Gesungene Astrophysik – Der Komponist Iannis Xenakis

Nordolf (04.07.2008, 19:02):


Flirrende Klaviertöne huschen unruhig hin und her – sie befinden sich in ständiger Bewegung. Das Klavier wird von schrillen, schleifenden und metallisch klirrenden Orchesterflächen begleitet, die sich zu massiven Blöcken formen. Die Musik kommt nicht zur Ruhe – das Hervorbrechen der Töne vollzieht sich ohne Unterlaß. So könnte eine Komposition klingen, die zur Untermalung von Sonnenproteburanzen oder Impressionen aus der Gasatmossphäre des Planeten Jupiter geschrieben wurde. Xenakis nannte das Stück "Erikhthon" – wie so oft bei ihm beruht der Titel auf Neubildungen aus Wortsilben der altgriechischen Sprache.

Statt Melodien und Harmonien im herkömmlichen Sinne zu erschaffen, arbeitete der griechische Komponist Iannis Xenakis mit Massen, Wolken, Intervallen, Verzweigungen, Flächen und Feldern. Mit dem Kompositionsprozess selbst wurde experimentiert. Ein Stift auf einer elektronischen Tafel zeichnet Gestalten, die dann ein Computer in Klänge übersetzt. Das Notenbild zu dem Werk "Horos" mutet fast wie das Seismogram eines Erdbebens an. Lautstärke, Verlauf und Dichte der Töne wurden nach Methoden der Wahrscheinlichkeitsrechnung oder der Chaostheorie bestimmt.
Xenakis übertrug konsequent mathematische und physikalische Modelle auf die Musik. Der Komponist erschuf sich hier selbst zum forschenden Experimentator und auch zum Diktator schonungsloser Klangbehandlungen mit konstruierten Methoden.

Xenakis: "Das Universum ist auch grausam. Ich bin nicht der Meinung, daß Musik immer angenehm sein muß. Ernsthafte Musik ist nie gefällig. Manchmal vielleicht schon, aber meistens versetzt sie einen in Angst und Schrecken. Es gibt keine wirklich große Musik, die sanft wäre."

Das alles klingt nach einem radikalen Bruch mit der Tradition – nach einem geradezu beängstigenden Bruch, der von häufig brutal klingender Musik untermalt wird. Die andere Seite aber war ein Xenakis, der sich gerne Wagner-Opern anhörte, die Musik von Brahms liebte und von einer sentimentalen Zigeunermelodie zu Tränen gerührt werden konnte. Zu dieser anderen Seite gehörte auch sein Bezug auf die altgriechische Tradition, Philosophie, Mathematik und Naturbetrachtung – insbesondere auf das Athen des 5. und 6. vorchristlichen Jahrhunderts. In einigen seiner Werke versuchte er intuitiv den Klang der altgriechischen Musik zu erahnen, z.B. Medea, Oristeia oder Kassandra. Und: - trotz einiger elektro-akkustischer Kompositionen nehmen die Werke für Orchester den größten Raum in seinem Schaffen ein.
Ergänzend zum obigen Zitat muss außerdem gesagt werden, das Xenakis zugibt, diesen "Schrecken" der ernsthaften Musik auch in den Melodien Schuberts entdecken zu können.

Überhaupt der Schrecken.... Es lohnt sich unter diesen Gesichtspunkt einen Blick in die Biographie von Iannis Xenakis zu werfen. Xenakis lebte von 1922 bis 2001. Er wurde in der kleinen rumänischen Stadt Braila als Sohn griechischer Eltern geboren. Der Vater hatte als Freiwilliger in der griechischen Armee gegen die Türken gekämpft und war schließlich Geschäftsmann geworden, um seine Familie zu ernähren. Seine Mutter verlor Xenakis als er gerade einmal fünf Jahre alt war – zum Geburtstag hatte er kurz zuvor noch eine Flöte von ihr geschenkt bekommen. Jetzt schickte ihn der Vater in das Heimatland seiner Familie: - nach Griechenland. Er besuchte ein Sportinternat, in dem er sich anfangs recht unglücklich und als Außenseiter fühlte. Dort begann er die wissenschaftlich-phantastischen Romane von Jules Verne und Bücher über Astronomie zu lesen. Ansonsten trieb der junge Mann sehr viel Sport: - er gewann im Schwimmen einen ersten Preis und lief regelmäßig am Strand. Musik erregte bei ihm eher Mißtrauen: - die Volks- und Kirchenmusik mochte er nicht, gegen die sentimentale Empfindungen erregende Zigeunermusik setzte er sich innerlich zur Wehr. Mit 15 (oder 16) Jahren entschloß er sich, ein Instrument zu lernen – er wollte es dann doch mit der Musik versuchen. Durch eine Tür hindurch hörte er die Fünfte Symphonie von Beethoven, die einen prägenden Eindruck hinterließ. Gleichzeitig führte er kleine physikalische Experimente durch. Ein Jahr früher war bereits sein Interesse für altgriechische Philosophie und Sprache erwacht. Noch ein Jahr früher hatte der dreizehnjährige Xenakis am "sandigen Strand der Donau" ein Erleuchtungserlebnis und wurde gläubig. Später aber erkannte er "durch die Lektüre von Büchern und eigene Erfahrungen", das es keinen Gott gibt. Die Beschäftigung mit der antiken Welt führte zu weiteren Zweifeln: - warum sollte es plötzlich neben den vielen alten Göttern noch einen einzigen Gott geben?! Am Ende seines Lebens war Xenakis Atheist, weil er in der Gottesvorstellung nur noch eine Gefährdung der Freiheit des Menschen und ein Mittel zu seiner Versklavung sehen konnte. Das hinderte ihn nicht daran, bis ans Ende seines Lebens besonders die sakrale Architektur und Kunst zu lieben.

Dem Tod der Mutter folgte vierzehn Jahre später der nächste große Schrecken im Leben von Xenakis: - der Krieg. Nach seinem Abschluß des Polytechnikums marschierten die Italiener in Griechenland ein. Ende 1941 schloß sich Xenakis dem nationalen Widerstand gegen die Italiener an, welche sich durch ihre Greueltaten verhaßt gemacht hatten, z.B. in dem sie ein griechisches Pilgerschiff versenkten. Die Italiener wurden von den Griechen geschlagen, aber bald darauf besetzten die Deutschen das Land. Diese beschlagnahmten die Lebensmittel und lösten mit dieser Maßnahme eine schlimme Hungerepidemie aus. Daraufhin gab es Massendemonstrationen in Griechenland, die vor allem von der Kommunistischen Partei organisiert wurden und an denen Xenakis teilnahm. Man kann sich vorstellen, das Xenakis in diesen Jahren einiges an Gewalttätigkeit erlebt hat. Der Komponist musste am eigenen Leib erfahren, was Folter bedeutet – ähnlich wie sein bekannter Landsmann, der Komponist Mikis Theodorakis.
Die Demonstrationen hatten Erfolg: - die Deutschen liessen sogar zu, das die Alliierten Lebensmittel nach Griechenland lieferten. Dieser Erfolg führte Xenakis in die Reihen der KP. Letztlich konnten die deutschen Truppen durch den bewaffneten Widerstand vertrieben werden. Seine schlimmste Verletzung aber erlitt Xenakis im Kampf mit den Engländern. Die englische Regierung trieb ein politisches Machtspiel mit der starken Widerstandsbewegung in Griechenland, die sich vor allem auf die Partisanen und die KP stützte.

