Peter Brixius (11.11.2009, 20:19): eschätzte Gluck-LiebhaberInnen,
meine Beiträge zu Glucks Meisterwerk beginne ich mit einer Überlegung zu einer Erscheinung, die uns bei vielen Opern Glucks Irritationen verursacht. Schon bei dem Orfeo konnte man das fine lieto hinterfragen. Man hat es der Vorstellung Glucks zu Gute gehalten, dass er dazu gezwungen war, einer Mode folgen musste - immer vermutete man einen Zwang, der den geborenen Musikdramatiker zu etwas wider Willen zwang; aber Gluck stand zu seinen Opernschlüssen - und wie vage einem auch hier das fine lieto scheint, es ist eines.
Spätere Zeiten werden hier immer mit einem tragischen Ende operieren wollen, nicht aber Gluck. Nicht beim Orfeo, nicht in der Iphigénie en Tauride (und was viel mehr Probleme bei der Rezeption brachte: in der Iphigénie en Aulide).
Warum besteht wohl Gluck auf einem guten Ausgang? Bei der Iphigénie en Tauride wird ein tyrannischer, abergläubiger König auf der Bühne erschlagen, die tyrannischen Götter müssen den von ihnen selbst in Schuld gejagten und dann verfolgten Orest freisprechen, das ancien régime bricht auf der Bühne vor allen Augen zusammen - das sollte ein Grund für ein tragisches Ende sein? Nein, Gluck vertritt das optimistische und siegesbewusste Bürgertum - und welch rührenden Schluss hat er der tauridischen Iphigenie erfunden. Gluck schreibt und glaubt an die Utopie, eine neue Gesellschaft - und noch steht sie ohne Schuldgefühle vor ihm, wenn sie sich gegen die Tyrannei durchsetzt. Und deshalb steht am Ende der Iphigénie dieser kurze, so voll Sehnen durchzogener, einen glücklichen Traum in die Zukunft entwerfender Chor, ein Moment namenlosen Glücks, der Beginn einer Schifffahrt in die Utopie. Wie am Anfang das Elysium stand, das so harsch von den Seelenstürmen der Iphigenie zerrissen wurde, steht am Ende diese zärtliche Beschwörung einer Zukunft.
Wenn wir heute wissen, dass diese Utopie betrogen wurde, sollten wir uns immer noch von dem Glück jener Ausfahrt in die Zukunft bewegen lassen, denn unsere Zukunft steht hier ebenso an.
Liebe Grüße Peter
Jürgen (17.11.2009, 16:45): http://mgn.musicgiants.com/mgnv2/version3/artwork/7028a38b-546f-41fb-848f-c251d8aa7fa1medium.jpg
Pearlman, 1999 TELARC
Das ist das Einzige, was ich von Gluck kenne. Und auch nur in dieser Einspielung. Allerdings finde ich sie recht gut. Ich kann jedoch nichts Schlaues dazu sagen.
Insbesondere, warum die Oper einen so "guten" Ausgang hat. Bei Goethe immerhin hat die Handlung nicht nur ein gutes, sondern auch ein unblutiges Ende.
Grüße Jürgen
Peter Brixius (24.11.2009, 11:02): Lieber Jürgen,
von der "Iphigénie en Tauride" gibt es erfreulicherweise eine Reihe von guten Einspielungen. Diese unter Pearlman zählt definitiv dazu. Empfehlenswert für Einsteiger ist die DVD, auf der William Christie dirigiert. Die Guth-Inszenierung halte ich für ansehenswert, konsequent und hilfreich. Die "Schwellköpfe" rufen immer wieder die Vorgeschichte ins Gedächtnis. Sie sind das personifizierte Familienerbe, das die Geschwister Iphigenie und Orest, Opfer und Täter, belastet, die verfluchten Geister, die erlöst werden wollen.
Liebe Grüße Peter
Fairy Queen (10.01.2010, 22:48): Lieber Peter , ich habe heute abend im Radio durch Zufall einen guten Teil des zweiten Aktes der Iphigenie aus der Opéra de la Monnaie Bruxelles 2009 unter Christophe Rousset mitbekommen. Die Besetzung habe ich erst ganz am Ende erfahren, war aber bei der herrlichen Arie "o malheureuse Iphingenie" total entsetzt, wie man etwas so falsch gesungenes (grauenvolle Intonation bei den hohen Tönen, das schönste Stück der ganzen Oper total versaut!!!) zulassen kann. Als ich dann hörte , wer das verbrochen hat, wunderte mich nichts mehr obschon ich sei als Eboli ehemals richtig gut fand: Nadia Michael, für die diese Rolle viel zu hoch ist. also falls es diese Aufführung als CD geben sollte und das ein Live-Mitschnitt ist, wie hier im ERadio- bloss nciht kaufen! Rousset insgesqamt fand ich auch etwas blutleer und anämisch. Die anderen Sänger schienen mir allerdings ziemlich gut.
Euphonia
Peter Brixius (10.01.2010, 23:11): Liebe Euphonia,
ich kenne den Rousset (musste nur erst einmal bei "de Munt" rätseln, bis es mir wie Schuppen von den Augen fiel). Ich hatte an die Aufführung große Erwartungen, bin aber ziemlich enttäuscht (und nicht nur wegen der Kürzungen ähnlich wie bei seiner Iphigénie en Aulide). Insofern bestätisgst du mich - leider - mit Deinem Hörerlebnis. Nun gibt es im Falle der "Tauride" immerhin gute Alternativen, aber bei der "Aulide" warte ich noch immer auf die erste Aufnahme mit voller Punktzahl ...