Heinrich Schütz - bedeutendster deutscher Komponist des 17. Jahrhunderts
Tranquillo (01.09.2008, 19:47): Hallo zusammen,
als "saeculi sui musicus excellentissimus", als "hervorragendster Musiker seines Jahrhunderts" wurde Heinrich Schütz auf seinem Grabstein bezeichnet. Warum geriet der bedeutendste deutsche Komponist des 17. Jahrhunderts nach seinem Tod für über 200 Jahre in Vergessenheit? Warum kennen heute viele Musikliebhaber zwar seinen Namen, haben aber noch nie Musik von ihm gehört?
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/28/Schutz.jpg/200px-Schutz.jpg Heinrich Schütz um 1660, Portrait von Christoph Spetner
Heinrich Schütz wurde am 18. Oktober 1585 in Köstritz (Thüringen) geboren. 1590 zog die Familie nach Weißenfels, weil Schütz' Vater dort einen Gasthof übernahm. Dort hörte 1599 der durchreisende Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, der den Beinamen "der Gelehrte" hatte und auch selbst komponierte, den jungen Schütz und erkannte sein musikalisches Talent. Er bot den Eltern an, ihren Sohn mit nach Kassel zu nehmen und ihn gründlich ausbilden zu lassen. Schütz wurde in Kassel als Sänger ausgebildet, sang Sopran in der Hofkapelle und erhielt durch den Besuch des Collegium Mauretanium eine gründliche humanistische Bildung. Als der Stimmbruch einsetzte, erhielt Schütz Unterricht im Orgelspiel und im Komponieren.
Ab 1607 studierte Schütz Jura in Marburg und war auf dem besten Weg, ein hervorragender Jurist zu werden. Landgraf Moritz versuchte ihn jedoch davon zu überzeugen, sich allein der Musik zu widmen und bot Schütz eine Studienreise nach Italien an. Schütz willigte schliesslich ein (noch als alter Mann schrieb er, er hätte vielleicht besser daran getan, doch Jurist zu werden) und reiste 1609 nach Italien, wo er in Venedig von Giovanni Gabrieli (1557-1612) unterrichtet wurde. Dort entstanden als einziges weltliches Werk, das von Schütz erhalten geblieben ist, 1611 die "Italienischen Madrigale" ("Il primo libro de madrigali di Henrico Sagittario Allemanno, Venezia 1611").
1613 kehrte Schütz nach Deutschland zurück und wurde Organist am Hof in Kassel. Der Hof in Dresden, der damals die beste und bedeutendste Hofkapelle Deutschlands hatte, zeigte ebenfalls Interesse an Schütz, Landgraf Moritz wollte ihn jedoch nicht ziehen lassen. Nach einigen diplomatischen Verwicklungen zwischen den beiden Fürstenhäusern konnte Schütz schliesslich 1615 seine neue Stelle als Hofkapellmeister in Dresden antreten, die er bis zu seinem Tode innehaben sollte. 1619 veröffentlichte Schütz sein zweites grosses Werk, die "Psalmen Davids". Im gleichen Jahr heiratete er.
Ein Jahr zuvor war durch den Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 der Dreißigjährige Krieg ausgelöst worden, in dessen Verlauf das Musikleben in Deutschland fast völlig zum Erliegen kam. 1623 veröffentlichte Schütz die "Auferstehungshistorie", 1625 folgten die "Cantiones sacrae" mit lateinischen Texten von Augustinus (durchaus ungewöhlich für einen protestantischen Musiker), in denen die Expressivität der italienischen Madrigale Einzug in die geistliche Musik hielt und die Texte geradezu mystisch ausgedeutet werden.
1625 starb Schütz' Ehefrau. Im Gegensatz zu den damaligen Gepflogenheiten heiratete er nicht wieder. Innerhalb weniger Jahre starben danach seine Eltern und seine beiden Töchter. 1627 komponierte Schütz die "Tragicomoedia von der Dafne", die als erste deutsche Oper gilt. Leider ist von dieser Oper nur der Text erhalten, die Noten wurden bei einem Brand vernichtet. Überhaupt ist bemerkenswert, dass von Schütz - abgesehen von den "Italienischen Madrigalen" - keinerlei weltliche Kompositionen erhalten sind, auch keine Instrumentalwerke, obwohl Schütz als Kapellmeister und Organist in Dresden mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit solche Werke komponiert haben muss.
1628 reiste Schütz erneut nach Italien und erhielt Unterricht bei Claudio Monteverdi (1567-1643). Nach dieser Reise komponierte er den ersten Teil der "Sinfoniae sacrae", die er 1629 veröffentlichte und die deutlich durch die Italienreise geprägt waren. 1636 folgten die "Musikalischen Exequien" (komponiert für die Trauerfeier seines Landesfürsten) und der erste Teil der "Kleinen geistlichen Konzerte", die als Folge des Krieges nur noch für kleine Besetzung komponiert waren (Gesangssolisten und Basso continuo). Im Vorwort dieses Werks schreibt Schütz, dass "die löbliche Music von den anhaltenden gefährlichen Kriegs-Läufften in unserm lieben Vater-Lande Teutscher Nation nicht allein in grosses Abnehmen gerathen, sondern an manchem Ort gantz niedergeleget worden". Er habe daher die Ansprüche an die Besetzung so weit wie möglich verringert, "damit mein von Gott verliehenes Talentum in solcher edlen Kunst nicht gantz ersitzen bleiben sondern nur etwas weniges schaffen und darreichen möchte". Der zweite Teil der "Kleinen geistlichen Konzerte" folgte 1639. 1647 veröffentlichte Schütz den zweiten Teil der "Sinfoniae sacrae", diesmal im Gegensatz zum ersten Teil mit deutschen Texten.
Die 1648 veröffentlichte "Geistliche Chormusik" stellt insofern einen Wendepunkt in Schütz' Schaffen dar, als der Einfluss der italienischen Musik zurückgedrängt wird von dichtester kontrapunktischer Arbeit, die für die protestantische Kirchenmusik in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stilbildend werden sollte.
Als am 24. Oktober 1648 nach langen Verhandlungen der Westfälische Friede geschlossen wurde, war Schütz bereits 63 Jahre alt. Am Wiederaufbau des Musiklebens nach dem Krieg war er maßgeblich als Sachverständiger und Lehrer beteiligt. Seine Schüler waren unter anderem Matthias Weckmann (1619-1674), Johann Theile (1646-1724), Adam Krieger (1634-1666) und sein Meisterschüler Christoph Bernhard (1628-1692). Schütz nutzte seine guten Kontakte zu den Fürstenhöfen immer wieder, um andere Musiker zu unterstützen. Ohne ihn hätte das blühende Musikleben in Sachsen und Thüringen, in das Bach und Händel hineingeboren wurden, nicht existiert.
1650 veröffentlichte Schütz den dritten Teil der "Sinfoniae sacrae", 1657 wird ihm von seinem Landesfürsten ein weitgehender Rückzug aus seinen Aufgaben bewilligt. Schütz zog wieder nach Weißenfels und wurde dort von einer seiner Schwestern versorgt, die unverheiratet geblieben war. Von 1664 bis 1666 komponierte er die drei Passionen nach Lukas, Matthäus und Johannes sowie die Weihnachtshistorie. 1671 entstand sein letztes Werk, den "Schwanengesang", eine Sammlung von Motetten mit den Texten des 119. und 100. Psalms. Bei seinem Schüler Christoph Bernhard bestellte er sich eine Begräbnismotette über das Lied "Mit Fried und Freud fahr ich dahin", an der er "keine Note zu bessern wusste". Ein Jahr später starb er im Alter von 87 Jahren - er, der sein Leben als "qualvolle Existenz" beschrieb, hatte sogar viele seiner Schüler überlebt.
Obwohl von seinen Zeitgenossen hochgerühmt, war Schütz bald nach seinem Tod vergessen. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde er wiederentdeckt, 1885 begann Philipp Spitta mit der Veröffentlichung einer Gesamtausgabe der erhalten gebliebenen Werke. 1936 erschien eine erste Biografie über Schütz, 1955 begann die Internationale Heinrich-Schütz-Gesellschaft mit der Veröffentlichung einer neuen Gesamtausgabe. Das allgemein gebräuchliche Verzeichnis seiner Werke ist das Schütz-Werke-Verzeichnis (SWV) von Werner Bittinger.
Welche Werke von Schütz kennt Ihr, welche Aufnahmen habt Ihr?
