Humperdinck, E: Hänsel und Gretel - Eine kleine Abrechnung

Hosenrolle1 (26.11.2015, 03:05):
Ich möchte in diesem Beitrag gerne speziell über das Libretto, mit dem ich teilweise Probleme habe, reden, und weniger über Musik.

Aber auch ganz generell kann hier auch gerne über die Oper selbst geredet werden, ergänzend zum "Kommentierte Diskographie"-Thread.

Bekannt ist, dass die Librettistin sehr viele Elemente aus dem Originalmärchen der Gebrüder Grimm geändert hat, womit ich allerdings gut leben kann.
Ich habe mir das Libretto öfter ohne Musik und Gesang durchgelesen, und dabei ist mir aufgefallen, dass der Hänsel in der Opernversion eigentlich ziemlich unsympathisch ist. Warum, das möchte ich jetzt versuchen zu erklären.

Zunächst ein paar Sätze von und über Hänsel, die etwas liebevolles, fürsorgliches, brüderliches an sich haben, aus der Grimmschen Vorlage:


"Still, Gretel", sprach Hänsel, "gräme dich nicht, ich will uns schon helfen."
„Sei getrost, liebes Schwesterchen, und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht verlassen"
„so nahm Hänsel sein Schwesterchen an der Hand und ging den Kieselsteinen nach“
„Hänsel tröstete sein Schwesterchen“


Ich finde, dass diese Beispiele deutlich machen, dass Hänsel seine Schwester wirklich lieb hat, für sie da ist, wenn sie weint oder Angst hat.


Im gesamten Libretto der Oper habe ich genau EINEN EINZIGEN Satz gefunden, der freundlich ist, nämlich:

„Gretelchen, drücke dich fest an mich, ich halte dich, ich schütze dich!“

Das wars. Ausgerechnet dieser Satz wird leider musikalisch ziemlich verwaschen, ein paar schwache Akzente in den Holzbläsern und heftiges Gewühle in den Streichern. (Dazu im nächsten Beitrag noch etwas).



Ansonsten wird er eigentlich, für mein Empfinden, als ein protziger Lausbub porträtiert, der eine große Klappe hat, aber sonst gar keine Funktion zu haben scheint ausser sich über seine Schwester lustig zu machen oder an ihr herumzumeckern.

So verspottet er Gretel im Tanzduett:

Geh weg von mir, geh weg von mir,
ich bin der stolze Hans!
Mit kleinen Mädchen tanz' ich nicht,
das ist mir viel zu dumm!

Später, als das einzige Essen, in Form eines Milchtopfes, zu Bruch geht, und die Mutter erschüttert fragt "Was nun zum Abend kochen?", ist ihm der Ernst der Lage nicht klar, und …

Sie besieht sich ihren mit Milch begossenen Rock, Hänsel kichert verstohlen

Im Wald, als es anfängt dunkel zu werden, kommt eine Stelle, die ich bis heute nicht verstehe, offenbar möchte Hänsel seiner Schwester noch zusätzlich Angst machen und sagt folgendes:

Horch, wie es rauscht in den Bäumen!
Weisst du, was der Wald jetzt spricht?
"Kindlein, Kindlein," fragt er, "fürchtet ihr euch nicht?"

Als er Gretel sagt, dass sie sich verlaufen haben, und sie noch mehr Angst bekommt, kommt dann ein tröstendes Wort, wie im Märchen? Nimmt er sie vielleicht an die Hand? Mitnichten!

Was bist du für ein furchtsam' Wicht!
Ich bin ein Bub' und fürcht' mich nicht!

Auch danach kommen noch relativ barsche Antworten:

Ach, Gretel, geh, sei doch gescheit!

Gretel, du musst beherzter sein!

Vor dem Knusperhaus geht es weiter:

Knusp're nur zu
und lass mich in Ruh

Und gegen Ende, als die Kuchenhülle von den Kindern abgefallen ist, und darum bitten, berührt zu werden, damit sie vollends befreit sind vom Bann der Hexe, zeigt sich, wie „beherzt“ er ist:

Rühr du sie doch an, ich trau' mir's nicht!


