HÄNDEL: Coronation Anthems HWV 258-261

Agravain (25.08.2015, 11:31):
Entstehung

„Während der ganzen Zeremonie spielte ein Orchester der hervorragendsten Musiker die bewunderungswürdigsten Sinfonien und die schönsten Stimmen Englands sangen dazu. Es dirigierte der gefeierte Mr.Handel, der die Litanei komponiert hat.“
(Muyden 1902/1995, 161)

Die Dinge liefen im Jahre 1727 gut für Georg Friedrich Händel. Zu Beginn des Jahres hatte er sich entschlossen, nicht mehr nur Komponist in England, sondern englischer Komponist sein zu wollen. Aus diesem Grunde legte er dem englischen Parlament am 13. Februar 1727 einen Eintrag auf Einbürgerung vor:

„Das ergebene Gesuch des George Frideric Handel stellt dar, -Dass Ihr Antragsteller in Halle in Sachsen geboren wurde, außerhalb der Treuepflicht zu Seiner Majestät, dass er sich aber immer zur protestantischen Religion bekannt und Zeugnis gegeben hat von seiner Loyalität und Treue zu Seiner Majestät und zum Vorteil des Königreichs.Deshalb bittet der Antragsteller ergeben, dass er in die nun anhängige Vorlage mit aufgenommen wird, die den Titel trägt ‚Ein Akt zur Naturalisierung von Louis Sechehaye’. Und ihr Antragsteller wird immer darum beten etc.George Frideric Handel“

Dem Antrag wurde stattgegeben und so wird aus dem „Caro Sassone“ der „Charming Brute“, aus dem italophilen Sachsen ein Bürger Albions.

Die Naturalisierung Händels war eine der letzten Amtshandlungen Königs George I., der während einer Reise in die Heimat im Juni 1727 in Osnabrück einem Schlaganfall erlag. Am 16. Juni wurde sein Sohn George II. zum englischen König ausgerufen. Die Vorbereitungen zur Krönung setzten ein. Zu diesen gehörte auch die Komposition von zeremonieller Musik für den Krönungsgottesdienst in Westminster Abbey, der zunächst für den 4. Oktober anberaumt worden war.

Dieser Auftrag wäre nun im Prinzip an den Organisten der Chapel Royal, William Croft, gegangen, doch starb dieser am 14. August. Maurice Greene, der Croft im Amt folgte, war aber dem Königspaar anscheinend als Komponist nicht genehm, wie ein Eintrag Georges III. in sein Exemplar von Mainwarnings Händel-Biographie zeigt. Dort findet sich eine handschriftliche Notiz des Regenten, die besagt, George II. habe persönlich darauf bestanden, dass Händel, der seit 1723 ohnehin den Posten des „Composer of Musick for His Majesty’s Chapel Royal“ innehatte, die Krönungsmusik komponiere.

Dem royalen Wunsch entsprechend machte sich Händel dann im September 1727 an die ihn durchaus auszeichnende Arbeit, vier Krönungshymnen (Coronation Anthems) zu komponieren, die die Reihe der ebenfalls im Gottesdienst aufzuführenden Werke anderer Komponisten (Child, Tallis, Farmer, Purcell, Blow, Gibbons) vervollständigen und abrunden sollten.

Die Texte für die Hymnen waren „fester Bestandteil der englischen Krönungszeremonien und entstammen durchgängig dem Alten Testament .“ (Marx 2011, 197) Zudem waren die Anthems in die Logik der Krönungsliturgie eingebettet. Als Vorlage galt die Liturgie für die Krönung von King James und Königin Mary aus dem Jahre 1685. Diese wurde nun aber von William Wake, dem Erzbischof von Canterbury, für die Krönung George II. angepasst. Und dann passierte, was bisweilen passiert: die Informationen flossen nicht, die Kommunikation hakte. Händel wurde über die Änderungen offensichtlich nicht informiert, sondern hielt sich an den 1685er Ablauf, sodass