Viele Grüsse Andreas
Poztupimi (01.09.2008, 20:48): Lieber Andreas,
vielen Dank für den Start dieses Fadens, der mir Heinrich Schütz mal wieder in Erinnerung gerufen hat, von dem ich einige wenige Aufnahmen besitze und von dem ich vor vielen Jahren auch einige Madrigale im Rahmen eines Madrigalprogramms mitsingen konnte.
Diese Aufnahmen besitze ich, alle höre ich – wenn auch zur Zeit eher selten – ausgesprochen gerne:
http://ecx.images-amazon.com/images/I/61W9M7TSEWL._SL500_AA240_.gif Weihnachtshistorie SWV 435 Schütz-Akademie / Howard Arman
http://ecx.images-amazon.com/images/I/414PHH192YL._SL500_AA240_.jpg Il primo libro de madrigali The Consort of Musicke / Anthony Rooley
http://ecx.images-amazon.com/images/I/31VJTYV0SHL._SL500_AA130_.jpg Die sieben Worte Jesu Christi am Kreuz SWV 478 u. a. Ensemble Clément Janequin, Les Saqueboutiers de Toulouse / Konrad Junghänel
http://ecx.images-amazon.com/images/I/414K29PWQSL._SL500_AA240_.jpg Musikalische Exequien Teil I-III SWV 279-281 u. a. The Monteverdi Choir, The English Baroque Soloists / John Eliot Gardiner
http://ecx.images-amazon.com/images/I/41J5D145PDL._SL500_AA240_.jpg gleiche Besetzung, aber anderes Cover und nur: Historia der Auferstehung Jesu Christi SWV 50 Kammerchor Stuttgart, Musica Fiata Köln, Stuttgart Baroque Orchestra / Frieder Bernius
Keine Abbildung - da offensichtlich nicht auf CD erschienen – habe ich von einer LP-Aufnahme der Musikalischen Exequien mit dem Instrumentalensemble der Schola Cantorum Basiliensis und dem Vokalensemble Nigel Rogers unter Hans-Martin Linde (EMI: 1C 065-03 828)
Und damit liegt er bei mir sicher hinter Monteverdi, aber gleichauf mit Gesualdo und Lassus, die ich alle außerordentlich schätze.
Viele Grüße, Wolfgang
Carola (01.09.2008, 21:36): Original von Tranquillo
Warum geriet der bedeutendste deutsche Komponist des 17. Jahrhunderts nach seinem Tod für über 200 Jahre in Vergessenheit? Warum kennen heute viele Musikliebhaber zwar seinen Namen, haben aber noch nie Musik von ihm gehört?
Lieber Andreas,
zunächst einmal ganz herzlichen Dank für diese schöne Einführung!
Tja, warum ist Schütz vergleichsweise unbekannt? Zu den Klängen von "Schaffe in mir Gott, ein reines Herz" assoziere ich mich mal spontan vor mich hin: Diese Musik macht nicht viel her, sie ist karg und herb, ihre Süße entdeckt man womöglich erst nach einer Weile, es gibt keine barocke Prachtentfaltung, keine Pauken und Trompeten, man spürt und hört den 30-jährigen Krieg, man hört es an der Sparsamkeit in der Besetzung, man spürt es am Schmerz, der immer wieder aufklingt. Man sieht es nicht zuletzt an einem Cover wie diesem
das drastischer kaum sein könnte. Es ist viel Tod und Leid in dieser Musik, wenn man genauer hinhört allerdings auch viel Trost und Hoffnung. Nur: Mainstream ist das alles natürlich nicht...
Gruß, Carola
Carola (01.09.2008, 22:19): Ein wunderschönes Beispiel für die Süße in der Musik von Heinrich Schütz liefert die von Andreas Scholl gesungene Arie "O Jesu, nomen dulce", SWV 308, hier bei youtube zu hören.
Gruß, Carola
Tranquillo (01.09.2008, 22:22): Original von Carola Diese Musik macht nicht viel her, sie ist karg und herb, ihre Süße entdeckt man womöglich erst nach einer Weile, es gibt keine barocke Prachtentfaltung, keine Pauken und Trompeten, man spürt und hört den 30-jährigen Krieg, man hört es an der Sparsamkeit in der Besetzung, man spürt es am Schmerz, der immer wieder aufklingt. Liebe Carola,
das ist die eine Seite seiner Musik - es gibt aber noch eine andere, nämlich die in seinen von der italienischen Musik beeinflussten Werken. An erster Stelle sind hier die "Psalmen Davids" zu nennen:
Hier wird venezianische Mehrchörigkeit geboten, die man auch von seinem Lehrer Gabrieli kennt - das ist (früh-) barocke Prachtentfaltung, wie man sie sich prachtvoller kaum vorstellen kann, und natürlich sind auch Pauken und Trompeten dabei! Natürlich: Der Krieg war noch nicht ausgebrochen, als Schütz diese Musik komponierte, und er freute sich auf seine bevorstehende Hochzeit. Wer aber Schwierigkeiten mit dem kargen, herben Schütz hat, sollte sich seine Musik mit diesem Werk erschliessen.
An zweiter Stelle sind die "Sinfoniae sacrae" zu nennen - ebenfalls italienisch beeinflusst, aber eher von Monteverdi. Auch hier findet man eine ausgesprochen farbige Instrumentierung (die übrigens von Schütz - zu dieser Zeit eher unüblich - genau vorgeschrieben war). Als Einstieg ist die folgende CD geeignet, die früher bei Erato erhältlich war:
Auch die nach dem Dreißigjährigen Krieg entstandenen Werke empfinde ich nicht unbedingt als karg und herb - hier überwiegen Trost und Hoffnung. Man muss sich natürlich erst einmal hineinhören, da stimme ich Dir zu...
Viele Grüsse Andreas
satie (02.09.2008, 06:33): Lieber Andreas, auch von mir herzlichen Dank für diesen längst überfälligen Thread. Ein Grund für die mangelnde Popularität Schützens heute mag vielleicht tatsächlich sein, dass seine Instrumentalwerke nicht erhalten sind und man ihn halt irgendwie mit "geistlicher Vokalmusik" assoziiert. Auf jeden Fall werde auch ich die Gelegenheit nutzen, mich jetzt wieder mehr mit ihm zu befassen, ist er doch ein Paradebeispiel für Textausdeutung und Affektendarstellung. Voller Bestürzung nämlich stellte ich eben fest, dass ich fast keine Aufnahmen seiner Werke besitze (Literatur über ihn hingegen schon). Richtig peinlich ist das! Das schätze ich an diesem Forum: erinnert zu werden, sich dadurch erneut zu befassen mit Komponisten, die man vernachlässigt hat.
Liebe Grüße, S A T I E
Carola (02.09.2008, 10:57): Original von Tranquillo Original von Carola Diese Musik macht nicht viel her, sie ist karg und herb, ihre Süße entdeckt man womöglich erst nach einer Weile, es gibt keine barocke Prachtentfaltung, keine Pauken und Trompeten, man spürt und hört den 30-jährigen Krieg, man hört es an der Sparsamkeit in der Besetzung, man spürt es am Schmerz, der immer wieder aufklingt. Liebe Carola,
das ist die eine Seite seiner Musik - es gibt aber noch eine andere, nämlich die in seinen von der italienischen Musik beeinflussten Werken. An erster Stelle sind hier die "Psalmen Davids" zu nennen:
Hier wird venezianische Mehrchörigkeit geboten, die man auch von seinem Lehrer Gabrieli kennt - das ist (früh-) barocke Prachtentfaltung, wie man sie sich prachtvoller kaum vorstellen kann, und natürlich sind auch Pauken und Trompeten dabei!
Viele Grüsse Andreas
Lieber Andreas,
Du hast völlig recht - bei den Psalmen Davids gibt es prachtvolle Pauken und Trompeten zu hören. Ich habe jetzt noch mal die von Dir gezeigte Aufnahme mit Cantus Cölln aufgelegt - es klingt wunderbar!
Gruß, Carola
Tranquillo (02.09.2008, 18:37): Hallo zusammen,
einige Werke und Aufnahmen sind ja schon genannt worden - ich möchte nun drei Aufnahmen der "Geistlichen Chormusik" von 1648 kurz vorstellen.