Ich finde es schade, dass die Librettistin aus dieser Figur so etwas gemacht hat, und überhaupt von der ursprünglichen Geschwisterliebe, die sich auch in Sätzen wie


„Als es Mittag war, teilte Gretel ihr Brot mit Hänsel, der sein Stück auf den Weg gestreut hatte.“
"Lieber Gott, hilf uns doch", rief sie aus, "hätten uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, so wären wir doch zusammen gestorben!"


zeigt, nicht mehr viel übrig geblieben ist. Gretel teilt ihr Brot - in der Oper undenkbar, da reißt man sich noch die eh schon im Überfluss vorhandenen Lebkuchen aus der Hand, wenn auch nur halb im Spiel.

Wie toll würde die Musik speziell im Abendsegen oder der Traumpantomime erst wirken, wären die Titelfiguren so wie im Märchen!



Eine andere Sache, über die ich mir oft Gedanken mache, ist die Dramaturgie des Stückes.

Ich finde die ersten zwei Akte wirklich toll: man sieht die Eltern, die am Ende des 1. Aktes hinauslaufen, um die Kinder zu suchen. Statt sie aber bei der Suche zu zeigen (vielleicht in einer Art Parallelmontage zu dem, was die Kinder erleben), sieht man sie bis zum Ende der Oper nicht mehr. Der Zuschauer ist ständig bei den Titelfiguren. Diese Idee finde ich sehr gut – aber was ich am Ende des 3. Aktes sehr störend finde ist, dass die Eltern die Kinder tatsächlich finden! Was wäre, wenn die Hexe noch leben würde und Gretel im Ofen wäre? Würde die Hexe sie auch verzaubern? Was würde passieren?
Zuerst diese ganze Dramatik, dieser wuchtige Hexenritt, der zeigt, dass dieser Wald riesig, bedrohlich, gefährlich ist … und dann finden die Eltern ihre Kinder sofort, noch dazu beim Hexenhaus? Damit wird, meiner Meinung nach, die ganze Dramatik, die sich im 1. und 2. Akt aufgebaut hat, fast schon ad absurdum geführt. So auf die Art „wäre eh nix passiert, die eltern kommen schon“.

Der Vater singt in seiner Hexenballade noch „Um Mitternacht, wenn niemand wacht, dann reitet sie aus zur Hexenjagd“. Ich finde das ziemlich grausig. Man stelle sich vor, dass man so ein Kind ist, und in der Nacht kommt dann, womöglich auch noch im Nebel, von dem die Rede ist, so eine Hexe und holt sich einen.
Aber wenn das Haus eh so leicht zu finden ist, wieso gehen die Eltern nicht einfach in den Wald und holen sie sich zurück? Auf alle Fälle fände ich es besser, wenn Hänsel und Gretel, wie auch im Märchen, völlig auf sich alleine gestellt sind, und nach dem Tod der Hexe auch alleine wieder zurückfinden, und nicht die Eltern sofort beim Knusperhaus aufkreuzen.

Eine weitere Überlegung: eventuell ist es Zufall, dass die Eltern beim Hexenhaus ankommen. Angenommen, der Vater wüsste, wo das Hexenhaus steht, er würde er wohl zielstrebig dort hin gehen. Tatsächlich aber kommt er erst am nächsten Morgen dort an, man kann also davon ausgehen, dass die Eltern die ganze Nacht und den ganzen Morgen gesucht haben. Hänsel und Gretel aber sind vergleichsweise schnell beim Hexenhaus gelandet.
Das Problem: der Vater weiß ja, dass die Hexe am Ilstenstein wohnt. Wieso braucht er dann viel länger als die Kinder dorthin?

Hier stellt sich auch die Frage, ob der Hexenritt quasi in Echtzeit abläuft, oder ob ein Zeitsprung nach vorne gemacht wird.

