht, war ich am Montag in paradisum. Wenn Rideamus das erlebt hätte, wir hâtten uns zusammen wochenlang darüber begeistert glaube ich. O rendetemi la speme, mein Lieblingsstück aller Opernliteratur, mit Bariton, Bass und Sopran oder das Duet Suoni la tromba oder das Gebet mit Chor und Solisten- ein Highlight jagt das Andere. Ich bin sehr sehr dankbar, dass I Puritani in Paris aufgeführt wurde und ich die Möglichkeit hatte, diese Oper endlich zu sehen. Und ich bin auch den mutigen Sängern dankbar, auch der ziemlich versemmelten Tenorpartie..... ohne ihn hâtte es den Rest ja auch nicht gegeben. :thanks F.Q.
Florestan (27.11.2013, 18:56): Original von Severina
Michael Schade kann ich mir in der Titelrolle nicht so gut vorstellen, er hat mir dafür eine zu "schöne", will sagen süße Stimme, die mir nicht so recht zu einem Charakter mit Ecken und Kanten zu passen scheint.
lg Severina :hello
Liebe Severina
Peter Grimes ist jenseits seiner brutalen Übergriffe ein zutiefst sensibler und verletzlicher Mensch. Das kam auch in der Inszenierung gut zur Geltung. Sonst würde Ellen Orford sich wohl auch nicht für ihn interessieren, denn "Hau-Draufs" gibt es in dem Ort genug. Und Britten hat seine Tenorpartien seinem Lebensgefährten Peter Pears auf den Leib geschrieben, und der war ein lyrischer Tenor. Insofern passte Schades Timbre sehr gut zu der Partie und verlieh ihr etwas schlüssiges. Es gibt 2 Stellen wo Ellen Orford und Peter Grimes und letzterer allein ohne Orchester singen. Diese Stellen waren besonders eindringlich. Auch die Szene zum Schluss, wo Grimes ob des neuerlichen Todesfalles fast wahnsinnig wird (Wozzeck lässt grüßen), konnte Schade diesen Zustand sehr gut vermitteln. Auch Ian Bostridge, der viel von Britten singt (z.B. die Canticles sind umwerfend) ist so ein Charakter, und passt daher m.E. hervorragend in Brittens Opern. Frau Mielitz wird dieser Oper sicher eine andere Färbung verleihen,denn sie mag ja lieber die kräftigeren Farben. Solange es schlüssig bleibt und nicht gegen das Stück gerichtet ist, finde ich es auch in Ordnung. Es gibt nichts langweiligeres als immer das gleiche Regiekonzept.
LG Florestan
Severina (27.11.2013, 19:12): Lieber Florestan,
Du hast sicher Recht, ich bin halt von Neil Shicoff geprägt, der jahrelang unser Peter Grimes vom Dienst war und natürlich ein ganz anderer Stimmtyp und Charakter ist als Schade. Schade kenne ich in erster Linie vom Mozartfach, daher meine Irritation. Sehr gut fand ich seinerzeit in Zürich Christopher Ventris.
Was Deinen letzten Satz betrifft: 100%ige Zustimmung! Die Mielitz-Inszenierung polarisiert, mir gefällt sie, ohne dass ich sie aber für einen Geniestreich halten würde. Gegen das Stück gerichtet empfinde ich sie keinesfalls, auch wenn sie aus dem Zeit-Raum-Kontext gelöst ist.
lg Severina :hello
Schweizer (27.11.2013, 19:45): Liebe Fairy, ich habe Maria Agresta am 13. Oktober in Zürich neben Seiffert und Lucic als stimmlich und darstellerisch gute Desdemona kennen gelernt (Erstbegegnung); ich gehe mit Dir einig, dass sie vom Stimmtimbre her für Bellini bestimmt nicht ideal ist, meines Erachtens ist ihre Stimme für den Elvira-Charakter zu satt, zu farbig, zu ausladend, zu zupackend. Mich hat diese junge Künstlerin aus Italien beeindruckt, sie hat vielversprechendes Potenzial. Gruss vom Schweizer
stiffelio (27.11.2013, 20:15): Liebe Fairy Original von Fairy Queen Laurent Pelly/Chantal Thomas haben gottseidank in keiner Weise versucht ,die in sich nicht gerade logische Handlung zu aktualisieren oder politisch zu deuten. Sie haben das Libretto als das gesehen, was es für Bellini war: eine dramatische Vorlage um die Gefühle und Leidenschaften der Protagonisten in Gesang zu setzen. das ist eine ziemlich genaue Umschreibung meines Regie-Ideals in fast allen meiner bevorzugten Opern. :beer Insofern vermute ich, dass mir diese Inszenierung auch sehr gut gefallen hätte. Wenn sie ins MET-Kino kommt, werde ich sie ja vielleicht auch noch genießen können.
Wie schön, dass dir der Abend trotz einiger Kritikpunkte so gut gefallen hat!
VG, stiffelio
Fairy Queen (28.11.2013, 08:12): Liebe Sevi, auch wenn ich Monsieur Korchak nur als Arturo kenne, kann ich Dir nur zustimmen: in dieser rolle ist er gewiss nicht an seinem Platz. Er hat viel Potential, sonst hâtte er den letzten Akt der Puritani gar nciht geschafftaber er musste seine Stimme derartig forcieren, dass das unmöglcih gesund und richtig für ihn sein kann. aber für bitte ist der arturo gut und richtgi ausser Florez? Und der kann ja nicht überall sein....... Vielleicht war die Besetzungsidee in paris, wir nehmen nur Stimmen, die eine Nummer zu gross für Bellini sind und die müssen dann eben zusammenpassen? Keine Ahnung. Wie Schweizer auch bestätigt gilt das in jedem Fall für Maria Agresta. Die tiefen Männerstimmen haben gepasst, auch wenn es im Falle von Riccardo eine leichtere Variante hätte geben können, aber das ist nciht obligatorisch. Bei den hohen Stimmen ist es m.E. obligatorisch in diesem Repertoire. Liebe Stiffelio, für mich gilt dieses Inszenierungsprinzip nciht durchgehend aber für Bellini allemal. Er wollte Gefühle und Leidenschaften in Gesang setzen; sonst ncihts. Es gibt aber Komponisten die wollen mit ihren Opern auch politische Aussagen machen bzw wirken. Diese Opern soll man beim Wort nehmen und den jeweiligen historischen Gegebenheiten anpassen. Wie etwa Don Carlo oder Nabucco oder viele Andere. Verdi war ein politisch sehr engagierter Mensch, Bellini in keinster Weise. Dem muss die Regie unbedingt Rechnung tragen, finde ich. Liebe grüsse an nah und fern F.Q.
Fairy Queen (28.11.2013, 15:17): Hier ein Link auf eine Kritik im Deutschlandfunk die ich in Sachen Regie absolut nicht teile. siehe oben. Was Agrestas Koloraturen angeht, fand ich die serh ordentlich gesungen und angesichts der Tatsache dass sie KEIN Koloratursopran ist, kann man sie nur bewundern. Dass sie falsch besetzt wurde, ist nciht ihre Schuld. Der arme Tenor wird gnâdigerweise gar nciht erwähnt...... In Sachen tiefe Stimmen und Musik kann ich dem Autor nur beipflichten.http://www.deutschlandfunk.de/oper-vincenzo-bellinis-melodram-i-puritani-an-der-opera.691.de.html?dram:article_id=270230
F.Q.
Hyacinth (28.11.2013, 22:35): Wieder einmal ein Ausflug an die Bayerische Staatsoper für mich - und auch wenn dieses Haus seltsame Gewohnheiten pflegt (Fotografierverbot im gesamten Haus die ganze Zeit, lange Pausenzeiten in denen man den Zuschauerraum verlassen muss...) wächst es mir doch immer mehr ans Herz - das liegt schon einmal daran, dass ich den Zuschauerraum so schön finde (der Christkindlmarkt in München ist übrigens auch wunderschön, vorher da sein lohnt sich also in der Vorweihnachtszeit!).
Nun haben die Müncher, von außen betrachtet, vielleicht ein umgekehrtes Problem als die StOp. Was hier meiner Meinung nach die Zauberflöte zu oft neu inszeniert wird (ich habe die neue aber noch nicht gesehen, erspare mir deshalb ein Vorurteil), entstaubt man in München stolz jedes Jahr die alte Everding-Inszenierung. Sie gibt ja Bühnenbild-technisch einiges her, die Verwandlungen passieren flüssig, aber die Pappkulissen schauen für uns heute halt doch etwas altbacken aus. Wenn dann noch dazu dauernd Hoppalas passieren, weil anscheinend nicht ausreichend geprobt wurde, ist schon ärgerlicher (so stand Tamino bei der ersten Vorstellung im Schlussbild nicht auf der Bühne und erlöste seine wartende Pamina erst nach Einsetzen des Chores). Dass die Inszenierung obendrein jeglicher Tiefe entbehrt, sei es, weil nicht mehr viel davon übrig geblieben ist, macht es zwar nett, aber holt aus der Zauberflöte nur das Oberflächliche heraus. Wie sich die drei Damen bei Tamino immer einschleimen ist schon fast lächerlich und Sarastro wird als der Pächter der Weisheit und absoluter Gutmensch dargestellt.
Gewöhnungsbedürftig im wahrsten Sinne des Wortes ist auch Everdings Textfassung. So hoffte ich also vergeblich auf den "bösen Geist"-Kommentar im Dialog Papageno-Pamina und die Dialoge waren teilweise auf sinnentleerte Hüllen gekürzt. Beispiel (nach "Der Hölle Rache"): Pamina: Herr! Sarastro: Ich weiß! Pamina: Herr! Sarastro: Ich weiß alles. Allein, du sollst sehen, wie ich mich an deiner Mutter räche. Wie ich nachher erfuhr, wollte Everding den Text zeitgemäßer machen (das erklärt auch, warum Passagen wie "Wie, noch schlägt dieses Herz? Noch nicht vernichtet? Zu neuen Qualen erwacht?"), dadurch fehlen aber meiner Meinung nach wichtige Momente oder Überleitungen.
Wirklich überflüssig - das ist meine subjektive Meinung - finde ich die Szene der Sklaven vor Pamina/Monostatos im ersten Akt. Da werden immer hyperaktive Schauspieler eingesetzt, die so gekünstelt Lachanfälle bekommen, dass es mich direkt aggressiv macht. Die Szene ist einfach nur plakativ und überzeichnet, finde ich, und sticht gegen die Natürlichkeit und Bescheidenheit der Opernsänger rundherum negativ heraus.
Von der musikalischen Seite bin ich einmal so keck und behaupte, die Besetzung war um einiges besser als die am selben Abend in Wien (ich werde berichten, wenn ich dort war). Mit Genia Kühmeier, Günther Groissböck und Daniel Schmutzhard glänzten obendrein drei in Österreich geborene und ausgebildete Sänger - München hatte sich anscheinend früher um Verträge gekümmert als die Konkurrenz hier in Wien...
Daniel Schmutzhard verlieh seinem Papageno den erforderlichen Schmäh und Humor. Wenn er auf der Bühne war, hatte die ganze Oper etwas zu lachen, denn er setzte sich nie demonstrativ auf die "Schenkelklopfer", sondern überzeugte durch eine authentische, liebenswürdige Art. Ein Papageno par excellence. Wenn Sänger wie er nicht in Wien singen, werde ich eben öfter nach München fahren.
Die Darbietung von Toby Spence war durchwachsen - wenn er bei der ersten Vorstellung deutlich kämpfte und öfters Höhen quetschte oder stemmte, verfügte er gestern wenigstens über eine einheitliche Stimmführung, wirkte aber immer etwas angestrengt. Das versuchte er wohl mit fast schon zu engagiertem Spiel im 1. Akt wettzumachen, während er nach der Feuer-/Wasserprobe wie eine Salzsäule vor seiner Pamina stand.
Albina Shagimuratova sang die Königin der Nacht einwandfrei, beim Dialog vor der zweiten Arie war allerdings die Luft raus. Auch wenn die stimmliche Leistung in Ordnung war, überzeugt mich jemand in dieser Rolle nicht, wenn er in den Dialogen nicht dieselbe Intensität bringt - was zugegeben schwer ist, wenn man der deutschen Sprache nicht mächtig ist.
Günther Groissböck lieh dem Sarastro seine angenehm timbrierte Bass-Stimme, an Ausdruck kann ein Sarastro in dieser Inszenierung nicht viel einbringen. Die nötige Bühnenpräsenz brachte er auf jeden Fall mit, um den weisen, gerechten Herrscher zu mimen.
Worauf wir auch schon beim subjektivsten Teil dieser Berichterstattung wären... :J Wer nicht gerne Begeisterungsstürme liest, überspringe bitte. Es war mein erstes Zusammentreffen mit Genia Kühmeier seit über einem Jahr, sie hatte in der Zwischenzeit eine kleinere Bühnenpause eingelegt, was man ihr aber überhaupt nicht anmerkte. Im Gegenteil, Kühmeier spielte, nein, lebte die Pamina, als hätte sie nie etwas anderes getan und schaffte es technisch hervorragend ihre vielleicht schon ein bisschen über diese Rolle hinausgewachsene Stimme in den Höhen strahlend und schlank fließen zu lassen. Ihre Arie war gestern eine Sternstunde, auch wenn ich sie schon viele Male von ihr gehört habe, aber da stimmte einfach alles: Der Mut zum leisesten Piano machte sich mit Gänsehaut beim Publikum bezahlt. Schon in der Szene davor hielt man den Atem an bei Kühmeiers gefühlvoll, absolut unpathetisch geäußerten Worten. Gestern gelang ihr wirklich alles, von strahlend leuchtenden Spitzentönen bis zu emotionalen, natürlichen Mozart-Kantilenen - manchmal möchte man fast glauben, für diese Frau ist singen wie für normale Menschen atmen. Auch darstellerisch ist es immer wieder herrlich, einen Sänger in derselben Rolle wieder und wieder zu beobachten. Es sind diese winzigen Nuancen, Gesten, Mimiken, die ein Rollenporträt jedes Mal aufs Neue bereichern. Da ich es - durchs ThadW bedingt - in letzter Zeit gerade mit Wahnsinnsszenen habe: Wer sich wundert, auf wieviele Arten - von verliebt-erfreut bis zu manisch-entschlossen - man einen Dolch anschauen kann, der hätte sich in Paminas Selbstmordsszene fast nicht sattgesehen.
Das übrige Ensemble war solide besetzt, Laura Tatulescu, Tara Erraught und Okka von der Damerau brachten mit ihrem engagierten Spiel Leben in die zugegebenermaßen nicht sehr spannend inszenierten drei Damen.
Ivor Bolton klopfte fröhlich sein Tempo. Vermutete ich am Anfang noch Unachtsamkeiten einzelner Sänger, merkte ich bald, dass Bolton stur den Takt schlug, ohne auf die Sänger einzugehen, die wieder und wieder versuchten, das ganze etwas anzutreiben, mit wenig Erfolg.
Die unbequeme Nacht im Zug verging zum Glück auch schneller als gedacht. Schade, dass es die letzte Vorstellung war!
lg, Hyacinth :hello
Billy Budd (29.11.2013, 20:57): Liebe Hyacinth, danke für den Bericht! Ja, ich frage mich auch, warum es die BStO schafft, in einer Repertoire-Vorstellung eine Besetzung auszubieten, die - nach dem Besetzungszettel zu schließen - bei weitem die der Premierenserie der WStO übertrifft. Daniel Schmutzhard hat übrigens jahrelang vieles sehr gut an der Volkscper gesungen. Billy :hello
palestrina (29.11.2013, 22:34): Und jetzt haben wir ihn in Frankfurt ! :haha
LG palestrina
Hyacinth (29.11.2013, 23:47): Ich habe Schmutzhard vor ein, zwei Jahren gehört, aber ich weiß bei Gott nicht mehr, was es war.. Solche Nachwüchse wie er an der StOp, das wär schon was!
lg, Hyacinth :hello
Fairy Queen (09.12.2013, 23:19): Zum ersten Mal sehe ich mir eine Oper zweimal hintereinander an und beginne allmählich Severina zu verstehen, die das ja regelmässig (und mehr als 2mal.... :D) macht. Heute gab es eine Live-Übertragung der Puritani aus der Bastille Paris im Kino (die 250 km Reise plus Übernachtung kann ich mir bei den Pariser horrenden Preisen live nicht leisten) Ich habe viele Dinge erst beim zweiten Durchlauf richtig gesehen und Manches neu verstanden. Erfreulicheweise war Herr Korchak heute wesentlich besser in Form als bei der Premiere, allerdings war der Ton insgesamt sehr laut und ich frage mich , was nun echte Klangfülle und was Tontechnik war. aber man kann in jedem Fall sagen, dass "A te o cara" nicht versemmelt war, sondern recht ordentlich gesungen. Bis auf eine intonatorische Entgleisung beim hohen C war das angenehm zu hören, wenn auch lange nicht mein "Wunschklang". Maria Agresta als Elvira war noch virtuoser und auch ausdrucksstärker, Mariusz Kwiecien weniger nervös und souveräner von Beginn an und Michele Pertusi vielleicht ein bisschen müder als bei der Premiere. Schon rein sängerisch war es wirklich ein Gewinn, die Puritani ein zweites Mal zu sehen. Was die Inszenierung angeht, gefällt sie mir ebenfalls noch besser als beim ersten Anlauf. Ich habe jetzt verstanden, dass die Nachtigallenkäfig-Burg-Gefängnis-Konstruktion auf der Bühne nicht nur Spiegel von Elviras Seele ist sondern dass das Ganze sogar im Innern Elviras selbst spielen könnte und sozusagen ein Albtraum ist. Am Beginn liegt sie im Bett und wacht bei den 1. Tönen des Chors auf und sie kehrt immer wieder in dieses Bett zurück. Elvira könnte man durchaus als bi-polare Persönlichkeit sehen, was besonders in der Wahnsinnsszene "O rendetemi la speme" deutlich wird. Manisch in "Vien diletto" und depressiv in " Qui la voce". Und wenn man das pathologische Element herausnimmt: sie zeigt die typischen Verhaltensweisen pubertärer hysterischer Mädchen und ist eine romantische Heldin par excellence. Nach einer Interpretation von Domnique Fernandez ( frz. Schriftsteller,Mitglied der Academie française) sind Bellinis Frauenfiguren Inkarnationen seiner Heimat Sizilien- ohnmâchtig dem Willen und der Willkür wechselnder Eroberer ausgeliefert. Die Flucht in den Wahnsinn oder Somnambuismus sei die einzige Rettung. Nun ja...... Ich finde, dass wenige Frauen in einer Oper so sehr auf Händen getragen werden wie Elvira. Die kriegerischsten Typen, die "Suoni la tromba" schmettern, liegen vor ihren Tränen zu Füssen und weinen aus Mitleid mit ihr und selbst ihr Vater erlaubt ihr, einen erklârten Feind zu heiraten. Wo gibt's denn sowas bitte sonst noch? Da können andere Heldinnen nur von träumen! Die Produktion kommt nâchstes Jahr an die MET und ich hoffe, dass dann die Diskussion losgeht, wenn Andere sie evtl auch sehen konnten. Ich kann sie trotz einiger Einschränkungen nur wärmstens empfehlen und den Namen Maria Agresta muss man sich merken. Sie ist mit Sicherheit eine phantastische Verdi-Sängerin. :down
belliniselig zum zweiten F.Q.
Severina (09.12.2013, 23:43): Liebe Fairy-Sister, es ist absolut faszinierend, mit jeder Aufführung besser hinter das Geheimnis einer Inszenierung zu kommen, es ist eine Freude zu beobachten, wie das Ensemble immer homogener agiert, mit der größeren Sicherheit der Mut zu Improvisationen wächst, usw. usw. Abgesehen davon, dass man Lieblingsopern und Lieblingssänger NIE oft genug auf der Bühne erleben kann!!
Aber vielleicht verstehst Du jetzt auch, warum ich grundsätzlich PR meide - nicht nur, weil mich dieses Adabei-Gehabe, diese Pfauenpromenade der "Ich-will-gesehen-werden-Typen" nervt, die nie ihren Fuß in eine Repertoirevorstellung setzen würden, sondern in erster Linie, weil sie fast immer die schlechteste Aufführung der ersten Serie ist. Sänger sind Menschen, und nicht alle Menschen besitzen Nerven wie Stahlseile, die sie völlig unbeeindruckt lassen von dem Bewusstsein, dass sie jetzt auf dem Prüfstand stehen - im Falle einer TV-Übertragung sogar vor der halben Musikwelt!! (Deshalb bin ich auch so stinksauer, weil in der Regel immer die PR übertragen wird, aber das Prestigedes "ersten Mal" ist leider wichtiger als die musikalische Qualität!)
Ich habe schon so viele GPs erlebt, wo die Sänger die schwierigsten Passagen völlig locker und problemlos quasi aus dem Ärmel geschüttelt haben, und bei der PR spielten ihnen dann die Nerven einen Streich.
lg Sevi :hello
Billy Budd (04.07.2014, 07:02): Da diese wunderbare Oper in Wien viel zu selten gespielt wird, fuhren Hyacinth und ich ihretwegen gestern nach München, und dieser Tagesausflug hat sich nicht nur der Oper wegen gelohnt, denn am Nachmittag besichtigten wir im Schnellzugstempo München (besonders der Viktualienmarkt, auf dem wir ein typisch bayrisches Essen genossen haben, hat es mir angetan, aber in München finden sich auch wunderbare Musikgeschäfte ...). Johan Botha ist als Kaiser zur Zeit wohl konkurrenzlos, seine Leistung war phantastisch. Adrianne Pieczonka gab eine wunderbare Kaiserin, nur handelt es sich für sie um eine Grenzpartie. Elena Pankratova war eine gute Färberin, aber John Lundgren wurde als Barak im Laufe des Abends immer schlechter, um das herrliche Quartett des Finales durch sein Aus-dem-letzten-Loch-Pfeifen zu ruinieren. Zweiter Schwachpunkt des Abends war die Amme der Deborah Polaski, denn die Stimme der mittlerweile 65jährigen Sängerin ist zu hoch und klingt recht ausgesungen (keine Linien). Sebastian Holecek ließ als Geisterbote aufhorchen, und das in den kleinen Rollen eingesetzte Personal kam seinen Aufgaben mit Anstand nach. Sebastian Weigle dirigierte sehr gut. Billy :hello
Zefira (04.07.2014, 12:01): Ich habe noch gar nicht erzählt, dass ich im Frühsommer - Schande über mich, ich weiß nicht mal mehr, ob es Ende Mai oder Anfang Juni war - in Zürich zu Monteverdis Ulisse gewesen bin.
Hier kann man Fotos sehen, die einen Eindruck von der Inszenierung geben.
Mir hat die Aufführung alles in allem sehr gefallen. Sara Mingardo als Penelope überzeugte stimmlich wie schauspielerisch. Kurt Streit in der Titelrolle war sicher gut - mir ist ein Bariton in dieser Rolle lieber, aber das ist eine persönliche Sache.
Besonders gut gefiel mir Liliana Nikiteanu als Eriklea, mit voller, runder Stimme und herzerwärmendem Ausdruck.
Die Regie war unspektakulär - und für Hintensitzer keine besonders glückliche Idee, alle unterschiedslos in dunkle Anzüge bzw. dunkle Cocktailkleider zu stecken. Da hatte man schon manchmal Erkennungsprobleme. Aber die Idee mit den kommentierenden Göttern im Hintergrund, mit Champagnerkübeln unter einem Lüster sitzend, hatte was. Vielleicht nicht besonders originell, aber gut umgesetzt.
palestrina (04.07.2014, 12:12): Original von Billy Budd Sebastian Weigle dirigierte sehr gut. Billy :hello
Wir sind auch froh hier in Frankfurt das wir ihn haben ! :D
LG palestrina
palestrina (04.07.2014, 13:11): Hallo Billy Budd,
hier in Frankfurt gibt es eine Wiederaufnahme der FroSch , siehe Link....
Billy Budd (05.07.2014, 21:12): Danke für den Hinweis! Burkhard Fritz und Terje Stensvold (und Brenda Rae) habe ich live gehört - wie sind die anderen Sänger so? Billy :hello
palestrina (06.07.2014, 12:38): Hallo Billy Budd, Tamara Wilson u.Sabine Hogrefe habe ich auch noch nicht gehört , aberT.A.Baumgartner ist hier schon eine Bank. Die Wächter mit Franz Meyer und Dietrich Volle sind super da freue ich mich immer darauf, die singen das immer auf der letzten Stufe von oben im 3ten Rang !! Volle singt ja auch den Geisterboten und Katharina Magiera die Stimme von oben ist top !
LG palestrina
Billy Budd (06.07.2014, 23:28): Danke für die Infos! :)
Billy Budd (13.09.2014, 01:51): Keiner kann sich beklagen, daß in Wien wenig los ist – ganz im Gegenteil, in der Hauptstadt Österreichs kann man an jedem Abend irgendwas unternehmen (auch wenns nicht mit Klassischer Musik zu tun haben soll). Dennoch unternehme ich sehr gerne Ausflüge in andere Häuser, auch wenn sich mir solche Gelegenheiten selten bieten). Aber Linz liegt innerhalb meiner Reichweite, und ich bin total froh, daß es seit letztem Jahr den Verein „EntArteOpera“ gibt, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, pro Jahr eine „große“ Oper eines von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamierten Komponisten in einer Bearbeitung für Kammerorchester auf die Bühne zu bringen. Dieses Vorhaben ist ja an sich schon großartig und in jeder Hinsicht begrüßens- und unterstützenswert, und erfreulich ist, daß dort wirklich fähige Leute am Werk sind, die viel Ahnung von Stimmen und der Musik des 20. Jahrhunderts haben, und so kommt ein Programm mit extrem hörenswerten, teils so gut wie nie gespielten, Stücken zusammen. Jedem, der nur irgendwie die Gelegenheit hat, sei dringend ans Herz gelegt, in den Schnellzug nach Linz zu steigen und einer der beiden noch folgenden Vorstellungen beizuwohnen (ich hab leider keine Zeit), denn es wird sich auf jeden Fall lohnen (ein Braunfels-Enkel hat gesagt, seit 20 Jahren keine bessere Aufführung einer Oper seines Großvaters erlebt zu haben). Freilich offeriert das gesamte Opernspektrum nur eine sehr kleine Menge an den Anforderungen entsprechenden Stücken (letztes Jahr wars Schrekers „Schatzgräber“, für heuer war Kreneks Rarität „Das Leben des Orest“ geplant, dieser Plan aber scheiterte aus einem äußerst unerfreulichen Grund, und so fiel die Wahl auf den „Ulenspiegel“ von Walter Braunfels (im Deutschland der 1920er-Jahre zählten er, Richard Strauss und Franz Schreker zurecht zu den meistgespielten Opernkomponisten, aber 1933 wurde er aufgrund seiner Klassifizierung als „Halbjude“ aus dem Amt gejagt und infolgedessen sein kompositorisches Schaffen mit einem bis heute anhaltenden Bann belegt), der in Österreich noch nie zuvor szenisch zu erleben war und auch 2011 in Gera zum erstenmal seit der Uraufführung überhaupt gespielt wurde, was auch der späteren Ablehnung des Komponisten diesem Werk gegenüber geschuldet ist), und es wird schon überlegt, welches Werk im nächsten Jahr (sofern es „EntArteOpera“ dann noch gibt ...) zu Aufführungsehren kommen soll. Die zur Zeit der Inquisition in Flandern angesiedelte Handlung ist, wie im Programmheft nachlesbar ist, von erschreckender Aktualität (da braucht man nur den Nachrichten und anderen Quellen entnehmen, was derzeit in der Welt vor sich geht), und so paßt es gut, daß das Israel Chamber Orchestra unter Martin Sieghart, der, wie auch das Orchester, sehr gute Arbeit machte, eingesetzt wurde. Natürlich liegt es auf der Hand, daß man sich hier keinen Johan Botha oder Vergleichbares leisten kann, aber dieses Festival ist ein Schulbeispiel dafür, wie sich Packendes auch mit beschränkten finanziellen Mitteln auf die Bühne stellen läßt (nach dem Verklingen des letzten Tones herrschte Stille und eine Frau hinter mir sagte leise und beeindruckend nur: „Wahnsinn!“): Marc Horus war ein packender Interpret der Titelrolle, auch wenn er mit dieser Partie wie auch mit der des Stolzing Raubbau an seiner sehr guten Stimme betreibt (das geht nicht lange gut ...), Christa Ratzenböck war eine mitreißende und in diese Inszenierung sehr gut passende Nele (hier wird sie als vom Krieg mitgenommene Frau gezeigt), und die Sänger der nicht kleinen Rollen (Joachim Goltz/Profoß, Hans-Peter Scheidegger/Klas und Andreas Jankowitsch/Jost+Schuster) machten gute Arbeit. Die fabelhafte Inszenierung von Roland Schwab sorgte dafür, den heutigen Abend zum Erlebnis werden zu lassen (geplant war sie noch brutaler: unter anderem Nele mit Augenklappe, die Hetzjagd auf die Frauen mit der anschließenden Verbrennung derer zu Beginn des dritten Aktes noch drastischer, als sie ohnehin schon war). „Nichts wie hin!!“, kann man da nur sagen. Für eine eventuelle DVD-Produktion werden die nächsten Vorstellungen aufgezeichnet (der ORF hatte an einem Mitschnitt gar kein Interesse, was dazu beiträgt, meine negative Meinung über ihn nicht zu ändern). Aber das Angebot beschränkt sich nicht auf Braunfels’ Ulenspiegel; am 11. September gab es Kreneks „Reisebuch aus den österreichischen Alpen“ zu erleben: Alexander Kaimbacher sang mit seiner eigentlich schönen Stimme, die über hohes Charakterisierungsvermögen verfügt, leider zu schlampig (das soll heißen, daß es besser geht, nicht daß es schlecht war), aber das wirkliche Problem war die Pianistin Anna Sushon. Eine wahrhaft geniale Idee war es, kontrastierend zu den Liedern über eine Vergnügungsreise autobiographische Texte von Klaus Mann („Der Wendepunkt“), Helga Pollak-Kinsky (aus „Mein Theresienstädter Tagebuch 1943/44), Gertrud Zeisl (= Frau des Komponisten Erich Zeisl; aus „Oral History“, übersetzt und bearbeitet von Volkmar Putz) und Erich Fried („Hitlerjunge Papanek“) einzustreuen (das Liederbuch hat ohnehin vier Abschnitte, insofern ist es völlig berechtigt, zwischen ihnen Texte zu bringen), die Erika Pluhar zwar etwas schlampig, aber dennoch beeindruckend las. Der Kontrast zwischen dem fröhlich-heiteren Grundton der Lieder und von Flucht und Deportation erzählenden Texten (also eine gänzlich andere Reiseart) war beeindruckend und teilweise auch beängstigend (Kaimbacher hat danach gesagt, wie schwer es ihm gefallen ist, unmittelbar nach dem Ausschnitt aus dem Theresienstädter Tagebuch ein weiteres Lied anzustimmen), aber insgesamt faszinierend. Als Zusatz-Leckerli gab es auch die einigermaßen interessante Ausstellung „‚Swing tanzen verboten`; – Unterhaltungsmusik nach 1933 zwischen Widerstand, Propaganda und Vertreibung“ kostenfrei zu besuchen. Billy :hello
Hier finden sich weitere Informationen – sehr lesenswert: EntArteOpera.
Rotkäppchen (24.12.2014, 00:19): Vorbemerkung: Eine modifizierte Version dieses Berichts findet sich im C-Forum. Falls Ihr die schon kennt, könnt Ihr jetzt sofort wegklicken.
Humperdincks "Königskinder", 1910 uraufgeführt, verbringen aus verschiedenen Gründen im Vergleich zu "Hänsel und Gretel" ein Schattendasein. Umso erfreulicher, dass es doch in letzter Zeit einige Neuinszenierungen dieses äußerst komplexen, symbolistischen Kunstmärchens gab -- und gibt, denn vor wenigen Tagen (am 19.12.2014) hatte die Version der niederländischen Regisseurin Jetske Mijnssen Premiere an der Dresdner Semperoper.
Im Internet und in der Lokalpresse waren recht unterschiedliche Kritiken zu finden, hier zwei Beispiele: positiv / negativ.
Ich war neugierig und besuchte die erste Vorstellung nach der Premiere.
Hier die Besetzung:
Musikalische Leitung | Mihkel Kütson Inszenierung | Jetske Mijnssen Bühnenbild & Kostüme | Christian Schmidt Licht | Fabio Antoci
Der Königssohn | Tomislav Mužek Die Gänsemagd | Barbara Senator Der Spielmann | Christoph Pohl Die Hexe | Tichina Vaughn Der Holzhacker | Michael Eder Der Besenbinder | Tom Martinsen Der Junge | Georg Bartsch (Knabensopran) Der Wirt | Alexander Hajek Die Wirtstochter | Christina Bock Der Schneider | Gerald Hupach Die Stallmagd | Rebecca Raffell Der Ratsälteste | Matthias Henneberg 1. Torwächter | Pavol Kubán 2. Torwächter | Julian Arsenault
Website der Dresdner Oper zu den "Königskindern" samt Trailer: siehe hier.
Die Regisseurin verlegt die Geschichte in eine mehrstöckige Villa im Stil der 1930er Jahre. Diese Villa dient sowohl als Hexenhaus im ersten und dritten Akt als auch, mit etwas anderer Anordnung von Treppen und Galerie, als Wirtshaus (hier eher ein Hotel) im 2. Akt. Das Szenario wirkt keinesfalls trist, u.a. durch eine raffinierte, stimmungsvolle Lichtregie oder durch wohl bedachte Details. Gerade im ersten Akt zaubern eine saftig grüne, lichtdurchflutete Linde, die durch ein Fenster in den Raum ragt sowie einige von Kindern gespielte Tiere (ein Kätzchen z.B. und natürlich viele Gänse) eine märchenhafte Atmosphäre, ohne in Kitsch zu verfallen.
Die Gänsemagd ist mit der mädchenhaft wirkenden und intensiv spielenden Barbara Senator mehr als passend besetzt, auch ihre Stimmfarbe wirkt jugendlich. Die Hexe ist hier als mütterliche Figur angelegt, die ihr Ziehkind mit Ängsten vor den Menschen vergiftet, weil sie es an sich binden will. Sie ist natürlich keine liebende Mutter, sondern arbeitet mit psychischem Druck. Tichina Vaughn verkörpert den Mutteraspekt optisch sehr gut, das Böse und Bedrohliche der Figur resultiert eher aus ihrem tiefen, satten Mezzosopran als aus ihrem Spiel. Eine der musikalisch einprägsamsten und spannendsten Passagen der Oper ist ein Monolog der Hexe gegen Ende des ersten Aktes, in dem sie die Geschichte der Eltern der Gänsemagd preisgibt und die gelingt Vaughn ausgezeichnet.
Eine weitere Schlüsselszene des ersten Aktes ist natürlich die Erstbegegnung der Königskinder: der Gänsemagd und dem Königssohn. Hier begegnen wir dem Königssohn das erste Mal und das war für mich eine kleine Enttäuschung. In der bisher einzigen auf DVD erhältlichen Version der "Königskinder" gibt Jonas Kaufmann den Königssohn und neben ihm haben es andere Darsteller, zumindest optisch, sehr schwer. So auch Tomislav Mužek, der ohne Zweifel einen sehr schön timbrierten, eher hellen Tenor hat, diesem verschiedene Schattierungen geben kann, als Darsteller aber weniger gut besteht, schon allein wegen seiner sehr unvorteilhaften Bühnenerscheinung. Vielleicht war es aber auch ein Vorteil, da mir ob dieses optischen Mankos die tragische Geschichte der Königskinder emotional nicht zu nahe ging.
Die Figur des Spielmanns ist rätselhaft. Im Programmheft gibt es ein Interview mit der Regisseurin. Dort charakterisiert sie ihn als Außenseiter und vergleicht ihn mit dem Rattenfänger. Mit großer Spielfreude und Wandlungsfähigkeit (dandymäßig zunächst, verkrüppelt im Schlussakt) gibt Christoph Pohl dieser Figur ein scharfes Profil. Sein Bariton ist warm und viril zugleich, hat an diesem Abend die höchste Durchschlagskraft und wird dennoch an einzelnen Stellen vom Orchester zugedeckt -- allen anderen Sängern geht es leider ähnlich (Humperdincks dicke Instrumentierung?, ein zu lautes Dirigat?, ein ungünstig schallschluckendes Bühnenbild?), was der Gesamtwirkung der Aufführung aber keinen Abbruch tut.
Im zweiten Akt begegnet man der Hellabrunner Gesellschaft, im Stil der 1920er/30er gekleidete Partygänger, die sich in ihrem Überfluss einen Führer herbeisehnen. Hier sollen Assoziationen zur tatsächlichen Lage in Deutschland in dieser Zeit hergestellt werden, auf ganz eindeutige Symbolik wird aber verzichtet, um doch eine gewisse Allgemeingültigkeit zu bewahren. Wie gut das gelungen ist und ob das überhaupt eine gute Idee ist, darüber kann man sicher streiten. Ich habe für mich beschlossen, es wohlwollend zu sehen, auch wenn diese zeitliche Verlegung vielleicht nicht der stärkste Aspekt der Inszenierung ist.
Den Königssohn, der inzwischen als Schweinehirt tätig ist, um etwas über das Menschsein zu lernen, verspotten die Bürger. Nach Vorhersage der Hexe soll zwölf Uhr Mittag (diese Stelle ist äußerst eindrucksvoll instrumentiert) der neue Herrscher erscheinen. Durch das Stadttor kommt allerdings zu diesem Zeitpunkt die Gänsemagd und wird vom bornierten Volk ebenfalls nicht als Königin erkannt. Gewalttätig werden die Königskinder verjagt, auch der Spielmann wird verletzt und die Hexe ob ihrer falschen Voraussage sogar getötet. In dieser einzigen großen Massenszene offenbart sich die Dummheit und Boshaftigkeit der Menschen, auch wenn der Chor hier sicher noch eindringlicher hätte agieren können. Daher auch an dieser hochdramatischen Stelle: emotionale Distanz, die man unterschiedlich bewerten kann, mir war es ganz recht.
Nun ein paar Worte zum m. E. interessantesten Regieeinfall. Eigentlich gibt es im Stück ein "Töchterlein des Besenbinders". Diese Figur wurde umgewandelt in ein kindliches Alter Ego des Spielmanns und bemerkenswert gesungen und gespielt von Georg Bartsch, einem Sänger des Dresdner Kreuzchors, dem am Ende auch die größte Sympathie des Publikums galt. Diese Figur jedenfalls trägt nicht unwesentlich dazu bei, dass, bei aller Tragik dieses Kunstmärchens, ein Stück Hoffnung mitschwingt.
Eiseskälte herrscht im Schlussakt. Die Linde ist entlaubt, es schneit. Hungernd erkaufen sich die Königskinder für das Gold ihrer Krone ein von der Hexe ehemals verwünschtes, todbringendes Brot. Das Gold heimsen ernüchternderweise der Besenbinder und der Holzhacker, zwei besonders exponierte Schurken der verdorbenen Hellabrunner Gesellschaft, ein und schwimmen, obwohl Hellabrunn als Strafe für das Verjagen der Königskinder in allgemeine Armut gefallen ist, wieder obenauf. Die Oper endet aber nicht mit dem Tod der Königskinder und dem Erfolg zweier Bösewichter sondern mit dem Gesang der Kinder aus Hellabrunn, in deren Begleitung sich der Spielmann aufgemacht hat, um die Königskinder zu suchen. Es bleibt zumindest die Utopie, dass diese Kinder (inklusive des kindlichen Spielmanns) sich einmal nicht so grausam zeigen wie ihre Eltern...