Xenakis: "Im Dezember 1944 griffen die Engländer dann unsere Athener Stellungen an. Der Kampf dauerte etwa einen Monat. Sie bombardierten uns aus der Luft, und sie bauten ihre Geschütze sogar auf der Akropolis auf. Nicht einmal die Deutschen haben so etwas getan."

Im Februar 1945 wurde Xenakis vom Geschoss eines Sherman-Panzers verletzt. Balint Andras Varga, der mehrere Interviews mit ihm führte, schrieb: "Die ganze Zeit über konnte ich mich nicht an die Wunde in seinem Gesicht und an den leeren Blick des Glasauges über der Narbe gewöhnen. Des öfteren ertappte ich mich dabei, daß ich zu diesem Auge sprach." 1947 emigrierte Xenakis ins Ausland, weil er in Griechenland zum Tode verurteilt worden war. Frankreich wurde seine neue Wahlheimat.

Angst und Schrecken... In seiner Musik klingen die Erfahrungen des Krieges wieder. Das zeigt sich bereits in der 1955 unter Leitung von Hans Rosbaud uraufgeführten Komposition "Metastaseis". In "Metastaseis" dringen die Erfahrungen von Xenakis aus der Zeit der Demonstrationen wieder an die Oberfläche und verdichten sich zu musikalischen Bildern: - "das Skandieren der Parolen, die abgehackten Maschinengewehrsalven, das rhythmische Geräusch Hunderttausender Demonstranten".
Trotz seines politischen Engagements blieb Xenakis ein Einsamer, einer, der in seiner eigenen Welt lebte. Begünstigt wurde dieser Zustand noch durch einen Gehörschaden, den er in Folge seiner Begegnung mit dem englischen Panzer erlitten hatte. Ein "hoher Ton von 8000 Hertz" im Ohr hat sein ganzes weiteres Leben begleitet – fast wäre er taub geworden. Nachdem Xenakis ein Auge verlor, konnte er sich nur schwer orientieren, fiel häufig zu Boden. All das hat seinen Hang zum abstrakten Denken verstärkt – allein deshalb, weil er bei jeder alltäglichen Bewegung seines Körpers abstrahieren musste.

Xenakis: "Das Entscheidende ist, daß ich in einem Brunnenschacht geraten bin und mich immer noch dort befinde, so daß ich mehr nachdenken muß, als wenn ich die Realität um mich unmittelbar greifen könnte."

Diese geschärfte Abstraktionsfähigkeit wurde zu einem Werkzeug für seine Arbeiten – sowohl in der Musik als auch in der Architektur. In Frankreich entwickelte sich aus dem Ingenieur des Athener Polytechnikums ein gefragter Architekt. Nachdem er lange Zeit keine Arbeit finden konnte, kam er durch die Vermittlung eines Freundes in das Büro des bekannten Architekten Le Corbusier. Dort fand er auch die Anregungen für seine aufwendigen Projekte, die elektro-akkustische Musik, Lichteffekte und die Architektonik von Großbauten miteinander zu einem Gesamtkunstwerk verbanden. So konnte Xenakis 1967 im französischen Pavillon der Weltausstellung sein "Polytope de Montreal" zur Aufführung bringen, wo er eintausenzweihundert Lichtquellen zur Verfügung hatte, die sich einzeln schalten liessen. Sein späteres "Diatope" für die Einweihung des Centre Pompidou hingegen umfasste bereits eintausendsechshundert Blitzlampen und vier Laserkanonen.. Doch Xenakis träumte von weitaus utopischeren Projekten: etwa die Nutzung von Wolken und Satelliten als spiegelnde Flächen, die Bestrahlung der Erde mit einem spinnwebartigen Lichtschleier oder gar die künstliche Erzeugung von Polarlicht. Mit diesen megalomanisch anmutenden Vorhaben wollte der Komponist eine neue Kunstform kreieren, einen "neuartigen Umgang mit Licht und Klang". Dahinter steht die Vision des Künstlers der Zukunft – eines Künstlers, der im kleinen nachvollzieht, was in der Natur im gigantischen Dimensionen vor sich geht, der sich die neuen wisenschaftlich-technischen Möglichkeiten aneignet, um eine "ungeheure Machtentfaltung" zu erleben. Die Kunst ist dabei für Xenakis freier und mächtiger als die Wissenschaft selbst, weil sie nicht an Beweise gebunden bleibt und daher neue Bereiche erobern kann, die der Wissenschaft nicht zugänglich sind – und auf den Gebieten der Wissenschaft wird die Kunst zudem ebenso tätig.

Xenakis: "Dies ist mein Beitrag zur Musikgeschichte: ich verwende beim Komponieren Methoden, die der Musik völlig fremd sind."

Xenakis suchte nach neuen Möglichkeiten, die einer Zukunftsmusik den Weg bereiten sollten. Obwohl er viele Werke der aleatorischen und seriellen Musik respektierte, meinte er doch, das diese Richtungen in eine Sackgasse geraten seien. Das trug ihm insbesondere die Feindschaft von Pierre Boulez ein. Befördert wurde dieser Streit noch zusätzlich durch das Konkurrenzverhältnis, das sich aus den begrenzten Förderungsgeldern des französischen Staates ergab, die für solche Projekte wie die Forschungszentren von Boulez und Xenakis zur Verfügung standen.
Im folgenden will ich einige der Probleme und der Techniken, die Xenakis beim Komponieren beschäftigten, kurz skizzieren:

Zu Beginn ging es Xenakis darum, eine Musik zu erschaffen, die auf Berechnungen beruhen sollte, denen klare Prinzipien zu Grunde lagen. Als erstes nutzte er die Permutation von Intervallen: - ein Kompositionsprinzip, das eine Art "Automat" darstellen sollte: man gibt etwas hinein, und durch die Berechnungsprozesse kommt wieder etwas heraus (auch die Fuge sah Xenakis als einen solchen Automaten an). Dieser Angang blieb typisch für den Komponisten. Desweiteren interessierte ihn der kontinuierliche Übergang von Akkorden: - seine Lösung waren die Glissandi, die gleitende Veränderung der Tonhöhe. Besonders die Streicherglissandi haben seine Musik geprägt. Nach "Metastaseis" arbeitete er mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung, der stochastischen Methode. Damit wollte Xenakis die Kontrolle über die "großen Massen klanglicher Ereignisse" in seiner Musik aufrechterhalten. Das Diagramm und die Formel wurden zu Hilfsmitteln im Kompositionsprozeß. In diesem Zusammenhang beschäftigte sich Xenakis mit der kinetischen Gastheorie, die Vorraussagen über den zukünftigen Zustand von Gasmolekülen zu treffen sucht. Die hier angewandten Berechnungen übertrug er nun auf die Töne – statt Hypothesen über Moleküle aufzustellten, bildete er solche über die Intervalle, Tondauern und Lautstärken. "Pithoprakta" und "Archorripsis" gehörten zu den ersten Stücken, die auf diese Weise entstanden.