Eine andere Sache, die mich immer schon ein bisschen gestört hat, war die Figur der Hexe in der Oper. Sie ist mir viel zu harmlos, und auch sie hat einige unlogische Stellen. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass das Gerede ÜBER die Hexe im 1. Akt gruseliger ist, als die Hexe selber. (Wie gesagt, es geht um die Worte und die Handlungen der Hexe, nicht um die Musik, denn auch hier hat Humperdinck ein paar schöne Effekte parat).


An dieser Stelle möchte ich zwei kurze Stellen aus dem Originalmärchen zitieren (die leider aus den meisten Kinderbüchern rausgeschnitten werden):


"Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen"
Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung wie die Tiere und merken es, wenn Menschen herankommen.


Das sind schon ziemlich harte Worte, finde ich. Aber ich war immer der Auffassung, dass die Hexe wirklich böse sein muss, und gruselig, damit die Erlösung (und die Musik, die mit ihr einhergeht), umso kraftvoller wirken kann.
Die Hexe darf keine komische Figur sein, sie muss, wie im Original auch, eine gruselige, grausige alte Frau sein, die beinhart dafür sorgt, dass sie fressen kann, indem sie Hänsel grob anpackt und in den Stall sperrt, und zu Gretel Sachen sagt wie „Spar dir dein Geplärre“.

Das einzig Gemeine, was die Hexe in der Oper macht, ist, dass sie Gretel im Haus den Tisch decken lässt, für ein Mahl, in dem sie selbst verspeist werden soll. Nur wird das kaum jemand sofort mitbekommen, am allerwenigsten die jüngeren Zuschauer. Die Hexe sagt eigentlich auch nur eine Sache, die ein bisschen morbid ist, nämlich „Na schlaf nur brav, du gutes Schaf, bald schläfst du deinen ew´gen Schlaf“. Aber von Schlachten, Kochen etc. ist keine Rede. Für mich wirkt es fast so, als ob da zwei Geschwister, a la Max und Moritz, einer alten, leicht verwirrten Hexe einen Streich spielen. Keine Spur mehr vom Überlebenskampf des Originals.

Störend finde ich auch die kurze Zeit, in der Hänsel und Gretel bei der Hexe sind. Im Märchen müssen sie einen Monat lang bei ihr bleiben, in der Oper ist der Spuk relativ schnell vorüber. Deswegen kommt es mir auch sehr komisch vor, dass die Hexe Hänsel „mästen“ will, ihm aber lediglich eine oder zwei Rosinen in den Mund steckt, um dann sofort zu fühlen, ob er dicker geworden ist. Sie sagt ja selbst noch in ihrem Auftrittslied „Ich will ihn füttern und nudeln, mit allerhand vortrefflichen Sachen“. Was spricht dagegen, diese vortrefflichen Sachen aus dem Haus holen zu lassen? Wieso nur „Bring Rosinen und Mandeln her“?

Es ist schon klar, dass Wette sehr viele Grausamkeiten, wie z.B. die Stiefmutter, die die Kinder böswillig aussetzt, umgeändert hat, damit kann ich auch leben.
Aber dass die Hexe derartig unlogisch handelt (fast so, als stünde sie unter Zeitdruck, weil die Oper bald aus ist :wink ) nimmt mir beim Tod derselben doch irgendwie das Gefühl, dass eine große Gefahr vorüber ist. Der Vater singt noch „Vom Teufel selber hat sie Gewalt“ … und dann lässt sie einfach so ihren Zauberstab herumliegen, damit Gretel Hänsel entzaubern kann.

Und wo es schon um Grausamkeiten geht: die Librettistin brachte es also nicht übers Herz, dass die Eltern, speziell die Mutter, die Kinder absichtlich zum Sterben im Wald aussetzen, und machte die Szenerie etwas "familiärer" und milderte das ab. Warum aber ändert sie dann auch, wie oben schon ausführlich beschrieben, der Verhältnis der beiden Geschwister ab, und zwar von familiär hin zu Grob- und Gemeinheiten? DIESES Element des Originalmärchens hätte sie ohne weiteres übernehmen können. Nun stehen die Eltern gut da, aber die Kinder nicht.