Es ist wahrscheinlich schwer möglich, alle Aspekte, die sich aus der symbolistischen Geschichte ergeben, in einer einzigen Inszenierung zu verarbeiten. Einige wichtige Punkte hat diese Version sicher aufgegriffen und hat dabei die Balance zwischen Nähe und Distanz, zwischen Brutalität und Poesie, zwischen menschlicher Hässlichkeit und märchenhafter Ästhetik gut gewahrt und viel Raum zum Weiterdenken gelassen.Begeisterter, aber nicht besonders langer Applaus in der keineswegs ausverkauften Semperoper.
LG, Rk
Eine detaillierte Besprechung dieser DVD erfolgte hier im Forum durch Severina.
stiffelio (24.12.2014, 13:21): Liebe Rotkäppchen,
vielen Dank für diese sorgfältige Schilderung einer Oper, mit deren Handlung ich mich bisher immer so schwer getan habe, dass ich mich noch nie zu einem vollständigen Anschauen bzw. zum Erwerb der genannten DVD durchringen konnte. :( Mir fällt auch auf, dass die Handlung in jeder Beschreibung, die ich gelesen habe, etwas anders dargestellt ist - mehr, als ich es sonst von Opernbeschreibungen gewohnt bin. Offenbar arbeitet der Text mit vielen Andeutungen, die man unterschiedlich verstehen kann, oder?
VG, stiffelio
Rotkäppchen (24.12.2014, 15:29): Original von stiffelio Mir fällt auch auf, dass die Handlung in jeder Beschreibung, die ich gelesen habe, etwas anders dargestellt ist - mehr, als ich es sonst von Opernbeschreibungen gewohnt bin. Offenbar arbeitet der Text mit vielen Andeutungen, die man unterschiedlich verstehen kann, oder?
Liebe stiffelio,
genauso ist es und das macht den Stoff, der sich eben nicht wie bei HuG aus einem "Volksmärchen" ableitet, sondern aus der Feder einer damals modernen Autorin stammt, sehr faszinierend; mal davon abgesehen, dass das Werk auch musikalisch (trotz des immer wieder erwähnten Wagner-Einflusses -- so drastisch kam der mir gar nicht vor) sehr originell ist.
Gerade hatte ich mich nochmal intensiv auf die Suche nach dem Libretto, von dem es bei operaguide ja heißt, es sei noch nicht freigegeben, gemacht und bin fündig geworden: hier oder auch hier. Schon wenn man das mal kurz überfliegt, wird klar, dass es viele Doppeldeutigkeiten gibt, plus einer Reihe von auf den ersten Blick völlig unverständlichen Aussagen. Ebenso sind die Mehrzahl der Figuren voller Rätsel, das betrifft nicht nur, wie ich geschrieben hatte, den Spielmann, sondern vor allem auch die Hexe und natürlich die beiden Titelfiguren selbst. Sogar die Gänse kann man sehr unterschiedlich sehen -- in der Dresdner Version werden sie als die Quasi-Geschwister der Gänsemagd gedeutet. Sicher kann man sie auch einfach Gänse sein lassen oder sie ganz eliminieren...
Kennst du den Thread im C-Forum zu den Königskindern? Dort findet sich ja ab Beitrag 13 eine interessante "alternative" Inhaltsangabe, die wohl ziemlich gut in der erwähnten auf DVD erhältlichen Version umgesetzt wurde. Die Dresdner Inszenierung deckt sich aber z.B. damit kaum, hier sind Aspekte der sexuellen Entwicklung höchstens angedeutet, auch von Vergewaltigung kann eigentlich keine Rede sein. Die Entwicklungsgeschichte der Königskinder hin zu "menschlichen Menschen" wird eher zurückhaltend ohne allzu drastische Bilder erzählt.
LG, Rk
PS: Gerade weil der Stoff so unterschiedliche Sichtweisen herausfordert, wäre es mehr als wünschenswert, dass es in Zukunft noch die eine oder andere Inszenierung auf DVD schafft...
Rotkäppchen (24.12.2014, 21:22): Bin gerade dabei, das Libretto zu studieren und habe mich dabei noch an ein böses Detail der vorgestrigen Aufführung erinnert.
Zu Beginn des 2. Aktes versucht die attraktive aufdringliche Wirtstochter, den Königssohn zu verführen (natürlich bleibt dieser standhaft, denn er ist nach wie vor von der Gänsemagd fasziniert) und hat dabei u.a. diese Passage zu singen:
Ich jagt’ Euch fort, Hättet Ihr nicht so schlanken Leib. »Willst du ein Siebentag fröhlich sein, Nimm ein jung Weib.« Kennt Ihr das Sprüchel?
Nun ja, bei den fettgedruckten Worten ging doch tatsächlich ein leises, aber merkliches Gelächter durch den Zuschauerraum -- nicht nur das Bühnenvolk war grausam zum Königssohn, sondern auch das Publikum! Der Schlussapplaus für den Sänger war aber sehr ordentlich.
LG, Rk
stiffelio (25.12.2014, 10:35): Liebe Rotkäppchen,
herzlichen Dank für die Libretto-Links! :thanks :thanks Die werde ich in den nächsten Tagen bestimmt intensiv studieren. Den C-Thread kenne ich und nach deiner Schilderung würde ich die Dresdener Inszenierung ziemlich sicher vorziehen.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (31.12.2014, 21:38): Die "Königskinder" beschäftigen mich nach wie vor. Gerade habe ich noch eine Premierenkritik gefunden, die sich erstaunlich gut mit meiner Wahrnehmung der Inszenierung deckt und die ich daher noch, bevor das Jahr zu Ende geht :wink, verlinken wollte:
Was auf dieser Website wegen der üppigen Werbung fast etwas untergeht, ist das kleine Szenenfoto ganz oben rechts, das durch Anklicken groß wird:
Dort ist einer der eindrucksvollsten Momente des Stückes festgehalten, nämlich der Einzug der Gänsemagd durch das Stadttor.
LG, Rk
stiffelio (01.01.2015, 11:19): Liebe Rotkäppchen,
ich habe die Rezension mit Interesse und Gewinn gelesen, danke für's Verlinken. LG, stiffelio
Rotkäppchen (06.01.2015, 21:51): Diese La-bohème-Aufführung habe ich ganz spontan besucht, nachdem es laut Internet noch jede Menge Karten geben sollte. Tatsächlich war die halbe Oper leer. Unter den Anwesenden waren viele Eltern mit durchweg sehr braven Kindern, da das Ganze nachmittags stattfand und als Familienvorstellung deklariert war.
Die Inszenierung von Christine Mielitz hatte im Oktober 1983 Premiere, die besuchte Vorstellung war die 304. seitdem, entsprechend wenig hatte ich in Sachen Personenführung erwartet. Außerdem wusste ich von diversen anderen Besprechungen, dass es sich um eine konventionell und minimalistisch-trist in Szene gesetzte Variante dieser Oper handelt, was sich mit Ausnahme des stimmungsvollen 2. Bildes auch voll bestätigt hat. Dennoch oder gerade deswegen und natürlich weil Puccini bekanntermaßen genau wusste, wie er die Leute zu Heulen bringt, war es ein sehr emotionales Opernerlebnis.
Besetzung
Musikalische Leitung Pier Giorgio Morandi Inszenierung Christine Mielitz Bühnenbild & Kostüme Peter Heilein
Mimì Anna Samuil Musetta Nadja Mchantaf Rodolfo Arnold Rutkowski Marcello Markus Butter Schaunard Alexander Hajek Colline Markus Marquardt Benoît Peter Lobert Alcindoro Bernd Zettisch
Die Bohemiens sind wie gewohnt auf einem Dachboden lokalisiert und besitzen extrem wenig Einrichtungsgegenstände, nur einen Ofen, der sinnigerweise an eine Urne erinnert, ein schäbiges Klavier und einen Hocker. Keine Staffelei für Marcello, kein Schreibtisch für Rodolfo. Die Darsteller der vier Bohemiens gaben sich in dieser Vorstellung sehr unterschiedlich schauspielerisch begabt: leider fehlte gerade Rodolfo und Marcello fast komplett die künstlerische Aura. Die beiden kamen rüber wie verschüchterte Studenten, was evtl. auch eine berechtigte Sichtweise dieser Charaktere sein könnte, aber wohl nicht beabsichtigt und auch nicht spannend anzusehen war. Das war schade, denn Arnold Rutkowski als Rodolfo war, stimmlich gesehen, für mich die Entdeckung in dieser Vorstellung: sehr schönes Timbre in allen Lagen, unangestrengte strahlende Höhe, weder zu hell noch zu dunkel, leider immer wieder vom Orchester zugedeckt -- ein Problem, das auch Markus Butter als Marcello hatte. Auch die übrigen männlichen Stimmen waren gut bis sehr anzuhören, positiv hervorheben möchte ich Alexander Hajek als Schaunard, der mit Abstand die meiste Spielfreude zeigte -- schon in den vor kurzem von mir besuchten Humperdickschen "Königskindern" lieferte dieser Sänger in der kleinen Rolle des Wirts ein slapstickmäßiges Kabinettsstück, hier hatte er mehr Gelegenheit, sein Talent zu zeigen. Nicht anfreunden konnte ich mich allerdings mit der Stimme von Anna Samuil, die die Mimì verkörperte. Eine Sängerin mit einem derart starken Vibrato in allen Lagen und Lautstärken entspricht nicht meinem Ideal für diese Rolle, obwohl die Rollengestaltung insgesamt, vor allem schauspielerisch, leidenschaftlich war. Da Samuils Stimme eher für dämonische oder hysterische Frauenfiguren geeignet scheint, bekam ihre Mimì etwas unerwartet Entschlossenes und Selbstbewusstes. Die Todesszene gelang allerdings glaubwürdig und ergreifend.
Lebendig, wie bereits angedeutet, das zweite Bild, dessen Zentrum ein freundlicher heller Pavillon ist, vor dem getanzt und gefeiert wird. Der Gag des Abends (Nachmittags) war eine witzige Pferdefigur, unter der zwei Komparsen steckten, die einmal quer über die Bühne traben durften. "Das Pferd ist Klasse!" flüsterte eine Besucherin neben mir ihrem Begleiter zu. Der Star ist hier optisch und sängerisch Nadja Mchantaf als Musetta mit schlankem, warmen Timbre.
Das äußerst dunkel gehaltene dritte Bild wird dominiert von zwei Mülltonnen, an denen sich eine Mülltaucherin zu schaffen macht und hinter denen sich Mimì sehr glaubwürdig verstecken kann, sowie einem Strommast, der darauf hindeutet, dass die Handlung zeitlich doch etwas später als im Libretto angedacht stattfindet, was aus den Kostümen nicht ganz eindeutig herauszulesen ist. Die Interaktion zwischen den Darstellern ist hier nicht so überzeugend-leidenschaftlich, wie es wünschenswert wäre, was sicher z.T. dem Alter der Inszenierung und den häufig wechselnden Besetzungen geschuldet ist.
Das vierte Bild gleicht bis auf wenige Details dem ersten Bild, wirkt aber tragischer, da Mimì auf einer Kiste sitzend, den Kopf auf dem Klavierdeckel, sterben muss -- kein Bett, keine Matratze. Verstärkt wird das Grauen der Todesszene durch das rastlose Hin- und Herlaufen Schaunards hinter der Dachkammer, das man zumindest von den Rängen aus verfolgen kann. Und dieses bewegte, verzweifelte Warten auf den Tod gibt dem Finale eine zusätzliche Dimension, die ich so bisher in keiner anderen Inszenierung wahrgenommen habe.
Fazit: Egal, wie diese Oper dargeboten wird, ich brauche immer Taschentücher am Schluss und es wird mit jedem Mal schlimmer. Bald werde ich wohl ganz die Finger bzw. die Ohren davon lassen müssen.
LG, Rk
Rotkäppchen (13.01.2015, 21:21): In meinem letzten Posting ging es ja um Puccinis La Bohème und zufällig hat sich der Komponist selbst genau zum Unterschied jener Oper zur Tosca mit folgenden Worten, die hier als Überleitung schön passen, geäußert:
Das Drama stellt uns eine ganz andere Aufgabe als La Bohème. Die Stimmung der Tosca ist nicht romantisch und lyrisch, sondern leidenschaftlich, qualvoll und düster. Hier haben wir es nicht nur mit liebenswürdigen, guten Menschen zu tun, sondern auch mit abgefeimten Schurken wie Scarpia und Spoletta. Und unsere Helden werden diesmal nicht weichherzig sein wie Rodolfo und Mimì, sondern entschlossen und tapfer...Mit einem Wort, wir brauchen hier einen anderen Stil. Mit La Bohème wollten wir Tränen ernten, mit Tosca wollen wir das Gerechtigkeitsgefühl der Menschen aufrütteln und ihre Nerven ein wenig strapazieren. Bis jetzt waren wir sanft, jetzt wollen wir grausam sein.
(Giacomo Puccini in einem Brief an Giuseppe Giacosa, einen der beiden Tosca-Librettisten)
Was beiden Opern gemeinsam ist, ist wohl ihre heutige Popularität und demzufolge die Schwierigkeit, aktuelle, interessante und schlüssige Sichtweisen zu zeigen. Ein m. E. gelungener Versuch in dieser Richtung ist die aktuelle Tosca-Inszenierung der Staatsoper Hannover (Premiere: 02.10.2014), in der die beiden ungarischen Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, die als sogenanntes Regieteam im Duo auftreten und auch Bühnenbild und Kostüme ihrer Produktionen selbst konzipieren, eine komplett säkularisierte Version auf die Bühne bringen.
Die Geschichte wird in eine Militärdiktatur des 20. Jh. versetzt. So eine Sichtweise ist vermutlich nicht wirklich neu, bietet sich aber immer wieder an.
Der Vorhang öffnet sich, man sieht kurz die Leiche einer Frau, einige ratlose Mitmenschen um sie herum versammelt. Der Vorhang schließt sich.
1. Akt ... Angelotti ist auf der Flucht und kommt in einer Gruft an, in der sich Gedenktafeln bekannter Freidenker und Freiheitskämpfer der Geschichte befinden. Außerdem gibt es dort Grabkammern, in denen man sich verstecken kann. Genau das tut Angelotti. Cavaradossi kommt gerade auf Arbeit, denn er scheint hier sein Geld als Restaurator zu verdienen. Er muss die Inschriften ausbessern. Nebenbei ist er als Maler tätig, daher hat er eine Mappe mit Zeichnungen dabei, denn die sind schließlich unentbehrlich, um Toscas Eifersucht zu entfachen. Cavaradossi und Tosca sind ungewöhnlich distanziert, jeder hat seine eigenen Probleme, sie ist eitel und eifersüchtig, eine aufgetakelte Diva, er sieht sich offenbar als unnachgiebiger Nachfolger der in der Gruft verewigten Freiheitskämpfer. Der Mesner steckt von vornherein mit Scarpia unter einer Decke und durchsucht unbemerkt Cavaradossis Mappe. Nicht zufällig ist der Mesner hier als Doppelrolle mit Sciarrone angelegt. Eine weitere clevere Umdeutung der Personen, das sei hier vorweggenommen, ist die Ersetzung des Hirten durch die Marchesa Attavanti, die zudem noch ein stummes kindliches Double bekommt, welches im Verlauf der Geschichte verschiedene Assoziationen zur wichtigen und tragischen Rolle von Kindern in solcherart Diktaturen zulässt. Die kleine und die große Attavanti sind rot gekleidet und kontrastieren zum Rest der farblosen Szenerie. Scarpia stellt (gestisch) kurz nach seinem Auftritt erstmal klar, was er will: Sex mit Tosca (einen ganz kurzen Augenblick scheint diese das sogar reizvoll zu finden), das ist eine seiner Sportdisziplinen, die andere ist das Vernichten von Menschen.
Die Gruft ist im Übrigen sehr flach, Scarpias Büro im zweiten Akt sehr eng, auch die Folterkammern im dritten Akt verbreiten ein Gefühl beklemmender Enge -- das ermöglichte durchgängig kammerspielartige intime Szenen höchster Spannung bis hin zu kaum zu ertragender emotionaler Explosivität. Eine starke Idee war auch, das Te Deum als Gefangenenchor zu geben.
2. Akt ... Ein kantiges Gebäude mit verwirrend vielen Türen (ich dachte spontan an Kafkas "Der Prozess"). Die meisten führen zu Folterkammern. Hier werden zahlreiche Regimegegner gefoltert und getötet, Cavaradossi wird nur einer von ihnen sein. Sind die gezeigten Massenfolterungen zu plakativ oder einfach nur realistisch? Im ersten Stock Scarpias muffiges Büro. Nachdem er die Attavanti vergewaltigt hat, rasiert sich Scarpia (auch ein Bösewicht muss schließlich gepflegt aussehen), nicht ahnend, dass ihm sein eigenes Rasiermesser in Kürze zum Verhängnis wird. Cavaradossis Verhör wird zum Showdown, den Scarpia als sportlichen Wettkampf sieht, wohingegen Cavaradossi alles auf eine Karte setzt. Viel Spektakuläres passiert rein äußerlich in dieser Szene gar nicht, sie lebt von der Schauspielkunst der Sänger. Cavaradossi wird ein bisschen von Scarpias Leuten gequält, an den Haaren gezogen, immer wieder auf den Stuhl an Scarpias Schreibtisch zurückgedrückt, mit einer Lampe wird ihm brutal ins Gesicht geleuchtet. Natürlich wehrt er sich, will seine Chancenlosigkeit nicht wahr haben. Demonstrativ wischt sich Scarpia immer wieder den Schweiß mit dem Handtuch von der Stirn, diesen Cavaradossi fertig zu machen ist doch anstrengender als vermutet. Tosca gefügig zu machen, seine nächste Trainingseinheit, ist ebenso schweißtreibend, die Unterbrechung durch ihr Lebensrésumé, das Vissi d'arte, ist ihm derart lästig, dass er erstmal auf den Balkon gehen muss. Ebenfalls lästig sind ihm Cavaradossis Vittoria-Schreie, Scarpias Gesten nach dieser exaltierten Störung sind eindeutig: Ein genervtes Wedeln mit den Händen, so wie wenn einem Fliegen oder Mücken zu nahe kommen. Tosca indessen prüft kurz danach, bevor sie sich Scarpia zur Rettung ihres Geliebten hingeben wird, ihr Äußeres im Spiegel über dem Waschbecken und -- findet das Rasiermesser! Der Rest ist bekannt. Bei einigen Rezensenten der Premiere stieß Toscas Reaktion nach dem Mord, nämlich, dass sie den toten Scarpia zunächst heftig umarmt, auf Unverständnis. Das kann wohl nur der Ausnahmesituation geschuldet sein oder der Ersatz für die sonst üblichen religiösen Symbole an dieser Stelle. Tosca begießt ihre Tat mit einem Schluck aus Scarpias Weinflasche und zündet sich eine seiner Zigaretten an: endlich hat sie ihr Schicksal selbst in die Hand genommen!
3. Akt ... Die Attavanti trauert um ihren toten Bruder und singt den Text des Hirten -- diese im Grunde sehr kurze Szene empfand ich als wichtig, ein Innehalten, um auf das ganz persönliche Leid der Systemopfer abseits der Protagonisten aufmerksam zu machen. Cavaradossi schreibt seinen letzten Brief, um ihn gleich wieder zu zerknüllen. Es hat ohnehin keinen Sinn. Oder doch? Toscas Abschied von Cavaradossi vor dessen Exekution ist erschütternd, das ist keine opernhafte Umarmung, sondern eine richtig lange innige Umarmung, endlich scheinen die beiden das Wesentliche im Leben erkannt zu haben. Alles weitere ist wie gewohnt. -- Nicht ganz, denn Tosca springt nicht in die Tiefe, sie wird erschossen. Ihr Tod wird an dieser Stelle nicht mehr gezeigt, hier schließt sich der Bogen zum Anfangsbild, denn dort sah man, soviel ist jetzt klar, Toscas Leiche.
Fazit zur Inszenierung: Auch wenn die Grundidee der Handlungsverlegung in eine "moderne" Diktatur sicher nicht neu ist, bietet diese Version einige schlüssige neue Details. Das Bühnenbild ist absichtlich gespenstisch trist und suggeriert Enge. Nicht schön anzusehen, aber genial, um Spannung aufzubauen. Die Kostüme sind stilistisch etwas gemischt; dass Tosca und Cavaradossi nicht im kostbaren Abendkleid bzw. albernem Malerkittel auftreten, sondern wie normale Menschen, habe ich als der Glaubwürdigkeit der Figuren zuträglich empfunden. Wirklich durchdacht aber waren die präzise Personenführung und die grandiose Umsetzung durch die Sänger.
Es handelte sich um keine gewöhnliche Tosca-Aufführung, sondern im wesentlichen um eine Veranstaltung für Fans von Bryn Terfel und Neil Shicoff, welche in dieser Produktion einmalig gastierten und als Scarpia und Cavaradossi zu erleben waren. Hier die gesamte Besetzung:
Musikalische Leitung Mark Rohde Inszenierung, Bühne und Kostüme Alexandra Szemerédy / Magdolna Parditka
Floria Tosca Brigitte Hahn Mario Cavaradossi Neil Shicoff Baron Scarpia Bryn Terfel Spoletta Gevorg Hakobjan Angelotti Michael Dries Mesner/Sciarrone Daniel Eggert Schließer Faris Schulz Marchesa Attavanti Eunhye Choi
Chor der Staatsoper Hannover Extrachor der Staatsoper Hannover Kinderchor der Staatsoper Hannover Niedersächsisches Staatsorchester Hannover
Bryn Terfel erhielt den stürmischsten Schussapplaus und gab den Scarpia als Inkarnation des Bösen, das einem das Blut in den Adern gefror. Es muss diese Rolle vortrefflich verinnerlicht haben, denn hier saß jede Geste, vom tollen Mienenspiel ganz zu schweigen. Den Kampf, den sich er und Shicoff während Cavaradossis Verhör im 2. Akt liefern war so packend, dass es schlichtweg Unsinn ist, es weiter in Worten zu beschrieben. Das war grandioses Musiktheater. Mit den Zuständen von Terfels Stimme kenne ich mich nicht detailliert aus, fand das Timbre weder besonders anziehend noch sind mir gravierende Probleme wie Rauigkeit oder Wobble, von denen in der Vergangenheit berichtet wurde, aufgefallen. Entscheidend für mich war die sängerische und schauspielerische Gesamtleistung und die war außergewöhnlich.
Neil Shicoff hatte den Cavaradossi wohl seit über zwei Jahren nicht mehr gesungen und diese singuläre Aufführung war vermutlich tatsächlich das letzte Mal, dass er als solcher zu erleben war. Sein einst in etwas anderem Zusammenhang geäußertes Credo (*) "Die Leute sollen am Ende nicht sagen: Der hat aber schön gesungen. Sie sollen lieber sagen: Der hat aber nicht so schön gesungen, aber er hat etwas zu sagen." beschreibt seine Vorstellung treffend. Seine Stimme war einschneidend und durchdringend, eine Art Dauerpiercing im Ohr der Zuhörer, was bestimmt nicht jedermanns Geschmack ist, sein Timbre war metallisch hart. Das "Recondita armonia" begann er mit einem halsbrecherisch angeschliffenen Ton (leider nicht nicht dem einzigen im ersten Akt), der mich zusammenzucken ließ. Na halleluja, das kann ja heiter werden, dachte ich. Überraschend gab es dafür ordentlichen Szenenapplaus, offenbar waren da eine Menge noch wesentlich unbeirrbarere Shicoff-Fans als ich im Publikum. Spätestens ab dem zweiten Akt waren mir die Schleifmanöver egal, da Shicoff und Terfel als kongeniale Bühnenkontrahenten extreme Spannung aufbauten, da saß einfach jede Bewegung, jede Geste bis in die Fingerspitzen. Ganz großartig fand ich dann das "E lucevan le stelle" mit sehr schönen Messa-di-Voce-Passagen und komplexer Darstellung von Cavaradossis Innenleben. Der Szenenapplaus an dieser Stelle kam nicht überraschend sondern berechtigt.
Ausgezeichnet gefiel mir Brigitte Hahn als Tosca. Diese Sängerin verfügt über einen wunderbar warm timbrierten Sopran, der auch in der Höhe absolut nichts an dieser Wärme einbüßt. Schauspielerisch stand sie ihren männlichen Partnern nicht nach, was an diesem Abend eine Herausforderung war, und formte eine sehr interessante weil vielschichtige Tosca-Figur. Unvergesslich die Abschiedsszene im dritten Akt, das spielten Hahn und Shicoff nicht einfach professionell, sondern wahrhaftig.
Bezüglich der Nebenrollen ist mir in erster Linie Eunhye Choi als Marchesa Attavanti bzw. Hirte in Erinnerung geblieben, die mit ihrem schlanken, hellen Sopran dem Ideal des eigentlich für diese Rolle vorgesehen Knabensopran recht nahe kam.
Unbedingt erwähnenswert ist auch die sehr gute Lautstärken-Balance zwischen Singstimmen und Orchester. Bei fast allen meiner letzten Opernbesuche war es mir ein großes Ärgernis, dass meistens gleich mehrere Sänger vom Orchester brachial zugedeckt wurden, und ich habe mich gefragt, ob ich durch zu viel Konservenhören verwöhnt war. Dieser Abend war aber der Beweis, dass es auch live geht. Inwieweit das auf ein sängerfreundliches Dirigat durch Mark Rohde oder einfach "große" Stimmen der Protagonisten oder eben beides zurückzuführen ist, kann ich nicht eindeutig sagen.
"Das ist großartig!", sagte der neben mir sitzende Opernbesucher bereits nach dem ersten Akt aus vollem Herzen und ich musste und muss ihm mehr als recht geben! Ohne Zweifel, das war eines meiner stärksten Opernerlebnisse in letzter Zeit.
danke für dein Feedback! So viele Toscas, muss ich gestehen, kenne ich bisher gar nicht, da ich ja eher eine wenig spezialisierte Querbeeterin bin. Deswegen gehe ich mehr vom Gesamteindruck aus und der war trotz sängerischer Abstriche um Klassen besser als z.B. diese doch etwas fade Boheme-Aufführung, die ich davor beschrieben hatte, obwohl die auch nicht wirklich schlecht war -- aber es fehlte einfach an Leidenschaft.
LG, Rk
stiffelio (14.01.2015, 20:01): Liebe Rotkäppchen,
auch von mir vielen Dank für deinen detailierten und mitreißenden Bericht. :thanks Die offenbar geniale Konfrontationsszene zwischen Shicoff und Terfel, sowie das "E lucevan le stelle" hätte ich unheimlich gerne miterlebt, aber wenn ich mir die düsteren Seiten deines packenden Berichtes vergegenwärtige, ist es vielleicht doch besser, dass ich nicht dabei war. :ignore
VG, stiffelio
Rotkäppchen (14.01.2015, 23:44): Original von stiffelio Die offenbar geniale Konfrontationsszene zwischen Shicoff und Terfel, sowie das "E lucevan le stelle" hätte ich unheimlich gerne miterlebt, aber wenn ich mir die düsteren Seiten deines packenden Berichtes vergegenwärtige, ist es vielleicht doch besser, dass ich nicht dabei war. :ignore
Liebe stiffelio, was die düsteren Seiten, speziell die Massenfolterungen betrifft, muss ich noch dazu sagen, dass das zugehörige Bühnengeschehen im 2. Akt stark asymmetrisch angeordnet war. Ich hatte wirklich enormes Glück, dass ich zufällig einen Platz links im Parkett gewählt hatte, von dort konnte man gar nicht genau in die Folterkammern sehen, hatte aber dafür Scarpias Büro direkt vor Augen. Wer rechts saß, hatte Pech, denn von konnte man wohl im Detail sehen, wie die Gefangenen misshandelt wurden, aber nicht so gut den explosiven Showdown in Scarpias Büro. (Das Geschehen im 3. Akt inklusive der Sternenarien-Performance war auch stark in der vom Zuschauerraum aus gesehen linken Bühnenhälfte konzentriert -- wie schön :D)
LG, Rk
Severina (15.01.2015, 00:58): Liebes Rotkäppchen,
auch ich lese Deine Rezensionen mit Interesse und Vergnügen! Es freut mich, dass wir nun auch erfahren, was in Dresden passiert und es damit ein Gegengewicht zur bisher extremen Wien-Lastigkeit der Opernberichterstattung gibt! Und natürlich freut es mich besonders, dass mit Dir jemand an Bord gekommen ist, der bereit ist, sich mit modernen Inszenierungen ernsthaft auseinanderzusetzen. Diese "Tosca" hätte mir wahrscheinlich auch gefallen.
lg Severina :hello
Hosenrolle1 (15.01.2015, 01:25): Manche Regisseure bedenken leider nicht, dass besonders die seitlichen Sitzplätze oft Probleme mit ihren Kulissen haben :(
Dabei fällt mir eine "Hänsel und Gretel"-Aufführung ein, bei der ich ausnahmsweise im 2. Rang auf einem Stehplatz stand. Während die Titelfiguren noch im Vordergrund das Hexenhaus besingen, konnte ich von meinem Platz aus sehen, wie die Hexe im Hintergrund von der Seite auf die Bühne kam und von hinten in das Hexenhaus ging, um dort ihres Einsatzes zu harren. Das war auch ein wenig desillusionierend ...
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (15.01.2015, 11:48): Liebe Severina,
da gebe ich das Lob gleich mal zurück: ich lese deine Rezensionen in den Wien-Threads schon seit längerer Zeit immer mit viel Gewinn, auch deine DVD-Besprechungen.
Die Dresdner Oper ist leider seit Jahren vom Unglück verfolgt und steht seit 2012 ohne Intendanten da und es ist auch keiner in Sicht. Offenbar ist die Besetzung dieses Postens aber gar nicht so essentiell :ignore, denn es gibt trotzdem einige ganz interessante Produktionen zu sehen und ich habe für diese Saison noch einige Besuche geplant (und werde berichten).
Lieber Hosenrolle1,
naja, wahrscheinlich ist es so ziemlich unmöglich, auf wirklich alle Plätze Rücksicht zu nehmen. Manchmal ist es aber auch umgekehrt und man hat von der Seite oben nochmal ganz andere interessante Detaileinblicke als aus dem Parkett -- ist halt immer ein bisschen Glückssache.
--
LG an euch alle :hello-- Rotkäppchen
Billy Budd (15.01.2015, 16:39): Wow, das klingt ja nach einer interessanten Inszenierung! (in Wien dagegen schauts so aus...) Und noch dazu mit Terfel!! Aber gemeinsam mit Shicoff als Cavaradossi... na servas... Billy :hello
Rotkäppchen (15.01.2015, 18:26): Hallo Billy,
ohje, das sieht ja ganz arg, wie soll ich sagen, traditionell aus bei euch in Wien... Noch eine Frage: Hast du eine Ahnung, wann die Aufnahmen in dem Tosca-Trailer, den du verlinkt hast, gemacht worden sein könnten?
LG, Rk
Billy Budd (15.01.2015, 23:18): ... wobei die Tosca eh noch in Ordnung ist, das kommt auf die jeweiligen Sänger an. :wink
Keine Ahnung... vielleicht irgendwann in den 90ern? Billy :hello
Rotkäppchen (25.01.2015, 23:34): Anhänger symbolistischer Opern kommen in dieser Spielzeit in Dresden voll auf ihre Kosten, denn die auf Humperdincks "Königskinder" folgende Neuproduktion war Debussys "Pelléas et Mélisande", deren Premiere ich mir am Samstag in der überraschenderweise nicht ausverkauften Semperoper angeschaut habe.
"Ein gigantisches Rätselwerk" -- so betitelt der spanische Regisseur Àlex Ollé diese Oper und schreibt: Je mehr man sich in die Geschichte von "Pelléas et Mélisande" vertieft, desto zahlreicher sind die Fragen, die sich ansammlen und desto mannigfaltiger die Antworten, die man nach und nach verwirft.
Und genau dieser Einsicht folgt die Inszenierung, die das Drama möglichst wenig auf bestimmte Aspekte reduziert, sondern Doppeldeutigkeiten und Fragen offen lässt, eher noch neue Rätsel hinzufügt. Vom ersten Moment an nimmt das beinahe magische Bühnenbild gefangen: die Bühne steht fünf Zentimeter unter Wasser, ein drehbarer, sehr hoher Quader ist je nach Szene schroffe Felswand oder Schloss mit verschiedenen Innenräumen, deren Wände ebenfalls Felsformationen aus goldgelbem Sandstein zu sein scheinen. Kunstvoll gebogene und verästelte Metallstangen, die aus der Höhe herabgelassen werden können, bilden einen verwunschenen Wald, der bedrohlich-kalt silbrig oder stimmungsvoll-warm golden ausgeleuchtet wird. Wassergeräusche und das Klirren der Stangen fügen sich auf interessante eigenwillige Weise in Debussys Musik. Diese drei Elemente, Wasser, stilisiertes/r Schloss/Felsblock und Wald erlauben eine Vielzahl (und die braucht es bei 5 Akten in 15 Bildern) ästhetisch wunderbarer und vielschichtig zu deutender Szenen -- obwohl diese Oper musikalisch kaum Höhepunkte im Sinne bekannter und ungeduldig erwarteter Melodien hat, ist es ungeheuer spannend. Dazu trägt auch bei, dass trotz allem Symbolismus, trotz aller zeitlichen und räumlichen Entrückung, recht veristisch agiert wird: es wird geweint, gelacht, geschrien. Ob das stilistisch korrekt ist, weiß ich nicht, für meinen Geschmack hat es der Aufführung gut getan.
Die Männerfiguren (Arkel, Golaud, Pelléas, Yniold) sind sehr ähnlich kostümiert, zeitlos zunächst, später sogar recht modern. Wie Figuren aus einem Fantasy-Roman haben sie altersunabhängig lange weiße Haare, man kann sie nur anhand ihrer unterschiedlichen Staturen unterscheiden: vier verschiedene Seiten eines Mannes stellen sie dar (zwielichtige Vaterfigur, waldschrattmäßiger Ehemann, fragiler junger Liebhaber, Kind), aber nicht nur...
Mélisande wiederum steht für viele Frauen auf einmal: Mädchen, Frau, Mutter, Geliebte, Verstoßene, aber nicht nur... Im allerersten Bild ist sie bereits hochschwanger (eine von mehreren Überraschungen dieser Inszenierung), ihr Haar ist abgeschnitten, sie stürzt, erschöpft von einer Flucht, ins Wasser. Golaud, der Waldschratt, findet sie, sie geht nur widerwillig mit. Viel später klärt sich alles auf: nachdem Golaud Pelléas aus Eifersucht erschossen hat, flüchtet Mélisande in genau dem Zustand, in dem wir sie im Anfangsbild vorgefunden haben -- ihr Dasein verläuft in einem Kreis, aus dem es kein Entrinnen gibt, eine ungewöhnliche aber nicht ganz abwegige Sichtweise.
Völlig unerwartet auch die Realisierung der dritten Szene des 2. Aktes, in der Pelléas und Mélisande den verlorenen Ring suchen sollen. Den suchen sie nun gerade nicht im bzw. am Wasser sondern auf einem mit Gerümpel vollgestellten Dachboden des Schlosses; in einem Nebengemach sitzen die "drei armen Gestalten". Lernen die beiden hier nicht nur etwas über Armut sondern auch über Vergänglichkeit, oder doch über Armut und Überfluss? Wird hier eine zur Liebesgeschichte parallele menschliche Entwicklungsgeschichte der beiden angedeutet?
Darauf folgend (erste Szene, dritter Akt) gibt es die nächste Überraschung: Pelléas und Mélisande spielen hier gar nicht kind(l)i(s)ch miteinander. Beide sitzen streng räumlich getrennt in Felsnischen und spielen jeweils mit ihren eigenen Haaren, träumen sie nur? Wie durch Geisterhand wandelt sich jedoch am Ende der Szene plötzlich das Bühnenbild und die beiden finden sich im Schlafzimmer des Schlosses, Golauds Empörung ist damit mehr als verständlich!
Nach dem Brudermord verstummt das Orchester für längere Zeit, eine effektvolle "stumme" Szene ist eingefügt: Geneviève findet ihren Sohn nachts leblos im Wasser, stellt seinen Tod fest, er wird von Helferinnen weggetragen. Nur die gespenstischen Wassergeräusche sind in dieser scheinbar endlosen Zusatzszene zu hören.
Die sterbende Mélisande ist im Schlussakt verdoppelt: Ihr Bett steht einmal im Schloss (mit einem Double) und einmal davor, draußen im Wasser (mit der Sängerin). Während im Schloss die aus dem Libretto bekannte Handlung gespielt wird, wird die vorne im Wasser singende Mélisande vom wiederauferstandenen Pelléas getröstet. Haben es die beiden gemeinsam in eine andere Welt geschafft?
Aufgrund der inhaltlichen Kompliziertheit des Werkes und der intellektuell herausfordernden aber auch sinnlich so ansprechenden Umsetzung auf der Bühne traten die musikalischen Aspekte für mich etwas in den Hintergrund, daher nur einige Eindrücke zu den drei Protagonisten und dem Highlight des Abends: Zunächst waren alle Sänger rein optisch sehr schön rollendeckend gecastet. Camilla Tillich war äußerlich eine mädchenhafte Mélisande, ihr Sopran eher "erwachsen", aber nicht zu schwer, mit dezentem Vibrato in angenehmer Frequenz, in der Höhe ein Tick metallisch, was für so eine rätselhafte Gestalt gut passt. Ihr Gesang in der Turmszene (hier, wie erwähnt, ohne Turm), eine der wenigen eingängigeren Passagen der Oper, war betörend schön. Pelléas (Phillip Addis) und Golaud (Oliver Zwarg) waren beide mit einem Bariton besetzt. Hinsichtlich der Stimmfarbe unterscheiden sich beide Sänger sehr stark und so sollte es auch sein. Addis' Timbre ist tenoral, tatsächlich kann der Pelléas wohl auch optional mit einem Tenor besetzt werden, sehr hell und durchdringend in der Höhe, passagenweise etwas verengt. Zwargs Bariton würde indes niemand mit einem Tenor verwechseln; er gestaltet seine Rolle stimmlich abwechslungsreich, im Gedächtnis bleibt mir sein exponiertes Piano an Mélisandes Sterbebett. Sängerischer Höhepunkt war für mich (und auch der Rest des Publikums sah das so, wie man beim Schlussapplaus hören konnte) allerdings der Darsteller des Yniold, Elias Mädler, Mitglied des Tölzer Knabenchores. Ich bin mir nicht sicher, ob er, wie vorgesehen, ein Knabensopran ist, oder doch ein Alt, da er in der mittleren/tiefen Lage unerwartet dunkel und kräftig klang -- wie auch immer, lange habe ich keinen so berührenden Gesang gehört, er hätte noch ewig so singen können...
Acht Minuten freundlicher Schlussapplaus (eher wenig für eine Premiere, oder?), kein einziges Buh für das Regieteam. Lustig war natürlich, dass alle Beteiligten, die sich auf der Bühne zu verbeugen hatten, erstmal Gummistiefel anziehen mussten.
Mein Fazit: Ein wahrhaft wunderbares Gesamtkunstwerk ist diese Neuproduktion. Was echte Debussy-Kenner sagen, weiß ich nicht, aber für aufgeschlossene Querbeeter sollte es sich lohnen.
LG, Rk
Severina (26.01.2015, 00:15): Liebes Rotkäppchen,
jammerschade, dass Dresden außerhalb meiner Reichweite liegt, diese Inszenierung würde ich nur zu gerne sehen! Noch dazu, wo es sich bei "Pelléas et Mélisande" um eine Oper handelt, die nur höchst selten auf den Spielplänen auftaucht. Wahrscheinlich weil sich, wie Du ja auch andeutest, die Musik nicht so in die Gehörgänge schmiegt wie z.B ein Verdi oder Puccini, es keine richtigen Ohrwürmer gibt. Auch die Handlung erschließt sich nicht so einfach und verlangt dem Publikum mehr (Mit-)Denkarbeit ab als das 0815-Repertoire. Ehrlich gesagt käme ich auch in Verlegenheit, eine absolut schlüssige Interpretation anzubieten, aber das macht andererseits auch den Reiz dieses Werkes aus, nämlich dass die Fragezeichen nie ausgehen.