„das Ergebnis am Tag der Krönung erheiternd konfus . Die Gottesdienstordnung hatte stellenweise kaum etwas mit dem tatsächlichen Geschehen gemein. Die Texte, die Händel in seinen Anthems verwendete, waren nicht dieselben wie auf den Plänen; mehrere Anthems wurden an anderen Stellen aufgeführt, als offiziell beschlossen, und einige Stücke, die hätten vertont werden sollen, waren es offensichtlich nicht und umgekehrt.“ (King 2001, 46)

Jeder Eventmanger würde angesichts dieses Tohuwabohus heute seine (Schaden-) Freude haben.

Wie dem auch sei: Händels Musik schlug ein wie eine Bombe (nur Erzbischof Wake zürnte Händel nachhaltig). Schon im Vorfeld schien klar gewesen zu sein, dass man musikalisch etwas Besonderes von Händel erwarten durfte. Am 4. Oktober 1727 berichtete Parker’s Penny Post über die Proben und den Versuch der Verantwortlichen, diese hinter verschlossenen Türen abzuhalten, da man einen regelrechten Run auf die Abtei befürchtete:

„Mr. Hendl hat die Musik für die Krönung in der Abtei komponiert. Aufgeführt wird sie von den Italienischen Stimmen und mit mehre als hundert der besten Musiker. Diejenigen Musikrichter, die das Ganze schon gehört haben, sagen, es übertreffe alles, was bei einer solchen Gelegenheit je gehört worden ist. Es wird diese Woche geprobt, aber die Zeit wird nicht bekannt gegeben, damit keine Menschenmenge die Musiker behindert.“

Zu diesem Zeitpunkt war schon klar, dass dir Krönung nicht am 4. Oktober stattfinden würde, da man eine Sturmflut erwartete, die Westminster Hall unter Wasser setzen würde. Man war darum auf den 11. Oktober ausgewichen.

Trotz der etwas chaotischen Aufführungsumstände begeisterten die Coronation Anthems die Anwesenden, sodass die Norwich Gazette schließlich schreiben konnte: „Sowohl die Musik als auch die Ausführenden wurden vom Publikum bewundert.“ Die Werke selbst wurden schnell aufgegriffen und im Anschluss häufig in London und der Provinz gespielt.

Noch heute erfreuen sich die Coronation Anthems großer Beliebtheit, wobei es besonders das Anthem Zadok the Priest ist, das sich ins kollektive Bewusstsein (besonders natürlich ins britische) eingebrannt hat. Das hat natürlich seinen Grund, nämlich den großartigen Effekt, den Händel mit dem sich vollkommen unaufhaltsam und enorm zwingend aufbauenden Crescendo des Vorspiels und der Entladung der Spannung in dem monumentalen homophonen ersten Einsatz des Chores erzielt. Sich diesem mit sicherster Hand gesetzten Effekt zu entziehen, fällt meines Erachtens enorm schwer. Kein Wunder, dass der für die Krönungsmusiken anlässlich der Krönung George III. verantwortliche William Boyce entschied, dass fortan bei Krönungen nur Händels Vertonung dieses Textes musiziert werden würde.

Wie schrankenlos Händels Geschick im Ausgestalten des Erhabenen und des Grandiosen die Zeitläufte überdauert, zeigt sich nicht nur dadurch, dass sich das Werk als Hintergrundmusik verschiedener Werbespots erfreut hat. Auch die Tatsache, dass Tony Britten bei der Komposition der UEFA Champions League Hymne 1992 auf eben dieses Werk zurückgriff und es modernisierte. Auch von diesem „Song“ waren und sind die Massen begeistert, selbst wenn sie nicht genau wissen, dass es kein Bombast-Pop des 20. Jahrhunderts ist, dessen Sound ihnen da die Schauer über den Rücken jagt. Doch die Aufklärung lässt sicher nicht lange auf sich warten, denn die nächste Krönung kommt bestimmt.