Natürlich gibt es auch im Originalmärchen ein paar Logiklücken (wieso z.B. kommen die Titelfiguren auf dem Rückweg an ein großes Wasser, über das sie nicht drüber können? Auf dem Hinweg war das doch auch nicht da? Und wieso mästet die Hexe Gretel nicht, wenn sie doch vorhat, sie ebenfalls zu fressen, und gibt ihr nur Krebsschalen zu essen?). Aber das sind sicher Kleinigkeiten, die der Dramaturgie des Märchens nicht abträglich sind; schlussendlich geht es hier um zwei Geschwister, die sich liebhaben, füreinander da sind und gemeinsam mehrere schwierige Situationen meistern - Hänsel sorgt dafür, dass sie nach Hause zurückfinden, Gretel wirft die Hexe in den Ofen etc). Und das kommt mir in der Oper eindeutig zu kurz.

Als ich diese Oper kennengelernt und meine ersten Aufnahmen auf CD und Vinyl gekauft habe, fielen mir all diese Dinge natürlich nicht auf. Ich war noch völlig begeistert über die ganze Sache. Die Begeisterung über die Musik ist immer noch da, aber ich sehe die Handlung nicht mehr so unkritisch wie früher.




LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (26.11.2015, 03:15):
Ich habe im Eröffnungsbeitrag die Stelle erwähnt, wo Hänsel singt "Gretelchen, drücke dich fest an mich, ich halte dich, ich schütze dich".

Leider bekomme ich die Noten nicht größer hin, aber es geht hier sowieso nicht um einzelne Töne oder Akkordbenennungen, sondern um einen groben Überblick.

Links Eulenburg, rechts Dover.


http://b8.is.pp.ru/p/partituren/5/45831845PSx.jpg http://b8.is.pp.ru/p/partituren/8/45831848QoF.jpg


Hier sind man drei Dinge:

1. Bei Eulenburg wird überall piano verlangt, bei Dover pianissimo.

2. Bei Eulenburg werden die Akkorde der Holzbläser (in beiden Versionen übrigens mit Staccatopunkten) Tenuto gespielt, bei Dover sind es jedoch Akzente. Ja was denn nun?!

3. Hier sieht man auch, wie Humperdinck das musikalisch behandelt. Oben eben diese kurzen, kraftlosen Akkorde, aber in den Streichern wühlt es unheimlich herum, während die "Nebelfrauen" immer näher kommen, und direkt im Anschluss singt Gretel weiter, so dass dieser Satz noch mehr zur Nebensächlichkeit wird.




LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (01.12.2015, 22:47):

"Hurr hopp hopp hopp" der Hexe von der Premiere:

Was ich liebe sind die Violinen ab 1:13, wie sie sich so von der Tiefe immer nach oben schwingen. Das habe ich in der Form noch in keiner Aufnahme gehört, und ich finde, es passt super dazu.


Vielleicht gefällt es ja dem einen oder anderen :)




LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (02.12.2015, 20:11):
Gerade sehe ich, dass die Volksoper Wien nach fast 10 Jahren neue Bilder aus ihrer HUG-Inszenierung veröffentlicht hat.
Hier nur eines davon:

http://www.volksoper.at/Content.Node2/bilder/inszenierungen/2014_12_08_best_of_haensel___gretel_BP_(44).jpg


Wenn ich mir da im Vergleich dazu die "Hexe" etwa aus der Inszenierung in Münster ansehe ...

http://data.heimat.de/pics/b/a/b/d/4/_babd4cb5f50a5d81b4eaf89d9efa1faf.jpg


dann weiß ich, wo ich hinzugehen habe ;)



LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (16.04.2016, 18:27):
Ich habe gerade gesehen, die Volksoper hat nun die neuen Termine für die HUG-Vorstellungen dieser Saison bekanntgegeben. Es sind insgesamt ganze 8 Vorstellungen.