Diese Aufnahme mit dem Knabenchor Hannover und einem Instrumentalensemble unter der Leitung von Heinz Hennig stammt aus dem Jahr 1984. Schütz widmete die "Geistliche Chormusik" dem Thomanerchor, möglicherweise schwebte ihm daher eine chorische Besetzung vor. Da es Frauen damals untersagt war, in Kirchen zu singen, ist ein Knabenchor sicher historisch richtig. In dieser Aufnahme werden die Stücke in wechselnden Besetzungen gesungen: solistisch (wobei auch hier der Sopran von einem Knaben gesungen wird) oder mit dem ganzen Chor, entweder a capella oder mit Instrumentalbegleitung (Basso continuo), teilweise werden Chorstimmen durch Instrumente ersetzt oder die Instrumente spielen die Chorstimmen mit (colla parte). Der Chor dominiert jedoch und die Instrumente sind eher als zusätzliche Klangfarbe wahrnehmbar (ausser in den solistisch besetzten Stücken). Besonders interessant: Einige Stücke sind auf der zweiten CD in einer alternativen Besetzung enthalten. Das zeigt, dass es auch andere Besetzungsmöglichkeiten gibt und die Ausführenden hier - dem Brauch der damaligen Zeit entsprechend - Freiräume hatten.
Diese Aufnahme mit dem Ensemble Weser-Renaissance unter der Leitung von Manfred Cordes geht einen ganz anderen Weg: Hier wird durchweg solistisch gesungen (Sopran von einer Frau), was natürlich beim Colla-parte-Spielen die Balance zwischen Sängern und Instrumenten verändert. Teilweise sind mir die Instrumente zu dominant, obwohl sie natürlich auch für ein sehr abwechslungsreiches, opulentes und farbenprächtiges Klangbild sorgen. Viel häufiger als Hennig ersetzt Cordes Singstimmen durch Instrumente, was ich nicht immer als überzeugend empfinde. Nur wenige Stücke werden a capella gesungen. Ich vermisse hier doch den Chorklang, schliesslich handelt es sich um eine "Chormusik".
Die letzte Aufnahme mit dem Dresdner Kammerchor und der Cappella Sagittariana unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann ist relativ neu (im letzten Jahr erschienen) und mein derzeitiger Favorit: Der Dresdner Kammerchor ist ein eher kleines Ensemble, der Sopran ist mit Frauen besetzt. Der Gesang wirkt sehr natürlich, der Chor klingt ausgesprochen homogen. Instrumente werden nur verstärkend und sehr dezent eingesetzt. Chorstimmen werden grundsätzlich nicht durch Instrumente ersetzt; vom Chor unabhängige Instrumentalstimmen gibt es nur dort, wo Schütz sie auskomponiert hat (z. B. in "Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört"). Der Chor singt in einigen Stücken auch solistisch. Im Basso continuo spielt neben der Orgel eine Laute mit, was für eine zusätzliche dezente Klangfarbe sorgt.
Die Herreweghe-Aufnahme kenne ich leider nicht - wer hat sie und kann dazu etwas schreiben?
Viele Grüsse Andreas
Carola (02.09.2008, 21:21): Original von Tranquillo
Die Herreweghe-Aufnahme kenne ich leider nicht - wer hat sie und kann dazu etwas schreiben?
Viele Grüsse Andreas
Das Problem mit dieser Aufnahme ist, dass das Cover mehr verspricht, als die CD hält.
Aus der Geistlichen Chormusik sind nämlich nur 11 Stücke enthalten (von 29). Weitere 6 Werke sind aus den Kleinen geistlichen Konzerten. Andererseits ist diese Mischung aber auch recht apart und abwechslungsreich, die eingestreuten kleinen geistlichen Konzerte sind nämlich stets solistisch besetzt, während die Motetten vom gesamten Chor gesungen werden. Der Chor ist nicht eben klein, es singen 19 Sängerinnen und Sängern. Auch das Continuo ist recht reichhaltig, es spielen Orgel, Laute, Cello und Bass. Dies allerdings in wechselnder Besetzung, mal steht die Laute im Vordergrund, mal die Orgel, mal die Streicher - das ist schön gemacht. Auch sonst gefällt mir die Aufnahme sehr gut. Einziger Kritikpunkt: Die Textverständlichkeit könnte manchmal besser sein. Und ich finde es schade, dass im Beiheft zu den Texten nicht die jeweilige Quelle angegeben wird (meist sind es Psalmen, aber welche genau?).
Interessant ist vielleicht noch ein Zitat von Günter Grass, das im Beiheft zur Charakterisierung von Schütz verwendetet wird. In der 1979 erschienenen historischen Erzählung "Das Treffen in Telgte", in der Grass das letzte Jahr des Dreißigjährigen Krieges beschreibt, heißt es: "Da keiner wie er aufs Wort setzte und seine Musik einzig dem Wort zu dienen hatte, es deuten, beleben, seine Gesten betonen und in jede Tiefe, Weite und Höhe versenken, dehnen, erhöhen wollte, war Schütz streng mit Wörtern und hielt sich entweder an die überlieferte lateinische Liturgie oder an Luthers Bibelwort."
Das stimmt allerdings nicht ganz, "O süßer, O freundlicher", SWV 285 ist zum Beispiel die Vertonung eines Gebets von Augustinus. Trotzdem beschreibt das Grass-Zitat nach meiner Meinung sehr schön, wie wichtig für Schütz der zu vertonende Text, seine detaillierte Ausdeutung und Belebung durch die Musik war.
Gruß, Carola
Tranquillo (02.09.2008, 21:46): Original von Carola Aus der Geistlichen Chormusik sind nämlich nur 11 Stücke enthalten (von 29). Liebe Carola,
das ist schade - ich dachte, Herreweghe hätte eine Gesamtaufnahme gemacht. Trotzdem herzlichen Dank für die Beschreibung!
Interessant ist vielleicht noch ein Zitat von Günter Grass, das im Beiheft zur Charakterisierung von Schütz verwendetet wird. In der 1979 erschienenen historischen Erzählung "Das Treffen in Telgte", in der Grass das letzte Jahr des Dreißigjährigen Krieges beschreibt, heißt es: "Da keiner wie er aufs Wort setzte und seine Musik einzig dem Wort zu dienen hatte, es deuten, beleben, seine Gesten betonen und in jede Tiefe, Weite und Höhe versenken, dehnen, erhöhen wollte, war Schütz streng mit Wörtern und hielt sich entweder an die überlieferte lateinische Liturgie oder an Luthers Bibelwort." Was meinte Grass wohl mit "überlieferter lateinischer Liturgie"? Mir ist nicht bekannt, dass Schütz etwas in dieser Richtung vertont hat.
Das stimmt allerdings nicht ganz, "O süßer, O freundlicher", SWV 285 ist zum Beispiel die Vertonung eines Gebets von Augustinus. Es gibt etliche Beispiele, wo Schütz eben nicht Texte aus der Bibel verwendet hat. Die Texte der gesamten "Cantiones sacrae" sind von Augustinus, und in der "Geistlichen Chormusik" verwendet er auch Texte von Kirchenliedern: "Was mein Gott will, das g'scheh allzeit" (Nr. 24, für zwei Singstimmen und vier Instrumente) oder "So fahr ich hin zu Jesu Christ" (Nr. 11). Vielleicht finde ich die Zeit, im Vokalmusik-Thread noch einen Beitrag zur "Geistlichen Chormusik" allgemein zu schreiben, dort wäre dann auch Raum für die Herkunft der verwendeten Texte und deren Bedeutung im protestantischen Christentum - Schütz hat diese Texte sicher nicht zufällig ausgewählt.
Viele Grüsse Andreas
Carola (02.09.2008, 23:12): Original von Tranquillo
Was meinte Grass wohl mit "überlieferter lateinischer Liturgie"? Mir ist nicht bekannt, dass Schütz etwas in dieser Richtung vertont hat.
Viele Grüsse Andreas
Ich habe gerade mal meine Aufnahmen durchgesehen und nichts Lateinisches gefunden, schon gar nichts aus der Liturgie.
Dass Schütz so viel von Augustinus vertont hat, wusste ich bisher auch noch nicht. Ich kenne hauptsächlich Psalmvertonungen.
In den letzten Jahren hat sich doch die ein oder andere Schütz-CD bei mir angesammelt, ich habe aber noch längst nicht alle Werke von ihm.
Es ist keine dabei, die ich nicht empfehlen würde. Besonders beeindruckt bin ich immer noch von meiner ersten Schütz-CD überhaupt, das sind die Musikalischen Exequien mit Herreweghe. Ich bin aber nicht sicher, ob man diese CD noch irgendwo zu einem akzeptablen Preis bekommt. Bei jpc und amazon.de jedenfalls nicht.