***

Reihenfolge der Anthems

Die Gottesdienstordnung für den Krönungsgottesdienst Georges II. in Westminster Abbey sah insgesamt 13 Abschnitte vor: The Preparations (Die Vorbereitungen) - The Procession (Die Prozession) - The Entrance (Der Eintritt) - The Recognition (Die Anerkennung) - The Litany (Die Litanei) - The Anointing (Die Salbung) - The Investiture (Die Investitur) - The Crowning (Die Krönung) - Te Deum - The Inthronisation (Die Thronbesteigung) - The Homage (Die Huldigung) - The Coronation of the Queen (Die Krönung der Königin) – The Recessional (Der Auszug)

Die vier von Händel komponierten Krönungshymnen beschlossen aller Wahrscheinlichkeit nach die Abschnitte

The Recognition – Let thy hand be strengthened

The Anointing – Zadok the Priest

The Crowning – The King shall rejoice

The Coronation of the Queen – My heart is inditing


Struktur der Anthems

I. Let thy hand be strengthened

Besetzung:
Chor (SAATB), Streicher, Continuo

Drei Abschnitte:
1. Let thy hand be strengthened: G-Dur
2. Let justice and judgement: e-Moll
3. Alleluja: G-Dur

II. Zadok the Priest

Besetzung:
Chor (SSAATBB), 2 Oboen, 2 Fagotte, 3 Trompeten, Pauken, Streicher, Continuo

Drei Abschnitte:
1. Zadok the Priest: 4/4; D-Dur
2. And all the people rejoice: 3/4; D-Dur
3. God save the King: 4/4; D-Dur

In „Zadok the Priest“ setzt Händel erstmals Pauken in der englischen Kirchenmusik ein!

III. The King shall rejoice

Besetzung:
Chor (SAATBB), 2 Oboen, 2 Fagotte, 3 Trompeten, Pauken, Streicher, Continuo

Vier Abschnitte:
1. The King shall rejoice: 4/4; D-Dur
2. Exceeding glad shall he be: 3/4; A-Dur
3. Glory and great worship / Thou hast prevented him: 4/4 – 3/4; D-Dur – h-Moll
4. Alleluja: 4/4; D-Dur

IV. My heart is inditing

Besetzung:
Chor (SAATBB), 2 Oboen, 2 Fagotte, 3 Trompeten, Pauken, Streicher, Continuo

Vier Abschnitte:
1. My heart is inditing: 3/4; D-Dur
2. King’s daughters: 4/4; A-Dur
3. Upon thy right hand: 3/4; E-Dur
4. Kings shall be thy nursing fathers: 4/4; D-Dur


Benutzte Literatur
Friedenthal, Richard: Georg Friedrich Händel. Hamburg 1959
Handel Reference Database
Händel-Handbuch. Band 2 – Thematisch-systematisches Verzeichnis: Oratorische Werke, Vokale Kammermusk, Kirchenmusik. Hrgs. v. Bernd Baselt. Leipzig 1984.
Händel-Lexikon. Hrsg.v. Hans-Joachim Marx in Verbindung mit Mauel Gervink und Steffen Voss. Laaber 2011.
Hogwood, Christopher: Georg Friedrich Händel. Stuttgart 1992.
King, Robert: Die Krönung König Georgs II. Im Booklet zur Hyperion-Aufnahme „The Coronation of Gerorge II. Hyperion 2001.
Muyden, Madame von (Hrsg.): A Foreign View of England in 1725-1729: The Letters of Monsieur Cesar De Saussure to his Family. London 1905/1995.

