Hochromantik mit klassizistischer Handbremse. Sinfonie Nr. 3 a-moll op. 56 "Schottische"
Sfantu (19.08.2021, 19:09): Hochromantik mit klassizistischer Handbremse. Sinfonie Nr. 3 a-moll op. 56 "Schottische"
Dieser Tage war Mendelssohns dritte Sinfonie Thema hier im Forum. Nachdem die Frage nach favorisierten Einspielungen aufkam, wurde mir bewußt, daß
1.) das Thema zu ergiebig und das Werk zu bedeutend ist und eine etwaige darüber sich entwickelnde Diskussion zu schade um im Durchlauferhitzer-Faden namens "Was höre ich gerade jetzt" dem Vergesssen zum Opfer zu fallen und
2.) daß es skandalöserweise noch keinen eigenen Faden zu diesem Werk gibt. Dem soll nun Abhilfe geschaffen werden.
Zu Beginn paste ich die ersten beiden Posts von dort hierher. Diesen Beitrag hier werde ich innert Monatsfrist zu einer knappen, hoffentlich einigermaßen würdigen Werkseinführung ausbauen
Sfantu (19.08.2021, 19:13):
Felix Mendelssohn
Sinfonie Nr. 3 a-moll op. 56
The Chamber Orchestra of Europe - Nikolaus Harnoncourt (CD, Teldec, AD 1991, ℗ 1992)
Andante con moto. Allegro un poco agitato 16´21 Vivace non troppo 4´17 Adagio 9´16 Allegro vivacissimo. Allegro maestoso assai 9´52
Hatte große Lust, nach längerer Pause die herrliche Schottische endlich mal wiederzuhören. Harnoncourts vielfach hochgelobte Einspielung lag schon eine halbe Ewigkeit auf meinem To-do-Stapel. Fazit > wenn die Italienische mich nicht buchstäblich vom Hörmöbel pustet, kommt die Scheibe zur Ausschußware. Weshalb so gnadenlos? Weil mir 3 Punkte den Hörgenuß schmälern:
1.) Harnoncourt läßt keinerlei Rubati zu. Dies aber ist Hochromantik. Sie darf und muß schwelgen, sonst fehlt mir etwas Essentielles. 2,) Die Streicher geraten (vermutlich aufgrund sparsamen Vibratos resp. Non-Vibratos) ins Hintertreffen. Viel Schönes wird so verschenkt. 3.) Der Aufnahme aus dem Teatro Communale Ferrara fehlen Schmelz und Brillanz. Die Mitten bleiben eigentümlich blaß.
Wohl verstanden - dies ist beileibe keine schlechte Mendelssohn Drei. Es wird mit Ernsthaftigkeit und großer Sorgfalt interpretiert - Harnoncourt gelingt es beinahe wie dem reifen Abbado, viel Unerhörtes hörbar zu machen. Was ich weiter oben hinsichtlich fehlender Rubati schrieb, kann man umgekehrt auch lobend hervorheben: die Disziplin (Sturheit?), mit der einmal gewählte Tempi eisern durchgezogen werden, ist beinahe schon wieder bewundernswert. Wem das gefällt, wird sich hier gewiß dran erbauen. HIP-OMI war keineswegs eine Zürcher Erfindung David Zinmans - auch diese CD stellt das unter Beweis. Mendelssohn beschenkt dieser Ansatz mit neuen Faccetten. Nur raubt er ihm leider aber auch welche.
Sfantu (19.08.2021, 19:15):
Sfantu schrieb:
Hatte große Lust, nach längerer Pause die herrliche Schottische endlich mal wiederzuhören. Lieber Sfantu, von der Schottischen kann ich leider nur sagen, dass ich ihr vor allem mit Respekt, weniger mit Zuneigung begegne ... obwohl es mMn Mendelssohns bedeutendster Beitrag zur "großen Sinfonie" ist, dies auch vor dem Hintergrund der Zweiten ("something else") und der Italienischen. - Wenn ich mir das Werk auf(er)lege, greife ich meist zu Klemperer (mit dessen Retuschen im Finale), Maag oder Manacorda ... was wären Deine Favoriten?
