Joes Jahr des Zorns

Joe Dvorak (31.03.2024, 07:21):
Finding any one label to define the man and his work is pretty well impossible, but that impossibility reveals just how important his music is. (A guide to John Zorn's music | Classical music | The Guardian)

Nimm überallhin ein Wörterbuch mit und lerne etwas. Vergiss nicht, du wirst genug Zeit haben, dich auszuruhen, wenn du eins achzig tiefer liegst. (Aus einem MTV-Werbespot)

Ein neues Hörprojekt steht an. Und damit eine weitere Initiative, mich durch strukturiertes Hören davon zu befreien, in Wahrheit nur der Sklave meiner Lüste und Launen (© 'Philidor') zu sein. Genauer gesagt handelt es sich um die Erweiterung eines Projekts, welches das Hören aller zeitgenössischen klassischen Werke von John Zorn (*1953) als Ziel hatte. Ich weite das aus auf alles, was unter seinem Namen auf die Hörerschaft losgelassen wurde. Über seinen Hintergrund und seine Ausrichtung habe ich bereits im Vorderzimmer geschrieben. Deshalb wiederhole ich hier nur das Entscheidende. Ich kenne keinen anderen Musiker, der in so vielen verschiedenen Genres und Stilrichtungen unterwegs ist und überall - zumindest soweit ich das beurteilen kann - Herausragendes geschaffen hat. Statt im Netz abzuschreiben, was er alles gemacht hat, liste ich hier ein paar Beispiele auf, die ich schon aus eigener Erfahrung kenne. Das Frühwerk, das hauptsächlich aus "arg experimentellem Kram, der nichts mehr mit Musik zu tun hat" (© 'JvK'), besteht. Die Collagenwerke, in denen er ein Dutzend Stile aufeinanderprallen lässt und es schafft, sie kohärent zu verbinden. Die 'unmögliche' Fusion von Free Jazz mit extremen Varianten des Punk und Metal. Die reinen Jazznummern, die sich oft der spanisch-jüdischen Tonleiter bedienen, auf deren Grundlage Zorn ein Songbook mit mittlerweile rund 600 Einträgen erstellt hat. Die 'gnostischen' Werke, die, wie auch immer ihre Bezeichnung zu deuten ist, repetitiv-minimalistische, hypnotische bis ätherische Klänge bieten. Easy Listening mit Surf- und Exotica-Einflüssen, was so ziemlich das Letzte ist, das mir gefallen sollte - aber das Album The Gift hat mich eines Besseren belehrt und die Binsenweisheit bestätigt, dass großartige Musik nicht vom Genre abhängt, sondern davon, ob sie gut gemacht ist. Was noch? Elektronik und Geräuschkunst, Ambient, Filmmusik und neuerdings wildert er in einem Gebiebt, in dem ich mich bestens auskenne, dem Progmetal. Hier hält er nicht nur locker mit den Platzhirschen mit, sondern glänzt durch Originalität und Kreativität, die - paradox für ein Genre, das 'Progressive' im Namen trägt - den berühmten Vertetern oft abgehen.

Skeptiker, die Zorns Hyperaktivität und Qualität für unvereinbar halten, liegen schief. Allerdings kann man nicht leugnen, dass es auch ein gewisses Maß an Mediokrität gibt, ja sogar einige Totalausfälle, die ich an der Grenze zur Unhörbarkeit verorte. Hier ist die Erweiterung der Komfortzone angezeigt, denn Überspringen gilt nicht - jede Note will gehört werden. Wenn ich bedenke, dass ich nur etwa ein Fünftel seines Oeuvres kenne, und das in Relation setze zu dem, was ich darunter an Unverzichtbarem gefunden habe, dann braucht es kein Studium der Wahrscheinlichkeitstheorie, um zu erwarten, dass sich unter den Ungehörten neben einem Haufen Schlamm noch jede Menge Gold befinden muss. Um das zu finden, hilft nur eines: Ohren auf und durch!

Die Fanseite listet über 300 Alben auf (John Zorn Resource - Discography), die ich chronologisch "abarbeiten" werde. Das dürfte mich mehr als ein Jahr lang beschäftigen.
Joe Dvorak (31.03.2024, 14:09):


The Parachute Years 1977-1980
Lacrosse
Hockey
Pool
Archery
Die in dieser Box versammelten ersten Werke gehören zu den Game Pieces. Die Grundidee besteht darin, die an sich unvereinbaren Gegensätze der freien Improvisation und der strukturierten Komposition miteinander zu verbinden, indem die Spieler zwar spontan ohne Vorbereitung und Noten spielen, sich dabei aber Regeln unterwerfen und bestimmten 'Taktiken', Abläufen, Kommunikationsvorgaben und dergleichen folgen müssen, die vom "Dirigenten" zufallsgesteuert mit Hilfe von Karten angezeigt werden. Ein interessanter Artikel, der dieses Thema -mit philosophischen Untertönen- näher behandelt, kann hier aufgerufen werden: Musical Chess: “Cobra” and John Zorn’s Game Pieces – Heavy Blog Is Heavy. Wie so oft in der Neuen Musik folgen den tiefsinnigen Worten erst mal schwer verdauliche Klänge. Die Standardphrase, man müsse erst den Geist leeren und sich vorbehaltlos auf das Kommende einlassen, hilft hier nicht immer weiter. (Sonst sollte man mit der selben Haltung auch Helene Fischer goutieren können). Es fällt auf, dass die Werke mit zunehmender Komplexität der Spielregeln leichter hörbar werden. So ist das hochkomplizert geregelte Spiel Archery für mich die am leichtesten zugängliche der vier Kompositionen. Bei diesem Werk gelingt es mir, einzutauchen und mich eineinhalb Stunden lang überraschen und faszinieren zu lassen von den ständig wechselnden Konstellationen (Solo, Duo, Trio) der 12 Musiker, die neben konventionellem Instrumentarium, das freilich oft sehr unkonventionell gespielt wird, auch Elektronik und Bandzuspielungen einsetzen. Das steht der Klangwelt eines John Cage der 50er und 60er Jahre (z.B. Variations I-IV) deutlich näher als der eines Ornette Coleman und erschließt sich bei wiederholtem Hören von selbst. Die Wissen um das Gerüst der Regeln samt dem philosophischen Ballast ist dann nicht mehr nötig, um diese 'schwierige' Musik in die Kategorie 'groß' einzuordnen.
Joe Dvorak (01.04.2024, 05:47):


Yankees (1982)

Derek Bailey (Gitarre), George Lewis (Posaune), John Zorn (Alt- & Sopransaxophon, Klarinette)

Diese Scheibe verlangt einige Vorbemerkungen zum Free Jazz und anderen Formen der frei improvisierten zeitgenössischen Musik. Davon höre ich viel zu wenig, nicht zuletzt deshalb, weil das Rosinenpicken in echte Arbeit ausartet. Bei grob geschätzt 8 bis 9 von 10 Platten dieses Genres komme ich nicht dahinter, was da eigentlich vor sich geht und höre nicht viel mehr als unzusammenhängende Klänge und Geräusche. Aber die anderen 1 bis 2 … wenn es einmal einrastet, dann ist das so gut, dass sich der ganze Aufwand mehr als gelohnt hat. Man sagt, man muss im Dreck wühlen, um Gold zu finden. Rein metaphorisch. Das heißt nicht, dass ich 85% des Free Jazz für 'Dreck' halte, sondern dass 'guter' Free Jazz für mich Gold wert ist - mit der gleichen Karatzahl wie die h-Moll Messe oder die Hot Five & Seven Sessions.

Freie Improvisation bedeutet, dass ohne Vorbereitung, ohne Absprache und ohne Noten spontan gespielt wird. Das sind allerdings keine Alleinstellungsmerkmale. Auch im traditionellen Jazz kommt es häufig vor, dass Musiker, die noch nie zusammen gespielt haben, ohne Vorbereitung eine Session veranstalten. Dabei einigt man sich auf Harmonien (Akkordfolgen oder Skalen) von Standards (Songs, die jeder Jazzmusiker kennt) und ein Metrum als Ausgangsbasis für Improvisationen. Ob daraus eine 'gute' Session wird, entscheidet neben der individuellen Klasse der Musiker nicht zuletzt das Zusammenspiel. Improvisiert jeder seinen Stiefel aus dem Baukasten herunter? Oder gehen die Spieler aufeinander ein, greift der Solist, der als zweiter an der Reihe ist, Elemente des ersten auf, erweitert, kontrastiert, parodiert? Reagiert die Rhythmusgruppe auf die Solisten und umgekehrt oder - was immer wieder faszinierend ist - ändern sie gleichzeitig die Richtung? Kurz: Hören und reagieren die Musiker aufeinander?

Das alles gilt erst recht für den frei improvisierten Jazz. Hier ist es sogar noch wichtiger, eben weil es keine verbindlichen Harmonien und Metren gibt, an denen man sich notfalls festhalten kann. Wenn 'jeder spielt, was er will', wird es halt keine 'gute' Session. Wenn aufeinander gehört und reagiert wird und ich in der Lage bin das nachzuvollziehen, dann kann in meinen Ohren wirklich Große Musik entstehen.

Ist Yankees eine "große' Sitzung geworden? Zum Teil. Ich hatte bei der ersten Begegnung so meine Schwierigkeiten. Quietsch, Pfeif, Schnatter, Plink, Zierp, Ploink, Tröt, Furz, Röhr... und dazu das typische Free Jazz Klischee, dass jeder spielt, wonach ihm gerade der Sinn steht, ohne sich um den Rest zu scheren. Beim zweiten Mal lief es besser - es blieb genug hängen, um mich zum Wiederhören zu animieren. Dies geschah während einer Autofahrt mit Kopfhörern, wodurch Konzentration erzwungen wurde und die Sprache, in der die drei Musiker miteinander kommunizieren, 'verständlich' wurde. Und sie hören und reagieren doch aufeinander. Es ist sind andere Worte und eine andere Grammatik als die, die wir gewohnt sind, aber das macht die Botschaft, die jenseits der Worte vermittelt wird, umso universeller.
Joe Dvorak (01.04.2024, 06:49):


Locus Solus (1983)

John Zorn (Alt- & Sopransaxophon, Klarinette) in diversen Trio-Besetzungen mit Christian Marclay, Arto Lindsay, Wayne Horvitz u.a.

Bevor der Eindruck entsteht, dass der Joe jeden Mist schönredet, kommt rechtzeitig der Gegenbeweis. Das hier ist akustische Körperverletzung. So sehr Masochist kann ich nicht sein, um daran einen Reiz zu finden. 38 Miniaturen, die eine komplette CD füllen, und eine ist nervtötender als die andere. Das ist Folter. Ich habe erst einmal abgewartet, ob ich das Durchhören dieses Albums überlebe, bevor ich mich entschlossen habe, mir wirklich den ganzen Zorn vorzunehmen. Interessanterweise kommt dieses Album bei den Kritikern vergleichsweise besser weg - man lobte es als experimentelle Avantgarde, die mit der Energie von Rockmusik auf ein neues Level gehoben würde. Vielleicht ist genau das das Problem. Was zu viel ist, ist zu viel. Das tut weh. Sonst nichts.
Philidor (01.04.2024, 09:17):
Ein neues Hörprojekt steht an. Und damit eine weitere Initiative, mich durch strukturiertes Hören davon zu befreien, in Wahrheit nur der Sklave meiner Lüste und Launen (© 'Philidor') zu sein.
Sehr löblich! :)

Ich wünsche Dir viel Vergnügen und die innere Bereicherung, ein solch umfangreiches Projekt erfolgreich bewältigt zu haben!
Joe Dvorak (01.04.2024, 17:28):


The Classic Guide to Strategy (ca. 1983)

John Zorn (Alt- & Sopransaxophon, B- & Es-Klarinette, Duck Calls, Stimme)

Das klassische Handbuch der Strategie wurde erstmalig in den 80er Jahren in zwei getrennten Bänden veröffentlicht. Später erfolgte eine gemeinsame Neuauflage auf CD. Der erste Teil besteht aus zwei langen Stücken. Zorn spielt hier ein Game Piece mit sich selbst. Das Veröffentlichungsdatum von Band 1 schwankt je nach Quelle, aber das ist nicht so wichtig, denn er macht hier nichts anderes als auf den bisher gehörten Aufnahmen. Alle Töne und Geräusche, die man irgendwie aus den Instrumenten herausbekommt, werden hier auf die Ohren gegeben. Er verwendet auch 'Duck Calls', eine Sammlung von Mundstücken diverser Größen und Formen, die, wie der Name schon sagt, den Klang von Enten emulieren. Ich muss konstatieren, dass das ohne die Vokalakrobatik, das Getrommel und die elektronischen Schallattacken des zuvor besprochenen Albums deutlich leichter zu konsumieren ist, zumal Zorn solo weiträumiger agiert und auch die Stille als Stilelement zu nutzen weiß. Der Wiederholungswunsch ist freilich gering, da bald Volume Two zum Durchstehen ansteht und noch drei weitere in der späteren Phase seiner Karriere folgen werden.
Joe Dvorak (03.04.2024, 10:06):


Ganryu Island (1984)

Michihiro Sato (Schamisen), John Zorn (Alt- & Sopransaxophon, B- & Es-Klarinette)

Auf das erste Hör klingt Zorn im Vergleich zur Strategie nicht viel anders. Die Klänge aus der Folterkammer für Geflügel wirken durch die perkussive Begleitung einer dreisaitigen japanischen Laute etwas strukturierter, auch wenn ich ein echtes Zusammenspiel selten ausmachen kann. Von den frühen Avantgarde-Alben, auf denen Zorn seine eigenen Instrumente in den Mittelpunkt stellt, ist dies noch das zugänglichste.
Joe Dvorak (04.04.2024, 04:59):


The Sonny Clark Memorial Quartet - Voodoo (1986)

John Zorn (Altsaxophon), Wayne Horvitz (Klavier), Ray Drummond (Kontrabass), Bobby Previte (Schlagzeug)

Ich muss zugeben, dass ich Sonny Clark bisher nicht kannte. Der seinerzeit als Wunderkind gehandelte Jazzpianist war unter anderem Begleiter von Dinah Washington und hat in den 50er Jahren einige Platten als Bandleader aufgenommen; Sonny’s Crib und Cool Struttin’ gelten als Klassiker. Clark starb mit kaum über 30 Jahren an einer Überdosis Heroin. Für seine Alben lieferte er immer wieder Eigenkompositionen, auf deren Grundlage die vorliegende Sitzung aufgenommen wurde. Zorn ist hier erstmals als geradliniger Post-Bop-Musiker zu hören. Der Avantgardist in ihm bricht hin und wieder durch, doch es bleibt vergleichsweise moderat und ist überaus effektvoll. Ich kann an dieser Session nichts kritisieren. Als Alleinstellungsmerkmal sind die memorablen Themen von Clark hervorzuheben, die schon nach dem ersten Hören noch lange im Kopf herumgeistern. Das macht Lust auf das Original und damit ist für mich ein Zweck eines solchen Memorials erfüllt.
Joe Dvorak (04.04.2024, 07:07):


The Classic Guide to Strategy (ca. 1983)

John Zorn (Alt- & Sopransaxophon, B- & Es-Klarinette, Duck Calls, Stimme)

Das klassische Handbuch der Strategie wurde erstmalig in den 80er Jahren in zwei getrennten Bänden veröffentlicht. Später erfolgte eine gemeinsame Neuauflage auf CD. Der erste Teil besteht aus zwei langen Stücken. Zorn spielt hier ein Game Piece mit sich selbst. Das Veröffentlichungsdatum von Band 1 schwankt je nach Quelle, aber das ist nicht so wichtig, denn er macht hier nichts anderes als auf den bisher gehörten Aufnahmen. Alle Töne und Geräusche, die man irgendwie aus den Instrumenten herausbekommt, werden hier auf die Ohren gegeben. Er verwendet auch 'Duck Calls', eine Sammlung von Mundstücken diverser Größen und Formen, die, wie der Name schon sagt, den Klang von Enten emulieren.
The Classic Guide to Strategy Volume Two erschien im Original 1986. Einerseits ist das noch innovativer, verspielter, aber auch noch schräger, schriller und verrückter als Vol. 1, andererseits tauchen hier ab und zu Melodiefragmente auf. Das finde ich reizvoll und zusammen mit dem 'abstrakteren' ersten Teil ergibt das eine runde Sache.

Ganryu Island (1984)

Auf das erste Hör klingt Zorn im Vergleich zu nicht viel anders.
Diesen allzu oberflächlichen Vergleich kann ich so nicht stehen lassen. Das Duo-Album ist schon deutlich zurückgenommener - bleibt aber immer noch meilenweit von 'schöner Musik' entfernt.
Maurice inaktiv (04.04.2024, 17:22):
Ich muss zugeben, dass ich Sonny Clark bisher nicht kannte. Der seinerzeit als Wunderkind gehandelte Jazzpianist war unter anderem Begleiter von Dinah Washington und hat in den 50er Jahren einige Platten als Bandleader aufgenommen; Sonny’s Crib und Cool Struttin’ gelten als Klassiker. Clark starb mit kaum über 30 Jahren an einer Überdosis Heroin. Für seine Alben lieferte er immer wieder Eigenkompositionen, auf deren Grundlage die vorliegende Sitzung aufgenommen wurde.
Ersteht auch in der 1959-er Ausgabe von Joachim Ernst Berendts "Das Jazzbuch". Er war ein vielbeschäftigter Musiker, der bis zu seinem Umzug nach New York 1957 in Los Angeles dem West Coast-Jazz angehörte. Howard Rumsey, Teddy Charles (an dessen ersten eigenen Album 1953 er beteiligt war), Art Pepper, Frank Rosolino, Buddy Franco, u.a. in New York kamen Lee Morgan, Lou Donaldson, Curtis Fuller oder auch Sonny Rollins dazu. Also kein "Kleinvieh". Den Rest hast Du ja bestens beschrieben. Auch er war ein Opfer des Drogenkonsums.
Joe Dvorak (05.04.2024, 07:35):


The Big Gundown - John Zorn Plays the Music of Ennio Morricone (1986)

Mit diesem Album erlangte Zorn Bekanntheit über die Avantgarde-Zirkel hinaus. Für das Remake-Projekt von Morricones Filmmusiken versammelte Zorn rund 40 Musiker aus den verschiedensten Bereichen - Jazz, Blues, Rock, Ethno, Elektronik, Avantgarde, Klassik - und stellte für jedes Stück andere Ensembles zusammen. Herausgekommen ist eine ziemlich krude Mischung quer durch die Genres und Stilrichtungen. Der Penguin Guide listete das Album unter Avantgarde-Jazz und verlieh ihm die selten vergebene Krone. Damit gehört es nach Meinung der Fachleute zum innersten Kern einer jeden Sammlung. Zorn springt hier noch nicht im Sekunden-Takt von Genre zu Genre, sondern bleibt in jedem der zehn Songs einigermaßen kohärent - außer in der einzigen Eigenkomposition, in welcher die Filmschnitt-Collage-Technik voll ausgebildet ist - aber jeder Titel ist einzigartig und anders. Wer sich für Geräusche und Klangexperimente interessiert, wird ebenso fündig wie der Liebhaber fernöstlicher Meditationsmusik oder kuscheliger Klassik. Einzig die Themen von Morricone, der an dem Ergebnis großen Gefallen gefunden hat, schaffen den Zusammenhalt.
Joe Dvorak (07.04.2024, 02:17):


Cobra (Studio & Live-Version, 1987)

Jim Staley (Posaune), Carol Emanuel & Zeena Parkins (Harfe), Bill Frisell (Gitarre), Elliott Sharp & Arto Lindsay (Gitarre, Stimme) Anthony Coleman (Klavier, Cembalo, Celesta, Orgel), Wayne Horvitz (Klavier, Hammond-Orgel, Celesta, DX7 Synthesizer), David Weinstein (Sampler, Celesta), Guy Klucevsek (Akkordeon), Bob James (Tonband), Christian Marclay (Plattenspieler), Bobby Previte (Perkussion, Drumcomputer), John Zorn (Leitung)
In der Live-Version wird Staley durch Dino J.A. Deane an einem Posaunensynthesizer ersetzt. Die beiden Harfenistinnen und Lindsay fehlen.

Mit Cobra kehrt Zorn zu den Game Pieces zurück, und es ist in allen Belangen eine Steigerung gegenüber den früheren Werken. Das ist leicht dahergeschrieben, aber wenn man mich fragt, welche Belange das sind und worin die Steigerung besteht, kann ich wieder nur auf den Hörgeschmack verweisen. Während sich z.B. Archery konsequent in der Klangwelt der klassischen Avantgarde bewegt, prallen bei Cobra verschiedene Genres und Stilrichtungen aufeinander - das klingt, hemdsärmelig gesagt, so, als hätte man das Mastertape von The Big Gundown in viele kleine Teile zerschnitten und neu zusammengeklebt. Ich habe auch das Gefühl, dass die Musiker mit dem Konzept der Game Pieces besser vertraut sind und im Rahmen der Regeln mehr aus sich herausholen und dort, wo es gefordert ist, besser interagieren. Das gilt besonders für die Live-Version. Cobra, das 1984 auf der Grundlage eines Kriegssimulationsspiels komponiert wurde, gilt heute als eines der meistgespielten Werke zeitgenössischer Musik und es warten noch mehrere Aufnahmen auf die Erkundung. Ich freue mich darauf.
Joe Dvorak (07.04.2024, 04:19):


Spillane (1987)

Meine erste Begegnung mit Zorn hatte ich Anfang der 90er Jahre. Der hysterische Frauenschrei (ein Sample aus einem Film), mit dem das Album eröffnet wird, läßt sofort aufhorchen. Dann geht es traditionell jazzig los, aber das hält nicht lange vor. Das Ganze entwickelt sich zu einer Collage aus Filmsequenzen, Blues, Geräuschen, klassisch-avantgardistischen Versatzstücken, freiem Jazz, morriconesken Soundtracks und vielem mehr. Anders als bei Cobra bleibt man länger in einem Modus, aber die Modi wechseln häufiger und in kürzerer Folge als bei The Big Gundown. Die 25-minütige Eröffnungsnummer Spillane ist das optimale Destillat aus beiden - besser geht es nicht. Musik zu einem imaginären Film, die mit ihren Schnitten und Szenenwechseln selbst zum Hörfilm wird, in diesem Fall zu einem Hörfilm Noir.

Auch die anderen Stücke sind nicht von schlechten Eltern. Das abschließende Forbidden Fruits, gespielt vom Kronos Quartet, besteht aus 4 Themen mit jeweils 12 Variationen, die nicht linear gespielt, sondern über die knapp 10-minütige Spieldauer verstreut werden, angereichert mit von Ohta Hiromi gesprochenen Monologen aus einem japanischen Film und den Künsten des Platten-Scratchers Christian Marclay, selbstredend Aufnahmen von Streichquartetten verwendend. Darüber hinaus enthält das Album den Blues Two Lane Highway, den Zorn für Albert Collins geschrieben hat. Dass dieser nicht wie ein Fremdkörper wirkt, liegt daran, dass er die trockene Film-Noir-Atmosphäre des ersten Titels aufgreift und ähnlich collagenhaft aufgebaut ist (2 Teile mit insgesamt 12 Abschnitten in 18 Minuten).

Für mich eines der unverzichtbarsten Alben über alle Epochen und Genres hinweg.
Joe Dvorak (08.04.2024, 03:32):


Spy vs Spy - Play the Music of Ornette Coleman (1988)

John Zorn (Altsaxophon), Tim Berne (Altsaxophon), Mark Dresser (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug), Michael Vatcher (Schlagzeug)

Ein Name, der immer wieder als großer Einfluss auf John Zorn genannt wird, ist Ornette Coleman. Dieses Album ist die direkte Linie, aber es ist nicht einfach ein Tributalbum geworden. Die eckigen und kantigen Themen des Wegbereiters zum Free Jazz werden auf den ersten 11 Titeln mit brachialer Intensität und halsbrecherischer Geschwindigkeit dargeboten. Die beiden stets kollektiv improvisierenden Altoisten pusten wie die Irren in ihre Rohre, als wollten sie sie zum Zerbersten bringen, und die Schlagzeuger dreschen auf ihre Arbeitsgeräte ein, als hätten sie Absicht, Kleinholz daraus machen. Das ist gnadenlos präzise auf den Punkt - manche Tracks kommen kaum über die Ein-Minuten-Marke hinaus, aber das reicht, um kräftig vom Stuhl gefegt zu werden und das Gefühl zu haben, es wird Koffein intravenös verabreicht. Allerdings wird es schnell anstrengend und ermüdend, denn es gibt so gut wie keine Variation bei diesem brutalen Angriff, man fleht regelrecht, dass mal etwas der Schub rausgenommen wird. Gerade noch rechtzeitig, bevor es anfängt, Stress zu erzeugen, schalten sie um (bei der LP erfolgt die Zäsur durchs Umdrehen), die Stücke werden länger, variabler, melodiöser, die Solisten überspielen sich nicht mehr nur, sondern spielen auch miteinander. Jetzt ist auch der Bass zu hören, mal walking, mal groovend, mal gestrichen, und am Ende gibt es sogar eine bluesige Halbballade. Natürlich gibt es auch bei diesen Stücken zwischendurch heftige Ausbrüche, aber weil man 'abgeholt' statt 'überfallen' wird, ist das ungleich wirkungsvoller.
Joe Dvorak (08.04.2024, 08:32):


News for Lulu (1988)

John Zorn (Altsaxophon), George Lewis (Posaune), Bill Frisell (Gitarre)

Nachdem auf dem vorherigen Album das Erbe Colemans regelrecht zertrümmert wurde und es zuvor bereits ein extrem avantgardistisches Album mit der Instrumentierung Sax/Gitarre/Posaune (ebenfalls mit Lewis) gab, erwartet man angesichts der Besetzung auch bei der Nachricht für Lulu eher schwierigen Stoff. Aber bei Zorn weiß man nie und so überrascht er hier mit einem weiteren Beitrag zum Hard Bop Revival. Die zu der Zeit weitgehend vergessenen 17 Kompositionen stammen von Kenny Dorham, Hank Mobley, Sonny Clark und Freddie Redd. Die Abwesenheit einer Rhythmusgruppe sorgt dafür, dass es oft kühl-entspannt swingt, wobei gelegentliche Schrillheiten nicht verleugnen, dass wir uns in der Post-Free Ära befinden. 3 Stücke gibt es noch in alternativen Live-Versionen, die am 20. August 1987 beim Jazz Fest in Willisau mitgeschnitten wurden.
Joe Dvorak (09.04.2024, 10:12):


Naked City (1989)

John Zorn (Altsaxophon), Bill Frisell (Gitarre), Wayne Horvitz (Tasteninstrumente), Fred Frith (Bassgitarre), Joey Baron (Schlagzeug), Yamatsuka Eye (Stimme)

Discogs listet dieses Album unter den Genres Electronic, Jazz, Rock mit den Stilen Noise, Avantgarde, Free Jazz, Art Rock, Grindcore, Experimental.