Was mich daran interessiert hat war, ob eine Vorstellung davon am selben Abend wie in der Staatsoper quasi als Konkurrenz läuft, aber das tut es nicht.

Staatsoper:

29. Dezember 2016
2. Jänner 2017
5. Jänner 2017

Volksoper:

04. Dezember 2016
11. Dezember 2016
12. Dezember 2016
17. Dezember 2016
20. Dezember 2016
23. Dezember 2016
25. Dezember 2016
08. Jänner 2017




LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (13.05.2016, 19:15):



Wer meint, dass es sich bei dieser Version um Hänsel und Gretel handelt, der irrt sich.

Nein, die Wiener Kammeroper zeigt eine sensationelle Neudeutung in einer sensationellen Kammermusikfassung, und macht klar, was man zu erwarten hat, wie schon die Besetzungsliste anzeigt:

Peter: Tobias Greenhalgh
Gertrud: Natalia Kawalek
Hänsel, deren Sohn: Jake Arditti (!!)
Gretel, deren Tochter: Viktorija Bakan
Die Knusperhexe, ein Wachtmann: Thomas David Birk
Sandmännchen, ein Ganove: Julian Henao Gonzalez
Taumännchen, Stimme aus dem Radio: Natalia Kawalek
Ein Ganster: Johannes Kemetter


Das Beste ist ja der Satz in der Beschreibung auf deren Seite:

Dennoch gab es neben konventionellen Inszenierungen, die den vom Komponisten im Klavierauszug festgelegten Anweisungen folgten, in der jüngeren Vergangenheit auch immer wieder Deutungsversuche im Sinne einer psychologischen Märcheninterpretation.

1.) WO bitte gibt es konventionelle Iniszenierungen, die den vom Komponisten festgelegten Anweisungen folgen? Ich habe noch keine gesehen.

2.) Im Klavierauszug festgelegt??

3.) "in der jüngeren Vergangenheit" gab es immer wieder Deutungsversuche im Sinne einer psychologischen Märcheninterpretation? Ernsthaft? Es gibt DAUERND solche "Deutungsversuche", nicht nur in der jüngeren Vergangenheit. Hier wird so getan, als sei das eine Neuheit, eine Seltenheit, in Wirklichkeit aber schwappen die Opernhäuser schon über mit sowas.

Wer "Hänsel und Gretel" im neuen Gewand sehen möchte, weil es das eh so selten zu sehen gibt, bitte sehr. 19-51 Euro kostet der Spaß.





LG,
Hosenrolle1
Rotkäppchen (14.05.2016, 11:36):
Was ist denn an der Besetzungsliste auszusetzen, außer dass ein lustiger Schreibfehler drin ist?
Hosenrolle1 (14.05.2016, 13:50):
Zum einen, dass Hänsel von einem Mann gesungen wird.

Zum anderen aber diese Anmerkungen; "ein Ganove" oder "Stimme aus dem Radio". Was soll das?

Die Namen der SängerInnen stören mich nicht (abgesehen vom Hänsel), ich kenne ja keinen davon, und mein Lieblingshänsel ist auch keine Berühmtheit :)

Ich ärgere mich über so etwas aber nicht wirklich, ich finde es eher lustig. Diese Vorstellungen werden ein paar Mal über die Bühne gehen, bis die nächste Oper dran kommt - während in der Volksoper Wien seit über 30 Jahren eine gute (wenn auch nicht perfekte) Inszenierung läuft, und vielleicht nimmt auch die Staatsoper ihre annehmbare Inszenierung ins Repertoire auf. Da kann sich die "psychologisch ausgedeutete" Gangster-Version warm anziehen :D




LG,
Hosenrolle1
Rotkäppchen (14.05.2016, 14:06):
Jake Arditti ist ein Countertenor, hör' ihn Dir mal auf youtube an. Ist Dir noch nie ein Countertenor als Hänsel untergekommen? Franco Fagioli hat am Anfang seiner Karriere auch den Hänsel gesungen, zumindest bilde ich mir ein, das mal gelesen zu haben.
Hosenrolle1 (14.05.2016, 14:15):
Jake Arditti ist ein Countertenor, hör' ihn Dir mal auf youtube an. Ist Dir noch nie ein Countertenor als Hänsel untergekommen?

