michaeloeser (26.12.2010, 13:27): Hallo erst mal in die Runde. Ich bin recht neu im Thema und frage mich gerade, ob es heutzutage eigentlich noch große Komponisten gibt? Werden heute also noch Opern, Arien, Konzerte und Synfonien komponiert und wenn ja von wem?
Irgendwie habe ich immer den Eindruck, dass die großen Komponisten "ausgestorben" sind. Trifft das zu oder irre ich mich?
Gruß Michael
ab (27.12.2010, 12:22): Per Nørgård ganz großer Komponist! Michael F.P. Huber: das wird ein ganz großer Sinfoniker!
:hello
Maria-Anna (27.12.2010, 12:39): mhh, also es hat sich sicherlich geändert, dass sich heute auf den Spielplänen der Opernhäuser in der Mehrzahl Stücke befinden, die mehr als 100 Jahre alt sind.....
Von den Lebenden finde ich Fazil Say super! :down Er ist nicht nur ein toller Pianist, sondern auch ein großartiger Komponist.
Und in Sachen Popularität fällt mir Rufus Wainwright ein: immerhin ein nicht gänzlich unbekannter (Pop)Musiker. Der hat kürzlich auch eine Oper geschrieben. Ich hab sie bisher weder gesehen noch gehört und kann daher nix weiter dazu sagen.
Rideamus (27.12.2010, 13:51): Da wäre zunächst einmal zu fragen, was überhaupt einen großen Komponisten ausmacht.. Der Erfolg? Eher marginal. Dass er die Sprache der Musik erweitert? Hilfreich, aber nicht notwendig. So ähnlich dürfte es mit allen einzelnen Kriterien gehen, die nicht auf die Langlebigkeit seines Werkes in der Nachwelt abheben.
Das Erkennen und die angemessene Würdigung von "großen" Komponisten war folglich schon immer ein Privileg der Nachwelt und nur in gewissem Rahmen der zeitgenössischen Kollegen und Kritiker, denn Erfolg, gar Popularität alleine, selbst gepaart mit vielen guten Kritiken, ist nur ein sehr unzuverlässiger Maßstab.
Dennoch halte ich es nicht für einen Zufall, dass man unter den Lebenden weniger spontan an die - meist nur ein Nischendasein fristenden - Komponisten der ernsten Musik denkt, wie ernst man sie auch immer nehmen sollte und möchte.Vor daher würde ich die "großen" Komponisten vor allem in den Künsten suchen, die noch mit einem größeren Publikum kommunizieren müssen und wollen, dem Film etwa oder den Musicals. Ich sage das mit vollem Bewusstsein, das in diesen Sektoren, wie wohl zu allen Zeiten in den populären Künsten, auch am meisten Schrott oder Kunsthandwerk produziert wird.
Dennoch dürfte zum Beispiel Leonard Bernstein einer der letzten weithin anerkannten großen Komponisten gewesen sein, und dieses Prädikat hat er sich nicht mit seiner Oper oder seinen Sinfonien verdient, so verdienstvoll sie auch sind, sondern mit Musicals, Ballettmusiken u.ä.
Sein legitimer Nachfolger auf diesem Sektor ist für mich jedenfalls Stephen Sondheim, aber es gibt auch andere, die noch den Test der Zeit bestehen müssen.
Ansonsten müsste ich erst einmal länger nachdenken, denn fast alle, die mir spontan einfallen, sind entwerder schon tot oder vermögen mich nicht so stark zu berühren, wie das ein großer Komponist bei mir fast immer vermag.
:hello Rideamus
Don Fatale (28.12.2010, 12:55): Original von michaeloeser Werden heute also noch Opern, Arien, Konzerte und Synfonien komponiert und wenn ja von wem?
Irgendwie habe ich immer den Eindruck, dass die großen Komponisten "ausgestorben" sind. Trifft das zu oder irre ich mich?
Da irrst du dich. Und selbst jenseits von Musical- oder Filmmusik wird heute noch komponiert, und durchaus auch "groß".