:hello Agravain
Agravain (25.08.2015, 11:45):
Diskographie

Die folgenden Aufnahmen liegen mir vor. Auf Vinyl gibt es noch eine Menuhin- und eine Ledger-Aufnahme, die ich nicht kenne. Auch Sir Davis Willcocks niederländische Einspielung kenne ich nicht. Daneben gibt es hier und dort noch Einspielungen einzelner Anthems, so beispielsweise bei Deller, Jones, Gardiner oder Higginbottom.

https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/61GxfSGG+xL._SL300_.jpg http://ecx.images-amazon.com/images/I/51oMd5bUuxL._SY300_.jpg
http://ecx.images-amazon.com/images/I/61z42GBO7zL._SX300_.jpg http://ecx.images-amazon.com/images/I/6149Al4-z1L._SX300_.jpg
http://ecx.images-amazon.com/images/I/7150CtcF0KL._SY300__.jpg http://ecx.images-amazon.com/images/I/71tfkNPhghL._SY300__.jpg
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51cygoybMuL._SX300_.jpg http://ecx.images-amazon.com/images/I/41MGxXWMaSL.__.jpg
http://ecx.images-amazon.com/images/I/61i2%2BNfy1ZL._SX300__.jpg

Die Reihenfolge der Spielzeiten entspricht der Reihenfolge der Aufführung im Krönungsgottesdienst George II.

1. Let thy hand be strengthened HWV 260
2. Zadok the Priest HWV 258
3. The King shall rejoice HWV 261
4. My heart is inditing HWV 259

Willcocks (1963) – The Choir of King’s College Cambridge, English Chamber Orchestra: 09:21 / 05.54 / 11:58 / 12:43

Preston (1981) – The Choir of Westminster Abbey, The English Concert: 08:52 / 05:15 / 10:49 / 11:53

Marriner (1984) – Joan Rodgers, Catherine Denley, Anthony Rolfe Johnson, Robert Dean, The Academy & Chorus of St Martin-in-the-Fields:
08:42 / 05:33 / 10:48 / 11:22

King (1989) – The Choir of New College Oxford, The King’s Consort: 07:51 / 05:33 / 10:54 / 11:58

Hill (1994) – The Choir of Winchester Cathedral, Brandenburg Consort: 08:15 / 05:43 / 10:28 / 11:15

Cleobury (2001) – The Choir of King’s College Cambridge, The Academy of Ancient Music: 07:44 / 05:24 / 11:11 / 11:36

King (2001) – The Choir of the King’s Consort, The King’s Consort: 09:02 / 05:59 / 11:34 / 12:55

Summerly (2002) – Tallis Chamber Choir, Royal Academy Consort: 08:55 / 5:04 / 11:30 / 12:49

Christophers (2008) – The Sixteen: 08:48 / 05:46 / 11:16 / 12.05

*

Eigene Höreindrücke folgen peu à peu. Gleichzeitig ergeht wie immer die herzliche Einladung, eigenes zu Werk und Aufnahmen hier zu platzieren!

*

:hello Agravain
Jürgen (08.09.2015, 11:36):
Willcocks dirigiert diesmal den Holland Boys Choir und das Dutch Baroque Orchestra.

Ich belasse mal die Reihenfolge der Uraufführung zur besseren Vergleichbarkeit der Zeiten, obwohl auf meiner CD eine andere gewählt ist. Lediglich bei den HWV komme ich auf andere Werte:


HWV 259: Let thy hand be strengthened (11:00)
HWV 258: Zadok the Priest (05:20)
HWV 260: The King shall rejoice (08:15)
HWV 261: My Heart is inditing (12:02)


Fast ein viertel Jahrhundert nach der ersten Aufnahme wählt Willcocks einen
wesentlich HIPeren Ansatz. Alles wirkt deutlich transparenter. Prinzipiell gefällt mir das sehr gut. Lediglich beim Zugpferd Zadok the Priest gelingt es ihm nicht, beim instrumentalen Intro Spannung aufzubauen. Das ist bei seiner älteren Aufnahme aber auch unter Cleobury besser umgesetzt. Auch im weiteren Verlauf von Zadok buchstabiert er mir zu stark, der musikalische Fluß leidet.
Aber davon abgesehen, eine schöne Aufnahme.