Sfantu schrieb:
Dies aber ist Hochromantik. Sie darf und muß schwelgen, sonst fehlt mir etwas Essentielles Deine Vorlieben mag ich gar nicht bemäkeln, wage jedoch einzuwerfen, dass Mendelssohn unter den Hochromantikern eventuell derjenige ist, der am meisten "klassizistisch eingebremst" ist. Doch Schwelgen kann man ja auch bei Mozart ...
Sfantu (19.08.2021, 20:03): Was wären Deine Favoriten? Die Frage stelle ich mir nun selbst. Zwar habe ich eine Favoritin. Es sind mit der Zeit aber Versionen hinzu gekommen, die ich nur zum Teil gehört - und falls doch gehört - nicht mehr präsent genug haben, um seriös urteilen zu können. Also beginnt nun ein konzentriertes Vergleichshören. Meine (Noch-?) Favoritin stelle ich dabei an den Schluß. Bin gespannt.
Und ja - ich weiß: Maag gilt bei der Schottischen als dunkles Ross. Der fehlt in meiner Sammlung.
Sfantu (19.08.2021, 20:15):
Magyar Állami Hangversenyzenekar (=Ungarisches Staatsorchester) Budapest - Iván Fischer (LP, Hungaroton, 1985)
Andante con moto. Allegro un poco agitato 13´45 Vivace non troppo 4´28 Adagio 9´42 Allegro vivacissimo. Allegro maestoso assai 10´24
Die Aufnahme nimmt sehr rasch für sich ein. Und ich halte sie für weit mehr als nur gelungen. Alles atmet Größe und Weite. Behutsame Phrasierungen in jedem Takt, erlebbare Klangrede - für mein Empfinden weit mehr als beim Erfinder dieses Terminus´. Die Ungarn lassen diese Musik auf das Schönste erblühen. Der langsame Satz wird so nobel-melancholisch zelebriert, daß man sich stellenweise bei Elgar glaubt. Wunderbar plastisch abgebildete Pauke, der Ensembleklang ist satt und reich und doch nirgends zu massig, die Tempodisposition nahezu ideal. Hier stimmt für mich sehr sehr viel. Einzig die fallende Quinte, welche den Schlußsatz einleitet, könnte mehr Aplomp, mehr Vehemenz vertragen. Als Dreingabe herrlich imposante Hebriden. Breites, prachtvolles Klangbild, perfekte Laufruhe des Vinyls.
Nicolas_Aine (20.08.2021, 16:58): Ich habe gerade meine beiden Aufnahmen nochmals gehört, letztere allerdings nur nebenbei:
Zum einen die o.g. Harnoncourt/CoE Aufnahme, zum anderen Andrew Davis mit dem Bayrischen Rundfunk.
Seit ich die Harnoncourt Aufnahme habe, verspüre ich absolut kein Bedürfnis mehr, eine weitere zu kaufen, obwohl dies eine meiner liebsten Symphonien ist. Ich mag generell bei Mendelssohn einen schlanken Klang, für mich steht Mendelssohn eher bei Schubert und Beethoven als bei Schumann und Brahms. Grade der dritte Satz gefällt mir hier äußerst gut, es fließt und schwebt, einfach schön. Einziger Kritikpunkt ist, dass für meinen Geschmack die Vorhalte zu oft als Phrasenende genutzt werden; Nicht immer im Sinne einer größeren Linie, die es ja dann doch hat. Fehlende Rubati stören mich gar nicht, ist mir bisher auch nicht aufgefallen, und für bestimmte Klänge, Tonartwechsel o.ä. nimmt sich Harnoncourt ja dann schon etwas Zeit. Aber klar, das ist natürlich eine sehr grundsätzliche Frage.