Grindcore ist eine Mitte der 80er Jahre in England entstandene Extremvariante des Punk Rock. Eine allgemein akzeptierte, rein auf musikalischen Merkmalen basierende Definition und eine genaue Abgrenzung zu anderen Genres gibt es nicht. Neben extremer Schnelligkeit, Heftigkeit und Intensität gehörte zumindest in den Anfängen auch eine gewisse 'Verdichtung' zu den Merkmalen. Die musikalischen Mittel wurden auf das Nötigste reduziert, bald wurde auch die Notwendigkeit der Wiederholung von Riffs in Frage gestellt - einmal gesagt ist genug - und die wütenden politik- und sozialkritischen Texte wurden immer knapper formuliert. In der Folge wurden die Titel immer kürzer, und die Entwicklung gipfelte (und endete, wie viele meinen) schließlich in der Single You Suffer von Napalm Death, die es auf knapp über eine Sekunde (exakt 1,316) Spieldauer brachte. Retrospektiv wird klar, dass Zorn schon auf Spy vs Spy viel von den Ideen dieser Untergrundbewegung verwendet hat, und auf Naked City setzt er die Fusion aus freiem Jazz und Grindcore fort, allerdings mit viel mehr Gewicht auf der rockigen Seite. Das macht allerdings nur einen kleinen Teil des Albums aus (9 Tracks mit insgesamt etwas mehr als 4 Minuten Spielzeit), der Rest ist wie gehabt ein wilder Ritt durch mindestens ein Dutzend Genres und Stile, die sich sagenhaft schlüssig zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Naked City ist das Album, auf dem jeder etwas zum Lieben finden sollte, was fast zwangsläufig bedeutet, dass jeder mit etwas Unerträglichem konfrontiert wird. Das ist die ultimative Herausforderung, die Komfortzone kräftig zu erweitern, um zu einem Jahrhundertalbum, na gut, Jahrzehntalbum durchzudringen, das diese Bezeichnung verdient.
Joe Dvorak (10.04.2024, 06:55):


More News for Lulu (Live, 1989)

John Zorn (Altsaxophon), George Lewis (Posaune), Bill Frisell (Gitarre)

News for Lulu (1988)
(...)
Die zu der Zeit weitgehend vergessenen 17 Kompositionen stammen von Kenny Dorham, Hank Mobley, Sonny Clark und Freddie Redd. Die Abwesenheit einer Rhythmusgruppe sorgt dafür, dass es oft kühl-entspannt swingt, wobei gelegentliche Schrillheiten nicht verleugnen, dass wir uns in der Post-Free Ära befinden.
Der Live-Begleiter zum Lulu-Album ist insgesamt einen Ticken feuriger, swingender und - im Sinne des letzten Halbsatzes des Zitats - abenteuerlustiger geraten. Neben den Hard Boppern, die auf dem Studioalbum mit Interpretationen bedacht wurden, sind hier noch je eine Komposition von Misha Mengelberg und der Orgel-Legende 'Big' John Patton zu hören. Exzellenter 'Kammerjazz' mit moderner Schlagseite.
Joe Dvorak (11.04.2024, 05:57):
An dieser Stelle wird die Diskographie/Reihenfolge etwas unübersichtlich, da Zorn seinen Projekten Bandnamen gab und diese oft separat (und nicht unter "John Zorn") gelistet werden und einige Alben nur in Japan erschienen (Zorn lebte zu der Zeit dort) und international teilweise mit veränderter Titelfolge veröffentlicht wurden. Das 1990er Album Torture Garden überspringe ich - und erspare dem Betrachter das unappetitliche Cover - weil es noch einmal die 9 Jazzgrind-Miniaturen von Naked City enthält und 33 weitere, die später auf dem Japan-Album Grand Guignol erschienen. Das limitierte 1989er Japan-Album Cynical Hysterie Hour wurde später in der Filmworks-Reihe als Nr. 7 wiederveröffentlicht und deshalb hier augelassen.




Painkiller - Guts of a Virgin (1991)

John Zorn (Altsaxophon, Stimme), Bill Laswell (Bassgitarre), Mick Harris (Schlagzeug, Stimme)

Der Name des Projektes sollte eigentlich Cause of Pain lauten. Ein Schmerzmittel braucht man hinterher. Die Verbindung zum Grindcore liegt nah, denn Harris war damals Schlagzeuger bei Napalm Death. Allerdings bewegt sich die Musik oft im mittleren Tempobereich, was das Ganze aber noch fieser macht. Die mächtigen, tonnenschweren Bässe und das donnernd-intensive Schlagzeug in Verbindung mit den röhrenden und schreienden Saxophonattacken sind eine neue Dimension der Kakophonie, die so weit über die Schmerzgrenze hinausgeht, dass ich mich wie selig-betäubt fühle, wenn ich mir das auf die Ohren haue. Hier wird das Extreme um des Extremen willen so sehr ins Extreme getrieben, dass es auf seine ganz spezielle Art und Weise schon wieder 'gut' ist.

Menschen mit empfindlichen Ohren vergleichen Musik, die ihnen nicht genehm ist, gern mit den Klängen einer Schweineschlachtung. Meist ist das einfach nur saudumm, aber hier ist es ausnahmsweise einmal angebracht. Ich habe eine Zeit lang in der Nähe eines Schlachthofes gearbeitet und kann bestätigen, dass Zorn diesen Sound stellenweise voll trifft. Man höre die ersten 30 Sekunden von Devils Eye.
Joe Dvorak (12.04.2024, 06:23):


Naked City - Grand Guignol (1992)

Nach dem erfolgreichen Versuch, auf dem Album Naked City avantgardistische Kompositionsmethoden im Format einer Rockgruppe zu präsentieren, gab Zorn der Formation den Namen dieses Albums und legte mit ihr fünf bis sechs weitere Studioeinspielungen vor. Die Reihenfolge bleibt ein Rätsel - vier verschiedene Quellen geben vier verschiedene Titel als Nachfolger des selbstbetitelten Debüts an. In der bei meinem Strömer hinterlegten Rezension wird Grand Guignol als 'follow-up' genannt. Ein Naked City II ist bei Zorn allerdings nicht zu erwarten. Das Album zerfällt in drei Teile. Zuerst ein 17-minütiger Longtrack, der collagenhaft aufgebaut ist, deutlich mehr auf der avantgardistischen Seite, mit heftigen Geräuschexplosionen, abrupten Abbrüchen, dann wieder ruhigen ambientartigen Passagen bis hin zur Stille. Das wirkt etwas wirr, weil der große Bogen fehlt, gewinnt aber mit jedem Hören. Es folgen einige Adaptionen klassischer Werke von Debussy, Skrjabin, Orlando di Lasso, Ives und Messiaen. Das ist durchaus geschmackvoll gemacht, vor allem La cathédrale engloutie (aus dem Livre I der Preludes) gewinnt duch das orchestrale Arrangement enorm. Den Abschluss bildet eine Serie von 33 Miniaturen, deren Länge von 10 Sekunden bis 1:14 Minuten reicht. Hier gibt es mehr von jenem Avantgarde-Jazz-Grindcore/Metal-Mix, der schon auf einigen Tracks des Debüts für Aufhorchen sorgte. Deutlich variabler und mit mehr Einflüssen fremder Stile - was angesichts der Kürze der Songs kaum glaublich erscheint. Aber: in dem 54 Sekunden langen Stück Speedfreak zähle ich ca. 24 Takt- und Stilwechsel. Zorn sagte dazu: “Ich denke in Blöcken, in wechselnden Klangblöcken, und in diesem Sinne ist ein möglicher Block eine Musikrichtung: Popmusik, Jazzmusik, klassische Musik, Bluesmusik, Hardcoremusik. Das sind alles Blöcke, die geordnet und neu geordnet werden können, so wie die 12 Töne der chromatischen Tonleiter geordnet oder neu geordnet werden können" (Inside John Zorn's Jazz-Metal Multiverse: Naked City and Beyond (rollingstone.com)). Gedacht, getan und es funktioniert in meinen Ohren ganz prächtig.
Joe Dvorak (12.04.2024, 12:40):


Painkiller - Buried Secrets (1992)

Auf den Nachfolger des unglaublichen Debuts dieses Trios durfte man gespannt sein. Mehr geht nicht, und mehr vom selben wäre witzlos. Aber das Album beginnt genau da, wo der Vorgänger aufgehört hat. Allerdings ist das nur angetäuscht, denn bald wird das Tempo extrem gedrosselt, Zorn wechselt sein Gekreische mit melodischeren Spielweisen ab, es folgen groovige und atmosphärische Parts. Sogar Dub-Beats kommen zum Einsatz und bei zwei der zehn Titel sorgen eine Gitarre und ein Drumcomputer für Bereicherung. Das Intensitätsniveau bleibt aber immer im oberen Bereich und die Bässe sind schwer auszuhalten. Objektiv ist das Album besser, weil variabler und 'musikalischer', aber ich mag die unnachgiebige Kompromisslosigkeit des Erstlings lieber.
Joe Dvorak (13.04.2024, 04:48):


Filmworks 1986-1990 (1992)

Drei frühe Film-Soundtracks und eine kurze Morricone-Adaption, die einen guten Querschnitt durch Zorns Polystilistik liefern, wobei die 'unterhaltenden' Stile dominieren und freie, experimentelle und avantgardistische Elemente nur gelegentlich durchbrechen. Die Mehrzahl der 32 Stücke besteht auch als absolute Musik, während einige atomosphärische Parts reine Szenenuntermalung sind. Da ist viel gute Musik drauf, aber angesichts dessen, was in der Filmworks-Reihe noch kommt, ist das in meinen Ohren nur ein erster, nicht essentieller Vorgeschmack.
Joe Dvorak (14.04.2024, 02:27):
Naked City - Heretic, Jeux des Dames Cruelles (1992)

Mit diesem Soundtrack zu einem experimentellen S/M-Porno komme ich nicht zurecht. Das Material stammt mit einer Ausnahme aus Duo- und Trio-Improvisationen in unterschiedlichen Konstellationen der sechs Gruppenmitglieder und wurde passend zu den - ich weiß nicht, ob realen oder imaginären - Filmszenen ausgewählt und zusammengeschnitten. Im Gegensatz zu dem zuvor besprochenen Album funktioniert die Musik nicht ohne Bilder, aber sie regt mich auch nicht dazu an, mir einen eigenen Film im Kopf zu basteln. Das meiste ist experimentelle Avantgarde, geräuschhaft und dissonant, und es stellt sich die Frage, wo eigentlich meine Grenze zwischen Geräuschkunst und Krach verläuft. Es gibt eine halbe Handvoll Stücke, die aufhorchen lassen, aber insgesamt ist mir das zu distanziert und gesichtslos.
Joe Dvorak (15.04.2024, 10:13):


Elegy (1992)

Barbara Chaffe (Alt- & Bassflöte), David Abel (Viola), Trey Spruance (Gitarre), David Shea (Plattenspieler), David Slusser (Klangeffekte), William Winant (Perkussion), Mike Patton (Stimme).

Das vierteilige Werk, dessen Sätze nach Farben benannt sind, dauert eine knappe halbe Stunde und besteht aus statisch-meditativen, orientalisch angehauchten Passagen, aus klassischer Avantgarde, die -nicht zuletzt wegen der Instrumentierung- an Pierre Boulez' Marteau sans maître erinnert, sowie aus Musique Concrète, Samples und effektreichem Filmmaterial (Slusser hat für große Filmstudios gearbeitet). An dem Vorurteil, Zorn schreibe nur 'schöne' Musik, um dann 'hässliche' Momente einzubauen, ist in diesem konkreten Fall durchaus was dran. Prinzipiell ist das Werk wie andere von Zorns polystilistischen Collagen aufgebaut, aber da die Varianten hier begrenzt sind, die Schnitte weniger häufig erfolgen und die 'klassischen' Instrumente Flöte und Viola meist die Führung haben, ist es ein denkbarer Quereinstieg für den Connaisseur, der postmoderne Klassik zu schätzen weiß.
Joe Dvorak (16.04.2024, 11:28):
Naked City - Leng tch'e (1992)

Nachdem Zorn gezeigt hat, wie man dreißig Ideen in eine Minute packt, zeigt er hier, wie man über dreißig Minuten mit einer Idee auskommt. Dafür wagt er sich in ein Gebiet vor, das damals die Avantgarde des Avantgarde-Metal darstellte. Man entdeckte die Langsamkeit und zerdehnte die Riffs so weit, dass schließlich Drones übrig blieben, die von tief gestimmten Gitarren und Bässen extrem verzerrt in Feedbackschleifen wiedergegeben wurden. Auf Gesang und Schlagzeug wurde meist ganz verzichtet. Das klingt jetzt nicht besonders aufregend, aber einige Pionierplatten dieser Drone-Metal genannten Richtung (Earth 2: Special Low-Frequency Version (1993)) haben eine erhebende bald 'spirituelle' Qualität. Richtig interessant wurde es, als Combos begannen, diesen Stil mit anderen zu mischen. Zorn tat dies schon, als sich das Ganze noch im Untergrund abspielte, und er tat es besser als die Spezialisten - zumindest in den ersten 15 Minuten dieses Albums. Einen solch quälend langsamen und dabei nie abreissenden Spannungsaufbau habe ich nirgends sonst gehört, und den Hauptanteil daran hat eben das sonst verschmähte Schlagzeug, das ritualistisch etwas Unheilvolles ankündigt, mit zunächst spärlichen und langsam immer dichter werdenden Einsätzen. Auf dem Siedepunkt zur Hälfte entlädt sich diese Spannung in einem völlig wahnsinnigen Schreien, Röcheln und Stöhnen, das mit wenigen Unterbrechungen für den Rest des Stücks anhält und nach einer Weile von Zorns ebenso irrem Saxophon verstärkt wird. Als ich das zum ersten Mal hörte, dachte ich, das klingt, als würde jemand bei lebendigem Leib in Stücke geschnitten - um dann bei der Recherche zu erfahren, dass genau dieses Sujet, eine alte Hinrichtungsart, die bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts praktiziert wurde, hier verarbeitet wird: Leng tch'e (wörtl. langsam in Scheiben schneiden; Tod durch tausend Schnitte). Das hier ausgesparte Cover zeigt ein Archivfoto von der letzten, im Jahre 1905 auf diese Art durchgeführeten Exekution.
Joe Dvorak (17.04.2024, 09:40):


Kristallnacht (1993)

Mark Feldman (Violine), Marc Ribot (Gitarre), Anthony Coleman (Tasteninstrumente), Mark Dresser (Kontrabass), William Winant (Perkussion), David Krakauer (Klarinette, Bassklarinette), Frank London (Trompete)

Es gibt Themen, von denen man als ernsthafter Musiker besser die Finger lässt (meint Joe), weil man nur verlieren kann (meint Joe), denn selbst wenn man gewinnt, führt das Stigma, daraus Kapital zu schlagen, zum Verlust (meint Joe). Neun/Elf, Hiroshima, und das hier behandelte Thema zum Beispiel. Und wenn es dann auch noch so plakativ gemacht wird - selbst 200 erklärende Bookletseiten, warum das so sein muss, könnten das nicht rechtfertigen - dann kann es zur Folge haben, dass der Zuhörer künftig die Finger von dem Künstler lässt. Das war damals sehr knapp. Ganz schlimm.
Maurice inaktiv (17.04.2024, 11:22):
Es gibt Themen, von denen man als ernsthafter Musiker besser die Finger lässt (meint Joe), weil man nur verlieren kann (meint Joe), denn selbst wenn man gewinnt, führt das Stigma, daraus Kapital zu schlagen, zum Verlust (meint Joe).
Da hast Du nicht ganz Unrecht. Es kommt darauf an, wie und was man macht. Im alten Jazz gibt es häufig aus heutiger Sicht ganz furchtbare Titel, die damals (gerade in den 1920-er/30-er Jahren) aber noch Gang und Gäbe waren. Auch die Texte sollte man manchmal weglassen. Auf der anderen Seite WAR es DAMALS so gewesen. Man kann und sollte das auch nicht einfach fallen lassen, aber dann auch entsprechend anmoderieren (so gibt es den Titel "Bimbo", der um 1929 herum entstand).

In DIESEM Fall hier geht es um ein doch sehr problematisches Cover (incl. Text), das sicher sehr umstritten war.
Joe Dvorak (18.04.2024, 08:46):
Mir ging es weniger um das Cover, da hat Zorn in seinen wilden Jahren weitaus kontroversere Sachen abgeliefert - ich lasse das bei manchen Besprechungen nicht ohne Grund weg. Aber die musikalische Umsetzung ist voller Klischees, ein Drittel des Albums besteht aus nichts anderem als dem Geräusch von splitterndem Glas. Ich liebe Geräuschkunst und Musique Concrète, aber das geht einfach nicht - und der Rest des Albums auch nicht.
Joe Dvorak (18.04.2024, 09:15):
Naked City - Radio (1993)

Für mich ist das ohne wenn und aber das Naked City Album. Es ist wie gehabt ein eklektischer Mix. Zorn zählt Dutzende von Einflüssen auf, von Charles Mingus und Eric Dolphy über Little Feet, Tony Williams' Lifetime, Frank Sinatra, Morricone & Bernard Hermann, Led Zeppelin, und natürlich Ornette Coleman bis hin zu Napalm Death. Aber auf der ersten Hälfte ist das alles völlig kohärent, ohne Schnitte und Collagen, sondern alles aus einem Guß, mit leichter, aber nicht glatter Jazz-Fusion mit deutlichem 50/60er Einschlag als Basis. Das rockt und swingt gleichzeitig, hält einen kaum auf dem Stuhl und gleichzeitig kommt auch das Cerebrale zu seinem Recht. Das ist großes Kino für beide Gehirnhälften. Danach ändert sich die Szenerie, es wird wilder, experimenteller, freier, geräuschhafter und collagenhafter, Metal-Elemente bahnen sich ihren Weg, und wieder muss ich feststellen, dass die Qualität der Riffs locker mit den Spezialisten mithalten kann. Das klingt wie ein "Best Of" der Vorgängeralben. Radio ist für mich ohne wenn und aber das Naked City Album, aber das sagte ich bereits...
Maurice inaktiv (18.04.2024, 19:50):
Aber die musikalische Umsetzung ist voller Klischees, ein Drittel des Albums besteht aus nichts anderem als dem Geräusch von splitterndem Glas. Ich liebe Geräuschkunst und Musique Concrète, aber das geht einfach nicht - und der Rest des Albums auch nicht.
Verstehe. Dane für die Antwort.
Joe Dvorak (20.04.2024, 17:10):


Naked City - Absinthe (1993)

Unberechenbarkeit ist das einzig Berechenbare bei John Zorn. Das Letzte, womit man von Naked City gerechnet haben dürfte, war wohl ein reines Ambient-Album, und doch ist das letzte Album der Formation ein solches geworden. Hier ist erst mal Begriffsklärung angesagt. Ich habe dazu schnell was aus dem Netz geKIt und mit etwas Joeschrift versehen: Ambient Music ist ein Genre, das Sound und Atmosphäre gegenüber traditionellen musikalischen Strukturen oder Rhythmen in den Vordergrund stellt. Sie hat oft keinen Beat, ist wenig melodisch und verwendet stattdessen vielschichtige Klang- und Geräuschtexturen. Das Genre zielt darauf ab, eine bestimmte Stimmung oder Atmosphäre zu erzeugen oder zu verstärken, kann auch passend zu ausgewählten Orten gestaltet sein und sowohl aktiv (aufmerksam zuhörend - dann herausfordernd) als auch passiv (als Hintergrundmusik - dann nicht störend) gehört werden. Brian Eno machte das Genre 1978 mit seinem Album Ambient 1: Music for Airports einem breiteren Publikum bekannt. Er beschrieb Ambient-Musik als etwas, das "ebenso ignorierbar wie interessant sein muss". Das Konzept kann bis auf Satie und seine Musique d’ameublement zurückgeführt werden, die zum Hören, aber nicht zum Zuhören gedacht war, Musik, die keine feste Form hatte und deren Teile nach Belieben neu arrangiert werden konnten -ähnlich wie Möbel in einem Raum- und als Teil des Ambientes fungierten. Ambient Music kann Samples (Feldaufnahmen), und Klänge akustischer Instrumente wie Klavier, Streicher und Flöte enthalten, die oft mit Elektonik emuliert oder verfremdet werden.
Dass Ambient Music -wie auch zu lesen ist- häufig Gelassenheit und Kontemplation hervorrufen soll, kann man so nicht stehen lassen. Heutzutage wird mit dieser Musik je nach Intention jede Stimmung evoziert, auch Beklemmung oder Horror, womit die Brücke zu Absinthe geschlagen ist. Ist das gute Musik? Das ist bei Ambient schwer objektiv zu beurteilen. Weil es keinen verbindlichen Satz von Qualitätskriterien gibt, die abgehakt werden können, ist der Hörer meist auf sich allein gestellt oder auf -gerne als überflüssig abgetane- Bestenlisten angewiesen. Die entscheidende Frage ist: Was macht es mit mir, will ich es immer und immer wieder hören? Dann muss es wohl gut sein. In diesem Sinne ist Absinthe ein gutes, aber kein überragendes Ambient-Album, da kommen mir doch ein paar andere in den Sinn, die bei mir mehr eingeschlagen haben.
Joe Dvorak (21.04.2024, 09:15):



Masada
Alef (1994)
Beit (1994)
John Zorn (Altsaxophon), Dave Douglas (Trompete), Greg Cohen (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug)

Und nun zu etwas ganz anderem. Diese beiden Alben bilden den Auftakt zu einer zehnbändigen Serie von Jazz-Alben mit Themen/Melodien, die jeweils auf einer der beiden "jüdischen Skalen" Phrygisch-Dur & Mi Sheberach basieren. Im Gegensatz zum "Alles geht" vieler seiner anderen Projekte unterwirft sich Zorn bei der Komposition einem selbstgeschaffenen engen Regelwerk. Er schrieb 100 dieser Stücke, die er im Masada-Songbook zusammenfasste. Später entstanden zwei weitere Liederbücher, und die Zahl der Kompositionen wuchs schließlich auf 613 an. Die Besetzung des Quartetts verweist auf Ornette Coleman, und die für westliche Ohren "exotisch" oder "orientalisch" klingenden Tonleitern sind mit der Klezmermusik bekannter geworden, weshalb man für Masada manchmal die etwas oberflächliche, aber nicht ganz verkehrte Beschreibung Coleman meets Klezmer findet. Die Interpreten sind erstklassig, vor allem die hellwache fluide Rhythmusgruppe hat es in sich. Douglas machte mit den Alben ein größeres Publikum auf sich aufmerksam, aber er hatte zuvor schon mit Hochkarätern wie Horace Silver gespielt, und er hatte bereits ein Album als Bandleader vorgelegt. Die Musik ist abwechslungsreich in Tempo, Ausdruck, Intensität, Textur und Timbe, aber ich komme nicht daran vorbei, festzustellen, dass die Dauerpräsenz von fremdartiger Harmonik gegen Ende der Alben (beide laufen ca. 1 Stunde) zu einer gewissen Ermüdung führt.
Joe Dvorak (22.04.2024, 10:53):


Painkiller - Execution Ground (1994)

John Zorn (Altsaxophon, Samples), Bill Laswell (Bassgitarre), Mick Harris (Schlagzeug, Samples, Stimme)

Das Debütalbum der Schmerzmittel war im Wortsinn ein Kracher, der unbedingt mal (oder mehrmals) gehört sein will, auf dem Nachfolger waren auch mal vergleichsweise moderate Töne zu hören, und auf dem letzten Studioalbum des innovativen Trios setzte sich dieser Trend fort. Zwar gibt es hier und da noch Reminiszenzen an die schädelspaltende Brachialität des Erstlings, vor allem zu Beginn, doch schon bald wagt sich die Musik weit auf ein Terrain vor, das auf dem zweiten Album bereits gestreift wurde und hier nun einen Schwerpunkt bildet: Dub, eine aus dem jamaikanischen Reggae hervorgegangene Stilrichtung der elektronischen Musik. Gleichberechtigt treten Ambient-Anteile hinzu, allerdings nicht die unaufdringliche Form der Musiktapete, sondern die dunkle Variante, die schon auf Naked Citys Absinthe erkundet wurde (mit völlig anderem Ergebnis). Laswell hatte im Jahr zuvor ein Album mit dem Titel 'Ambient Dub' herausgebracht, auf dem diese Stile verheiratet wurden, und der Toningenieur, der dort am Sounddesign mitgearbeitet hat, ist auch hier am Werk. Zorn überblast immer wieder heftig, spielt aber auch warme, fließende Melodielinien und setzt elektronische Verfremdungen ein. Harris' einfallsreiches und variables Spiel bleibt auch in diesem Umfeld sehr heavy - so dass gelegentlich ein gewisser Metal-Vibe mitschwingt. Zwei der drei Stücke sliegen alternativ auch in ausgedehnteren reinen Ambient-Remixen auf der zweiten CD dieses Doppelpacks vor. Wir hatten es kürzlich von Alben gehabt, 'für die es sich zu leben lohnt'. Darunter gibt es als Teilmenge die seltene Spezies, die mich gefunden hat - Alben, die klingen als ob sie speziell für mich gemacht wurden, obwohl ich vorher gar nicht wusste, dass ich so etwas hören will.
Joe Dvorak (23.04.2024, 08:19):