Beginnen wir mit den großen Altmeistern: der 85-jährige Hans Werner Henze, dem in diesem Jahr im Rahmen der Kulturhauptstadt "Ruhr2010" eine großangelegte Werkschau gewidmet war, hat u.a. sieben Sinfonien und gut zwanzig Opern komponiert; die bekanntesten Opern aus seiner Feder sind wohl "König Hirsch", "Prinz Friedrich von Homburg", "Die Bassariden" und "Elegie für junge Liebende". Ebenfalls 85 ist inzwischen Pierre Boulez, dessen späte Werke für Orchester bzw. Ensembles wie "Sur Incises", "Répons" oder "…explosante-fixe…" mit jeweis ca. 40 bis 50 Minuten Spieldauer durchaus groß angelegt sind und, wie ich finde, faszinierende, an Debussy erinnernde Klangwelten öffnen. Der Amerikaner Elliott Carter, für mich eine der ganz bedeutenden Gestalten der neuen Musik, feierte im Dezember seinen 102. Geburtstag und ist noch immer aktiv. Er hat zahlreiche Solokonzerte, u.a. für Klarinette, Horn, Oboe oder Klavier verfasst; 1997 wurde seine erste Oper "What next" uraufgeführt.
Zu den Jüngeren: Wolfgang Rihm, geboren 1952, hat seit den siebziger Jahren zahlreiche, meist groß angelegte Orchesterwerke und einige Opern (u.a. "Die Hamletmaschine" und "Die Eroberung von Mexiko") komponiert. Seine hochexpressive Tonsprache wurde gelegentlich der "Neuen Einfachheit" zugeordnet. Archaisch und rituell anmutende Musik verfasst der Brite Harrison Birtwistle (geb. 1934; Orchesterwerke z.B. "Earth Dances", "The Triumph of Time"; bislang sechs Opern). Ebenfalls archaisch, aber auf sehr andere Weise, mutet die stark von christlicher Religiosität geprägte Musik der Russin Sofia Gubaidulina an (z.B. die Johannes-Passion; ihre zwei Violinkonzerte wurden uraufgeführt von Gidon Kremer und Anne Sophie Mutter). Und ein ganz großer Komponist "kleiner", nämlich vornehmlich für Kammerbesetzungen komponierten, Werke, ist der Brite Brian Ferneyhough (geb. 1943), dessen Musik als hoch komplex gilt.
Das sind so ein paar Namen, mit denen man, vielleicht zuerst via Youtube oder durch bewusstes Radiohören, seine Hörerfahrungen mit Musik der letzten fünfzig Jahre beginnen kann. Es lohnt sich! Und ich bin überzeugt davon, dass zumindest einige der Genannten auch in hundert oder zweihundert Jahren noch zu den Großen der Musik unserer Zeit gezählt werden.
Grüße vom Don
Gamaheh (28.12.2010, 23:32): Gut - wenn man die letzteren hat, muß man auch Arvo Pärtt (z.B.) und Stockhausen (auch wenn er nicht mehr lebt) sagen - und das sind nur zwei Namen, die mir spontan einfallen. Je nach Interpretation von "groß" käme dann z.B. auch Andrew Lloyd Webber infrage.
Aber in der Tat ist ja die Frage, was mit "groß" gemeint ist, durch unseren Themenstarter schon relativ klar beantwortet: nicht "bedeutend" ist gemeint, auch nicht "populär", sondern einer, der die großen Formen füllt. Dazu fällt mir als erstes dieser Finne ein, der aussieht wie ein Clone von Brahms und der schon über hundert Sinfonien geschrieben hat (dessen Name mir aber im Moment nicht präsent ist).
Nach dieser Definition wäre dann Chopin, auch wenn er immerhin in seiner frühen Jugend zwei Klavierkonzerte geschrieben hat, wahrscheinlich nur ein ganz kleines Licht ...
Grüße von der Elbe, Gamaheh
P.S.: Schreibt Satie eigentlich Sinfonien?
Armin70 (29.12.2010, 05:33): Original von Gamaheh Dazu fällt mir als erstes dieser Finne ein, der aussieht wie ein Clone von Brahms und der schon über hundert Sinfonien geschrieben hat (dessen Name mir aber im Moment nicht präsent ist).
Der gute Mann heisst Leif Segerstam, geb. 1944, der von 1952 - 1963 an der Sibelius-Akademie in Helsinki und bis 1965 an der Juliard School of Music studierte. Er hat u. a. aktuell 239 Sinfonien (Stand Oktober 239) komponiert.