Der nächste Schritt war die Arbeit mit einem Computerprogramm, das wie eine "black box" funktionierte. In diese "black box" gab Xenakis spezifische Verknüpfungen von Wahrscheinlichkeitsformeln und Funktionen – das Programm errechnete mit diesen Daten die Musik. Die Stücke der ST-Reihe sind alle auf diese Weise konstruiert worden.
Eine weitere Methode war die Verwendung von sogenannten Gruppenstrukturen. Dieser Begriff geht auf den Pädagogen Jean Piaget und seine Untersuchung über das Zeitempfinden von Kindern zurück. Xenakis erstellte dabei verschiedenen Mengen von Toneigenschaften – eine Menge Tonhöhen, eine Menge Lautstärken, eine Menge Klangfarben usw. usf. – und kombinierte diese dann miteinander (z.B. "Herma für Klavier" oder "Nomos Alpha"). Bei dieser Verfahrensweise spielen bestimmte Vorstellungen über Symmetrie und Geometrie eine große Rolle.

Es konnte nicht ausbleiben, das Xenakis bald eine eigene Notenschrift für den Kompositionsprozeß entwickelte: - die "Verzweigungen". Die Verzweigungen stehen für Melodienlinien, die auseinander hervorwachsen und graphisch mehrere kleine Wurzelsysteme bilden. Diesse Schrift übertrug der Komponist für den Aufführungsgebrauch allerdings wieder in ein gängiges Notensystem. Mit diesen Notenästen hängt auch die schon erwähnte elektronische Tafel zusammen, die in dem von Xenakis gegründeten "Forschungszentrum Mathematik und Informatik für musikalische Anwendungen" (CEMAMu) entwickelt wurde. Man konnte mit einem elektronischen Stift beliebige Gestalten auf diese Tafel malen, die ein Computerprogramm dann in Musik übersetzte.
Ein Stück wie "Linaia-Agon" stellt schließlich eine Spielmatrix dar: Xenakis gibt hier die Regeln an, nach denen zwei Ensembles auf der Bühne versuchen müssen, die bessere Lösung für bestimmte musikalische Ereignisse zu finden. Ein Schiedsrichter bepunktet die Musiker und gibt am Ende den Sieger bekannt.

Iannis Xenakis scheint ein Leben lang von abstrakten Ordnungsstrukturen fasziniert gewesen zu sein. Auch die Siebtheorie hat er der Mathematik entlehnt. Eine Gerade soll für gewisse Klangeigenschaften stehen, die eine Ordnungsstruktur besitzen (Tonhöhe, Dichte, Rauhigkeit des Klangs usw.). Es geht nun um die Frage, welche Punkte auf der Geraden der Komponist auswählen und welche Wertemengen er herstellen soll. Wie bei einem "Sieb" erlaubt der Komponist nur einigen Punkten in Erscheinung zu treten. Diese Punkte werden mit Hilfe allgemeiner logischer Operationen ermittelt und als eine Skala in Bezug zueinander gesetzt. Diese Skalen können beispielsweise Tonleitern sein. Die Tonleitern lassen sich wieder logischen Operationen unterwerfen, die neue Skalen erzeugen.. – bis hin zu solchen, in denen das menschliche Ohr die Periodizität nicht mehr erkennen kann.

Dies alles wirkt sachlich, konstruiert und genau berechnet. Xenakis insziniert sich als ein Architekt, der seine Töne und Klangmengen abzirkelt. Sobald aber eines seiner Stücke sinnlich und direkt erklingt, redet die Musik eine andere Sprache: - die der Angst und des Schreckens. Die mächtigen Klangwellen seiner Werke zeichnen sich wie bedrohliche stählerne Kolosse am musikalischen Horizont ab. Sie spiegeln die Katastrophen des 20. Jahrhunderts wieder: Weltkriege und Revolutionen, Atomschock und nukleare Wüste. Was der Dichter Gottfried Benn über den Stil Nietzsches sagte, könnte auch auf Xenakis zutreffen: "ein tragischer Stil, Krisenstil, hybrid und final" (hybrid wäre bei Xenakis das Aufpropfen der Musik auf die Physik). Mehr aber noch als dies bringt sie das Weltbild der modernen Astrophysik zur hörbaren Erscheinung. Der Mensch blickt in das Gesicht eines Universums, das ihm gegenüber fremd, unheimlich und gleichgültig bleibt, das von Zufällen und Anomalien durchsetzt scheint, aber auch in einem gewissen Grade kalkulierbar und wahrscheinlich ist, ständig neue Fragen aufwirft und immer komplexere Theorien zu ihrer Beantwortung erforderlich macht. Klassische Musik wurde bei Xenakis zu einer Art "Science Fiction". Als Hauptsache steht am Ende bei ihm jedoch der einzelne Mensch in seiner Existenz und vor allem der einsame Künstler, der sein Werk schafft.

Xenakis: "Als in der Vergangenheit noch Segelschiffe über die Weltmeere fuhren, warf man in Seenot eine Flasche mit einer Nachricht ins Wasser, in der Hoffnung, daß jemand sie finden und Hilfe holen würde. So sieht die Rolle aus, die der Kunst zukommt. Es mag viele Künstler geben, die sich gegenseitig bekämpfen, um mehr Macht, mehr Geld, mehr Anerkennung, aber letzten Endes läuft es auf eines hinaus: man wirft eine Flasche ins Wasser, und irgend jemand fischt sie heraus.
Folglich geht das, was man macht, nur einen selbst an – die Gesellschaft sollte damit nichts zu tun haben. Wenn man versucht etwas zu erschaffen, dann sollte man sich völlig allein fühlen, wie ein Funke in der Schwärze des Alls. Das ist alles. Man ist auf sich allein gestellt. Das hängt mit dem zusammen, was ich, mehr ins Philosophische gewendet, bereits über die Originalität gesagt habe. So sollte sich jeder einzelne fühlen, wenn er schöpferisch tätig sein will."


Ich höre inzwischen sehr häufig die Musik von Xenakis, genauer: die ersten vier Folgen der "Werke für Orchester"-Reihe des Labels Timpani - eingespielt von Arturo Tamayo und dem Orchestre Philhamonique Du Luxembourg. Der fünfte Teil ist eben erst erschienen.
Die Radikalität und Intensität dieser Musik hat mich sofort packen können. Hat sich hier noch jemand mit der Kunst des griechischen Komponisten beschäftigt?