Davis/BR ist auch nicht schlecht, der BR hat einen sehr schönen runden Klang, aber oftmals zu viel Volumen für diese Symphonie. Und dritte Satz steht mir zu sehr. Dafür gefällt mir der Schwung in der Coda des Finales. Insgesamt eine Aufnahme, mit der ich gut leben kann als Alternative, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass es da bessere gibt.
Sfantu (20.08.2021, 20:14):
New Philharmonia Orchestra London - Riccardo Muti (LP, EMI, 1976)
Andante con moto. Allegro un poco agitato 18´23 Vivace non troppo 4´16 Adagio 11´27 Allegro vivacissimo. Allegro maestoso assai 10´51
Hier herrscht in weiten Teilen eine gewisse Glätte. Gleich im Kopfsatz, nach den Anfangstakten, im rezitativhaften Unisono der hohen Streicher, werden zwar die Noten hörbar gemacht. Es wird gespielt, aber nichts " erzählt" - was für andere Welten bei Fischer und Harnoncourt?! Auch im weiteren Verlauf des Satzes vermisse ich das Eintauchen in die imaginären Geschichten, die Mendelssohn uns erzählt. Die wiederholten dramatischen Wogen bleiben zu harmlos. Das Adagio, hingegen, finde ich schon stimmiger. Und der hymnische Schlußabschnitt im Finale wird beseelt gestaltet. Fazit > schön und gediegen aber zu wenig emotionale Beteiligung.
Philidor (21.08.2021, 10:02): Und ja - ich weiß: Maag gilt bei der Schottischen als dunkles Ross. Echt? Weiß nicht ... ich meine, es wäre eine der prominentesten non-HIP-Empfehlungen für das Werk. Die einzige, welche den "test of time" und den Wandel der Geschmäcker unbeschadet überlebte. Ein Klassiker, wie wir vielleicht keine 50 in der Aufnahmegeschichte finden. Sowas wie Kleibers Figaro, Klemperers live-Neunte, Furtwänglers Tristan, Tschaikowsky KK mit Horowitz/Toscanini oder Karajans Heldenleben (nein, nicht die Osborne-Biographie). Aufnahmen, unter deren Klängen wir alle uns in Eintracht versammeln können ... ;)
Dark-horse-Status würde ich eher beim einem live-Mitschnitt unter Mitropoulos (Salzburg 1960, Berliner Philharmoniker) und bei Bernsteins Aufnahme mit dem Israel PO (DG) sehen ... ich kenne beide nicht, aber das wird sich ändern ...
... Toscaninis Aufnahme interessiert mich noch, außerdem Blomstedt und die frühen HIPler: Brüggen, Goodman, Norrington. - Taschanpartitur ist bestellt. Vielleicht erschließt sich das Werk mir ja noch.
Gruß Philidor
:hello
Sfantu (22.08.2021, 10:50): Noch 7 Aufnahmen vor der Brust, steht jetzt schon fest: die schaff´ ich nicht mehr alle vor dem Urlaub. Andernfalls droht ein Schotten-Kollaps aufgrund Reizüberflutung.
Symfonický orchestr hlavního města Prahy Film-Opera-Koncert - Dean Dixon (LP, Supraphon, 1972)
Andante con moto. Allegro un poco agitato 17´55 Vivace non troppo 5´00 Adagio 9´50 Allegro vivacissimo. Allegro maestoso assai 11´10
Der erste Satz gefällt mir am besten. Die Bögen über dem Hauptthema werden nicht überbetont - die Musik erhält dadurch mehr Struktur ohne nüchtern zu wirken. Ich bin ein Freund maßvoller Tempi. Dixon empfinde aber selbst ich als reichlich getragen. Mendelssohn gewinnt am Ende dadurch. Einzig im Quasi-Scherzo ist es ein wenig zuviel Bremspedal. Ähnlich Harnoncourt läßt auch Dixon kaum Rubati zu und bleibt ebenfalls strikt beim einmal gewählten Metrum.
Fazit > nobel, gediegen, schöner Orchesterklang. In den Sätzen drei und vier fehlt mir allerdings das Drama, die große Bühne.