Gamaheh (29.12.2010, 23:02): Original von Armin70 Original von Gamaheh Dazu fällt mir als erstes dieser Finne ein, der aussieht wie ein Clone von Brahms und der schon über hundert Sinfonien geschrieben hat (dessen Name mir aber im Moment nicht präsent ist).
Der gute Mann heisst Leif Segerstam, geb. 1944, der von 1952 - 1963 an der Sibelius-Akademie in Helsinki und bis 1965 an der Juliard School of Music studierte. Er hat u. a. aktuell 239 Sinfonien (Stand Oktober 239) komponiert.
Vielen Dank, Armin - ja, der ist es ! Ich war vor nicht allzu vielen Jahren bei der Uraufführung einer seiner Sinfonien, und ich meine, es war eine Zahl in den niedrigen Einhundertern, 107 oder 108 oder so - dann hat er ja ganz schön hart gearbeitet in den wenigen Jahren; aber wer weiß: Vielleicht warten noch ganz viele davon auf ihre erste Aufführung. Die ich gehört habe, war übrigens gar nicht schlecht - zumindest unterhaltsam, ich habe seinerzeit hier darüber berichtet.
Grüße, Gamaheh
Karolus Minus (29.12.2010, 23:44): Bei den Opernkomponisten fallen mir Aulis Sallinen und Kaija Saariaho ein, 2 Finnen, die aber stilistisch höchst unterschiedlich schreiben, Sallinen ist wirklich aus der Sibelius-Nachfolge, Saariaho lebt in Paris und hat u.a. am IRCAM gearbeitet, da sind also dementsprechende Einflüsse drin. Ihre "L'Amour de Loin", gesehen bei der UA in Salzburg, war einer der ganz großen musikalischen Eindrücke für mich.
Und dann gibt es natürlich Harrison Birtwistle und Thomas Adés. Letzterer hat mit "The Tempest" einen großen Wurf geliefert - und Birtwistle ist eigentlich immer spannend, egal, ob er für Stimmen oder rein instrumental schreib.
Gruß Karolus -
Cetay (inaktiv) (30.12.2010, 09:11): Dass große Komponisten ausgestorben sind, ist richtig, denn wie Rideamus feststellt, ist es in aller Regel der Nachwelt vorbehalten, die Größe festzustellen. Wenn die Frage tatsächlich darauf abzielt, wer sich heute noch mit den großen Formen beschäftigt, dann lautet die Antwort: Hunderte. Geht man die Liste der Komponisten von A-Z durch, trifft man als allererstes gleich auf einen lebenden: Michel van der Aa (*1970). Ein Blick auf seine Werkliste verrät, dass er auch großangelgte Werke für Musiktheater geschrieben hat. Darunter die Oper Afterlife, die für mich hochspannenden Stoff bietet: s. hier. Wir enden bei Ellen Taaffe Zwilich (*1939), die 5 Sinfonien und Unmengen an Konzerten für Soloinstrument und Orchester geschrieben hat; einges davon wurde von weltbekannten Dirigenten aufgeführt (Barenboim, Maazel, Solti, Ozawa) und es gibt mehrere Plattenaufnahmen.
Holger (31.12.2010, 11:49): Hallo,
auch ich finde, daß es heute noch "große Komponisten" gibt, wobei ich im Sinn von Michaels Ausgangsfrage den mir vertrauten Bereich der sogenannten "U-Musik" bewußt ausklammere und das Attribut "groß" ganz subjektiv und unsachlich interpretiere, nämlich als "zu Herzen gehend".
Dies vorausgesetzt, fallen mir - typisch für mich, typisch für unsere Zeit - sofort Komponisten von Filmmusik ein. Als Beispiele nenne ich die Titelmelodie von "Forrest Gump" oder den Soundtrack aus "Das Leben der anderen". Wobei man sich natürlich darüber streiten kann, ob es zulässig ist, dies nicht als "U-Musik" zu bezeichnen. Aber egal, ich tu's einfach!
Liebe Grüße
Holger
Gamaheh (01.01.2011, 20:21): Alfred Schnitke und György Ligeti sollte man auch nicht vergessen, denn sie sind sicherlich Zeitgenossen, auch wenn sie nicht mehr leben. Und auch Peter Ruzicka gehört sicherlich dazu.
Übrigens alles sehr bekannte Namen, die einem bei der Frage, wie sie gestellt ist, vermutlich gerade deshalb nicht auf Anhieb einfallen.