Herzliche Grüße!
Jörg
satie (04.07.2008, 23:26):
Lieber Jörg,
vielen Dank für einen weiteren Thread zu einem wichtigen, sehr eigenwilligen Komponisten! Zwar kann ich heute nicht mehr groß darauf eingehen, möchte einfach erst einmal herzlich danken.
Xenakis hat großartige Werke geschrieben, die zu entdecken sich lohnt. Mir gefallen unter anderem seine Schlagzeugstücke, die eigentlich im ersten Moment nicht einmal so besonders wirken. Dann natürlich Metastaseis, jenes Orchesterwerk, welches ihn in Deutschland bekannt machte. Dann erinnere ich im Moment keine Titel, aber ich habe sehr schöne Vokal- und Kammermusik von ihm gehört. Der Thread gibt Gelegenheit, wieder mal genauer in die Sammlung zu schauen.

Herzlich,
S A T I E
Nordolf (05.07.2008, 14:26):
Lieber Satie,

schön, das so schnell eine Resonanz kommt. Die Stücke für Schlagzeug hätte ich natürlich erwähnen müssen, da sie einen wichtigen Platz im Schaffen des Komponisten einnehmen. Xenakis arbeitete hier eng mit dem Ensemble Les Percussions de Strasbourg zusammen, deren Aufnahmen also eine gewisse Authenzität beanspruchen können.


Auf YouTube findet sich auch einiges zu Xenakis. Ein guter Einstieg in die Musik des Komponisten dürfte das Stück "Synaphai" für Klavier und Orchester sein. Hier ist es in einer Aufnahme mit japanischen Musikern zu hören:

Teil 1

Teil 2

Wichtig ist die Aufnahme der Uraufführung von "Metastaseis" aus dem Jahre 1955 mit Hans Rosbaud und dem Südwestfunkorchester:

Metastaseis

Herzliche Grüsse!
Jörg
Rachmaninov (05.07.2008, 16:26):
@Jörg,

da ist er also nun, der Xenakis Thread.
Sobald ich eine ruhige Minute habe werde ich ihn ausgiebig lesen und der ihn zustehenden Konzentration.

Du beschäftigst Dich hier schon seit geraumer Zeit mit ihm und ich bin sicher er ist eine Bereicherung im CD-Regal, auch meinem :cool
Nordolf (05.07.2008, 18:29):
Original von Rachmaninov
Du beschäftigst Dich hier schon seit geraumer Zeit mit ihm und ich bin sicher er ist eine Bereicherung im CD-Regal, auch meinem :cool

Das kann ich mir gut vorstellen. Natürlich erfordert die Musik von Xenakis sehr offene Ohren - und vielleicht auch ein wenig Liebe zum schroffen, ja brutalen Klang. Immerhin bist Du Schostakowitsch, Rautavaara, Aho usw. gewöhnt... - warum also nicht auch Xenakis, der aber natürlich völlig anders ist...

:hello
Jörg
Cetay (inaktiv) (06.07.2008, 12:04):
Lieber Jörg,

auch von meiner Seite einen herzlichen Dank für diesen längst überfälligen und großartig gemachten Beitrag. Für mich zählt Xenakis zu den ganz Großen. Es ist bei diesem Komponisten sehr gewinnbringend, die philosophischen Hintergründe zu seinen Stücken zu kennen, was mich aber besonders fasziniert, ist die unmittelbare Wirkung der Musik, die etwas archaisches an sich hat, das vorbei an Kopf und Herz direkt in das Bewußtsein eindringt. Die Assoziationen mit Angst und Schrecken oder Krieg würde ich weniger in der Musik verborgen sehen als im Bewußtsein des Hörers. In vielen Kompostionen bringt Xenakis die Gesetzmäßigkeiten des Universums selbst zum tönen und die sind sicher aus unserer beschränkten Warte heraus wie er schreibt auch grausam. Dazu sind sie aber auch sehr schön und diese Schönheit wird von Xenakis' Klangarchitetkur ebenfalls auf eine ganz unmittelbare Art vermittelt.
Nordolf (10.07.2008, 09:43):
Lieber Dox,

ja - es geht mir mit diesen Klängen ebenso. Ihre Wirkung scheint mir ganz direkt und physisch. Nach dem Wunsch des Komponisten sollte seine Musik den Hörer "wie ein Donnerschlag" treffen.

Die Assoziationen mit Angst und Schrecken oder Krieg würde ich weniger in der Musik verborgen sehen als im Bewußtsein des Hörers.

Allerdings auch im Bewußtsein des Komponisten. Xenakis hat den Einfluß der Kriegserlebnisse auf seine Musik selbst erwähnt - im besonderen Maße gilt dies für "Metastaseis" und "Pithoprakta". Noch wichtiger war für ihn aber eben dieser Nachvollzug grandioser Naturereignisse, die sich in gewaltigen Zeitläufen vollziehen und die der Künstler im Werk auf eine kurze Dauer und einen kleinen Raum verdichtet. Insofern trifft genau zu, was Du schreibst:

In vielen Kompostionen bringt Xenakis die Gesetzmäßigkeiten des Universums selbst zum tönen und die sind sicher aus unserer beschränkten Warte heraus wie er schreibt auch grausam. Dazu sind sie aber auch sehr schön und diese Schönheit wird von Xenakis' Klangarchitetkur ebenfalls auf eine ganz unmittelbare Art vermittelt.

Für mich gehört diese erhabene Schönheit der Klangarchitektur mit dem Schrecklichen eng zusammen. Xenakis Musik hat zudem das Potential aus eingefahrenen Hörgewohnheiten herauszureissen und Klänge neu wahrzunehmen - das mag manchmal auch wie ein Schock wirken.

Herzliche Grüsse!
Jörg
Rachmaninov (11.07.2008, 09:04):
Original von Nordolf
Original von Rachmaninov
Du beschäftigst Dich hier schon seit geraumer Zeit mit ihm und ich bin sicher er ist eine Bereicherung im CD-Regal, auch meinem :cool

Das kann ich mir gut vorstellen. Natürlich erfordert die Musik von Xenakis sehr offene Ohren - und vielleicht auch ein wenig Liebe zum schroffen, ja brutalen Klang. Immerhin bist Du Schostakowitsch, Rautavaara, Aho usw. gewöhnt... - warum also nicht auch Xenakis, der aber natürlich völlig anders ist...

:hello
Jörg^

@Jörg,

die Orchesterwerke Vol. I sind ja bestellt. Bin schon sehr gespannt was mich da erwartet :engel
Nordolf (11.07.2008, 17:44):
Original von Rachmaninov

@Jörg,

die Orchesterwerke Vol. I sind ja bestellt. Bin schon sehr gespannt was mich da erwartet :engel

Ganz gewiß nichts Harmloses, das ohne Eindruck an Dir vorübergehen wird... :ignore

:hello
Jörg
Cetay (inaktiv) (22.07.2008, 08:11):
Es ist zum :I :I :I, dass dieser Faden so wenig Resonanz findet. Das wird weder dem Komponisten noch dem Ersteller gerecht.