Waldi (22.08.2021, 18:18):
Eine neuere Einspielung von 2013 (die 1.Symphonie von 2011), die meine Wertschätzung dieses Dirigenten weiter untermauert.
Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks, München - Andrew Davis (LP, CBS, 1982)
Nicolas erwähnte Andrew Davis´ Einspielung und hob den runden Klang des Orchesters hervor. Dem kann ich mich anschließen. Schön vor allem, daß die mittleren Stimmen gut heraushörbar sind > Holz, Celli. Ausgerechnet aber die - wie ich finde, dramaturgisch wichtige - kleine Figur in der Solo-Flöte, Takt 363 im Kopfsatz (falls ich korrekt mitgezählt habe - die Noten habe ich nicht sondern via YT mitgelesen), geht im Gesamtklang etwas unter - so wie auch bei Harnoncourt. Seltsam dumpf und ohne Kontur sind leider die Pauken. Sie wirken meist eher wie augmentierte Bässe und Fagotte - schade. Die Tempi sind stimmig. Und erstmals stört mich das Beibehalten des Grundschlages in der Coda des ersten Satzes nicht. Hier nehme ich sonst gern für die Fraktion der Beschleuniger Partei. Dem Scherzo bekommt das langsame Tempo gut, verleiht ihm eine gewisse Noblesse, die ich bisher so noch nicht an ihm kannte. Was hier aber fehlt, ist der positive Elan, der freudige Schwung. Gerade im großen Ganzen dieses insgesamt doch melancholischen Werks finde ich das eine wichtige Zutat, die nicht fehlen darf. Den langsamen Satz empfinde ich, anders als Nicolas, nicht als auf der Stelle tretend. Ihn mag ich hier noch am ehesten, finde ihn herzerwärmend in seiner traurigen Schönheit. Im Finale wird leider etwas verschenkt: wenn das Thema der Schlußapotheose im vollen Orchester erklingt, muß für mich die Sonne eine Wolkendecke strahlend durchbrechen. Hier ist deutlich Luft nach oben. Und das gilt für alle dramatischen Passagen, die sich zumeist in den beiden Ecksätzen finden. Auch die "Schöne Melusine" könnte mehr Biß, mehr auffahrende Geste vertragen.
Mein Fazit > gediegen, gepflegt aber eine Schottische ohne Ecken und Kanten. Verdutzt stelle ich fest, daß die Spielzeiten nicht abgedruckt sind. Hatte daher keine Stoppuhr mitlaufen. Vielleicht finde ich sie irgendwo im Netz - dann liefere ich sie nach. Ich kann allerdings versichern, die Zahlen werden vergleichsweise hoch sein. Vorzügliches Vinyl, makellose Laufruhe. Und endlich mal Schluß mit der über Jahrzehte gepflegten Unsitte bei CBS mit den irgendwie eklig klebrigen Oberflächen der LP-Cover.
Nicht viel später dürfte die Einspielung desselben Werkes mit demselben Orchester und Colin Davis entstanden sein (Orfeo) - sicher reizvoll als Vergleich. Sie fehlt aber in meiner Kollektion.
Nicolas_Aine (16.09.2021, 12:13): Ich hab ja die CD hier: 1. Satz: 14'04" 2. Satz: 4'25" 3. Satz: 9'35" 4. Satz: 9'41"
Sfantu (16.09.2021, 12:37): @Nicolas_Aine,
fein, fein - merci für den Service. Und wie man sieht: die Zahlen sind am Ende doch nicht so hoch wie erwartet. Es spielen offenbar auch einige außermusikalische Faktoren für die Wahrnehmung von langsam oder schnell eine Rolle...
Nicolas_Aine (16.09.2021, 13:27): ja, das war auch mein erster Gedanke. Vor allem im dritten Satz unterscheidet sich das kaum von Harnoncourt (9'18"). Aber das Klangbild ist ein völlig anderes, erstaunlich, wie sich das auf das Zeitgefühl auswirkt. Als ich das erste Mal die Chaconne von Hahn gehört hab und hinterher gesehen habe, dass sie über 17 Minuten braucht, bin ich schier vom Stuhl gefallen.