Danke für Deinen aufschlussreichen Bericht!
lg Severina
:hello
Rotkäppchen (26.01.2015, 13:22): Original von Severina Ehrlich gesagt käme ich auch in Verlegenheit, eine absolut schlüssige Interpretation anzubieten, aber das macht andererseits auch den Reiz dieses Werkes aus, nämlich dass die Fragezeichen nie ausgehen. Liebe Severina, da hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen. Möglicherweise hat das Opern- bzw. Theaterpublikum vor 100 Jahren zu solchen symbolbeladenen Werken noch einen viel entspannteren Zugang gehabt als wir heute, die wir alles immer unbedingt hundertprozentig rational erklären müssen oder wollen. Durch diese vielen offenen Fragen und die Vielschichtigkeit der Figuren, die ein simples Mitleiden wie bei z.B. La Traviata oder La Bohème eigentlich unmöglich machen, fand ich auch das tragische Ende abgemildert. Das war mir ganz angenehm, da ich letztens bei diversen Puccini-Reißern schon genug Taschentücher verbraucht hatte :wink.
:hello LG, Rk
Rotkäppchen (26.01.2015, 14:04): Inzwischen ist auch eine erste Premierenkritik im www aufgetaucht:
Träume im Wald voller Bäume aus Stahl
Die Eindrücke des Rezensenten sind etwas anders als meine, was bei dem Werk natürlich nicht verwundert -- sehr schön sind jedenfalls die drei Szenenfotos...
EDIT: Und richtig viele Szenenfotos (20 Stück) gibt es hier: klick.
LG, Rk
palestrina (26.01.2015, 16:12): Original von Rotkäppchen Inzwischen ist auch eine erste Premierenkritik im www aufgetaucht: LG, Rk
Hallo Rotkäppchen, als ich das gelesen habe , habe ich sofort draufgeklickt und DEINE Kritik lesen wollen , aber ? Ich hatte nämlich gelesen MEINE und nicht eine ! :rofl
Aber trotzdem Danke für den Link, denn ich liebe diese Oper sehr , auf CD war das keine richtige Liebe, das kam erst nach der ersten Live Auff. ! :D
LG PALESTRINA
Rotkäppchen (26.01.2015, 18:06): Original von palestrina Hallo Rotkäppchen, als ich das gelesen habe , habe ich sofort draufgeklickt und DEINE Kritik lesen wollen , aber ? Ich hatte nämlich gelesen MEINE und nicht eine ! :rofl
Hallo palestrina, das ist ja wirklich spaßig :rofl! Nein, meine Kritik (ich nenne es mal lieber nur meinen Erlebnisbericht) gibt es nur exklusiv hier in diesem Thread :D, aber wie gerade an anderer Stelle von Peter geäußert, interessieren mich nach einer Aufführung ebenfalls weitere Einschätzungen, daher der Link...
Ansonsten teile ich ja Deine Erfahrung mit dieser Oper: Ich hatte auch versucht, mich mittels Konserve einzuhören, aber der Funke ist um ein Vielfaches stärker übergesprungen bei meinem samstäglichen Liveerlebnis!!
LG, Rk
palestrina (26.01.2015, 19:48): Hallo Rotkäppchen, was für eine Konserve hast du gehört ?
LG palestrina
Severina (26.01.2015, 20:00): Meine Lieblingskonserve von P&M ist die Aufzeichnung aus dem ThadW von 2009 mit Dessay, Degout und Naouri, Dirigat de Billy, Regie Pelly (Im Vergleich zu Dresden, so wie Rotkäppchen es schildert, allerdings sehr konventionell!) Da ich diese Produktion auch live gesehen habe, ist die DVD eine schöne Erinnerung an einen wunderbaren Opernabend.
lg Severina :hello
Rotkäppchen (26.01.2015, 21:37): Original von Severina Meine Lieblingskonserve von P&M ist die Aufzeichnung aus dem ThadW von 2009 mit Dessay, Degout und Naouri, Dirigat de Billy, Regie Pelly ... mit eben dieser habe ich mich vorbereitet :).
LG, Rk
stiffelio (26.01.2015, 22:38): Liebe Rotkäppchen,
auch vielen Dank von mir für deinen interessanten Bericht über eine Oper, die ich leider viel zu wenig kenne, um etwas Vernünftiges dazu beitragen zu können. Nur eines möchte ich noch fragen: dass Melisande (zumindest ein Teil von ihr) im Sterben von Pelleas getröstet wird, scheint mir in gewissem Gegensatz zu der Idee zu stehen, dass ihre Lebensgeschichte in einem Kreis verläuft, aus dem es kein Entrinnen gibt. War das eines der zahllosen (vermutlich gewollt) ungelösten Rätsel dieser Inszenierung oder hast du dafür eine Erklärung?
VG, stiffelio
Rotkäppchen (26.01.2015, 22:53): Liebe stiffelio, ja, Du hast Recht, der Schluss ist das Mirakulöseste an der Inszenierung, schon allein über die Dopplung der Melisande habe ich mir ziemlich den Kopf zerbrochen. Es ist auch so, dass Pelleas nicht bis zu ihrem Tod bei ihr ist, sondern vorher wieder verschwindet. Somit ist es auch kein wirklich versöhnliches Ende -- alles nur angedeutet. Nach Aussage des Regisseurs ist es aber tatsächlich absolut gewollt, keine Antworten auf irgendetwas zu geben. Ich stelle mir trotzdem vor, dass die beiden durch den Tod von ihrem scheinbar unentrinnbaren Schicksal erlöst wurden und auf anderer Ebene zueinander finden :engel. LG, Rk
Rotkäppchen (27.01.2015, 10:24): So, jetzt habe ich eine weitere Kritik gefunden, diesmal als Podcast bei MDR Figaro: klick. Das ist praktisch ein Verriss, der Kritiker hat sich furchtbar gelangweilt.
Im Übrigen saß ich neben zwei Damen (wohl Mutter und Tochter), die in der Pause auch total kontrovers diskutiert haben: die Tochter fand es (wie ich :)) "grandios", so sagte sie wörtlich, der Mutter gefiel es überhaupt nicht (zu dunkel, zu statisch)...
LG, Rk
Severina (27.01.2015, 11:58): Jetzt habe ich mir gerade den Videoclip angeschaut (Danke für diesen link!!) und bin absolut fasziniert vom Bühnenbild! Dieser minimalistische Wald wirkt auf mich suggestiver und geheimnisvoller als es ein realistischer jemals vermöchte und ist im wahrsten Sinn ein BildSymbol für diesen symbolistischen Plot. Die Inszenierung kann ich natürlich anhand der kurzen Einspielungen nicht beurteilen, ebenso wenig wie die Sängerleistungen. Jammerschade, dass es von dieser Produktion keine Aufzeichnung gibt!
lg Severina :hello
Rotkäppchen (27.01.2015, 14:16): Original von Severina Jetzt habe ich mir gerade den Videoclip angeschaut (Danke für diesen link!!) und bin absolut fasziniert vom Bühnenbild! Na, so was, der Trailer muss brandneu sein, gestern gab es unter dem Link nämlich tatsächlich nur Szenenfotos.
Ganz ausgeschlossen ist es vielleicht nicht, dass es davon mal eine Aufzeichnung geben wird; es gibt durchaus einige (wenige) DVDs mit Produktionen der Semperoper; aber ob es P&M mal in diesen Olymp schafft ?( -- wer weiß.
LG, Rk
palestrina (27.01.2015, 18:55): Ich habe noch einen Link für euch zum P&M !
Rotkäppchen (27.01.2015, 20:47): Vielen Dank, die Besprechung war mir bisher entgangen! Genau das, was der Rezensent hier vorschlägt, überlege ich mir im Moment: nochmal hingehen, ein preiswertes Ticket im 4. Rang nehmen und das gigantische Bühnenbild von oben wirken lassen.
:hello LG, Rk
PS/EDIT: Inzwischen geht es Schlag auf Schlag mit den Premierenkritiken im www :wink, hier zwei weitere, wieder recht unterschiedliche Meinungen:
Semperoper geht baden: Alles plätschert bei „Pelléas et Mélisande“
Auf dem Wasser zu singen
Rotkäppchen (23.02.2015, 10:35): Georg Friedrich Händel zählt zu meinen allerliebsten Komponisten. Neben verschiedenen Klassikern der Opernliteratur waren es einige seiner Opern, durch die ich zum Opernfan allgemein und zur Liebhaberin barocken Kunstgesangs geworden bin. Inzwischen hat sich mein Fokus zwar verschoben bzw. meine Interessenlage verbreitert, wenn es aber in meiner Heimatstadt ein barockes Bühnenwerk zu sehen gibt, bin ich natürlich dabei. In dieser Spielzeit gibt es in der Semperoper sogar zwei Händel-Produktionen zu erleben, eine Serie Giulio Cesare in Egitto im Februrar/März und eine Serie Orlando im März. Für die jeweilige Titelrolle wurde eine Spezialistin für dieses Repertoire gewonnen: Sonia Prina, die ich so endlich einmal live erleben konnte.
Der Giulio Cesare, geschaffen vom 39-jährigen Händel im Jahr 1724, zählt ohne Zweifel zu den heute bekanntesten und meistgespielten der über 40 Händelopern, was nicht nur an ihrer musikalischen Originalität liegt sondern auch an dem vergleichsweise gut nachvollziehbaren Libretto (das allerdings trotzdem noch eine so komplexe Geschichte erzählt, dass ich die Details hier nicht wiedergebe). Und außerdem: vom Techtelmechtel zwischen Cäsar und Cleopatra hat schließlich jeder schonmal irgendetwas gehört. Auch zu Händels Lebzeiten war es nach seinem unwiderstehlichen Jugendwerk Rinaldo seine, gemessen an der Aufführungsanzahl, zweiterfolgreichste Oper überhaupt. Ehe ich es vergesse zu erwähnen: heute, am 23.02., hat Händel Geburtstag, den stattlichen 330. - da lege ich jetzt eine einminütige Schreibpause ein und denke an den cholerischen Meister, der sich selbst und anderen zeitlebens viel gönnte und der mir im Gegensatz zu so manchem anderen großen Komponisten irgendwie sympathisch ist!
Der aktuelle Dresdner Giulio Cesare wurde von Jens-Daniel Herzog in Szene gesetzt. Premiere war im Dezember 2009, ich sah gestern die 15. Wiederholung seitdem. Herzog siedelt die Geschichte nach 1900 an, was für die Aussage nicht wirklich wichtig ist, denn insgesamt ist die Geschichte spielerisch, tänzerisch, manchmal klamaukig umgesetzt. Warme Wüstenfarben beherrschen das Bühnenbild, schnelle Wechsel der Szenerie verhindern optische Langeweile. Allen Sängern wird schauspielerisch, der Cleopatra-Darstellerin zudem auch tänzerisch, viel abverlangt. Die gestrige Besetzung hat diesbezüglich auch keinerlei Wünsche offen gelassen! Gute Unterhaltung einfach -- die militärischen Verwicklungen der Geschichte lassen sich so einigermaßen unbeschadet ertragen. Natürlich könnte einem beim genaueren Nachdenken über manche Aspekte, allen voran eine Massenmordszene, in der sich Tolomeo endgültig als der Ultrabösewicht der Oper qualifiziert, der Inszenierung das Lachen auch im Hals stecken bleiben. Ich hatte für mich beschlossen, das nicht zu tun und mich mehr auf den virtuosen Ziergesang zu konzentrieren. Außerdem waren ebensoviele spaßige Szenen zu sehen, allen voran Cleopatra in der schaumgefüllten Badewanne (wer kennt nicht die Legende von Cleopatras Schönheitsgeheimnis: ihren regelmäßigen Bädern in Eselsmilch) und außerdem werden alle zu Tode gekommenen Personen früher oder später doch wieder lebendig.
Hier die Besetzung:
Musikalische Leitung ... Alessandro De Marchi Inszenierung ... Jens-Daniel Herzog Bühnenbild und Kostüme ... Mathis Neidhardt Licht ... Stefan Bolliger Choreografie ... Ramses Sigl
Website zum Stück inkl. Trailer (mit der Premierenbesetzung...): https://www.semperoper.de/spielplan/stuecke/stid/Giulio-Cesare-in-Egitto/53192.html#a_23155
Barockoper lebt bekanntermaßen nicht primär von der Qualität der Handlung sondern vom Staunen über virtuosen Gesang und den gab es gestern in ausgezeichneter Qualität zu hören. Die Stars des Abends waren ohne Zweifel Elena Gorshunova als Cleopatra und Sonia Prina als Cesare. Erstere verfügt über eine nahezu ideale Stimme für die Rolle der Cleopatra: schlank, enorm koloraturgeläufig, vibratoarm und das alles scheinbar ohne Mühe. Während ihrer Arie "Piangerò, la sorte mia" passierte etwas Lustiges: Cleopatra ist gefangen und beklagt ihr Schicksal, während des schnellen B-Teils der Arie versucht sie sich gegen ihre Wächter aufzulehnen und kassiert eine Ohrfeige: "Das sind doch ein paar Schweine!" flüsterte spontan empört eine Besucherin hinter mir, die auch sonst einige Szenen live kommentierte. Die Offenbarung des Abends war aber Sonia Prina in der Titelrolle, die ich gestern sofort in die Riege meiner Top-Lieblingssängerinnen eingereiht habe. "Sonia Prinas Leidenschaft gilt besonders den Werken Antonio Vivaldis und Georg Friedrich Händels" wusste die Künstlerbiografie im Besetzungszettel zu berichten und das war in der Tat von der ersten Sekunde an zu spüren -- eine umwerfende Bühnenpräsenz, ausgefeiltes Mienenspiel und farbenreicher Gesang mit Hingabe inklusive gestochen scharfer Koloraturen. "Was, der Giulio Cesare ist eine Frau? ... Die sieht ja echt aus wie ein Mann! ... Der müssen sie aber die Brust ganz schön zugeschnürt haben. ..." waren so einige Pausenkommentare zu dieser Sängerin. Und tatsächlich habe auch ich noch nie eine so perfekte Besetzung einer Hosenrolle erlebt. Ich muss zugeben, dass ich die Oper lange nicht gesehen und gehört hatte und mir nicht mehr bewusst war, dass der Cesare gleich am Anfang auftritt (ist ja eher untypisch in der Barockoper, oft hat zunächst eine untergeordnete Rolle etwas zu singen) und dachte, was ist denn das für ein hübscher Countertenor und der singt ja ziemlich männlich. In der Tat sangen die beiden echten Countertenöre, die im Einsatz waren, Matthew Shaw als Tolomeo und James Laing als Nireno, sanfter und lieblicher als Prina (und boten beide auch sehr schönen Barockgesang). Ja, diesem niedlichen, charmanten Schlitzohr von Cesare konnte man die ganze Zeit überhaupt nicht böse sein.
Das von Gram und Rachegelüsten gebeugte Mutter-Sohn-Paar Cornelia und Sesto wurde von Christa Mayer und Tamara Gura gesungen. Christa Mayer ist Ensemblemitglied und singt von Händel über Wagner bis zum 20. Jh. einfach alles. Umso bewundernswerter, wie stilsicher und stimmschön sie die Cornelia sang, auch farbenreich, was nicht ganz einfach ist, hat doch die Cornelia mehrere Arien mit sehr ähnlichem (traurigem) Charakter und langsamen Tempi zu bieten. Die Rolle des Sesto ist, das ist eigentlich der einzige richtig störende Aspekt der Regie, als bemitleidenswerte Mischung aus Nerd und Müttersöhnchen angelegt. Sogar den Mord an Tolomeo schnappt ihm der Cesare weg. Das schauspielerisch gut umzusetzen ist fast unmöglich, stimmlich war aber an Tamara Gura absolut nichts auszusetzen, ihr sehr geläufiger und etwas metallischer Mezzosopran passte gut zur Partie des Jünglings Sesto.
Wie fast in allen Händelopern gibt es für tiefe Stimmen fast nichts zu singen, das Wenige, das ihre Rollen dennoch hergaben, meisterten Evan Hughes als Achilla (hatte immerhin eine Arie) und Tomislav Lucic als Curio sehr gut.
Die Sächsische Staatskapelle spielte auf modernen Instrumenten, war aber von einigen barocken Instrumenten (Laute, Theorie, Barockharfe, Cembalo, Viola da Gambia etc.) verstärkt und wurde von Alessandro De Marchi ziemlich eigenwillig durch die Partitur gejagt, was die Sänger gerade in den Wut- und Rachearien zu halsbrecherischen Spitzenleistungen herausforderte.
Erwähnenswert ist die schockierende Tatsache, dass die Oper zu mehr als 50% leer war -- eine Schande!! Dafür war der Schlussapplaus aber sehr ordentlich inklusive Füßetrampeln und Pfeifen (das waren definitiv keine Missfallenspfiffe, sondern Begeisterungsäußerungen). Weitere Aufführungen sind am 24., 28.02. und am 02.03. -- also liebe Dresdner, es müssen wirklich nicht immer die Zauberflöte oder La Traviata sein, jetzt seid mal ein bisschen aufgeschlossener und kommt in den Giulio Cesare! "Das ist aber sehr, sehr schöne Musik", sagte nämlich die kommentierfreudige Dame.
Zum Schluss kann ich es mir nicht verkneifen, noch ein paar Sonia-Prina-Clips zu verlinken (alles Musik aus dem Cesare natürlich):
Sonia Prina - Giulio Cesare - Empio dirò tu sei
Sonia Prina - Giulio Cesare - Va tacito e nascosto
Severina (23.02.2015, 11:33): Liebes Rotkäppchen, danke für diesen informativen und zugleich launigen Bericht - Deine Begeisterung spricht aus jeder Zeile! Was das Werk betrifft, teile ich sie voll und ganz, auch ich liebe den "Giulio Cesare" heiß und innig. Habe wegen ihm vor zwei Jahren sogar meinen Salzburgboycott gebrochen, auch weil ich unbedingt die spannende Inszenierung des Duos Leiser/Caurier live sehen wollte, nachdem sie mich schon im TV so begeistert hatte. (Die war allerdings von einem erschreckenden Realismus, also ganz anders als die Dresdener!)
Dass Jens-Daniel Herzog ein hervorragendes Händchen für Barockmusik hat, konnte ich schon bei etlichen seiner Inszenierungen in Zürich erleben.
Von den Sängern ist mir leider nur Sonia Prina bekannt, allerdings habe ich sie noch nie als Cesare gehört. (Auf meinen beiden Aufnahmen singen Natalie Dessay bzw. Cecilia Bartoli)
Traurig, dass eine so gute Aufführung beim traditionellen Publikum nicht so ankommt wie die 500. Traviata in einer 0815-Besetzung, aber das ist wohl nicht nur in Dresden so. In Wien gibt es gottlob inzwischen so viele Liebhaber der Barockmusik, dass die Vorstellungen im (allerdings kleineren) ThadW immer ausverkauft sind. An der WSO sähe das wahrscheinlich auch anders aus. Die zweite Alcina-Serie vor drei Jahren spielte zwar nicht vor halb leerem Haus, gefährdete aber doch die unserem lieben Direktor so wichtige (Wichtiger als künstlerische Qualität!) 97,irgendwas-Auslastung.
Gehst Du noch einmal in Euren Cesare?
lg Severina :hello
Rotkäppchen (23.02.2015, 13:20): Liebe Severina,
das freut mich aber, dass Du den Giulio Cesare auch so gern hast! :beer
Ja, ich werde nächsten Samstag nochmal gehen, dafür habe ich schon seit längerer Zeit ein Ticket. Gestern war ich ganz spontan (um mich zu trösten, da mir letzte Woche Einiges schief gegangen ist...) und bin auch noch durch puren Zufall sehr billig an ein Ticket im Parkett gekommen, das eigentlich viermal so teuer war. Von dort konnte ich alles sehr genau sehen. Am Samstag habe ich einen Platz im vierten Rang und bin gespannt, was von den Stimmen oben ankommt, da habe ich etwas Bedenken. Falls es wieder so leer ist, gehe ich nach der ersten Pause ins Parkett. Morgen ist auch noch ein Cesare-Termin, für den es noch massenweise Karten gibt, mal sehen, ob ich das organisatorisch hinbekomme. Es gibt für den Cesare und auch für den Orlando schon diverse Nice-Price-Angebote, aber es scheint nichts zu nützen. Was ich allerdings gestern bemerkenswert fand, war, dass unter den (wenigen) Zuschauern doch viele Teens und Twens waren.
In der letzten Spielzeit hatten wir eine Alcina-Serie, in einer Inszenierung von Jan Philipp Gloger, die ich weniger gelungen fand (penetrant viele Personenverdopplungen z.B.), aber auch nicht allzu störend. Jedenfalls war das Haus da ebenfalls halbleer. Bin gespannt, wie lange man an diesen Produktionen festhält, oder ob sie aus Gründen der Wirtschaftlichkeit schnell wieder verschwinden, was ich natürlich nicht hoffe!
:hello LG, Rk
Severina (23.02.2015, 13:59): Liebes Rotkäppchen,
also an der WSO ist die Akustik hoch oben am Olymp (So nannten wir die Galeriestehplätze immer!) die beste im ganzen Haus. Ich kenne natürlich die Architektur Eurer Oper nicht. Trotzdem bin ich immer gerne unten, einfach weil ich auch die Mimik der Sänger sehen will, weil mir auch die schauspielerische Komponente wichtig ist.
Gratuliere zur "Schnäppchenkarte", so etwas gelingt mir auch hin und wieder, wenn jemand aus Gründen der Schadensminimierung eine überflüssige teure Karte um einen Bruchteil ihres Wertes anbietet. Man braucht halt gute Nerven!
Für Deine weiteren Vorstellungen (Neid! Neid! Neid! :D) wünsche ich Dir viel Vergnügen! Übrigens habe ich schon öfter die Feststellung gemacht, dass gerade bei jungen Leuten Barockmusik viel besser ankommt als z.B. ein Verdi. O-Ton des vierzehnjährigen Sohnes einer Freundin: "Händel fetzt so richtig!" Dem ist nichts hinzuzufügen :D :D :D :D
lg Severina :hello
Rotkäppchen (23.02.2015, 17:05): Liebe Severina,
ich habe gerade meine letzten Opernbesuche Revue passieren lassen und kann nicht eindeutig sagen, dass in der Semperoper die Akustik oben im 4. Rang viel besser wäre als im Parkett. Tatsächlich hatte ich in letzter Zeit immer entweder eine teure Karte unten oder eine ganz billige oben. Den ersten bis dritten Rang habe ich lange nicht getestet... Habe auch bisher nie die Akustik bei ein- und demselben Werk verglichen. Genau das werde ich ja jetzt beim Giulio Cesare tun :D -- mal sehen, was dabei herauskommt. Bei den meisten meiner Besuche in der Dresdner Oper in den letzten Monaten wurden die Sänger ziemlich vom Orchester zugedeckt, egal wo ich saß, egal welches Werk aus welcher Epoche. Evtl. bin ich zu verwöhnt durch häufiges Konservenhören.
Ansonsten: "Händel fetzt so richtig!" Dem ist nichts hinzuzufügen :D :D :D :D 100% D'accord :engel.
LG, Rk
Rotkäppchen (25.02.2015, 08:52): Da ich ja vom Giulio Cesare vor zwei Tagen so begeistert war, habe ich auch die zweite Vorstellung der aktuellen Serie besucht. Die Besetzung war identisch mit der vom 22.02. und bis auf kleinere Tagesschwankungen war auch der Gesamteindruck, schauspielerisch und sängerisch, genauso positiv :down! Das Einzige, was mir wirklich fehlt, ist eben der Klang historischer Instrumente, aber da lässt sich nichts machen. Auch diesmal war das Haus weniger als halbbesetzt, das Publikum war noch jünger (inkl. ca. ein Dutzend Kinder, alle sehr brav, was wirklich bemerkenswert ist, da die Aufführung inkl. zweier Pausen knapp 4 Stunden dauert) und vor allem noch begeisterungsfähiger :beer.
Bezüglich der Akustik konnte ich keine Vergleiche anstellen, da ich fast den gleichen Platz im Parkett wieder "abbekommen" hatte, diesmal durch einen anderen Zufall, noch preiswerter :D: Ich kam nämlich fast zu spät, kurz nach den ersten Klingeln war ich erst an der Abendkasse und da werden offenbar die sonst teuersten Plätze als Last-Minute-Tickets verkauft. Ich werde es in Zukunft aber nicht darauf anlegen -- nix für meine Nerven, ehrlich gesagt.
Ich freue mich schon wahnsinnig auf die nächste Aufführung am Samstag :beer.
vielleicht interessiert Dich diese Rezension der Dresden-Korrespondentin für den online-Merker! Die Mehrzahl der dort Schreibenden bekennen sich allerdings zu traditionellen Aufführungen, daher verwundert es mich nicht, dass die Inszenierung hier so schlecht weg kommt.
lg Severina :hello
Rotkäppchen (26.02.2015, 15:42): Liebe Severina,
vielen Dank für den Link! Die Rezension fand ich in der Tat sehr interessant. Im Grunde äußert die Autorin ganz ähnliche Beobachtungen wie ich auch, sowohl bzgl. der szenischen Umsetzung als auch (mit Ausnahme der Titelpartie) bzgl. der Sänger, nur räumt sie den unangenehmen Aspekten der Inszenierung viel mehr Raum ein. Wie immer, alles eine Frage des Blickwinkels :wink. Da der Text auch einige Merkwürdigkeiten enthält (z.B. ist Sonia Prina sehr wohl spezialisiert auf Alte Musik; außerdem: Achilla und nicht Tolomeo wird skalpiert), nehme ich an, dass das Ganze unter ziemlichem Zeitdruck entstanden ist ... Wenn man den Text ein zweites oder drittes Mal liest, könnte man fast denken, der Verfasserin hat es sogar ziemlich gut gefallen, sie will es nur nicht zugeben :P.
LG, Rk :hello
Rotkäppchen (01.03.2015, 13:58): Gestern also die dritte Aufführung der Giulio-Cesare-Serie in fast der gleichen Besetzung wie am 22. und am 24. (nur der Achilla, dem ja nur eine einzige Arie gegönnt wird, war ausgetauscht und wurde diesmal von Ilhun Jung gesungen, wie sein Rollenkollege sehr gut) -- ich war erneut begeistert! Die Oper war diesmal möglicherweise sogar leicht über 50% gefüllt, trotzdem bot das Parkett wieder wieder einen traurigen Anblick. Gespannt war ich auf den Akustik-Vergleich, denn ich hatte einen Platz im Semperopern-Olymp, dem 4. Rang. Nach diesem Test haben sich meine Erwartungen voll bestätigt: dort ist keinesfalls die beste Akustik, die Stimmen verloren gegenüber dem Orchester deutlich(!) an Gewicht, ja waren z.T. so gut wie nicht zu hören, mit Ausnahme der Wagner-erprobten Stimme von Christa Mayer als Cornelia und Elena Gorshunovas Cleopatra. Also, ab ins Parkett nach der Pause, dort war alles gut: ein frappierender Unterschied!
Die letzte Vorstellung ist morgen 14:00 Uhr, da werde ich leider nicht dabei sein können und erwarte mit Spannnung die Orlando-Serie ab Mitte März. Vorgestern habe ich ein bisschen in den ganz alten Beiträgen hier im Opernforum gestöbert und folgenden hochinteressanten Thread von 2010 gefunden:
G.F. Händel "Orlando"- von rasender Liebe und furioser Virtuosität
Dort schreibt Fairy Queen im dritten Beitrag über Sonia Prina, wie ich es auch 4 Jahre später voll unterschreiben kann (Hervorhebungen von mir -- die passen nämlich ebenso auf ihren Giulio Cesare) und die mich sehr gespannt auf ihren Orlando machen :leb:
Original von Fairy Queen Orlando: Sonia Prina :down :down :down diese italienische Koloratur-Altistin ist mir bereits sehr gut bekannt. Ich habe sie als Giulio Cesare (Händel) gehört und auch in einer serh weiblichen Belcanto-Rolle unter lauter Männern in Rossinis "La pietra die Paragone", sowie als Oratorien-Solistin (Händel Resurrection). Die Frau ist ein Phänomen! Ihre Koloraturfähigkeit in den tiefen Registern der weiblichen Stimme hat einen solchen Seltenheitswert, dass sie bestens geeignet ist, die ehemaligen Kastratenrollen überzeugend zu verkörpern. Das ist kein Mezzo vom Schlage Vivica Genaux oder Joyce di Donato oder Cecilia Bertoli sondern ein waschechter Alt! Als Orlando fand ich sie noch überzeugender als als Giulio Cesare. Niemand konnte auf den ersten Blick sagen , dass es sich um eine Frau handelt- die Travestie war täuschend echt- sowohl vokal als auch in der Erscheinung. eine Bekannte die mit mir in der Oper war, hat bis zum Ende nicht gewusst, dass eine Frau sang, zumal ja Medoro mit einem Counter besetzt war und Prinas Stimme viel mehr Fleisch und Tiefe hatte, also "viriler" klang. Das was sie an Koloraturen hingelegt hat heisst hier in Frankreich "hallucinant" (muss ichwohl kaum übersetzen...)- man glaubt den Ohren nicht! Senesino, der erste Orlando, muss wirklich ein Ausnahmegenie gewesen sein. Sie hatte darstellerisch eine schwierige Aufgabe, denn sie musste die verschiedenen Facetten des Wahnsinns verkörpern- von furioso bis depressivo und am Ende sich selbst überwindender Held sein. Mc Vicar verlangt von seinen Sängern auch die hohe Kunst der Bewegung in gesamten Bühnenraum- Prina musste bei der Ohrwurm-Arie "Fammi combattere" zusammen mit einem Trio von fechtenden Rittern tanzen, und bei der sogen. Höllenarie(da werden Cerberus und Proserpina angerufen) ebenfalls. Wie man das mit der vokalen Virtuosität unter einen Hut bringt.... :down Ihre kleine etwas androgyne Gestalt passte hervoragend zur Rolle- mit einem Wort: Idealbesetzung!
Herzliche Grüße, Rk
Rotkäppchen (18.03.2015, 22:18): Während sich im Dresdener Giulio Cesare, von dem ich berichtete, Szenen brutaler Gewalt mit hemmungslosem Klamauk abwechselten, gab es in der Dresdner Orlando-Inszenierung von Andreas Kriegenburg gar nichts zu lachen. Mit Ausnahme des Magiers Zoroastro, der über den Dingen stand und die Fäden in der Hand hielt, litten die restlichen vier Charaktere ihr Liebesleid (und Orlando zusätzlich seinen daraus resultierenden Wahnsinn) über drei Stunden in allen Facetten schmerzlich und musikalisch herzzerreißend aus.
1733 uraufgeführt und damals kein besonderer Erfolg für Georg Friedrich Händel, weist Orlando in verschiedener Hinsicht musikalisch in die Zukunft. Das betrifft z.B. die großartige Gestaltung von Orlandos Wahnsinnsszene, wo die alten Schemata der opera seria verlassen werden, als auch die Tatsache, dass in dieser Oper eine längere anspruchsvolle Partie für eine tiefe Männerstimme gibt (=> Zoroastro, Bass).
Die szenische Umsetzung an der Dresdner Semperoper hatte 2013 Premiere, ich besuchte die 9. Vorstellung seitdem, in dieser Besetzung:
- Musikalische Leitung ... Gianluca Capuano Inszenierung ... Andreas Kriegenburg Bühnenbild ... Harald Thor Kostüme ... Andrea Schraad Licht ... Stefan Bolliger Choreografie ... Zenta Haerter
Orlando ... Sonia Prina Angelica ... Carolina Ullrich Medoro ... Gala El Hadidi Dorinda ... Barbara Senator Zoroastro ... Evan Hughes
Sächsische Staatskapelle Dresden
- In einem auf Baumstümpfen stehenden großzügigen, sparsam möblierten, holzverkleideten Zimmer spielt sich die Handlung "A liebt B, B aber liebt C und auch D liebt C" mit all ihren leidensvollen und leidenschaftlichen Konsequenzen ab. Belaubte Zweige und fallendes Herbstlaub bringen einen Hauch von Natur, eigentlich ein wesentliches Element des Librettos, auf die Bühne. Den fünf Protagonisten sind zehn Tänzer zur Seite gestellt, die die inneren Vorgänge der Charaktere wohl deutlicher machen sollen, den Zuschauer aber leicht optisch überfordern und häufig für ein Zuviel an Aktion sorgen. Mit dem wenigen Mobiliar (Bett, Kissen, Schreibtisch, Stühle, Spiegel) wird so Einiges angestellt, so dass immer neue Bilder entstehen. Orlando selbst darf seinen Wahnsinn wahlweise mit einem Schwert und einer Sense ausleben, so dass einem hin und wieder Angst um seine Bühnenkollegen werden kann. Alles in allem eine ästhetisch gute Umsetzung, aber nicht besonders erhellend. Ebenso wenig aufregend die Kostüme: Moderne schlichte Anzüge für die Herren, Kleid und Strickjacke für die Hirtin Dorinda, ein etwas schickeres Abendkleid für die Prinzessin Angelica; keine Umkostümierungen. Nun könnte man sagen, dass ein aufregendes Bühnengeschehen auch nicht wirklich nötig ist, denn es steckt schließlich alles in der Musik und die wurde ganz ausgezeichnet dargeboten!
Nachdem ich bei den drei Giulio-Cesare-Aufführungen im Februar doch immer etwas enttäuscht über den orchestralen Part nach Hause gegangen bin, war es diesmal eine wahre Freude, der wieder um Spezialisten ergänzten Staatskapelle unter dem Dirigat von Gianluca Capuano zuzuhören. Der Klang erschien mir wesentlich "barocker", der superbe Einsatz diverser Soloinstrumente wie Horn, Oboe, Blockflöte, Viola d'amore wurde transparent herausgearbeitet. Wie es so einen enormen Unterschied geben kann, ist mir ein echtes Rätsel. Daran, dass das Orchester diesmal nicht im Graben, sondern auf Parketthöhe agierte, wird es wohl nicht gelegen haben.
Star des Abends war ohne Zweifel Sonia Prina in der Titelpartie, welche bezüglich sängerischer Virtuosität und psychologischer Tiefe auch mit Abstand das meiste Potential bietet. Sowohl optisch als auch stimmlich aufgrund ihres sehr tiefen Timbres überzeugend "männlich", gelingen ihr in all ihren Szenen wahre Kabinettstücke in Darstellungs- und Gesangskunst. Hier bekommt jede Koloratur einen Sinn, ist nie Selbstzweck, alle stimmlichen Facetten werden genutzt, um Orlandos Verletztheit und seinen darauf folgenden Weg in den Wahnsinn glaubhaft und erschütternd aufzuzeigen. Dazu die Sängerin im Interview:
Die Wahnsinnsszene von Orlando ist meines Erachtens eine der herausforderndsten Passagen aller Händelopern – sehr modern. Darin unternehme ich eine Reise durch die Anforderungen, die an meine Stimme gestellt werden: vom Recitativo secco und accompagnato über Koloraturen bis hin zu einem fantastischen Lamento. Und all dies ist konzentriert auf ein paar Notenseiten. Habe ich diese Szene beendet, fühle ich mich stets erschöpft, und das Gefühl des durch mich verkörperten, seelisch verletzten Mannes brennt sich in mich ein.
PDF-Link]
Alle anderen Partien wurden aus dem Ensemble besetzt. Der schlanke und jugendlich wirkende Sopran sowie die mädchenhafte Erscheinung von Barbara Senator prädestinieren diese Sängerin geradezu, naturverbundene, liebende Geschöpfe wie die Hirtin Dorinda darzustellen. Es war wunderbar, ihr zuzuhören und zuzusehen. Einen starken Kontrast dazu bot der kräftige, voluminöse, etwas höhenscharfe, aber ausgezeichnet koloraturgeläufige Sopran von Carolina Ullrich in der Rolle der Angelica. Die Mezzosopranistin Gala El Hadidi holte aus der undankbar unvirtuosen Rolle des Medoro durch ihren gefühlvollen, differenzierten Vortrag das Maximale heraus. Evan Hughes, der den dämonischen Zoroastro, gab, wurde wegen einer Erkältung angesagt, wovon allerdings nicht viel zu merken war, außer dass er im Normalfall vielleicht mehr Durchschlagskraft zeigen könnte.
Herzlicher Applaus für alle Beteiligten, einige einzelne Bravos für den einen oder anderen Protagonisten. Die Oper war wieder mäßig besetzt, allerdings schienen die Tickets diesmal mit einer anderen Strategie verkauft worden zu sein. Während beim Giulio Cesare die Ränge voll waren und das Parkett erschreckend leer, waren diesmal das Parkett und der erste Rang sehr gut besetzt und Ränge zwei bis vier komplett leer und geschlossen. Das Gesamtbild erschien damit weniger traurig. Auffallend wieder: viel jugendliches (studentisches?) Publikum. Ich freue mich auf die beiden weiteren Vorstellungen am 23. und 27.03.!
stiffelio (21.03.2015, 10:56): Liebe Rotkäppchen,
ich muss gestehen, dass ich vom Orlando keine einzige Note kenne und auch zweifele, ob diese Oper etwas für meinen Geschmack wäre. Dennoch habe ich deinen Bericht mit viel Interesse gelesen. Danke!
VG, stiffelio
Rotkäppchen (21.03.2015, 11:40): Liebe stiffelio,
ja, da du ja mehr auf (tiefe) Männerstimmen ansprichst :D, wäre der Orlando (trotz der recht interessanten Rolle des Zoroastro) sicher nicht die wahre Freude für dich :wink. Wobei ich sagen muss, dass in der Besetzung, die ich gehört habe, die vier Damen, von denen ja zwei Hosenrollen zu singen hatten, alle sehr unterschiedliche Stimmfarben hatten, ein echter Glücksfall!
Einigen Pausengesprächen zwischen offenbar Nicht-Händelfreaks hatte ich entnommen, dass sich die Aufführung doch etwas hinzog. Was sicher neben der nicht ganz so genialen Inszenierung daran lag/liegt, dass es eigentlich wenig Handlung gibt und mit Ausnahme von Orlando (und vielleicht noch Dorinda) die restlichen Figuren psychologisch doch eher mäßig interessant sind.
Hier doch noch eine von Orlandos Bravourarien "Fammi combattere" (gibt es in unzähligen Interpretationen auf YT): https://youtu.be/UOlIiS-PrGM
Diese Arie war vor vielleicht 20 Jahren der erste Schnipsel Orlando, den ich jemals zu Gehör bekommen habe und der mich damals ganz schön begeistert hat!
LG, Rk
palestrina (21.03.2015, 12:12): Hallo Rotkäppchen, es gibt auch einen ORLANDO Thread !
Rotkäppchen (21.03.2015, 13:54): Hallo palestrina, habe gerade nochmal darin gelesen -- tja, so eine tolle kurzweilige Regiearbeit, wie dort im ORLANDO-Thread von FairyQueen beschrieben, hatten wir hier leider nicht, dafür aber die gleiche Sängerin der Titelpartie :D :D LG, Rk
Rotkäppchen (24.03.2015, 18:44): Gestern gab es den zweiten Orlando dieser Aufführungsserie in der gleichen Besetzung wie am 17.03. Der Sänger des Zoroastro wurde wieder/immer noch angesagt (gibt es da keinen Ersatz??) und sang erneut ziemlich leise, so dass man bei seinen Arien ganz schön die Ohren spitzen musste. Musikalisch fand ich die Aufführung auch diesmal sehr gelungen, heraus stach wieder die Sängerin der Titelpartie (sängerisch und darstellerisch) :times10. Die Inszenierung wirkt leider auch beim zweiten Mal Ansehen nicht wirklich überzeugender.