Gruß, Carola
Tranquillo (03.09.2008, 08:59): Hallo zusammen,
Brilliant Classics hat vor einiger Zeit eine Schütz-Edition begonnen, aber meines Wissens nicht fortgeführt. Die ersten drei CD-Boxen (mit jeweils vier CD's) sind erschienen, wobei aktuell nur noch Vol. 3 verfügbar zu sein scheint:
Zur Vervollständigung fehlen noch die Musikalischen Exequien, die Geistliche Chormusik, ein Teil der Kleinen Geistlichen Konzerte und die Sinfoniae sacrae Teil 3.
Die Aufnahmen haben ein paar Schwächen (z. B. osteuropäischer Akzent einiger Sänger in den Sinfoniae sacrae Teil 2, teilweise etwas zu dominante Continuo-Orgel, tontechnisch ein paar Übersteuerungen), das musikalische Niveau ist aber dennoch recht hoch. Man kann sich mit diesen CD's sehr preiswert einen Überblick über Schütz' Werke verschaffen und auch weniger bekannte Stücke kennenlernen.
Viele Grüsse Andreas
EDIT: Gerade eben habe ich gesehen, dass Vol. 1 und 2 noch bei Amazon erhältlich ist (beide Boxen enthalten jeweils fünf CD's und nicht vier), bei Brilliant Classics selbt sind sie nicht mehr gelistet:
Jürgen (03.09.2008, 12:50): Original von Tranquillo bei Brilliant Classics selbt sind sie nicht mehr gelistet:
Hallo Andreas,
wo schaust Du denn nach?
Ich finde unter Joan-Records alles, was Du aufgelistet hast. Volume II der Edition gibts sogar noch bei 2008-7 für 6,99€.
Grüße Jürgen
Tranquillo (03.09.2008, 15:46): Original von Jürgen Hallo Andreas,
wo schaust Du denn nach? Hallo Jürgen,
ich hatte bei brilliantclassics.com nach "Messori" gesucht, da ich mir nicht sicher war, ob das "ü" bei "Schütz" in der Suche korrekt verarbeitet werden würde. Bei der Suche nach "Messori" bekomme ich nur Vol. 3 angezeigt, bei der Suche nach "Schütz" auch Vol. 1 und 2 - das ist etwas merkwürdig...
Danke für den Hinweis, es sind also noch alle drei Boxen verfügbar.
Viele Grüsse Andreas
Tranquillo (03.09.2008, 19:32): Hallo zusammen,
ich bin wirklich erstaunt, wieviele Aufnahmen wir hier innerhalb kurzer Zeit zusammengetragen haben - damit hätte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet.
Original von Carola Es ist viel Tod und Leid in dieser Musik, wenn man genauer hinhört allerdings auch viel Trost und Hoffnung. Wenn diese Beschreibung voll und ganz zu einem Werk von Schütz passt, dann zu den "Musicalischen Exequien" (die ebenfalls in einem eigenen Thread zu würdigen wären).
Ich habe diese relativ neue Aufnahme, die ich vorbehaltlos empfehlen kann. Es wird sehr sensibel und introvertiert, fast schon meditativ musiziert, Chor und Solisten singen hervorragend. Zusätzlich sind die "Sieben Worte Jesu Christi am Kreuz" und zwei thematisch passende Motetten aus der "Geistlichen Chormusik" enthalten ("Die mit Tränen säen" und "So fahr ich hin zu Jesu Christ").
Viele Grüsse Andreas
Carola (03.09.2008, 20:22): Original von Tranquillo
Es gibt etliche Beispiele, wo Schütz eben nicht Texte aus der Bibel verwendet hat.
Viele Grüsse Andreas
Gerade habe ich in diesem Zusammenhang noch eine interessante Anmerkung in Reclams Chormusik- und Oratorienführer gelesen. Dort heißt es auf Seite 145 über Schütz: Seine Fortschrittlichkeit zeigt sich in seiner Zurückhaltung den liturgischen Formen und dem Kirchenlied gegenüber, in dem Überwiegen expressionistischer Züge und individueller Gestaltungsweisen, seine Traditionsverbundenheit im Festhalten an den alten, ... motettischen Formen.
Ob man wirklich von einer Zurückhaltung dem Kirchenlied gegenüber sprechen kann? Einige Kirchenlieder werden doch durchaus zur Vorlage genommen, oder? Ich weiß zu wenig darüber.
Sehr speziell finde ich die Historien von Schütz. Ich kenne die Auferstehungs-Historie, SWV 50, und die sehr viel später entstandene Weihnachts-Historie, SWV 435. Vor allem die große Bedeutung der Evangelisten, musikalisch gesprochen der Rezitative, fällt sofort auf. Das ist für auf das Bachsche Weihnachtsoratorium geeichte Ohren erst mal recht fremd. Auch große, weit ausschwingende Chöre sollte man hier nicht erwarten. Aber viel Expressivität und Dramatik.
Gruß, Carola
Tranquillo (03.09.2008, 21:31): Original von Carola Gerade habe ich in diesem Zusammenhang noch eine interessante Anmerkung in Reclams Chormusik- und Oratorienführer gelesen. Dort heißt es auf Seite 145 über Schütz: Seine Fortschrittlichkeit zeigt sich in seiner Zurückhaltung den liturgischen Formen und dem Kirchenlied gegenüber, in dem Überwiegen expressionistischer Züge und individueller Gestaltungsweisen, seine Traditionsverbundenheit im Festhalten an den alten, ... motettischen Formen.
Ob man wirklich von einer Zurückhaltung dem Kirchenlied gegenüber sprechen kann? Einige Kirchenlieder werden doch durchaus zur Vorlage genommen, oder? Ich weiß zu wenig darüber. Liebe Carola,
genau solche Sätze wie der von Dir zitierte sind einer der Gründe, warum ich keinen einzigen Musikführer besitze. Sie klingen beim Lesen zunächst gelehrt und richtig, wenn man sie aber hinterfragt, fallen sie in sich zusammen.
Was versteht der Autor unter "Zurückhaltung"? Sicher, liturgische Formen und Kirchenlieder spielen bei Schütz keine herausragende Rolle, aber gemieden hat er sie auch nicht. Schauen wir uns mal die "Geistliche Chormusik" an: Nr. 4 ("Verleih uns Frieden gnädiglich"), Nr. 11 ("So fahr ich hin zu Jesu Christ"), Nr. 19 ("Herzlich lieb hab ich dich, o Herr", drei Strophen!) und Nr. 24 ("Was mein Gott will") sind Kirchenlieder. Nr. 18 ("Die Himmel erzählen die Ehre Gottes") schliesst mit der sogenannten Doxologie ("Ehre sei dem Vater und dem Sohn und auch dem Heiligen Geiste"), die fester Bestandteil der Liturgie im evangelisch-lutherischen Gottesdienst war und es immer noch ist. Nr. 13 ("O lieber Herre Gott") verwendet den Text einer vorreformatorischen Adventskollekte ("Excita domine") in der Übersetzung Martin Luthers und hat damit einen liturgischen Ursprung. Sicher, die Bibeltexte dominieren (was sicher auch durch das reformatorische "Sola scriptura" begründet ist), aber von Zurückhaltung gegenüber Liturgie und Kirchenlied würde ich hier nicht sprechen wollen.
Was sind bei Schütz "expressionistische Züge" und "individuelle Gestaltungsweisen", die überwiegen sollen? Gegenüber was sollen sie überwiegen? Mit "expressiven Zügen" wäre ich einverstanden gewesen, aber "expressionistisch" ist ein Begriff für Literatur und Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Musik wird er meines Wissens nicht verwendet (und schon gar nicht für Musik des 17. Jahrhunderts). "Individuelle Gestaltungsweisen" wären Gestaltungsmerkmale seiner Musik, die ihn vom Stil seiner Zeit und seiner Zeitgenossen abheben - was ist das ganz konkret? Im Zitat ist das nur eine beliebig zu füllende Worthülse, denn jeder Komponist wird - sofern er nicht einfach nur andere imitiert - irgendwo individuelle Gestaltungsweisen haben. Die Frage, was Schütz' Musik in besonderer Weise von derjenigen seiner Zeitgenossen unterscheidet, wird letztlich nur von Spezialisten zu beantworten sein, denn: Was kennen wir als Nichtspezialisten schon für Musik von seinen Zeitgenossen, die wir in Beziehung zu seiner Musik setzen könnten?