Im ersten Satz bleibt übrigens noch zu unterscheiden ob mit oder ohne Wiederholung gespielt wird, Harnoncourt z.B. spielt mit und braucht dadurch 16'35".
Sfantu (17.09.2021, 20:07):
Die 1974er Bernstein-Version mit den New Yorkern (CBS) war nach Hinterlassen eines So la la-Eindrucks bei mir in die Aussortier-Kisten gewandert. Zum aktuellen Vergleichshören steht sie mir nicht mehr zur Verfügung, da neulich ein bekannter eingefleischter Mendelssohnianer sie freudig als Geschenk mitnnahm.
Umso gespannter war ich daher auf die auch hier im Forum ja bereits mit reichlich Lorbeeren bevorschußte jüngere Einspielung mit der Israelischen Philharmonie. Gerade eben kommt der Plattenteller zum Stehen.
Andante con moto. Allegro un poco agitato 13´51 Vivace non troppo 4´06 Adagio 11´13 Allegro vivacissimo. Allegro maestoso assai 9´53
Die langsame Einleitung des Kopfsatzes schwingt sich mit einem nebelschwadenumwaberten "Es war einmal" ein. Bernstein gestaltet hier die Sinfonie vom ersten bis zum letzten Takt als Drama, als Märchen. Wenn ich bei Harnoncourt oder Dixon zu wenig Rubati, zu wenig romantisches Schwelgen beklagte - wer, wenn nicht Bernstein wäre hierzu das geeignete Gegengift? Und wie es halt auch bisweilen seine Art war: häufig recht nah an einem Zuviel des Guten. Das mithin erwartbare Vollbad im Sentiment verträgt sich jedoch nur bedingt mit dem langsamen Satz. Die zuletzt von mir so bezeichnete "traurige Schönheit" kommt für meinen Geschmack (paradoxerweise?) eher zur Geltung, wenn hier ein nüchterer Ansatz gewählt wird. Der attacca-Einstieg zum Finale kommt mit der (für mich) angemessenen Vehemenz, die mir bei den meisten zuvor gehörten Aufnahmen fehlte. Das abschließende, maestoso-Thema hebt beinahe andante an, erhält sozusagen den Ritterschlag des Hymnischen (etwas too much, finde ich). Doch Bernstein wäre wohl nicht Bernstein, hielte er das bis zum Ende durch. Er inszeniert das Happy End quasi mit einer Tempogestaltung nach Gutsherrenart, sodaß gegen Ende mächtig angezogen und aufgetrumpft wird um die Schlußakkorde wiederum so auszubremsen, als seien es die Enigma-Variationen.
Die Ausführenden legen sich für die Schottische mächtig ins Zeug. Das Ergebnis gerät bisweilen eigenwillig aber absolut packend. Etwas enttäuschend die Aufnahmequalität: für eine späte Prä-Digital-DG-Schallplatte fehlt mir die Brillanz, der Schmelz, die Transparenz. Vielleicht liegt es aber auch am (nicht genannten) Ort dieses Live-Mitschnittes.