Masada - Gimel (1994)

Bei der Eröffnung des dritten Teils des Masada-Serie könnte man kurzzeitig meinen, Neues aus dem Strategiezoo zu hören, aber das legt sich schnell. Dennoch ist es ein Fingerzeig, dass man hier noch freier zu Werke geht als beim Vorgänger, der wiederum freier gestaltet war als das Debüt. Das macht das Hören mitunter etwas herausfordernder, aber auch einträglicher. Die Längen, die ich bei den Vorgängern in der zweiten Hälfte auszumachen glaubte, bleiben hier aus, und es gibt genügend Kontrast in sehr ruhigen, fast meditativen Stücken, in denen das wunderbare Unisonospiel der Bläser ebenso das Herz erwärmt wie das subtile Schlagzeugspiel von Baron. Baron ist der heimliche Stern des Ensembles - einen flexibleren Schlagzeuger wird man kaum finden. Hier kommt ihm die Erfahrung aus der Omnistilistik mit Naked City zugute, die er hier in den Jazzkontext transferiert. Sein weiträumiges, vielfach eher strukturschaffendes als rhythmusgebendes Spiel gibt einem das Gefühl, dass jeder Schlag durchdacht ist, nichts fehlt, nichts ist zu viel - was aber nicht bedeutet, dass hier verkopft getrommelt wird. Alles in allem erscheint Gimel als deutliche Steigerung zu den Vorgängern, die sich allerdings mit einigen Themen und Melodien so sehr in den Hirnwindungen verewigt haben, dass ein badiges Widerhören unumgänglich ist, weshalb das Urteil zunächst vorläufig bleibt.
Joe Dvorak (26.04.2024, 04:50):


Masada - Dalet (1995)

Das ist ein Quickie. Die drei Titel dieser nur 18-minütigen EP sind Überbleibsel der ersten Session des Quartetts. Nichts Wesentliches.
Joe Dvorak (04.05.2024, 04:39):


The Book of Heads, 35 Etüden für Gitarre solo (1978, VÖ: 1995)

Marc Ribot (Gitarre, Klangobjekte, Stimme)

Diese Komposition aus den Anfangsjahren wurde hier erstmals eingespielt. Im Komponisten-Thread schrieb ich dazu, dass einen nichts darauf vorbereiten kann. Damals kannte ich The Classic Guide to Strategy noch nicht. Heute würde ich sagen, es klingt wie dieses Werk in einer Version für Gitarre. Alle Klänge, die man aus dem Instrument herausholen kann, mit oder ohne Hilfe von fremden Objekten und erweiterten Spieltechniken werden herausgeholt. Spätestens bei Etude #5, die wohl absichtlich wie ein übender Anfänger klingen soll, wird der Gelegenheitshörer allerdings abschalten und Zorn ad acta legen. Dabei ist das Werk abgesehen von diesem Stinker durchaus interessant und anregend zu hören.
Joe Dvorak (05.05.2024, 02:24):


Filmworks II - Music for an Unknown Film by Walter Hill (1995)

Marc Ribot (Gitarre, Banjo), Carol Emanuel (Harfe), Anthony Coleman (Präpariertes Klavier, Tasteninstrumente), Andy Haas (Didgeridoo), Jim Pugliese (Schlagzeug), Cyro Baptista (Brasilianische Perkussion), David Shea (Plattenspieler, Sampler)

Die Besetzung verspricht interessante Musik und die gibt es auch. Allerdings nutzt sich das sehr schnell ab, da viele der kurzen Stücke als Szenenuntermalung wirken und kaum autonom funktionieren. So bleibt es ein fragmentarisches Stückwerk ohne für mich erkennbaren übergeordneten Zusammenhang, was dann im letzten Drittel die Geduld doch arg strapaziert. Um mal den Zyniker zu geben: Wenn die Qualität des Films der Musik entspricht, dann ist es kein Verlust, dass er unbekannt geblieben ist. Sicherlich kein Kandidat fürs Wiederhören.
Joe Dvorak (05.05.2024, 03:01):


Masada - Hei (1995)

John Zorn (Altsaxophon), Dave Douglas (Trompete), Greg Cohen (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug)

Der fünfte Band des ersten Masada-Buches wurde fast genau ein Jahr nach dem Debüt aufgenommen. Die Tendenz der ersten drei Volumina, dass die Gruppe von Album zu Album immer freier agiert, setzt sich hier fort. Das geht über weite Strecken sehr tief in das Reich des Free Jazz. Ich vermute, dass die Combo nach einem Jahr mit drei Alben und vielen Konzerten so gut eingespielt war, dass man hier einfach mehr wagen konnte. Und das Wagnis resultierte im Gewinn. Das Zusammenspiel und die Verständigung scheinen manchmal an Telepathie zu grenzen, wobei Zorn eine solche Mystifizierung nicht zulässt; er steuert die Gruppe ganz profan mit Handzeichen. Aber auch nach dieser Entzauberung ist das für mich das bisher eindeutig beste Album der Serie, nicht immer schön anzuhören, aber immer dankbar.
Joe Dvorak (05.05.2024, 09:35):


Nani Nani (1995)

"Dekoboko Hajime" (Altsaxophon, Harmonium, Gitarre, Sitar, Samples), Yamantaka Eye (Stimme, Schlagzeug, Klangobjekte)

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Zorn hier wegen irgendwelcher Rechte unter Pseudonym aufgetreten ist und nicht um sich von diesem Projekt zu distanzieren - aber ich könnte ihm letzteres nicht verübeln. Selbst mit einem leeren Geist, der sich erst einmal wertfrei ganz auf das einlässt, was da kommen mag, ist es mir unmöglich, dem irgendeinen Wert abzugewinnen. Nicht ganz so schlimm wie Locus Solus, denn Nani Nani hat wenigestens zwei, drei zumindest einmal des Hörens werte Stücke, aber die überlange, fast die Hälfte des Albums einnehmende Akustiklobotomie namens Bad Hawkwind bricht jeden Durchhaltewillen.
Joe Dvorak (06.05.2024, 09:04):


Redbird for Agnes Martin (1995)

Jill Jaffe (Viola), Erik Friedlander (Violoncello), Carol Emanuel (Harfe), Jim Pugliese (Perkussion)

Zorn gibt hier den Feldman, selbst die Widmung an eine Malerin ist 'geklaut'. Und es geht noch weiter. Zorn bewundert Martins handgearbeitete Qualität und den subtilen Sinn für Details, wo die ‘Fehler’ oder ‘Unvollkommenheiten’ das sind, was es glänzen lässt, was es perfekt macht. (‘Mystery Is Everything’: John Zorn Makes Music for Agnes Martin (artnews.com)). Das erinnert an Feldmans Verweis auf persische Teppiche, bei denen bereits fertiggestellte Teile abgedeckt werden, so dass sich der Weber bei der Wiederholung des Musters auf sein Gedächtnis verlassen muss, was zu subtilen Abweichungen führt. Ist Redbird also ein Feldman für Arme geworden? Sagen wir es so: Ich hätte das blind gehört ohne den allergeringsten Zweifel für ein Werk von Feldman aus den späten 70er oder den 80er Jahren gehalten. Das kann als Kompliment gelten, weil es auf einer Höhe mit dem 'Original' ist, oder als Rüffel, weil es null originell ist, oder es kann bedeuten, dass Joe etwas mit den Ohren hat und die Unterschiede bloß nicht hört. Ich finde es jedenfalls gut, im Gegensatz zu dem das Album eröffnende Stück Dark River für vier Basstrommeln - 9 Minuten fernes Donnergrollen.
Joe Dvorak (07.05.2024, 00:38):


Cobra - Live at Knitting Factory (AD: Jan - Dez 1992, VÖ: 1995)

1992 wurde die Schlange jeden Monat in dem damals noch jungen New Yorker Club gespielt und aufgenommen. Insgesamt kamen 87 Musiker in den unterschiedlichsten Konstellationen zum Einsatz. Das Ergebnis kann sich hören lassen, die teilweise harschen Kritiken kann ich nicht nachvollziehen. Wahrscheinlich klinge ich wie eine Gebetsmühle, wenn ich wiederhole, dass bei dieser Art von Musik das einzige Qualitätskriterium die eigene Befindlichkeit beim Hören ist (abgesehen von der Qualität der Musiker, aber da brennt im Umfeld von Zorn freilich nichts an) - und die ist bei mir während dieses abenteuerlichen Streifzugs durch bislang Unerhörtes meist sehr gut. Sicherlich, nicht alles ist genial, und hier und da droht es ins rein Bizarre abzukippen, andererseits werden ungeahnte Schichten ausgelotet, in denen die Musik eine bald sakrale (oder spirituelle) Tiefendimension erreicht.
Joe Dvorak (07.05.2024, 01:57):


Cobra - Tokyo Operations '94 (VÖ: 1995)
Solisten, Makikami Koichi (Leitung)

Dazu schrieb ich im Komponistenthread:
Eine interessante Realisierung sind die Tokyo Operations '94 mit einem 9-koepfigen traditionellen japanischen Ensemble an nativen Instrumenten, deren Namen ich teils noch nicht gehoert habe und einem Rock-Trio mit E-Gitarre, E-Bass & Schlagzeug. Das ist nicht immer leicht zu verdauen - vor allem die urzeitliche Vokalakrobatik verlangt dem Hoerer (lies: mir) einiges ab. Aber zumindest ein Mal ist es die Anstrengung wert, wenn man glaubt, schon alles gehoert zu haben.
Interessant, wie sich Auffassungen mit zunehmender Hörerfahrung verändern. Nach der Einverleibung einiger einschlägiger Platten von Naked City mit dem unglaublichen Yamataka Eye hinterm Mikro wirkt die vokale Darbietung des japanischen Ensembles im Vergleich fast dezent und gar nicht mehr anstrengend. Diese Realisierung ist für eine Cobra sehr kohärent und stringent organisiert, und die beiden so gegensätzlichen Klangwelten werden mühelos und spielerisch miteinander verbunden. Das macht diese Version zur herausragenden unter den bisher erlebten und sicher mehr als einmal des Hörens wert. Ich gehe sogar so weit, sie auf die Liste der Unverzichtbaren zu setzen.
Joe Dvorak (08.05.2024, 11:37):


Filmworks III: 1990-1995 (1995)

Das ist eine durchwachsene Angelegenheit, aber eine mit starken Höhepunkten. Die Musik zu Thieves Quartet wird von dem Vierer gespielt, der sich kurze Zeit später zum Masada Quartett formierte. Im vorletzten der zwölf Stücke gesellt sich - sehr effektvoll - eine Gitarre hinzu, und für die Schlussnummer wechselt Zorn ans Klavier. Die rund 15 Minuten wirken wie eine Suite aus einem Guss, die obwohl deutlich im Filmmusikfach verankert, auch autonom bestens funktioniert. Großartig auch die ebenfalls viertelstündige Musik zu Hollywood Hotel, die von Zorn am bewährten Alt-Sax und Marc Ribot an der Gitarre im Duo bestritten wird und vom Bar- zum Free-Jazz wandert, ohne zerfasert zu wirken. Der Rest des Albums fällt deutlich ab, besonders den vielen Titeln, die für Werbespots geschrieben wurden, steht ohne diese kaum mehr als Füllmaterialstatus zu.
Joe Dvorak (09.05.2024, 03:37):


Filmworks IV: S&M + More (1997)

Weniger durchwachsen als Teil III, aber auch mit weniger echten Höhepunkten. Zorn betätigt sich in zwei der fünf Titel als Sounddesigner, arbeitet mit Musik-, Sprach-, Natur- und Geräuschsamples und macht das in meinen Ohren recht stringent. Ein minimalistisch repetitives Stück mit ostinatem Bass, liegender Orgel, dezenter Perkussion und zwei morrinconesk wabernden Gitarren, ein Werk, das der Klangwelt von Redbird entsprungen zu sein scheint (kein Wunder, es ist die gleiche Besetzung am Werk) und eine Variation für Klavier komplettieren die Scheibe. Nicht schlecht, aber auch nicht lebensnotwendig.
Joe Dvorak (10.05.2024, 01:02):


Filmworks V: Tears of Ecstasy (1996)

John Zorn (Altsaxophon, präpariertes Klavier, Samples), Robert Quine (Gitarre), Marc Ribot (Gitarre), Cyro Baptista (Perkussion)

48 Stücke in einer knappen Stunde. Die reduzierte Besetzung lässt trotz dieser Fragmentierung auf einen kohärenten Soundtrack hoffen, während die Angaben bei Discogs (John Zorn – Filmworks V: Tears Of Ecstasy (1996, CD) - Discogs) eher dagen sprechen. Genre: Electronic, Jazz, Rock; Stil: Surf, Noise, Contemporary Jazz, Industrial, Ambient, Hard Rock. Ich meine, das ist das Beste, was bis dahin in der Filmworks-Reihe erschienen ist. Abwechslungsreich bis zum Geht-nicht-mehr - es ist erstaunlich, welche Klangvielfalt die vier aus ihren Instrumenten zaubern - und trotzdem stringent, mit deutlich filmischer Attitüde, aber locker auch ohne Film konsumierbar. (Auf die Idee, dass es sich hier um einen Gay-Porno handelt, käme man ohnehin nie). Da die ganz extremen Ränder weitgehend ausgespart bleiben, wirkt es wie eine Art Naked City light, und wer sich von drei, vier Minuten unangenehmer Geräuschkulisse nicht abschrecken lässt, findet hier vielleicht den bestmöglichen Einstieg in den Zorn der 90er Jahre.
Joe Dvorak (11.05.2024, 04:44):


Filmworks VI: 1996 (1996)

Marc Ribot (Gitarre), Mark Feldmann (Violine) Erik Friedlander (Violoncello), Greg Cohen (Kontrabass), Cyro Baptista (Perkussion), Ikeo Mouri (Drumcomputer), John Zorn (Klangeffekte, Sounddesign, Altsaxophon)

Nummer sechs fällt wieder in die Kategorie 'durchwachsen'. Herausragend die Musik zu Anton, Mailman mit einem bestens aufgelegten Marc Ribot, dessen Gitarrensound gleichzeitig Bilder von Surfern auf Hawaii und Cowboys in der Prärie heraufbeschwört. Zorn hat nur einen kurzen Einsatz am Saxophon, aber der ist Gänsehaut pur. Die Suite zu Mechanics Of The Brain erinnert in Teilen an die zeitgenössische klassische Avantgarde (mal denke ich an Elliott Carter, mal an Helmut Lachenmann), in anderen Teilen nimmt sie die Stimmung des ersten Films wieder auf, und etwas -arg lärmende- Musique Concrète ist auch dabei. Den Minuspunkt gibt es für Zorns Alleingang als Sounddesigner für The Black Glove. Ich will nicht sagen, dass das Geräusche von Wind, Feuer und Wasser verarbeitende Ambient-Werk schlecht ist, aber so wie man je nach Geschmack nicht jedes Objektdesign in den Raum stellen mag, so mag man nicht jedes Sounddesign in den Äther strömen lassen.
Joe Dvorak (12.05.2024, 05:28):


Filmworks VII: Cynical Hysterie Hour (1989, VÖ: 1996)

Es ist kein Zufall, dass mir bei Zorns Werken aus den frühen 90er Jahren mitunter die Begleitmusik zu Zeichentrickfilmen in den Sinn kommt. Zorn war ein Bewunderer vom Meister des Fachs, Carl Stalling, und mit dieser Musik zu vier Episoden einer japanischen Serie von Kiriko Kubo lässt er seinem Hang zum knallbunten Überdrehten freien Lauf. Das ist ein ebenso wilder Ritt durch die Genres wie Naked City, das etwa im gleichen Zeitraum entstand. Erinnerungen an lange vergangene Zeiten werden bei mir wach: Speedy Gonzales, Bugs Bunny, Tom & Jerry. Die verblüffende Virtuosität des stargespickten Ensembles (Bill Frisell, Arto Lindsay, Bobby Previte u.v.a.) mit wechselnden Besetzungen und der Einbau atmosphärischer und punkiger Passagen verhindern, dass das zum reinen Spaß mutiert - aber der ist dennoch höllisch garantiert.
Joe Dvorak (14.05.2024, 03:40):
Hier wären von der Chronologie her die nächsten drei Volumina des Masada Quartetts dran, sowie der Ableger Bar Kohkba, aber die sind bei meinem Strömer unvollständig, so dass ich das auf nächste Woche verschiebe, wenn ich ausserhalb der Great Firewall auf Youtube zugreifen kann.



New Traditions In East Asian Bar Bands (1997)

Zhang Jinglin, Hwang Chin-ee & Ánh Trần (Sprecher), Bill Frissel & Fred Frith (Gitarre), Joey Baron & Samm Bennett (Schlagzeug), Anthony Coleman & Wayne Horvitz (Tasteninstrumente)

Das erscheint wie ein Kuriosum. Drei gesprochene Monologe in den Sprachen Mandarin, Koreanisch & Vietnamesisch, jeweils begleitet von einem Paar identischer Instrumente. Das Verstehen der Texte ist nicht wichtig, hier geht es rein um Sprache als Melodie. Die drei ausgedehnten Werke sind sehr unterschiedlich: China & Gitarren = Avantgarde, Korea & Schlagzeug = rituelles Spektakel, Vietnam & Keyboards = Ambient. Das ist schwer zu beschreiben, aber nicht schwer zu bewundern, denn als jemand, der in China lebt, sich oft in Vietnam aufhält und Korea mehrfach bereist hat, finde ich, dass Zorn die Charakteristika der Länder mit der Musik und der Art und Weise, wie die Damen mit den Instrumenten im Verhältnis stehen, sehr gut getroffen hat - sofern man diese vielschichtigen Charakteristika soweit pauschalisieren oder besser gesagt, abstrahieren kann, dass man sie klischeefrei in 17 - 30 Minuten Musik packen kann.
Joe Dvorak (16.05.2024, 05:05):


Duras:Duchamp (1997)
Duras (1996)
Cenovia Cummins (Violine), Mark Feldman (Violine), Anthony Coleman (Klavier), John Medeski (Orgel), Christian Bard (Perkussion), Jim Pugliese (Perkussion)
Étant Donnés - 69 Paroxyms For Marcel Duchamp (1997)
Mark Feldman (Violine), Erik Friedlander (Violoncello), Jim Pugliese (Perkussion)
Ich habe dieses Album bestimmt ein halbes Dutzend Mal gehört, aber ich finde immer noch keine wirklich treffenden Worte. Es ist nicht überragend, aber sehr schön zu hören - ich denke immer, das könnte in der ECM New Series erschienen sein. Die erste Komposition besteht aus 3 Livres und einem Epilog. Nummer 1 dauert etwa eine Viertelstunde. Ambient-artige Passagen mit verhallter gestimmter Perkussion, Glocken, Gongs und Piano-Tupfern, hohes Streichergeflecht nahe der Hörbarkeitsgrenze, unbegleitetes Solo-Piano, weit ausladende Melodien singende Solo-Violinen, alles im Largo. Irgendwo habe ich das schon mal gehört, komme aber nicht drauf. Die Klangwelten des späten Arvo Part oder des klassischen Terje Rypdal können als ganz grobe Referenzpunkte herangezogen werden. Oder Hovhaness. Zorn selbst beruft sich auf Messiaen, aber dem kann ich nur bedingt folgen - Éclairs... vielleicht? Der Mittelteil mit neutönerisch gestikulierenden Streichern ist deutlich aufgeregter, aber dauert nur eine Minute lang. Im 17-minütigen dritten Buch dominiert dann die Solovioline das Geschehen hoch über dem leise georgelten, sirrenden, zischelnden, säuselnden, glockengetränkten Hintergrund. Der kurze Epilog nimmt nochmals die Erregtheit des Mittelteils auf. Weniger gefällt mir die zweite Komposition. Das Trio ist deutlich avantgardistischer und abwechlungsreicher geraten, hat durchaus seine Momente, wird aber durch konzeptbedingte, unangenehm lärmende Musique concrète-Einlagen gestört, für die Zorn um diese Zeit eine Vorliebe gehabt zu haben scheint.
Joe Dvorak (17.05.2024, 02:11):


Euclid's Nightmare (1997)

John Zorn (Altsaxophon), Bobby Previte (Schlagzeug)

Wenn es zum seltenen Format des Sax-Drum-Duos kommt, kann man Kennerschaft simulieren, indem man reflexartig auf die Überreferenz Interstellar Space von John Coltrane & Rashied Ali verweist. Doch mit diesem Album hat der Alptraum des Euklid wenig gemein. Hier gibt es 27 Miniaturen in LP-Länge und neben rein freiem Spiel auch postmodernen Bop, filmmusiktauglichen Lounge-Jazz und anderes. Abwechslung wird groß geschrieben. Trotz Längen von ein bis zwei Minuten wirken die meisten Stücke nicht fragmentarisch, sondern erstaunlich fertig - hier wird die hohe Kunst, das Wesentliche in aller Kürze zu sagen, vorgeführt. Webern im Jazzformat. Astrein!
Joe Dvorak (18.05.2024, 03:30):


Filmworks VIII: 1997 (1998)
Port of Last Resort
Min Xiao-Fen (Pipa), Mark Feldman (Violine), Erik Friedlander (Violoncello), Anthony Coleman (Klavier), Marc Ribot (Gitarre), Greg Cohen (Kontrabass)
Latin Boys Go to Hell
Kenny Wollesen (Schlagzeug, Vibraphon, Perkussion), Cyro Baptista (Perkussion)
Mit dem noch nachzutragenden Bar Kokhba-Projekt begann Zorn, sein Masada-Liederbuch mit anderen Ensembles als dem Stammquartett einzuspielen. Die Musik in der ersten Hälfte von Nr. 8 des Filmwerks klingt sehr verwandt. Hier wird dem klischeefreien Klezmerismus durch den Einsatz der Pipa ein chinesisches Flair hinzugefügt, nicht als Gimmick, sondern konzeptbedingt. Der Film handelt von jüdischen Flüchtlingen in Shanghai. Die Musik ist absolut umwerfend, beseelt und virtuos, formal stimmig, stringent und abwechslungsreich instrumentiert. Den krönenden Abschluss bildet ein Solo-Piano-Stück, das zuvor schon in zwei Versionen (einmal mit Pipa, einmal mit Gitarre) zu hören war. Das ist einfach überragend und absolut unverzichtbar. Es sagt viel über Zorn aus, dass er dieses sensible Thema mit der Musik zu einem weiteren Gay-Porno verbindet. Ein reines Schlagwerkstück weckt nicht gerade die höchsten Erwartungen, so dass diese mit Leichtigkeit turmhoch übertroffen werden konnten. Was die beiden aus ihrem Instrumentarium an Vielfalt herausholen, ist gerade deshalb so spektakulär, weil es die meiste Zeit völlig unspektakulär ist. Auch hier gilt für die Reihenfolge und die Kontraste: absolut stimmig, so und nicht anders. An diesem Album kommt man nicht vorbei, zumal man hier von bruitistischen Attacken aus dem Nichts verschont bleibt.
Joe Dvorak (19.05.2024, 11:18):


Masada - Vav (1996)

Als ich mit der Masada-Serie begann, war ich skeptisch. Zehn - mit einer Ausnahme - prall gefüllte Alben im selben Stil, in der gleichen Besetzung? Aber nach der ersten Hälfte war ich - nach der Zwangspause - ganz versessen darauf, endlich wieder loszulegen. Angesichts dieser enthusiastischen Vorfreude war das Ergebnis dann allerdings etwas ernüchternd. Der Eindruck, hier gäbe es lediglich mehr vom selben, wollte sich nicht zerstreuen. Nummer sechs ist deutlich weniger frei als der Vorgänger und es fehlen mir die markanten Momente, die sich einbrennen. An der individuellen Klasse der Musiker gibt es nichts zu rütteln. Hier muss ich noch einmal Baron besonders herausstellen. Was er in den Hochtempo-Nummern bietet, ist nicht nur eine eigene Liga, sondern - um ein in einem anderen Zusammenhang gebrauchtes Bild eines Forenmitglieds zu klauen - ein anderer Sport. Ich habe mich mal auf Zorn als reinen Jazzimprovisator konzentriert, über den die Meinungen weit auseinandergehen. Als Vergleich drängt sich der 3 Jahre jüngere Steve Coleman auf, der sicher gut in dieses Ensemble gepasst hätte. Dessen 'weicheres' Anblasen, sein wärmerer, leuchtenderer Ton und sein Gespür für tief hineinziehende Wendungen zur rechten Zeit stehen bei mir etwas höher im Kurs. Vev ist keine schlechte Platte, aber das Gefühl einer gewissen Stagnation lässt sich nicht ganz abschütteln. Ich finde es spannend, dass ich als Laie in Sachen Zorn oft - aber nicht immer - mit professionellen Kritikern übereinstimme. So meinte ein Rezensent zu dem als nächstes zu besprechenden Bar Kokhba Album, das wirke wie ein Befreiungsschlag, nachdem das Masada-Projekt etwas auf der Stelle zu treten begann.
Joe Dvorak (19.05.2024, 11:57):


Masada Chamber Ensembles - Bar Kokhba (1996)