Der Zuschauerzuspruch war eher etwas geringer. Außerdem schien das Publikum ziemlich indisponiert. Nicht dass es keine Begeisterung gegeben hätte (Schluss- und Szenenapplaus waren recht ordentlich), aber es wurde während der ganzen drei Stunden auffällig viel gehustet, geschnäuzt und geniest -- puuhhh.
Viele Grüße, Rk
Rotkäppchen (25.03.2015, 22:43): Wie schon in der Giulio-Cesare-Serie, gibt es auch jetzt beim Orlando wieder eine Rezension der Dresden-Korrespondentin für den online-Merker:
Leider scheint die Rezensentin Sonia Prina irgendwie auf dem Kiecker zu haben. Während sie ihr in der Cesare-Kritik attestierte, keine Spezialistin für Alte Musik zu sein, was ein Witz ist, stellt sie jetzt wenig Klarheit in den Koloraturen und eine gefühlsarme Interpretation fest, was ich auch überhaupt nicht nachvollziehen kann. Die Einschätzung der Inszenierung teile ich allerdings diesmal voll und ganz.
LG, Rk
Rotkäppchen (28.03.2015, 10:57): Das dritte und, in dieser Saison, letzte Orlando-Erlebnis: Hättet Ihr es gewusst -- am 27.03. ist Welttheatertag? Das inspirierte die Dresdner Oper dazu, für diese Veranstaltung alle Tickets zu einem sehr günstigen Einheitspreis anzubieten, so dass zumindest das Parkett diesmal so gut wie voll besetzt war!
Das musikalische Niveau war alles in allem so gut wie in den vorangegangenen Aufführungen, ganz wunderbar wieder Orlandos Bravourarien, aber auch das Terzett am Ende des ersten Aktes. Besonders bewegend: Orlandos von 2x Viola d'amore begleitete Schlafarie, die seine (vom Magier Zoroastro initiierte) Heilung vom Wahnsinn einleitet -- ach, wenn es doch im realen Leben auch so einfach wäre!! Da ich diesmal einen Platz wesentlich weiter hinten im Parkett hatte, wirkte das Bühnenbild homogener und dadurch etwas schlüssiger. Sechs Minuten Schlussapplaus.
Den nächsten Orlando gibt es im Februar 2016, geplant in fast gleicher Besetzung!! Den Giulio Cesare gibt es wieder ab März 2016, allerdings in fast allen Rollen neu besetzt. Bis dahin müssen sich die Dresdner Anhänger der barocken Opernkunst mit Werken späterer Epochen "trösten" -- ich zumindest tue das gar nicht so ungern :D.
LG, Rk
Rotkäppchen (17.04.2015, 23:37): Puccini-Reißer, die füllen das Haus und daher war die Semperoper auch bis auf Einzelplätze ausverkauft. Das zahlreich erschienene Publikum bekam eine fast vollständig klassische Tosca zu sehen. Man konnte sich getrost zurücklehnen und musste sich keine Gedanken über ungewöhnliche Regieideen machen.
Hier die Beteiligten der 32. Vorstellung seit der Premiere 2009:
Musikalische Leitung ... Julian Kovatchev Inszenierung ... Johannes Schaaf Bühnenbild ... Christof Cremer Kostüme ... Petra Reinhardt
Floria Tosca ... Jennifer Rowley Mario Cavaradossi ... Andeka Gorrotxategi Baron Scarpia ... Lucio Gallo Cesare Angelotti ... Tomislav Lucic Der Mesner ... Matthias Henneberg Spoletta ... Tom Martinsen Sciarrone ... Tilmann Rönnebeck Ein Schließer ... Julian Arsenault Hirtenjunge ... Jakob Hirschmann (Knabensopran)
Das Einzige, was etwas "modern" (und recht trostlos) wirkte, war das Einheitsbühnenbild: Wände, Boden, Stufen und eine Balustrade (für die Tosca, zum Springen) im grauen Beton-Look. Die akttypischen Requisiten verwandeln das Ganze dann in die jeweils benötigten Schauplätze und dank guter Lichtregie und engagierten Schauspiels ergeben sich lebendige Bilder. Das ist effektiv und praktisch. Die Kostüme der Protagonisten sind zeitlos gehalten und gut anzusehen, richtig Farbe kommt im ersten Akt ins Spiel, wenn der allerlei geistliches Volk darstellende Chor in leuchtenden Gewändern die Kirche einnimmt, und ein bisschen im zweiten Akt, denn Scarpia trägt bei sich zu Hause knallrote Klamotten!
Tosca und Cavaradossi waren mit zwei jungen Sängern, beide vorteilhafte, rollendeckende Bühnenerscheinungen, besetzt. Jennifer Rowley hatte zwei Vorstellungen vorher ihr Rollendebüt als Tosca gegeben und sang somit an diesem Abend erst ihre dritte Tosca überhaupt und zwar sehr gut. Ihr warmer, leicht silbrig timbrierter Sopran sprach in allen Lagen gut an und war zu beeindruckenden Ausbrüchen fähig. Leider musste sie ihr Vissi d'arte vom randständigsten Bühnenrand singen, was zu einer empfindlichen Missbalance zwischen Stimme und Orchester führte, zumindest dort, wo ich saß. Dennoch, dass, was man hörte, war berührend und es gab Szenenapplaus (den einzigen des Abends). Andeka Gorrotxategi gehört zu den stark baritonal klingenden Tenören, hat ein interessantes schönes Timbre, das sich in der Höhe zwar etwas verfärbt, aber trotzdem gut anzuhören ist. Allerdings hat er keine sehr voluminöse Stimme, so dass man sehr genau zuhören musste. Sein Cavaradossi wirkte daher zurückhaltend: ein junger naiver Künstler (die ganze Eifersuchtsgeschichte im ersten Akt kommt ganz harmlos und neckisch daher), der durch ungünstige Umstände hart vom Schicksal geschlagen wird. So singt er auch seine Bravourarie E lucevan le stelle überhaupt nicht in Startenormanier sondern zurückgenommen verinnerlicht (sehr eindrücklich auch in der Darstellung: Cavardossi sitzt zusammengekauert und scheint schrecklich zu frieren) und bekommt keinen Szenenapplaus. Lucio Gallo gibt den Scarpia weniger als vordergründig-grausames Monster sondern mehr als hintergründigen Zyniker, allerdings kam er mir zu wenig gruselig vor. Das mag an seiner (zu) wohlklingenden Stimme liegen (klingt paradox, aber so habe ich es wahrgenommen) oder auch an seinem zu dezenten Schauspiel. Die weiteren Akteure machten ihre Sache innerhalb dieses wenig aufregenden Regiekonzeptes gut (ein kleines Highlight wie meistens: der Gesang des Hirtenjungen, extrem ätherisch, evtl. mit Mikroport), Julian Kovatchev arbeitete am Pult viele Schönheiten der Partitur heraus, deckte aber die Sänger phasenweise orchestral bis zur Unhörbarkeit zu (betraf mehr oder weniger alle drei Hauptdarsteller). Vielleicht war das aber auch ein Problem meines sehr seitlichen Platzes.
Zum Schluss sei Ms. Rowley zitiert. Nach ihrer ersten Tosca postete sie bzgl. ihres Todessprungs auf Facebook: "I jumped forwards, and the mattresses were nice and comfy!" ... Alles nur Theater, zum Glück :wink.
Der Applaus dauerte fünf Minuten, den meisten Zuspruch bekamen Jennifer Rowley und Andeka Gorrotxategi (einige kreischende Damen bei seinem ersten Solovorhang, er sah aber auch niedlich aus ...). Beim Verlassen der Oper sah man: einen tollen Sternenhimmel!
Ciao, Rk
stiffelio (18.04.2015, 16:01): Liebe Rotkäppchen,
fein, dass du wieder in der Oper warst. Puccini macht ja auch immer "was her". Hast du denn im Hinterkopf noch Shicoffs Caravadossi-Darstellung gehabt oder konntest du die ganz ausblenden?
Der einzige Name, der mir was sagte, ist Lucio Gallo - den kenne ich von meiner ungeliebtesten Fidelio-DVD aus Zürich 2010. Ich kann mich noch gut erinnern, dass er mich als Pizarro sehr wenig überzeugt hat, ohne dass ich den Finger genau auf die störenden Punkte legen könnte. Seine Darstellung kam irgendwie für mich ständig als Pose rüber, ohne echte Einfühlung in die Rolle (war aber auch ein Problem der meisten übrigen Sänger, so dass es an der Regie gelegen haben mag). Die Stimme war auch nicht sehr imposant als "Bösewicht", ähnlich wie du es wahrgenommen hast.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (18.04.2015, 17:52): Liebe stiffelio,
das ist ja prima, dass Du wieder etwas schreibst! Ich habe gerade nochmal ein bisschen über die Hauptakteure von gestern recherchiert: Lucio Gallo ist ja offenbar derjenige mit der (bisher) beachtlichsten Karriere unter den dreien (die anderen beiden sind halt noch ziemlich jung), aber offenbar hatte er keine Motivation in dieser etwas umambitionierten Inszenierung einen glaubhaften Bösewicht zu geben. Sehr viele opernhafte Posen, genauso wie du es sagst, und oratorischer Gesang (schön anzuhören, aber eben dieser Oper nicht so richtig angemessen), sehr schade. Natürlich habe ich versucht, Shicoffs Cavaradossi-Darstellung (hoffentlich liest das jetzt unser Billy nicht, dem schwellen gleich die Schlagadern an den Schläfen...) auszublenden, aber gerade in der Konfrontationsszene im 2. Akt wurde mir das unmöglich, denn diese Schlüsselszene haben Gorrotxategi/Gallo ziemlich in den Sand gesetzt, es wirkte ungefähr so ungefährlich wie wenn ein ungehorsamer Schüler beim Schuldirektor zum Rapport antreten muss. Da war das Duo Terfel/Shicoff den beiden gestrigen Akteuren haushoch überlegen, egal wer wie hässlich gesungen hat oder wer um wieviele Jahre zu alt war, das war einfach packendes Musiktheater -- die gestrige Performance leider nicht, bzw. höchstens phasenweise.
LG, Rk
Jürgen (01.06.2015, 13:36): Sa, 30.Mai Staatstheater Wiesbaden, Maifestspiele
Mit einer Ausnahme war die Besetzung identisch mit derjenigen von dieser kürzlich erschienenen Aufnahme:
Cesare: Franco Fagioli Catone: Juan Sancho Arbace: Max Emanuel Cencic Marzia: Ray Chenez (Eingesprungen für Valer Sabadus, krankheitsbedingt) Fulvio: Martin Mitterrutzner Emilia: Vince Yi Orchester Il Pomo d’Oro, Riccardo Minasi (Leitung & Violine)
Eines vorneweg: Sämtliche Beteiligten haben (für meine ungeübten Ohren) auf höchstem Niveau musiziert. Das schließt nicht nur die 4 Counter und 2 Tenöre mit ein, sondern auch das Orchester. Wenn ich dennoch jemanden besonders hervorheben möchte, ist es Fagioli. Er sang technisch brilliant und in sehr guter Tagesform (möglicher weise singt er ja immer so gut, keine Ahnung). Auch die Darstellung des Cesare als etwas eingebildeten Schnösel gelang ihm vorzüglich. Es machte mir Spaß, diesem Sänger zuzuhören und zuzuschauen. Und das schöne war: Es macht ihm selbst ganz offensichtlich auch Spaß. Im positiven Sinne eine echte Rampensau. Cencic hingegen schien mir ein wenig zurückhaltend. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau.
Nun aber ein paar kritische Anmerkungen, die sicherlich meinem extrem subjektiven Blickwinkel geschuldet sind, da ich schon lange nicht mehr in der Oper gewesen bin und in einer Barockoper zuvor noch nie.
Zum Einen war es für mich irritierend, dass der Verliebte (Arbace) eine deutlich höhere Stimmlage hatte, als seine Angebetete (Marzia). Von den Opern, die ich sonst so höre, bin ich auch gewohnt, dass jüngeren Männern meist die höheren Stimmlagen zugeordnet sind, als älteren Herrschaften. So wird Cato von einem Tenor gesungen, Cesare, der Liebhaber Catos Tochter, von einem Counter. Soweit so gut. Dummerweise ist Cesare 4 Jahre älter als Cato. Nicht nur an dieser Stelle habe ich den Eindruck, dass das Libretto aus einer Ansammlung vieler Lamenti über unerfüllter und unglücklicher Liebesbeziehungen besteht, die mehr schlecht als recht in einen historischen Kontext gepresst worden sind.
Zum Anderen fand ich es ermüdend, das weder im ersten noch im zweiten Akt mal ein Duett auftauchte. Abgesehen von der Sinfonia, gab es Rezitativ und Arie im ständigen Wechsel. Selbst in Szenen, da die Bühnenregie es geschickt darstellen konnte, dass der stumme Partner sich unheimlich gerne auch mal geäussert hätte, war er auf Gestik und Mimik reduziert. Wenn die Jungs nicht so gut gesungen hätten, hätte mich das schon ziemlich gestört. Glücklicherweise gab es dann im 3.Akt zwei Nummern im Ensemblegesang.
Zu den Kostümen und dem Bühnenbild kann ich nur sagen, dass ich es nicht kapiert habe. Tierskelette, bunte Federn, Glitzerkostüme und Schiffshüte. Einzig die von Emilia beauftragten Schergen, die Cesare umbringen sollten, mit Rattenköpfen darzustellen, war zwar stark überzeichnet aber akzeptabel. Ich versuchte ziemlich früh, mir darüber keine Gedanken mehr zu machen, und fuhr ganz gut damit. Sobald im Netz mehr Bühnenfotos verfügbar sind, werde ich etwas verlinken.
Der Schlussapplaus war heftig, bei Fagioli war er erwartungsgemäß am lautesten.
Grüße Jürgen
Severina (01.06.2015, 19:29): Lieber Jürgen,
Deine Vorbehalte verstehe ich gut, denn auch ich hatte lange Zeit mit Counter die von Dir geschilderten Probleme. Mir kam diese Stimmfarbe extrem "unmännlich" vor, worunter die Glaubhaftigkeit der Bühnenfigur in meinen Augen (und Ohren) gewaltig litt. Auch dass Barockopern in der Regel nicht durchkomponiert sind, sondern den von Dir geschilderten Verlauf nehmen, ist sicher gewöhnungsbedürftig. Aber wenn man sich einmal eingehört und diese spezielle Musiksprache verinnerlicht hat, kommt einem alles ganz natürlich vor, auch die Counter.
lg Severina :hello
Rotkäppchen (01.06.2015, 23:38): Hallo zusammen, ich denke, ohne wohlwollende Nachsicht bzgl. Plausibilität von Handlung und Besetzung kann man Barockoper nicht genießen. Das war einfach ein Heidengaudi damals mit Hosen- und Rockrollen, Kastraten und Sängerinnen, die ohne mit der Wimper zu zucken auf der Bühne ins andere Geschlecht schlüpften... Ansonsten waren Opern Konzerte mit Kostüm (das macht es ja auch so höllisch schwer, diese Opernform heute sinnvoll auf die Bühne zu bringen). Ensembles waren wohl auch nicht unbedingt im Interesse der Stimmakrobaten von damals: jede(r) wollte alleine brillieren und mit ihren/seinen Koloraturen die Damen in Ohnmacht fallen lassen :D, eine im wahrsten Sinne des Wortes verrückte Zeit.
LG, Rk :hello
Severina (02.06.2015, 00:38): Das ist zweifellos richtig, andererseits lassen sich Barockopern oft wesentlich plausibler in unsere Zeit beamen als Werke aus späteren Epochen, weil in ihnen oft "nur" Menschliches und Allzumenschliches verhandelt wird, also die großen Gefühle, ohne konkrete Bindung an Raum und Zeit. Da kann z.B. eine "Platèe" ohne den geringsten Substanzverlust in eine Wellnessoase der Schönen und Reichen versetzt werden.
Wenn ich die gelungensten und originellsten Produktionen der letzten Jahre Revue passieren lasse, so handelt es sich überwiegend um Barockopern. Seltsamerweise spießt sich da der Text viel seltener mit einer modernen Inszenierung als bei jüngeren Werken, einfach weil die meist räumlich und zeitlich konkret verortet sind und eine Transformierung nicht so gut vertragen.
lg Severina :hello
Rotkäppchen (02.06.2015, 09:11): Original von Severina Da kann z.B. eine "Platèe" ohne den geringsten Substanzverlust in eine Wellnessoase der Schönen und Reichen versetzt werden.
Hallo Severina, meinst Du die Platée-Inszenierung von Laurent Pelly, die es auch auf DVD gibt? Die ist wirklich köstlich! Nur liegt mir irgendwie der Rameau nicht so gut, aber ich gebe ihm immer mal wieder eine Chance, vielleicht wird es irgendwann noch, dass ich mich voll und ganz für den französischen Barock erwärmen kann.
Leider bin ich ansonsten schon in den 1990ern durch zwei wirklich sehr originelle Händel-Inszenierungen von Harry Kupfer (Giulio Cesare, Giustino) "verdorben" worden, so dass mich vieles, was ich danach gesehen habe, nicht ganz überzeugt hat. Fairerweise muss man aber sagen, dass bei den zwei genannten Arbeiten musikalisch ziemlich gewütet wurde (brachiale Kürzungen, deutsche Sprache, Sopranrollen in Tenorrollen umgewandelt, gestrichene DaCapos etc.), das wäre für mich heute ein totales NoGo...
LG, Rk
Jürgen (02.06.2015, 09:18): Original von Rotkäppchen ... Ensembles waren wohl auch nicht unbedingt im Interesse der Stimmakrobaten von damals: jede(r) wollte alleine brillieren und mit ihren/seinen Koloraturen die Damen in Ohnmacht fallen lassen :D, eine im wahrsten Sinne des Wortes verrückte Zeit.
LG, Rk :hello
Genau aus diesem Grunde hätte das eine oder andere Duett nicht nur Abwechslung gebracht, sondern diesen Stimmakrobaten die Möglichkeit zu Sangesduellen gegeben. Wäre das eine Gaudi gewesen. Ich glaube gelesen zu haben, dass z.B. Bach mal zu einem Organistenduell angetreten sei. Bei Pianisten späterer Zeit war das auch durchaus üblich. Warum sollten gerade diese Superstars der damaligen Zeit so konfliktscheu gewesen sein?
Ich muss zwar akzeptieren, dass damals so und nicht anders komponiert wurde (Ich gehe gerade die Titel von Hasses' Siroe durch und finde auch dort nichts anderes), aber welch vertane Möglichkeiten, verschenktes Potential.
Grüße Jürgen
Rotkäppchen (02.06.2015, 09:34): Hallo Jürgen,
soviel ich weiß, war es eher üblich, dass die Gesangsstars sich Duelle mit Instrumentalisten geliefert haben. Da gibt es viele Beispiele von Bravourarien, wo die Stimme etwa mit der Trompete oder ... in "Konkurrenz" tritt. Spontan fällt mir da "Or la tromba" aus Händels Rinaldo ein -- kennst Du vielleicht, trotzdem hier ein Beispiel mit Philippe Jaroussky: https://youtu.be/u7ooCM3e8js
Ansonsten ist das was Du beschreibst (so zwei Ensembles pro Oper) wohl wirklich typisch.
:hello Rk
palestrina (02.06.2015, 11:11): So ihr lieben, jetzt werde ich mal meine bescheidene Meinung kund tun. Ich pers. finde solche Sachen beim ersten hören/sehen überhaupt nicht Relevant ob SiS oder Kostüme oder oder. Ich erfreue mich als erstes am Gesang ........! Das andere kommt dann beim 2ten mal, wenn möglich :wink . Z.B beim Artaserse das von Severina eingeworfene SiS, FÜR MICH gesprochen , hat mich das am Artaserse überhaupt nicht gestört, dieses SiS sonder ich sehe das so........man führt diese Oper auf in den Kostümen der Enstehungszeit und dann wird gezeigt wie das von statten geht im hier und jetzt . Aber wie ihr wisst bin ich da ganz anders :D Beim Catone war war ich voll konzentriert auf die Sänger , wie immer ,weil ich dort war um sie zu hören. Natürlich sah ich auch das drumherum , Papagei und Kostüm von Cencic , für mich Afrika, Gerippe /Tod!
Jürgen sprach von den unterschiedlichen Stimmen, bei den Kastraten wurden die Unterschiede auch vom Aussehen her gemacht , wie zB Farinelli fast immer den Helden verkörperte obwohl seine Stimme sehr hoch war ( da gab es auch dieses Duell mit der Trompete ) , oder wenn einer sehr feminin aussah und die weibl.Rolle spielte und natürlich auch wenn einer der Star einer Truppe war !
Sicher wäre es schön wenn ein Duett dabei gewesen wäre ! Aber mit den Duetten war es in der Zeit nicht so gut bestellt , auch nicht bei Vivaldi bei Händel schon eher , lag aber auch daran das die Sänger eine bestimmte Anzahl Arien beanspruchten und lieber ihr Können alleine zeigen wollten. Der Barock hatte seine eigenen Gesetze .Ich finde ja nachwievor Dacapo Arien Super ! Auch hatten die meisten Sänger für die eine Oper komponiert wurde ein Mitspracherecht, (Anekdote : für die Oper Ottone von Händel, wollte die Cuzzoni nicht die Arie "False immagine" singen und Händel wollte sie aus dem Fenster werfen wenn nicht, sie sind wahrlich eine Teufelin , aber ich bin Belzebub der Oberteufel , und sie sang sie und es wurde ein riesiger Erfolg !)
Ich hatte auf jedenfall meine riesige Freude an dem Spektakel und meinen Counterliebling Fagioli gehört und gesehen !
Liebste Grüße palestrina
palestrina (02.06.2015, 11:39): Liebes Rotkäppchen, was das mit der Trompete /Sänger angeht das hat wohl am allermeisten mit dem Text zutun "Or la tromba" Mich ruft nun die Trompete mit festlichen Klängen zum Sieg! Solche Arien mit Pauken und Trompeten waren dafür bestimmt für Sieg und Macht auszudrücken ! :) Und solche heroischen Helden Arien gibt es ja sehr viele !
LG palestrina
Jürgen (02.06.2015, 11:42): Original von Rotkäppchen Hallo Jürgen,
soviel ich weiß, war es eher üblich, dass die Gesangsstars sich Duelle mit Instrumentalisten geliefert haben. Da gibt es viele Beispiele von Bravourarien, wo die Stimme etwa mit der Trompete oder ... in "Konkurrenz" tritt. Spontan fällt mir da "Or la tromba" aus Händels Rinaldo ein -- kennst Du vielleicht, trotzdem hier ein Beispiel mit Philippe Jaroussky: https://youtu.be/u7ooCM3e8js
Ansonsten ist das was Du beschreibst (so zwei Ensembles pro Oper) wohl wirklich typisch.
:hello Rk
Ja, so was kenne ich auch. Rockoloratura vs. E-Gitarre mit Ian Gillan. :wink
Aber "Or la tromba" ist auch ein Sahnestückchen.
@Palestrina: Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Es hat mir gut gefallen. Es wäre halt noch ein Tick besser gewesen, wenn die damals nach meinen Wünschen komponiert hätten.
Kontraproduktiv war vielleicht auch der sparsame Einsatz der Übertitel. Die großen Gefühle, ohne konkrete Bindung an Raum und Zeit wurden dadurch noch weiter reduziert. Der Bericht im Wiesbadener Kurier stellte das auch fest.
Grüße Jürgen
Rotkäppchen (02.06.2015, 12:22): Original von palestrina Liebes Rotkäppchen, was das mit der Trompete /Sänger angeht das hat wohl am allermeisten mit dem Text zutun "Or la tromba" Mich ruft nun die Trompete mit festlichen Klängen zum Sieg! Solche Arien mit Pauken und Trompeten waren dafür bestimmt für Sieg und Macht auszudrücken ! :) Und solche heroischen Helden Arien gibt es ja sehr viele !
Lieber palestrina, ja sicher, das auf jeden Fall. Vielleicht ist das auch nicht das beste Beispiel für so einen Wettstreit gewesen, wobei die Trompete hier schon einige Sequenzen des Sängers nachspielen muss, aber es geht sicher noch wesentlich spektakulärer. Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es auch genau so eine Wettstreit-Szene in diesem Farinelli-Film -- einige von Euch kennen den sicher -- ich weiß aber nicht mehr, ob Farinelli da gegen einen Trompeter gekämpft hat (vermutlich schon) und mit welcher Arie...
Jedenfalls freut es mich, dass Euch der Catone gut, sehr gut oder auch ausgezeichnet gefallen hat und dass die Sänger in Form waren.
LG, Rk
palestrina (02.06.2015, 12:36): Ja genau liebes Rotkäppchen, das aus dem Farinelli Film hatte ich gemeint , er singt aber da nur Vocalisen zu der Trompete , also wer am höchsten kommt ! :tongue: Kann man auch in div . Büchern über Farinelli lesen ! Den Film schaue ich mir immer wieder mal an , gefällt mir gut !
LG palestrina
Rotkäppchen (02.06.2015, 12:58): Original von palestrina Den Film schaue ich mir immer wieder mal an , gefällt mir gut !
Vor allem ist der Farinelli da so ein attraktiver Latin-Lover-Typ :D. Weiß ja nicht, ob das dem Original nahe kommt :P.
LG, Rk :hello
palestrina (02.06.2015, 14:03): Original von Rotkäppchen Original von palestrina Den Film schaue ich mir immer wieder mal an , gefällt mir gut !
Vor allem ist der Farinelli da so ein attraktiver Latin-Lover-Typ :D. Weiß ja nicht, ob das dem Original nahe kommt :P.
LG, Rk :hello
Na ja , er soll ja schon ganz gut ausgesehen haben , nach div.Gemälden !
Hier ein Link zu YouTube mit div. Arien aus dem Caffarelli Album , das ist Obergigantisch !!! :leb Da musst du mal scrollen da ist das ganze Album drin , bei dem einen steht das man es nicht abspielen kann in Deutschland, wegen der GEMA , aber auf jedenfall gibt es diese Arie..... Genarro Manna, "Odo il sono di tromba guerra " Sensation ! :down aber auch die erste vom Album , Hasse, "Fra l'orror della tempesta" eine sog.Sturmarie ! "https://m.youtube.com/results?q=Franco%20Fagioli%20caffarelli&sm=3"
Viel Spaß liebes Rotkäppchen! palestrina
Hosenrolle1 (02.06.2015, 15:02): Original von Rotkäppchen Da ich ja vom Giulio Cesare vor zwei Tagen so begeistert war, habe ich auch die zweite Vorstellung der aktuellen Serie besucht.
Hat der Regisseur auch gemeint, er muss solche Sachen, wie man hier auf dem ersten Bild gleich sieht, auf die Bühne bringen?
Das Einzige, was mir wirklich fehlt, ist eben der Klang historischer Instrumente, aber da lässt sich nichts machen.
Kann ich gut verstehen. Ich habe mir neulich mehrere Konzerte (allerdings Kammermusik, keine Orchesterwerke!) auf Instrumenten angehört, die mit Darmsaiten bespannt waren.
Ich kann mich auch täuschen, aber ich hatte das Gefühl, dass in der tiefen Lage des Cellos gar kein richtiger Ton mehr kam, sondern eher ein Schnarren, ein Brummen.
Auch diesmal war das Haus weniger als halbbesetzt
Finde ich gut, weniger Störfaktoren ;)
Bezüglich der Akustik konnte ich keine Vergleiche anstellen, da ich fast den gleichen Platz im Parkett wieder "abbekommen" hatte, diesmal durch einen anderen Zufall, noch preiswerter
Ich weiß ja nicht genau wie das in deiner Oper ist, aber du kannst ja eventuell vorher im Internet schauen, welche Plätze noch frei sind, und dir deine Wunschplätze notieren, und an der Kasse dann danach fragen.
Als ich in der Volksoper war wurde immer geschaut, dass ich einen dieser Plätze bekomme.
vielen Dank für die YT-Links, da hatte ich jetzt viel Freude :down :down. Ich war ja schon öfters in Sachen Fagioli auf YT unterwegs, aber das Angebot ist recht groß, die verlinkten Stücke waren mir bisher entgangen... Ja, das Caffarelli-Album steht schon länger auf meiner Wunschliste, aber immer kommt etwas dazwischen...
Lieber Hosenrolle1,
Du hast meinen alten Giulio-Cesare-Bericht ausgegraben... Ja, also, wie ich schrieb, es gab da in Dresden gelungene und weniger gelungene Aspekte, hier sind der Trailer und ein paar Bilder: https://www.semperoper.de/de/spielplan/stuecke/stid/Giulio-Cesare-in-Egitto/53192.html#a_23155
Danke für das Verlinken der Premierenkritik des neuen KOB-Cesare. Ich hatte überlegt, ob ich einen Abstecher nach Berlin mache und mir das bei Gelegenheit mal ansehe. Das werde ich wohl lassen, wenn der Cesare ein Bariton ist, nee... Auch sonst klingt das alles nicht verheißungsvoll, vor allem musikalisch nicht :(. Aber was stört Dich denn an dem Szenenbild genau?
Mit dem Klang der Instrumente war es eine interessante Sache in Dresden. Kurze Zeit später habe ich ja Händels Orlando gesehen, da war das Orchester nicht im Graben, sondern auf dem Parkett, es gab einen anderen Dirigenten und schon klang es viiiel barocker, trotz z.T. moderner Instrumente :).
Bzgl. der Karten kann man schon bis ungefähr mittags vor der Vorstellung sehen, welche Plätze noch frei sind, aber Last-Minute-Preise gibt es halt erst ganz kurz (ca. 10 Minuten) vor Beginn. Das ist ein Risiko, es darauf anzulegen. Wenn dann nämlich noch viel los ist an der Abendkasse, kann es sein, man kommt gar nicht mehr rein.
Klar, hat es Vorteile, wenn nur halbvoll ist, nicht nur wegen der Störfaktoren, auch wegen der entspannteren Situation an der Garderobe :P.
LG, Rk :hello
Hosenrolle1 (02.06.2015, 16:13): Original von Rotkäppchen Danke für das Verlinken der Premierenkritik des neuen KOB-Cesare. Ich hatte überlegt, ob ich einen Abstecher nach Berlin mache und mir das bei Gelegenheit mal ansehe. Das werde ich wohl lassen, wenn der Cesare ein Bariton ist, nee... Auch sonst klingt das alles nicht verheißungsvoll, vor allem musikalisch nicht :(. Aber was stört Dich denn an dem Szenenbild genau?
Dass es wieder mal ein typischer und dabei ziemlich ausgelutschter Versuch ist, die Aufmerksamkeit der Presse auf sich zu ziehen.
Dass Bayern 4 auch genau DIESE Szene, die wahrscheinlich nur kurz und nebenbei passiert, groß zeigt verstehe ich auch nicht ganz. Naja, "Sex sells".
Bzgl. der Karten kann man schon bis ungefähr mittags vor der Vorstellung sehen, welche Plätze noch frei sind, aber Last-Minute-Preise gibt es halt erst ganz kurz (ca. 10 Minuten) vor Beginn. Das ist ein Risiko, es darauf anzulegen. Wenn dann nämlich noch viel los ist an der Abendkasse, kann es sein, man kommt gar nicht mehr rein.
Last Minute Preise, meinst du normale Restkarten damit, oder ist das ein anderes Angebot?
Klar, hat es Vorteile, wenn nur halbvoll ist, nicht nur wegen der Störfaktoren, auch wegen der entspannteren Situation an der Garderobe :P.
Absolut, wobei, im Sommer hatte ich nie was für die Garderobe, die sind da leer ausgegangen ^^
Aber es ist schon herrlich, wenn wenige Leute im Saal sind, ruhiger, und die Musik kommt noch direkter auf einen zu und wird nicht von den Reihen vor dir gedämpft.
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (02.06.2015, 16:25): Original von Hosenrolle1 Last Minute Preise, meinst du normale Restkarten damit, oder ist das ein anderes Angebot?
Meine Erfahrung ist die, dass man bis ca. 10 Minuten vorher an der Abendkasse für ganz normale freie Plätze den vollen Preis bezahlt. Nun bin ich tatsächlich mal recht spät dran gewesen. Eine Dame vor mir hat für ein Ticket im 2. Rang so um die 30 Euro bezahlt (wohl der Normalpreis). Dann kam das erste Klingeln. Danach war ich an der Kasse dran und mir wurde ohne Wortwechsel eine Karte mit der Aufschrift "LAST" im Parkett ziemlich weit vorn für 11 Euro verkauft (Normalpreis wäre knapp 80 Euro gewesen). Ob das immer so gehandhabt wird, weiß ich nicht. Es war, wie gesagt, Zufall, dass ich das mitbekommen habe.
LG, Rk
Severina (02.06.2015, 17:16): Original von Rotkäppchen Original von Severina Da kann z.B. eine "Platèe" ohne den geringsten Substanzverlust in eine Wellnessoase der Schönen und Reichen versetzt werden.
Hallo Severina, meinst Du die Platée-Inszenierung von Laurent Pelly, die es auch auf DVD gibt? Die ist wirklich köstlich! Nur liegt mir irgendwie der Rameau nicht so gut, aber ich gebe ihm immer mal wieder eine Chance, vielleicht wird es irgendwann noch, dass ich mich voll und ganz für den französischen Barock erwärmen kann.
Leider bin ich ansonsten schon in den 1990ern durch zwei wirklich sehr originelle Händel-Inszenierungen von Harry Kupfer (Giulio Cesare, Giustino) "verdorben" worden, so dass mich vieles, was ich danach gesehen habe, nicht ganz überzeugt hat. LG, Rk
Liebes Rotkäppchen,
nein, ich meine die Carsen-Inszenierung am ThadW (Rezension dazu im ThadW-Thread, bin wieder einmal zu blöd zum Verlinken :S) Die DVD mit der Pelly-INszenierung habe und liebe ich natürlich auch. Ich muss gestehen, dass ich französische Barockopern fast lieber habe als deutsche, besonders Rameau ist ein Favorit.
"Giustino" in der Kupfer-Inszenierung gab es bei uns vor etlichen Jahrzehnten an der Volksoper. Es war meine erste Begegnung mit einem Counter (Jochen Kowalsky) und hat mich sehr irritiert. Aber die Inszenierung war köstlich, die Kühe mit ihrem Augenaufschlag habe ich noch heute vor mir.
Kennst Du eigentlich Händels "Sermele" in der Carsen-Inszenierung? Das ist ein absolut heißer Tipp, mit einer umwerfenden Cecilia Bartoli.
lg Severina :hello
Rotkäppchen (02.06.2015, 18:46): Liebe Severina,
alles klar, habe Deine Besprechung gefunden, hier (falls es noch jemanden interessiert):
26.2.2014: Rameau Platée - Rockiger Barock
... ist ja noch gar nicht so lange her, aber eine DVD-Produktion hat das Ganze nicht nach sich gezogen, oder?
Aha, der Kupfer-Giustino war in Wien, das wusste ich nicht -- und ja, die Kühe waren der Hit! Ich habe die Inszenierung zweimal an ihrem Stammhaus, der KOB gesehen. Da war ich noch Teenager und habe meine Eltern überredet, mit mir nach Berlin zu fahren. Irgendwann kann das auch im TV -- fand ich aber irgendwie total blass verglichen mit den Live-Erlebnissen. Auf jeden Fall ist das meine heimliche Lieblingsoper von Händel; habe ich mir unzählige Male angehört -- gibt ja sage und schreibe nur eine einzige Studio-Aufnahme davon...
Ja, die Semele mit der Bartoli kenne ich :down!
LG, Rk
Severina (02.06.2015, 19:49): Liebes Rotkäppchen,
danke fürs Verlinken! Nein, leider gibt es von dieser umwerfenden Produktion keine DVD, wie überhaupt von fast allen ThadW-Aufführungen nicht. Ich habe dort schon so viele tolle Abende erlebt, wo ich heulen könnte, dass die nicht für die Ewigkeit konserviert worden sind. Ausnahmen sind Koproduktionen, wenn der Partner eine DVD macht (So z.B. der ebenfalls köstliche "Comte Ory" aus Zürich, genau wie auch "Semele") Ich nehme an, dass die Labels nicht interessiert sind, weil die ganz großen Namen am ThadW nur selten auftauchen. Aber wenn halt ein Nikolaus Harnoncourt dahinter steckt, dann wird sogar ein konzertanter Da-Ponte-Zyklus aufgezeichnet. Traurig, sehr traurig, aber die Labels kalkulieren beinhart, da zählen die Zugpferde mehr als eine rundum gelungene Produktion.
lg Severina :hello
Hosenrolle1 (02.06.2015, 20:00): Es ist wirklich Mist, dass Videoaufnahmen von Aufführungen so aufwändig und vor allem teuer sind.
Da muss man Toningeneureholen, die alles mit Mikros ausstatten, Kameramänner, Equipment, eine Firma die die BluRays oder DVDs produziert und presst, usw. usw.
Ich fände es nur fair, wenn jedes halbwegs große Opernhaus von jeder Oper in ihrem Angebot eine BD rausbringen könnte, auch für die Touristen, oder für den Versand für die Leute, die die Aufführung nicht besuchen können.
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (25.06.2015, 10:39): Mein letzter (langfristig geplanter) Opernbesuch in der Saison 2014/15 führte mich zu Verdis Don Carlo. Ich liebe die fünfaktige französische Fassung -- leider bekommt man die selten geboten und so nimmt eben, was gespielt wird, und das war die vieraktive italienische Fassung. In Dresden wird durchschnittlich dreimal pro Spielzeit eine wenig aufregende Inszenierung von Eike Gramss aus dem Jahr 2003 gegeben, die in diversen früheren Kritiken als "Nichtinszenierung" bezeichnet wurde, was ich voll und ganz bestätigen kann. Zentrum des dunkel gehaltenen Bühnenbildes (verantwortlich dafür und für die sehr ästhetischen Kostüme in schwarz-weiß: Gottfried Pilz) ist ein mit Unmengen an Schädeln gefüllter Plexiglaskasten, der in verschiedene Positionen gebracht werden kann und zusammen mit einem schwarzen Hochglanzfußboden die Spielfläche für die Akteure bildet. Mit Requisiten ist man sehr sparsam, Fächer, Masken, ein Leuchter, bei engagiertem Spiel der Sänger braucht es auch nicht mehr. Aber genau da haperte es gestern z.T. beträchtlich: seit Ewigkeiten habe nicht mehr so eine geballte Ladung sogenannten Rampengesang garniert mit "Operngesten" erlebt. Das gar nicht so zahlreich erschienene Publikum war zudem noch äußerst klatschfreudig, es gab gefühlte zehnmal Zwischenapplaus, fast immer in die Schlussakkorde hinein, so dass die Aufführung an eine barocke Nummernoper erinnerte. Nun ist Verdis Partitur glücklicherweise meisterlich genug, um trotzdem einen recht spannenden Abend zu garantieren.