Sehr speziell finde ich die Historien von Schütz. Ich kenne die Auferstehungs-Historie, SWV 50, und die sehr viel später entstandene Weihnachts-Historie, SWV 435. Vor allem die große Bedeutung der Evangelisten, musikalisch gesprochen der Rezitative, fällt sofort auf. Das ist für auf das Bachsche Weihnachtsoratorium geeichte Ohren erst mal recht fremd. Auch große, weit ausschwingende Chöre sollte man hier nicht erwarten. Aber viel Expressivität und Dramatik. Genau, und das mit im Vergleich zu Bach sehr sparsamen musikalischen Mitteln. Die drei Passionen von Schütz gehen in die gleiche Richtung: Die Rezitative werden noch nicht einmal vom Continuo begleitet, es gibt keine Arien und Choräle als Ruhepunkte, die Handlung in Form des biblischen Berichts schreitet ohne Unterbrechung und unausweichlich bis zum Höhepunkt voran. Das klingt für Ohren, die die Opulenz der Bachschen Passionen (vor allem der Matthäus-Passion) gewohnt sind, sehr karg, und doch sind viele Elemente der Bachschen Passionen schon bei Schütz zu finden, z. B. die Turba-Chöre. Durch das konsequente Vermeiden aller oberflächlichen Reize wird der Hörer bei Schütz auf das Wesentliche zurückgeworfen: die Worte des biblischen Passionsberichts, die nun eine ungeahnte Intensität entfalten können (so habe zumindest ich das empfunden, als ich die Passionen von Schütz zum ersten Mal gehört habe).
Viele Grüsse Andreas
Leif Erikson (03.09.2008, 21:40): Über meine Schütz - Bemühungen kann ich eine kleine Geschichte erzählen.
Er ist der Lieblingskomponist des Dirigenten, dessen schöne Aufführungen mich dazu brachten (Amateur-) Tonmeister zu werden.
Da ich noch nie vorher Schütz bewußt gehört hatte, war ich auch von dem damals aufgeführten Werk beeindruckt und habe mir eine CD davon gekauft. Zuhause wollte sich aber der günstige Eindruck der live - Aufführung nicht mehr einstellen.
Ich kaufte in der Folge ca. 20 Schütz - CD's von denen ich die mit Cantus Köln "natürlich" am besten fand. Jedoch hat sich keine Begeisterng eingestellt. Auch nach x-maligem Hören. Nur schwer konnte ich mir eingestehen, daß ich Schütz dauerhaft nicht mag - mit einer Ausnahme, sein Gesellenstück in Venedig, das erste Buch der Madrigale hat einen optimistischen Grundton und jugendlichen Schwung.
Die Beteuerungen der Profis, daß seine Stücke besonders kunstreich gebaut seien kann ich nicht so gut nachvollziehen wegen meiner Unfähigkeit Partitur zu lesen geschweige denn mir die Musik beim Lesen der Partitur vorzustellen. Ich kann zum Beispiel kaum eine Entwicklung seines Stils entdecken, die Stücke klingen für mich irgendwie gleich. (Ganz so schlimm wie bei Pärt ist es aber nicht.)
Es ist aber wohl ziemlich einfach und Carola und andere haben es schon gesagt, seine Stücke triefen von Tod und Leid. Die Hoffnung ist nicht aufs Irdische gerichtet sondern eher jenseitig-sterbefreudig, wie das Barock generell. (Bei Bach gibt es zwar auch solche Texte aber seine Musik steht in einem deutlichen Gegensatz dazu, sie läßt immer auf einen so intakten Persönlichkeitskern schließen, daß ich mich bei ihm wohlfühle.)
Im Ernst, Schütz war wohl durch seine trostlosen Erfahrungen traumatisiert wie viele Menschen nach dem zweiten Weltkrieg auch und hätte eine Therapie gebraucht.
Der größte deutsche Komponist des 17. Jahrhunderts ist für mich eher Buxtehude. Im Frühbarock gibt es noch einen Amateur(?)-Komponisten, der nur Werke für Violine solo geschrieben hat, die klingen wie wenn sie von 1725 wären, leider fällt mir sein Name im Augenblick nicht ein. Den halte ich für ein absolutes Genie. Sein Werk ist aber zu klein um für den Komponistenthron in Frage zu kommen.
Gruß, Leif.
Leif Erikson (03.09.2008, 21:57): Das "Genie" habe ich jetzt doch noch gefunden. Es ist Johann Paul von Westhoff (1656 - 1705). Von den Lebensdaten kein Mann des Frühbarock aber wohl ein Einfluß auf J.S. Bach, da beide zur gleichen Zeit in Köthen waren.
Gruß, Leif.
Tranquillo (03.09.2008, 22:29): Original von Leif Erikson Es ist aber wohl ziemlich einfach und Carola und andere haben es schon gesagt, seine Stücke triefen von Tod und Leid. Die Hoffnung ist nicht aufs Irdische gerichtet sondern eher jenseitig-sterbefreudig, wie das Barock generell. Lieber Leif,
nicht alle seiner geistlichen Stücke triefen von Tod und Leid, aber Dein Eindruck geht sicher in die richtige Richtung. "Denn Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn" - das ist ein Glaube, der uns völlig fremd ist. Wir können ihn nicht nachvollziehen, weil unsere Hoffnung auf das Irdische gerichtet ist. Allerdings werden wir damit oft genug bitter enttäuscht. Wenn es ans Sterben geht, hilft uns diese "Hoffnung" keinen Deut weiter, sie treibt uns eher in die völlige Verzweiflung.
Im Ernst, Schütz war wohl durch seine trostlosen Erfahrungen traumatisiert wie viele Menschen nach dem zweiten Weltkrieg auch und hätte eine Therapie gebraucht. Das ist eine ganz wichtige Parallele. Ich habe vor einiger Zeit gelesen, dass in den evangelischen Kantoreien kurz nach dem 2. Weltkrieg besonders viel Schütz gesungen wurde - vielleicht gerade deswegen, weil man sich mit seiner eigenen Erfahrung von Leid und Tod damals in dieser Musik wiedergefunden hat. Heute erscheint uns diese Erfahrung mitunter genauso fremd und unwirklich wie die Berichte unserer Eltern und Großeltern über das Grauen des letzten Krieges. Leid und Tod ist in unserer jugendbetonten Spassgesellschaft ein Tabu-Thema, das wir hinter möglichst dicke Krankenhaus-Mauern verbannen - weil wir irgendwo ahnen, dass wir letztlich genauso machtlos dagegen sind wie die Menschen des 17. Jahrhunderts. Ich behaupte: Schütz' Erfahrung ist auch ein Stück weit die unsere, nur ist uns seine Hoffnung (und die seiner Zeitgenossen) verlorengegangen.
ich denke, daß es in unserer überalterten Gesellschaft gar nicht mehr möglich ist, sich nicht beinahe täglich mit dem Sterben auseinander zu setzen. Vor drei Jahren ist meine Schwester im Kreis ihrer großen Familie an Pankreaskrebs gestorben. Eine moderne Therapie mit Toxin-gekoppelten monoklonalen Antikörpern hatte ihr noch ein halbes Jahr an Lebenszeit hinzugewonnen - ohne Nebenwirkungen. Als die Metastaseschmerzen zu groß wurden, war sie etwa 10 Tage bettlägerig, konnte aber noch zum Essen aufstehen. Sie hatte einen Armkatheter an den eine Morphium-Infusion angeschlossen werden konnte. Die Dosierung erfolgte über eine elektrische Pumpe, die sie beliebig oft betätigen konnte, das Vorratsgefäß war sehr groß.
Ich denke, daß dieser Tod ein humanes Modell für unsere moderne Gesellschaft sein könnte.
Mein Vater war übrigens nie krank aber mit 89 schwerhörig und lebenssatt. Das hat er meinem Bruder gegenüber unmissverständlich zum Ausdruck gebracht. Er hat zu Weihnachten 1994 aufgehört zu essen und ist sechs Wochen später im Schlaf gestorben. Wir haben ihn gewähren lassen. Er hat ein katholisches Begräbnis erhalten.
Mir geben diese beiden soviel irdische Hoffnung wie ich brauche.
Gruß, Leif.
Tranquillo (04.09.2008, 18:22): Original von Leif Erikson Mir geben diese beiden soviel irdische Hoffnung wie ich brauche. Lieber Leif,
vielen Dank für diese sehr persönlichen Anmerkungen. Ich kann aus Deinen Beiträgen jetzt ganz gut nachvollziehen, warum Du keinen Zugang zu den geistlichen Werken von Schütz findest. Aber auch sein einziges erhalten gebliebenes weltliches Werk, die "Italienischen Madrigale", hat seinen Reiz.