Sfantu (02.10.2021, 10:35):
Orquesta sinfónica de Madrid - Peter Maag (CD, el pais, 1997)
Andante con moto. Allegro un poco agitato 14´07 Vivace non troppo 4´32 Adagio 10´17 Allegro vivacissimo. Allegro maestoso assai 10´45
Hier stimmt einfach sehr viel. Und es bleiben kaum Wünsche offen. Allen bisher gehörten Versionen ist sie zunächst einmal aufnahmetechnisch klar überlegen - der Klang ist breitgefächert, transparent und mit selbstverständlicher dynamischer Attacke, Kontur und Durchschlagskraft beschenkt, daß es das Herz höher schlagen läßt. Speziell das Blech und die Pauken werden auf das Schönste hörbar. Gerade die Pauken werden so prägnant und gestaltend eingesetzt, daß die gesamte Rhetorik einen neuen Charakter erhält. Das Scherzo trägt alle gebotene Zuversicht in sich. Im Finalsatz bangte ich dem beschriebenen "Sonnendurchbruch" entgegen. Und: er kommt. Das Hörnermotiv wird hier nicht verschliffen sondern die Einzeltöne klar voneinander abgesetzt. Steht das so in der Hornstimme? Es erscheint jedenfalls sinnfällig und macht großen Eindruck. Schließlich noch ein beglückend auftrumpfender Abschluß - alles in allem bewegt sich diese Einspielung nah am Optimum (bei aller unvermeidbaren Subjektivität, versteht sich).
Gestern, an meinem freien Tag, inspirierte mich das Postkartenwetter spontan zu einer Spritztour durchs Emmental nach Luzern. Dort eine gute Stunde in einem lang nicht mehr besuchten Antiquariat verbracht, fiel mir diese CD in die Hände. Meine Spontanreaktion sagte, daß ich nun wirklich nicht noch eine Schottische brauche. Jetzt kann ich sagen: die brauchte ich noch.
Sfantu (03.10.2021, 00:09): Über diesen scheinbaren Widerspruch mußte ich wieder und wieder nachdenken: Und ja - ich weiß: Maag gilt bei der Schottischen als dunkles Ross. Echt? Weiß nicht ... ich meine, es wäre eine der prominentesten non-HIP-Empfehlungen für das Werk. Die einzige, welche den "test of time" und den Wandel der Geschmäcker unbeschadet überlebte. Daß Maags Schottische mit dem London Symphony Orchestra (Decca) den Nimbus trägt, den Philidor beschreibt, will ich nicht bestreiten. Was ich vielmehr sagen wollte, ist, daß Maag selbst das dunkle Ross ist: ihm wird für die Einspielung dieses einen Werks allseits das Qualitätssiegel der Idealinterpretation verliehen. Da der Name Maag ansonsten aber weit weniger bekannt und präsent ist als die Namen der damaligen Pultstars, läuft sie (die bescheinigte Idealdarbietung) weitgehend unterm Radar. Vielleicht vergleichbar mit William Steinberg als Dirigent einer der famosesten "The Planets"-Suiten (Pittsburgh S. O.) Hans Swarowsky, der mit einem seltsam zusammengewürfelten Ensemble Ende der 60er einen veritablen Geheimtipp-Nibelungenring einspielte. Oder Hortense von Gelmini, die mit den Nürnberger Symphonikern eine vielgelobte Nullte Bruckner aufnahm. Kurzum: Kritiker heben diese Leistungen als absolut herausragend hervor - den breiten Massen aber sind diese Namen kaum geläufig. Nur aus dem Grund hatte ich Maag in diesem Kontext als dunkles Ross bezeichnet.
Philidor (03.10.2021, 19:13): Vermutlich nur ein verschiedenes Verständnis des rechten Gebrauchs des Begriffs "Dark horse".
Im Zusammenhang mit Aufnahmen klassischer Musik kenne ich den Begriff als Bezeichnung einer Aufnahme, die zwar kaum bekannt ist, aber zu den Besten des Werks zu zählen ist (in welchem Sinne auch immer).
Insofern ist Maags Aufnahme der Schottischen vor dem Hintergrund dieses Verständnisses wohl eher kein Dark horse, da sie eine der Standardempfehlungen für das Werk ist, wenn es nicht unbedingt HIP sein muss.
Man hat auch Menschen mit dem Begriff "Dark horse" bezeichnet. Da wäre Maag wohl ein "Dark horse", wenn er zwar etliche Aufnahmen vorgelegt hätte, die überwiegend großartig gelungen sind, und dennoch kaum bekannt geblieben wäre. Na ja, so etwas kommt im Zeitalter des Internets ja kaum noch vor. ;)