Ich erwarb sie als Bestandteil einer mp3-DVD, die inhaltlich deckungsgleich ist mit einer 40-CD-Box, die vor einigen Jahren von Brilliant vertickt wurde. Sie ist aber auch einzeln erhältlich:
http://lerngut.com/modules/shop/images/custom/item.1770.audio-dvd-georg-friedrich-haendel-meisterwerke-40-stunden.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/61ATGKG8EZL._AA400_.jpg

Grüße
Jürgen
Agravain (12.09.2015, 08:14):
Lieber Jürgen,

vielen Dank für die Hinweise zu Willcocks II.

:hello Agravain
Agravain (12.09.2015, 08:17):
https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/61GxfSGG+xL._SL300_.jpg

Willcocks (1963) – The Choir of King’s College Cambridge, English Chamber Orchestra

Von einer Cassette mit Händel-Chören und der englischsprachigen LP-Aufnahme des „Messiah“ unter Richter abgesehen, begleitet mich die Einspielung der „Coronation Anthems“, die 1963 unter Sir Davis Willcocks’ Leitung entstand, als Aufnahme Händel’scher Werke am längsten. Ich höre sie noch heute mit großer Freude. Willcocks’ Lesart der Werke mag man durchaus als eindimensional empfinden, ist sie doch samt und sonders auf die Akzentuierung der Festlichkeit dieser Musik ausgelegt und nicht auf eine größtmögliche klangliche Differenzierung. Das betrifft insbesondere die Gestaltung der Anthems durch den Chor des King’s College, der sein sattes und durchaus klangschönes Forte vom ersten bis zum letzten Stück weitestgehend durchzieht. Auf der anderen Seite muss man auch zugeben, dass es sich bei den "Coronation Anthems“ nun einmal auf Festlichkeit und Pomp angelegte Kompositionen handelt und der gestalterische Spielraum auch gar nicht allzu groß ist. Man mag sich auch die Frage stellen, ob die knapp 50 Choristen, die sich in Westminster Abbey dereinst gegen das um die 100 Musiker starke Orchester (eine Quelle spricht sogar von 160) ansingen mussten, dies nun eben mittels klanglicher Differenzierung und Delikatesse getan haben...

Wie dem auch sei – die vorliegende Aufnahme hat – das beißt die Maus keinen Faden ab - ihre Meriten.

So gestaltet Willlcocks in den „Zadok the Priest“ einleitenden Takten ein sehr spannungsvolles Crescendo, achtet aber gleichzeitig darauf, dass der Chor den überwältigenden ersten Einsatz nicht allzu enthusiasmiert herausposaunt. Forte: ja – Geschrei: nein. Der zweite Abschnitt gelingt schön tänzerisch, wobei ich es schöner finde, wenn die punktierte Figur der Violinen etwas mehr im Vordergrund zu hören ist. Aber Willcocks’ Akzent liegt nun einmal an anderer Stelle. Die „God save the King“-Rufe kommen maßvoll und nicht zu eilig, wobei das etwas gemessenere Tempo im Anschluss schon etwas statisch wirkt – aber auch wirklich nur etwas.