Neben der Aufnahme im Rahmen der Schütz-Edition von Brilliant Classics
habe ich noch eine ältere Aufnahme mit dem Consort of Musicke unter der Leitung von Anthony Rooley, die nicht mehr lieferbar ist. Ich tue mich mit den italienischen Texten sehr schwer, leider habe ich bisher noch keine deutsche Übersetzung gefunden.
Viele Grüsse Andreas
Bernfried (05.02.2010, 01:35): Schon spät, aber ich möchte es mir nicht verkneifen noch einen Schütz - Thread zu eröffnen. Heute möchte ich aber keine großen Traktate mehr schreiben. Nur eine Frage ins Forum stellen: Wie ich relativ kostenneutral an eine akzeptable Aufnahme des SWV 501 kommen könnte. Wie bekannt, dass Klaglied auf den Tod seiner Ehefrau Magdelena.
:( Diese zwei CDs sind mir bisschen zu teuer und ansonsten macht sich das rar:
CD Hörprobe Nr. 14
CD Hörprobe Nr. 9
Der Text ist ganz nett, schön außergewöhnlich:
»Mit dem Amphion zwar« swv 501 Klaglied für eine Singstimme und Basso continuo, Dresden 1625 Mit dem Amphion zwar mein Orgel und mein Harfe / Vorhin recht stimmten ein / Und akkordierten allermaßen gnau und scharfe; Aber o weh der Pein! /Verkehrt ist nu / In einem Hu / Solch Konkordanz, verstimmt sind alle Chorden, / Mein Harf ist Klag, / Mein Pfeif ist Plag, / Und heiße Tränenflut ist jetzo worden. O Magdlen, treues Weib, Eur kann ich nicht vergessen, / Euch lieb ich mehr und mehr: Eur Tod mir aus meinem Leib den roten Saft möcht pressen; / Wollt Gott, ich bei Euch wär! Nun ich bereu / Die ehlich Treu, / Damit Ihr mich als sonst kein Mensch tät lieben, / Welchs denn mein Herz / Mit größtem Schmerz, Wann ich dran denk, Nacht und Tag tut betrüben. Zwei liebste Töchterlein habt Ihr mir hinterlassen, / Daran ich alle Lust / Und Herzensfreud gehabt hab über alle Maßen, Weil ich Euch hab gewußt. / Aber wenn ich / Sie jetzt ansich, / So tut mich¹s in meim Herzen heftig kränken, / Weil an Ihn¹ beid / Euer Kontrafeit / Ich schau und an mein schweres Leid muß denken. / Nun liebste Seel, der Gott hat Euch von mir genommen, / Der Euch mir geben hat; / Unmöglich ist¹s, zu mir mögt Ihr nicht wiederkommen, / Ob ich sorg früh und spat. / Drum wie Gott will, / Halt ich ihm still, Solang noch währt mein hochbetrübtes Leben, Und ob noch wär / Mein Kreuz so schwer, Mit Hiob will ich doch Gott Ehre geben. Gott Euren Schöpfer Ihr im Himmel tut anschauen, / Achtet nicht mehr der Welt; Ich aber muß allein auf Erd das Elend bauen, Bis es meim Gott gefällt, / Daß der Tod kömmt, Mich auch hinnimmt, / So will ich mich zu Euch lassen verscharren, / Da wolln wir dann beide zusammn, / Bis uns Christus erwecken wird, verharren. Alsdenn wolln wir zugleich aus unserm Gräbern gehen / Zu ewign Freude ein, / Auch selbst in unserm Fleisch einander wiedersehen: / Da soll denn nicht mehr sein / Mein Harf ein Klag, Mein Pfeif ein Plag, / Sondern mit hellem Schall solln sie erklingen, / Und wolln wir beid In ewigr Freud / Gott Vater, Sohn und heiligm Geist lobsingen.
Bernfried (05.02.2010, 17:09): Heinrich Schütz erlebte nicht nur die verheerende Pest, sondern auch die schlimmsten Auswirkungen des Krieges. Der Dreißigjährige Krieg fiel mit den tatkräftigsten und schöpferischsten Jahren seines Lebens zusammen und bedeutete für ihn fortwährende seelische Erschütterung, inmitten der sozialen und wirtschaftlichen Verwüstung. Zudem schwierige Arbeitsbedingungen, die ihm oft jegliche Möglichkeit nahm, über eine ausreichende Zahl von Sängern und Instrumenten zur Ausführung seiner Werke zu verfügen.
In der Auswahl der Texte ließ sich Schütz stark vom Kalvinismus beeinflussen, der im damaligen Deutschland Dichtung, Drama und die geistliche Musik stark prägte. Typisch für den kalvinistischen Einfluss ist die überwiegende Vertonung von Psalmversen im Verhältnis zu Texten aus anderen Büchern des Alten Testaments. Sie gewinnen an zusätzlicher Bedeutung in Hinblick auf ihren subjektiven, flehenden Ton mit dem Schütz sich, inmitten der Verwüstung, identifizieren konnte.
Möchte diesen Schütz - Thread nicht mit Texten sondern ehr mit Musik pflegen, daher fange ich gleich mal an:
YouTube >>> SWV 366 - Symphoniae sacrae II >>> Text und Infos
Cetay (inaktiv) (05.02.2010, 17:17): Original von Bernfried Schon spät, aber ich möchte es mir nicht verkneifen noch einen Schütz - Thread zu eröffnen. Ich spiele jetzt mal Spielverderber und weise darauf hin, dass wir hier schon einen haben. Nichtsdestotrotz: Herzlich Willkommen! :hello
Bernfried (05.02.2010, 17:50): Original von Cetay Original von Bernfried Schon spät, aber ich möchte es mir nicht verkneifen noch einen Schütz - Thread zu eröffnen. Ich spiele jetzt mal Spielverderber und weise darauf hin, dass wir hier schon einen haben. Nichtsdestotrotz: Herzlich Willkommen! :hello
Hei,
das hab ich schon gesichtet, allerdings möchte ich hier Musik von Schütz verlinken und weniger diskutieren. Wir haben nun also, sozusagen, einen Diskussions- und einen Vorführthread. :) Eine Interpretation der Musikalischen Exequien SWV 279 bei last.fm möchte ich auch gleich mal vorstellen.
Hier das SWV 279 - Text und Info, ihr kennt das ja, rechts oben auf den weißen Pfeil klicken und hier die ganze CD.
Bernfried (05.02.2010, 17:55): Gefällt mir allerdings nicht sooo gut. Neulich hatten die dort noch eine andere CD mit einer gelungeneren Interpretation, diese:
YouTube >>> SWV 279 a - SWV 279 b
Bernfried (05.02.2010, 18:04): Ihr könnt übrigens nicht nur die Bild sondern auch die Tonqualität bei YouTube etwas verbessern wenn ihr neben dem Lautsprechersymbol auf 480p schaltet.
Ich sag mal: Für einen Hifi - Enthusiasten mag es ja sowieso das pure Grausen sein, aber für kost nix ist das schon ganz gut. :rofl
Außerdem möchten wir ja nach der Anfütterung emsig CDs kaufen und die Musica fördern. Also, alles harmonisch in bester Ordnung.
Bernfried (05.02.2010, 18:24): Aha, die andere, "bessere Interpretation", gibt es auch noch bei last.fm und zwar hier: SWV 279
Die ganze CD ist gut. Auch zu empfehlen u.a. der zwar rezitativlastige aber sehr einfühlsam vorgetragene Ausschnitt aus dem SWV 478 - Die sieben Worte Jesu Christi am Kreuz.
Bernfried (07.02.2010, 01:23): Original von Tranquillo vielen Dank für diese sehr persönlichen Anmerkungen. Ich kann aus Deinen Beiträgen jetzt ganz gut nachvollziehen, warum Du keinen Zugang zu den geistlichen Werken von Schütz findest. Aber auch sein einziges erhalten gebliebenes weltliches Werk, die "Italienischen Madrigale", hat seinen Reiz.
Hallo Tranquillo!
Bin scheinbar in euren Thread verschoben worden, aber egal. Möchte dich auf eine CD mit deutschsprachigen weltlichen Werken von Schütz aufmerksam machen. Eigentlich bin ich gerade dabei was anderes vom Schütz hochzuladen, aber ich kann die verflixte SWV Nummer nicht richtig zuordnen. Also such ich mal eben die CD, die ich übrigens auch habe. Hier, ist sie auch schon.