Dave Douglas (Trompete), Chris Speed (Klarinette), David Krakauer (Klarinette), Anthony Coleman (Klavier), John Medeski (Orgel, Klavier), Marc Ribot (Gitarre), Mark Feldman (Violine), Erik Friedlander (Violoncello), Greg Cohen (Kontrabass), Mark Dresser (Kontrabass), Kenny Wollesen (Schlagzeug)

Mit dem Bar Kokhba-Projekt begann Zorn, sein Masada-Liederbuch mit anderen Ensembles als dem Stammquartett einzuspielen. Die Musiker und Besetzungen variieren. Zum Glück gibt es heute zu jedem Thema Enthusiasten, die im Internet akribisch alle Informationen dazu zusammentragen. Der Betreiber der Seite Masada World, der sich selbst als besessenen Fan bezeichnet, listet zu jedem der 613 Lieder alle verfügbaren Aufnahmen und zu jedem Album die Besetzungen aller Titel auf. Bei den auf zwei CDs verteilten 25 Titeln von Bar Kokhba reicht das von Solo-Piano und Solo-Gitarre über Duos (Klarinette/Klavier, Klarinette/Orgel, Klavier/Orgel), Jazz-Klaviertrio, Streichtrio (Violine, Violoncello, Kontrabass), Klarinettentrio (mit Klavier und Violine) bis hin zu einem originell besetzten Quartett mit Klarinette, Trompete, Klavier & Schlagzeug (Bar Kokhba: Masada World). Verarbeitet werden Klezmer, Filmmusik (ein paar Titel wurden ursprünglich für einen Soundtrack aufgenommen), Free Jazz und moderne Klassik. Dass dies meist auf der zugänglichen Seite bleibt, dürfte zusammen mit der abwechslungsreichen Instrumentierung und der leichten Eingängigkeit vieler Themen sowie dem 'orientalischen' Flair dazu geführt haben, dass dies sein bekanntestes und erfolgreichstes Projekt geworden ist. Äußerst hemdsärmelig könnte man hier von Zorns Brandenburgischen Konzerten fabulieren.
Joe Dvorak (20.05.2024, 16:35):


Masada
Zayin (1996)
Het (1997)
Ein ungleiches Paar. Die Nummer 7 kann man bis dahin als Tiefpunkt der Serie bezeichnen. Das wirkt auf mich wenig inspiriert und bisweilen halbfertig. Die etwas fantasielose Routine des Vorgängers scheint hier einem nicht mehr so recht weiterwissen gewichen zu sein. Vier Monate später ging man wieder ins Studio -die Band ist kaum wiederzuerkennen- und legte das bis dato beste Album der Serie vor. Die 'Innovation' des Achters liegt paradoxerweise darin, dass man sich wieder den traditionellen Mustern annähert, sowohl in den Liedstrukturen, die verstärkt auf begleitete Solo- statt auf kollektive Improvisation setzen, als auch in der Harmonik, die trotz der Verwendung derselben Skalen konventioneller klingt - die 'Orientalismen' wirken eher bereichernd als dominierend. Viele kleine kompositorische Haken und Ösen und einfallsreiche Wendungen machen das zu einem höchst vergnüglichen Hörerlebnis.
Joe Dvorak (22.05.2024, 10:20):


Masada - Tet (1997)

Dieses Album wurde etwas mehr als 3 Jahre nach dem Start der Serie aufgenommen und ist wieder mehr 'Masada-typisch' geraten als der Vorgänger. Ich habe mir zum Vergleich noch einmal den Erstling Alef zu Gemüte geführt und konnte stilistisch und spielerisch keine allzu großen Unterschiede feststellen. Das kann negativ gelesen heissen, dass man sich nicht gross weiterentwickelt hat, oder aber positiv, dass man von Beginn an seinen Stil gefunden und auf höchstem Niveau gespielt hat. Ich plädiere angesichts der Qualität von Nr. 1 mit seinen beim ersten Hören noch überhörten Feinheiten für letzteres (auch wenn die Kritik, das Album sei zu lang - die letzten beiden der 11 Titel sind für mich Aussitzmaterial - nach wie vor gilt).
Joe Dvorak (25.05.2024, 03:31):


Angelus Novus (1998)
The Callithumpian Consort Of New England Conservatory, Stephen Drury (Leitung & Klavier)
For Your Eyes Only (1988) für Kammerorchester
Christabel (1972) für 5 Flöten und Viola
Carny (1989) für Klavier solo
Angelus Novus (1993) für Bläseroktett
Mit Angelus Novus zeigt sich Zorn erstmals als reiner zeitgenössischer Klassiker und legt einen abwechslungsreichen und exquisiten Querschnitt durch sein bisheriges kammermusikalisches Schaffen vor, der trotz des abgedeckten Zeitraums von 20 Jahren erstaunlicherweise auch als geschlossenes Album funktioniert.

For Your Eyes Only und Carny sind typische Beispiele für Zorns Collage-Technik, bei der Schnipsel aus unzähligen Stilen und Epochen aneinandergereiht werden. Das erste Stück würde ich mutig als Gegenstück zu einer auf 14 Minuten komprimierten Kammerversion von Schnittkes erster Sinfonie bezeichnen. Dass die beiden Stücke in zeitlicher Nähe zu Spillane entstanden sind, ist vor allem beim Klavierstück nicht zu überhören. Da ich es nicht besser sagen könnte, schreibe ich aus William Duckworths Buch Talking Music ab: Das (...) Material besteht aus Ausschnitten unterschiedlicher Musikstile, von Beethoven und Stockhausen über Boogie-Woogie, "Lounge"-Piano bis hin zu New Orleans Funk. Obwohl scheinbar zufällig, summieren sich die Teile zu einem sehr überzeugenden Ganzen.

Die Talentprobe des 19-jährigen, Christabel ist am gegenüberliegenden Ende des Spektrums anzusiedeln. Hier dominieren Drones, Klangbänder und Klangflächen. Das Titelstück Angelus Novus nimmt dies in den Sätzen 1, 3 & 5 wieder auf, während in den beiden kurzen Intermezzi - mit Verlaub - 'typisch modern' geschnattert, gequietscht und geröhrt wird, wobei freilich neben versteckten Klezmer-Einflüssen die enorme Virtuosität der Läufe ebenso wenig zu überhören ist wie die Tatsache, dass Zorn sich selbst nicht immer ganz ernst nimmt.
Joe Dvorak (25.05.2024, 07:59):


The Circle Maker (1998)
Album I: Issachar
Masada Sting Trio
Mark Feldman (Violine), Erik Friedlander (Violoncello), Greg Cohen (Kontrabass)
Album II: Zevulun
Bar Kokhba Sextet
Mark Feldman (Violine), Erik Friedlander (Violoncello), Marc Ribot (Gitarre), Greg Cohen (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion)
Das ist ein echter Gewinner, ach was, ein totaler Triumph. Zwar nicht so abwechslungsreich instrumentiert wie Bar Kokbah, aber die Qualität des Spiels und des Zusammenspiels, die Hingabe, die Virtuosität, das feine Aushören des Ensembleklangs, die Kaskade von unzähligen Gänsehautmomenten machen regelrecht süchtig. Zorns "Radical Jewish Culture", in der die Tradition reflektiert und zugleich in die Moderne überführt wird, hat hier einen ersten absoluten Höhepunkt erreicht. Gelegentliche Ausflüge in den Free Jazz oder in die 'schräge' klassische Avantgarde, immer zur rechten Zeit und nie länger als willkommen, sorgen dafür, dass man (lies: ich) von vorne bis hinten gespannt und dabei tiefenentspannt -das geht- dran und drin bleibt.
Joe Dvorak (26.05.2024, 08:17):


Downtown Lullaby (1998)

John Zorn (Altsaxophon), Wayne Horvitz (Tastenistrumente), Elliott Sharp (Gitarre), Bobby Previte (Schlagzeug)

Ein Gipfeltreffen. Elliott Sharp, zwei Jahre älter als Zorn, kommt aus dem gleichen Milieu (wie der Titel des Albums verrät, aus der New Yorker Downtown-Szene) und ist ähnlich profiliert als alle Grenzen negierender Omnistilist. Das Album soll komplett frei improvisiert sein, was angesichts der Schlüssigkeit mancher Songaufbauten und des - abgesehen von ein paar Schnatter- und Quietscheinlagen von Zorn - weitgehenden Fehlens aller Free-Klischees kaum vorstellbar scheint. Die Musik groovt häufig und erinnert mit ihrem hohen Elektrifizierungsgrad eher an Jazzrock-Fusion der ersten Stunde oder an wilden Progressive Rock der Marke Van der Graaf Generator. Heimlicher Star des Albums ist Horvitz, der seinem Tastenarsenal oft originelle Klänge zwischen retro und futuristisch entlockt. Eine feine Sache, wenn auch für mich nicht wirklich essentiell und wenig zum allzu häufigen Wiederhören einladend.
Joe Dvorak (26.05.2024, 16:52):


Aporias (Requia for Piano and Orchestra, 1998)
Stephen Drury, Hungarian Radio Children's Choir, American Composers Orchestra, Dennis Russell Davies

Über diesen Verschnitt aus Klavierkonzert und Requiem habe ich schon im Komponisten-Thread meine Ratlosigkeit zum Ausdruck gebracht, die auch nach mehrfachem Wiederhören nicht ganz weichen will. Das Prelude ist klassischer Zorn vom Allerfeinsten, in der Höchstform von For Your Eyes Only, auch wenn sich mir der Sinn der endlosen Glockenschläge immer noch nicht erschließen will. Das im weiteren Verlauf des Werks wiederholte Abtauchen in leiseste Passagen an der Grenze zur Unhörbarkeit ist wohl dem Konzept geschuldet. "Eine Aporie ist eine unmögliche Passage, und diese Requia sind eine Hommage an den unbeugsamen schöpferischen Geist, der die Aporie von Leben und Tod verhandelt" (John Zorn Resource - Aporias). Kopfhörer und Konzentration helfen beim Durchdringen, aber es bleibt geheimnisvoll und rätselhaft - doch ist es nicht das, was uns die Kunst auch geben soll? Der Versuch, außerweltliche Welten zu erschließen, die für uns letztlich unergründlich sind?
Joe Dvorak (26.05.2024, 18:08):


Masada - Yod (1998)

John Zorn (Altsaxophon), Dave Douglas (Trompete), Greg Cohen (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug)

Der zehnte Teil der Reihe ist ein würdiger Abschluss, bei dem das Ensemble noch einmal alle Register zieht - von schneidend intensiv bis kontemplativ, wobei Zorns gereifter, wärmerer Ton besonders positiv auffällt. Wer sich für stark von Ornette Coleman beeinflusstem 'jüdisch-spanisch' oder 'arabisch' oder 'orientalisch' gefärbten postmodernen Jazz interessiert, der nicht leugnet, dass es den Free Jazz gegeben hat, findet in dem Schaffen von Masada ein reichhaltiges Betätigungsfeld, wobei ich musikalisch die Bände 1, 3, 5 und 8 vorziehen würde. Was die Nummer 10 auszeichnet, ist die Aufnahmetechnik, die Barons Schlagzeug so realistisch eingefangen hat, dass man glauben könnte, es befände sich im Hörraum. Mir fällt -außer vielleicht Terry Bozzios für Frank Zappa eingespieltes Solo Hands with a Hammer- keine Aufnahme ein, auf der ich einen derartig authentischen Schlagzeugsound von der Konserve gehört habe.
Joe Dvorak (30.05.2024, 17:49):


The Bribe (Variations and Extensions on Spillane, 1986, VÖ: 1998)

Der Untertitel weist auf die Nähe zum Überwerk Spillaine hin. Es handelt sich um die Musik zu drei Hörspielen, die in zeitlicher Nähe entstanden sind und zum Teil dasselbe Material verwenden, das weitgehend von denselben Musikern dargeboten wird. Viele der Fragmente, die in Spillane Eingang gefunden haben, finden sich hier in ihrer längeren Rohform wieder. Dadurch wirkt The Bribe weniger collagenhaft, auch wenn einige der 26 Stücke selbst ein Patchwork aus Dutzenden von Versatzstücken sind. Das stilistische Spektrum umfasst, wie so vieles in Zorns Schaffen dieser Zeit, eine lange Liste: swingender Jazz, harter Rock, treibender Funk, Geräusche, freie Improvisationen, Exotika, Ambient und vieles mehr, selbst deftige, bierzelttaugliche Volksmusik wird in Ives'scher Manier übereinandergeschichtet. Erstaunlich ist, wie das alles zusammenpasst, dass kein Firlefanz dabei ist, was Zorns -von Frank Zappa geteilte- Ansicht, dass alle Stile und Genres gleichberechtigt und unter Oberfläche verwandt und aufeineinander bezogen sind, bestätigt. (In der Tat klingt die Musik hier und da ein wenig zappaesk). Unerklärliche Ausflüge in spirituelle Tiefendimensionen heben das Ganze über ein intellektuelles Vergnügen hinaus. Das ist Musik, die man einfach lieben muss. Am Original kommt man freilich nicht vorbei, weil dieses trotz seines weitaus collagenhafteren Charakters formal schlüssiger ist.
Joe Dvorak (31.05.2024, 05:44):


Music for Children (1998)

Im selben Jahr, in dem er mit The Circle Maker einen absoluten Hochkaräter loslässt, bringt Zorn diesen unausgegorenen Mix, bei dem hinten und vorne nichts zusammenpasst. Drei einminütige Stücke aus der Naked City Area, eine ausgedehnte experimentelle Ambient/Sounddesign-Komposition, ein Stück, das wie ein Outtake der Circle Maker Session erscheint, und der Titelsong, ein klassisch-avantgardistisches Trio (Violine, Klavier, Perkussion), eines der typischen schräg-atonalen Stücke Neuer Musik, bei dem ich mich am Ende frage: und nun? Das ist alles ganz OK, aber weder einzeln essentiell, noch durch die krude Kombination und weiteres Füllmaterial zu neuen Einsichten führend. Also genau das Gegenteil vom vorigen besprochenen Album. Frustrierend.
Joe Dvorak (31.05.2024, 13:36):


Masada - Live in Taipei 1995 (AD: 22-25 Mrz 1996, VÖ: 1998)

John Zorn (Altsaxophon), Dave Douglas (Trompete), Greg Cohen (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug)

Dies ist die erste Veröffentlichung einer Reihe von Live-Alben, die während und nach der aktiven Studiozeit des Vierers aufgenommen wurden.
Beim Erstling habe ich mich bei den Jahreszahlen nicht geirrt, das waren die Gestalter des Covers. Wichtiger ist der Inhalt. Gut, man kann an der Klangqualität herummäkeln, es klingt etwas distanziert und hallig, und es fehlt die letzte Brillanz. Aber das Quartett zieht bei diesen drei Konzerten (wobei ich nicht herausfinden konnte, ob sie chronologisch und in voller Länge wiedergegeben werden) alle Register. Schon die entspannte Eröffnungsnummer, in der Zorn eines seiner besten Soli abliefert, das ich bis dahin gehört habe - ganz ohne Geschnatter, Gequietsche und Geräusche - über entspanntem Getrommel und gelassenem Bass-Ostinato, versetzt mich in Hochstimmung. Ab und zu lässt es die Band richtig krachen, spielt sich frei, erinnert dann in ihrer Intensität an späte Live-Aufnahmen von Albert Ayler (naja, fast) und schießt manchmal etwas über das Ziel hinaus, aber das Publikum hat hörbar Spaß daran. Und ich auch.
Joe Dvorak (02.06.2024, 03:57):


Masada - Live in Jerusalem 1994 (AD: 18 Mai 1994, VÖ: 1999)

Dieser aus zwei Sets bestehende Konzertmitschnitt entstand drei Monate nach der ersten Studiosession der Band. Das ist weniger abenteuerlich als die zwei Jahre später in Taipei entstandene Aufnahme, das Gefühl der Eintönigkeit, das die frühen Studioalben plagt, stellt sich auf Dauer auch hier ein, aber was wirklich stört, ist, dass mir die schrillen Ausbrüche von Zorn oft recht willkürlich gesetzt erscheinen - an manchen Stellen nervt das regelrecht. Ein Lichtblick ist Baron, dessen Schlagzeugsoli nicht dazu verleitet, die Zeit zu nutzen, um sich schnell ein neues Bier aus der Küche zu holen. Die Soundqualität ist für ein Live-Album superb, dennoch ist dies eine der Platten, bei denen ich als Rezensent den Textbaustein "nur für Komplettisten" anklicken würde.
Joe Dvorak (02.06.2024, 04:48):


Godard / Spillane (AD: 1985 & 1986, VÖ: 1999)

Die seit langem völlig vergriffene Collage Godard, die ursprünglich auf einem Tributalbum für den französischen Filmemacher erschien, wird hier in Kombination mit einer Wiederveröffentlichung des Hauptwerks des Spillane-Albums präsentiert. Das war überfällig, denn Godard teilt nicht nur die Atmosphäre des Film Noir, sondern auch die Qualität mit seinem Begleiter. Es ist etwas kürzer und fragmentarischer- so wie ich Spillane in dieser Hinsicht zwischen den Game Pieces und der ersten Naked City einordne, so steht Godard zwischen den Game Pieces und Spillane. Die gebotene Vielfalt ist noch grösser -unter anderem finden sich Versatzstücke aus der Chinesischen Oper-, aber es fehlt der zwingende Zusammenhalt, der Spillane auszeichnet. Dort gelingt es Zorn mit einem markanten Hauptthema, das gegen Ende wiederkehrt worauf als "Coda" ein sphärischer Ausklang folgt, dieses omnistilistische Flickwerk überzeugend in eine Großform zu gießen.
Joe Dvorak (03.06.2024, 04:39):


The String Quartets (1999)

Joyce Hamman (Violine), Mark Feldman (Violine), Lois Martin (Viola), Erik Friedlander (Violoncello)
Cat o'Nine Tales (1988)
The Dead Man (13 Specimen for String Quartet, 1990)
Memento Mori (Ignotium Per Ignotius - The Unknown by Way of the More Unknown, 1992)
Kol Nidre (1996)
Dieses Album wurde bereits andernorts vorgestellt und ist, soweit ich sehen kann, das einzige von Zorn, über dessen Musik in diesem Forum eine kurze Diskussion entstand. Ich verweise auf den Komponisten-Thread, wo ich auch meinen Teil kund getan habe, wobei die Äußerung, das Eröffnungsstück sei zu lang, aus heutiger Sicht nicht mehr haltbar ist. Betrachtet man die Stücke im Kontext von Zorns Gesamtwerk, so offenbart sich eine gewisse Logizität. Die 9-schwänzige Katze entstand in zeitlicher Nähe zu Spillane und bildet zusammen mit dem Kammerorchesterwerk For Your Eyes Only (1988) und dem Soloklavierstück Carny (1989) die Trias, in der dieser Karteikarten-Collage-Stil im klassischen Gewand zum Höhepunkt geführt wurde. Bei The Dead Man ist neben der zeitlichen Nähe auch die Spieldauer mit 13 Stücken in 13 Minuten ein Fingerzeig auf Naked City. Und Kol Nidre entstand in der Zeit, in der sich Zorn hauptsächlich mit dem Masada-Projekt und der 'Radical Jewish Culture' beschäftigte. Einzig Memento Mori steht in bis dahin seinem Schaffen ziemlich einzigartig da. Für mich ist dieser Halbstünder ein Statement, das sich nicht hinter Lachenmann oder Carter (die mir unqualifiziert immer wieder als Eckpunkte in den Sinn kommen, wenn Zorn klassisch wird) zu verstecken braucht. Unter den unverzichtbaren ist dies eines der unverzichtbarsten Zorn-Alben.
Joe Dvorak (06.06.2024, 03:51):


Music Romance Vol. 2: Taboo and Exile (1999)

In Ermangelung eigener Worte schreibe ich vom Klappentext ab. Mit einer stilistischen Bandbreite von stimmungsvoller Exotica, Hardcore-Punk, Klassik, Jazz, Surf, Weltmusik und mehr bietet dieser zweite Band der Music Romance Reihe zwölf neue Zorn-Kompositionen, interpretiert von den besten musikalischen Visionären unserer Zeit. Das klingt nach Zorn von der Stange, aber was dieses Album gegenüber z.B. dem ersten Teil (Music for Children) auszeichnet, ist das Fehlen von Ausfällen und die Tatsache, dass trotz - oder gerade wegen - der Sprünge zwischen den Genres und Stilen ein kohärenter und stringenter Fluss entsteht, der selbst bei Zorn eine Seltenheit ist. Ein Kopf und Bauch höchst befriedigendes Vergnügen mit hohem "Immer wieder hören müssen"-Faktor.
Joe Dvorak (06.06.2024, 09:42):


Masada - Live in Middleheim 1999 (Antwerpen, Belgien, 15 Aug 1999)

Meine Güte. Mit dieser Show pulverisiert das Quartett nicht nur die Vorgänger, sondern auch 99% der (mir bekannten) Live-Jazz-Platten da draußen. Die Legende besagt, dass die vier erst am Vortag aus den USA angereist sind und danach in alle Himmelsrichtungen zerstoben um andere Projekte zu verfolgen. Es war demnach eine einmalige Sache und ich habe den Eindruck, dass hier wirklich alles vorhandene Herzblut hineingelegt wurde. Die leise Kritik an den Vorgängern bezüglich Klang oder Vielschichtigkeit wird hier im Wortsinn weggeblasen. Da brennt die Hütte und das Publikum dankt es hörbar. Aber auch die leisen Töne kommen nicht zu kurz und werden mit der gleichen Hingabe vorgetragen. Das Zusammenspiel ist so dicht, dass es einem den Atem verschlägt. Das ist eine Sternstunde sondergleichen, für die ich zu qualitativen Vergleichszwecken ganz tief in die Referenzkiste greife und John Coltranes Live at the Village Vanguard wie auch Albert Aylers Live In Greenwich Village heranziehe. Das ist wirklich so gut.
Joe Dvorak (07.06.2024, 10:07):


Xu Feng (2000)

Fred Frith & John Schott (Gitarre), Dave Lombardo & William Winant (Schlagzeug, Perkussion), Chris Brown & David Slusser (Elektronik)

Dass Zorn auch eine Affinität zum harten Fach hat, haben wir bei Naked City und Painkiller gesehen, aber als ich den Namen Dave Lombardo (der schon auf Taboo and Exile bei 3 Titeln mitgespielt hat) gesichtet habe, dachte ich zuerst an eine Namensgleichheit. Aber es ist tatsächlich der 'Godfather' der Doppelbasstrommel, der auf den ersten Alben der Thrash-Metaller Slayer die Felle verprügelt hat. Vom Sound dieser Band ist die Einspielung dieses kurz nach Cobra komponierten Game Piece allerdings weit entfernt. Das ist hochgradig abstrakt und trotz der Anwesenheit zweier Elektroniktüftler auf Dauer etwas eintönig. Immerhin klingt es wie nichts von dem, was Zorn bisher gemacht hat, und mehrfaches Hören offenbart immer weitere Subtilitäten, aber als Rezensent würde ich hier wohl den Textbaustein "da wäre mehr drin gewesen" anklicken.
Joe Dvorak (08.06.2024, 03:25):


Cartoon/S&M (2000)

Album I: Cartoon
Cat o'Nine Tales für Steichquartett
Mondriaan Quartet
Carney für Klavier solo
Tomoko Mukaiyama
For Your Eyes Only für Kammerorchster
Asko Ensemble, Stephen Ashbury
Kol Nidre (Version für Streichquartett)
Mondriaan Quartet
Album II: S&M
The Dead Man für Streichquartett
Mondriaan Quartet
Music For Children für Violine, Klavier & Perkussion
Jan Erik Van Regteren Altena, Tomoko Mukaiyama, Arnold Marinissen
Memento Mori für Streichquartett
Mondriaan Quartet
Kol Nidre (Version für 4 Klarinetten)
Ermo Hartsuiker, Ina Hesse, Niek Wijns, Rick Huls
Ein Blick auf den Albentitel lässt an die Filmwerke denken, ein Blick auf die Titelliste an einen Sampler von bereits veröffentlichtem Material, aber es handelt sich um alternative Interpretationen von Zorns streng klassisch-zeitgenössischer Kammermusik. Unter anderem finden sich alle Streichquartette, für die das Mondriaan Quartett, das unter anderem Einspielungen von Antheil, Ives, Schnittke und Milhaud vorgelegt hat, ein perfekter Anwalt ist. Sie spielen etwas weniger aggressiv in den geräuschhaften Passagen und klangschöner in den, nun ja, schönen Passagen, wirken einen Ticken kontrollierter und damit unterm Strich zugänglicher, ohne den Werken etwas von ihrer Radikalität zu nehmen. Das Klavierstück hingegen ist im Vergleich mit Drury deutlich mehr auf der avantgardistischen Seite realisiert, die stilistische Vielfalt wirkt dadurch etwas eingeebnet. Die Music for Children, deren Ersteinspielung ich noch abgekanzelt habe, wirkt hier wohl deshalb zugänglicher, weil sie sich in den Kontext einfügt. Der Hammer sind freilich die beiden Einspielungen von Kol Nidre, einer völlig neutonfreien Trauermusik im Echoraum von Mahler und Sibelus, vor allem die Fassung für Klarinettenquartett, die als einzige Ersteinspielung das Doppelalbum abschliesst. Rezensenten-Textbaustein: Ein Muss. Joes Gschmarri: Ein besseres Album mit zeitgenössischer Kammermusik muss mir erst mal jemand zeigen. Macht dieses sadomasochistische Karikatur-Doppelalbum nun Angelus Novus (mit For Your Eyes Only und Carney) und die reine Quartettplatte überflüssig? Quark, man braucht sie natürlich alle - wir geben uns ja auch nicht mit einer Einspielung der Beethoven-Quartette zufrieden.
Joe Dvorak (09.06.2024, 10:54):