Zum Glück noch nicht, aber eine Countertenor-Hexe durfte ich einmal hören. Nichts für mich. HUG ist keine Barockoper.

Das ist so ähnlich wie ein Peter Pan, der auf der Bühne von einem erwachsenen Mann gespielt und gesprochen/gesungen wird. Geht einfach gar nicht.

Davon abgesehen, dass Humperdinck den Hänsel für eine Frau geschrieben hat, und die Hexe ebenfalls.




LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (15.05.2016, 01:55):
Eine, wie ich finde, großteils gelungene Rezension dieser Aufführung gibt es hier: http://der-neue-merker.eu/wien-kammeroper-haensel-und-gretel

Zwar wird hier leider die Meinung über Hänsel als Countertenor nicht wirklich ersichtlich, aber der Rest ist schon sehr vielsagend ...

In einer anderen Rezension werden die Instrumente aufgelistet: Kontrabass, ein Cello, sowie Akkordeon, Blockflöte, Klarinette, Hackbrett, Harmonium, Schlagwerk, Gitarre, Klavier und Celesta.

51 Euro für sowas ... ein paar Vorstellungen noch, dann ist der Spuk vorrüber und die nächste Oper muss dran glauben. :D





LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (16.06.2016, 01:41):
Beim Stöbern im online-Stadtarchiv von Siegburg, der Heimatstadt Engelbert Humperdincks, bin ich auf dieses Foto gestoßen, auf dem, wie es heißt, Humperdinck und seine Mutter zu sehen sind:

http://www.stadtarchiv-siegburg.de/mam/web/stadtarchiv/bilder/1854_01_september_01.jpeg


Das Mädchen könnte theoretisch Humperdincks sehr früh verstorbene Schwester sein, auf die er sich auch einmal in einem Brief an seine Eltern nach Wagners Tod bezieht.


Als ich das Bild für mich selbst heute restauriert habe, um es von Kratzern etc. zu befreien, bin ich stutzig geworden, denn hinter den Füßen des Jungen sieht man deutlich eine Vorrichtung, die zu dieser Zeit für die sogenannte Postmortem Fotografie verwendet wurde. Um Verstorbene für ein letztes Foto lebendig wirken zu lassen, diente diese Vorrichtung dazu, den Toten stehen zu lassen. Auf den meisten dieser alten Fotografien sieht man die verräterischen Standfüße hinter den Füßen.

Dafür würde auch sprechen, dass der Junge m.E. unnatürlich schief steht, und irgendwie auch gar nicht wirklich mit den Füßen auf dem Boden steht, aber auch die Hand auf der Schulter wirkt leblos, sie greift gar nicht, sondern wirkt so, als ob man sie fixiert hätte.

Ich denke, dass der Junge nicht Humperdinck ist. Habe schon eine Mail an das Stadtarchiv geschrieben und meine Einwände geschildert, ich bin gespannt was sie dazu sagen.
Der Name unten wird wohl vom Fotografen sein, weder Humperdincks
Vater noch seine Mutter hießen Weeck oder Wieck oder so.

Ich habe mich eigentlich gefreut, ein Kinderfoto von Humperdinck zu sehen, aber jetzt bin ich doch unsicher.






LG,
Hosenrolle1
Zefira (16.06.2016, 09:25):
Ich habe kürzlich irgendwo im Netz gelesen, dass diese Ständer auch an durchaus lebendigen Personen eingesetzt wurden. Die Belichtungszeit bei diesen Fotos war sehr lang und gerade Kindern fiel es oft nicht leicht, so lange dieselbe Positur einzunehmen, diese Ständer dienten als Stabilisator. Vielleicht ist das Bild so ein Fall.
Hosenrolle1 (16.06.2016, 12:57):
Das wäre ja noch gruseliger :D

Die Nase und die Ohren könnten zu Humperdinck passen, wenn man sich seine späteren Portraits ansieht, andererseits ist da wieder die Hand auf der Schulter, die so leblos wirkt. Und er schaut auch nicht in die Kamera, die beiden anderen schon.