Daraus hatte ich jüngst mal zwei Madrigale (Fragmente) hochgeladen.
YouTube >>> Madrigale SWV 438 + 96
Bernfried (07.02.2010, 01:42): Das Madrigal SWV 451 hat sogar einen sehr erotischen Text. Diese Texte kommen bekanntlich aus dem Hohe Lied Salomos und sind öfters in der Klassik zu finden.
YouTube >>> Nachdem ich lag in meinem öden Bette
Songtext:
Rachmaninov: Quellenangebe fehlte
Ich lach mich weg. :rofl "Mich zwang die Brunst, das Lager zu verlassen..." :rofl
Also, nun bin ich aber auch müde, dass SWV 461 (???) lade ich morgen hoch.
Bernfried (07.02.2010, 23:06): Es wurde mir schon nachgesagt ich hätte einen exzentrischen Musikgeschmack. Keiner will mit mir Musik hören. :(
Die etwas düstere Melancholie die Schütz umgibt im Kontext zur Zeit in der er lebte sind aber eine echte Inspiration. Alte teutsche Musica find ich sehr erquickend. Na egal, dass sie nicht so ganz zeitgeistkonform ist. Hab ja sowieso ein Faible für diese Zeit. Wenn ich so denke, als ich neulich in Hannoversch - Münden war und in der Altstadt streunte. Da war ich ganz happy, weil dem Schütz mental echt näher. :)
Ihr könnt mich steinigen, aber ich glaub das ist das SWV 461. (Etwas unsichere Datenlage.)
YouTube >>> SWV 461
Bernfried (12.03.2010, 02:24): Mal wieder Zeit für etwas Musica vom Schütz. :down
SWV 200
Man möge mir den Frevel verzeigen, aber Anfang und Ende hab ich abgeschnitten, wegen der Zeitbeschränkung bei YouTube.
Ensemble Weser-Renaissance Bremen musiziert.
2. Zerschlagen ist mein traurigs Herz, Verdorrt wie Gras auf dürrer Heid, Daß ich vergeß für großem Schmerz, Mein Brot zu essen in dem Leid, An meinem Fleisch klebt mein Gebein, Für Heulen und für Seufzen schwer, Ich muß wie eine Rohrdommel sein, Die in der Wüsten streicht umher.
3. Gleichwie ein Kützlein schreit des Nachts, Das in verstörten Städten wohnt, Also mein Herz ist immer wach, Kein Schlaf in meine Augen kommt, Gleichwie ein Vogel auf dem Dach Ganz traurig sitzt in Einsamkeit, Also muß ich täglich in Schmach Zubringen mein betrübte Zeit.
4. Ich bin der Feinde Hohn und Spott, Bei meinem Elend schwörn sie frisch, Denn ich wie Aschen eß mein Brot, Mit Weinen ich mein Trank vermisch, Das macht, o Gott, dein Zorn und Grimm, Der du zu Ehren mich erhöhst Und doch so bald mit Ungestüm Und großem Leid zu Boden stößt.
5. Gleichwie ein Schatten sind dahin All meine Tag elendiglich, Wie Gras sie gar verdorret sind, Doch bleibest du, Gott, ewiglich, Herr, mach dich auf, in Gnad bereit, Und über Zion dich erbarm, Die Stund ist da und rechte Zeit, Daß du mir hilfst durch deinen Arm.
6. Das ist der Wunsch der Knechte dein, Daß Zion doch gebauet wär, Bereitet für die heilig Gmein, Auf daß erschein des Herren Ehr, Die Heiden fürchten deinen Nam, Auch alle König hier auf Erd In deinem Ehrendienste stahn, Darum Zion erbauet werd.
7. Herr, laß erscheinen deine Ehr, Und nimm doch die Verlassnen auf, Zu ihrer Bitt in Gnad dich kehr, Verschmäh nicht der Elenden Hauf, Daß man predig künftiger Zeit Denen, die dein Volk worden sein, Wie groß sei dein Barmherzigkeit, Und all Welt lob den Namen dein.
8. Der Herr schauet vom Gnadenthron, Er sieht vom Himmel auf die erd Und nimmt sich der Gefangnen an, Daß ihr Seufzen erhöret werd, Des Todes Kinder macht er frei Und läßt im Schwang die Predigt gehn, Des Herren Name steht uns bei, Sein Lob ist zu Jerusalem.
9. Die Völker kommen all herzu, Die Königreich beisammen sind, Zu gehen in des Herren Ruh, Da man in reiner Furcht ihm dient, Der Herr sehr meine Kräfte schwächt, Verkürzt mir auch die Tage mein, Ich sprech: mein Gott, nimm mich nicht weg, Eh ich empfind die Gnade dein.
10. Für und für währen deine Jahr, Du hast vorhin die Erd gegründt, Die Himmel und der Sternen Schar Allsamt deiner Hände Werke sind, Sie all vergehn, allein du bleibst, Machst sie zunicht durch deine Hand, Gleich wie zuletzt ein Kleid zerreißt, Oder veraltet ein Gewand.
Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und er wird mich hernach aus der Erden auferwecken und werde mit dieser meiner Haut umgeben werden und werde in meinem Fleisch Gott sehen, denselben werd ich mir sehen, und meine Augen werden ihn schauen, ich und kein Fremder.
Bernfried (14.04.2010, 22:39): Das Sterben, der Tod, ist allgegenwärtig, wenn er sich nicht versteckt. Ich höre geistliche Musik aus ästhetischen Gründen. Abgesehen davon meine ich einen Zusammenhang bei der Vermeidung einer Sterbekultur und der Geringschätzung von geistlicher Musik erkennen zu können. Die Realität, wie auch bei mir in der Verwandtschaft zu erfahren ist, sieht aber doch so aus das Menschen in einem Prozess sterben der allen Beteiligten emotional sehr tiefgreifende Erfahrungen aufbürdet. Der Tod ist brutal und nicht harmonisch wie die geistliche Musik und doch überschneiden sich beide auf eine tröstende Weise. Denn Hoffnung ist das was bleibt während alles darum zerbricht und wo diese nicht ist da bleibt nur Angst neben den Schmerzen des Zerfalls. Es ist bedauerlich wenn diese schöne Musik aufgrund ihrer Texte weggestoßen wird und Leute so in Unfrieden mit ihrer Vergänglichkeit leben.
Bernfried (19.04.2010, 19:38): YouTube >>> SWV 398 Symphoniae sacrae III - Der Herr ist mein Hirt
Bernfried (19.04.2010, 19:45): Audiolink >>> SWV 360 Symphoniae Sacrae II - Zweierlei bitte ich Herr von dir
Bernfried (08.06.2010, 00:19): Da bin ich aber untröstlich, dass ich aktuell so wenig Zeit hab mich dem Schütz zu widmen. :(
Bernfried (07.08.2010, 08:27): Das Forum hier ist für die Pflege eines Threads in dem man Musik verlinkt eigentlich nicht geeignet. Dafür ist unbegrenzte Editierfunktion Voraussetzung. In guten Foren ist das selbstverständlich. Die Sache bringt es mit sich das man Beiträge überarbeiten muss. Ansonsten geht hier nach einiger Zeit die Hälfte nicht mehr und die Sache wird sinnlos.
Bernfried (07.08.2010, 08:28): Heinrich Schütz - SWV 398
Bernfried (07.08.2010, 08:35): Bei YouTube sind manche Videos in manchen Ländern gesperrt. Diese Videos startet man dann über eine Seite welche das Herkunftsland neutralisiert, so auch bei folgendem Musikstück.
Nachtrag: Sorry, der Link über den Proxy läuft hier nicht. Ihr müsstet also selber Heinrich Schütz SWV 407 eingeben, aber zuvor rechts auf: - Go! - klicken.
Und zwar hier: http://1.hidemyass.com/ip-1/encoded/Oi8vd3d3LnlvdXR1YmUuY29tL2luZGV4P2hsPWVu
Bernfried (07.08.2010, 08:38): Außerdem stört mich hier am Forum dieser dümmliche Editierhinweis sobald man ein Komma oder sowas nachgetragen hat. In guten Foren wird dieser erst nach einer Antwort auf den betreffenden Beitrag aktiv, zumal er zuvor sowieso sinnfrei ist.