Xenakis' Leistung besteht darin, dass er die Musik auf eine völlig neue physikalische Grundlage gestellt hat. Die auf Frequenzverdoppelungsverfahren beruhende pythagoräische Skala, auf die letzlich die gesamte europäische Kunstmusik zurückgeführt werden kann, ist ja genaugenommen eine ziemlich wilkürliche Grundlage. Das menschliche Ohr ist immerhin in der Lage, 1700 verschiedene Tonhöhen zu unterscheiden, da wirken die 88 Tasten des Klavier fast wie eine provokative Unterforderung.
Xenakis wollte sich den ganzen Tonraum zunutze machen und musste damit zwangsläufig neue Verfahren erfinden und nicht anders als Pythagoras hat er sich dabei auf physikalische Gesetzmäßigkeiten berufen - seine Musik allein schon deswegen als "unmenschlich" abzulehnen, ist grober Unfug.

Eines der interessantesten Verfahren, das Xenakis angewendet hat, ist die kinetische Gastheorie, bzw. verallgemeinert die Statistische Mechanik. Hierbei handelt es sich um stochastische Systeme, bei denen die sich die Einzelteile (Individuen) rein zufällig verhalten und das Gesamtsystem (Kollektiv) trotzdem strengen Gesetzmäßigkeiten folgt. Über die gewaltigen philosophischen Implikationen der puren Existenz solcher Systeme könnte man sich stundenlang auslassen, aber ich will mich hier auf die Musik beschränken. Die bekannteste und wichtigste Komposition dieser stochastischen Musik ist Pithoprakta. Die Geschwindkeitsverteilung der Moleküle in einem Gas wird hier durch Pizzicati und Glissandi repräsentiert, wobei die "Steilheit" der Glissandi ein Maß für die Geschwindigkeit ist. Natürlich richtet sich diese Musik nicht nach den Hörgewohnheiten, aber die Wirkung steht der pythagoräischen Musik um nichts nach. Man kann vielleicht sagen, dass es sich bei manchen von Xenakis' Kompositionen um prä-Antike Musik handelt, denn streng genommen stammt sie aus der Zeit vor der Erfindung des heutigen Tonsystems. Und entspreched archaisch wirkt die Musik und kann fast schon vergessene Urinstinke beim offenohrigen Hörer wachrufen.

Als Einstieg würde ich unbedingt die folgende CD empfehlen, weil sie mit Metastaseis und Pithoprakta zwei der wie ich finde bedeutendsten und zugänglichsten Werke von Xenakis beinhaltet (beide sind mittlerweile auch of Vol. 5 der Serie mit Tamayo erschienen). Außerdem ist sie mit 40 Minuten schön kurz, es soll ja niemand überfordert werden. :D

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/3149025006974.jpg
Rachmaninov (22.07.2008, 08:31):
Original von Dox Orkh
Es ist zum :I :I :I, dass dieser Faden so wenig Resonanz findet. Das wird weder dem Komponisten noch dem Ersteller gerecht.

@Dox,

da hast Du recht. Meine erste Aufnahme ist am Samstag eingetroffen und heute werde ich sie auch endlich hören könnenn :hello
uhlmann (23.07.2008, 11:48):
Original von Dox Orkh
Es ist zum :I :I :I, dass dieser Faden so wenig Resonanz findet.


na ja, so wenig resonanz ist das ja gar nicht, und man muss halt auch was zu sagen/schreiben haben.

ich habe xenakis 1992 im rahmen des festivals wien modern kennen gelernt, als er einer der hauptkomponisten war. damals hörte ich erst seit kurzem modernes und ich konnte mit der für meine ohren sehr "schrägen" musik eher wenig anfangen. ausnahmen waren die schlagzeug-kompositionen, die mir auf anhieb gut gefallen haben.

lebhaft erinnere ich mich an eine aufführung von persephassa (für 6 schlagzeuger). das publikum saß am boden des leergeräumten großen konzerthaus-saales, die schlagzeuger (percussions de strasbourg) waren an den ecken bzw in der mitte des balkons aufgestellt, also quasi rundherum. das stück war ungeheuer intensiv, richtig "archaisch", da brauste echt ein orkan über uns hinweg. das war eines meiner geilsten konzerterlebnisse überhaupt. aufnahmen können die räumliche dimension des werks leider nicht wiedergeben (wie ich überhaupt finde, dass gerade bei moderner musik das live-erlebnis durch nichts zu ersetzten ist).

mittlerweile finde ich xenakis musik natürlich nicht mehr "schräg" (man entwickelt sich ja weiter), im gegenteil würde ich viele kompositionen als "schön" bezeichnen. jedenfalls habe ich immer den eindruck, dass xenakis in seinen werken etwas ausdrücken möchte, quasi eine art botschaft, ein code darin enthalten ist - der spruch von der gesungenen astrophysik hat schon seine berechtigung.

kürzlich habe ich interessante aufzeichnungen mehrerer radiosendungen bekommen, die anlässlich eines xenakis-festivals in london 2005 ausgestrahlt wurden. neben aufnahmen vieler werke sind hier auch jeweils kurze einführungen dabei. wer interesse daran hat, möge mir eine pn zukommen lassen.
Cetay (inaktiv) (24.07.2008, 16:25):
Weniger verbreitet ist die Kammermusik von Xenakis. Wie ich finde zu unrecht, wenn man sich diese schwer aufzutreibende CD zu Gemüte führt. Obwohl es nur in Oktettbesetzung (Streichquartett, Kontrabass, Horn, Klarinette, Fagott) gespielt wird, ist Anaktoria ist das extremste Stück, das ich von Xenakis kenne. Die Energie, die hier vermittelt wird, ist mit Worten nicht mehr zu beschreiben (außer, dass Mitglieder des Octour de Paris von einer länger anhaltenden Unfähigkeit, danach Beethoven zu spielen, berichten - nicht nur, weil die Instrumente so mitgenommen sind, sondern auch die Psyche). Unter anderem benutzt Xenakis hier die Dichteschwankungen der Luft bei der Schallausbreitung als Kompositionsgrundlage, was zu Resonanzeffekten führt, die manchen Klängen eine unglaubliche subjektive Lautheit verschaffen - die Töne scheinen direkt im Ohr des Hörers anzuschwellen. Das Ganze wird in eine bezwingende Form gegossen, die dieses 13-minütige Klanggetöse fast "klassisch" wirken läßt.

Bemerkenswert ist auch Charisma für Cello und Klarinette. Wer das nicht gehört hat, kann sich wahrscheinlich kaum vorstellen, welch subjektiv hässliche Töne man aus diesen Instrumenten herausholen kann. Trotzdem oder deswegen wirkt das Stück -wie so vieles von Xenakis- weit unter-/überhalb dieser subjektiven Wahrnehmung und zielt direkt auf verschüttete Bereiche des Geistes. Markerschütternd!
Nordolf (25.07.2008, 16:37):
Danke an Dox und Uhlmann für Eure wertvollen Hinweise und Ergänzungen! Die von Dox erwähnte Kammermusik-CD hätte ich auch nur zu gerne...