Auf der Facebook-Seite der Semperoper war im Vorfeld folgender Text zu lesen: "Besonders freuen wir uns, dass René Pape auf die Bühne der Semperoper zurückkehrt. Der ehemalige Kruzianer begeisterte zuletzt 2013/14 als Orest in »Elektra« das Dresdner Publikum und übernimmt nun die Partie des Don Carlo.", worauf allerlei spöttische Kommentare gab. Nein, keine Sorge, René Pape trat natürlich als Filippo II. auf, begann etwas verhalten, um mit seinem Monolog über die Vergänglichkeit und sein Nichtgeliebwerden durch Elisabetta das heftig akklamierte Glanzlicht des Abends zu setzen. Es schien als hätte er sich alle Kräfte für diese Szene fokussiert, sein "Ella giammai m'amò..." erzeugte selbst bei mir Gänsehaut, was mir bei tiefen Stimmen selten passiert. Hervorzuheben ist auch seine starke Bühnenpräsenz -- ein würdiger, auch menschlicher Filippo! Die Titelpartie sang Nikolai Schukoff, von dem ich vorher noch nie etwas gehört hatte und der, wenn man seinen Terminplan ansieht, ein sehr vielseitiger Tenor zu sein scheint, der sowohl Taminos als auch Siegmunde in seinem Repertoire hat. Er gab den Carlo als ungestümen Teenager, der hemmungslos Gefühle zeigt. Seine Stimme klang in meinen Ohren angenehm schlank, bis auf wenige Stellen gut tragfähig, und harmonierte sehr schön mit Markus Werbas eher hellem virilen Bariton. Auch sonst wirkten die beiden wie jugendliche Brüder (ähnliche Kostüme, ähnliche Frisuren, ähnliche Statur), denen das Schicksal unheimlich böse mitspielt. Werba gab einen sensiblen Posa, neigte aber passagenweise zu stark zum erwähnten Rampengesang, das allerdings mit vollem stimmlichen Einsatz. Zu seiner Entschuldigung sei gesagt, dass es für ihn die erste Aufführung in dieser Inszenierung war. Vielleicht war auch das der Grund, warum sich in der "Restate!"-Szene mit Pape nicht die zu erwartende Spannung einstellte (orchestral schon!). Auch etwas enttäuschend verlief das Duell der Bässe, was vor allem daran lag, dass Michael Eder als Großinquisitor kaum Emotionen wie etwa Fanatismus oder Ähnliches spüren ließ und seine Stimme fast "zu schön" (und auch zu zurückhaltend) erklang. Der GI erschien hier übrigens nicht als Horror-Greis sondern als rüstige Eminenz mit Sonnenbrille, durch die er offenbar noch ziemlich viel gesehen hat. Zwiegespalten war ich bezüglich der beiden weiblichen Protagonistinnen. Marjorie Owens war leider keine sehr schönstimmige Elisabetta. Sie gestaltete die Rolle differenziert und anrührend, aber ihre Stimme klang durchgängig unangenehm klirrend in der Höhe -- zu "dramatisch" für meinen Geschmack. Nadia Krasteva war optisch und auch darstellerisch eine hinreißende Eboli mit sehr schön dunklem Timbre, satter Tiefe, aber auch scharfen Höhen, wobei das zum durchtriebenen Charakter der Eboli durchaus passt. Das Schleierlied hätte eine Tick mehr Raffinesse vertragen (war aber auch eher langweilig choreografiert). Die Sächsische Staatskapelle spielte unter Paolo Arrivabeni, der eine gute Balance zwischen Sängern und Orchester herstellte und die nicht wenigen kammermusikalischen Passagen spannend herausarbeitete. Zum Schluss doch noch ein Wort zur Inszenierung: die raffinierteste Idee gab es ganz am Schluss, als Carlo auf dem Schädelkasten steht und dieser schräg angehoben wird, so dass Carlo sich nicht mehr halten kann, effektvoll herunterrutscht und leblos liegen bleibt. Ein Bild mit Symbolgehalt: das unheilvolle Erbe, das Jahrhunderte zurückreicht, hat ihn zerstört. Acht Minuten Schlussapplaus mit vielen Bravos, am stärksten für Pape und Werba.
Liebe Grüße und bis hoffentlich zur nächsten Opernspielzeit -- Rotkäppchen
stiffelio (26.06.2015, 21:23): Liebe Rotkäppchen,
um Pape als Filippo beneide ich dich natürlich. Diesen Link von seiner CD "Gods, Kings and Demons" schaue ich mir immer wieder mal an und bin immer wieder neu begeistert: https://www.youtube.com/watch?v=Y82OV9JOSJ8
Werba ist nach dem, was ich bisher von ihm gehört habe, vermutlich keine Weltklasse-Besetzung für den Posa, aber bestimmt auch nicht schlecht. Den jugendlichen Aspekt, den du schilderst, kann ich mir bei ihm sehr gut vorstellen und das würde mir auch sehr gefallen. Wenn er die Spannung in der "Restate"-Szene versemmelt hat, hätte ich ihm das allerdings nur schwer verzeihen können. Vielleicht also doch besser, dass ich nicht im Publikum war :wink. Hoffen wir, dass er sich diesbezüglich noch steigern kann.
Vielen Dank für deinen interessanten Bericht! VG, stiffelio
Rotkäppchen (26.06.2015, 21:59): Liebe stiffelio,
TAUSEND DANK für den Link, ist wirklich der Hammer! :thanks Mich wundert jetzt fast, dass die Szene nur etwas über 3 Minuten geht (oder ist das wirklich nur ein Ausschnitt ?(), kam mir live viel länger vor, als wenn die Zeit still gestanden hätte :engel.
Habe mir heute kurzentschlossen noch eine Karte für die morgige Aufführung gegönnt :D, in der Hoffnung dass das Team dann besser eingespielt und eingesungen ist. Der eigentliche Schwachpunkt am 24.6. waren ja leider die Frauenstimmen, nicht nur Elisabetta und Eboli, denn über den Pagen Tebaldo und die Stimme vom Himmel habe ich bewusst geschwiegen (beide viiiel zu schwer :(). Mal sehen, es kann eigentlich nur besser werden :wink. Ich werde kurz berichten...
Nächsten Februar gibt es dann nochmal eine Carlo-Serie mit Pape als Filippo, fast alle anderen Rollen werden dann anders besetzt sein; ist zwar noch eine Weile hin -- aber das nehme ich natürlich fest ins Visier!
LG, Rk :hello
EDIT: Hier ist die ganze Szene, sieben Minuten kommen schon eher hin...: René Pape - Don Carlo - Ella giammai m'amò... ebenfalls --> :times10
Jussi (27.06.2015, 10:30): Original von Rotkäppchen
EDIT: Hier ist die ganze Szene, sieben Minuten kommen schon eher hin...: René Pape - Don Carlo - Ella giammai m'amò... ebenfalls --> :times10
Gänsehaut und Tränen!!! :engel :engel :engel
Liebes Rotkäppchen, vielen Dank für Deine Ausführungen und den Link! :beer
Hier gibt es noch einen konzertanten Mitschnitt mit Pape - 10 Minuten! :D
https://www.youtube.com/watch?v=yY0UTrs5gG0
LG Jussi
stiffelio (27.06.2015, 10:31): Liebe Rotkäppchen,
ja, mein Link war (wie du gemerkt hast) nur ein Ausschnitt, aber einer, den ich sehr mag. Gerade, weil Pape sich da in der Aufnahmeprobe voll aufs Singen konzentrieren kann und auch kein Opernhaus füllen muss. Danke, dass du meine Lieblingsaufnahme der vollen Arie nochmal verlinkt hast (siehe http://www.das-klassikforum.de/thread.php?postid=111528#post111528 :wink) Hoffentlich ist er heute abend wieder gut drauf. Die Schwachpunkte in den Frauenstimmen hätten mich vermutlich gar nicht so arg gestört, für mich steht und fällt der "Don Carlo" vor allem mit Posa, Filippo und Don Carlo (wie du weißt). Auch, wenn es natürlich toll ist, wenn auch die anderen Rollen gut besetzt sind.
VG, viel Spaß heute abend, stiffelio
stiffelio (27.06.2015, 10:48): Hallo Jussi,
auch dir vielen Dank für deinen Link, den hatte ich noch nicht in meiner Sammlung. Allen zusammen finde ich die ungeheuerliche Intensität gemeinsam, in der Pape einzelne Töne gestaltet und trotzdem die Gesangslinie nicht verliert. :engel
VG, stiffelio
Jussi (27.06.2015, 11:24): Original von stiffelio Hallo Jussi,
auch dir vielen Dank für deinen Link, den hatte ich noch nicht in meiner Sammlung. Allen zusammen finde ich die ungeheuerliche Intensität gemeinsam, in der Pape einzelne Töne gestaltet und trotzdem die Gesangslinie nicht verliert. :engel
VG, stiffelio
Genau so, liebe Stiffelio! :beer
Je mehr man sucht ... hier noch das Lacrimosa aus Don Carlo mit Pape und Kaufmann: :down :down
https://www.youtube.com/watch?v=J-La-CsK1vQ
Rotkäppchen (27.06.2015, 14:40): Original von Jussi Je mehr man sucht ... hier noch das Lacrimosa aus Don Carlo mit Pape und Kaufmann: :down :down
https://www.youtube.com/watch?v=J-La-CsK1vQ
WOW! Wo ist denn das her? Wisst Ihr etwas über diese Aufnahme -- ein Piratenmitschnitt oder doch etwas Offizielleres?
LG, Rotkäppchen
stiffelio (27.06.2015, 22:12): Liebe Rotkäppchen,
das ist aus einem Livestream der BSO München vor 3 Jahren (komischerweise ist der YT-Link manchmal etwas verwackelt, aber es ist die gleiche Bildführung, deshalb gehe ich davon aus, dass es im Grunde die gleiche Aufnahme ist). Man kann ihn gelegentlich auf YT finden, aktuell wohl aber nicht in voller Länge. Die Inszenierung trifft nicht so ganz meine Vorlieben, unter anderem stört mich sehr, dass es in vielen mir wichtigen Szenen so extrem dunkel auf der Bühne ist. Pape muss seine Arie "Ella giammai m'amo" im Nachthemd singen. Na ja. Aber die Stimmen sind natürlich toll! (auch wenn Kaufmann und Daniel nicht zu meinen absoluten Lieblingsdarstellern von Don Carlos und Posa gehören). Vielleicht sollte ich meine erinnerten Eindrücke bei Gelegenheit mal überprüfen.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (27.06.2015, 23:34): Original von stiffelio Die Inszenierung trifft nicht so ganz meine Vorlieben, unter anderem stört mich sehr, dass es in vielen mir wichtigen Szenen so extrem dunkel auf der Bühne ist. Pape muss seine Arie "Ella giammai m'amo" im Nachthemd singen. Na ja. :rofl :rofl Na, herrlich, das muss er hier in Dresden auch!! :D :D Und den Großinquisitor empfängt er ebenfalls im Nachthemd :cool.
Bin gerade von Carlo Nr. 2 zurück und werde erstmal meine Gedanken ordnen. Auf jeden Fall gab es in mehreren Aspekten Steigerungen im Vergleich zum Mittwoch. Außerdem war die Bude diesmal voll und es gab mächtig Beifall am Schluss, z.T. Standing Ovations. Vor allem zwei weibliche Fans von Markus Werba (oder Verwandte?, Mutti?, Tante?) haben lautstark für Stimmung gesorgt :D...
Aber jetzt erstmal gute Nacht!
:hello Rotkäppchen
Rotkäppchen (28.06.2015, 11:25): Gestern also der zweite Don Carlo der aktuellen Serie, in den Hauptrollen mit den gleichen Sängern wie am 24.6.. Diesmal hatte ich einen Platz, an dem ich sehr gut alles verfolgen konnte, allerdings schien mir das Orchester im Vergleich zu den Stimmen deutlich lauter. Wie auch immer, der bessere Blick hat sich bzgl. der Spannung schon ausgezahlt! René Pape war erneut ein sehr guter Filippo, sein Höhepunkt war genau wie in der ersten Vorstellung sein stimmlich und darstellerisch äußerst subtil gestalteter Monolog "Ella giammai m'amò...", zu Recht stark bejubelt. Die "Restate!"-Szene hat mir etwas besser gefallen, ich denke, Markus Werba wird vielleicht mit den Jahren noch besser in die Rolle des Posa hineinwachsen, im Moment ist seine Aura halt noch irgendwie zu lieb -- schwer zu beschreiben :wink. Das Freundschaftsduett war wieder eher zurückhaltend, sehr gut hat mir dafür die Szene zwischen Elisabetta und Don Carlo gefallen, war fast zum Weinen :engel. Marjorie Owens muss in der ersten Vorstellung wirklich einen sehr schlechten Tag gehabt haben, gestern klang ihre Stimme viel weniger angestrengt, wärmer und schöner, was mich sehr gefreut hat (lediglich wenige laute hohe Stellen waren etwas scharf und flatternd); für ihre lange einsame, berührend gestaltete Szene im letzten Bild bekam sie sehr viel Applaus. Nadia Krasteva war wieder eine intensive Eboli und legte diesmal ein gewaltiges, feuriges "O don fatale" hin, wofür sie ebenso heftigen Szenenapplaus bekam wie Pape für den Filippo-Monolog. Nikolai Schukoff gab erneut einen darstellerisch überzeugenden Don Carlo, der allerdings diesmal die Höhen stärker stemmen musste und mehrmals nicht genug Luft zu haben schien. Tatsächlich ließ er sich nach der Pause ansagen, brachte die Partie aber ganz ansprechend zu Ende. Enttäuschend fand ich leider auch diesmal die Großinquisitorszene, da Michael Eder keinerlei diabolische Aura erzeugte.
Acht Minuten Applaus zum Schluss, allerdings mit mehr Begeisterung und Gebrüll :D.
Noch drei Zuschauermeinungen: "Die zwei Kleinen waren ein bisschen schwach auf der Brust." "Die Inszenierung ist toll, so schön schlicht." "Das war eine gelungene Vorstellung, kann man so sagen."
LG, Rotkäppchen
Rotkäppchen (28.06.2015, 21:21): Na, Donnerknispel, gleich zwei Mitarbeiter des Online-Merker haben ihren Senf zum Dresdner Don Carlo ins Netz gestellt, es gibt durchaus gewisse Überschneidungen mit meinen Eindrücken:
DRESDEN/ Semperoper: DON CARLO Wiederaufnahme (24.06.2015)
DRESDEN/ Semperoper: DON CARLO. Keine Stimmung auf der Plexiglas-Schädelstätte (27.06.2015)
Den höheren Unterhaltungswert hat zweifelsohne die zweite der beiden Kritiken :J, die sich auf den gestrigen Abend bezieht.
LG, Rotkäppchen
Rotkäppchen (02.07.2015, 23:06): Hitzebedingt bin ich am Zerfließen und fasse mich kurz: Gestern gab es den dritten und (in der aktuellen Spielzeit) letzten Don Carlo, zu dem es mich kurzentschlossen und obsessiv hingezogen hat. Es hat sich sehr gelohnt, denn es gab zwei interessante Alternativbesetzungen. René Pape konnte, das war langfristig bekannt gewesen, nur für zwei Termine als Filippo verpflichtet werden. Die Rolle wurde von dem noch jungen finnischen Bass Mika Kares (*1978), der in den vorherigen Vorstellungen den Mönch(!) gesungen hatte, übernommen. U.a. aufgrund seines jugendlichen Alters zeichnete er ein völlig anderes Rollenporträt, viel weniger weltmüde als Papes König, aber durchaus überzeugend. Die große Soloszene war vielleichte einen Tick weniger erschütternd, aber einige andere Szenen, u.a. die Restate!-Szene, wirkten lebendiger und spannender. Kares' Bass hat etwas drahtiges vitales in allen Lagen, er schien ohne die geringste Mühe über jeglichen orchestralen Widerpart zu kommen -- eine echte Entdeckung. Außerdem wurde die Titelpartie umbesetzt, was laut Ansage eher kurzfristig geschah. Der italienische Tenor Leonardo Caimi war wohl erst am Tag der Vorstellung angereist und hatte sich am Nachmittag die Inszenierung zeigen lassen. Bei aller Kritik, an dieser Stelle kamen die Vorteile einer solchen Stehtheater-Produktion zum Tragen -- der neue Don Carlo passte sich perfekt in das Bühnengeschehen ein, ja, diese Umbesetzung war ein echter Glücksfall! Signore Caimi gestaltete die Rolle stimmlich äußerst differenziert, Piani, mezza voce, wunderbare an- und abschwellende Töne, Höhen mit Strahlkraft -- alles war da; gegen Ende verlor sein Timbre leicht an Schönheit, aber das sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Schauspielerisch legte er die Rolle weniger draufgängerisch an als sein Rollenvorgänger, eher nachdenklich, traurig und introvertiert. Und, dieser Sänger ist, pardon, das muss ich sagen, es war einfach zu schön, ihn anzusehen :engel, eine Augenweide -- insofern passte er nicht ganz zum historischen Don Carlo, der (z.B. laut Wikipedia) hässlich, bucklig und hinkend gewesen sein soll :P. Ansonsten gab es altbekannte Sänger zu hören und zu sehen: Markus Werba sang eine sehr guten Posa, die Chemie zwischen ihm und Caimi schien sehr zu stimmen, das Freundschaftsduett war diesmal richtig mitreißend und bekam ordentlich Applaus. Die Elisabetta von Marjorie Owens klang leider wieder schärfer als in der zweiten Vorstellung, aber ich hatte mich inzwischen daran gewöhnt. Nadia Krasteva war indisponiert wegen einer Halsentzündung, gab aber in einem durchgängigen vokalen Kraftakt trotzdem eine beeindruckende Eboli, was durch sehr viel Beifall honoriert wurde.
Diesmal sieben Minuten Applaus, recht gleichverteilt auf die Protagonisten, danach ein idealer Sommerabend mit Fast-Vollmond und Sternenhimmel.
Jetzt ist aber wirklich Schluss bis zum Herbst, bis dann viele Grüße; :hello Rk
stiffelio (04.07.2015, 19:58): Liebe Rotkäppchen,
freut mich sehr, dass diese Vorstellung offenbar trotz Papes Abwesenheit in der Summe eine Steigerung war.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (05.07.2015, 10:17): Oh ja, liebe stiffelio, diese letzte Vorstellung wird mir vermutlich am stärksten im Gedächtnis bleiben :engel ... zumindest bis zur Don-Carlo-Serie nächsten Februar, auf die ich mich schon sehr freue -- die Oper gefällt mir mit jedem Mal noch ein Stück besser. Heute Abend schaue ich mir zum Abschluss der Carlo-Phase noch das Schillersche Original im Theater an, zwar ohne Musik, aber immerhin: die haben den Zuschauerraum klimatisiert :D.
LG, Rk
Jussi (05.07.2015, 12:43): Liebes Rotkäppchen,
auch von nochmals vielen Dank für Deinen letzten Bericht! :beer
Du bist ja wirklich sehr leidenschaftlich dabei! :) Freut mich auch sehr, daß es ein großer Erfolg war - und der Klimaeffekt ist ja derzeit auch nicht zu verachten! :wink :D
Von dem schönen Italiener gibt es auch einige Videos auf youtube, die einem schon ganz gut dessen Qualitäten vermitteln! :down
https://www.youtube.com/watch?v=VeP0fQh4_1w
LG Jussi
Rotkäppchen (05.07.2015, 14:37): Original von Jussi Von dem schönen Italiener gibt es auch einige Videos auf youtube, die einem schon ganz gut dessen Qualitäten vermitteln! :down
https://www.youtube.com/watch?v=VeP0fQh4_1w
Vielen Dank für den Link, liebe Jussi! :thanks Hast Du ihn schonmal live gehört? Das Schwarz-Weiß-Don-Carlo-Kostüm in Dresden stand ihm noch viiiel besser :D :wink -- die Stimme klingt m.E. tatsächlich so ähnlich wie in dem Video, hat mir live einige Wonneschauer bereitet, auch wenn es vielleicht dieses und jenes zu kritisieren gäbe. Höre mich gerade durch die weiteren Schätzchen auf youtube, leider (noch) keine professionellen Aufnahmen, aber was nicht ist ...
Original von Jussi und der Klimaeffekt ist ja derzeit auch nicht zu verachten! :wink :D
Allerdings :cool, habe z.Zt. in Oper und Schauspielhaus immer Strickjacke und Schal dabei - ist sonst erkältungstechnisch kreuzgefährlich :P.
LG, Rotkäppchen :hello
Jussi (05.07.2015, 19:14): Original von Rotkäppchen
Vielen Dank für den Link, liebe Jussi! :thanks Hast Du ihn schonmal live gehört? Das Schwarz-Weiß-Don-Carlo-Kostüm in Dresden stand ihm noch viiiel besser :D :wink -- die Stimme klingt m.E. tatsächlich so ähnlich wie in dem Video, hat mir live einige Wonneschauer bereitet, auch wenn es vielleicht dieses und jenes zu kritisieren gäbe. Höre mich gerade durch die weiteren Schätzchen auf youtube, leider (noch) keine professionellen Aufnahmen, aber was nicht ist ...
Allerdings :cool, habe z.Zt. in Oper und Schauspielhaus immer Strickjacke und Schal dabei - ist sonst erkältungstechnisch kreuzgefährlich :P.
Nein, liebes Rotkäppchen, von diesem Tenor hatte ich vorher noch gar nichts gehört, geschweige denn ihn live gesehen. Ich geh eh nur noch selten in die Oper. Früher war mehr Lametta ... äh Oper! :D
Na, ein Hoch auf Eure Klimaanlage! :down Die Vorstellung von Jäckchen und Schal - ein Traum! :D Als ich das letzte Mal im April in der Deutschen Oper war bei Lohengrin, hab ich 4 Stunden schrecklich geschwitzt! Das trübt ja den Musikgenuß erheblich! ?(
LG Jussi
Rotkäppchen (07.07.2015, 00:14): Original von Jussi Na, ein Hoch auf Eure Klimaanlage! :down Die Vorstellung von Jäckchen und Schal - ein Traum! :D Als ich das letzte Mal im April in der Deutschen Oper war bei Lohengrin, hab ich 4 Stunden schrecklich geschwitzt! Das trübt ja den Musikgenuß erheblich! ?(
LG Jussi
Das mit den 4 Stunden Schwitzen erinnert mich jetzt an mein erstes Tristan-und-Isolde-Erlebnis vor vielen Jahren: da war die Semperoper noch nicht so auf dem Klimatrip wie heute und es war auch unglaublich heiß und dauerte ja noch etwas länger als 4 Stunden ... außerdem waren drei Verwandte, die sonst eher selten in die Oper gehen, dabei - die reden heute noch regelmäßig mit Schrecken von jenem Abend :P.
LG, Rk
Jussi (07.07.2015, 13:09): Original von Rotkäppchen
Das mit den 4 Stunden Schwitzen erinnert mich jetzt an mein erstes Tristan-und-Isolde-Erlebnis vor vielen Jahren: da war die Semperoper noch nicht so auf dem Klimatrip wie heute und es war auch unglaublich heiß und dauerte ja noch etwas länger als 4 Stunden ... außerdem waren drei Verwandte, die sonst eher selten in die Oper gehen, dabei - die reden heute noch regelmäßig mit Schrecken von jenem Abend :P.
LG, Rk
Oh, das tut mir leid! Solche Erfahrungen sind leider "prägend" bei Klassik-Einsteigern! :P
Meinen ersten Tristan habe ich auch in klimatechnischer Hinsicht in hervoragender Erinnerung:
Deutsche Oper, Barenboim, Inszenierung von Ponnelle mit dem unvergleichlichen Traumpaar Spas Wenkoff und Caterina Ligendza!!! :down :down :down Das war in den 80ern, aber ich träum jetzt noch davon! :wink :engel :engel
LG Jussi
Rotkäppchen (07.07.2015, 17:59): Original von Jussi ... Solche Erfahrungen sind leider "prägend" bei Klassik-Einsteigern! :P
Meinen ersten Tristan habe ich auch in klimatechnischer Hinsicht in hervoragender Erinnerung:
Deutsche Oper, Barenboim, Inszenierung von Ponnelle mit dem unvergleichlichen Traumpaar Spas Wenkoff und Caterina Ligendza!!! :down :down :down Das war in den 80ern, aber ich träum jetzt noch davon! :wink :engel :engel
Liebe Jussi, sooo schlimm war es nun auch wieder nicht, ich habe mich jedenfalls nicht beirren lassen und meine drei Verwandten, nun ja, die waren/sind alle ein ganzes Stück älter als ich, die wussten es schon irgendwie einzuordnen :wink. Um Deinen ersten Tristan beneide ich Dich sehr, aber wer weiß, vielleicht tut sich bei mir in Sachen T&I ja auch irgendwann noch etwas Erfreuliches! Bis dahin träume ich halt von anderen tollen Opernabenden :engel, alle bisher eher Wagner-frei :D (Ausnahme Lohengrin).
LG, Rk
Jürgen (03.08.2015, 15:49): Ist schon zwei Wochen her, sorry.
Dennoch, die Besetzung:
Sachs - Derrick Ballard Pogner - Hans-Otto Weiß Beckmesser - Heikki Kilpeläinen Kothner & Nachtwächter - Peter Felix David - Michael Pegher Magdalene - Linda Sommerhage Stolzing - Alexander Spemann Eva - ????, Ersatz aus Mannheim für erkrankte Vida Mikneviciute Chor und Extrachor des Staatstheaters Mainz Philharmonische Staatsorchester Mainz Musikalische Leitung - Hermann Bäumer Inszenierung - Ronny Jakubaschk
Der Sachs war sehr solide und ohne Schwächen über die gesamte Dauer. Als überragend hat er sich aber auch nicht in mein Gedächtnis eingebrannt. Der Pogner war wohlklingend und erhaben, hat mir gut gefallen. Auch der Beckmesser konnte mich stimmlich überzeugen, ebenso wie Kothner/Nachtwächter. Weniger gut gefallen hat mir der David, den ich an einigen Stellen gar nicht mehr hören konnte. Die Magdalene war ohne Höhen und Tiefen, durchaus überzeugend. Nun zum Rittersmann, der mir insbesondere in den Höhen nicht gefiel. Das klang schon ziemlich bemüht. Die Eva jedoch, die kurzfristig eingesprungen war, war ganz nach meinem Geschmack. Ein frischer, strahlender Sopran. Der Chor war prima. Prägnant, sauber aber auch druckvoll, wenn nötig. Das Orchester gefiel mir meist sehr gut, keine auffälligen Schnitzer, das Tempo für meinen Geschmack angemessen. Lediglich an lauteren Stellen wurden nicht nur die Sänger überdeckt, sondern auch die Streicher. Da ich diese Stellen anders kenne, wirkte das schon störend. Vielleicht lag es an der Akustik im 2.Rang, wo ich saß.
Nun zur Inszenierung. Bühnenbild und Kostüme waren stimmig in Schwarz/Weiss, sowie Grüntönen gehalten. Auf mich wirkte das extrem drückend und trist, eher einem Tristan denn den Meistersingern angemessen. Um so auffälliger, wie ein Fremdkörper, erscheint hingegen der Ritter Stolzing in Rottönen inkl. künstlich roter Haare. Eva und Magdalene heben sich von den restlichen Nürnbergern durch eine (leuchtend) grüne Haartracht und durch zeitgenössische Kostüme ab. Im dritten Akt wechselt Eva die Farbe und erscheint, wie der Ritter, in Rot. Abgesehen davon sind alle Kostüme der Biedermeierzeit oder der Gründerzeit entliehen (oder so ähnlich, ich kenne mich da nicht so aus). Besser ein paar Bilder: http://www.richard-wagner-werkstatt.com/kalender/szenen_bilder/9495.jpg http://www.richard-wagner-werkstatt.com/kalender/szenen_bilder/9496.jpg http://www.richard-wagner-werkstatt.com/kalender/szenen_bilder/9498.jpg Auf dem dritten Bild sieht man, dass die Meistersinger zu offiziellen Anlässen ihre Zylinder aufsetzen, die mit komischen Brillen verziert sind. Ich oute mich mal als Nichtversteher dieser Brillen. Ausserdem sieht man auf diesem Bild, das der zweiten Hälfte des ersten Akts entstammt, dass sich die verkleidete Eva unter die Meister geschmuggelt hat. Das ist ein netter Einfall, aber nicht konsequent zu ende gedacht. Schließlich erkundigt sie sich neugierig im 2. Akt nach dem Ausgang des Vorsingens in jener Szene und erschrickt sogar, als Magdalene meinte, der Ritter habe vertan. Das passt dann nicht mehr zusammen.
Nichtsdestotrotz sind die Meistersinger ein robustes Werk, das mir trotz und nicht wegen der Gesamtchoreographie gefallen hat.
Grüße Jürgen
Rotkäppchen (03.08.2015, 22:57): Original von Jürgen Auf dem dritten Bild sieht man, dass die Meistersinger zu offiziellen Anlässen ihre Zylinder aufsetzen, die mit komischen Brillen verziert sind. Ich oute mich mal als Nichtversteher dieser Brillen.
Hallo Jürgen, ich habe ja (evtl. berufsbedingt :D) ein besonderes Faible für optische Elemente auf der Bühne, also Spiegel, Linsen, ... oder eben auch Brillen -- falls sie geschickt eingesetzt werden. Bei den Brillen hier scheint es sich aber eher um Teile aus dem Faschings- und Scherzartikelbedarf zu handeln :J ... obwohl, wenn ich mir das Bühnenbild so ansehe, speziell diese runden Scheiben auf dem unteren Bild, scheint der Regisseur doch irgendwie eine Hang zu optischen Illusionen gehabt zu haben...
Vielen Dank für den Bericht auf jeden Fall!
LG, Rk
nikolaus (22.09.2015, 19:36): Nicht gestern, aber letzte Woche in Paris, Opéra Bastille:
Giacomo Puccini
Madama Butterfly
Musikalische Leitung: Daniele Rustoni Inszenierung: Robert Wilson etc.
Die Ästhetik Robert Wilsons mag ich grundsätzlich, und ich hatte mir gerade diese Oper geeignet dafür vorgestellt. Leider funktionierte die Inszenierung nur bedingt, besonders gut im zweiten Akt. Mir erschien das Konzept nicht konsequent umgesetzt, möglicherweise aber auch in jetzt über zwanzig Jahren etwas "verwässert". Musikalisch war es so lala: Oksana Dyka als Cio-Cio-San gefiel mir nicht so besonders; darstellerisch ganz o.k., aber stimmlich nicht so toll, sie schien alle Konzentration auf die exponierten Stellen zu legen, die dann auch gut gelangen, aber insgesamt spürte ich zuviel Anstengung. Piero Pretti als Pinkerton verfügt über eine für meine Begriffe schöne Stimme, die aber in dieser riesigen Oper an ihre Grenzen stösst. Besonders positiv sind mir Annalisa Stroppa als Suzuki und Gabriele Viviana als Sharpless sowie Mikhail Kolelishvili als Bonzo aufgefallen, sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Musikalische Leitung und Orchester waren durchaus gut.
Nikolaus.
P.S.: Hat jemand jemals eine gute Kate Pinkerton erlebt?
Rotkäppchen (17.10.2015, 22:33): Nach dreieinhalb Monaten wieder ein Liveerlebnis! Letztes Jahr wurde Richard Strauss' Opernschocker Elektra an der Semperoper neu inszeniert. Gestern fand die elfte Vorstellung dieser Inszenierung statt. Zur Regiearbeit von Barbara Frey fällt mir bestenfalls das Prädikat "stört nicht" ein, "belanglos" könnte ich auch sagen. Es wird eigentlich weder etwas erzählt noch interpretiert. Die Oper spielt in einem beschädigten holzvertäfelten Saal (laut dieser Premierenkritik handelt sich um einen Festsaal des Flughafens Berlin Tempelhof, warum auch immer), in dem ein paar Bretter herumliegen. Aber gut, natürlich darf die Bühne bei dieser Oper hässlich sein, schließlich geht es um Verfalll und Ausrottung. Leider wurde häufig im hinteren Teil der Bühne oder von einer meterhohen Balustrade gesungen, was der Balance zwischen Orchester und Singstimmen ganz empfindlich schadete. So gingen die anfängliche Mägde-Szene, Elektras Auftrittsmonolg samt ihrer "Agamemnon!"-Beschwörungen, die eigentlich der erste Gänsehautmoment sein müssen (später gab es freilich noch genug Gänsehaut...), oder auch Aegisths letzte verzweifelte Worte mehr oder weniger unter, sehr bedauerlich! Auch die Kostüme dürfen in einer Elektra-Produktion hässlich sein, sofern sie der Geschichte damit zuträglich sind. Hier ist die Kostümierung uneinheitlich, Elektra im hautengen Glitzerkleid, das am Rocksaum in eklige Zotteln mündet, Chrysothemis im knallroten 60er-Jahre-Kleidchen, später im Hochzeitskleid mit exzessivem Stehkragen, in dem sich die Sängerin sichtlich unwohl fühlte, Klytämnestra in superspießigem Oma-Outfit, ohne ein einziges Teil Schmuck oder gar Amulett, die Mägde im Business(?)look. Das Ganze lässt am ehesten eine Deutung als (warum auch immer) tragische Familiengeschichte der Nachkriegszeit zu, was ein bisschen wenig ist.
Mit anderen Worten: man konnte sich voll und ganz auf die musikalische Seite konzentrieren und zum Glück erzählt die Strauss'sche Partitur alles so genau, dass man die szenischen Ärgernisse, das Nichterzählen der Geschichte auf der Bühne, getrost vergessen kann.
Musikalische Leitung ... Axel Kober Inszenierung ... Barbara Frey Bühnenbild ... Muriel Gerstner Kostüme ... Bettina Walter
In der Premierenserie, so wird berichtet, brachten Evelyn Herlitzius in der Titelpartie und Waltraud Meier als Klytämnestra das Haus zum Kochen, was sich in 20-minütigen Standing Ovations äußerte. In dieser Serie sang die schwedische Sopranistin Iréne Theorin die Elektra und hatte also kein leichtes, um nicht zu sagen undankbares Erbe. Sie legte die Figur als schwer psychisch Gestörte an, die nicht mehr in der Lage ist, Gefühle zu zeigen. So blieb ihr Gesicht bis auf wenige Ausnahmen starr, ihre Bewegungen ungelenk. Stimmlich hatte Frau Theorin, sieht man vom verhaltenen Start (der wie gesagt auch bühnenpositionsbedingt sein konnte) ab, keine Probleme mit der, im wahrsten Sinne des Wortes, Wahnsinnspartie. Ihr an sich attraktives warmes Timbre verlor im Lauf der Aufführung zwar etwas an Schönheit, das Vibrato wurde hörbar stärker – ob Absicht oder nicht, letztlich entsprach es schlüssig dem Niedergang ihrer Figur. Die schönste Stimme des Abends gehörte Camilla Nylund, die eine wunderbare Chrysothemis sang, darstellerisch regiebedingt(?) oder gewollt aber zurückhaltend blieb. Aus der Premierenbesetzung verblieben war Waltraud Meier und hier zeigt sich sängerdarstellerisch ein gewaltiger Unterschied zwischen ihren Kolleginnen. Diese Klytämnestra-Darstellung war einfach grandios, hier fällt mir einfach nur die Phrase "sie sang und spielte ihre Figur nicht, sie war die Figur" ein, da stimmte jede Geste, jede Bewegung, alles schien echt und nie overacted. Meier gab eine zutiefst menschliche Klytämnestra, der man ihre Missetaten fast nicht glauben konnte. Bisher habe ich Waltraud Meier nie in natura gehört, habe nur einige Aufnahmen von ihr, sämtlichst älter bzw. viel älter als 10 Jahre, und war daher erfreut, dass mir ihre Stimme live noch wesentlich besser gefällt: warm, klar, farbenreich.
Fazit dieses Abends: Musikalisch sehr gut, eine großartige Sängerdarstellerin als Klytämnestra, Inszenierung taugt zu gar nichts, nicht einmal so richtig zum Aufregen. Wie hieß es verräterisch in einer der Premierenkritiken: "Die Inszenierung bezieht ihre Stärke vor allem aus der Besetzung.", nun ja ...
Gestriges Applausometer ... Dauer insgesamt: 8 Minuten (sehr ordentlich für Repertoirevorstellungen an der Semperoper), viele Bravos für die Sängerinnen der drei Hauptrollen und das Orchester.
:hello Rk
Hosenrolle1 (17.10.2015, 22:41): Ahh, Camilla Nylund wollte ich so gern in der Stop als Salome erleben, leider ging das damals nicht :(
Ansonsten: schade, dass die Inszenierung Käse war. Wenn Regisseure schon meinen, alles ändern zu müssen, sollten sie zumindest so inszenieren, dass die Sängerin nicht irgendwo im Hintergrund ihre schwierigen Stellen singen müssen.
Was mir im Bericht abgeht: wie war das Orchester? War es vollzählig? Wie wurde musiziert?
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (17.10.2015, 22:56): Also, ich habe keine Ahnung, wie das Orchester war, weil ich die Elektra noch nie live gehört habe und von Konserve auch nicht oft (3-4 mal). Subjektiv fand ich es toll, auch das, was man immer als "Durchhörbarkeit" bezeichnet, war m.E. gegeben. Ich habe zwar vor der Vorstellung den Orchestergraben in Augenschein genommen, aber da noch nicht alle Musiker und teilweise eben auch nicht alle Instrumente da waren und ich auch nicht bis zum letzten Moment dort bleiben konnte ... kann ich Dir nicht sagen, ob das Orchester vollständig war. Der Graben war jedenfalls erweitert, daran zu merken, das die erste Sitzreihe fehlte. Es gab zwei Harfen, ein wahnwitziges Teil, das wohl ein Kontrafagott war, sechs Kontrabässe und acht Celli ... Eventuell gehe ich nochmal am Donnerstag zur nächsten und letzten Elektra dieser Serie. Wenn Du mir sagst, worauf ich achten muss, kann ich nachsehen, wie das mit dem Orchester ist ...
:hello Rk
EinTon (18.10.2015, 00:17): Original von Rotkäppchen Eventuell gehe ich nochmal am Donnerstag zur nächsten und letzten Elektra dieser Serie. Wenn Du mir sagst, worauf ich achten muss, kann ich nachsehen, wie das mit dem Orchester ist ...
:hello Rk
Die Orchesterbesetzung laut Wikipedia:
Piccolo, 3 Flöten (1. auch zweite Piccoloflöte), 3 Oboen (3. auch Englischhorn), Heckelphon, 5 Klarinetten, 2 Bassetthörner, Bassklarinette, 3 Fagotte, Kontrafagott, 4 Hörner, 4 Tuben, 6 Trompeten, Basstrompete, 3 Posaunen, Kontrabassposaune, Kontrabasstuba, 6–8 Pauken, Schlagwerk mit Glockenspiel, Triangel, Becken, Tamtam, Tamburin, Kleine Trommel, Große Trommel, 2 Kastagnetten, Rute; 2 Harfen, Celesta, Streicher.
Also das alles hübsch auswendiglernen, und dann in der Aufführung unauffällig in den Orchestergraben runterlugen, alle Musiker einzeln abzählen und mit der Vorlage vergleichen...! Viel Erfolg!
Rotkäppchen (18.10.2015, 00:32): Ach du lieber Himmel – das ist ja eine Aufgabe... Na, mal sehen, wenn ich wieder einen Parkettplatz habe, wird's ohnehin schwierig. Vielleicht sollte ich vorher den Graben fotografieren und dann nachher die Anzahl der Sitze auszählen. Aber da die Anzahl der Streicher nicht genau spezifiziert ist, hilft das auch nicht richtig weiter :(
EinTon (18.10.2015, 00:35): Das mein Beitrag nicht so ganz ernst gemeint war, hast Du aber schon gemerkt? :wink :hello
Gruß,
Normann
Rotkäppchen (18.10.2015, 00:39): Na klar, hab' ich das gemerkt und mich trotzdem um eine fundierte Antwort bemüht. :D :haha :D
EinTon (18.10.2015, 00:46): OK, dann auf alle Fälle Dir viel Freude bei deinem eventuellen Elektra-Zweitbesuch am Donnerstag...! :)
Die Elektra muss ich mir demnächst mal anhören, die kenne ich nämlich bisher überhaupt nicht (bzw. nur Ausschnitte).
Viele Grüße,
Normann
Hosenrolle1 (18.10.2015, 01:03): Bei Strauss sind es 8 Kontrabässe und 12 Celli, das bedeutet, dass das Orchester schon mal nicht vollzählig war. (Hätte mich aber eh gewundert, das Orchester ist noch größer als das der Salome, das ist ja schon ein ganzes Sinfonieorchester)
Wobei, Elektra hat "nur" 4 Hörner, Salome deren 6. Dafür hat die Elektra zwei zusätzliche Blechinstrumente, die Kontrabassposaune sowie die Kontrabasstuba.