Bernfried (07.08.2010, 08:54): Wenn ich mal wieder Zeit habe werde ich eine unbegrenzte Editierfunktion und eine Änderung der Editionsanzeige, so wie erwähnt, bei der obersten Forenleitung beantragen.
Rachmaninov (07.08.2010, 14:02): Original von Bernfried Das Forum hier ist für die Pflege eines Threads in dem man Musik verlinkt eigentlich nicht geeignet. Dafür ist unbegrenzte Editierfunktion Voraussetzung. In guten Foren ist das selbstverständlich. Die Sache bringt es mit sich das man Beiträge überarbeiten muss. Ansonsten geht hier nach einiger Zeit die Hälfte nicht mehr und die Sache wird sinnlos.
Moser doch anderswo rum! :S
Sfantu (08.04.2018, 19:34): Ob Schützens Passionen abseits des Mainstream oder aber mitten auf ihm schwimmen - da bin ich mir unsicher. Drum habe ich sie (als Zielgerade meiner kleinen Oster-Serie) sicherheitshalber mal hier untergebracht.
Matthäus-Passion SWV 479
Peter Schreier, Tenor - Evangelist Hermann Christian Polster, Bass - Jesus Siegfried Lorenz, Bariton - Pilatus Hans-Joachim Rotzsch, Tenor - Petrus Hans-Jürgen Wachsmuth, Tenor - Judas Peter-Volker Springhorn, Bass - Caiphas Armin Ude, Tenor - Erster falscher Zeuge Gothart Stier, Bariton - Zweiter falscher Zeuge Jürgen Puschbeck, Sopran (Kruzianer) - Ancilla I Reinhard Wiemeyer, Sopran (Kruzianer) - Ancilla II Tilman Rau, Alt (Kruzianer) - Pilati Weib
Dresdner Kreuzchor - Martin Flämig (LP, Eterna Edition, VEB Deutsche Schallplatten, 1974?)
Johannes-Passion SWV 481
Peter Schreier, Tenor - Evangelist Peter-Volker Springhorn, Bass - Jesus Hans-Joachim Rotzsch, Tenor - Pilatus Hans-Jürgen Wachsmuth, Tenor - Petrus Gothart Stier, Bariton - Knecht Fred Maiwald, Sopran (Kruzianer) - Magd
Dresdner Kreuzchor - Martin Flämig (LP, Eterna Edition, VEB Deutsche Schallplatten, 1972)
Lukas-Passion SWV 480
Peter Schreier, Tenor - Evangelist Theo Adam, Bass - Jesus Siegfried Vogel, Bariton - Pilatus Hans-Joachim Rotzsch, Tenor - Petrus / II. Schächer Rolf Apreck, Tenor - I. Knecht / I. Schächer Günther Leib, Bariton - Hauptmann / II. Knecht Ein Kruzianer - Magd
Dresdner Kreuzchor - Rudolf Mauersberger (LP, Eterna Edition, VEB Deutsche Schallplatten, 1965)
Von 1664 bis 1666 komponierte er die drei Passionen nach Lukas, Matthäus und Johannes. Nach allem, was ich hierzu lesen konnte, datiert Johannes von 1665/66, Matthäus von 1666, Lukas dgg. bereits von 1653.
Zum Abschluss meiner diesjährigen Oster-Musiken gestern & heute noch die drei Passionen Schützens.
Nicht genug, dass es stilistisch gegen Ende eine bis eine halbe Epoche zurück geht. Auch verzichtet Schütz in seinen Passionen auf jegliche Instrumentalbegleitung. Als Hörer wird man somit quasi auf die Essenz zurückgeworfen, was (zumindest bei mir - zumal nach dem zuvor Gehörten) eine Umgewöhnung bedeutet. Den breitesten Raum nehmen in allen drei Gattungsbeiträgen die Rezitative ein. Sie wirken in ihrer Entschleunigung & "Reinheit" fast gregorianisch. Wohltuende Abwechslung bringen die meist recht kurzen (& dann eben auch mehrstimmigen) Choräle. Man ist also zwangsläufig sehr nahe am Geschehen, verfolgt die Leidensgeschichten ausgesprochen direkt - ohne jede zweite Stimme neben dem Evangelisten oder den sonstigen Solisten. Das alles geht in seiner Kargheit & Klarheit umso näher & wirkt umso stärker (oder zumindest in ganz eigener, anderer Weise) nach als die opulenten hochbarocken (oder späteren) Passionen.
Die Darbietungen sind sehr gut bis vorzüglich. Peter Schreier als Evangelisten zu loben hiesse, Eulen nach Athen zu tragen. In mancher Hinsicht bemerkenswert die Aufnahme der Lukas-Passion: Siegfried Lorenz als Pilatus ist schon erste Sahne! Es kommen Erinnerungen an seine superben Schubert-Lieder mit Norman Shetler auf - ein Gestalter erster Güte! Sein Part ist aber gerade hier überschaubar. Jesus' dagegen ausladend: Theo Adam singt mit einer balsamischen Ruhe & Versunkenheit, die mich auf Dauer geradezu "tranquillized": kann mich nicht entscheiden, ob ich das Manko an Deklamation & Rollengestaltung bemäkeln soll oder diese allem Irdischen enthobene Abgeklärtheit loben...ein klassisches Patt. Die Frage, ob Adam mit seinem wotanesken Pracht-Bass einem Jesus als Mittdreissiger entspricht, rückt für mich fast in den Hintergrund angesichts seiner faszinierenden Präsenz (um nicht zu sagen: Aura). Einzig in dem kurzen Dialog mit der Magd wird ein krasses Missverhältnis unüberhörbar: der unglückliche Kruzianer geht mit seinem dürren Stimmchen beinahe unter - hier spricht keine Frau mit einem Mann sondern eine Amöbe mit einem Mammut. Überhaupt liesse sich an diesem Beispiel trefflich über historisierende Aufführungspraxis vs. glaubhafte Rollendeckung streiten (siehe bspw. die Bachkantaten mit Harnoncourt vs. Rilling). Gerade unter Mauersberger intonieren die Kruzianer doch sehr hemdsärmelig: intonatorisch tadellos oft aber auch eben beherzt am Textgehalt vorbei.
So, das war's dann auch mit meiner Passioniererei für dieses Jahr. Hatte mir noch das Eine oder Andere mehr vorgenommen aber: alles zu seiner Zeit. Denn nun sind auch "unsere" Ostern vorbei.
Johann Sebastian Bach (09.04.2018, 11:15): Ich persönlich halte die MP von Schütz für herausragend und von ihr gibt es inzwischen so viele ebenfalls herausragende Aufnahmen, dass die von mir geliebte unter Flämig, mit der ich aufwuchs, inzwischen nur noch eine ist unter vielen anderen gelungenen:
Sfantu (10.04.2018, 22:16): Ich persönlich halte die MP von Schütz für herausragend Lieber JSB,
was ist es, das für Dich die Matthäus vor den anderen beiden Passionen auszeichnet?
Johann Sebastian Bach (11.04.2018, 09:59): Ich persönlich halte die MP von Schütz für herausragend Lieber JSB, was ist es, das für Dich die Matthäus vor den anderen beiden Passionen auszeichnet? Zunächst in nuce: Ich halte die MP für die reifste der Passionen, weil HS die Möglichkeiten der rein stimmlichen Komposition in Verbindung mit der Textausdeutung am Intensivsten und variabelsten ausschöpft. Man muss ja sehen, wie wenig Möglichkeiten er eigentlich für musikalischen Ausdruck hat, wenn er auf Instrumente verzichtet. Er variiiert aber schon im verschieden besetzten Chor, rochiert Klangfarben und Rhythmik; Expressivität und Innerlichkeit. Dabei greift er in die Tiefen der Musikgeschichte, ja bis in die Gregorianik zurück. So kompakt und homogen höre ich das bei der MP stärker als bei JP oder LP.
Sfantu (11.04.2018, 11:31): Danke für die Erläuterung. Den Hörvergleich zwischen diesen Dreien finde ich nämlich ausgesprochen fordernd.
Johann Sebastian Bach (11.04.2018, 11:42): Den Hörvergleich zwischen diesen Dreien finde ich nämlich ausgesprochen fordernd. Unbedingt! Alle drei hintereinander oder Stück für Stück im Vergleich zu hören, halte ich für kaum möglich, falls man über ein sensibles Gemüt verfügt. Bei mir speisen sich die Urteile aus jahrzehntelangem Hören der einzelnen Passionen und je älter ich werde, desto lieber werden sie mir und desto weniger "anstrengend" kommen sie mir vor.