Mein derzeitiger Favorit von Xenakis ist das ca. fünfzehnminütige Werk "Jonchaies", welches wohl zu seinen intensivsten Kompositionen überhaupt gehört. Xenakis treibt schon zu Beginn die Streicherglissandi in extreme Höhen. Die Klänge evozieren urweltliche Bilder: der zornige Insektenschwarm der Streicher - häufig genug im Stakkato-Rhythmus, die schrillen Trompetenstösse und das dröhnende Stampfen riesiger Tiere in Gestalt der Bläser und des brutalen Schlagwerks, die unheimlichen Flöten-Pfeiflaute kleiner Raubtiere... Wie so oft bei Xenakis wird das Orchester wie ein großer Rhythmuserzeuger verwendet - das Schlagwerk dominiert ohnhin in "Jonchaies". Der Komponist benutzte hier Tonleitern, die er mit Hilfe der Siebtheorie (siehe meinen Eröffnungstext) selbst erstellt hatte und Elemente aus der javanesischen Musik.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/416DHC7KSXL._SS500_.jpg
Cetay (inaktiv) (26.07.2008, 08:45):
Original von Dox Orkh
Anaktoria Die Energie, die hier vermittelt wird, ist mit Worten nicht mehr zu beschreiben (außer, dass Mitglieder des Octour de Paris von einer länger anhaltenden Unfähigkeit, danach Beethoven zu spielen, berichten - nicht nur, weil die Instrumente so mitgenommen sind, sondern auch die Psyche).

Nachdem ich eben die Nase ins Booklet gesteckt habe, sehe ich mich der Ordnung halber genötigt, diese aus dem Kopf nacherzählte Anektode etwas zu revidieren. Nicht Beethoven wurde erwähnt, sondern Mozart und es sind nicht psychische, sondern physische Probleme, die es dem Ensemble unmöglich machen, nach Anaktoria noch ein weiteres Stück aufs Programm zu setzen.
Nordolf (17.03.2009, 18:33):
http://www.jpc.de/image/w183/front/0/3377891310578.jpg

Ais 17'29 min.

Baryton: Spyros Sakkas
Percussion: Beatrice Daudin
Arturo Tamayo / Orchestre Philhamonique Du Luxembourg
2000

Ich höre gerade mal wieder das Stück "Ais" von Xenakis für Bariton, Perkussion und Orchester in dieser sehr plastisch und räumlich aufgenommenen Interpretation. Wegen der ungewohnten Klänge mag es anfänglich sehr bizarr und schwer zugänglich für den Hörer wirken. Ebenso dürfte ein Bariton, der an einigen Stellen fast zum Countertenor mutiert (oder sollte man besser sagen: "schmerzhaft deformiert wird") nicht jedermanns Sache sein.

Gleichwohl ist der ganze Hintergrund des Stückes sehr faszinierend. Das Werk versteht sich als Totenmusik: - Xenakis ließ sich von altgriechischen Texten inspirieren. "Ais" stammt aus einem dorischen Dialekt und bedeutet "Hades". Die verwendeten Textstellen wurden von Homer und Sappho verfasst. Sie sollen die Verflochtenheit von Tod und Leben aufzeigen. Xenakis geht es besonders um die Unhintergehbarkeit des Todes, um seine unumkehrbare Endgültigkeit. Bei der Komposition verwandte er eine mit Hilfe der Siebtheorie selbst erstellte Tonleiter.

Musikalisch dominieren die ritualistischen, intensiven Perkussionsrhythmen und die sich in verschiedenen Tonhöhen ergehende Stimme. Scheidende Blechbläser eröffnen das Werk mit schrillen Tönen und tauchen im Verlaufe des Stückes an vielen Stellen wieder auf. Häufig setzt das Orchester nur Akzente, die als Stütze für Stimme oder Schlagwerk dienen. Obwohl die Musik oft eine deutliche, rhthmische Geschlossenheit aufweist, zerfällt sie doch immer wieder in Einzeltöne oder nähert sich gar der Stille. Dadurch entsteht bei mir der Eindruck einer gewissen Zerrissenheit, die gut zur Thematik passt. Die Wandlungsfähikeit, die vom Sänger hier gefordert wird, ist schon enorm: - hohes, "bellendes" Lautmalen, streng rhythmischer Sprechgesang und klagende Expressionen wechseln einander ab.

Herzliche Grüße!
Jörg
EinTon (11.07.2010, 17:55):
Ich möchte erwähnen, dass es am 1. und 2. Oktober auf dem Musica-Festival in Strasbourg gleich 4 reine Xenakis-Konzerte geben wird (die 3 "letzten" alle am 2. 10. ) , u. a. wird auch das zitierte "Metastaseis" gespielt:


http://www.festivalmusica.org/programme
Cetay (inaktiv) (07.08.2011, 15:43):
Original von Nordolf
Statt Melodien und Harmonien im herkömmlichen Sinne zu erschaffen, arbeitete der griechische Komponist Iannis Xenakis mit Massen, Wolken, Intervallen, Verzweigungen, Flächen und Feldern. Mit dem Kompositionsprozess selbst wurde experimentiert. Ein Stift auf einer elektronischen Tafel zeichnet Gestalten, die dann ein Computer in Klänge übersetzt.

Einge der für das Computersystem UPIC (Unité Polyagogique Informatique du Centre d'Études de Mathématique et Automatique Musicale (heute: Center for the Composition of Music Iannis Xenakis CCMIX) entstandenen Kompostionen sind auf dieser CD zu hören:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41Vl6yznQ-L._SL500_AA300_.jpg