Es hätte ja sein können, dass im Programmheft etwas darüber steht, ob das Orchester verkleinert wurde.
Die zwei Harfen bei dir sind aber schon nicht schlecht, bei meiner Salome in der Volksoper gab es nur eine.
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (18.10.2015, 01:13): Original von Hosenrolle1 Bei Strauss sind es 8 Kontrabässe und 12 Celli, das bedeutet, dass das Orchester schon mal nicht vollzählig war. Fein, dann hat es sich ja gelohnt, dass ich stichprobenartig ein bisschen gezählt habe :wink. Habe mir leider nur den Besetzungszettel geleistet und da steht zwar auch ein Haufen Zeugs drin, aber zur Orchesterbesetzung nichts.
:hello Rk
PS: Falls ich es am Donnerstag schaffe, nochmal zu gehen, werde ich mich wieder ein bisschen umsehen – bei dem ganzen Schlagwerk wurde sicher ebenfalls eingespart, 6-8 Pauken standen da garantiert nicht im Graben!
EinTon (18.10.2015, 01:22): Original von Hosenrolle1 Wobei, Elektra hat "nur" 4 Hörner, Salome deren 6. Dafür hat die Elektra zwei zusätzliche Blechinstrumente, die Kontrabassposaune sowie die Kontrabasstuba.
...und 4 Wagnertuben, deren Spieler in manchen Teilen auch 4 weitere Hörner bedienen - wie bei Wagners "Ring".
Hosenrolle1 (18.10.2015, 01:28): Original von Rotkäppchen Original von Hosenrolle1 Bei Strauss sind es 8 Kontrabässe und 12 Celli, das bedeutet, dass das Orchester schon mal nicht vollzählig war. Fein, dann hat es sich ja gelohnt, dass ich stichprobenartig ein bisschen gezählt habe :wink. Habe mir leider nur den Besetzungszettel geleistet und da steht zwar auch ein Haufen Zeugs drin, aber zur Orchesterbesetzung nichts.
:hello Rk
PS: Falls ich es am Donnerstag schaffe, nochmal zu gehen, werde ich mich wieder ein bisschen umsehen – bei dem ganzen Schlagwerk wurde sicher ebenfalls eingespart, 6-8 Pauken standen da garantiert nicht im Graben!
Als ich die Salome sah, wusste ich zwar schon, dass das Orchester um knapp 40 Mann reduziert war, dennoch habe ich mich an den Graben gestellt, um zu zählen. Es aber schnell aufgegeben, weil es zu unübersichtlich war. Ein dichtes Gedränge, außerdem waren auch noch nicht alle Musiker mitsamt ihren Instrumenten an ihren Plätzen.
Ich habe deshalb in erster Linie nur per Ausschlussverfahren geschaut, was fehlt. Die zweite Harfe fehlte ganz klar, das Heckelphon ebenfalls. 8 Kontrabässe waren da, die sind leicht zu zählen, auch das Kontrafagott und die Celesta sind mir sofort aufgefallen.
Aber wenn, wie du sagst, schon zwei Kontrabässe fehlen, und die Celli auch nicht vollzählig sind, dann ist das Orchester reduziert, dann ist meine Frage eh schon beantwortet :)
Danke auf jeden Fall für die Info!
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (19.10.2015, 00:04): Original von Hosenrolle1 Es hätte ja sein können, dass im Programmheft etwas darüber steht, ob das Orchester verkleinert wurde.
So, jetzt habe ich doch noch etwas Interessantes gefunden. Die jetzige Dresdner Elektra-Inszenierung hatte ja im Januar 2014 Premiere und kurz darauf gab es offenbar eine konzertante Aufführung in gleicher damaliger (Sänger-)Besetzung in Berlin. Dazu gab es ein Programmheft, welches im Netz gelandet ist:
Dort sind Angaben zur Orchesterbesetzung drin – ob das nun identisch ist mit der Besetzung bei szenischer Elektra in der Semperoper, weiß ich nicht, die 2 Harfen, 6 Kontrabässe, 8 Celli stimmen jedenfalls...
Auch sonst ist es recht informativ, ein Abschnitt beschäftigt sich z.B. ausdrücklich mit der Motivik.
:hello Rk
Rotkäppchen (20.02.2016, 12:29): Don Carlo ist in Form einer 3er-Serie wieder zurück in der Semperoper. Von der letzten Serie hatte ich berichtet (24.06.2015, 27.07.2015, 01.07.2015), vor zwei Tagen stieg folgende Besetzung auf die meist recht leere Bühne:
- Musikalische Leitung – Paolo Arrivabeni
Filippo II. – René Pape Elisabetta – Barbara Haveman Don Carlo – Massimo Giordano Eboli – Ekaterina Gubanova Rodrigo – Christoph Pohl Großinquisitor – Michael Eder Conte di Lerma – Timothy Oliver Tebaldo – Nadja Mchantaf Ein Herold – Gerald Hupach Gräfin d'Aremberg – Kira Tabatschnik Ein Mönch – Peter Lobert Stimme von oben – Menna Cazel Erster Flandrischer Deputierter – Evan Hughes Zweiter Flandrischer Deputierter – Matthias Henneberg Dritter Flandrischer Deputierter – Peter Lobert Vierter Flandrischer Deputierter – Bernhard Hansky Fünfter Flandrischer Deputierter – Allen Boxer Sechster Flandrischer Deputierter – Hans-Joachim Ketelsen
Sächsischer Staatsopernchor Dresden Sinfoniechor Dresden – Extrachor der Semperoper Dresden
Sächsische Staatskapelle Dresden
--
Am besten ich fange mit zwei Begebenheiten an, die ich so noch nie erlebt habe. Erstens: der Besucher, der neben mir saß, hat laut geschnarcht. Zweitens, es gab während des achtminütigen Schlussapplauses kollektive Buhs für den Sänger der Titelrolle (hat mich etwas überrascht) und den Dirigenten (hat mich nicht überrascht). In anderen Opernhäusern sind Buhs natürlich überhaupt nichts besonderes, aber bzgl. der Semperoper kann ich mich nicht erinnern, schon einmal solche Emotionen im Publikum mitbekommen zu haben. Insofern war es ein spannender Abend! Was die szenische Umsetzung angeht, war das o.g. Schnarchen des Besuchers neben mir bezeichnend, aber davon hatte ich ja letztes Jahr berichtet, das war zu erwarten gewesen. Die Blechbläser erwischten einen Kaltstart und wurden auch in den folgenden Stunden nicht warm, es war sogar für meine wirklich nicht sehr Tonhöhen-sensitiven Schweinsöhrchen unangenehm, ganz zu schweigen von der grobschlächtigen höllisch lauten Auslegung der Partitur, stellenweise einfach nur entsetzlich. Auf der Habenseite standen sehr schöne Streicherpassagen, die temporär das geschädigte Trommelfell versöhnten. Sehr gut sangen die beiden weiblichen Protagonistinnen. Barbara Haveman war eine ausdrucksstarke, schön timbrierte Elisabetta, ihr Schlussgesang brach einem das Herz und bekam starken Szenenapplaus. Die fragil-schmerzvolle Gesamterscheinung der Sängerin passte auch ganz wunderbar zur Elisabetta, dass sie zu Beginn manchmal etwas im Orchester unterging, sei gern verziehen. Ekaterina Gubanova war die Eboli, sie gab der Figur überraschenderweise etwas kühl-intellektuelles, sang die Koloraturen des Scheierliedes sorgfältig (freut mich als Barockfan natürlich besonders). O don fatale wurde stürmisch gefeiert, ebenso wie Filippos Monolog Ella giammai m'amo, den René Pape wieder ganz großartig zelebrierte. Damit sind die Highlights genannt. Als Großinquisitor war erneut Michael Eder von der Partie, der einfach keinerlei Aura erzeugen kann, weder stimmlich noch darstellerisch, dadurch verpuffte das Bass-Duell. Und was machten die beiden Freunde Posa und Carlo? Massimo Giordano begann vielversprechend und durchaus schönstimmig, ließ aber im Verlauf der Aufführung nach, musste zum Schluss mit hohem Druck singen, vielleicht deshalb die Buhs, die ihn im Übrigen nicht zu stören schienen. Er blieb extra lang vor dem Vorhang, winkte, verteilte Küsschen, offenbar gefiel ihm die Kontroverse zu seinem Gesang. Christoph Pohl gab einen jugendlich-leidenschaftlichen Posa, sein Bariton klingt warm aber auch viril. Die Restate!-Szene wirkt in dieser Inszenierung leider nicht besonders spannend, offenbar egal wer auf der Bühne steht (drei verschiedene Kombinationen Posa-Filippo habe ich ja schon erlebt, es war immer an der Grenze zur Langeweile). Ich weiß nicht woran es genau liegt. Pohl bekam zum Schluss vor allem Jubel von weiblichen Opernbesuchern im Parkett (Gubanova ebenso), Pape mehr von männlichen Besuchern im Rang, Haveman bekam gemischten Jubel von beiden Parteien, die Buhrufer waren männlich und im Parkett lokalisiert – der interessanteste Applaus seit langer Zeit! Und was sagten die Leute auf dem Heimweg in der Straßenbahn: Ja, schön war sie, die Musik. Na klar, war halt ein Könner, der Verdi :D :engel .
:hello Rk
stiffelio (21.02.2016, 15:03): Liebe Rotkäppchen,
na ja, mit dieser Inszenierung bzw. mit ihrer Umsetzung durch die Sänger scheint wirklich was im Argen zu liegen, wenn der interessanteste Teil einer Don Carlo-Aufführung der Applaus ist...Dabei klingt "jugendlich-leidenschaftlich" für den Posa eigentlich sehr positiv - und trotzdem hat es weder mit der Restate!-Szene noch mit Posas Todesszene so richtig gefunkt? Massimo Giordano ist fraglos schon ziemlich alt für den Carlo, die wenigen Male, die ich ihn erlebt habe (zuletzt in einer Manon-TV-Übertragung) fand ich ihn aber eher besser als die meisten Reszensenten ihn beschrieben.
Herr Arrivabeni ist mir von einer interessanten Holländer-Inszenierung in (guter) Erinnerung, aber Wagner ist halt nicht Verdi :wink.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (21.02.2016, 20:35): Liebe stiffelio,
ja, es ist zum Verzweifeln mit dem Dresdner Don Carlo! Die Todeszone war schon ganz in Ordnung, Pohls Posa ist durchaus glaubwürdig und berührend gestorben, nur Herr Giordano neigte zur Übertreibung, während er sonst viel mit pauschalem Händeringen etc. unterwegs war. Ich hatte mich auch erinnert, Giordano schon mal im TV gesehen zu haben (Manon Lescaut mit Eva-Maria Westbroek, meinst Du diese Übertragung?) ohne dass er irgendeinen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht hatte, außer, dass mir sein Timbre nicht besonders gefallen hat. Da muss ich nun sagen, live klang er besser, ließ aber, wie geschrieben, im Laufe der Vorstellung stark nach. So super alt ist er auch nicht gar nicht, 45, da sollte der Carlo eigentlich schon noch drin sein.
Die Restate!-Szene war zum einen orchestral schleppend und auf der Bühne war Ödness. Natürlich gibt es Gründe, dass Posa und König sich z.B. nicht großartig anschauen bzw. sonstwie interagieren, Abstand halten, das kann man vielleicht schon so inszenieren. Aber es hat auf mich halt nicht gewirkt. Bin versucht zu behaupten, dass René Pape auch darstellerisch im Schongang unterwegs war. Es schien als hätte er sich alle Kraft für seine große Soloszene aufgehoben und sonst war er eher phlegmatisch.
Die letzte Carlo-Serie in Dresden wurde ja auch schon von Herrn Arrivabeni dirigiert, da hatte ich nicht so einen krass negativen Eindruck, aber vielleicht bin ich momentan auch empfindlicher drauf als damals.
Jedenfalls lasse ich es diesmal bei einer Vorstellung, selbst wenn mich interessieren würde, ob in den beiden anderen Vorstellungen der Serie wieder gebuht wird :P.
Herzliche Grüße, Rotkäppchen
stiffelio (21.02.2016, 21:34): Liebe Rotkäppchen,
Original von Rotkäppchen Manon Lescaut mit Eva-Maria Westbroek, meinst Du diese Übertragung? ja, genau die meinte ich. Vielleicht schlägt die Inszenierung ja auch den Sängern aufs Gemüt, wenn gerade "alte Hasen" wie Pape lustlos unterwegs waren.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (21.02.2016, 23:40): Original von stiffelio ... Vielleicht schlägt die Inszenierung ja auch den Sängern aufs Gemüt, wenn gerade "alte Hasen" wie Pape lustlos unterwegs waren.
Ja, es ist alles ziemlich in Schwarz gehalten, vielleicht ist Herr Pape darauf empfindlich ... :wink
Falls der Don Carlo in der nächsten Spielzeit in anderer Besetzung wieder auftauchen sollte, mache ich nochmal einen Versuch, aber jetzt reicht' s mir erstmal :P. LG, Rk :hello
Rotkäppchen (24.02.2016, 22:17): Soll ich das Kurioseste, das mit dem Wagnerischen Opus nichts zu tun hat (oder doch?), als erstes erzählen? In der zweiten Pause stöpselte ein Besucher Kopfhörer an sein Smartphone und in seine Ohren und hörte ... Musik (wäre interessant zu wissen, was er da hörte) :D; so eine Pausenbeschäftigung habe ich bisher nie in der Oper beobachtet.
Ein kräftezehrendes Werk für alle Beteiligten, durchaus auch für's Publikum, zumal in der Woche nach der Arbeit. Vielleicht blieben deshalb eine beachtliche Anzahl Parkettplätze leer.
Ich habe die Geschichte dieses Dresdner Ringes (in dieser Spielzeit ist ausschließlich die Walküre zu sehen, dreimal insgesamt) nicht verfolgt, gestern jedenfalls lief die Walküre zum 25. Mal in einer Inszenierung von Willy Decker, die im November 2001 Premiere hatte. Das ist ja schon ein, sagen wir, mittleres Alter, aber alles war erfreulich sorgfältig einstudiert und überhaupt ist die präzise Personenregie, bei der alle Beteiligten gut mitzogen, ein großer Pluspunkt dieser Produktion. Apropos Beteiligte .. das waren die folgenden:
-- Musikalische Leitung ... Christian Thielemann Inszenierung ... Willy Decker Bühnenbild ... Wolfgang Gussmann Kostüme ... Wolfgang Gussmann, Frauke Schernau
Siegmund ... Christopher Ventris Hunding ... Georg Zeppenfeld Wotan ... Markus Marquardt Sieglinde ... Petra Lang Brünnhilde ... Nina Stemme Fricka ... Christa Mayer Helmwige ... Christiane Kohl Gerhilde ... Sonja Mühleck Ortlinde ... Irmgard Vilsmaier Waltraute ... Christina Bock Siegrune ... Julia Rutigliano Roßweiße ... Simone Schröder Grimgerde ... Constance Heller Schwertleite ... Nadine Weissmann
Sächsische Staatskapelle Dresden
--
Das Konzept ist eines, dass man aus vielen Inszenierungen kennt, nämlich Theater im Theater, eine variable Anzahl von Theaterstühlen auf der Bühne gibt das zu verstehen, und Wotan ist offenbar alles auf einmal, Intendant, Regisseur, Darsteller des Wotan, aber eben auch Wotan selbst. Er wechselt immer wieder zwischen den Ebenen. Handelt es sich um ein gewöhnliches Theater oder um das ganz große Welttheater? Ist das alles logisch? Vielleicht. Vielleicht auch nicht, aber über weite Strecken unterhaltsam und das ist schon nicht wenig bei einem Werk dieses Ausmaßes.
Die Attraktivität des Bühnenbildes steigert sich kontinuierlich über die drei Akte hinweg. Kostümmäßig ist die Produktion so zwischen zeitgenössisch und zeitlos angesiedelt, phantasievoll angehauchter Businesslook für alle. Die Kostüme ließen sich durchaus auch in anderen Opern verwenden. Siegmund und Sieglinde in weiß, Hunding in braun, der Rest steht eher auf schwarz. Herausragend die feuerroten Frisuren bei Brünnhilde und ihren Schwestern, superfesch und aufregend, die Mädels!
(1. Akt) Ein holzverkleidetes Riesenwohnzimmer, spärlich eingerichtet, eine Tür, zwei Holzstühle, ein Hochzeitsbild von Sieglinde und Hunding, und eine Säule, in der das Zauberschwert Nothung steckt. Letzteres dient Hunding als Kleiderhaken für seinen Trenchcoat, kein Wunder, dass Siegmund ewig nicht rafft, was es damit auf sich hat. Wie die Sache mit dem Schlaftrunk gelöst war, konnte ich leider von meinem Platz aus nicht sehen. Wie schon angedeutet – die Interaktion zwischen den Personen war sehr schön herausgearbeitet, was die triste Szene vergessen machte. Ich habe diese Oper ja bisher nicht sehr oft gehört, live noch nie, und war erstaunt, wie fast kammermusikalisch dieser erste Akt über große Strecken ist. Dass das Theatergestühl später als Lokalität für Sieglindes/Siegmunds Zweisamkeit genutzt wird, war zwar akzeptabel, aber nicht besonders stimmungsvoll, was aber auch an den beiden Darstellern gelegen haben kann.
(2. Akt) Optisch wesentlich interessanter. Wotan residiert in einem Atelier mit grellweißen Modellen diverser Bauten (wenn mich nichts alles täuscht, war z.B. das Bayreuther Festspielhaus unter den Modellen, ein kleine Spitze gegen die wagnerische Hybris?) und Statuen und versucht sich seine Welt zusammenzubasteln. An den Modellen kann er effektvoll seinen Zorn auslassen, als Fricka ihm einen Strich durch die Rechnung macht. Der Showdown, der Siegmund und Hunding das leben kostet, findet wieder stark seitlich statt, so dass ich darüber nicht berichten kann.
(3. Akt) Noch interessanter. Die Realisierung des Walkürenritts gelang auf witzige Art und Weise, fast eine Parodie. Die Mädels schweben auf riesigen Metallpfeilen auf die jetzt komplett als Theater-Zuschauerraum präparierte Bühne. Die Pfeile wirken sehr technisch, warum die Dinger ein Loch- oder gar ein Gewinderaster haben, wer weiß das schon. Spaßig drauf sind sie, bis Brünnhilde bzw. Wotan kommen, dann ist Schluss mit der guten Laune. Der Feuerzauber ist minimalistisch aber dank sehr schöner Beleuchtung eindrucksvoll gelöst, Brünnhilde besteigt eine Halbkugel (Erde, Mond, Sonne?) im Hintergrund (bzgl. des Theaters im Theater ist das genau die Bühne) und schlummert ein.
Insgesamt fand ich die szenische Umsetzung in Ordnung, die weniger gelungenen Aspekte störten nicht großartig, Personenregie sehr gut, mehrere optisch gelungene Ideen; der ganz große Wurf wohl eher nicht. Die allumfassende Logik dahinter ist mir im Moment noch verborgen, vielleicht braucht es dazu die anderen Ringteile.
Am wichtigsten sind mir in der Oper die Sänger und da gibt es einiges Positives zu berichten. Ich beginne mit den Walküren, die ich mangels genauer Werkkenntnis nicht unterscheiden kann. Die anfänglichen Hojotohos waren leider in den Sand gesetzt, weil schlecht hörbar, aber dann wurde es viel besser und auch darstellerisch waren die Damen ein gutes Team. Jetzt zu den beiden tödlich Verwundeten, die nach dem 2. Akt den Heimweg antreten konnten. Christopher Ventris sang den Siegmund mit starkem Akzent, so dass von Zeit zu Zeit enervierend war, monochrom und trocken. Auch darstellerisch sprang der Funke an keiner Stelle über, auch wenn er sicher alles, was regieseitig vorgesehen war, tat, es war wirkungslos. Ein Fremdkörper. Vielleicht war genau das Absicht, wer weiß. Ganz anders Georg Zeppenfeld als äußerst brutal gezeichneter, fast schon überzeichneter Hunding, der angesichts dieses Charakters fast zu schön sang (aber an exponierten Stellen auch expressiv hässlich und das war richtig klasse!). Eigentlich schade, dass er in seinem Stimmfach öfters solche eindimensionalen Typen geben muss. Ebenfalls nach dem 2. Akt hatte Christa Mayer, die die Fricka tadellos mit leicht hysterischer Stimmfärbung sang, Feierabend. Zeppenfeld und Mayer bekamen heftigen Applaus, für Herrn Ventris war auch noch allerhand Zuspruch übrig. Die anderen drei Hauptrollensänger mussten bis zum Schluss durchhalten. Dass das Zwillingspaar keinen großen Theaterzauber verströmte lag eben nicht nur am Darsteller des Siegmund sondern auch an Petra Lang, die die Sieglinde gab. Man kann ihr eigentlich nichts vorwerfen, ich fand die stimmliche Gestaltung auch gut, aber darstellerisch war es bestenfalls solide. Von ganz anderem Kaliber hingegen: Nina Stemme (Brünnhilde) und Markus Marquardt (Wotan). Hier waren zwei echte Sängerdarsteller am Werk und wegen der beiden hat sich dieser Opernbesuch auch mehr als gelohnt und wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben! Nina Stemma war zudem wunderbar anzuhören, dunkel timbriert, in der Höhe ohne Verlust an Schönklang und ein übermäßiges Vibrato konnte man ihr an diesem Abend auch nicht ankreiden. Sie erntete (neben C. Thielemann und der Staatskapelle) den stärksten Applaus. Mein Favorit war jedoch Markus Marquardt, der einen absolut spannenden Wotan gab. Ich sage jetzt nicht grandios oder wunderbar (obwohl ich persönlich es so empfunden habe), weil seine Stimme eigentlich für diese Partie nicht voluminös genug zu sein scheint, unter Druck ein ziemlich langwelliges Vibrato entwickelte und er einige Höhen auffallend vorsichtig anging. Aber abgesehen von solchen Problemstellen lieferte er eine unglaublich packende Darstellung und das betrifft sowohl die Bühnenpräsenz als auch den Einsatz verschiedener Stimmfarben und nicht zuletzt die Wortdeutlichkeit. Noch nie habe ich Wotans ellenlange Monologe als so kurzweilig und sinnvoll empfunden. Nach dem wohlbekannten nur Eines will ich noch:das Ende ... herrschte wirklich totale Stille im Opernhaus. :down Über die Sächsische Staatskapelle zu schwatzen, dazu fühle ich mich weniger berufen. Nur soviel: es klang alles viel besser als beim desaströsen Don Carlo letzte Woche, was ich allerdings auch erwartet hatte.
Für die Statistik: ca. 9 Minuten Beifall am Ende.
:hello Rk
stiffelio (25.02.2016, 19:59): Liebe Rotkäppchen,
danke für deinen ebenso ausführlichen wie kurzweiligen Bericht! :thanks Am wichtigsten in der Walküre ist mir ein überzeugend dargestellter Wotan, daher hätte mir diese Aufführung trotz Abstrichen bei Siegmund und Sieglinde evtl. auch gefallen können.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (25.02.2016, 21:11): Liebe stiffelio,
darauf hätte ich auch gewettet, dass Dir der Wotan am wichtigsten ist :wink. Bei mir war das bis vorgestern ganz indifferent, aber seit dieser Aufführung finde ich den Wotan auch am interessantesten. Nur das Theater im Theater hätte Dich wahrscheinlich ziemlich genervt.
Im Netz hat die Aufführung nicht viele Spuren hinterlassen, bisher ist nur eine Kritik eines spanischen Opernreisenden aufgetaucht ... für mich etwas mühsam, die skurrilen Ergebnisse des Google-Translators zu ordnen. Der Rezensent geht mit dem Abend härter ins Gericht als ich, aber tendenziell machte er ähnliche Beobachtungen (auch stimmt seine Messung der Applauszeit mit meiner überein :D).
Herzliche Grüße, Rk :hello
Hosenrolle1 (25.02.2016, 21:26): Hier eine Rezension zu jener welcher Inszenierung: http://opernnetz.de/Seiten/Aktuelle_Auffuehrungen/Dresden_Walkuere_Hoelscher_160220.html
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (25.02.2016, 21:56): Danke für den Link! ... hab's gerade gelesen. So angestaubt fand ich es nun auch wieder nicht, aber das kommt sicher auch darauf an, wieviele Walküren man schon gesehen hat. Interessant auch, dass dieser Rezensent sehr gnädig mit eigentlich allen Sängern ist. Klar, er bezieht sich auf eine andere (die vorherige) Aufführung, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass es sooo riesige Unterschiede gab. Na, wer weiß...
LG, Rk
Hosenrolle1 (25.02.2016, 22:04): Was mich an der Rezi gestört hat war, dass gemeint wurde, dass die Inszenierung "nicht mehr in unsere heutige Zeit passt". Aber bitte ...
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (25.02.2016, 22:11): Ja, das ist in der Tat recht seltsam. Wenn irgend etwas blöd an der Inszenierung ist, dann war es das sicher auch schon vor 15 Jahren :P.
:hello Rk
Rotkäppchen (26.02.2016, 21:30): Original von Rotkäppchen Im Netz hat die Aufführung nicht viele Spuren hinterlassen, bisher ist nur eine Kritik eines spanischen Opernreisenden aufgetaucht ...
So, inzwischen sind doch einige Berichte bzw. Kritiken zur Aufführung am 23.2. zu finden. Nicht, dass selbige meine Liveerlebnis irgendwie verändern. Aber mich beschäftigt der Abend nach wie vor und daher waren mir diese drei recht verschiedenen Meinungen interessant:
DRESDEN/ Semperoper: DIE WALKÜRE unter Thielemann (Online-Merker) ... kann ich irgendwie nicht ernst nehmen.
Richard Wagner, Die Walküre - Semperoper Dresden (operaticmusicologist.blogspot) ... damit bin ich doch sehr d'accord (außer was Ventris' Siegmund und die Personenregie betrifft).
Viele Grüße, Rk :hello
Hosenrolle1 (26.02.2016, 22:46): Original von Rotkäppchen DRESDEN/ Semperoper: DIE WALKÜRE unter Thielemann (Online-Merker) ... kann ich irgendwie nicht ernst nehmen.
Und nachdem ich sie jetzt auch gelesen habe, kann ich dir nur zustimmen.
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (05.05.2016, 17:47): Mathis der Maler, ein selten gespieltes Werk von Paul Hindemith, der das Libretto zu dieser "Oper in sieben Bildern" selbst verfasste, hatte am 1. Mai an der Dresdner Oper Premiere. Es gab fast nur positive Kritiken, z.B. hier:
Deswegen war ich sehr gespannt auf die zweite Aufführung, die gestern über die Bühne ging und von der ich kurz berichte.
Vielleicht ein paar Worte zum Werk vorab. Mathis der Maler, uraufgeführt 1938 in Zürich, ist eine Künstleroper, die sich mit der Entwicklung des Malers Matthias Grünewald, an dessen Leben und Werk sich Kunsthistoriker wegen der lückenhaften Quellenlage bis heute die Zähne ausbeißen, zur Zeit von Reformation und Bauernkriegen beschäftigt. Kernpunkt ist u.a. die Frage, ob sich ein Künstler in politischen Extremsituationen weiter mit seiner Kunst beschäftigen soll und kann oder ob er sich einmischen soll. Mathis entsagt der Kunst, zieht in den Kampf und kehrt schließlich zur Kunst zurück, um seine Erfahrung von Leid, Elend und Tod in sein größtes Werk, den Isenheimer Altar, zu transformieren. In den sieben Bildern steckt wesentlich mehr als dieses Grundgerüst, außer der Titelfigur gibt es, neben einer beachtlichen Anzahl kleinerer vor allem männlicher Rollen, weitere interessante, zwiespältige, z.T. rätselhaft sperrige Charaktere, etwa Mathis' anfänglichen Dienstherrn, den Kardinal Albrecht oder Mathis' Geliebte Ursula, die sich heroisch aus rein strategischen Gründen Albrecht als Ehefrau anbietet (was dieser ablehnt...) usw.. Wichtig ist zudem, dass Hindemith seinen Titelhelden auch als Alter Ego sah, denn aufgrund der bekannten Umstände in der Entstehungszeit sah sich der Komponist als Künstler mit genau diesen existentiellen Fragen konfrontiert.
Die Dresdner Produktion unter der Regie von Jochen Biganzoli verpflanzt die Geschichte fast komplett in die Gegenwart, bordet über an Bildern, Assoziationen und Inszenierungsideen. Manches ist gelungen, anderes weniger. Das Ganze wirkt nicht unbedingt stringent, sondern kaleidoskopartig, was aufgrund der mannigfachen Aspekte, Probleme und Fragen, die im Libretto verankert sind, grundsätzlich in Ordnung ist. In mehreren der oben verlinkten Kritiken wird die szenische Umsetzung des letzten Bildes kritisiert. Dem muss ich mich anschließen. Dort wird nämlich die Gegenwart verlassen und in die Entstehungszeit geblendet – Regina, Mathis' Ziehtochter, zieht sich einen Mantel mit Judenstern an und geht von der Bühne. Dieser Holzhammer ist aufgrund der vielen vorangegangenen suggestiven, eindrucksvollen, erschütternden (Gegenwarts-)Bilder völlig unnötig und ein Ärgernis ersten Ranges.
Hier die Ausführenden (komplett an dieser Stelle: https://www.semperoper.de/spielplan/stuecke/stid/mathis/60549.html#a_23764):
Musikalische Leitung ... Simone Young Inszenierung ... Jochen Biganzoli
Albrecht von Brandenburg ... John Daszak Mathis ... Markus Marquardt Hans Schwalb ... Herbert Lippert Ursula ... Annemarie Kremer Regina ... Emily Dorn Gräfin Helfenstein ... Christa Mayer
u.a.
Auch bezüglich der musikalischen Umsetzung bin ich zweigespalten. Ich hatte mich diesmal vorbereitet – mit dieser Aufnahme:
https://youtu.be/l4bB_WY-lZM
von der ich vermute, dass es sich um eine (Studio-)Einspielung unter Rafael Kubelik von 1977 mit Dietrich Fischer-Dieskau in der Titelrolle handelt (kann das jemand bestätigen oder mich korrigieren? ... nach der ca. 8-minütigen Ouvertüre geht die Oper mit einem Mathis-Monolog los
> könnt Ihr kurz reinhören und den Sänger identifizieren?).
Das war gut und schlecht zugleich. Gut, weil sich diese doch komplexe Oper ganz bestimmt nicht beim ersten Hören erschließt. Schlecht, weil es eine Aufnahme mit tollen Sängern ist. Jedenfalls fiel das Live-Erlebnis stark bis sehr stark ab. Wenn man die kleinen und sehr kleinen Rollen ausklammert, bleiben drei ziemlich umfangreiche Rollen (Mathis, Albrecht, Ursula) und drei nicht ganz so lange aber trotzdem exponierte Rollen (Schwalb, Regina, Gräfin) übrig. Darstellerisch kann man keinem der Interpreten etwas vorwerfen, die Rollenporträts dieser sechs Figuren kamen allesamt stimmig, fiebrig, berührend, je nach Figur, über die Rampe, aber schön anzuhören war für meine Ohren keine bzw. keiner. Ich habe jetzt lange überlegt, ob ich ins Detail gehe, belasse es aber dabei, da ich plane, mir noch eine Aufführung anzuhören, um meinen Eindruck zu überprüfen, in der Hoffnung, danach Erfreulicheres zu berichten.
Der Applaus am Schluss der vierstündigen Aufführung war eher schlapp, fünf Minuten, wenig Emotionen.
Beste Grüße, Rk
stiffelio (08.05.2016, 19:30): Liebe Rotkäppchen,
danke für deinen Anstoß, mich wenigstens kurz mal mit dieser thematisch sehr interessanten Oper zu beschäftigen. Wie hast du denn speziell die Musik (abgesehen von den Sängerleistungen) insgesamt empfunden? Hindemith steht mir alles andere als nah, vorsichtig ausgedrückt. Vom Anfang der Ouvertüre war ich überrascht, der hat mir ausnehmend gut gefallen (fast fühlte ich mich an Wagner erinnert). Aber schon nach wenigen Minuten ging es über in etwas, dem ich nur noch sehr schwer folgen konnte. Möglich, dass ich mich irgendwann hineinhören könnte, wie es auch bei Janacek war. Aber bei Janacek empfinde ich die Dissonanzen irgendwie als "notwendiger", sich zwangsläufiger ergebend. Dieser wechselnde Eindruck - mal sehr bestechend, mal fremd - zog sich durch den gesamten, 7minütigen Auszug hindurch, der dem Interview mit Thomas Hampson über die Züricher Aufführung 2012 hinterlegt ist (https://www.youtube.com/watch?v=5JyW80utT6I).
Zu deiner vermutlichen Kubelik-Einspielung kann ich leider nichts Sicheres sagen. Von der Diktion her könnte das m.E. gut Fischer-Dieskau sein, aber sicher bin ich nicht. Die Klangfarbe kommt mir ein Quentchen dunkel für ihn vor, das könnte aber auch an der Aufnahme bzw. Wiedergabe liegen.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (08.05.2016, 22:37): Nachdem ich, wie weiter oben nachzulesen ist, im Februar durch eine sehr gute Dresdner Aufführung der Walküre zu einem nachhaltigen Theatererlebnnis gekommen bin, dachte ich, warum nicht auch mal eine Leipziger Walküre probieren? Mit dem ICE ist es nur eine reichliche Stunde von Dresden bis Leipzig und die Leipziger Oper ist praktischerweise nur 5 Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Die Vorstellung vom 6. Mai, die Teil eines kompletten Rings ist/war, war im Webshop der Leipziger Oper lange ausverkauft, aber dann tauchten doch wieder freie Plätze auf und ich konnte zuschlagen. Also nix wie hin!
Die Leipziger Walküren-Produktion ist vergleichsweise jung, 2013 war Premiere, die besuchte Vorstellung war die zehnte seitdem. Die Regisseurin Rosamund Gilmore ist auch Choreografin und daher waren allerhand Tänzer am Werk, was ich weder als erhellend noch als besonders störend empfunden habe, teilweise war es ganz drollig anzusehen. Der erste Akt spielt in einer Art Bunker, der auf moderne Zeiten schließen ließe, allerdings sind Sieglinde und Hunding kostüm- und personenführungsmäßig eher hausbacken angelegt, wohingegen Siegmund im T-Shirt aus einer späteren Zeit zu kommen schien, ebenso wie Brünnhilde und ihre Schwestern im Militarylook. Akt 2 und 3 werden eingerahmt von diversen Mauerfragmenten, deren Torbögen szenisch geschickt genutzt werden, sehr gut auch die Lichtregie. Alles in allem konnte ich kein auffallend stringentes Konzept erkennen, aber mit passenden Sängerdarstellern kann trotzdem ein spannender Abend daraus werden und das war insgesamt tatsächlich der Fall, zum Teil unbeabsichtigt, aber dazu später mehr.
Zieht man die Lautstärke des Publikumszuspruches als Maßstab heran, war der Siegmund von Andreas Schager der größte Pluspunkt des Abends. Er wurde nach dem ersten und zweiten Akt jeweils gefeiert wie ein Popstar im Fußballstadion. Ich hatte diesen Sänger bisher noch nicht live erlebt und muss sagen, er ist ein Ereignis: elektrisierendes Timbre und scheinbar Power ohne Ende, an etwas kultivierterem Gesang arbeitet er bestimmt noch; außerdem ist er eine attraktive Bühnenerscheinung und sprang auf der Bühne herum wie ein wildes Fohlen, die Wälserufe waren unglaublich lang, zwei richtig tolle Zirkusnummern! Fast ebenso stürmisch wurde Christiane Libor, die aus der regieseitig sehr konservativ angelegten Sieglinde das Beste machte, gefeiert. Ein voller, auch in der Höhe runder, kräftiger Sopran. Den Hunding gab Rúni Brattaberg, ein stimmgewaltiger Sänger, der typenmäßig sehr gut zu dieser Rolle, die bzgl. Personenführung wie die Sieglinde leider auch unterbelichtet bleibt, passt. Interessant, weil weder als Vettel noch als Drache oder Xanthippe, ist dagegen Fricka gezeichnet: Kathrin Göring gibt eine würdevolle, ernste und noch recht junge Ehefrau mit hellem, klarem Mezzosopran. Sie führt ein subtiles Gespräch mit ihrem Bühnenehemann – eine der spannendsten Szenen des Abends! Sehr gut gefallen hat mir, aus den gleichen Gründen wie in Dresden (und mit den gleichen Abstrichen), der Wotan von Markus Marquardt. Allerdings verpasste der Sänger seinen Auftritt im 3. Akt, was, wenn man diesem Bericht: LEIPZIG: DIE WALKÜRE – Zyklische Aufführung des Rings glaubt, gar nicht seine Schuld war, die Aufführung aber besonders unvergesslich machte :D. Eva Johansson fiel als Brünnhilde etwas von der übrigen Besetzung ab, ihre Stimme schien viel zu fragil für diese Partie. Das Gewandhausorchester unter Ulf Schirmer war mir persönlich zu archaisch, zu laut, teilweise grenzte das an Körperverletzung, zumal die Leipziger Oper kein riesiges Haus ist, was natürlich nichts über die Orchesterleistung an sich sagt. Das Publikum schien sich bzgl. Lautstärke anpassen zu wollen, der Applaus war z.T. ohrenbetäubend, aber mit acht Minuten von durchschnittlicher Dauer.
Ein paar optische Eindrücke gibt es hier (mit der Premierenbesetzung, die aber zum Großteil mit der Besetzung vom 6.5.2016 identisch ist): https://youtu.be/U0PquugPBdw
:hello Rk
Rotkäppchen (08.05.2016, 23:01): Original von stiffelio Liebe Rotkäppchen,
danke für deinen Anstoß, mich wenigstens kurz mal mit dieser thematisch sehr interessanten Oper zu beschäftigen. Wie hast du denn speziell die Musik (abgesehen von den Sängerleistungen) insgesamt empfunden? Hindemith steht mir alles andere als nah, vorsichtig ausgedrückt. Vom Anfang der Ouvertüre war ich überrascht, der hat mir ausnehmend gut gefallen (fast fühlte ich mich an Wagner erinnert). Aber schon nach wenigen Minuten ging es über in etwas, dem ich nur noch sehr schwer folgen konnte. Möglich, dass ich mich irgendwann hineinhören könnte, wie es auch bei Janacek war. Aber bei Janacek empfinde ich die Dissonanzen irgendwie als "notwendiger", sich zwangsläufiger ergebend. Dieser wechselnde Eindruck - mal sehr bestechend, mal fremd - zog sich durch den gesamten, 7minütigen Auszug hindurch, der dem Interview mit Thomas Hampson über die Züricher Aufführung 2012 hinterlegt ist (https://www.youtube.com/watch?v=5JyW80utT6I).
Zu deiner vermutlichen Kubelik-Einspielung kann ich leider nichts Sicheres sagen. Von der Diktion her könnte das m.E. gut Fischer-Dieskau sein, aber sicher bin ich nicht. Die Klangfarbe kommt mir ein Quentchen dunkel für ihn vor, das könnte aber auch an der Aufnahme bzw. Wiedergabe liegen.
VG, stiffelio
Liebe stiffelio,
jetzt habe ich ewig an meinem Senf zur Leipziger Walküre gebastelt (bei mir war's opernmäßig die letzten Tage etwas dicht nach längerer Pause :wink) und fast Deinen Beitrag übersehen, über den ich mich erstmal sehr freue. Mir ist die Musik, wenn ich bei dem Vergleich mit Janacek bleibe, eigentlich nicht wesentlich "fremder". Verglichen z.B. mit den zwei Opern von Alban Berg, die ungefähr in die gleiche Zeit fallen, geradezu ein Ohrenschmaus :D. Viel sperriger kommt mir eigentlich der Text vor und einige der Figuren, außer der Hauptfigur selbst. Bezüglich des Aufwandes beim Einhören und Einarbeiten finde ich den Mathis jetzt nicht viel "schlimmer" als z.B. die späten Wagner-Opern.