Masada - Live in Sevilla 2000 (Teatro Central, Sevilla, Spanien, 18 Mar 2000)

Wieder ein absolut überragendes Konzert mit unzähligen Höhepunkten. Man achte beispielsweise nur mal auf die Staffelstabübergabe von Zorn an Douglas im Eröffnungsstück Ne'eman bei der 7-Minuten-Marke: Das sind die Feinheiten, die ein absolutes Spitzenensemble ausmachen, und das sind die erhebenden Momente im Leben eines Musikhörers. Dieser Gig ist noch einen Kanten variabler als der aus Belgien, lies: mit heftigeren Ausschlägen in freie Gefilde , aber gerade dort beeindrucken Konzentration, Dichte und Präzision noch mehr. Beide Alben gehören in die Königsklasse, nicht nur für Zorn und Masada, sondern überhaupt. Rezensenten-Textbaustein: Keine Jazz-Sammlung, in der diese beiden Alben fehlen, darf sich komplett nennen.
Joe Dvorak (09.06.2024, 16:02):


Filmworks IX - Trembling before G-d (2000)

Chris Speed (Klarinette), Jamie Saft (Orgel, Klavier) /w Cyro Baptista (Perkussion, 2/18 Tracks), John Zorn (Stimme, 1/18 Tracks)

Ein sehr intimes Duo, meist auf der ruhigen, fast meditativen Seite, manchmal dunkel-melancholisch, immer sehr eindringlich, aber nie sentimental. Entsprechend dem Thema des Films, einer Dokumentation über homosexuelle orthodoxe Juden, ist die Musik 'orientalisch' geprägt, unter anderem wurden Themen aus dem Masada-Liederbuch verwendet. Die Musiker sind hervorragend - Speed muss man Jazzfreunden nicht vorstellen - und vollends zum Gewinner wird das durch den stringenten Fluss. Das Titelstück eröffnet das Werk, zunächst mit der Klarinette allein, die Orgel gesellt sich später dazu. Im Mittelteil taucht es wieder auf, diesmal als Orgelsolo und gegen Ende quasi als Reprise ein drittes Mal - hier beginnt die Orgel allein und die Klarinette setzt später ein. Auch andere Titel werden mehrfach gespielt, z.B. mal als Klarinette/Orgel-Duo und mal als Klaviersolo oder mal in einer langsamen und mal in einer schnelleren Variante. Diese vielen Querbezüge geben dem Ganzen einen starken formalen Zusammenhalt. Der Wermutstropfen ist ein Stück, bei dem Zorn mit einem unsäglichen Gesangseinsatz 'glänzt'. Es mag sein, dass dieses aus dem Rahmen fallende Lied zur Handlung des Films gehört, aber für dieses Soundtrack-Album hätte man es weglassen können, da es - obwohl kaum mehr als eine Minute lang - die Grundstimmung empfindlich stört. Die beiden Einsätze von Baptista sind dagegen sehr gut eingepasst, gerade dann, wenn es wegen der überwiegend langsamen Gangart etwas zäh zu werden droht. Ein sehr beeindruckendes Dokument, für dessen Verinnerlichung es die Kenntnis des Films nicht braucht.
Joe Dvorak (12.06.2024, 03:24):


Music Romance Vol. 3: The Gift (2001)

Marc Ribot (Gitarre), Jamie Saft (Farfisa Orgel, Wurlitzer Piano, Klavier, Synthesizer), Trevor Dunn (Bassgitarre), Joey Baron (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion) w/ Ned Rosenberg (Shakuhachi), Dave Douglas (Trompete), Jennifer Choi (Violine), Masumi Rostad (Viola), Raman Ramakishnan (Violoncello), Greg Cohen (Kontrabass), Mike Patton (Stimme), John Zorn (Theremin, Klavier)

Der PR-Text auf dem Cover bringt es auf den Punkt: Eine wunderschöne und lyrische Erkundung von Surf, Exotica, Easy Listening und World Beat. The Gift ist ein ehrliches und aufrichtiges Angebot an Musikliebhaber auf der ganzen Welt: eine Einladung, die Sorgen und Nöte der Welt zu vergessen, sich zurückzulehnen und zu entspannen. Allerdings mit einem Twist am Ende.
Die genannten Genres klingen nicht gerade einladend, aber wenn man erst einmal drin ist, sind alle Bedenken zerstreut. Zorn hat diese Seite punktuell schon auf einigen seiner Filmwerke und auf Taboo & Exile erkundet, aber dass er sich fast ein ganzes Album lang auf die leichte Muse verlegt, ist ebenso erstaunlich wie die Tatsache, dass es nicht nur funktioniert, sondern eines seiner Allerfeinsten geworden ist. Wem das zu seicht erscheint (ist es nicht, dafür steckt zu viel Liebe zum Detail drin), der legt anschließend Guts of a Virgin auf.
Joe Dvorak (12.06.2024, 04:39):


Filmworks X - In the Mirror of Maja Deren (2001)

Jamie Saft (Klavier, Orgel, Wurlitzer Piano), Erik Friedlander (Violoncello), Cyro Baptista (Perkussion), John Zorn (Klavier, Perkussion)

Dies ginge als Schwesterwerk zu Nr. IX durch. Die intime, unsentimental-melancholische Grundstimmung, die formale Geschlossenheit mit mehrfacher Verwendung von Titeln in verschiedenen Instrumentierungen, der bedachte Einsatz von Perkussion - das teilt dieser Soundtrack mit dem Vorgänger, aber alles wirkt noch einmal eine Stufe souveräner, überlegener komponiert und zugleich noch unmittelbarer. Joes Prädikat: besonders wertvoll.
Joe Dvorak (12.06.2024, 05:02):


Love, Madness & Mysticism (2001)

Stephen Drury (Klavier), Jennifer Choi (Violine), Erik Friedlander (Violoncello)
Le Momo für Violine & Klavier (1999)
Untitled für Cello solo (1999)
Amour Fou für Klaviertrio (1999)
Im Vergleich zu Cartoon/S&M wirkt dieses Kammermusikalbum geradezu konventionell. Es fehlen die harten Schnitte und Collagen, es gibt keine Stilkollisionen, nur selten extreme Ausdrucksformen. Man hört dem Album eine gewisse 'U-Musik-Informiertheit' an, ohne dass dies auch nur in die Nähe von Crossover käme - das bleibt Avantgarde reinsten Wassers, die aber niemanden erschrecken sollte, der die Moderne nicht grundsätzlich ablehnt. Das locker von Messiaen und Skrjabin beeinflusste Klaviertrio ist nicht besser oder schlechter als andere Gattungsbeiträge der gemäßigten Moderne - Kagels Trio in drei Sätzen (1984/85) kommt mir unqualifiziert als ganz grober Referenzpunkt in den Sinn - und wer sein Hörrepertoire in diesem Bereich erweitern will, hat hier eine astreine Empfehlung vorliegen. Großartig auch die Geschlossenheit als Album, das als Ganzes mehr wirkt als nur eine Sammlung von Einzelwerken. Top-Notch! Zorn hatte um diese Zeit herum einen unglaublichen Lauf...
Joe Dvorak (13.06.2024, 12:03):


Songs from the Hermetic Theatre (2001)

John Zorn (alle Instrumente, Elektronik, Klangobjekte)
American Magus (für Elektronik)
In the Very Eye of the Night (für Elektrische Bassgitarre, Wasser, Holzflöte, Basstrommel, Klavier, Glasschüssel & Sprachsample)
+ Maya Deren (Stimme)
The Nerve Key (für Computer)
Beuysblock (für Metallrohre, Honig, Wachspapier, Schlamm, Blumentöpfe, Bartschere, getrocknete Blätter, Kelle, 78 U/min Schallplatten, Einmachglas, Elektrosäge, Gummiball, Seidenpapier, Talg, Ziegelsteine, Dreck, Rasierer, Schreibblock, Bleistift, Glühbirne, Maschinenteile, Tafel, Wäscheklammer, elektrischer Ventilator, Metalleimer, Grammophon, Äste, Filz, Fett, Polaroid-Kamera, L-Hosenträger, Reißverschlüsse, Rohrstock, Hardcover-Buch, Wasser, Nagelknipser, alte Schutzhüllen, Schlüssel, Gummistempel, Blut, Tür, Hasenkadaver, Klemmleuchte, Tacker, Haare, Zeitung, Hammer, Vakuumröhren, schwere Müllsäcke, Handtuch, 82 Dollar Bargeld, Pinsel, Kaffeekanne, Kanüle, verrostetes Metall, Schuhe mit Gummisohle, Spielzeug-Megaphon, Maracas, Klavier & Streicher)
+ Jennifer Choi (Violine, Multi-Track)
Im Komponisten-Thread habe ich noch versucht, die Existenz dieses Albums zu 'rechtfertigen'. Heute, fast genau 2 Jahre weiser, kann ich das nicht mehr gut hören. Mit Ausnahme des letzten Stückes. Man kann das nach einem Blick auf die 'Instrumentierung' ungehört mit der Bemerkung "Stiermist!" wegwischen, oder man kann einräumen, dass das immerhin recht originell ist und dass es durchaus einer gewissen kompositorischen Kunst bedarf, daraus Musik zu machen - und paradoxerweise ist Beuysblock das 'musikalischste' Stück auf der Platte. Der Versuch, die einzelnen Klangerzeuger zu identifizieren und wie sie spezifisch eingesetzt werden (Blut?), bereitet durchaus Vergnügen - Musikgenuss muss nicht immer bierernst von statten gehen. Wobei das Stück auch ohne das Wissen, wie es gemacht ist, bestehen kann, jedenfalls in meinen Ohren.
Joe Dvorak (14.06.2024, 02:49):


Masada - Live at Tonic 2001 (New York, 16 Jun 2001)

Nicht zu verwechseln mit der 1999 an gleicher Stelle entstandenen Bild- und Tonaufnahme, die meines Wissens nur auf DVD erhältlich ist.

Die Doppel-CD enthält zwei Gigs, die am selben Tag gespielt wurden. Während der erste mit den beiden genialen Vorgängern (Middleheim & Sevilla) auf einer Höhe ist, übertrifft der zweite das alles noch einmal. Das ist Jazz von einem anderen Stern, in jeder Hinsicht (Titelauswahl und -abfolge, Themen, Songstrukturen, Gestaltung der Soli und Kollektivimprovisationen, Dichte, Konzentration, Präzision, Verbundenheit, Zusammenklang, Variabilität, Einfallsreichtum, Hingabe, Intensität, Energie...) absolut makellos. Da gibt es wirklich nichts, aber auch gar nichts zu kritisieren, und ich komme aus dem Staunen nicht heraus - nicht nur über das, was hier geboten wird, sondern auch über die Tatsache, dass diese Platte nie in den Polls gewürdigt wird.
Joe Dvorak (14.06.2024, 05:17):


Cobra (2002)

Mark Feldman (Violine), Jennifer Choi (Violine), Erik Friedlander (Violoncello), Marcus Rojas (Tuba), Josh Roseman (Posaune), Sylvie Courvoisier (Klavier), Jamie Saft (Tasteninstrumente), Derek Bailey (Gitarre), Mark Dresser (Kontrabass), Trevor Dunn (Bassgitarre), Susie Ibarra (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion), Ikue Mori (Elektronik), Annie Gosfield (Sampler), John Zorn (Leitung)

Diese Realisierung der Schlange beginnt so chaotisch, wie man sich das bei einer Komposition vorstellen kann, die nur aus Regeln und Anweisungen besteht und auf sonstiges freiheitsbeschränkendes Zeug wie Taktstriche, Noten und dergleichen verzichtet. Aber man lasse sich nicht täuschen oder gar abschrecken - das gleitet bald wie von selbst in ein stimmiges, formvollendetes Werk voller magischer Momente über. Im Gegensatz zu früheren Realisierungen belässt Zorn das Ensemble lange in einem Modus, wenn es einmal eingerastet ist. Das Ergebnis ist ein fesselndes akustisches Abenteuer, das seinesgleichen sucht. Indispensabel!
Joe Dvorak (15.06.2024, 02:44):


IAO (2002)

Was kann nach den beiden vorhergehenden Überalben noch kommen? Zum Beispiel eine "hypnotische siebensätzige Suite aus Alchemie, Mystik, Metaphysik und Magie, schwarz und weiß". Hier wird die Richtung, abgeschlossene längere Stücke aus aller Herren Genres auf einem Album zu vereinen und zu versuchen, irgendwie Zusammenhang zu stiften, weiterverfolgt. Ob es gelingt, bleibt dem Urteil des Hörers überlassen. Als Hilfe werden beim Kauf des Albums ein paar Karten mitgeliefert, mit denen man darüber meditieren kann. Zumindest kann man Zorn nicht vorwerfen, sich dem Publikum anzubiedern. Die Chancen, ein Album zu verkaufen, das Ambient, monotone rituelle Perkussion, Horrorfilm-Soundtracks, A-cappella-Frauenchöre, Elektronik mit hochfrequentem Pfeifen und Zirpen und als Krönung einen Thrash/Death/Black-Metal-Track enthält, sollten eigentlich gleich null sein. Aber IAO hat sich seinen Weg in die Listen der besseren Zorn-Alben gebahnt und ich kann mich dem gerade noch so anschließen, wenn auch mit dem Vorbehalt, dass man das als Novize tunlichst meiden sollte.
Joe Dvorak (15.06.2024, 04:40):


Filmworks XI: 2002 Vol. 1 - Secret Lives (2002)

Masada String Trio
Mark Feldman (Violine), Erik Friedlander (Violoncello), Greg Cohen (Kontrabass) /w Jamie Saft (Klavier, 1/21 Tracks), Vanessa Saft (Stimme, 2 Tracks)

Dieser 11. Soundtrack folgt dem Muster der beiden vorhergehenden (eher auf der düster-melancholischen Seite und mit Mehrfachverwendung von Titeln), allerdings gibt es hier mehr filmmusikalische Dramatik - Songtitel wie Tension, Drama, Darkly und The Trap sind deutliche Hinweise. Das ist dem Thema, Kinder, die vor den Nazis versteckt werden, zuzuschreiben, aber wenn man den Film nicht gesehen hat, kann das kaum eigenständig als absolute Musik funktionieren. Darüber hinaus ist das - wohl auch dem Sujet geschuldet - arg simplistisch komponiert und das Abgleiten ins Sentimentale - Einsatz der Kinderstimme, einige arg weinerliche Cellolinien - kann nicht immer ganz verhindert werden. Damit fällt dieses Album eher in die zu meidende Kategorie.
Joe Dvorak (16.06.2024, 03:07):


Filmworks XII: 2002 Vol. 2 - Three Documentaries (2002)
Homecoming
Jennifer Charles (Stimme), Mark Feldmann (Violine), John Zorn (Wurlitzer Piano, Glasharmonika, Orgel), Jamie Saft (Wurlitzer Piano)
Shaolin Ulysses
Min Xiao-Fen (Pipa), Marc Ribot (Gitarre), Trevor Dunn (Kontrabass), Cyro Baptista & Roberto Rodriguez (Perkussion)
Family Found
Erik Friedlander (Violoncello), Jennifer Charles (Stimme)
Glaubt man den Marketingstrategen, so ist die Musik zu den drei Dokumentarfilmen so vielseitig wie die Filme selbst. Sie haben allerdings vergessen zu erwähnen, dass der Mittelteil fast zwei Drittel der Spielzeit einnimmt und nicht ohne Langatmigkeit und Trivialitäten auskommt. Es ist durchaus hörenswert, was der Pipa-Meister mit seinem Instrument anstellt, aber das bekommt man auf Teil VIII der Filmreihe im Rahmen einer kompakteren und schlüssigeren Komposition. Das erste Werk überrascht mit deutlichen Bezügen zum Minimalismus (schon der Titelname "Vocal Phase" verweist auf Steve Reich, daneben kommt mir auch das ECM-Trio Azimuth in den Sinn) und zeigt auch sonst gute Ideen, wirkt aber zu fragmentarisch und das kurze Schlusswerk ist kaum mehr als eine nette Dreingabe. Nicht wirklich schlecht, aber auch nicht essentiell.
Joe Dvorak (16.06.2024, 03:47):


Filmworks XIII: 2002 Vol. 3 - Invitation to a Suicide (2002)

Rob Burger (Akkordeon), Marc Ribot (Gitarre), Erik Friedlander (Violoncello), Trevor Dunn (Kontrabass), Kenny Wollesen (Vibraphon, Marimba, Schlagzeug)

Diese Musik zu einer schwarzen Komödie ist ein absoluter Gewinner. Verwurzelt im leichten Jazz-Idiom, mit einer äquivalenten Portion Blues, durch repetitive Muster von gestimmter Perkussion hier und da mit minimalistischen Tendenzen, und durch die Instrumentierung unweigerlich von Piazolla beeinflusst. Burger, von Haus aus eigentlich Pianist und von Zorn in letzter Minute an die Quetsche beordert, und Ribot machen die Show mit schlüssigen, prägnanten Improvisationen - vor allem Ribot zeigt, wie man Spannung aufbaut und hält, ohne in virtuoses Gefrickel zu verfallen. Jazz-Alben, die so originell besetzt sind und nicht nach kurzer Zeit ermüden, kenne ich nicht viele. Auf die Idee, dass es sich hier um Filmmusik handelt, wäre ich beim Blindhören nie gekommen. (Dass es Zorn ist, zeigt das letzte Stück, ein kurzer Metal-Track, der zum Rest passt wie Tabasco zu Crème brûlée). Ein absolutes Muss.
Joe Dvorak (17.06.2024, 02:37):


Naked City - Live Vol. 1 (Knitting Factory, New York 1989, VÖ: 2002)

John Zorn (Altsaxophon), Bill Frisell (Gitarre), Wayne Horvitz (Tasteninstrumente), Fred Frith (Bassgitarre), Joey Baron (Schlagzeug)




Masada - First Live 1993 (Knitting Factory, New York, 2 Sep 1993, VÖ: 2002)

John Zorn (Altsaxophon), Dave Douglas (Trompete), Greg Cohen (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug)




Painkiller - Talisman (Live in Nagoya, 24 Nov 1994, VÖ: 2002)

John Zorn (Altsaxophon, Elektronik, Stimme), Bill Laswell (E-Bass, Klangeffekte), Mick Harris (Schlagzeug, Stimme)


Dass diese Konzertmitschnitte aus den Archiven gehoben wurden, war überfällig. Weder Naked City noch Painkiller hatten zu ihrer aktiven Zeit Live-Aufnahmen veröffentlicht. Masada sind sehr gut dokumentiert, aber ihr allererstes Konzert ist für den Fan natürlich hochinteressant. Es ist trotz kleiner Schnitzer besser als die ein halbes Jahr spaeter gemachten Studioaufnahmen. Auch das Konzert von Naked City stammt aus der Zeit vor der Veröffentlichung des Studio-Debüts und enthält die meisten Stücke davon, teilweise länger und mit mehr Freiraum für die Solisten - das gefällt mir live noch besser. Dagegen bleiben Painkiller hinter den Studioaufnahmen zurück. Die brachiale, alles vernichtende Intensität der ersten beiden Platten und die ausgeklügelten elektronischen Tüfteleien der folgenden kommen live nicht so wirkungsvoll zum Tragen. So bleibt das eine eher 'konventionelle', aber sehr gute und immer noch stark mit Effekten beladene Free-Jazz-Session.
Joe Dvorak (17.06.2024, 09:11):


Chimeras (2003)

Ilana Davidson (Sopran), Stephen Drury (Klavier, Orgel, Celesta), Jennifer Choi (Violine), Fred Sherry (Violoncello), Michael Lowenstern (Bassklarinette, Klarinette), Tara O'Connor (Piccolo, Flöte, Altflöte, Bassflöte), Elizabeth Farnum (Sopran), William Winant (Perkussion), Brad Lubman (Leitung)
Chimeras für kleines Kammerensemble (2001)
Ein weiteres Werk der 'reinen' zeitgenössischen Klassik, das so verkopft ist wie vieles, was man aus dieser Ecke kennt. Das Werk basiert auf einer Zwölftonreihe, von der in jedem der zwölf Sätze ein Ton weggelassen wird, so dass die verlorenen Töne eine Reihe formen, die der ersten von Arnold Schönberg verwendeten entspricht. Ein weiterer Verweis auf den großen Österreicher ergibt sich aus der Besetzung, die der von Pierrot Lunaire mit zusätzlichem Schlagwerk entspricht, und hier wie wie dort treten die Instrumentalisten von Satz zu Satz in wechselnden Konstellationen auf. Ein Rezensent schrieb, die Kompositionsweise sei "irrelevant, wenn man nicht drei Jahre lang täglich zwei Stunden Musiktheorie genommen hat". (John Zorn: Chimeras Album Review | Pitchfork). Das mag ein bisschen überzogen sein, aber es ist ein Hinweis darauf, dass es besser ist, gar nicht erst zu versuchen, das Werk zu 'verstehen', sondern sich auf das klingende Ergebnis zu konzentrieren. Und das hängt in erster Linie von den Interpreten ab, von ihren Fähigkeiten und ihrer Integrität. Da ist der in höchste Höhen entschwebende textlose Sopran hervorzuheben, und auch sonst brennt bei Namen wie Drury und Sherry im Ensemble nichts an. So bekommt man hervorragend dargebotene, nun ja, typisch verkopfte zeitgenössische Klassik, die bei einem Publikum, das an Werken wie dem genannten Pierrot Lunaire oder an Boulez' Marteau sans maître Gefallen findet, durchaus ankommen könnte.
Joe Dvorak (18.06.2024, 14:06):


Masada Guitars (2003)

Bill Frisell (Gitarre, 7/21 Tracks), Marc Ribot (Gitarre, 9 Tracks), Tim Sparks (Gitarre, 5 Tracks)

1993 begann Zorn mit der Arbeit an seinem ersten Masada-Liederbuch. Als er 100 im Kasten hatte, machte er die ersten Einspielungen mit dem inzwischen legendären Quartett, weitere Aufnahmen mit unterschiedlichen Besetzungen folgten. Zum zehnjährigen Jubiläum - das Buch war auf 218 Einträge angewachsen - legte er eine weitere Serie von fünf Alben vor. Den Auftakt bildet das eben gehörte. Eine CD randvoll mit Sologitarrenmusik klingt zunächst eher nach einer Aufgabe als nach einem Vergnügen. Doch die Bedenken zerstreuen sich schnell, denn die drei Portagonisten pflegen jeweils einen sehr individuellen Stil und das Programm ist recht abwechslungsreich sequenziert. Dabei kommt dem Zorn-Alleshörer zugute, dass viele der Stücke mittlerweile gut vertraut sind und er sich am Vergleich der Arrangements und Interpretationen erfreuen kann. Hadasha zum Beispiel wurde vor diesem Album bereits sechs Mal aufgenommen (und weitere werden folgen). Ich beginne zu verstehen, wie es sich anfühlt, ein Insider zu sein. :P
Joe Dvorak (21.06.2024, 05:00):


Voices in the Wilderness (Masada 10th Anniversary Edition Vol. 2, 2003)

Diese Platte (genauer gesagt, diese Musikdatei) war die letzten Tage mein ständiger Begleiter. Wann immer freie Zeit war, wurde an der Stelle weitergehört, an der ich zuvor aufgehört hatte. So durfte dieses Doppelalbum mit 2 Stunden Musik insgesamt sieben Runden drehen. Eine Sammlung von 24 Stücken aus dem Masada-Liederbuch, interpretiert von den unterschiedlichsten Gruppen, vom Klezmer-Ensemble bis zur Jazz-Rock-Combo, vom klassisch-avantgardistischen Outfit bis zum Ambient, vom Saxophonquartett bis zum Klaviertrio. Da gerät allein das Lesen der Besetzungen (Voices in the Wilderness: Masada World) zu einem feuchten Traum. Ob mich das so lange bei der Stange gehalten hätte, wenn es meine erste Begegnung mit der Masada-Welt gewesen wäre? Wohl kaum, denn das ist schon eine Welt für sich und bei soviel Vielfalt ist es fast normal, dass mich drei, vier der Bearbeitungen auf Anhieb nicht so recht überzeugen wollten (lies: sie entsprachen weniger meinem Gusto), aber durch die Vertrautheit mit den Themen blieb das Interesse erhalten und nach und nach konnte ich mich mit allen Arrangements arrangieren. Von den Musikern gibt es nur Gutes zu berichten, vor allem von den beiden Jazz-Rock-Trios (einmal mit Orgel, einmal mit Gitarre plus jeweils der Rhythmusgruppe), die das zweite Album eröffnen, und insbesondere von der Geigerin auf dem Stück Tiferet, das, glaube ich, meine erste Begegnung mit Jenny Scheinmann war - und nach der war klar, warum sie eine ganz große Nummer in der Jazzwelt ist.
Joe Dvorak (22.06.2024, 13:32):


The Unknown Masada (Masada 10th Anniversary Edition Vol. 3, 2003)

Teil 3 der Jubiläumsserie ist ähnlich konzipiert wie Teil 2, nur dass es ein Einzelalbum geworden ist und, wie der Name vermuten lässt, Kompositionen enthält, die vorher noch nicht aufgenommen wurden - und mit einer Ausnahme ist es dabei auch geblieben. Sie sind deshalb nicht schwächer - einige klingen bekannteren sehr ähnlich - aber Arrangement- und Interpretationsvergleiche müssen unterbleiben. Die Vielseitigkeit ist noch etwas größer, was die Zugänglichkeit erschwert, weil auch die extremeren Ränder angeschnitten werden. So muss man sich darauf einstellen, dass auf ein ruhiges Solo für Bandura ein avantgardistisches Metal-Stück folgt, worauf sich ein experimenteller Track mit Trompete und Elektronik anschliesst. Ansonsten nehmen sich die Teile 2 und 3 nicht viel, es gibt reichlich Futter für den musikalischen Omnivoren, exzellent gespielt und gespickt mit vielen großen Momenten.
Joe Dvorak (22.06.2024, 14:25):