So waren diese Stützen konstruiert:




Ich bin gespannt was das Stadtarchiv sagt, will ja auch wissen, ob das Humperdinck ist :)




LG,
Hosenrolle1
Zefira (16.06.2016, 14:34):
Was die Hand betrifft, habe ich spontan angenommen, dass sie gar nicht auf der Schulter der Frau liegt, sondern auf einem Knauf an der Rückenlehne des Stuhls.
Aber vermutlich hast Du das Bild wesentlich besser untersucht als ich. Der Junge steht irgendwie merkwürdig da, besonders der Oberleib wirkt, als sei hinten ein Kleiderbügel ins Jackett gesteckt - aber Kinder waren ja damals insgesamt wesentlich gezwungener als heute, vielleicht hängt es auch damit zusammen ... keine Ahnung.
Hosenrolle1 (18.07.2016, 17:53):
Beim Schreiben meiner neuen HUG-Rezension bin ich auf etwas gestoßen, das mir jetzt im Magen liegt!

Es geht um die Takte 1-3 ab RZ. 55.

Links die Dover-Version, rechts die Eulenburg Version. Ich weiß, die Dover Version ist sehr klein, aber man kann sie mit "STRG" & "+" heranzoomen.
Damit es keine Verwirrung gibt: RZ. 55 beginnt bei Dover mit dem 1. Takt meines Beispiels, bei Eulenburg im 2. Takt meines Beispiels.

Direkt nachdem die Mutter singt "Die Knusperhexe" spielen laut Dover zwei Fagotte sowie die Kontrabässe zusammen.

Laut Eulenburg aber nicht; hier spielen das 2. Fagott sowie das 4. Horn und die Kontrabässe zusammen, überhaupt ist der ganze Hornsatz ganz anders als bei Dover, und auch andere Instrumente wie die Oboe spielen zu ganz anderen Zählzeiten!

http://b8.icdn.ru/p/partituren/6/49201616nQh.jpg http://b8.icdn.ru/p/partituren/4/49201634xOy.jpg


Was ist denn da nun richtig?

Ich neige ja dazu, eher Eulenburg zu vertrauen (obwohl die ja mit D810 von Schubert gezeigt haben, dass sie auch fehlerhafte Quellen benutzen), denn hier gibt es an einer sehr viel späteren Stelle im 2. Akt ein paar Takte, wo Posaunen spielen, während bei Dover keine zum Einsatz kommen.

Das zeigt, wie wichtig kritische Berichte sind!





LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (19.07.2016, 11:50):
Also das ist doch eine Sauerei!

Ich arbeite noch immer an der Rezension für die Davis-GA von 1992, und stelle da bei der Hexenballade fest, dass da ein Horn spielt, das in meiner Partitur gar nicht steht, also geschwind bei Eulenburg nachgesehen, und tatsächlich:


http://b8.icdn.ru/p/partituren/0/49209520CoX.jpg http://b8.icdn.ru/p/partituren/4/49209524NtI.jpg

(Der letzte Takt bei Dover irechts ist der erste Takt bei Eulenburg links, das ließ sich leider nicht vermeiden, wegen dem Zeilenumbruch, und weil aus irgendeinem Grund das Bild winzig wird, wenn ich einen Screenshot von nur einem Takt mache. Aber in diesem Fall ist das egal, man sieht immr noch deutlich, dass das Horn hier keinen Einsatz hat und stumm bleibt.

Ich habe in frühere Aufnahmen einmal reingehört, und dort scheint das Horn nicht zu spielen, zumindest kann ich es nicht heraushören. Vielleicht wurde dort nach einer anderen Partitur gespielt. Ich muss einmal nachfragen, woher Eulenburg seine Quelle hat.

Dieses Horn klingt nämlich super an dieser Stelle.




LG,
Hosenrolle1