„My heart is inditing“ beginnt angenehm beschwingt, ohne zu eilen. Die Chorsolisten schmeicheln dem Ohr (beim King’s College Choir nicht immer der Fall). Im Tutti wird dann wieder glanzvoller Klang prächtig entfaltet. Hier würde ich als I-Tüpfelchen gern die sehr spritzige Sechzehntelfigur der Violinen hören, aber vielleicht jammere ich da auf hohem Niveau. Den zweite Abschnitt („Kings’ daughters were among thy honourable women“) nimmt Willcocks sehr lieblich, ja geradezu weich. Der Akzent liegt ganz deutlich auf der Linie und der Chor präsentiert dementsprechend sein schönstes Legato. Die Oboen verschwinden klanglich leider etwas zu stark im Hintergrund. Das sich anschließende „Upon thy right hand did stand the Queen“ gelingt dann - zumindest im Orchester (das English Chamber Orchestra "konnte" von je her "seinen“ Händel) - noch zarter. Die punktierte Figur der Violinen wird nicht zu hart artikuliert, sondern evorziert eher ein leichtes Schweben, das delikat zirpende Cembalo-Spiel Thunston Darts unterstreicht diesen Effekt noch. Wunderschön gelingt es dem Chor, der die besagte punktierte Figur bei dem Wort „pleasure“ aufgreift, ebenfalls ausgesprochen weich zu singen und dennoch nicht ins Leiern zu geraten. Allerdings hätte ich mir in diesem Satz etwas mehr dynamische Gestaltung und insgesamt ein deutlicheres Bekenntnis zum Piano gewünscht. Der Schluss „Kings shall be thy nursings fathers“ wird forsch angegangen, wobei Willcocks eine zu trockene Artikulation der vorgeschriebenen Staccati auf den aufteigenden Vierteln des ersten Motivs in Streichern und Chor vermeidet. Der charakterliche Unterschied der von Händel für „King“ und „Queen“ gefundenen Motive wird nicht wirklich herausgekitzelt. Das ist aber auch ausgesprochen schwer. Das Ganze endet angemessen prachtvoll.

Das am kleinsten besetzte Anthem „Let thy hand be strengthened“ klingt insgesamt recht fett, der Streichapparat scheint mir recht stark besetzt zu sein, damit der Eindruck des Festlichen - trotz fehlender Pauken und Trompeten - auch hier erhalten bleibt. Forsch der erste Abschnitt, der zweite („Let justice and judgement“) hingegen recht breit und etwas zähflüssig. Das darf nach meinem Gusto etwas mehr innere und vor allem äußere Bewegung haben. Zudem hätte man den Chor hier vielleicht etwas verkleinern können, um den intimen Klang dieses Abschnittes zu gewährleisten. Abschließend: froh sprudelndes „Alleuja!“

Das der Krönung folgende „The King shall rejoice“ ist in seiner Gesamtheit vielleicht das festlichste der vier Anthems. Willcocks schlägt zu Beginn ein bewegtes, nicht zu forsches Tempo an, das dem langen Eingangsritonell einen gewissen „erdigen“ Swing verleiht. Die glänzenden Trompeten des English Chamber Orchestra feiern in diesem Stück ein ganz besonderes Klangfest und ich kann mir das Ganze zeremonieller kaum denken. Im zweiten Abschnitt („Exceeding glad shall he be“), das sich in einem freudig-beschwingten, aber sich doch eher im Bereich des Moderato bewegenden Allegro vorwärts bewegt, arbeitet Willcocks sehr schön den klanglichen Gegensatz zwischen dem im Wesentlichen auf einer flotten, punktierten Figur (trochäisch) basierenden Orchester- und dem eher in langen Notenwerten fließenden Chorsatz heraus. Sehr pompös und ziemlich langsam schließt sich dann das „Glory and great worship“ an, das in die in Lautstärke und im Tempo etwas zurückgenommene Fuge mündet. Das „Alleluja“ beendet auch dieses Anthem mit Glanz und Gloria.

:hello Agravain
Agravain (20.10.2015, 18:47):
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51oMd5bUuxL._SX300_.jpg

Preston (1981) – The Choir of Westminster Abbey, The English Concert
Simon Prestons Aufnahme der „Coronation Anthems“ ist auch 34 Jahre nach ihrem Erscheinen noch ausgesprochen populär, und zwar nicht nur, weil sie die erste Einspielung aller vier Anthems war, die den Erkenntnissen und Prinzipien der historisch informierten Aufführungspraxis folgte, sondern weil Archiv bzw. die DG die Aufnahme immer im Programm hatte und sie auch immer wieder in neuen Editionen vorstellte.

Ganz davon abgesehen handelt es sich auch um eine Aufnahme, die über weite Strecken ganz ausgezeichnet musiziert ist.