Wie schon geschrieben, ich möchte auf jeden Fall nochmal reingehen und weiter an dem Stück dranbleiben. Dann kann ich mich hoffentlich auch detaillierter äußern. Wahrscheinlich habe ich den Sängern auch Unrecht getan, da es erst die zweite Aufführung war und wohl keiner der Beteiligten die Oper vorher jemals in einer anderen Produktion gesungen hat.
LG und bis bald, Rk
Rotkäppchen (09.05.2016, 22:23): Original von stiffelio .......... Dieser wechselnde Eindruck - mal sehr bestechend, mal fremd - zog sich durch den gesamten, 7minütigen Auszug hindurch, der dem Interview mit Thomas Hampson über die Züricher Aufführung 2012 hinterlegt ist (https://www.youtube.com/watch?v=5JyW80utT6I).
Diese Mathis-Inszenierung sieht im übrigen sehr interessant aus -- danke für den Link :thanks; weniger futuristisch als das, was die Dresdner gerade auf die Bühne gebracht haben, eher stilisierend. Und bei dem Cast hätte man das eigentlich auf DVD bannen müssen – eine verpasste Chance, zumal diese Oper diskografisch nun wirklich nicht überrepräsentiert ist!
Viele Grüße, Rk :hello
Classical_Horny (23.05.2016, 03:46): Habe am 22.05.2016 die Aufführung des fliegenden Holländers am Mainzer Staatstheater besucht. Einzelheiten unter: http://www.staatstheater-mainz.com/web/veranstaltungen/oper/hollaender
"Der fliegende Holländer" stand zumindest auf der Karte... Aber der Reihe nach, ich schildere einfach mal meine Eindrucke als interessierter Laie.
Los ging es bereits mit dem Kartenkauf vor ca. 2 Wochen, einem der ersten Sonnentage des Jahres. Da ich auf einer kleinen Longboardtour an diesem Tag war, ging ich so in das Theater um Karten zu holen. Mit Shorts, Turnschuhen und Rollbrett unter dem Arm schaute die Dame am Verkaufstresen leicht verdutzt, wenn ich vorsichtig ausdrücke. Ich wirkte so zwar nicht wie ein klassischer Operngänger, aber ernst genommen werde ich schon gerne. Ich weiß, dass der Holländer ohne Pause gespielt wird, andere Wagneropern sehr viel länger sind und schon worum es geht. Ich höre diese Musik weil sie mir gefällt und interessiere mich dafür. Sonst kaufe ich mir auch keine Karten, liebes Mainzer Staatstheater. Danke!
Aus meinem Freundeskreis konnte ich eine Person zur Begleitung motivieren. Zwar kulturell interessiert und auch mal für ein Konzert zu haben, aber mit dem Holländer oder Wagner nicht mehr auseinandergesetzt als der Text eines bekannten Internetlexikons. Auch dazu am Schluss mehr.
Ich selbst habe den Holländer bereits mehrfach gehört, mit allen Wagneropern bin ich noch nicht so weit aber, Ring, Parsifal, Meistersinger, Tristan und Isolde sowie Lohengrin habe ich mir schon zu Genuss geführt. Vorbildung ist also vorhanden, aber kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Mit dem Gesang will ich anfangen. Ich fand die Rollen waren solide besetzt, der Holländer wurde von Derrik Ballard durchaus gut gesungen. Senta von Linda Sommerhage war ein bisschen dahinter, andere Rollen fielen deutlich ab, Erik von Alexander Spemann fand ich recht blass. Der Steuermann glänzte vor allem durch goldene Bomberjacke auf deren Rücken sich die holländische Version der großen Woge von Hokusai befand. Fesches Kleidungsstück! Daland war okay, für mich die schwächste Rolle war Mary, die eher durch ihr hysterisches Rauchverhalten und Medikamentensucht die Blicke auf sich zog.
Das Orchster hat einen guten Job gemacht, sicher, man erwartet etwas anderes, aber für die Möglichkeiten des Mainzer Theaters war es gut, wir haben ja nicht die Wiener Philharmoniker in der Stadt. Gut wirkte sich hier die musikalische Leitung aus, z.B. die Overtuere ungewöhnlich sanft zu spielen, das war auch für mich in Ordnung, wie gesagt, die Wellen plätscherten eher als dass diese ein tobender Sturm waren um nur kurz am Ende einmal anzuschwellen, aber unser kleines Orchester gab sich Mühe und hatte, trotz kleinen Abstrichen einige schöne Momente.
Das Bühnenbild fand ich gelungen, eine dreigeschössige variable Konstruktion, viel Bewegungsraum, dies wurde die ganze Zeit benutzt und konnte durch Klappen von Wänden vom Schiff zum Haus umfunktioniert werden. Intelligente und funktionale Lösung mit netten Details wie den Jahresstrichen an der Kabinenwand des Holländers, hatte was von Gefängnis. Noch während der Overtüre sah man schon im Nebel einen Armor einen Pfeil abschießen, nette Einleitungsidee, schließlich geht es ja um die Liebe.
Der erste Akt bot das noch grob das Erwartete, wenn auch schon mit ein paar derben Lachern, wie dem "Dealer"-Steuermann der den Matrosen Gummipuppen verkauft und darauf vom Blasen singt. Ob er den Südwing oder seine Braut meint, war mir nicht ganz klar. Daland als eiskalter Geschäftsmann im Anzug, der Höllander im versifften T-Shirt, wirkte verzweifelt, es passte zu den Charakteren. Das erste Mal erstaunte mich die Inszenierung, als der Holländer seine Schätze präsentierte, im Tresor hinter dem Seefahrtsbild an der Wand, goldig leuchtend wie der Koffer aus Pulp Fiction. Gold und Wagner? Kennen wir doch irgendwoher.
Mit dem Ende des ersten Aktes wurde es nun zunehmen parodistischer. Der Akt hatte kein Ende, die Kulissen wurden einfach umgeklappt und diese unendliche Melodie sollte sich über die gesamte Oper erhalten. Befremdlich war auch das kurze Auftreten eines Schwellkopfs, einem klassischen Symbol der Mainzer Fastnacht, mit den Gesichtszügen Wagners welcher von den im Umbau befindlichen Kulissen den Besuchern zuwinkte.
Das Thema war gesetzt. Wir schauten den Holländer an, ja, aber es hatte auf mich den Eindruck einer Gesamtparodie auf Wagner. Aus dem Holländer wurde ein Medley. Ich habe bestimmt nicht alle Anspielungen verstanden, aber diese kamen bald im Minutentakt. Lohengrin zur Verlobung. Die in nunmehr weiße Gewänder gehüllten Matrosen huldigten die Schätze des Holländers, das "Seegold" zum entsprechenden Motiv aus dem Ring, um dieses, wie es die Gralsritter mit einem Kelche tun in einer Prozession vor sich her zuu tragen und Erik bedauerte seine Niederlage um die Gunst Sentas zum Tristanakkorrd etc.. Es waren zu viele und manchmal auch z. T. plumpe Anspielungen, aber ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt bereits damit abgefunden nicht nur den Holländer zu sehen, sondern auch eine permanente Parodie. Am Ende schließlich stand Senta auf einem ca. 3 m großen Herz, welches bei der Enttäuschung des Holländers auf die Bühne hinab gelassen wurde. Den Liebespfeil des Armor hielt sie in der Hand wie eine Waffe und stand nun, in rotes, flackerndes Licht getaucht, auf dem Herz, welches dadurch stark an einen Scheiterhaufen erinnerte, um dieses abschließend mit ihrem "Wallkürenspeer" zu durchbohren. Wenigstens sprang niemand hinterher. Ende der Vorstellung.
Tja, was soll ich sagen. Den Möglichkeiten des Hauses entsprechend gaben alle ihr bestes. Musik, Gesang und Technik waren okay, wenn auch von Weltklasseniveau entfernt. Die Inszenierung jedoch sorgte für einen Zwiespalt, auch den anderen Gästen des an einem Sonntagmittag nahezu ausverkauftem Haus war dies deutlich anzumerken.
Nein, das war nicht die romantischer Oper "Der fliegende Holländer" gewesen. Wir sahen eine Parodie des Wagnerschen Gesamtwerkes. Unter diesem Aspekt betrachtet fand ich das ganze sogar gut. Mit der unendlichen Melodie aus drei Akten einen zu machen war da schon noch der kleinste Seitenhieb auf die Länge der anderen Stücke. Der Rest war wirklich mit dem Dampfhammer reingehauen. Hier wäre manchmal jedoch etwas weniger mehr gewesen.
Nichtsdestotrotz fand ich die Aufführung unter diesem Aspekt sehr unterhaltsam und gelungen, es war mal was anderes. Hier ist auch zu bedenken, dass im Rhein-Main-Gebiet genug hochklassige Konkurenz sitzt, Frankfurt und auch war just der Holländer in Wiesbaden bei den Maifestspielen vertreten. Da hat sich das Mainzer Staatstheater mal zu einer völlig anderen und total abstrusen Inszenierung entschieden, mutig, dafür zolle ich meinen Respekt.
Ich glaube viele Gäste, gerade die Opernaffinen, hatten jedoch etwas anderes erwartet. Der Applaus kam, aber hielt sich in Grenzen, zwei Vorhänge nur. Besonders wurde hier unser Holländer bedacht, definitiv war dies die beste Gesangsleistung.
Interessant fand ich die abschließende Reaktion meines Bekannten. Während ich schon scherzhaft im Herausgehen fragte, welche Oper das jetzt war, da müsse ich noch mal auf der Karte schauen, hat er das alles gar nicht mitbekommen. Für ihn wurde die Geschichte des Holländers solide erzählt, das war ja auch der Fall. Ein Tristanakkord passt halt auch zu Erik, da ist es halt egal woher dieser eigentlich stammt.
Auch schon während der Oper war dies zu merken. Man musste sich nur umsehen, wenn da mal wieder was kam, die eine des Hälte schüttelte, ich selber wäre gerne mehrfach in Lachen ausgebrochen, was ich jedoch zu einem leichten Prusten unterdrücken konnte. Abschließend klärte ich noch bei einem Bier meine zeitweise Verwunderung.
So gesehen war es für Anfänger verständlich und rund, wie es mein Bekannter ausdrückte, den Möglichkeiten des Hauses gut entsprechend. Und wenn man sich als Kenner darauf einließ, dass hemmungslos alles durch den Kakao gezogen wird, auch für mich selbst spannend und recht unterhaltsam. Man hätte ein Spiel draus machen können, welche andere Oper jetzt gerade wieder auf die Schippe genommen wird. Und es waren bestimmt alle dabei, nur die, mit denen ich mich noch nicht beschäftigt habe, habe ich auch nicht erkannt.
Interessant, wie die Vorbildung zur Materie die Wahrnehmung beeinflusst, ich habe quasi eine ganz andere Aufführung gesehen, als mein Bekannter, welcher direkt neben mir saß. Das fand ich am Konzept ja schon fast wieder gelungen.
Wer einen klassischen Holländer erwartet ist hier sicherlich falsch, aber wer mal die Mainzer Fastnacht in der Oper mit Wagnerthema sehen möchte, darauf muss man sich halt einlassen, wird als Wagnerianer auch hier amüsiert. Trotzdem bleibt auch bei mir ein gewisser Zwiespalt erhalten, ich denke in vielen anderen auch. Mal schauen was die neue Leitung in Mainz als Nächstes veranstaltet, es kann nur spannend werden, warten wir es ab.
Rotkäppchen (25.05.2016, 23:15): Einige Beiträge weiter vorn bzw. hatte ich von meiner Erst-Livebegegnung mit diesem selten gespielten Werk berichtet. Danach gingen noch die Aufführungen Nr. 3 bis 5 dieser Premierenserie über die Bühne. Nr. 4 am 15.5.16 und Nr. 5 am 20.5.16 habe ich ebenfalls miterlebt (letztere ging natürlich total im momentanen Lohengrinfieber der Dresdner unter...) und möchte dazu eine kurze Rückmeldung geben. Die Inszenierung wirkte von Mal zu Mal schlüssiger, selbst mit dem letzten Bild konnte ich letztlich einigermaßen leben. Aufführung Nr. 4 fand ich musikalisch sehr gut, eine enorme Steigerung der Protagonisten, chapeau! Nr. 5 litt dann etwas unter einem auffällig viel lauteren Orchester, wie kann das sein (ich hatte genau denselben Platz, an mir lag's nicht)?
Das für mich überzeugendste Rollenporträt lieferte der Tenor John Daszak als Albrecht von Brandenburg. Ich bin nach wie vor mit dem sehr komplizierten Text nicht besonders vertraut, glaube aber, dass diese Figur seitens des Librettos am schlüssigsten ausgearbeitet ist, was eine glaubhafte Darstellung erleichtert. Von diesem Sänger hatte ich bis dahin noch nie etwas gehört, ein Blick in seinen Terminplan verrät, dass er sowohl Helden- als auch Charakterfach singt, auffällig viele selten gespielte Werke und viel Britten im Repertoire hat. Die Partie des Albrecht fordert viel, sie ist lang, teilweise exponiert hoch, von piano bis fortissimo ist alles dabei – und wird von Daszak beeindruckend gemeistert. Das Timbre ist Geschmackssache, stählern würde ich sagen, mit homöopathisch verdünntem Goldanteil (passt aber verblüffend genau zum Charakter dieses Kardinals Albrecht).
Die Titelfigur wurde von Markus Marquardt verkörpert, der sich wieder als sehr guter Sängerdarsteller outete, die Rolle nah am Text und damit spannend gestaltete und einige Highlights lieferte, u.a. den Schlussmonolog. Auch schien seine Stimme fokussierter und durchschlagskräftiger, zumindest in der oben gelobten Vorstellung Nr. 4. Nur, irgendetwas fehlt der Figur und vermutlich liegt das nicht am Darsteller, sondern der Titelheld ist per se modellhaft, ja fast akademisch angelegt. Das war womöglich Hindemiths Absicht, teilweise wird die Oper auch als "Ideendrama" klassifiziert. Aber genau diese Tatsache erschwert es, dem Mathis auf der Bühne rundum Leben einzuhauchen – er hat etwas von einer allegorischen Figur aus einem Oratorium. Warum auch nicht?
Ähnliches gilt für die Figur der Ursula, der dritten großen Rolle, die von Annemarie Kremer gesungen wurde, sehr expressiv, dramatisch, mit scheinbar unerschöpflichen (Lautstärke-)Reserven, den Schönklang weitgehend dem Ausdruck opfernd. Die Figur beeindruckt mehr als dass sie berührt.
Orchestral lebt die Oper von enormen Gegensätzen, sowohl was die Lautstärke als auch was die Instrumentierung betrifft. Im Programm war von "Klanggemälden" die Rede, das trifft meinen Eindruck ganz gut. Eine zentrale Rolle nimmt der mittelalterliche Choral "Es sungen drei Engel", der an verschiedenen Stellen verarbeitet wurde, ein. Weiterhin auffällig sind lange rhythmisch prägnante Passagen (vermutlich schwer zu singen) sowie der Umstand, dass der Figur der Regina der mit Abstand melodiöseste Gesangspart komponiert wurde. Es gibt natürlich noch jede Menge zu entdecken. Allerdings verschwindet das Stück in der nächsten Saison gleich wieder aus dem Spielplan. Mal sehen, was danach passiert...
stiffelio (28.05.2016, 19:02): Liebe Rotkäppchen,
du hast mich mit deinem Bericht neugierig auf das Libretto gemacht und ich hab es gestern im Netz gefunden und durchgelesen. Nach dieser Lektüre kann ich dir bezüglich der Titelfigur nur zustimmen: es ist schwierig, daraus eine Figur aus Fleisch und Blut zu machen. Ich finde sogar, dass das auch für die anderen Personen gilt: alle verhalten sich etwas wie in einer Matheaufgabe. Abgezirkelt, ihre Aufgabe erfüllend, aber ohne echt wirkende Emotionen. Ich hatte kaum das Gefühl, ein Opernlibretto zu lesen, eher ein stark konstruiertes Gleichnis.
Trotz des interessanten Themas kann ich mir kaum vorstellen, dass diese Oper jemals zu meinen Lieblingen gehören wird. Großen Respekt für deinen Mut und deine Zähigkeit, dich damit auseinanderzusetzen!
VG, stiffelio
Rotkäppchen (29.05.2016, 17:50): Liebe stiffelio,
dann bin ich ja beruhigt, dass Du auch den Eindruck hast, dass die Figuren am Reißbrett entstanden sind ... ja, und bei der Dresdner Inszenierung hat der Regisseur wohl auch bewusst an vielen Stellen den Text einfach links liegen gelassen und seinen wilden Assoziationen freien Lauf gelassen. Immerhin ist etwas durchaus Unterhaltsames herausgekommen.
So mutig kam ich mir nicht vor, zumindest nicht im Vergleich zu den zwei Leuten, die mich bei der letzten Vorstellung zehn Minuten vor Beginn fragten, ob ich ihnen nicht mal schnell erklären könne, um was es geht. Gütigste Güte, das nenne ich verwegen :D. Jedenfalls haben die beiden bis zum Schluss durchgehalten – Das ist modernes Musiktheater, Sie müssen das Inszenierungskonzept aufgeschlossen auf sich wirken lassen..., hatte ich ihnen gesagt :P.
:hello Rk
EinTon (29.05.2016, 17:59): Original von Rotkäppchen
Kernpunkt ist u.a. die Frage, ob sich ein Künstler in politischen Extremsituationen weiter mit seiner Kunst beschäftigen soll und kann oder ob er sich einmischen soll. Mathis entsagt der Kunst, zieht in den Kampf und kehrt schließlich zur Kunst zurück, um seine Erfahrung von Leid, Elend und Tod in sein größtes Werk, den Isenheimer Altar, zu transformieren. Wichtig ist zudem, dass Hindemith seinen Titelhelden auch als Alter Ego sah, denn aufgrund der bekannten Umstände in der Entstehungszeit sah sich der Komponist als Künstler mit genau diesen existentiellen Fragen konfrontiert.
...weswegen die Oper auch schon als Anbiederung Hindemiths an die Nationalsozialisten interpretiert wurde, nach dem Motto: Ich (als Künstler), gelobe mich "unpolitisch"zu verhalten und nichts gegen Euch Nationalsozialisten zu sagen, dafür lasst Ihr mich unbehelligt weiter komponieren und verhindert nicht die Aufführung meiner Werke...
Meiner Meinung nach versuchte Hindemith, mit dem "Mathis" zumindest ein Stillhalteabkommen wenn nicht gar ein Freundschaftsangebot vorzulegen. Als es nicht klappte, mußte er wohl oder übel emigrieren - und paßte sich halt der US-Musik an.
EinTon (29.05.2016, 18:25): Original von stiffelio
Aber schon nach wenigen Minuten ging es über in etwas, dem ich nur noch sehr schwer folgen konnte. Möglich, dass ich mich irgendwann hineinhören könnte, wie es auch bei Janacek war. Aber bei Janacek empfinde ich die Dissonanzen irgendwie als "notwendiger", sich zwangsläufiger ergebend.
Ich habe vor Ewigkeiten mal die Mathis-Sinfonie gehört, die auf Ausschnitten aus der Oper basiert, fand sie aber ziemlich langweilig.
Wer mit Alban Berg (speziell dem frühen, etwa der Altenberg-Lieder) oder auch Franz Schreker etwas anfangen kann, kann sich ja mal Hindemiths Sancta Susanna anhören - sehr viel dissonanter und farbiger als der Mathis, und insgesamt ungleich stärkere Musik. Dazu kommt noch das exzentrische Libretto... :D
herzlichen Dank erstmal für Deine Beiträge – ich hatte bei Capriccio keinen Thread zur Oper an sich gefunden und dann nicht weiter gesucht, was offenbar ein Fehler war. Dass die Oper als Anbiederung an das NS-Regime gewertet wurde bzw. werden kann, das ist mir tatsächlich total neu. In keinem der Texte, die jetzt im Zuge dieser Neuinszenierung z.B. im Monatsheft der Semperoper zu lesen waren (bzw. auch in den Making-of-Videos, die im YT-Kanal der Dresdner Oper zu sehen sind), ist davon so ausdrücklich die Rede gewesen, obwohl die Entstehungszeit natürlich schon thematisiert wurde und ja auch konkret in der Inszenierung vorkommt. Da wäre ich auch nie von selber drauf gekommen. So richtig glauben kann ich es nicht, aber um da zu einer sinnvolleren Einschätzung zu kommen, sollte man auch mehr über Hindemiths Persönlichkeit wissen, als ich momentan weiß. Aber wenn man nur strikt vom Libretto ausgeht, kann ich da nichts auch nur irgendwie Anbiederndes oder "Versöhnliches" finden, da ist soviel Kritik am Menschen selbst und an vom Menschen geschaffenen Systemen und dem damit verbundenen Leid drin, so extrem viel Bitterkeit und Resignation, dass ich Capriccio-Edwins These spontan für sehr gewagt halte.
Viele Grüße, Rk
PS: Ob nun Meisterwerk oder nicht, auf dieser Seite des Schott-Verlags ist die Aufführungschronik seit der UA: http://www.schott-musik.de/shop/products/show,152756,,f.html?showOldPerformances=true#top ... zwar selten, aber doch recht kontinuierlich scheint der Mathis aufgeführt zu werden.
EinTon (29.05.2016, 22:41): Original von Rotkäppchen Dass die Oper als Anbiederung an das NS-Regime gewertet wurde bzw. werden kann, das ist mir tatsächlich total neu. In keinem der Texte, die jetzt im Zuge dieser Neuinszenierung z.B. im Spielzeitheft der Semperoper zu lesen waren (bzw. auch in den Making-of-Videos, die im YT-Kanal der Dresdner Oper zu sehen sind), ist davon so ausdrücklich die Rede gewesen, obwohl die Entstehungszeit natürlich schon thematisiert wurde und ja auch konkret in der Inszenierung vorkommt.
Wobei natürlich Programmhefte faktisch immer auch Werbebroschüren für die dort angezeigten Aufführungen darstellen. Schon von daher kommen negative Aspekte der angekündigten Werke dort eher nicht zur Sprache.
Aber wenn man nur strikt vom Libretto ausgeht, kann ich da nichts auch nur irgendwie Anbiederndes oder "Versöhnliches" finden, da ist soviel Kritik am Menschen selbst und an vom Menschen geschaffenen Systemen und dem damit verbundenen Leid drin, so extrem viel Bitterkeit und Resignation, dass ich Capriccio-Edwins These spontan für sehr gewagt halte.
OK, da müsste ich wiederum jetzt das ganze Libretto lesen :D , aber die von Edwin damals herausgegriffenen Zitate scheinen mir durchaus in eine Richtung zu deuten, die Sympathien bei den Nationalsozialisten erwecken konnten, speziell das, was Riedinger nach der Bücherverbrennung von sich gibt:
RIEDINGER verwundert und dann erfreut Freunde, was uns blieb: Des Widerstandes Stahl härtet sich Im Feuer, in Flammen glüht die neue Zeit. Aus unsrer Bücher Asche wird verjüngt Kraft Und Sinn des Wortes erstehen. In Torheit Lasst die Narren toben. Auf eine neue Welt Auf unsres Glaubens Sieg! Vernunft und Einsicht schafft Die Bahn, von der Bekehrten Licht erhellt.
Original von Rotkäppchen
PS: Ob nun Meisterwerk oder nicht, auf dieser Seite des Schott-Verlags ist die Aufführungschronik seit der UA: http://www.schott-musik.de/shop/products/show,152756,,f.html?showOldPerformances=true#top ... zwar selten, aber doch recht kontinuierlich scheint der Mathis aufgeführt zu werden.
Ich finde es ja gerade schade, dass - wenn Hindemith im Programm ist - meist nur relativ langweilige Kompositionen aus der Spätzeit gespielt werden (im Konzert zB Mathis-Symphonie, Metharmophosen) , während man deutlich interessante Werke aus der Frühzeit ignoriert (etwa das "Konzert für Orchester" oder im Opernbereich "Sancta Susanna")...
Gruß,
Normann
Rotkäppchen (29.05.2016, 23:15): Für meine Begriffe wäre es kein Problem gewesen, diese unschönen Aspekte aufzugreifen bzw. anzusprechen. Im Gegenteil, das wäre sogar eine Art "Begründung" dafür gewesen, dass so auffällig viel am Libretto vorbei inszeniert wurde.
Zu dem, was der Riediger zur Bücherverbrennung sagt, muss vielleicht noch bedacht werden, dass diese Figur ja kein Sympathieträger ist. Für mich zumindest überhaupt nicht, keine Ahnung, wie Hindemith das selber gesehen hat...
Ja, langweilig – ich habe den Mathis eigentlich nicht so empfunden, trotz der angesprochenen Probleme.
Die Sancta Susanna scheint ja einen Aufschwung zu nehmen, wenn man sich die Aufführungshistorie ansieht – und im Herbst 2016 gibt es sie an der Opéra Bastille, also nix wie nach Paris :D.
Hosenrolle1 (29.05.2016, 23:27): Original von Rotkäppchen Für meine Begriffe wäre es kein Problem gewesen, diese unschönen Aspekte aufzugreifen bzw. anzusprechen. Im Gegenteil, das wäre sogar eine Art "Begründung" dafür gewesen, dass so auffällig viel am Libretto vorbei inszeniert wurde.
Werden nicht die meisten - selbst die harmlostesten Opern - am Libretto vorbei inszeniert? :D
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (29.05.2016, 23:46): In dem speziellen Fall war "Vorbeiinszenieren" vielleicht nicht das richtige Wort. Es war auf der Bühne halt sehr viel zu sehen, was in offensichtlichem Kontrast zum gerade gesungenen Text stand...
Wenn ich mir so anschaue, was ich opernmäßig in dieser Saison live gesehen habe, war das aber eher die Ausnahme. Das meiste war nicht besonders avantgardistisch...
Hosenrolle1 (29.05.2016, 23:49): Naja, es hätte eh auch ärger sein können. Gaskammern auf der Bühne, etc.
Alles schon dagewesen.
EDIT: Ich glaube ich habe dich eh richtig verstanden. Mir ging es darum, dass eh meistens am Libretto vorbeiinszeniert wird, und sei es nur, dass jemand sagt "Hier halte ich einen Apfel", und in der Inszenierung hält er ein Handy. Oder gar nichts.
Es kann natürlich sein, dass gerade wegen dieser negativen Dinge bzgl. Hindemith am Libretto vorbeiinszeniert wird ... andererseits passiert das so häufig, dass es doch auch sein kann, dass man auf sowas gar nicht geschaut hat, und prinzipiell einfach alles ändert.
LG, Hosenrolle1
EinTon (29.05.2016, 23:54): Original von Rotkäppchen
Zu dem, was der Riediger zur Bücherverbrennung sagt, muss vielleicht noch bedacht werden, dass diese Figur ja kein Sympathieträger ist. Für mich zumindest überhaupt nicht, keine Ahnung, wie Hindemith das selber gesehen hat...
Ok, ich sehe schon, das ich das Libretto dann - um kompetent urteilen zu können - mal ganz lesen müsste.... :D
Die Sancta Susanna scheint ja einen Aufschwung zu nehmen, wenn man sich die Aufführungshistorie ansieht
wie ich sehe anscheinend sogar mehr als der Mathis, da muss ich mein obiges Statement wohl relativieren... - aber schön zu wissen!
– und im Herbst 2016 gibt es sie an der Opéra Bastille, also nix wie nach Paris :D.
Hehe... ...geht "ressourcenbedingt" bei mir halt schlecht...
Gruß,
Normann
EinTon (29.05.2016, 23:57): @Hosenrolle: Man muss nicht aus jedem Thead einen Regietheaterthread machen... :wink
Hosenrolle1 (30.05.2016, 00:05): Habe ich auch nicht vorgehabt.
Ich habe nur die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass das Vorbeiinszenieren am Libretto nicht unbedingt wegen Hindemiths Vergangenheit passiert sein muss.
Was meinst du bitte mit "aus JEDEM Thread"?
LG, Hosenrolle1
EinTon (30.05.2016, 00:14): Original von Hosenrolle1 Was meinst du bitte mit "aus JEDEM Thread"?
Schon gut - es ist halt so, dass das Thema (nicht speziell von Dir) in Klassikforen gerne in allen möglichen Threads immer wieder hochgekocht wird... ...auch in solchen, die eigentlich keine derartige "Grundsatzdiskussion" zum Thema haben, wenn Du verstehst, was ich meine!
Gruß,
Normann
Hosenrolle1 (30.05.2016, 00:18): Achso, ok. Danke für die Erklärung! :)
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (30.05.2016, 17:22): Original von EinTon Ok, ich sehe schon, das ich das Libretto dann - um kompetent urteilen zu können - mal ganz lesen müsste.... :D
Dann hör' Dir wenigstens dazu die (vermeintliche) Kubelik-Aufnahme auf youtube dazu an. Obwohl, nur zu lesen geht vielleicht doch schneller :cool.
Original von EinTon Die Sancta Susanna scheint ja einen Aufschwung zu nehmen, wenn man sich die Aufführungshistorie ansieht
wie ich sehe anscheinend sogar mehr als der Mathis, da muss ich mein obiges Statement wohl relativieren... - aber schön zu wissen!
Nun weiß man nicht, wie penibel die Seiten bei Schott gefüllt werden, aber es ist trotzdem interessant. Mathis der Maler kommt auf ca. 173 Aufführungen seit der UA 1938, davon 98 im letzten Jahrtausend. Bei der Sancta Susanna (UA 1922) kommen wir auf 94 Aufführungen insgesamt, davon nur 11 vor und einschließlich 1999, die "restlichen" 83 Stück nach 2000! In dieser Liga rangieren noch Cardillac (169 Aufführungen seit 1926), Hin und Zurück (131 x seit 1927) und Neues vom Tage (84 x seit 1929), alles andere offenbar wesentlich seltener. Ich muss gestehen, bis vor kurzem sagte mir eigentlich nur der Cardillac etwas.
LG, Rk
EinTon (30.05.2016, 17:58): Original von Rotkäppchen
Dann hör' Dir wenigstens dazu die (vermeintliche) Kubelik-Aufnahme auf youtube dazu an. Obwohl, nur zu lesen geht vielleicht doch schneller :cool.
Ich muss zugeben, dass mich diese Musik (von der Mathis-Sinfonie her geurteilt) schlicht nicht so reizt, als dass ich unbedingt die ganze Oper hören müsste *nur* um am Ende überzeugend darlegen zu können, ob der "Mathis" ein Freundschaftsangebot an die Nazis darstellte oder nicht... ...das ist mir den Aufwand dann doch nicht wert... http://www.capriccio-kulturforum.de/wcf/images/smilies/whistling.png Gruß,
Normann
EinTon (30.05.2016, 18:32): Original von Rotkäppchen
Nun weiß man nicht, wie penibel die Seiten bei Schott gefüllt werden, aber es ist trotzdem interessant. Mathis der Maler kommt auf ca. 173 Aufführungen seit der UA 1938, davon 98 im letzten Jahrtausend. Bei der Sancta Susanna (UA 1922) kommen wir auf 94 Aufführungen insgesamt, davon nur 11 vor und einschließlich 1999, die "restlichen" 83 Stück nach 2000! In dieser Liga rangieren noch Cardillac (169 Aufführungen seit 1926), Hin und Zurück (131 x seit 1927) und Neues vom Tage (84 x seit 1929), alles andere offenbar wesentlich seltener. Ich muss gestehen, bis vor kurzem sagte mir eigentlich nur der Cardillac etwas.
LG, Rk
Ich kenne noch "Neues vom Tage", die Oper hat ein äußerst skurriles und witziges Libretto (es geht um ein zerstrittenes Ehepaar, das sich scheiden lassen will und dafür einen Scheidungsgrund sucht... - dieser war nach damaligem Recht eine Bedingung für den Scheidungsvollzug). Die Oper spielt in der Gegenwart ihrer Entstehungszeit, nämlich in einer "deutschen Großstadt im Jahr 1929" - meines Wissens im 20. Jh. ein eher seltener Fall.
Gruß,
Normann
Rotkäppchen (30.05.2016, 22:20): Original von EinTon Ich muss zugeben, dass mich diese Musik (von der Mathis-Sinfonie her geurteilt) schlicht nicht so reizt, als dass ich unbedingt die ganze Oper hören müsste *nur* um am Ende überzeugend darlegen zu können, ob der "Mathis" ein Freundschaftsangebot an die Nazis darstellte oder nicht... ...das ist mir den Aufwand dann doch nicht wert... http://www.capriccio-kulturforum.de/wcf/images/smilies/whistling.png
Von der reichlich 30-minütigen Sinfonie auf die mehr als dreistündige Oper zu schließen ist vielleicht etwas gewagt http://www.capriccio-kulturforum.de/wcf/images/smilies/whistling.png. Habe mir gerade den kompletten Capriccio-Thread
Paul Hindemiths zweimalige Vertreibung aus dem deutschen Musikleben
durchgelesen (btw, ziemlich friedlich, dafür, dass die Meinungen sehr auseinander gingen :D) und dort ist der Mathis ziemlich ausführlich diskutiert worden, wirklich sehr interessant und gewinnbringend für mich. "Edwin" hatte mit seinen Thesen letztlich einen schweren Stand, u.a. da er die Librettozitate stark aus dem Kontext gerissen hat. Das war gestern auch mein erster Gedanke. Eine letzte Unsicherheit wird sicher bleiben, denn ob Hindemith nicht doch eine "doppelte Codierung" im Text drin hat -- ja, ob man das jemals sicher herausbekommen wird?
Außerdem, nur am Rande: "Edwin"s Behauptung, dass nur der Cardillac ab und zu noch aufgeführt wird, ist jedenfalls nicht wirklich haltbar, siehe Statistik oben.
Jedenfalls weiß ich jetzt, warum in der Dresdner Mathis-Inszenierung im ersten Bild eine Statistin nackt ein kuscheliges Schaumbad nimmt :P, ganz offenbar kein willkürlicher Gag sondern eine Anspielung auf "Neues vom Tage" (hast Du die eigentlich live erlebt, EinTon?) – nicht schlecht!
EinTon (31.05.2016, 01:13): Original von Rotkäppchen Von der reichlich 30-minütigen Sinfonie auf die mehr als dreistündige Oper zu schließen ist vielleicht etwas gewagt http://www.capriccio-kulturforum.de/wcf/images/smilies/whistling.png.
Schon richtig :wink - aber, wenn ich merke, dass mir ein bestimmtes Werk / ein bestimmter Komponist nicht sonderlich zusagt, bin ich naheliegenderweise nur wenig geneigt, "noch mehr davon" hören zu wollen, und da dürfte ich nicht der Einzige sein. (Z.B. kenne ich nur ziemlich wenig von Phil Glass, aber das ist für mich eine derart seichte Plätschermusik, dass ich schlicht keine Lust habe, bei diesem Komponisten noch groß weiter zu graben...)
Zum anderen kenne ich durchaus noch mehr von Hindemith, und was er nach ca. 1930 geschrieben hat finde ich ziemlich oft etwas dröge, speziell die Werke mit Orchester(beteiligung) . Insofern magst Du es mir nachsehen, wenn ich der gesamten Mathis-Oper fürs erste nicht mein Gehör schenken mag, auf die Gefahr hin, hier die große, musikalisch hochinspirierte Ausnahme zu verpassen...
Original von Rotkäppchen Jedenfalls weiß ich jetzt, warum in der Dresdner Mathis-Inszenierung im ersten Bild eine Statistin nackt ein kuscheliges Schaumbad nimmt :P, ganz offenbar kein willkürlicher Gag sondern eine Anspielung auf "Neues vom Tage" (hast Du die eigentlich live erlebt, EinTon?) – nicht schlecht!
Nein, live erlebt habe ich "Neues vom Tage" nicht. Vor ein paar Jahren wurde das Werk übrigens in Münster aufgeführt: https://www.youtube.com/watch?v=QIavuOBxXbE
Gruß,
Normann
Hosenrolle1 (31.05.2016, 01:52): Original von EinTon Schon richtig :wink - aber, wenn ich merke, dass mir ein bestimmtes Werk / ein bestimmter Komponist nicht sonderlich zusagt, bin ich naheliegenderweise nur wenig geneigt, "noch mehr davon" hören zu wollen, und da dürfte ich nicht der Einzige sein.
Bist du nicht :wink
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (31.05.2016, 20:45): Lieber EinTon,
ich habe das mit dem "hör Dir doch mal an..." einfach so dahingeschrieben. Natürlich tut man sich das nicht ohne Not an, zumindest nicht, wenn man kein genuiner Opernfreak ist :D. Ich hätte mich ja auch nicht unbedingt damit beschäftigt, wenn es nicht diese Neuproduktion praktisch vor meiner Haustür gegeben hätte. Ich bin, was Opern angeht, aber auch nicht wählerisch, bin von Monteverdi bis zeitgenössisch grundsätzlich erstmal für alles zu haben.
:hello Rk
EinTon (31.05.2016, 23:33): @Rotkäppchen: Schon gut... :engel
Natürlich tut man sich das nicht ohne Not an, zumindest nicht, wenn man kein genuiner Opernfreak ist :D .
...bin ich auch nicht... :D
-
BTW: Ein (für mich) richtig gutes, sehr farbiges und klanggewaltiges Stück vom späten Hindemith ist übrigens die Sonate für 2 Klaviere von 1942. Die deutlich beste Einspielung stammt vom GrauSchumacher Piano Duo:
Rotkäppchen (13.07.2016, 23:17): Bei mir ging vor wenigen Tagen die Spielzeit mit einem sehr guten Eugen Onegin zu Ende, von dem ich leider nur sehr kurz berichten kann, da ich im Moment berufsmäßig sehr angespannt bin und zu allem Überfluss auch noch in Kürze in den Urlaub fahre.
Die Produktion stellte die letzte Premiere der Semperoper in dieser Spielzeit dar und man konnte viel Positives lesen:
Ich besuchte die vierte Aufführung in dieser Inszenierung.
Hier das Leading Team:
Musikalische Leitung ... Pietari Inkinen Inszenierung ... Markus Bothe Bühnenbild ... Robert Schweer Kostüme ... Esther Geremus
Gesungen haben diese Damen:
Tatjana ... Camilla Nylund Olga ... Anke Vondung Filipjewna ... Tichina Vaughn Larina ... Sabine Brohm
... und folgende Herren:
Lenski ... Roman Payer Eugen Onegin ... Christoph Pohl Triquet ... Timothy Oliver Fürst Gremin ... Alexander Tsymbalyuk
et al.
Die Idee, das Drama in Tatjanas Rückschau zu inszenieren, ist vermutlich nicht neu, funktioniert aber gut und sollte für kaum einen Zuschauer verstörend wirken. Man kann also von einer repertoiretauglichen Produktion sprechen, zumal Kostüme und Bühnenbild eine Mischung aus Historischem und Zeitlosem bieten und einige unterhaltsame Gags zur Auflockerung eingebaut sind.
Dreh- und Angelpunkt des Abends war Camilla Nylund, die nach sehr langer Zeit (> 10 Jahre), wieder eine Tatjana angeboten bekam und nach eigener Aussage glücklich darüber war, einmal nicht Wagner oder Strauss zu singen. Eine Stimme wie flüssiges Silber, sowohl lyrisch tadellos als auch sicher und unangestrengt in den (wenigen) dramatischen Attacken. Darstellerisch überzeugender als Fürstin denn als junges Mädchen, was in der Rückschau-Lesart dieser Inszenierung allerdings in Ordnung ist. Die nicht so dankbare Rolle der Olga war mit Anke Vondung luxuriös besetzt, eine schockoladige Mezzostimme und darstellerisch hinreißend, wobei Olga hier ziemlich stark überzeichnet ist und bewegungsmäßig an ein Geschöpf Spalanzanis erinnert.
