Agravain (05.12.2012, 16:29):
„Aber mein lieber Sachse, diese Musik ist im französischen Stil, von dem ich nichts verstehe.“
Arcangelo Corelli war offensichtlich „not amused“, dass, nachdem er sich über die Schwierigkeit der Ouvertüre zu Händels neuestem Werk, dem Oratorium „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“, beklagt hatte, Händel seine Violine ergriff und ihm vorspielte, wie er es gespielt haben wollte. So zumindest berichtet es eine Anekdote aus John Mainwarings „Memoirs of the Life of Handel“ (1760).
Händel befand sich zu jenem Zeitpunkt in Rom, zählte 22 Lenze und war der neue musikalische Star am italienischen Musikhimmel.
Wann das Oratorium genau entstand und ob es einen ähnlich pompösen Aufführungsrahmen gab wie bei seinem nächsten Oratorium „La Resurrezione“ im Folgejahr ist unklar. Wahrscheinlich entstand das Werk im Frühjahr 1707, seine erste Aufführung lag aller Wahrscheinlichkeit nach vor dem 14. Mai jenen Jahres, was die Rechnung des Kopisten Angelini belegt, der das Aufführungsmaterial angefertigt hatte. Das Libretto stammte von Kardinal Benedetto Pamphili, einem der römischen Mäzene Händels, der nicht nur einen gewissen Ruf als Dichter, sondern auch als Liebhaber junger Männer genoss.
In seinem Text führen vier allegorische Gestalten – Bellezza (Schönheit), Piacere (Vergnügen), Tempo (Zeit) und Disinganno (Erkenntnis / Enttäuschung) – einen Diskurs über die von Bellezza angeregt Frage, wer wohl die größte Macht habe: das Vergnügen, die Zeit oder – mit ihr verbunden – die Erkenntnis. Man möchte fast sagen, dass natürlich Zeit und Erkenntnis den Sieg davontragen und die Schönheit erkennt, dass im reinen Vergnügen kein dauerhafter Wert liegt, zumal es lasterhaft ist und nicht zu Gott führt:
Bellezza
Nahe dem Palast, wo das Vergnügen wohnt,
liegt ein weiterer Garten.
Dort quält sich ein düsterer Strom
Durch die dichte und schwere Luft;
Sag mir, dieser Fluss, wo entspringt er?
Disinganno
Höre. Er entspringt aus jenen Tränen,
welche die törichte Welt weint,
und die tiefen und vollen Seufzer
liebender Narren schaffen diese Luft.
Bellezza
Erreicht dieser Fluss das Meer?
Disinganno
Er verfehlt seinen Lauf,
weil er sein Ziel und den sicheren Weg vergisst.
Bellezza
Und die Tränen der Rechtschaffenen?
Disinganno
Sie sind die Tropfen, die nichtig scheinen,
wenn man sie sieht, doch im Himmel Perlen.
Die Schönheit zieht das Büßergewand an, schwört „treulosem, eitlen Begehren" ab und wendet sich demütig zu Gott. Dass hört sich zwar zunächst recht konventionell an, doch bedenkt man, dass der Text der Feder eines - eventuell - „sodomitischen“ (wie es damals noch hieß) Kirchenfürsten entspringt und dass Papst Innozenz XII. das in Rom herrschende Theater- und Opernverbot mit dem Ziel erlassen hatte, in der Stadt wieder Sittlichkeit durchzusetzen (Clemens XI hatte dieses Verbot 1701 bestätigt), so hinterlässt die hier proklamierte moralische (und somit wohl auch politisch korrekte) Abkehr vom Vergnügen einen besonders interessanten goût, wirft sich doch die Frage auf: Wie ernst mag es Pamphili mit diesem Libretto gewesen sein?
Wie auch die Antwort lauten mag: Händel wird durch Pamphilis Text zunächst einmal angeregt, ganz wunderbare Musik zu schaffen; und damit meine ich nicht nur die Arie der Piacere „Laschia la spina“, die er kurz darauf (1711) für den „Rinaldo“ zu „Laschia ch’io piango“ umarbeitete und einen seiner bis heute größten „Hits“ landete. Darüber hinaus schien Händel das eigentliche Thema des Textes lebenslang nicht loszulassen. So schreibt er 1737 in London eine weitgehend neue Version des Oratoriums, das nun „Il trionfo del Tempo e della Verità“ hieß. Auf der Grundlage dieses Werkes entstand dann 1757 noch das englische Oratorium „The Triumph of Time an Truth“, in das er eine Reihe von Nummern aus der Version von 1707 und von 1737 übernahmen und zusätzlich neues Material hinzufügte.
Meine Aufnahme von Händels frühestem Oratorium ist diese:
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51j9EOcjOXL._SL500_AA300_.jpg
Georg Friedrich Händel: Il trionfo del Tempo e del Disinganno HWV 46a (1707)
Nathalie Dessay (Bellezza), Ann Hallenberg (Piacere), Sonia Prina (Disinganno), Pavol Breslik (Tempo)
Le Concert d’Astrée
Emanuelle Haïm
(2004/2006)
Tim Ashely vom Londoner “The Guardian” bringt es mE auf den Punkt, wenn er schreibt: „One of the great Handel interpretations of our time.” (11.05.2007) Viel stimmiger kann man den jungen Händel kaum musizieren. Die vier Solisten sind bestens aufeinander abgestimmt, singen ohne Fehl und Tadel und zeigen in jedem Takt, was man mit einer locker sitzenden Stimme alles so machen kann. Dabei wird an keiner Stelle wirklich übertrieben - auch wenn Haïms schnelle Tempi bisweilen an der Grenze des Machbaren liegen. Es ist aber eben (nur) die Grenze und die Solisten beherrschen diesen Grenzgang einschränkungslos. Mich begeistern aber noch nicht einmal die ausschließlich virtuosen Arien übermäßig, sondern die ruhigen, kontemplativen (die bisweilen in ihrem B-Teil dann auch vor Virtuosität nur so sprühen), wie beispielsweise „Urne voi, che racchiudete“ (Tempo) oder die bereits an die große Arie des Jephtha („Waft her angels through the skies“) erinnernde Arie Disingannos „Crede l’uom ch’egli riposi. Dass das Oratorium nicht – wie man es vielleicht zunächst erwarten würde – mit einem Ensemble endet, sondern mit der wunderschönen Arie der Bellezza „Tu del Ciel ministro eletto“ (in der Corelli wohl das ätherische Violinsolo spielte), ist nur logisch. Es ist, wenn man so will, eine Bilanzarie, die das Ergebnis des Diskurses, der ja auf Anregung von Bellezzas Eingangsarie anhebt, zusammenfasst.
Insgesamt finde ich: Ein eindruckvolles Werk in einer ebenso beeindruckenden Einspielung.
:hello Agravain