So richtig von Hocker hauen können mich manche der hier präsentierten Werke nicht. Insbesondere Mycenae Alpha von Xenakis selbst bleibt hinter fast allem, was ich sonst von ihm kenne, zurück. Ich finde seine Umsetzungen der mathematischen Kompositonsverfahren in graphische Partituren und deren Realisierung faszinierend, wenn sie von "richtigen" Musikern gespielt oder als Tonbandkompositon zum Leben erweckt werden - dem Computer auch das noch zu überlassen, scheint nicht mehr zu funktionieren, zumindest fehlt mir jegliche wie auch immer geartete emotionale Wirkung. Der Vergleich von Mycenae Alpha mit Xenakis' 6 Jahre früher entstandenen Polytope de Cluny für 8-Kanal Tape geht ganz klar zugunsten des letzten aus - dieses Stück ist einer der absoluten Höhepunkte dieser CD.
Anders sieht es aus, wenn die Graphiken gezielt für das UPIC komponiert (genauer: synthesisiert) wurden. Bei Daniel Terrugis Gestes de l'écrit (1994) ist mir schier die Kinnlade runtergefallen. Dieses ganz entfernt an Ligetis Atmosphères erinnernde Werk ist -wie manche von Xenakis' Kompositionen- von einer unmittelbaren, an den Grundfesten des Daseins rüttelnden Intensität, die mich sprachlos zurücklässt.
Die anderen Stücke für UPIC allein sind dagegen leidlich "interessant". Bezeichnenderweise sind es die Werke, bei denen neben dem UPIC noch andere Instrumente zum Einsatz kommen, die mich beeindrucken können: besonders Saxatile (1992) für Sopransaxophon & UPIC von Klangforscher Jean-Claude Risset und Illusions in Desolate Fields (1994) für Stimme, San-gen & UPIC von Takehito Shimazu. Nochmal eindeutig fällt der Vergleich zwischen euo-on und eua-on-ome von Julio Estrada aus. Das auf dem UPIC realisierte Original ist lediglich destruktiver Krach, die Umsetzung für Orchester dagegen intensiv und wirkungsvoll, das innere Kino stimulierend - und damit zumindest konstruktiver Krach.
O-Ton (17.08.2011, 19:28):
Original von Nordolf


Wichtig ist die Aufnahme der Uraufführung von "Metastaseis" aus dem Jahre 1955 mit Hans Rosbaud und dem Südwestfunkorchester:

Metastaseis

Herzliche Grüsse!
Jörg

Als Klangerlebnis sicher interessant.
Tatsächlich sind die Mittel, die Xenakis hier verwendet, um musikalisch "Schrecken" auszudrücken, heutzutage jedem Filmkomponisten vertraut, der Horror-Filme vertont: Glissandi, Cluster, extreme Tonhöhen usw.

"Manchmal vielleicht schon, aber meistens versetzt sie einen in Angst und Schrecken."

Dieser Aussage von Xenakis kann ich nicht zustimmen. Ich denke nicht, dass große Musik meistens in Angst und Schrecken versetzt. Sie tut dies gewiss auch, daneben zeichnet Musik aus, dass sie ebenso menschliches Glück ausdrücken kann.

Leider vermögen Letzteres moderne Komponisten wie Xenakis in der Regel nicht mehr. Stattdessen setzen sie einseitig auf den Schrecken. Für mich bedeutet dies eine Verarmung an Ausdrucksmöglichkeiten, die mit der Preisgabe der Tonalität einhergeht.

Es zeichnet die Meister der musikalischen Tradition gerade aus, dass sie es verstanden, in ihrer Musik die Spannbreite vom Schrecken bis zum Jubel auszuloten. Wie vielleicht kein anderer hat Beethoven genau dies vermocht. An die Größe seiner Musik reicht Xenakis längst nicht heran.

http://www.youtube.com/watch?v=piJXGl8uSLU
EinTon (17.08.2011, 21:02):
O-Ton tut's schon wieder:

Original von O-Ton
Leider vermögen Letzteres moderne Komponisten wie Xenakis in der Regel nicht mehr. Stattdessen setzen sie einseitig auf den Schrecken. Für mich bedeutet dies eine Verarmung an Ausdrucksmöglichkeiten, die mit der Preisgabe der Tonalität einhergeht.

Stimmt: Ligeti, Boulez, Feldman, Murail: - alles eine Symphonie des Schreckens! :)



Original von O-Ton
Wie vielleicht kein anderer hat Beethoven genau dies vermocht. An die Größe seiner Musik reicht Xenakis längst nicht heran.

http://www.youtube.com/watch?v=piJXGl8uSLU


Klar, wer es schaffte ein Ohrwurmstück wie das oben verlinkte der Welt bis zur Totnudelei, -banalisierung und -klischisierung aufzuprägen, der hat natürlich eine Größe erreicht, von der kleine Geister wie Xenakis nur träumen können!

http://www.sequencer.de/synthesizer/images/smilies/icon_razz.gif :D
Nordolf (17.08.2011, 22:27):
Hallo!

Original von O-Ton

"Manchmal vielleicht schon, aber meistens versetzt sie einen in Angst und Schrecken."

Dieser Aussage von Xenakis kann ich nicht zustimmen. Ich denke nicht, dass große Musik meistens in Angst und Schrecken versetzt. Sie tut dies gewiss auch, daneben zeichnet Musik aus, dass sie ebenso menschliches Glück ausdrücken kann.

Ganz so radikal verkürzend war das von Xenakis nicht gemeint. Um das zu verdeutlichen, muss ich nun die gesamte Passage aus dem Interview-Buch von Balint Andras Varga zitieren:

Varga:
Beim Hören ihrer Werke habe ich mir Notizen gemacht. Darin tauchen fast regelmäßig die Adjektive "brutal" und "aggressiv" auf. Ihre Musik erzeugt oft ein Gefühl von Beklemmung - wie vor einem schicksalshaften Verhängnis, das sich unaufhaltsam nähert. Woher kommt dieses gewalttätige Element?

Xenakis:
Es ist Teil unseres alltäglichen Lebens. "Schöne" Musik gibt es genug. Unter "brutal" verstehen Sie "unmenschlich", "grausam", nicht wahr?

Varga:
Ungefähr, ja.

Xenakis:
Das Universum ist auch grausam. Ich bin nicht der Meinung, daß Musik immer angenehm sein muß. Ernsthafte Musik ist nie gefällig. Manchmal vielleicht schon, aber meistens versetzt sie einen in Angst und Schrecken. Es gibt keine wirklich große Musik, die sanft wäre. - Nennen Sie ein Beispiel!

Varga:
Sind die Lieder von Schubert, die doch so vollkommen und zauberhaft sind, für Sie keine große Musik?

Xenakis:
Doch, aber dort liegt die Gewalt in der Spannung der Melodie.

Varga:
(summend) Röslein, Röslein, Röslein rot...

Xenakis:
(lacht) Gut... in Ordnung. Aber hören Sie sich seine Sonaten an! Sie sind furchterregend! Oder das B-Dur-Trio! Es ist voll von Gewalt und betörend zugleich. Man kann beides nicht voneinander trennen. Es mag kurze, kleine Stücke geben, die still und leise sind - vielleicht auch längere -, aber im allgemeinen vereint große Musik in sich Krieg und Frieden, Heiterkeit und Schmerz.

Varga:
Ich habe wirklich eine ganze Reihe Ihrer Kompositionen gehört, aber ich konnte nicht viel Lyrisches in ihnen entdecken. Die leisen Stellen sind immer mit Spannung geladen.

Xenakis:
Vielleicht ist dem wirklich so, ich weiß es nicht. Das Lyrische kommt bei mir tatsächlich nicht vor. Vielleicht hat es das Leben in mir abgetötet, aber vielleicht bin ich auch schon ohne auf die Welt gekommen. Ich weiß es nicht.