Da hatten es die Herren schwer, bei mir zumindest. Auch wenn man Christoph Pohl in der Titelrolle wirklich nichts vorwerfen kann, hat er mich weniger berührt. Gleiches gilt für den typgerecht sehr jugendlich wirkenden Roman Payer als Lenski, der seine Abschiedsarie ausdrucksvoll und schönstimmig absolviert. Er wurde beim Schlussapplaus etwas stiefmütterlich behandelt, wa sich nicht nachvollziehen konnte. Sicher war noch Luft nach oben und seine Qualitäten scheinen (noch?) im Lyrischen zu liegen. Allerdings ist es nicht seine Schuld, dass es Kuda, kuda nunmal schon in so vielen mustergültigen Versionen auf Tonträger gibt. Im Gegensatz dazu wurde Alexander Tsymbalyuk für seinen Kurzauftritt als Gremien lautstark gefeiert, durchaus zu Recht – sehr schöne Schwärze in der Tiefe, in der Höhe eine leichte blecherne Verfärbung, sicher aber Geschmacksache.
In einer der oben verlinkten Kritiken ist ja von einem Fest der Stimmen die Rede und das würde ich so unterschreiben, ich würde ergänzen: ... der schönen Stimmen. Inszenatorisch durchaus gelungen, mir allerdings doch einen Tick zu aseptisch. Der Applaus war zwar heftig aber überraschend kurz. Im September habe ich gleich nochmal ein Ticket für diesen Onegin und werde meinen Eindruck überprüfen können. Das wird gleichzeitig mein Saisonstart 2016/17 sein.
Viele Grüße und eine schöne Sommerzeit für alle Klassikforianer und Mitleser
:engel Rotkäppchen
Zefira (24.09.2016, 00:17): Ich komme gerade aus einer wunderbaren Aufführung der Maria Stuarda von Donizetti, dargeboten durch das Ensemble der Jungen Oper Rhein-Main. Näheres ist hier nachzulesen: http://jungeoperrheinmain.de/2016/08/15/maria-stuarda/
Die Aufführung war im Theater Aschaffenburg; es gibt noch zwei Aufführungen: eine konzertante am kommenden Sonntag im Konservatorium Frankfurt und eine szenische in Rüsselsheim am 7. Oktober.
Wer Gelegenheit dazu hat, sollte überlegen, ob er/sie nicht hingeht. Im Programmheft heißt es, die Produktion sei "in Gänze ehrenamtlich getragen". Fast alle Solist/innen sind noch sehr jung, nichtsdestotrotz bewegte sich die Darbietung auf hohem Niveau, besonders die rivalisierenden Königinnen waren in Höchstform, auch darstellerisch. Ganz besonders gefiel mir auch der Chor (das sage ich nicht nur, weil meine Tochter mitsingt). Das Zusammenspiel zwischen Solisten und Ensemble in der letzten Szene war derart ausdrucksstark, dass s mir die Tränen in die Augen getrieben hat. Ganz großartig!
Rotkäppchen (28.09.2016, 10:08): Nachfolgend zwei kurze Statements zu meinen beiden ersten Opernbesuchen der neuen Spielzeit.
04.09.2016, Tschaikowski: Eugen Onegin, Semperoper Dresden
Hier konnte ich meinen Eindruck vom 09.07.2016 (s.o.) überprüfen und auch diesmal stellte sich keine vollständige Begeisterung ein. Die Inszenierung wirkt schaumgebremst und musikalisch, speziell was die Balance zwischen Sängern und Orchester angeht, fand ich es eher unausgewogener als im Juli. In der Besetzung habe es eine wesentliche Änderung und die hat mir die Vorstellung letztlich auch gerettet. Die Gremin-Arie wurde diesmal von Georg Zeppenfeld zelebriert und zwar exzellent. Seine Stimme wird ja regelmäßig als balsamisch beschrieben und ich wüsste kein besseres Wort dafür!
Der Applaus am Ende dauerte nur schlappe sechs Minuten, ab und zu gab es Szenenapplaus. Witzig war, dass die Damen (Nylund, Vondung) primär von männlichen Zuhörern gefeiert wurden und die Herren von weiblichen.
Mein Tschaikowski-Favorit bleibt eindeutig die Pique Dame. -- Musikalische Leitung … Pietari Inkinen
Tatjana … Camilla Nylund Olga … Anke Vondung Filipjewna … Tichina Vaughn Larina … Sabine Brohm Lenski … Roman Payer Eugen Onegin … Christoph Pohl Triquet … Timothy Oliver Fürst Gremin … Georg Zeppenfeld
et al.
--
23.09.2016, Strauss: Elektra, Semperoper Dresden
Wieder Elektra – archaisch, laut, schillernd, aufwühlend, schockierend … die Hauptrollen anders besetzt als in der vergangenen Saison. Evelyn Herlitzius war als Gesamtpaket wie immer ein Naturereignis, deren Gesang allerdings polarisiert und in dieser Vorstellung ergab sich ein wechselhaftes Bild. Unvergesslich ausdrucksstarke Phrasen standen einer unausgeglichenen Hörbarkeit im tieferen Register und gewaltsam den Stimmbändern abgerungenen Spitzentönen gegenüber – also eine aufregende Performance in vielerlei Hinsicht. Schöner anzuhören war Manuela Uhl als Bühnenschwester Chrysothemis, eine durchdringende vibratoarme Stimme, in der Darstellung ebenfalls absolut glaubwürdig. Optisch gaben die beiden ein typgerechtes Schwesternpaar, ein Plus im Vergleich zur Elektra-Serie der letzten Spielzeit. Die leider nur kurze Rolle des Orest war mit Michael Volle, den ich zum ersten Mal live gehört habe, wirklich luxuriös besetzt, eine Riesenstimme, scheinbar ohne große Anstrengung. Gerne würde ich ihn einmal in einer längeren Partie erleben. Tichina Vaughn gab eine Klytämnestra mit viel Power in allen Lagen (war auch von der akustisch heiklen Balustrade gut zu hören), das Fragile und Morbide dieser Figur kam für meinen Geschmack nicht 100%ig zum Tragen. Zum Schluss noch die Applausstatistik: 6–7 Minuten, am stärksten bei Herlitzius, gefolgt von Uhl, Volle, Vaughn, … Rest. -- Musikalische Leitung … Axel Kober
Klytämnestra … Tichina Vaughn Elektra … Evelyn Herlitzius Chrysothemis … Manuela Uhl Aegisth … Jürgen Müller Orest … Michael Volle
et al.
Amonasro (18.03.2018, 16:38): Am Freitag war ich in Frankfurt in Meyerbeers Vasco de Gama bzw. L’Africaine.
Besetzung: Vasco da Gama - Michael Spyres Selika - Clauda Mahnke Nelusko - Brian Mulligan Ines - Kirsten MacKinnon Don Pedro - Andreas Bauer Don Diego - Thomas Faulkner Der Großinquisitor von Lissabon/Der Oberprister des Brahma - Magnús Baldvinsson Don Alvar - Michael McCown Anna - Bianca Andrew u. a.
Ich kannte die Oper abgesehen von „O Paradis“ bisher nicht und von Meyerbeer nur die Hugenotten. Der Hauptgrund für den Besuch war für mich, Michael Spyres zu sehen, der hier den Vasco sang. Gespielt wurde eine Fassung, die auf Meyerbeers Material vor der Bearbeitung durch den Komponisten Fétis zurückgeht. Dabei wurden laut Einführungsvortrag etwa 40 Minuten gekürzt (wahrscheinlich Ballette, zumindest gab es keine). Die Aufführung dauerte mit Pausen trotzdem 5 Stunden. Die Inszenierung von Tobias Kratzer verlegte die Handlung in ein Science-Fiction-Milieu. Die ersten beiden Akte spielten in einer Art Raumfahrtzentrum, der 3. Akt in einem Raumschiff und die letzten beiden Akte auf einem fremden Planeten. Die Admiräle und der Großinquisitor waren dementsprechend Professoren oder Investoren, die Afrikaner oder Inder (je nach Fassung) in blaue Ganzkörperanzüge gesteckte Außerirdische, die Entdecker Astronauten. Das Konzept funktionierte erstaunlich gut und ermöglichte einige aufwendige Effekte, wie vorbeischwebende Astronauten, Schieflage des Raumschiffs, usw. Das Thema religiöser Fanatismus, das in Bezug auf den Großinquisitor und den Priester des Brahma naheliegend gewesen wäre, spielte dagegen in der Inszenierung kaum eine Rolle (als „heilige Schrift“ nutzten die Aliens eine der goldenen Pioneer-Plaketten, die auch zu Beginn der Oper auf den Vorhang projeziert wurde). Das Thema Rassismus wurde in der Ouvertüre, als ein farbiges Kind von anderen Kindern gemobbt wird, zwar angedeutet, schien im weiteren Verlauf dann aber keinen Platz mehr zu haben. Die Oper gefiel mir größtenteils: Neben musikalisch sehr Schönem (z. B. das Sextett im 2. Akt, Vascos Arie, die hier „O doux climat“ hieß und Neluskos Arie im 4. Akt) gab es allerdings auch ein paar langatmige Stellen, z. B. die verschiedenen Chöre zu Beginn des 3. Akts, die aber durch die Regie etwas aufgelockert wurden: Auf einem Bildschirm wurden die Frauen der Raumfahrer engeblendet, die ihren Männern Bilder ihrer Kinder zeigen. Im Original macht ein Frauenchor auf einem Entdeckerschiff ohnehin nicht viel Sinn. Bemerkenswert ist der Schluss der Oper: eine halbstündige Szene, die die Sängerin der Selika Claudia Mahnke quasi alleine bestreiten muss, während sie (halluzinierend?) unter einem, giftige Düfte absondernden, Baum verstirbt; ein für eine Grand Opéra ungwöhnlich intimes Ende. Erstaunt war ich, dass es trotz des Schauplatzes anders als in anderen französischen Opern relativ wenige „orientalistische“ Musik gab, die das exotische Sujet betonen soll (am ehesten vielleicht noch bei Selikas erstem Auftritt im 1. Akt). Michael Spyres war stimmlich und darstellerisch natürlich klasse. Claudia Mahnke wurde nach dem 3. Akt als erkältet angekündigt, was man ihr aber glücklicher Weise nicht anhörte. Brian Mulligan (Nelusko) war ebenfalls gut bei Stimme (ich hatte ihn im Herbst als Conte di Luna erlebt, wo er sich durch Il balen geradezu gequält hat und dann nach dem 2. Akt ausgetauscht wurde). Die übrige Besetzung (vor allem Andreas Bauer als Vascos extrem unsympatischer Widersacher Don Pedro und Isaac Lee als 1. Matrose) ließ keine Wünsche offen, außer dass Kirsten MacKinnon (Ines) in ihrer Auftrittsarie noch etwas schrill und mit viel Vibrato sang, was sich im Lauf des Abends aber besserte. Das Dirigat von Antonello Manacorda wurde in einigen Kritiken negativ bewertet. Da ich die Oper zum ersten Mal gehört habe, kann ich dazu nichts sagen. Insgesamt eine sehr sehenswerte Aufführung. Ich überlege nun, mir vielleicht die scheinbar ungekürzte cpo-Aufnahme aus Chemnitz zuzulegen. Kennt die zufällig jemand?
Gruß Amonasro :hello
Falstaff (19.03.2018, 01:21): Lieber Amonasro, zunächst einmal Dank für den interessanten Bericht. Leider habe ich bislang selber noch keine Meyerbeer-Oper live erleben können. Aber wenn ich "Die Aufführung dauerte mit Pausen trotzdem 5 Stunden." lese, dann schüttelt es mich schon ein wenig. ^^
Die schlichte Länge ist es halt immer, die mich bei Meyerbeer zurückschrecken lässt. Schon auf CD finde ich es problematisch und die Werke nicht durchgehend ansprechend. Aber wie ist es denn im Theater? Blöde Frage, aber wie leicht hält man diese Dauer durch? Will sagen, 5 Stunden 'Meistersinger' sind für mich ein Hochgenuss. Aber empfindest du Meyerbeer ähnlich? Ist es also durchweg musikalisch ansprechend oder gibt es auch Durchhänger? Und hat die Inszenierung, die du sehr schön beschrieben hast, für dich eigentlich Sinn gemacht?
Nevertheless, ich beneide dich um diese Meyerbeer-Erfahrung. In Berlin gibt es ihn ja auch und es wäre leichter für mich zu erreichen als Frankfurt. Aber leider habe ich es trotzdem noch nicht geschafft. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. ^^
LG Falstaff
Amonasro (19.03.2018, 11:42): Lieber Falstaff, die Länge war für mich kein Problem. Wie oben schon angedeutet, war musikalisch nicht alles gleich interessant, aber da ich die Oper noch nie gehört hatte, war ich trotzdem immer gespannt, was noch kommt. Ein ähnlich mitreißendes Stück wie die Schwertweihe oder das anschließende Duett Raoul/Valentine gab es zwar leider nicht, aber von ein paar Chören abgesehen stand überraschender Weise alles immer im direkten Bezug zur Handlung, was es erleichtert "am Ball zubleiben". Es gab anders als in den Huguenotten keine Arien, die für den Handlungsverlauf eigentlich unnötig wären (wie z. B. Marcels und Urbains Arien oder sogar Marguerites "O beau pays"). Zur Länge ist noch zu sagen, dass Meyerbeer während der Proben gestorben ist und laut Programmheft die Angewohnheit hatte, mit viel mehr musikalischem Material in die Proben zu gehen, als dann tatsächlich zur Uraufführung kam. Durch seinen Tod konnte er diese Auswahl nicht mehr treffen. Die fertige Oper wäre also wahrscheinlich kürzer geworden. Darüber, ob die Inszenierung so Sinn macht, kann man sich sicher streiten. Sie wirkte auf jeden Fall durchgehend stimmig und das Konzept wurde konsequent befolgt. Aufgrund der Entstehungsgeschichte ist der Handlungsort ohnehin unklar: Zuerst sollte die Oper L'Africaine heißen und in Spanien und Afrika spielen, dann entschied sich Meyerbeer für den Titel Vasco de Gama und Handlungsort in Portugal und Indien, nach seinem Tod wurde das ganze wieder L'Africaine genannt. Der entdeckte Ort wird etwas kryptisch "Palmeninsel" genannt (könnte auch Madagaskar sein). Der Baum, der in der Schlussszene eine Rolle spielt, ist dagegen in der Karibik beheimatet. Auch in der Afrika-Fassung werden noch Brahma und Shiva angerufen. Das ist also sowieso ein Fantasieland ohne richtigen realen Bezug, ein fremder Planet erfüllt den selben Zweck. Der gesungene Text passte auch gut zum Weltraumszenario, wenn von Schiffen, Stürmen und Kapitänen die Rede ist, lässt sich das problemlos in den Weltraum übertragen. Interessant an der Oper ist dabei sicher, dass (anders als in vielen anderen Opern, die Konflikte zwischen zwei Völkern beschreiben) beide Zivilisationen, also Portugiesen und Inder, quasi parallel dargestellt werden, ohne dass eine Seite die Gute und die andere die Böse ist: Auf beiden Seiten dominiert ein erbarmungsloser Geistlicher (Großinquisitor bzw. Oberpriester des Brahma) das politische Geschehen. In Frankfurt wurden beide Rollen vom selben Sänger gesungen, was diese Parallele noch unterstreicht. Den einzigen Bruch, den ich wahrgenommen habe, war als Vasco bei seiner Duellforderung im 3. Akt seine Handschuhe vor Don Pedro wirft. Dieser "Fehdehandschuh" wirkte in dem Zukunftssetting seltsam anachronistisch. Da das jedoch die einzige derartige Stelle ist, war diese Assoziation vielleicht gar nicht beabsichtigt.
Gruß Amonasro :hello
Falstaff (20.03.2018, 23:19): Danke, lieber Amonasro, für deine weiteren und sehr interessanten Ausführungen.
LG Falstaff
Cetay (inaktiv) (19.05.2018, 22:41): Vorgestern in der Stuttgarter Oper gab es Marc Andres 2014 erstmalig aufgeführten wunderzaichen (schreibt man so) zu bewundern. Es geschahen allerdings keine Zeichen und Wunder und so war das Haus fast leer. Na gut, das ist für den verstaubten Operngänger auch nix, dazu ist die Handlung viel zu surreal in Szene gesetzt und setzt die Musik zu viel Beweglichkeit des Hörens voraus. Dass sich ein paar Vollidiotinnen während der Vorstellung durch die Reihe gezwängt haben, um zu gehen, ohne auf diejenigen Rücksicht zu nehmen, die bleiben wollen, zeigt, dass sich auch in der von bescheuerten Benimmregeln zerfressenen Hochkultur letzlich jeder selbst der Nächste ist.
Das war aber die einzige Szene, die mich kurz aus diesem Stück entlassen hat. Ansonsten war das ein total einnehmender Trip für Augen, Ohren und Geist - bei dem ich mich am Ende gefragt habe, ob mir jemand etwas in den Sekt getan hat. Geschauspielert und gesungen wurde auch, aber da auch Hochkultur Unterhaltung und kein Sport ist, halte ich es für verfehlt, Leistungsbeurteilungen abzugeben. Den meisten Applaus heimsten Sylvain Crambreling und die Musiker des Staatsorchesters ein - und ich würde den Intendanten noch miteinbeziehen, dafür, dass er das ins Haus gebracht hat. Ein Zeichen und Wunder in unserer Zeit von grotesk repetitiven Konzertprogrammen und Spielplänen allerorts.
Falstaff (19.05.2018, 23:55): Lieber Cetay, von dem bei YouTube verfügbaren Trailer kann ich nicht viel über die Oper entnehmen, außer, dass sie für mich durchaus interessant klingt. Wäre ich noch regelmäßiger Operngänger und würde das in Hamburg stattfinden, wäre ich sicherlich dabei gewesen. Solche Aufführungen moderner Opern waren in Hamburg übrigens bis in die Anfangsjahre dieses Jahrhunderts eigentlich durchaus immer ganz gut besucht. Selten ein Renner (wobei 'modern' ja auch nicht immer gut bedeuten muss), aber sie wurden oftmals auch nur eine Saison gespielt, so dass das Publikum wenig Gelegenheit hatte, sich weiter und intensiver damit auseinanderzusetzen. Aber trotzdem besteht ein Opernpublikum in der Regel nicht nur aus 'verstaubten' Teilnehmern. Dass das in Stuttgart jetzt nicht funktionierte, wundert mich eigentlich. Ich hatte die Stuttgarter auch gerade nach dem, was ich so in den letzten Jahren gelesen hatte, für aufgeschlossener gehalten.
https://www.youtube.com/watch?v=cDw13JeMDyo
Was mich allerdings an diesem kurzen Ausschnitt ziemlich genervt, verärgert, aufgeregt hat, ist die Verwendung von Mikrophonen. Etwas, was mich schon beim Sprechtheater abhält, es noch zu besuchen, dachte ich, dass wenigstens die Oper von dieser Seuche und Offenbarung handwerklicher Unfähigkeit verschont bleiben würde. Dem scheint aber nicht zu sein. Gruselig.
LG Falstaff
Cetay (inaktiv) (20.05.2018, 07:08): Lieber Falstaff, die Mikrophone werden benötigt, weil das Stück mit gelegentlich eingesetzter Live-Elektronik gespielt wird. Die Originalstimnen kommen unverstärkt, aber sie werden individuell aufgenommen, prozessiert und manipuliert und in Echtzeit über im Raum verteilte Lautsprecher zugespielt. Das addiert im Wortsinne eine weitere Dimension zum Erlebnis.
Warum man dem Stuttgarter Publikum eine besondere Aufgeschlossenheit nachsagt, hat sich mir noch nicht erschlossen. Ich habe dort immer nur halbleere Säle vorgefunden, wenn nichts Gängiges auf dem Programmzettel stand. Natürlich sind nicht alle Operngänger verstaubt, sonst wäre ja gar niemand gekommen. :P
Falstaff (20.05.2018, 20:53): die Mikrophone werden benötigt, weil das Stück mit gelegentlich eingesetzter Live-Elektronik gespielt wird. Die Originalstimnen kommen unverstärkt, aber sie werden individuell aufgenommen, prozessiert und manipuliert und in Echtzeit über im Raum verteilte Lautsprecher zugespielt. Das addiert im Wortsinne eine weitere Dimension zum Erlebnis. Alles klar. Danke für diese Informationen. Warum man dem Stuttgarter Publikum eine besondere Aufgeschlossenheit nachsagt, hat sich mir noch nicht erschlossen. Ich habe dort immer nur halbleere Säle vorgefunden, wenn nichts Gängiges auf dem Programmzettel stand. Ich kenne Stuttgart nur von außen, sprich aus der Presse und dachte immer, das die vielfach besprochenen Inszenierungen auch auf eine entsprechende Resonanz beim heimischen Publikum treffen würden. So kann man sich täuschen. :D
LG Falstaff
Cetay (inaktiv) (08.07.2018, 15:32): Ich darf das Stuttgarter Publikum rehabilitieren. Am Freitag gab es die zweite Vorstellung der zuvor an derselben Stelle uraufgeführten Erdbeben. Träume von Toshio Hosokawa (Libretto Marcel Beyer) und die Hütte war voll. Die Voraussetzungen sind freilich etwas anders, denn zum einen bescheinigt man dem Japaner eine gemäßigt moderne Musiksprache, die dem Hörer durch nachvollziehbare Melodiebögen Halt geben soll - ich bezweifle das; die einzige Sicherheit, die man hat, ist, dass es nie so weitergeht, wie man es erwarten würde - zum anderen sind durch den literarischen Bezug (Kleist), durch die mittels Sprache der Jetztzeit ins Heute übertragene -für meinen Geschmack allzu deutliche- Zivilisationskritik und nicht zuletzt durch die Verflechtungen mit dem Schicksal des Komponisten (Erbeben, Japan, ja klar) genügend außermusikalische Lockmittel da. Trotz der mir bisweilen fehlenden Subtilität war das schon eine beeindruckende Inszinierung (ein paar Impressionen hier). Die 'Leistungen' der Sänger waren soweit ich das beurteilen kann exquisit. Die Hauptrolle (das traumatisierte Kind, aus dessen Sicht die Dinge in Rückblenden ablaufen) ist stumm und bekam doch für die pantomimische Darstellung den zweitmeisten Applaus, hinter Sylvan Crambreling, der für seine fantastische Arbeit mit dem Orchester wieder die doppelte Phonstärke an Beifall einfuhr. Leider wird er Stuttgart verlassen.
Falstaff (08.07.2018, 23:06): Zunächst, lieber Cetay, besten Dank für den Beitrag und den Hinweis auf dieses Werk. denn zum einen bescheinigt man dem Japaner eine gemäßigt moderne Musiksprache, die dem Hörer durch nachvollziehbare Melodiebögen Halt geben soll Solch ein Trailer ist natürlich wenig aussagekräftig, aber die 'gemäßigte Moderne' kam schon raus. Das klang alles nicht schlecht, aus der Ferne sozusagen wie mehrfach bereits gehört, aber nicht unbedingt radikal etwas Neues. Andererseits warum nicht. Man kann ja durchaus zunächst einmal einen bestimmten Stil weiterpflegen. Mit Sicherheit ist diese Art der modernen Musik aber für ein 'gängiges' Publikum leichter zu verdauen. - ich bezweifle das; die einzige Sicherheit, die man hat, ist, dass es nie so weitergeht, wie man es erwarten würde Das wird natürlich aus dem Ausschnitt heraus nicht unbedingt deutlich. Vielleicht steckt dann da doch mehr drin. ;) für meinen Geschmack allzu deutliche- Zivilisationskritik Für meinen Geschmack wirkte die ganze Inszenierung als zu überfrachtet. Das noch und das noch und hiervon auch noch was und Supermann im Chor muss auch dabei sein. Aber das mag ein ganz falscher Eindruck sein. Persönlich könnte ich mir das ganze Werk aber eher abstrakt inszeniert vorstellen, so dass sich die entsprechenden Bilder eher in den Köpfen der Zuschauer bilden würden. hinter Sylvan Crambreling, der für seine fantastische Arbeit mit dem Orchester wieder die doppelte Phonstärke an Beifall einfuhr. Leider wird er Stuttgart verlassen. Des einen Leid, des anderen Freud. :D Als Hamburger bin ich auf ihn schon recht gespannt.
LG Falstaff
Cetay (inaktiv) (14.01.2019, 17:49): 12.01.2019 - Staatsoper Stuttgart Pjotr Iljitsch Tschaikowski; Pique Dame Regie, Bühne, Besetzung etc. siehe hier
Die Welt steht auf dem Kopf - zumindest die kleine Welt unseres Forums. Sonst wäre es kaum möglich, dass ein bekennender Opernmuffel, ach was, Opernverächter hier gleich drei Berichte hintereinander schreibt. Nachdem ich aus zwei modernen Opern ohne Kopfschmerzen herausgekommen bin, weil der Gesang in natura überhaupt nicht so grässlich klingt wie von Konserve, habe ich mich in nun in was Traditionelles gewagt. Tschaikowskis Pique Dame hat ja eine recht interessante Story, zwar mit Gräfin und Fürst und so, aber auch mit Gespenstern und Spielsucht und dazu sah die Inszenierung auf den Bildern zeitgemäß aus - das heißt, der heutigen Zeit gemäß. Ich kann gleich vorwegnehmen, dass das in den Pausengesprächen uneingeschränkten Beifall bei Jung und Alt fand, der Saal fast voll war und nach der Pause auch blieb. Niemand buhte. Die in einem ehemals bedeutenden und großen, heute nur noch großen Klassikforum repetitiv gestreute Propaganda, dass "Regietheater" für halbvolle Säle sorgt und mehrheitlich abgelehnt wird, konnte zumindest für diese Veranstaltung nicht bestätigt werden. Das ganze spielte auf einer Drehbühne mit Treppen und Leitern vor bröckelnden Wänden und dunklen Gängen. Als Requisiten dienten ein immer wieder durch die Gegend gefahrener Kasten der wie eine Mischung aus Straßenbahnwagon und Beichtstuhl aussah und ein Einkaufswagen. Wer sich einen Eindruck von dieser "Verschandelung" machen will, schaut hier:
Ich bin kein und werde nie ein Experte, der oberlehrerhaft Sängerleistungen beurteilt, aber was Lise Davidsen als Lisa ablieferte, fand ich schwer beeindruckend. Die Frau hat ein Organ für drei, aber es klang nicht einfach wie dreifaches Volumen, sondern als ob der Gesang aus drei verschiedenen Kehlen gleichzeitig kommt - irgendwie spooky. Sie heimste dann auch am meisten Applaus ein, deutlich vor Gevorg Hakobyan als Graf Tomski und Stine Marie Fischer als Polina, die sich gleichauf Silber teilten. Der Alt von Fischer hat ein Timbre und eine Farbe zum wegschmelzen - hui, ich höre mich schon an wie die Opernheinis, dabei mag ich doch Kunstgesang eigentlich gar nicht. Das ist halt wieder mal der Unterschied zwischen Bühne und Konserve - und was ich für großorchestrale Sinfonik festgestellt habe, gilt für die Oper erst Recht: Das macht ausschließlich live überhaupt Sinn, von Platte ist das eine Karikatur der Wirklichkeit, egal ob mit Kofferradio oder High-End-Anlage abgehört. Das Orchester? Das fand ich erschreckend pauschal -ich kann mir das bei der gebotenen Klangfarbenvielfalt und kammermusikalischen Filigranität sehr viel differenzierter vorstellen- und es nahm auch wenig Rücksicht auf den nicht sonderlich stimmgewaltigen Erin Caves, der immerhin die Hauptrolle zu spielen hatte und einiges Interessantes mit seiner Stimme anstellte, was aber nur in den leisen Passagen zu hören war. Vielleicht bin ich ja ungerecht und trauere bloß Sylvain Crambreling nach und eigentlich war der packenden Inszenierung mit Oksana Lynivs -pardon- filmmusikalischen Ansatz gar nicht schlecht gedient. Insgesamt war das eine runde und schlüssige Sache für Auge, Ohr, Hirn und Herz. Hingehen!
palestrina (14.01.2019, 20:31): Da sind wir uns vielleicht unerkannt über den Weg gelaufen lieber Cetay, ich war völlig hin und weg von Lise Davidsen als Lisa, aber der Rest war auch gesanglich bestes Niveau, ebenfalls sehr einfallsreich fand ich die Regie! Mir hat das unglaublich gut gefallen! Aber was die beiden, Regie und Dramaturgie Jossi Wieler, Sergio Morabito, machen ist immer sehr gut, zumindest was ich bisher gesehen habe!
LG palestrina
Cetay (inaktiv) (15.01.2019, 02:33): Lieber palestrina, das ist ja ein Ding! Wenn man so etwas vorher wüsste... Wir hätten gepflegt einen Aperol Spritz schlürfen und ungestört über ehemalige Forenmitglieder lästern können. :cool
palestrina (15.01.2019, 09:54): Lieber palestrina, das ist ja ein Ding! Wenn man so etwas vorher wüsste... Wir hätten gepflegt einen Aperol Spritz schlürfen und ungestört über ehemalige Forenmitglieder lästern können. :cool Ja so ist das lieber Cetay, aber ich hätte nie gedacht dass man gerade dich dort sehen könnte! :) Den Aperol Spitze hätte ich gerne mit dir geschlürft, und lästern ist auch was schönes! ;)
Dalibor - Aleš Briscein Milada - Izabela Matuła Vladislav - Gordon Bintner Budivoj - Simon Bailey Beneš - Thomas Faulkner Vítek - Theo Lebow Jitka - Angela Vallone
Dirigent: Stefan Soltesz Regie: Florentine Klepper
Der Besuch hat sich leider nicht gelohnt: Zwar gab es eine zumindest anfangs interessante Inszenierung und die Sänger (allen voran Izabela Matula und Gordon Bintner) waren sehr gut; die Oper selbst war leider völlig uninteressant. Die Fidelio-ähnliche Handlung (der böhmische Ritter Dalibor tötet aus Rache den Mörder seines Freundes; die Schwester des Getöteten verliebt sich bei der Gerichtsverhandlung in ihn und versucht ihn zu befreien, indem sie als Mann verkleidet Gehilfe des Kerkermeisters wird; die Flucht scheitert und Dalibor wird hingerichtet) ist unlogisch und strotzt nur so vor Klischees. Alle Charaktere bleiben oberflächliche Abziehbilder. Die gestelzte, altbackene Sprache (verwendet wurde seltsamerweise eine deutsche Rückübersetzung aus dem Tschechischen des ursprünglich deutschen Librettos ?( ) macht es nicht besser. Die Musik erinnert an frühen Wagner, es gibt jedoch keine Stelle, die mir besonders im Gedächtnis geblieben wäre, die meiste Zeit habe ich mich gelangweilt. Am schlimmsten sind jedoch die durchgehend larmoyanten, zunehmend in Kitsch (die süßlichen Geigensoli bei den Gedanken an den verstorbenen Freund) abgleitenden Szenen der Titelfigur.
Die Inszenierung verlegt die Handlung vom mittelalterlichen Schloss in ein modernes Filmstudio, wo eine Gerichtsshow gedreht wird. Der König ist der Showmaster im grell schillernden Anzug. Anstatt in einem dunklen Kerker wird Dalibor in einem hell beleuchteten Kreis von Kameras festgehalten, totale Überwachung und den Verlust der Privatssphäre symbolisierend. Ganz verstanden habe ich das Konzept nicht, zumal am Ende alle (einschließlich König und Kanzler) umgebracht wurden und so nicht mehr klar war, auf welche Seite die omnipräsenten Polizisten/Sicherheitsleute jetzt eigentlich stehen.
Gruß Amonasro :hello
Guenther (08.04.2019, 12:12): Nachdem mich jüngst eine Sopranistin gebeten hat, sie beim "Lied an den Mond" zu begleiten, dachte ich mir, es wäre eine gute Gelegenheit, diese Oper mal wieder anzuschauen. Und voilà: Die Oper Köln hat sie als Ersteinspielung auf dem Programm. Eile war allerdings geboten, denn gestern, am 7. April, war bereits die letzte Aufführung (Premiere war Anfang März).
Das Opernhaus in Köln wird derzeit renoviert, so daß die Aufführungen im sog. "Staatenhaus" am Tanzbrunnen stattfinden müssen. Hier gab es gestern leider das Problem, daß die Anfahrt sich ein wenig schwierig gestaltete, da zeitgleich eine große Messe stattfand und das "Staatenhaus" im Messegelände liegt. Hier könnte die Oper Köln möglicherweise darauf hinweisen, etwas mehr Zeit einzuplanen. Nun, wie auch immer: Eine Viertelstunde vor Beginn waren wir im Saal 2. Immerhin...
Die Saalgestaltung ist derzeit ein wenig "behelfsmäßig" und erinnert eher an Musicals oder sonstiges Entertainment. Der Zuschauerraum ist einfach rechteckig, die Zuschauer sitzen stufig auf mobilen Gerüsten, die Bestuhlung ist nicht oder kaum gepolstert. Bequem kann man es sich also nicht machen. :)
Das Orchester befindet sich links neben der Bühne in einem separaten "Raum", der zum Publikum hin offen ist; der Klang ist aber dennoch gut. Man sieht halt das Orchester fast nicht, zumindest nicht in Reihe 10 (wo es für uns noch letzte Karten zu ergattern gab). Der Saal war so gut wie ausverkauft.
Das Bühnenbild (Ulrich Leitner) ist einfach und quasi ohne Verwandlung. Die Bühne ist von hinten nach vorne schräg abfallend und mit grauen Bohlen belegt. Hinten überspannen wellenformige Balken den hinteren Teil der Bühne und sollen so anscheinend die Wasserwelt symbolisieren. Im ersten Akt liegen (Stoff-)Fische auf dem Boden herum. Man darf hier also das Libretto, das ja die Handlung an den Rand des Teiches (nicht in ihn hinein) legt, nicht ganz genau nehmen...
Zentrales Element der Aufführung (Inszenierung: Nadja Loschky) ist ein großes Bett, das in jedem der drei Akte in abgewandelter Form auf die Bühne gebracht wird: Im ersten Akt wird es noch vor der Ouvertüre vom Wassermann und einigen Helfern auf die Bühne gezogen: Es ist mit Netzen behängt, und nach der Ouvertüre krabbelt die Rusalka (tschechisch für "Wassernixe") aus ihm hervor (und singt später darin das berühmte "Lied an den Mond").
Im zweiten Akt dient es als prachtvoll ausgestattetes (königliches) Ehebett, und im dritten Akt dient es als rostiges Gestell der Rusalka als Ruhestätte. So soll wohl die Entwicklung der "Liebesgeschichte" dargestellt werden. Wobei das Hochzeitsbett gar nicht von Rusalka und dem Prinzen genutzt wird, sondern von den Schloßangestellten, dem Heger (Förster) und dem Küchenjungen (hier als Frau umgedeutet). Im Original ist diese Partie zwar ein Sopran, die Rolle jedoch eigentlich ein junger Bursche. Die Regisseurin wollte es anders, und man sieht Heger und Küchenjungen kopulierend im königlichen Bett... naja, angedeutet. ;)
Da hierbei die Rusalka zusieht, könnte man diese Szene so verstehen, daß Rusalka erst durch dieses Zusehen begreift, warum der Prinz ein "Problem" mit ihr hat. Immerhin beschwert der Prinz sich ja, daß sie immer kalt und wenig leidenschaftlich ist, wenn er sie umarmt. Hier sind natürlich einer "realistischen" Betrachtung und Interpretation der Worte keine Grenze gesetzt... ;)
Das rostige Gestell versinnbildlicht dann vermutlich die "verrostete Liebe"; denn der Prinz wurde ja zwischenzeitlich von der Fürstin verführt und vernachlässigt dementsprechend die Rusalka.
Insgesamt kontrastieren in der Inszenierung moderne Umdeutungen mit librettogemäßen Umsetzungen. So sind die Kostüme (Irina Spreckelmeyer) in vielen Fällen auf "Rokoko" getrimmt (Krinolinen werden besonders gern gezeigt). Auch die anderen Wassernixen, also die Schwestern der Rusalka, werden im dritten Akt mit "Fischschwanz" gezeigt. Wobei sie hier allerdings den gesamten dritten Akt unbewegt auf der Bühne herumliegen. Da erschließt sich mir gerade der Sinn nicht so recht...
Auf der anderen Seite wird das Märchenhafte komplett ausgeblendet. Es wird zwar ein wenig Bühnennebel verblasen, aber weder die Zauberszene, wo die Jezibaba den Zaubertrank braut, noch sonstige Szenen werden in diesem Sinne ausgekostet. Da wird zwar "irgendwie" ein Getränk hergestellt, das die Rusalka dann trinkt, aber die Sinnhaftigkeit des Ganzen kommt für mich nicht so recht herüber. Die Nixe muß ja auch menschliche Füße bekommen, was jedoch "nur" durch Anstecken von Beinschienen so halbwegs realisiert wird. Hier wird der märchenhafte, zauberische Aspekt völlig verdrängt. Schade!
Selbst der Schluß, wo der Prinz eigentlich durch den Kuß der Rusalka stirbt (Fluch), wird hier "realistisch" umgeschrieben: Rusalka ersticht ihn mit einem großen Messer. Nix mit Zauberkraft oder so... ;)
Kommen wir zum Wichtigen. ;)
Musikalisch ist der Abend auf jeden Fall als Höhepunkt zu bewerten. Alle Sänger sowie das Orchester (Gürzenich-Orchester; Leitung: Christoph Gedschold) ) waren hervorragend, wobei mir insbesondere die sehr gepflegten Timbres der beiden Tenöre Prinz (Mirko Roschkowski) und Heger (Insik Choi) gefallen haben. Auch der Baßbariton des Wassermanns (Samuel Youn) überzeugte mich durch Volumen einerseits, als auch durch größte Ausdruckskraft, die auch der Rolle gemäß ist und gerecht wurde. Der Wassermann ist in der Oper ja immer der Warner, der Rusalka warnt. Sein "Wehe, Rusalka, wehe!" hallt durch den Raum, und großer Schmerz und großes Leid werden hier hör- und erfahrbar.
Die Solistinnen sind ebenfalls von ausgesuchter Qualität, insbesondere die Rusalka (Olesya Golovneva) besticht durch ihr großes Volumen im Diskant (was man dem "Persönchen" nicht zutraut, wenn man es rank und schlank in Hemdchen und kurzer Hose über die Bühne laufen sieht). Bei den tiefen Stellen wurde sie leider manchmal vom Orchester überdeckt, was aber der Qualität des ausdrucksreichen Gesangs keinen Abbruch tat.
Die Jezibaba (Dalia Schaechter) überzeugte ebenfalls durch starken Ausdruck und großes Volumen. Die Fürstin (Adriana Bastidas-Gamboa) gefiel mit reiner und schöner, farbiger (tiefer) Stimme, hat mir allerdings auch besonders gut durch ihr laszives Spiel gefallen.
Insgesamt also musikalisch eine erstklassige Vorstellung, die am Ende mit stehenden Ovationen und Bravo-Rufen belohnt wurde. Da könnte und müßte man durchaus mehrmals hineingehen.
Die Inszenierung war einfach, aber effektiv. Einige Dinge haben sich mir beim ersten Zusehen allerdings nicht erschlossen.
Z.B. wird der Schluß des Stücks umgeschrieben: Die Rusalka bringt zwar den Prinzen um (auch auf dessen Wunsch hin), geht aber danach ihres Weges, während das Libretto ein Schicksal als "Irrlicht" vorgesehen hatte... Naja, ok...