Filmworks XIV: Hiding and Seeking (2003)

Marc Ribot (Gitarre), Kenny Wollesen (Vibraphon), Trevor Dunn (Kontrabass), Cyro Baptista (Perkussion), Ganda Suthivarakom (Stimme, 4/12 Tracks)

Diese Musik zu einem von der Kritik gefeierten Dokumentarfilm über Holocaust-Überlebende fließt sehr entspannt dahin und erscheint beim ersten Hinhören etwas seicht, aber das legt sich schnell, denn wo Ribot draufsteht, ist auch unter der ruhigen Oberfläche viel Strömung vorhanden. Obwohl oder gerade weil er sehr geradlinig phrasiert, sowie harmonisch und rhythmisch wenig kompliziert agiert, ist sein Spiel, hier ausschließlich auf der akustischen Gitarre, von einer hineinziehenden Eindringlichkeit. Dieses Album ist in erster Linie seine Schau, die nur durch die vier textlosen Gesangseinlagen etwas getrübt wird. Musikalisch lässt sich das Werk irgendwo zwischen leichtem Jazz und Folk einordnen, ist aber weder das eine noch das andere. Es ist Musik, die leicht zugänglich, genussvoll und doch tiefgründig und bewegend ist.
Joe Dvorak (23.06.2024, 08:25):


Buck Jam Tonic (2003)

Bill Laswell (E-Bass), John Zorn (Alt- & Sporansaxophon), Tatsuya Nakamura (Schlagzeug)

Herrschaftszeiten nochmal! Das ist wieder ein Kontrastprogramm. Zorn kehrt hier zum Trioformat von Painkiller zurück, nur der Schlagzeuger ist ein anderer. Aber das reicht, um dem Trio ein eigenes Gepräge zu geben. Weniger kakophonisch (aber immer noch genug), weniger frei (obwohl das Material aus einer komplett improvisierten Session zusammengeschnitten wurde), zwar wie das Original mit Ausflügen in Dub- und Ambient-Gefilde, aber insgesamt mehr in traditioneller Jazz-Rock-Fusion verhaftet, freilich mit einer stark avantgardistischen Komponente und nicht ohne gelegentliche Verrücktheiten. Die erste CD wurde von Nakamura kompiliert, und man merkt, dass er hauptsächlich mit songorientierten Bands gespielt hat. 5 Titel in knackigen dreiunddreißigeinhalb Minuten. Laswells Mix dagegen kratzt an der 70-Minuten-Marke, und er bringt gerade mal 3 'Tracks' unter. Nicht uninteressant ist, dass beide teilweise identisches Ausgangsmaterial verwenden und neben der Kontextualisierung auch die klangliche Abmischung direkt verglichen werden kann - der Japaner ist kompakter, mit wenig Höhen (kein Garagensound, aber es geht in die Richtung) und zähmt Zorn ein wenig, rückt dafür sein Schlagwerk etwas mehr ins Zentrum. Der Amerikaner hingegen setzt auf einen breiteren und direkteren Sound mit viel Raum um die Instrumente, und obwohl ich nirgendwo Infos dazu gefunden habe, ist kaum zu überhören, dass er noch Tastenklänge dazugemischt hat (ich wüsste jedenfalls nicht, wie man manche Sounds aus den gelisteten Instrumenten herausbekommen soll). Laswells Sequenzierung hat den Vorteil, dass man die Steigerungen mitverfolgen kann, und man erlebt, wie sich die Band regelrecht in einen Rausch spielt (Tzu). Eine seltene Ausnahme ist, dass Zorn hier auch am Sopran zu hören ist. Das könnte er ruhig öfter spielen. Überhaupt - ich kann mich nicht erinnern, ihn als Saxophonisten so restlos überzeugend gehört zu haben wie hier. Dass dieses Album eine oft vergessene Randerscheinung im Zorn-Universum zu sein scheint, will mir so ganz und gar nicht einleuchten.
Joe Dvorak (23.06.2024, 13:28):


50th Birthday Celebration- (AD: Sep 2003, VÖ: 2004)
Vol. 1: Masada String Trio
Mark Feldman (Violine), Erik Friedlander (Violoncello), Greg Cohen (Kontrabass)
Vol. 2: Milford Graves, John Zorn
John Zorn (Altsaxophon), Milford Graves (Schlagzeug)
Vol. 3: Locus Solus
Arto Lindsay (Gitarre, Stimme), John Zorn (Altsaxophon), Anton Fier (Schlagzeug)
Vol. 4: Electric Masada
John Zorn (Altsaxophon), Marc Ribot (Gitarre), Jamie Saft (Keyboards), Trevor Dunn (E-Bass), Kenny Wollesen (Schlagzeug), Joey Baron (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion), Ikue Mori (Elektronik)
Vol. 5: Fred Frith, John Zorn
John Zorn (Altsaxophon), Fred Frith (Gitarre)
Vol. 6: Hemophiliac
Mike Patton (Stimme), John Zorn (Altsaxophon), Ikue Mori (Elektronik)
Im Jahr 2003 gab es nicht nur das zehnjährige Jubiläum des Masada-Projekts zu feiern, sondern auch das fünfzigjährige Erdendasein von dessen Schöpfer. Standesgemäß wurden die Festivitäten mit einer einmonatigen Serie von Konzerten begangen. Die besten davon wurden vom Maestro persönlich ausgewählt und nach und nach auf insgesamt zwölf Tonträgern veröffentlicht. In einem Anfall von Masochismus (ohne den man dem ganzen Zorn nicht beikommt) und als Ausgleich für die Überschreitung des finanziellen und unmoralischen Budgets bereits am Freitag habe ich mir auferlegt, die erste Hälfte der Reihe am restlichen Wochenende zu hören. Allerdings bin ich zu faul, alle Cover zu posten, ein Blick auf die beiden zufällig ausgewählten genügt, um sich vorzustellen, wie die anderen in etwa aussehen.
Die Leidensfähigkeit, deren Prüfung ich vorurteilsbehaftet für die Bände 3, 5 & 6 erwartet hatte, wurde weit weniger auf die Probe gestellt, als ich befürchtet hatte. Sicher: Er schnattert, spratzt, quäkt, röhrt, kräht, pfeift, quietscht und wiehert, dass einem die Ohren flattern. Aber in allen drei Fällen rastet das schnell ein, die geheime Kommunikation der Protagonisten übertönt das Ohrenklingeln und irgendwie gibt es trotz aller Versuche des Linkshirns, das als reinen Krach abzutun, kein Entrinnen aus diesem Sog. Und ist man erst einmal drin, wartet die Belohnung in Form von Ausflügen in außer-, über-, und andersweltliche Sphären, die nur von diesem Startpunkt aus zu erreichen sind. Über jeden Zweifel erhaben ist der Startpunkt der Serie. Das Masada String Trio hat eine Hälfte des Albums Circle Maker beigesteuert, das eines der allerbesten unter den vielen herausragenden Zorn-Alben ist, und bringt neun der dort zu hörenden Titel (von denen zwei im Original in Sextett-Besetzung gespielt wurden) in aufregenden Live-Versionen. Etwas enttäuscht war ich hingegen von Electric Masada. Das hat zwar seine Momente, aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass dieses Material weder Verstärkung noch Effekte nötig hat. Bleibt noch das Sax-Drum-Duo. Wer eine Platte dieses Formats mit einem Titel namens "Inserted Space" eröffnet, legt die Messlatte auf Weltrekordhöhe und muss zwangsläufig scheitern, wenn auch verdammt knapp.
Joe Dvorak (23.06.2024, 17:55):


Masada Recital (Masada 10th Anniversary Edition Vol. 3, 2004)

Mark Feldman (Violine), Sylvie Courvoisier (Klavier)

Dieser verspätete Beitrag zur Masada-Jubiläumsserie ist ein weiterer Triumph, nicht nur unter den Masada-Projekten, sondern im gesamten Zorn-Katalog, ja sogar im Klassik-Katalog. Dieses Album ist die Top-Empfehlung für ausschließlich Klassik hörende Musikliebhaber, die zudem Vorbehalte gegenüber der Moderne haben. Ganz ohne Modernismen kommt diese CD freilich nicht aus, das wäre auch etwas matt für ein Album, das Kompositionen aus den 1990er Jahren enthält. Aber die Arrangements der Pianistin sind meist fest im klassischen Idiom verankert, und die Ausflüge in neutönerische oder jazzige Gefilde erfolgen von sicherem Terrain aus und gehen selten allzu weit (eine Ausnahme sind vielleicht die Stücke Karet und Hath Arob). Abgesehen von solchen Stilfragen ist das einfach herrliche Musik, wunderbar gespielt. Ein absolutes Pflichtprogramm! Ehrlich.
Joe Dvorak (24.06.2024, 17:15):


50th Birthday Celebration (AD: Sep 2003, VÖ: 2004)
Vol. 7: Masada
John Zorn (Altsaxophon), Dave Douglas (Trompete), Greg Cohen (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug)
Vol. 8: Wadada Leo Smith, Susie Ibarra, John Zorn
John Zorn (Altsaxophon), Susie Ibarra (Schlagzeug, Perkussion), Wadada Leo Smith (Trompete, 4/9 Tracks)
Vol. 9: The Classic Guide to Strategy Vol. III
John Zorn (Altsaxophon)
Die Feierlichkeiten gehen in die nächste Runde. Nach der Folge von drei fulminanten Live-Alben, wobei der Auftritt in Sevilla (2000) und das zweite Set aus dem Tonic in 2001 nicht weniger als absolute Perfektion boten, waren die Erwartungen an das originale Masada-Quartett realistisch. Und so reiht sich der Geburtstagsauftritt dann auch ein, ohne nochmals eins draufsetzen zu können. Bei Vol. 8 dachte ich lange Zeit, der Anbieter hätte das falsche Album hochgeladen, denn von einer Trompete ist weit und breit nichts zu hören. Stattdessen gibt es mehr von Zorns Geschnatter und Gekreische, das langsam alt wird, zumal sich der Flow, der das auf den auf den ähnlich gearteten Volmina 3, 5 & 6 der Serie transzendierte, hier mit seiner Partnerin nur selten einstellt (dann aber sehr einnehmend). Das ändert sich, als Smith endlich dazu stößt, aber insgesamt bleibt das in meinen Ohren eines der weniger gelungenen Konzerte. Die Höchststrafe folgt auf dem Fuss, wenn Zorn alleine auftritt und seine Tricks, die man nun wirklich alle schon gehört zu haben glaubt, alleine, quasi in Rohform vorführt.
Joe Dvorak (25.06.2024, 06:54):


Magick (2004)
Necronomicon (2004) für Streichquartett
Crowley Quartet
Jennifer Choi (Violine), Jesse Mills (Violine), Richard O'Neill (Viola), Fred Sherry (Violoncello)
Sortilège (2001) für 2 Bassklarinetten
Tim Smith, Mike Lowenstern
Das Streichquartett Nr. 5 reiht sich nahtlos in die Serie von Zorns exzellenten Gattungsbeiträgen ein. Das Werk besteht aus drei kurzen Sätzen, die kratzbürstig und neutönerisch daherkommen, und zwei langen Sätzen (Nr. 2 und 4), die zusammen zwei Drittel der Spielzeit einnehmen und dem Titel des Albums entsprechend von (dunkel-)magischer Stimmung, Schönheit und Tiefe sind. Das ist perfekt ausbalanciert und von klarer formaler Geschlossenheit. Das Klarinettenduo gilt als eines der schwierigsten Werke, die für dieses Instrument geschrieben wurden. Dafür ist es vergleichsweise leicht zu hören - ich liebe den Klang der Bassklarinette, und gleich zwei davon im angeregten Dialog zu erleben, ist ein Fest. Das Album kommt kaum über eine halbe Stunde Spieldauer hinaus, aber es ist komplett und sehr beglückend.
Joe Dvorak (26.06.2024, 08:12):


Naninani II (2004)

Yamataka Eye (Stimme, Elektronik, Orgel, Banjo, Steel-Gitarre, Ventilator, Klangobjekte, Perkussion), John Zorn (Altsaxophon, Klavier, Tabla-Maschine, tibetische Glocken, Perkussion)

Zorn hat einige äußerst schwer verdauliche Alben vorgelegt, aber Nani Nani (1995) unterbot das nochmal und lief bei mir unter absolut ungenießbar. Da sorgte die Fälligkeit eines Sequels nicht gerade für große Aufregung. Es blieb allenfalls zu hoffen, dass die beiden, inzwischen gereift, auf die gröbsten Albernheiten und Gehörverletzungen des Vorgängers verzichten und das einigermaßen erträglich gestalten. Aber sie tun nicht nur das, sie verzichten fast gänzlich darauf und füllen den frei gewordenen Raum mit erstklassigem Material aus dem Bereich der experimentellen, mit Geräuschkunst, Jazz und Weltmusik durchwobenen Ambient-Musik, die sich nicht hinter den ganz großen Werken aus dieser Ecke zu verstecken braucht, sondern sich ganz selbstverständlich in die erste Reihe einreiht (gleich neben David Toops ähnlich ausgerichtetem Überalbum Black Chamber, das ein Jahr zuvor erschienen ist).
Joe Dvorak (27.06.2024, 09:14):


Rituals (1998, VÖ: 2005)

Heather Gardner (Mezzosopran), Stephen Drury (Klavier, Cembalo, Celesta, Orgel), Jim Pugh (Posaune), Tara O'Connor (Flöte, Altflöte, Piccolo), Mike Lowenstern (Klarinette, Bassklarinette, Es-Klarinette), Peter Kolkay (Fagott, Kontrafagott), Jennifer Choi (Violine), Fred Sherry (Violoncello), Kurt Muroki (Kontrabass), Jim Pugliese (Perkussion & Klangobjekte), William Winant (Perkussion)

“Unfortunately what I came to realize was that a paradigm of that kind of creativity and openness is not so conducive to the operatic world.” Opera Profile: John Zorn's 'Rituals' - OperaWire

Auch Zorn hatte seinen Uraufführungsskandal. Rituals spaltete das Publikum in die Stereotypen der Buh-Pfeif-Trampel- und der Jubelfraktion, was aber beim Hören des Werkes kaum nachvollziehbar ist (selbst wenn man berücksichtigt, dass die Premiere in Biedereuth stattfand). Es handelt sich um eine gemäßigte Moderne, die sich von Zillionen ähnlich gearteter Werke durch einige ungewöhnliche Mittel der Klangerzeugung unterscheidet. Wir hören Windmaschinen, Wasser, Kuhglocken, Angelrollen, Papier, Klangschalen, Vogelstimmen und einen Totengräber in Aktion. Wer hier sofort "Gimmick!" denkt, denke an Mahler, Respighi oder Strauss. Das Monodram besteht aus 5 Sätzen und dauert etwas mehr als 25 Minuten. Die Klangfarbenpalette ist so breit, wie es die Instrumentierung erwarten lässt, und die Textur ändert sich häufig, da immer nur wenige Instrumente in wechselnder Kombination zusammenspielen und der textlose Gesang immer wieder für längere Zeit aussetzt. Rhythmisch geht es von kantiger Hektik bis zu reinem Drone - mit graduellen Abstufungen dazwischen - ebenso abwechslungsreich zu, und der Gesamtklang reicht von pastell-meditativ bis schrill-geräuschhaft. Die Frage, ob bei so viel Vielfalt ein überzeugendes Werk oder bloß ein zusammenhangloses Kompendium herauskommt, entscheidet sich im Kopf des Hörers. In meinem ist es ersteres, mit einem bezwingenden Wiederholungszwang, weil jedes Wiederhören weitere Feinheiten offenbart. Gewagt, aber richtig finde ich die Entscheidung, das trotz der Kürze ohne weiteres Beiwerk auf das Album zu packen - Rituals ist in sich perfekt, alles andere würde das nur verwässern.
Joe Dvorak (28.06.2024, 06:59):


Filmworks XV: Protocols of Zion (2005)

John Zorn (E-Piano), Shanir Ezra Blumenkranz (Kontrabass, E-Bass, Oud), Cyro Baptista (Perkussion)

Zum Filmwerk Nr. XIV schrieb ich: Musikalisch lässt sich das Werk irgendwo zwischen leichtem Jazz und Folk einordnen, ist aber weder das eine noch das andere. Es ist Musik, die leicht zugänglich, genussvoll und doch tiefgründig und bewegend ist. Das kann man so für den Nachfolger übernehmen. Dieser wirkt noch etwas minimalistischer, fast alles dreht sich um das einprägsame Hauptthema, und erscheint mir - ohne es analysierend nachgeprüft zu haben - wie ein Variationenwerk. Das ist einfach gute Musik, sehr einnehmend.
Joe Dvorak (29.06.2024, 10:24):


50th Birthday Celebration (AD: Sep 2003, VÖ: 2005)
Vol. 10: Yamataka Eye, John Zorn
Yamataka Eye (Stimme, Elektronik), John Zorn (Altsaxophon), Sawat Taeji (Techniker), Fred Frith (Gitarre, 1/6 Tracks)
Vol. 11: Bar Kokhba Sextet
Marc Ribot (Gitarre), Mark Feldman (Violine), Erik Friedlander (Violoncello), Greg Cohen (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion)
Vol. 12: Painkiller
John Zorn (Altsaxophon), Bill Laswell (E-Bass), Hamid Drake (Schlagzueg), Mike Patton (Stimme, Elektronik)
So durchwachsen die Serie bisher auch war, sie endet auf einem absoluten Hoch. Dass ausgerechnet das Duo mit Eye als Sieger die Ziellinie überquert, war zu Beginn nicht zu erwarten. Doch nachdem zwischenzeitlich das neue Studioalbum zu hören war, waren die Erwartungen hoch und wurden ebenso hoch übertroffen. Live sind sie noch experimenteller, avantgardistischer und kakophonischer, aber mit einer nicht enden wollenden Flut an genialen Ideen und einer Zusammenheit, für die mir das Wort Seelenverwandtschaft über die Tastatur gleitet. Welche Rolle der Techniker genau spielt, konnte ich nicht herausfinden, aber dass er einen großen Anteil am Gesamtsound hat, ist unüberhörbar - diese unerhörten Klangwände und Effekte kann man zu zweit kaum ohne Hilfe erzeugen. Nichts für Leute, die statt zu arbeiten zu Mittag essen, ein Fest für Kaltduscher.
Bar Kokhba, die eine Hälfte des überragenden Circle Maker-Albums beisteuerten, brachten gleich drei Sets auf Polycarbonat. Es ist die einzige Dreifach-CD unter 11 Einzelalben, und das ist gerechtfertigt, denn der Avantgarde-Klezmer-Country-Jazz dieser Besetzung mit brillanten Solisten ist wirklich so gut. Wer wenig Zeit hat, hörprobt zumindest Hadasha aus dem letzten Set. Ein Zusammenschnitt auf CD-Länge wäre ein Jahrzehnt-Live-Album geworden, aber das widerspräche dem Ethos der Serie, die Konzerte so zu hören, wie sie stattfanden.
Painkiller haben mit dem Originaltrio ausser dem Namen nicht viel gemein. Drake, einer der allerbesten Jazz-Schlagzeuger, ist ein ganz anderer Typ als Harris, und Stimmakrobat Patton ist zwar nur als Special Guest gelistet, prägt aber die Show entscheidend mit. Was dem Original entspricht: Wenn Painkiller draufsteht, kreischt, gurgelt und röhrt Zorn noch ärger als sonst. Es kommt auf das Umfeld an, ob es passt oder nervt - und hier passt alles auf den Nanometer genau. Ein fulminanter Abschluss des Geburtstagsmonats.
Joe Dvorak (30.06.2024, 12:03):


Filmworks XVI: Workingman's Death (2005)

Jamie Saft (E-Piano, Gitarre), John Zorn (Orgel, Gamelan), Shanir Ezra Blumenkranz (E-Bass), Cyro Baptista (Perkussion), Ikue Mori (Elektronik)

Nach den letzten sehr leicht zugänglichen und auf Experimente verzichtenden Filmmusik-Suiten, die meist autonom als absolute Musik bestehen können (mit Nr. XIII als absolutem Höhepunkt), stellt dieser Soundtrack zu einem mehrfach preisgekrönten Dokumentarfilm über lebensgefährliche Arbeit eine Herausforderung dar. Das Album wird hauptsächlich von Perkussion und Elektronik dominiert, einige Teile ziehen sich sehr lange hin und sind ohne den Film vor Augen wenig einladend. Da sind die zwei, drei CD-Käufer, die es noch gibt, im Vorteil, weil viel Bildmaterial und ausführliche Begleittexte mitgeliefert werden, die den Zugang erleichtern sollen. Für Strömer ist manchmal etwas Sitzfleisch vonnöten, aber es lohnt sich, weil es auch viele starke Momente gibt.
Joe Dvorak (30.06.2024, 13:40):


Jamie Saft Trio - Astaroth, Book of Angels Vol. 1 (2005)

Jamie Saft (Klavier), Greg Cohen (Kontrabass), Ben Perowsky (Schlagzeug)

Während er im Jahr 2004 hauptsächlich Material aus seinen Jubiläumskonzerten des Vorjahres veröffentlichte, war Zorn nicht faul und komponierte soeben mal ein zweites Masada-Liederbuch "Book of Angels" mit 318 Einträgen. In einem Interview auf sein Arbeitspensum angesprochen, meinte er lakonisch, er habe keinen Fernseher und fahre nicht in Urlaub. Heute müsste man noch hinzufügen, keine sozialen Medien zu nutzen - es befremdet mich immer mehr, wie die Mehrheit der Menschen mehr oder weniger den ganzen Tag auf einen handtellergroßen Bildschirm starrt und die wirkliche Welt da draußen nicht mehr wahrnimmt. Sei's drum, hier geht's um die erste von bisher 32 Scheiben, die dem Engelbuch gewidmet sind, und ich traue mich kaum, das zu kommentieren, weil es mir sowieso keiner glaubt. Aber ganz ohne zornige Verklärung ist das einfach eines der besten Klaviertrio-Alben, die mir je untergekommen sind. Verdammt! Allein das Eröffnungsstück scheint sagen zu wollen, hört her, hierfür wurde diese Gattung erfunden. Bevor es dem Zuhörer zu wohl wird, kriegt er im Anschluss tayloreske Avantgarde um die Ohren gehauen, aber die ist bezwingend und einfach nur gut. Dann folgt eine Lektion in "Weniger ist mehr", das ist Genialität pur. Und so geht es weiter, ohne nachzulassen. Die Frage, ob Zorn seine Musiker erst zu solchen Höchstleistungen antreibt oder ob er die Musiker nach der Fähigkeit auswählt, seine Musik kongenial zu interpretieren, ist einerlei. Das ist einfach Jazz-Klaviertrio-Musik, wie sie besser nicht sein könnte. Punkt.
Joe Dvorak (30.06.2024, 16:19):


Masada Rock (Masada 10th Anniversary Edition Vol. 5, 2005)

Rashanim Trio
Jon Madorf (Gitarre), Shanir Ezra Blumenkranz (E-Bass, Oud), Matthias Künzli (Schlagzeug, Perkussion)

Mit reichlich Verspätung kommt hier nunmehr der fünfte und letzte Teil der Masada-Jubiläumsserie (nicht zu verwechseln mit den Zorn-Geburtstagsalben). Und das Warten hat sich gelohnt. Das Trio ist mir bereits auf den beiden Kompilations-Alben (Vol. 2 & 3) äußerst positiv aufgefallen und kann das dort gezeigte kreative und technische Niveau locker über die volle Albumlänge halten. Das Wort "Rock" im Titel deutet an, dass es hier elektrisch verstärkt zur Sache geht, aber abgesehen von ein paar echten Power-Trio-Attacken läuft es über weite Strecken eher in Richtung Jazz-Rock-Fusion, und ab und zu packt Madorf auch mal die Akustikgitarre aus. Ich traue mich kaum, das zu kommentieren, weil es mir sowieso keiner glaubt. Aber ganz ohne zornige Verklärung ist das einfach eines der besten Gitarrentrio-Alben, die mir je untergekommen sind. Man höre zum Beispiel Chorek und zeige mir vom GHS-Trio und wie die Platzhirsche alle heißen, etwas Besseres. Geht nicht. Und das ist nur eines der vielen Glanzlichter eines abwechslungsreichen und absolut stimmig zusammengestellten Albums. Die Frage, ob Zorn seine Musiker erst zu solchen Höchstleistungen antreibt oder ob die Musiker nach der Fähigkeit auswählt, seine Musik kongenial zu interpretieren, ist einerlei. Das ist einfach Jazz-Rock-Gitarrentrio-Musik, wie sie besser nicht sein könnte. Punkt.
Joe Dvorak (01.07.2024, 11:02):