So gefällt mir schon die sehr gut gemachte Steigerung in den einleitenden Takten von „Zadok the Priest“, die mir sofort deutlich ins Gedächtnis ruft, wie ausgesprochen attraktiv ich den Klang von Trevor Pinnocks Ensemble The English Concert finde. Die Knaben und Herren des Choir of Westminster Abbey setzen punktgenau mit einem wohltönenden Forte festlich ein. So ähnlich wird es wohl auch zu Händels Zeiten geklungen haben, wobei das Ensemble – und das ist in meinen Ohren einer der anzumerkenden Schwachpunkte der Aufnahme – einigermaßen Treble-lastig klingt und die Mittel- bzw. Unterstimmen nach meinem Dafürhalten zu stark in den Hintergrund gerückt sind. Da hätte Tonmeister Hans-Peter Schweigmann vielleicht etwas ausgewogener abmischen können. Herrlich schwingend kommt der zweite Abschnitt „And all the people rejoice“ daher, der in ein forsches „God save the King“ und einen leicht, aber nicht kraftlos und vor allem fetzig musizierten Schlussteil übergeht.

Das Kopfsatz des sich anschließenden „The King shall rejoice“ empfinde ich als ziemlich eilig musiziert. Zudem ist der Chor gegenüber den Instrumenten nicht ganz gleichberechtigt eingefangen, was dem Satz etwas seinen kraftvollen Charakter nimmt. Den zweiten Satz („Exceeding glad shall he be“) geht Preston forsch an. Es geht ihm offenkundig nicht so sehr darum, die Linie des Chorsatzes der straffen Bewegung der Instrumente gegenüberzustellen, sondern – von der ersten Textzeile ausgehend - eine Einheit im Affekt zu schaffen. Das „Glory and great worship“ gelingt angemessen feierlich, die anschließende Fuge wird mit einem schönen Sinn für die Linie gesungen. Die Abschnitte auf die Textzeile „and hast set a crown“, die Händel in pompösem Unisono setzt, dürften vielleicht etwas knackiger kommen. Das abschließende, eher gemessen daherkommende „Allaluja“ könnte festlicher kaum sein.

Im Gegensatz zum vorangegangenen Anthem wählt Preston für den Eingangssatz von „My heart is inditing“ ein angenehm beschwingt-bewegtes Tempo. Der Satz gelingt insgesamt gut – wenn man die Chorsolisten ausblendet, die die solistisch besetzten Takte vortragen, denn die klingen rundum nicht besonders erquicklich. Für den anschließenden Satz „Kings’ daughters“ wählt Preston ein ruhig fließendes Tempo, sodass die zarte Atmosphäre des Satzes schön herauskommt. Lediglich die Trebles klingen hier ein wenig hauchig. „Upon thy right hand“ kommt mir dann wieder einen Tuck zu nassforsch daher. Die Betonung des tänzerischen Elementes in allen ehren: der Satz klingt so schnell mechanisch. Der Schlusssatz wiederum hat den rechten Swing. Eine bunte Tüte also.

„Let thy hand be strengthened“ beginnt ganz ausgezeichnet. Die Orchestereinleitung hat einen ganz herrlich spielerischen Gestus, es wird ganz leicht und unangestrengt Musik gemacht. Der Chor fügt sich bestens ein, der Satz bewegt sich mit dem rechten Drive vorwärts. Der zweite Satz wirkt bei Preston ernst, wie eine Hommage Händels an die Kirchenmusik seiner britischen Vorgänger. Der Chor wirkt, als sei er besonders hier gestalterisch in seinem Element. Das „Alleluja“ schließlich hat einen eher ruhigen Puls und ist bei weitem nicht so bewegt wie in den meisten der anderen mir vorliegenden Aufnahmen. Preston macht nicht den Versuch, dort Jubel und Pracht hineinzubugsieren, wo ihn Händel nicht vorgesehen hat. Stattdessen endet diese CD mit einem eher bescheidenen, im besten Sinne frommen Lobgesang.

:hello Agravain