Original von O-Ton
Leider vermögen Letzteres moderne Komponisten wie Xenakis in der Regel nicht mehr. Stattdessen setzen sie einseitig auf den Schrecken. Für mich bedeutet dies eine Verarmung an Ausdrucksmöglichkeiten, die mit der Preisgabe der Tonalität einhergeht.

Auf Xenakis selbst trifft dein Urteil in gewisser Weise zu - wie aus dem obigen Zitat hervorgeht. Ich würde das aber kaum als "Verarmung des Ausdrucks" bezeichnen, sondern einfach als die einzigartige Stimmung dieser speziellen Musik von Xenakis. Der Schrecken in den Kompositionen von Xenakis ist ein individueller, aus der Erfahrung von Krieg gespeister, aber auch ein "kosmischer" Schrecken: - die Musik beschreibt oft ein grandioses Universum, dem der Mensch jedoch völlig fremd gegenübersteht.
Wenn sich ein Komponist oder ein Werk in erster Linie mit dem dunklen Seiten des Lebens auseinandersetzt, bedeutet das keinen Verlust des Ausdrucks, sondern einen klaren, verdeutlichenden Blick auf diese Aspekte des Lebens - eine Intensivierung dieses Aspektes und den Willen, diesen Aspekt expressiv zum Vorschein zu bringen - sozusagen ein "Memento Mori".
Ansonsten könnte dein Vorwurf von Einseitigkeit auch sehr gut auf Schuberts "Winterreise" zutreffen.

Eine Preisgabe der Tonalität vermag ich bei vielen zeitgenössischen Komponisten nicht zu erkennen. Häufig mischen sich Elemente der Tonalität mit nicht-tonalen Mitteln. Was ist mit international anerkannten Komponisten wie Pärt, Takemitsu, Penderecki, Rautavaara oder Aho?! Eben lief gerade bei mir Rautavaaras "Isle of Bliss" - ein zeitgenössisches Stück, das ganz tonal Stimmungen des Friedens und naturhafter Ruhe vermittelt, aber durchaus unter Verwendung moderner, etwas schräger Harmonien.

Original von O-Ton
Es zeichnet die Meister der musikalischen Tradition gerade aus, dass sie es verstanden, in ihrer Musik die Spannbreite vom Schrecken bis zum Jubel auszuloten. Wie vielleicht kein anderer hat Beethoven genau dies vermocht. An die Größe seiner Musik reicht Xenakis längst nicht heran. http://www.youtube.com/watch?v=piJXGl8uSLU

Beethovens "Freude schöner Götterfunken" aus der 9. Symphonie, das du hier verlinkst, ist als Ausdruck einer Utope gemeint. Dahinter lauert ja die Erinnerung daran, das diese Utopie in keinster Weise in der gesellschaftlichen Realität verwirklicht ist: - und damit schon wieder der Schrecken...
Und dieses utopische Element gibt es - wie im Einführungsbeitrag bereits erwähnt -genauso bei Xenakis. Er glaubte ja an die ungeahnten Möglichkeiten des Künstlers der Zukunft, der sich in freier Weise moderner Naturwissenschaft und Technik bedient - mit dem Vorteil der Musik unabhängig von letztgültigen Beweisen und praktischem Nutzen zu sein. Seine gigantischen Licht- und Soundinstallationen sprechen für sich. Und da haben wir ein ganz positives Element seiner Musik!

Beethoven nun gegen Xenakis aufzurechnen, halte ich für sinnlos. Ihnen stellten sich zu ihrer Zeit völlig verschiedene Aufgaben. Beethoven hat die Themen in seinen Symphonien anders behandelt als seine Vorgänger - mehr Reibung und Spannung hineingebracht. Xenakis hat naturwissenschaftlichen Theorien, eigene Notenbilder und neue Klangformen der Musik einverleibt. Letzteres hat auch Beethoven getan: - gerade in den späten Streichquartetten. Wer will entscheiden, welcher bedeutsamer ist? Innovatoren mit eigener Klangsprache waren sie beide. Welche Musik einen mehr berührt oder ob beide gleich berühren können, das hängt meiner Meinung nach eher mit Hörgewohnheiten und charakterbedingtem Geschmack zusammen.

Herzliche Güße!
Jörg
Cetay (inaktiv) (27.02.2017, 17:26):
Eine Geldbeutel-schonende Möglichkeit, sich mit dem Schaffen dieses außergewöhnlichen Neuerers auseinanderzusetzen, wurde bereits 2011 zu seinem 10. Todesjahr geboten. Die 4 CD-Box reicht von Métastasis (1953-54) bis zu seiner letzten Komposition O-Mega aus dem Jahr 1997. Die 21 Aufnahmen entstanden zwischen 1955 und 2005. Unter anderem sind alle Stücke aus der weiter oben besprochenen Kammermusik-CD drauf.


Alpha & Omega
Joe Dvorak (29.05.2022, 01:24):
Zum 100. Wiegenfest gibt es heute morgen bei mir ein Xenakis-Programm. Ich orientiere mich an alten Erato-LPs, um das in verdauliche Happen einzuteilen.




Xenakis hat wesentliche Musik geschaffen und ist einer der ganz Grossen der Moderne. Ich zitiere ein altes, mir wichtiges Plaedoyer von weiter oben gekuerzt und leicht abgeaendert hierher:

Xenakis' Leistung besteht darin, dass er die Musik auf eine völlig neue physikalische Grundlage gestellt hat. Das auf Frequenzverdoppelungsverfahren beruhende pythagoräische Tonsystem, auf dem fast die gesamte europäische Kunstmusik beruht, ist genaugenommen eine ziemlich wilkürliche Grundlage. Das menschliche Ohr ist in der Lage, 1700 verschiedene Tonhöhen zu unterscheiden, da wirken die 88 Tasten des Klavier wie eine provokative Unterforderung. Xenakis wollte sich den ganzen Tonraum zunutze machen und musste damit zwangsläufig neue Verfahren erfinden. Wie Pythagoras hat er sich dabei auf physikalische Gesetzmäßigkeiten berufen - seine Musik allein schon deswegen als 'unmenschlich' abzulehnen, ist grober Unfug.

Eines der interessantesten Verfahren, das Xenakis angewendet hat, ist die kinetische Gastheorie, bzw. verallgemeinert die statistische Mechanik. Hierbei handelt es sich um stochastische Systeme, bei denen die sich die Einzelteile (Individuen) rein zufällig verhalten und das Gesamtsystem (Kollektiv) trotzdem strengen Gesetzmäßigkeiten folgt. Die bekannteste und wichtigste Komposition dieser stochastischen Musik ist Pithoprakta. Die Wirkung steht der pythagoräischen Musik um nichts nach. Man kann vielleicht sagen, dass es sich bei manchen von Xenakis' Kompositionen um prä-Antike Musik handelt, denn streng genommen stammt sie aus der Zeit vor der Erfindung des heutigen Tonsystems. Entspreched archaisch wirkt die Musik und kann fast schon vergessene Urinstinke beim offenohrigen Hörer wachrufen.