Mysterium (2005)
Orphée (2004) für Sextett
Tara O'Connor (Flöte), Richard O'Neill (Viola), June Han (Harfe), Stephen Gosling (Cemablo, Celesta), Ikue Mori (Elektronik), David Shively (Perkussion), Brad Lubman (Leitung)
Framentti del Sappho (2004) für kleinen Frauenchor
Martha Sullivan, Lisa Bielawa, Martha Cluver, Kirsten Sollek & Abby Fischer (Stimme), Brad Lubman (Leitung)
Walpurgisnacht (2004) für Streichtrio
Jennifer Choi (Violine), Lois Martin (Viola), Fred Sherry (Violoncello)
Ein weiteres Album aus dem Bereich der 'reinen' Klassik, das ich bereits im Komponisten-Thread als Dauerbrenner vorgestellt habe. Zorn bringt hier 3 sehr unterschiedliche Kammerwerke, die sich verblüffend schlüssig zu einem stimmigen Album zusammenfügen. Orphée verweist mit seiner Instrumentierung auf die Sonate von Debussy und auch Boulez wird als Einfluss genannt. Was dieses Werk besonders macht, ist, dass es neben den "typisch modernen" Dissonanzen, Intervallsprüngen, kantigen Rhythmen und dem vordergründigen Durcheinander auch Passagen gibt, die eher an Zorns Filmmusik erinnern. Das Gleiten zwischen diesen Welten geht so nahtlos, dass man es gar nicht bemerkt, und manchmal scheinen sie koexistent zu sein. Das ist ein Mysterium.
Ein Acappella-Chorwerk, das nur aus Vokalisen besteht, klingt nicht gerade nach einem Hit, aber es ist einer. Die Framentti sind Postminimalismus mit Renaissance- und Mittelalterbezügen. Gavin Bryars kommt mir in den Sinn, aber Zorn macht das um Klassen besser, weil unbequemer und kulinarisch-mystizistische Berieselung vermeidend. Einen scharfen Kontrast dazu bietet das abschliessende abrasive Streichtrio. Das rockt wie eine Achterbahnfahrt. Die Stimmung wechselt mehrmals, ohne dass das Stück fragmentarisch oder filmschnittartig wirkt. Das Album ist nur 32 Minuten kurz, aber da es trotz oder wegen der Kontraste ein in sich geschlossenes Ganzes ist, das auf mysteriöse Weise mehr zu sein scheint als die Summe seiner Teile, würde Füllmaterial nur stören.
Joe Dvorak (01.07.2024, 17:22):


Masada String Trio - Azazel, Book of Angels Vol. 2 (2005)

Mark Feldman (Violine), Erik Friedlander (Violoncello), Greg Cohen (Kontrabass)

Es wird immer und immer besser. Da ich keine Worte finde, die das adäquat auf die Tastatur bringen, schreibe ich vom PR-Text auf dem Cover ab, weil es halt nicht nur Reklame ist, sondern direkt auf den Punkt trifft. Their breathtaking virtuosity, extraordinary passion and telepathic interplay (...) set a new standard for excitement, concentration and commitment. So ist es. Die stilistische Ausrichtung im Spannungsfeld zwischen zeitgenössischer Klassik, postmodernem Jazz und hebräischer Folktradition muss nicht jedem gefallen, aber niemand wird ernsthaft behaupten, dass man das besser spielen könnte.
Joe Dvorak (03.07.2024, 08:58):


Electric Madasa - At the Mountains of Madness (2004 Live in Moskau & Ljubljana, VÖ: 2005)

John Zorn (Altsaxophon), Marc Ribot (Gitarre), Jamie Saft (Tasteninstrumente), Trevor Dunn (E-Bass), Kenny Wollesen (Schlagzeug), Joey Baron (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion), Ikue Mori (Elektronik)

Das CD-Debüt dieser Formation im Rahmen der 50th Birthday Serie wollte bei mir keine rechten Begeisterungsstürme auslösen. Das ist aber auch immer eine Frage der Tagesform des Hörers, und normalerweise hätte ich mindestens ein zweites Mal hingehört, bevor ich ein Statement abgebe, aber da ich wusste, dass demnächst ein weiteres randvolles Doppelalbum ansteht, habe ich die zweite Chance hierher verschoben. Und sie wurde reichlich genutzt. Im Vergleich zum Vorgänger fallen die Spielzeiten auf, 3 von 8 bzw. 3 von 7 Nummern jedes Konzertes überschreiten die 15-Minuten-Marke. Und da wird so viel hineingepackt, dass einem fast schwindelig wird. Nehmen wir mal die Eröffnungsnummer Lilith, eines meiner Lieblingslieder aus dem Masada-Buch; da glaubt man zunächst, in eine Naked City meets Painkiller-Session hineinzugeraten, in der ein Game Piece gespielt wird, aber das legt sich mit der Zeit, um nach der Vorstellung des Themas von einem langen, zwingend aufgebauten E-Piano-Solo abgelöst zu werden, das von einem wild kochenden Rhythmusgebräu begleitet wird, sich ins Extatische steigert, um auf dem Höhepunkt zusammenzubrechen, worauf sich eine zweite Welle mit Zorn als Solisten aufbaut. Das weckt Assoziationen an Weather Report aus den Anfangsjahren, wirkt aber durch die dezent und geschmackvoll eingesetzten Atmospherics der Laptop-Künstlerin Mori nicht angestaubt. Vor der Rückkehr des Themas liefert sich die dreiköpfige Schlagwerkergruppe ein Triell, anschliessend folgt eine Coda, in der Ribot zeigen darf, dass er auch im Jazz-Rock-Umfeld eine gute Figur macht. Danach atmet man erst mal tief durch. Ein so dichter Titel am Anfang lässt befürchten, dass ein ganzes Album davon erschlagen könnte. Doch die Band versteht es, an den richtigen Stellen Tempo und Dynamik auch über längere Strecken zurückzunehmen, ohne dass dies auf Kosten der Intensität geht (im Gegenteil). So wird eine gleichmäßige Ebbe und Flut zu erzeugt, was die Show zu einem kurzweiligen Vergnügen ohne Hänger, dafür mit unzähligen Höhepunkten macht. Das zweite Konzert ist etwas hitziger und teilweise abrasiver, mit chaotischen Ausbrüchen (die es beim ersten Konzert auch gibt, dort aber etwas kontrollierter wirken) und der Fluss ist nicht ganz so stringent. Dennoch gibt es auch hier viele großartige Momente, die zum Wiederanhören zwingen. Als Fazit kann ich wieder nur meinen bereits etwas abgewetzten, aber bei Zorn halt oft zutreffenden Standardspruch loslassen: Das ist einfach allerbeste Musik!
Joe Dvorak (05.07.2024, 10:40):


The Cracow Klezmer Band - Plays The Music Of John Zorn. Sanatorium Under The Sign Of The Hourglass (A Tribute To Bruno Schulz, 2005)

Jarosław Bester (Akkordeon), Jarosław Tyrala (Violine), Wojciech Front (Kontrabass), Oleg Dyyak (Akkordeon, Klarinette, Perkussion), Grazyna Auguscik (Stimme)

Was wir heute Klezmer nennen (ein Begriff, der sowohl für die Musiker als auch für ihre Musik verwendet wird), war ursprünglich Musik, die bei Hochzeiten und anderen festlichen Anlässen gespielt wurde. Klezmer waren Musikanten mit einem Repertoire, das von jüdischen Volksliedern bis zum Mendelssohn-Marsch reichte. Dieser Verweis auf anlassbezogene Volksmusik lässt vorurteilen, dass es sich um künstlerisch nicht sonderliche anspruchsvolle Musik handelt. Die Welle, die durch die Wiederbelebung dieser fast vergessenen Musik in den 70er und 80er Jahren ausgelöst wurde, hat jedoch weniger mit der traditionellen Variante zu tun als angenommen, sondern wurde stark von der zeitgenössischen Musik geprägt. Man kann sehr grob vereinfachend sagen, dass das, was heute unter dem Banner Klezmer läuft, eine jüdisch-osteuropäische Variante des Jazz ist. (Mehr dazu unter: In Klezmer Music, The Whole World Is Jewish - Odessa Review.)
Und die Krakauer sind ein Beweis dafür. Was diese Band hier veranstaltet, steht den Masada-Exegeten aus dem Jazz- und Avantgarde-Umfeld in nichts nach. Besonders herausstechend sind die enorme Virtuosität, der Einfallsreichtum und die Schlüssigkeit der Improvisationen, und die Kunst, dem Instrumentarium originelle und ungewohnte Klänge zu entlocken, mit einer starken emotionalen Qualität, die sich freilich nur einstellen kann, wenn der Hörer in Resonanz ist. Wer, wie ich, den zeitgenössischen 'reinen' Klezmer bisher aus Unkenntnis schief angesehen hat, darf sich hier -so er will- eines Besseren belehren lassen.
Joe Dvorak (06.07.2024, 02:57):


The Stone Issue One (2006)

Dave Douglas (Trompete), John Zorn (Altsaxophon), Mike Patton (Stimme), Rob Burger (Orgel, E-Piano), Bill Laswell (E-Bass), Ben Perowsky (Schlagzeug)

Das erste einer Reihe von Befenfitzalben für einen New Yorker Jazzclub. Die Suite besteht aus einer Einleitung, drei Zwischenspielen, einem Postludium und einer Coda, wobei jeweils nur ein Teil der Musiker zum Einsatz kommt. Dies bildet den Rahmen für die Hauptteile Part One und Part Two, in denen das gesamte Sextett zu hören ist. Hier dominieren Zorn und Douglas das Geschehen, so dass Masada-Feeling aufkommt, und was die beiden - vor allem im über 16 Minuten langen zweiten Teil - zeigen, ist ebenbürtig mit dem Besten, was sie in ihrer Quartettformation geboten haben. Ihr Zusammenspiel ist mittlerweile so charakteristisch geworden, dass man sie sofort blind erkennt. Burger beschränkt sich auf atmosphärische Untermalung, emuliert das Allstar-Keyboard-Trio auf Miles Davis' In a Silent Way und treibt Douglas gegen Ende von Part Two zur absoluten Höchstleistung, die es locker mit dem Über-Maestro aufnehmen kann. Das Stück ist der Höhepunkt des Albums. Allerdings muss man, um dorthin vorzudringen, erst einmal den Torwächter Patton überwinden, dem das erste Interlude gehört. Um seine manisch-exzentrische Stimmakrobatik und seine Lautäußerungen, die mit Gesang im eigentlichen Sinne nichts zu tun haben, zu verdauen, bedarf es viel Arbeit am anerzogenen Geschmacksempfinden - ich könnte mir vorstellen, dass Sauertöpfe eher den einfachen Weg gehen und den Zoo oder diverse Dinge aus dem Haushalt samt Inhalt zum Vergleich heranziehen, bevor sie abschalten. Dass er auch 'richtig' singen kann, hat er mit seiner kommerziell erfolgreichen Band Faith No More bewiesen, die mehrere Singles und Alben in den Charts hatte. Solche Künstler sind mir die liebsten - solche, die in beiden Lagern Anerkennung finden, bei den Plebs und bei den Schnöseln. Zorn begann kurz nach dieser Sitzung damit, Liederzyklen, Mini-Kammeropern, Litaneien und weiteres Repertoire für ihn zu schreiben.
Joe Dvorak (06.07.2024, 03:34):


Filmworks XVII: Notes on Marie Menken / Ray Bandar: A Life with Skulls (2006)
Notes on Marie Menken
Jon Madof (Gitarre), Shanir Ezra Blumenkranz (Kontrabass), Kenny Wollesen (Schlagzeug), John Zorn (Wurlitzer Piano, Altsaxophon)
Ray Bandar: A Life with Skulls
Cyro Baptista (Perkussion), John Zorn (Afrikanisches Daumenklavier, Bolex), Kenny Wollesen (Perkussion)
Zum ersten Mal seit langem präsentiert Zorn wieder mehr als eine Filmmusik auf einem Album, und als Premiere werden diese nicht nacheinander, sondern intermittierend gespielt. Das ist auch nötig, denn die Perkussionsstücke finde ich bisweilen etwas öde und zum Teil langatmig, und sie wären am Stück schwer konsumierbar. Aber auch im Wechsel mit dem Gitarrentrio, das durchaus seine Momente hat, will mich das nicht so recht überzeugen. Zweimal packt Zorn das Altsax aus, einmal in einem sehr freien Stück, das nicht zum Rest des Albums passt und einmal für eine hübsche Arabeske, die die Platte aber nicht retten kann. Das ist kein Kandidat fürs Wiederhören.
Joe Dvorak (06.07.2024, 04:28):


Mark Feldman and Sylvie Courvoisier - Malphas, Book of Angels Vol. 3 (2006)

Mark Feldman (Violine), Sylvie Courvoisier (Klavier)

Dieses Duo, das sein Debut mit dem 4. Teil der Masada-Jubiläumsserie bestritten hat, ist einfach grandios - ich verweise auf die dortige Besprechung. Das zweite Album dringt etwas -aber nicht viel- häufiger und weiter in moderne Gefilde vor, aber die -wie immer sehr groben- Orientierungspunkte findet man mehr bei Debussy, Ravel, Enescu als bei Mat Maneri & Cecil Taylor. Die Frage, ob man sich nicht mal wieder die mutmaßlich feiner komponierten Originale anhören sollte, ist mit "ja, wenn dieses Duo sie irgendwann einmal aufnimmt, dann gerne" zu beantworten.
Joe Dvorak (06.07.2024, 10:07):


Filmworks XVIII: The Treatment (2006)

Mark Feldman (Violine), Rob Burger (Akkordeon), Kenny Wollesen (Vibraphon), Shanir Ezra Blumenkranz (Kontrabass), Marc Ribot (Gitarre, 2/12 Tracks)

Nachdem die Nr. XIII einer schwarzen Komödie gewidmet war, ist hier eine romantische Komödie an der Reihe. Man hört allerdings bei beiden Musiken nichts komisches, und es gibt Verwandtschaften, wie die Präsenz eines Akkordeons und eines Vibraphons, wobei letzteres bei Nr. XVIII sowohl von der Komposition her als auch im Klang-Mix eine prominentere Rolle spielt. Der Star des Albums ist aber Feldman, dessen Name auf der Besetzungsliste ein Garant für absolute Extraklasse zu sein scheint, sei es im klassischen Streichquartett, im avantgardistischen Jazztrio, im Violin-Rezital oder eben in der Filmmusik. Das ist umso bemerkenswerter, als er mich mit seinen ECM-Aufnahmen nie so recht fesseln konnte (was übrigens auch für Joey Baron gilt, wodurch die Theorie, dass viele Musiker erst unter dem Produzenten John Zorn richtig aufblühen oder bei ECM vom Produzenten beschnitten werden oder beides, neue -wenn auch dünne- Indizien erhält). Alles in allem ein ansprechender Beitrag zur Filmwerk-Reihe, der allerdings mehr von den Musikern als von der Komposition lebt.
Joe Dvorak (07.07.2024, 03:22):


Koby Israelite - Orobas, Book of Angels Vol. 4 (2006)

Koby Israelite (Akkordeon, Gitarre, Bouzouki, Indisches Banjo, Tastenistrumente, Flöte, E-Bass, Schlagzeug, Percussion, Cajon, Stimme), Sid Gauld (Trompete), Stewart Curtis (Blockflöte, Piccolo, Klarinette), Yaron Stavi (Kontrabass, E-Bass, Stimme)

Was dieses Album angeht, bin ich immer noch uneins mit mir. Es ist abwechslungsreich arrangiert und instrumentiert (die Besetzungsliste spricht Bände), hervorragend gespielt und die stilistische Bandbreite hat Naked City Qualitäten. Naked City (das Album) plus moderner Klezmer ist dann auch was mir zur Beschreibung in den Sinn kommt - beim Eröffnungsriff von Zafiel wartet man förmlich darauf, dass Zorn gleich mit seinem Sax dazwischen kreischt. Objektiv kann man diesem Album kaum etwas am Zeug flicken, aber der letzte Funke will nicht überspringen - es wirkt trotz des abenteuerlichen Anstrichs manchmal etwas kalkuliert und steril auf mich. Ob das daran liegt, dass der Multi-Instrumentalist Israelite alles größtenteils im Alleingang eingespielt und hinterher zusammenmontiert hat, bleibt Spekulation. Es gibt durchaus einige Glanzlichter, und bezeichnenderweise sind diese besonders hell, wenn die anderen Musiker ihre Solopunkte bekommen. Aber wenn ich vergleiche, mit welcher hingebungsvollen Vitalität zum Beispiel eine Cracow Klezmer Band dieses Material bringt, dann ist mir das hier über weite Strecken einfach einen Ticken zu glatt.
Joe Dvorak (07.07.2024, 17:15):


The Cracow Klezmer Band - Balan, Book of Angels Vol. 5 (2006)

Jaroslaw Bester (Bayan/Akkordeon), Jaroslaw Tyrala (Violine), Wojciech Front (Kontrabass), Oleg Dyyak (Percussion), Jorgos Skolias (Stimme), Ireneusz Socha (Elektronik), DAFO Streichquartett

Kaum ist von den Krakauern die Rede, warten sie auch schon mit einem eigenen Beitrag zum Engelbuch auf. Ich will nicht groß darauf eingehen, was sie alles besser machen, sondern stattdessen ein Plädoyer für das Akkordeon, vulgo: Schifferklavier, Quetschkommode abhalten. Dieses Instrument hat einen schweren Stand, weil es meist mit volkstümlicher Musik oder noch schlimmer mit Familienfeiern in Verbindung gebracht wird. Wir erinnern uns: Je später die Stunde, desto ausgelassener die Stimmung, und es endet damit, dass Onkel Norbert, oder wer auch immer der Gastgeber war, mit glasigen Augen, nach Gleichgewicht suchend, an der Schrankwand lehnt und mit der Quetsche in der Hand ein paar Lieder zum Besten gibt, wobei er das stimmliche Niveau von Fenriz noch unterbietet. Und unser so kindlich konditioniertes Gemüt gilt es nun davon zu überzeugen, dass es sich um ein ernstzunehmendes Instrument handelt, mit dem man Kunstmusik machen kann. Zeitgenössische klassische Komponisten, die sich dafür einsetzen, helfen wenig, im Gegenteil. So sehr ich Aperghis schätze, sein Konzert für dieses Instrument ist Murks. In der Jazzszene taucht hin und wieder ein Virtuose auf, aber das bleibt eine Randerscheinung. Klassiker wie Haydn zu transkribieren ist gut gemeint, aber gut gemeint ist bekanntlich die kleine Schwester von Kot. Die einzigen, die dieses Instrument wirklich ernst nehmen, sind die Klezmer - und wer mit heruntergeklappter Kinnlade erleben will, was man damit alles anstellen kann, der höre diese Platte.
Abgesehen von der Ehrenrettung des Instruments ist das ein weiterer hochkarätiger Beitrag zu dieser Serie. Ob das besser ist als die Sanduhr, will ich nicht entscheiden - es ist auf jeden Fall nicht zuletzt wegen der erweiterten Besetzung 'kunstvoller', avantgardistischer, etwas weiter weg von der Tradition, aber die Vokalpartien sind beim Vorgänger weitaus überzeugender. Letztlich ist für mich als Hörer entscheidend, inwieweit mich die Musik in ihren eigenen Kosmos hineinziehen kann - und da war der frühere Beitrag um einiges erfolgreicher.
Joe Dvorak (08.07.2024, 05:50):


Moonchild - Songs Without Words (2006)

Mike Patton (Stimme), Trevor Dunn (E-Bass), Joey Baron (Schlagzeug)

Zorns Zusammenarbeit mit Patton reicht ins Jahr 1991 zurück. Der charismatische Sänger, der seine Brötchen mit der in den Charts vertretenen Band Faith No More verdient, arbeitete gerade mit seinem Nebenprojekt Mr. Bungle an einem Alternative-Metal-Album, das möglichst viele Stile vereinen sollte, als er das Album Naked City hörte und daraufhin Zorn spontan als Produzenten engagierte. Kurz darauf war er auf Zorns Elegy zu hören. Mr. Bungle war eine einzige Herausforderung, die Komfortzone zu verlassen, und das gilt auch für das Moonchild-Trio, mit dem Zorn den Stimmakrobaten in den Mittelpunkt stellt. Patton wird der Mann der tausend Stimmen genannt. Alles, was man aus dem Organ herausholen kann, wird herausgeholt - so wie Zorn es mit dem Saxophon vorgemacht hat. Man nehme irgendein zufällig ausgewähltes Verb, mit dem man menschliche und tierische Lautäußerungen oder Geräusche, die bei jeder Art von Bewegung und Reibung entstehen, beschreiben kann, und man wird für jedes passende Stellen finden. Mit Gesang im eigentlichen Sinne hat das nichts zu tun, und wenn Sprache verwendet wird, dann präverbal. Dass zu diesem Zyklus von 11 Liedern ein Power-Duo mit gewitterndem Bass und donnerndem Schlagzeug (wobei beide auch leise und subtil zu Werke gehen können) besser passt als ein klassisches Klavier, versteht sich von selbst. Das ist definitiv nichts für Belcanto-Liebhaber, und eine gewisse Erfahrung mit extremer Hardcore/Metal- oder Noise-Musik hilft, das nicht nur als Krach zu begreifen, sondern als organisiertes Klang- und Geräuschchaos, das Stimmungen evoziert, die man anderswo kaum erreicht - es sei denn, man schaut sich ein Theaterstück von Antonin Artaud an, inszeniert von Aleister Crowley und mit Musik von Edgard Varèse als Soundtrack.
Joe Dvorak (10.07.2024, 05:18):


Uri Caine - Moloch, Book of Angels Vol. 6 (2006)

Uri Caine (Klavier)

Caine ist vor allem für seine Bearbeitungen und Jazz-Arrangements der Großen Meister (Bach, Mozart, Beethoven, Mahler, Wagner) bekannt und dafür nicht bei allen wohlgelitten. Sein Mozart-Album fand ich weniger gelungen, vieles schien nicht so recht zusammenzupassen, alles in allem wirkte es auf mich etwas gewollt. Ganz anders Mahler in Toblach. Die erste Hälfte dieses Live-Doppelalbums ist aus einem Guss und ein überzeugendes Plädoyer gegen das Dogma, dass Crossover zwangsläufig Mist produzieren muss. Beide Alben wurden mit Ensembles eingespielt, als Solisten höre ich Caine hier zum ersten Mal. Dazu kann ich nicht viel sagen, außer dass er sich wie viele Masada-Exegeten im Dreieck von Klassik, Jazz und Avantgarde bewegt, dass die 18 Miniaturen (von denen eine in zwei Fassungen vorliegt) versiert und pianistisch sehr vielseitig gespielt sind und dass dieses Album auch bei einem Soloklavier-Muffel wie mir einigen Beifall findet. Was auch der Zorn-Aficionado nicht ganz wegleugnen kann, ist, dass sich manche Themen doch sehr ähneln. Bei einigen Titeln habe ich nachgeschaut, ob und von wem sie schon einmal aufgenommen wurden - aber Fehlanzeige. Das Album ist dennoch eine Gelegenheit für Soloklavierliebhaber, einen ersten Blick in den Zorn-Kosmos zu wagen.
Joe Dvorak (12.07.2024, 03:18):


Moonchild - Astronome (2006)

"POWERFUL SECRETS are revealed through INTENSITY and EXTREMES of experience"

Der zweite Teil der Moonchild-Serie, eingespielt vom selben Trio wie beim Debut, wird als 'Oper' verkauft. Mit dem, was man sich gemeinhin darunter vorstellt, hat das freilich wenig zu tun, außer dass es drei 'Akte' mit insgesamt sieben 'Szenen' und einer 'Handlung' gibt. Aber das führt dazu, dass das Ganze deutlich strukturierter ist als der Vorgänger, der mehr wie ein Kompendium dessen wirkte, was man mit der menschlichen Stimme alles machen kann - wobei ich die dortige chaotische Kompromisslosigkeit durchaus auch zu würdigen weiß. Astronome nähert sich in Teilen den Riffstrukturen und dem Stimmeinsatz des extremen Metal/Hardcore an, bleibt freilich immer noch so chaotisch und extrem, dass so mancher Apologet dieser Musikrichtung kapituliert.
Wozu das Ganze? Nicht des Rätsels Lösung, aber zumindest ein erster Hinweis auf einen möglichen Lösungsansatz ist der oben zitierte Satz auf der Rückseite des Covers.

Hier die Handlung (John Zorn Resource - Astronome), die - hat man sich erst einmal eingehört - trotz der präverbalen Sprache gut nachvollziehbar ist:

Erster Akt
Szene 1: Ein abgelegenes Versteck im Wald
Ein Vollmond beleuchtet einen Hexenzirkel, der um ein großes Lagerfeuer tanzt - eine Orgie
Szene 2: Ein einzelnes Bett in einem kleinen Raum
Mitternacht - der schlafende Eingeweihte wird von dämonischen Geistern heimgesucht und besessen
Szene 3: Die innerste Kapelle eines geheimen Tempels
die Beschwörung von Dämonen durch den Hexenzirkel - eine satanische Taufe - die Heimsuchung durch den Herrn des Lichts

Zweiter Akt
Szene 1: Ein mittelalterliches Laboratorium
Weissagung durch den Tarot - alchemistische Experimente - Elixiere der Verwandlung
Szene 2: Im magischen Zirkel
Zauber und Besessenheit - Erweckung der Toten - Eine heilige Zeremonie

Dritter Akt
Szene 1: Eine karge Ebene um Mitternacht
ein Kampf der Zauberer - ein Opferritual
Szene 2: Ein unbenannter Ort
übernatürliches Fliegen - Lesung aus einem heiligen Buch - magische Symbole und Zeichen - Transzendenz
Joe Dvorak (12.07.2024, 08:29):


Marc Ribot - Asmodeus, Book of Angels Vol. 7 (2007)

Marc Ribot (Gitarre), Trevor Dunn (E-Bass), G. Calvin Weston (Schlagzeug)

Marc Ribot ist einer der gefragtesten Musiker aus dem innersten Zirkel um Zorn. Bis heute hat er auf 38 Produktionen des Komponisten mitgewirkt. Übertroffen wird er nur von den Schlagzeugern Joey Baron und Kenny Wollesen, die 50 bzw. 48 Mal auf einem Zorn-Album zu hören sind, sowie von Bassist Trevor Dunn mit 42 und Perkussionist Cyro Baptista mit 39 Einsätzen. Unnützes Wissen am Rande: Alle fünf spielten zusammen in der Gruppe Electric Masada. Ich schätze Ribot sehr, seinen Ton, der oft an einen Reiter in der heißen staubigen Prärie erinnert, allerdings sitzt kein Cowboy auf dem Pferd, sondern ein Surfer im Hawaiihemd, und seinen oft zurückgenommenen Stil, mit dem er mit einfachen Mitteln große Spannung und Involviertheit zu erzeugen versteht - mehr als tausend Worte können das Hören des Solos auf Karaim 2 von der zweiten CD des Electric Masada-Albums At the Mountains of Madness nicht ersetzen. Da wirkt sein Beitrag zum Engelbuch wie ein Schock. Ribot lässt es krachen, sein Arbeitsgerät jault und kreischt fast permanent, statt schlüssiger Konstruktionen gibt es wirre Breaks und oft ziellos erscheinendes Geschredder im Hochgeschwindigkeitsmodus. Jimi Hendrix begegnet John McLaughlin. Nun soll man ein Album nicht nach den Erwartungen beurteilen, sondern nach dem, was geboten wird, aber selbst dann fällt mir nach drei, vier Durchläufen nicht viel Positives ein. Aus dem Masada-Umfeld ist der erste sich anbietende Vergleich das Rashanim Trio um Jon Madorf, welches das überragende Masada Rock aufgenommen hat. Die haben die Tricks von Ribots Trio auch drauf, bieten aber darüber hinaus deutlich mehr. Und dann gibt es da draussen doch ein paar Trios (allen voran Spastic Ink), die technisch genauso versiert sind, wenn nicht sogar mehr, und die noch wilder und vertrackter zur Sache gehen - wenn schon, denn schon. Auch die jüdisch-orientalischen Masada-Themen bieten kein Alleinstellungsmerkmal, denn wenn man sie überhaupt ausmachen kann, klingen sie in dieser Bearbeitung völlig untypisch.
Joe Dvorak (13.07.2024, 02:53):


From Silence to Sorcery (2007)
Goetia (2002)
Jennifer Choi (Violine)
Gris-Gris (2000)
Willian Winant (13 gestimmte Trommeln und Basstrommel)
Shibboleth (1997)
Jennifer Choi (Violine), Lois Martin (Viola), Fred Sherry (Violoncello), William Winant (Schlagzeug, Perkussion), Steven Drury (Clavichord), Brad Lubman (Leitung)
Zu diesem Album wusste ich im Komponistenthread nicht viel zu sagen. Daran hat sich kaum etwas geändert, auch wenn ich es jetzt etwas positiver sehe. Das Solostück für Violine fährt in den ersten 30 Sekunden alle Klischees auf, die man der Neuen Musik an den Kopf schmeißt. Aber dann wird es differenzierter. Jedes der acht ein- bis dreiminütigen Stücke hat seinen eigenen Charakter, aber ich sehe immer noch keinen, der es groß von anderen Stücken der Gattung unterscheidet. Mittlerweile kann ich es aber gut hören, weil es doch einige staunenswerte Passagen gibt. Solo-Perkussion scheint mir nicht unbedingt Zorns Stärke zu sein, eine Ausnahme stellt das Filmwerk Nr. VIII dar. Das Schlussstück bleibt problematisch, da es sich oft am Rande der Unhörbarkeit bewegt. Kopfhörer mit einem guten ANC und ein hochgezogener Lautstärkeregler sind erforderlich. Man hört das Stück zwar nicht mehr so, wie es gedacht war, aber es ist eigentlich zu gut, um es in den Nebengeräuschen des Alltags untergehen zu lassen.
Joe Dvorak (14.07.2024, 04:06):


Moonchild - Six Litanies for Heliogabalus (2007)

Mike Patton (Stimme), Trevor Dunn (E-Bass), Joey Baron (Schlagzeug), Jamie Saft (Orgel), Ikue Mori (Elektronik), John Zorn (Altsaxophon), Martha Cluver, Abby Fischer & Kirsten Soller (Stimme)

Zu meinem Leidwesen wird mein Elan ausgebremst. Das Album ist bei meinem Strömer nicht vorhanden, so dass ich das vertagen muss, bis ich in 2 Wochen wieder außerhalb der Great Firewall bin und Youtube konsultieren kann. Das Moonchild-Trio ist zum Sextett angewachsen - unter anderem legt der Maestro höchstselbst Hand, oder richtiger: Mund an - und wird dazu noch von einem kleinen Frauenchor verstärkt. Die Kritikerzunft ist sich einig, dass dies das beste Album der Serie ist. Ich bin schon ganz aufgeregt...
Joe Dvorak (14.07.2024, 04:59):


Eric Friedlander - Volac, Book of Angels Vol. 8 (2007)

Cello-Solowerke (auch Cellosonaten und -konzerte) sind nicht gerade mein bevorzugtes Hörmaterial. Das Repertoire beschränkt sich auf BWV1007-1012, und das hörte ich zuletzt vor mehr als drei Jahren. Auch dieser Alleingang durch das Engelbuch taugt nicht als Erweiterung. Spieltechnisch und klanglich abwechslungsreich, stilistisch ähnlich wie Vol. 2 mit seinem Masada String Trio, aber - und damit tue ich Friedlander sicher fürchterliches Unrecht - es wirkt auf mich, als würden hier die beiden anderen fehlen. Für mich als Cellomuffel eine Pflichtaufgabe. Die Kritiken sind durchweg voll des Lobes und damit ist das Album eine Gelegenheit für Celloliebhaber, einen ersten Blick in den Zorn-Kosmos zu wagen.
Joe Dvorak (15.07.2024, 04:30):


Filmworks XVIV: The Rain Horse (2008)

Rob Burger (Klavier), Erik Friedlander (Violoncello), Greg Cohen (Kontrabass)

Von Zorns Filmwerk - zumindest von dem mit zweistelligen Nummern - wird oft gesagt, es sei das am leichtesten zugängliche der vielen Projekte seines Katalogs. Ich meine, es gehört zu den schwierigsten. Sicherlich wird hier niemand, den man damit konfrontiert, fluchtartig den Raum verlassen, oder den Konfrontierenden eines Dachschadens bezichtigen - wobei ich es hier mit dem Dichter halte, der sagte, je größer der Dachschaden, desto mehr sieht man vom Himmel, und das als Kompliment werte - oder zumindest nachfragen, ob man nicht "richtige" Musik auflegen könne, oder gar nichts sagen und fortan jede weitere Diskussion über Musik verweigern. Die Schwierigkeit dieser Musik besteht gerade darin, dass sie so leicht zu hören ist, als ob sie seicht und unterkomplex wäre. So versucht man gar nicht erst, einen Zugang zu ihr zu finden, weil man nicht glaubt, dass unter der Oberfläche etwas zu entdecken ist. Bei der Regenpferd-Musik kommt hinzu, dass sie sich stilistisch nicht einordnen lässt. Zwar bewegt sie sich, wie auch viele der Masada-Interpretationen, im Dreieck zwischen Jazz, klassischer Kammermusik und vorderasiatischer Tradition, bleibt aber immer in der Nähe der Mitte (genauer: des Schwerpunkts) und hält sicheren Abstand zu den Ecken. Dem Jazzfreund swingt sie zu wenig, dem Klassikfreund ist sie nicht kunstvoll genug gearbeitet, dem Weltmusikfreund nicht 'exotisch' genug. Wenn man vermeiden will, sie als Easy Listening zu bezeichnen, kann man nur sagen, dass die Musik irgendwie eine Mischung aus den drei genannten Ingredienzien ist, aber auch wieder nichts von alledem. Wie bei anderen Filmmusiken von Zorn handelt es sich um eine Art Variationenwerk, wodurch dem Ganzen ein starker formaler Zusammenhalt verliehen wird. Was in dem stimmig proportionierten Rahmen geboten wird, ist betörend. Schön, aber nicht kitschig, gefühlvoll, aber nicht sentimental, perfekt gespielt, mit klitzekleinen Widerborsten in den improvisierten Passagen und mit jedem Hören eindringlicher. Eine Musik mit hohem Suchtfaktor, die mit ihrer Schlichtheit überwältigt, erst recht, wenn man (lies: ich) erstmal Archery und Painkiller geknackt haben musste, um auch diese Seite von Zorn zu würdigen.
Joe Dvorak (18.07.2024, 14:55):


Trey Spruance - Xaphan, Book of Angels Vol. 9 (2008)

Secret Chiefs 3
Trey Spruance (Baritongitarre, E-Gitarre, Orgel, Perkussion, Synthesizer, Akkordzither, Klavier, Bassgitarre), Anonyous 13 (Stimme, Viola), Timb Harris (Violine, Trompete), Rich Doucette (Sarangi), Jason Schimmel (Gitarre), Jai Young Kim (Hammond B3 Orgel), Adam Stacey (Clavinet), Monica Schley (Harfe), Shahzad Ismaily (E-Bass), Tim Smolens (Violoncello, Kontrabass), Ches Smith (Schlagzeug, Congas)

Mit diesem Album kämpfe ich schon eine Weile, ohne zu einem endgültigen Ergebnis zu kommen. Sprunace ist ein Geistesverwandter von Zorn, seine Stammband Secret Chiefs 3 ist ähnlich omnistilistisch und die Instrumentierung verspricht einen wahren Ohrenschmaus. Pitchfork beschreibt die Musik der Gruppe als eine alchemistische Verschmelzung von morriconesker cineastischer Erhabenheit, Mitternachtssurf-Gitarre, traditionellen nahöstlichen Rhythmen und Metren, dämonischem Todesmetal und elektronischer Devianz, die ein Werk von unbestreitbarer Kraft hervorbringt (Secret Chiefs 3: Book of Horizons Album Review | Pitchfork). Eigentlich sollte da nichts schiefgehen, zumal sich diese Komponenten wirklich verblüffend fugenlos zu einem homogenen Ganzen zusammenfügen, ohne je wie ein Sammelsurium zu wirken. Aber wie schon bei Band 4 mit Koby Israelite, der von den bisherigen Engelbuch-Inkarnationen am ähnlichsten konzipiert ist, will der Funke von ein paar Momemten abgesehen (vor allem die Schlussnummer) nicht so recht überspringen. Gut gemacht, keine Frage, aber es bleibt für mich eher ein intellektuelles Hörerlebnis als ein packendes Hörabenteuer.
Joe Dvorak (19.07.2024, 08:36):


The Dreamers (2008)

Marc Ribot (Gitarre), Kenny Wollesen (Vibraphon), Jamie Saft (Tasteninstrumente), Trevor Dunn (E-Bass, Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion), John Zorn (Altsaxophon, 1/11 Tracks)

Ein kundiger Blick auf die Besetzungsliste verrät, dass sie personell mit Electric Masada identisch ist (minus Ikue Moris Elektronik), aber das ist das Einzige, was die beiden Gruppen verbindet. The Dreamers knüpfen an The Gift an - die ersten beiden Stücke hätte man ohne weiteres auf diesem grandiosen, von Surf, Exotica und Weltmusik durchtränkten Easy Listening-Album unterbringen können. Aber dann geht es ein wenig mehr in die Breite, es folgt ein Jazz-Piano-Trio, dahinter eine lange, düster-bluesige (klanglich, nicht stilistisch) Nummer mit experimentellem Einschlag (ich glaube, eine grobe Verwandtschaft zu Terje Rypdals Band Chaser auszumachen) und dann der Höhepunkt, wenn Zorn das einzige Mal eingreift und ein Thema aus dem Hut zaubert, das knifflig genug ist, um interessant zu sein, und trotzdem einen Ohrwurm produziert, der einen Tag und Nacht verfolgt. Gegen Ende bricht dieses nicht einmal dreiminütige Stück in freie Gefilde aus und Zorn bringt seine berüchtigte Überblastechnik zum Einsatz, aber das geschieht so organisch, dass selbst Free-Jazz-Phobiker nicht verschreckt werden dürften, und wenn doch, dann ist der Spuk genauso schnell wieder vorbei. Diese Nummer ist wie ein Klartraum, das kann man sich eigentlich nicht ausdenken. Die zweite Hälfte setzt sich ohne das geringste Nachlassen bis zur letzten Note auf dem gleichen Niveau fort. Ich empfinde das bei aller Variabilität als eines der homogensten Polystilistik-Alben von Zorn, wobei die Kunst eben gerade darin besteht, ein Maximum an Vielfalt zu bieten und trotzdem alles wie aus einem Guss wirken zu lassen. Essentiell.
Joe Dvorak (20.07.2024, 09:22):


Filmworks XX: Sholem Aleichem (2008)

Rob Burger (Akkordeon), Carol Emanuel (Harfe), Mark Feldman (Violine), Erik Friedlander (Violoncello), Greg Cohen (Kontrabass)

Die Filmwerk-Reihe eilt von Triumph zu Triumph, auch weil Zorn es versteht, damit nicht nur den Anforderungen der Streifen gerecht zu werden, sondern sie auch als Vehikel für die Profilierung seiner Interpreten zu nutzen. Emanuel war bereits auf anderen Veröffentlichungen zu hören (Filmworks II, Redbird, Cobra), doch hier darf sie sich erstmals virtuos in den Vordergrund spielen. Mit dem Masada String Trio im Rücken ist das ein Selbstläufer. Zwar stößt das doch sehr volkstümliche Hauptthema anfangs etwas auf, aber dann setzt, wie bei vielen der letzten Filmwerke, der unentrinnbare Sog ein und man ertrinkt in einer ganz eigenen musikalischen Welt - in der trotz des Titels von allzu vordergründigen Klezmerismen abgesehen wird.
Joe Dvorak (20.07.2024, 10:11):


Bar Kokhba - Lucifer, Book of Angels Vol. 10 (2008)

Mark Feldman (Violine), Erik Friedlander (Violoncello), Marc Ribot (Gitarre), Greg Cohen (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion)

Dass auch Zorns 'Everyone's Darlings' zum Engelbuch beitragen müssen, ist klar. Und gleich die Eröffnungsnummer verrät, womit sie sich ihre Reputation erspielt haben. Ein treibender Rhythmus, raffinierte Arrangements und Klangkombinationen sowie umwerfende Soli von Feldman und Ribot. Die nächste Nummer bringt dann einen ruhigen, fast 'loungeartigen' Gegenpol, und damit sind die Grenzen abgesteckt, innerhalb derer sich das Album bewegt. Anders als bei dem auf die Streicher reduzierten Trio wird hier auf Ausflüge ins Freie, Experimentelle, Avantgardistische verzichtet. Die erste Hälfte des Albums ist, man könnte fast schon sagen, erwartungsgemäß vollgestopft mit Höhepunkten, doch dann kommt ein für dieses Ensemble ganz ungewöhnlicher Einbruch mit einem Stück, das wenig Inspiration auf ereignisarme 8 Minuten auswalzt. Der anschließende kurze Walzer scheint mir trotz der Subtilitäten von Baron auch nicht das Grandioseste zu sein, zu dem diese Truppe fähig ist. Wenn wir schon beim Meckern auf hohem Niveau sind. Baron kommt für meinen Geschmack zu oft nicht über die Rolle des Taktgebers und Begleiters hinaus. Dort, wo er wirklich 'mitspielt', hat das Album seine ganz großen Momente. Aber das sind Kamalitäten - zumal das Album nach der kurzen 'Schwächeperiode' wieder vollen Glanz bietet. Wenn man ständig Single Malts aus der 95-Punkte-Liga serviert bekommt, degustiert man eben auch mal kritischer, wenn sich die eine oder andere Geschmacksnote nicht ganz so harmonisch einfügt.
Joe Dvorak (21.07.2024, 04:01):


Medeski Martin & Wood - Zaebos, Book of Angels Vol. 11 (2008)

John Medeski (Tasteninstrumente), Chris Wood (E-Bass, Kontrabass), Billy Martin (Schlagzeug)

Manchmal ist es effizienter, einfach abzuschreiben, wenn jemand schon alles gesagt hat und ich es nur anders, aber nicht besser sagen könnte. Hier ist das doppelt legitim, weil es das ist, was die Band über sich selbst sagt: "Das Amalgam aus Jazz, Funk, 'Avant-Noise' und einer Million anderer musikalischer Strömungen und Impulse des Trios ist nahezu unmöglich zu klassifizieren, so wie sie es eben mögen. Medeskis Keyboard-Exkursionen, Chris Woods resolute Basslinien und Billy Martins geschmeidige, tanzbare Beats verschmelzen zu einem einzigen Organismus, der sich elegant zwischen genresprengenden Kompositionen und ausladenden Improvisationen über einem unbändigen Groove bewegt." (About — Medeski Martin & Wood (medeskimartinandwood.com)). Ja, das kommt hin - auch wenn ich erst mal sehen will, wie ein Tanz zu den experimentelleren Nummern aussieht - und das passt zu Zorn, man muss aber herausstellen, dass die Gruppe hier sehr fokussiert vorgeht und das bruchlos und geschlossen klingt. Die Vielfalt, die aus den Tasten (überwiegend von der Hammond) gezaubert wird, ist verblüffend, da vermisse ich kein anderes Instrument. Freunde von abenteuerlicher Jazz-Fusion mit fantastischer Improvisationkunst kommen mit diesem Album voll auf ihre Kosten. Das ist ganz nach meinem Gusto und wird auf der Engelsliste in den vordersten Rängen geführt.
Joe Dvorak (22.07.2024, 09:03):
Filmworks XXI: Belle de Nature / Rijksmuseum (2008)
Belle de Nature
Marc Ribot (Gitarre), Carol Emanuel (Harfe), Shanir Ezra Blumenkranz (E-Bass, Kontrabass)
The New Rijksmuseum
Uri Caine (Cembalo, Klavier), Kenny Wollesen (Vibraphon, Röhrenglocken, Perkussion), Cyro Baptista (Perkussion), John Zorn (Cembalo, Perkussion)
Zorn mischt seine vertrauten Interpreten weiterhin munter durch das Filmwerk und schafft originelle Instrumentierungen. Die erste Hälfte, die sich trotz der kleinen Besetzung durch sehr variable Arrangements auszeichnet, ist wieder minimalistisch gehalten, mit simplen, eindringlichen Melodien, hat aber nichts mit Minimal Music im eigentlichen Sinne gemein. Das bleibt der zweiten Hälfte vorbehalten, in der gelegentlich Anklänge an Glass oder Reich zu hören sind, aber das ist zu fragmentiert und stellenweise zu fad, um zu fesseln - so mein erstes Urteil am Morgen. Das abendliche Nachhören, betankt mit einer gesunden Dosis von 12-jährigem Balvenie Single Malt, der nach Reifung in Burbonfässern ein Finish in angekohlten Kentucky Virgin Oak Casks erhalten hat, lies die Sache jedoch etwas freundlicher erscheinen. In beiden Hörsituationen beeindruckt das Finale, das Caine solistisch am Klavier bestreitet.
Joe Dvorak (23.07.2024, 01:47):


Filmworks XXII: The Last Supper (2008)

Abby Fischer, Kirsten Sollek, Lisa Bielawa & Martha Cluver (Stimme), Caleb Burhans (Stimme), Cyro Baptista & John Zorn (Perkussion)

Nachdem die letzten Filmwerke leicht zu hören waren, in dem Sinne, dass es an der klanglichen Oberfläche keine Herausforderungen zu überwinden gab, gibt er uns hier wieder etwas auf. Die vier Damen waren schon auf Mysterium zu hören, und das war mehr als hörenswert, aber da war es ein Stück von etwa zehn Minuten, das zwischen zwei Instrumentalnummern platziert war. Über eine volle Albenlänge fällt textlose Vokalmusik, nur ab und zu mit Schlagwerk durchsetzt, bei mir in die Kategorie "eher schwierig". Das hat mal renaissancehafte, mal minimalistische, mal neutönerische Qualitäten und macht Eindruck, aber so richtig mitzunehmen vermag es mich auf Dauer nicht. Da ich sonst keine zeitgenössische Vokalmusik höre - eigentlich ein Unding, denn da gibt es erschliessenswerte Sachen wie Holligers Utopia oder Aperghis' Wölfli-Kantate - kann ich hier nur ganz geschmäcklerisch sagen: durchaus interessant, ist aber nicht mein Ding.
Joe Dvorak (24.07.2024, 05:41):


The Crucible (2008)

Mike Patton (Stimme), John Zorn (Altsaxophon), Trevor Dunn (E-Bass), Joey Baron (Schlagzeug), Marc Ribot (Gitarre, 1/8 Tracks)

Der vierte Streich des Moonchild-Trios, diesmal vom Komponisten in Vollzeit unterstützt, ist ein Lehrstück über perfekt maximaldosierte Intensität und Extremität. Ich hatte schon in anderem Zusammenhang festgestellt, dass es eine Grenze gibt, jenseits derer sich die Wirkung ins Gegenteil verkehrt. Es geht darum, die äußersten Grenzen von Ausdrucksformen zu finden, die gerade noch einen Bezug zur Musik, wie sie in der Zone des Hörers definiert und verstanden wird, behalten. Dass jeder diese Grenze woanders zieht, ist eine Binsenweisheit, und dass gerade in diesen Grenzbereichen besonders bereichernde und intensive Hörerfahrungen gemacht werden können, sollte eine sein.
Was hat das mit Moonchild zu tun? Selbst als hartgesottener Verfechter der Auffassung, dass von Menschen organisierte Schallereignisse immer als Musik zu gelten haben, finde ich auf ihrem Erstling (abgesehen vom Einsatz von Stimme und Instrumenten) keinerlei Bezug zu tradierten Elementen der Musik. Diese Kunst ist so weit vom Zentrum der Zone weg, dass sie nicht mehr als extrem, sondern nur mehr als experimentell wahrgenommen wird (was keineswegs, wie so oft, negativ konnotiert werden darf - ohne Experiment keine Entdeckung). Mit Astronome näherte man sich dem Zentrum, blieb aber noch außerhalb der Zone - mit The Crucible liegt man nun ganz knapp innerhalb der (meiner) Zonengrenze, weil die wahnwitzigen Duelle zwischen Zorn und Patton meist im Rahmen vertrauter Song- und (Metal-)Riffstrukturen stattfinden, weil Zorn auch mal moderate Töne anschlägt, Patton auch mal annähernd 'singt', und die Rhythmusgruppe zwar alles in Grund und Boden stampft, dabei aber den Groove nicht verliert. Und es sind gerade diese vermeintlichen 'Kompromisse', die das Erlebnis so intensiv und die Erfahrung so extrem machen.
Joe Dvorak (24.07.2024, 11:51):


Filmworks XXIII: El General (2009)

Marc Ribot (Gitarre), Rob Burger (Akkordeon, Klavier), Greg Cohen (Kontrabass), Kenny Wollesen (Vibraphon, Bass-Marimba, Schlagzeug)

Die letzten 3 Filmwerke habe ich etwas oberflächlich behandelt, sowohl beim Hören als auch bei der Kommentierung. Alle verdienten eine intensivere Beschäftigung, aber es war unmittelbar klar, dass man mit Nr. XIII und XVIV nicht gleichziehen konnte - der Bessere ist der Feind des Guten. Für die Nr. XXIII standen die Chancen günstig, denn Rob Burger, der auf den beiden Referenzen einmal Akkordeon und einmal Klavier spielte, ist hier wieder mit von der Partie und abwechselnd an beiden Instrumenten zu hören. Tatsächlich ist dieses Werk auf gleicher Höhe. Es ist thematisch nicht ganz so eng gearbeitet wie die beiden anderen, aber das ist ein kleiner Preis für die abwechslungsreiche Gestaltung, die null zu Lasten der Geschlossenheit geht. Neben den alternierenden Instrumenten von Burger spielt Ribot abwechselnd akustisch und elektrisch, Wollesen tauscht gestimmte Perkussion und Schlagzeug, und in einigen Stücken oder längeren Passagen ist die Besetzung reduziert. Das Material ist sehr eingängig, Melodik und Harmonik sind simpel, eindringlich bis hypnotisch, in den improvisatorischen Passagen wird das Material so weit wie möglich ausgelotet, ohne allzusehr ins Jazzige zu gleiten - es gibt gerade so viele kleine Widerhaken, dass es spannend bleibt, aber nicht weit vom Zentrum der Wohlfühlzone wegführt. (Eine Ausnahme bildet vielleicht die Schlussnummer, in der Ribot mit Verzerrungen und Rückkopplungen arbeitet, die sich der Klangwelt eines Robert Fripp nähern). Das ist einfach großartige Musik, die gerade in ihrer Diskrepanz zwischen Schlichtheit und Tiefenwirkung völlig überzeugt, befriedigt und erhebt.
Joe Dvorak (26.07.2024, 02:58):


Alhambra Love Songs (2009)

Rob Burger (Klavier), Greg Cohen (Kontrabass, E-Bass), Ben Perowsky (Schlagzeug)

Dass Zorn Easy Listening kann, hat er schon bewiesen, aber hier treibt er es auf die Spitze. Es wird ausgelotet, welches absolute Minimum an Spannung (harmonisch, rhythmisch, klanglich) es braucht, um Musik anhörbar zu machen. Ganz ohne geht es nicht, sonst kommt New-Age-Gedudel oder Fahrstuhlmusik heraus. Viele Jazz-Combos im Easy-Listening-Stil unterscheiden sich durch die konsequente Vermeidung jeglicher 'Misstöne' kaum davon. Alhambra nimmt es locker mit deren Harmoniesucht und Melodienseligkeit auf. Diese Musik ist so unverschämt eingängig und betörend schön, dass man schier besoffen davon wird, aber behält gerade das Mindestmaß - keinen Deut mehr - an Spannung, das sie über das Seichte und Belanglose hinaushebt und dafür sorgt, dass man nicht eingelullt wird, sondern hellwach dran bleibt. Gerade dieser Grenzgang nach innen macht sie so faszinierend und das Erlebnis so intensiv wie sonst nur bei Werken an der Außengrenze zwischen Extremem und rein Experimentellem. Ein wohltuender und allen Unbill vertreibender Höchstgenuss ohne jede Reue sozusagen und ein weiterer unverzichtbarer Eintrag im Katalog.
Joe Dvorak (26.07.2024, 05:31):


Masada Quintet feat. Joe Lovano - Stolas, Book of Angels Vol. 12 (2009)

Joe Lovano (Tenorsaxophon), Dave Douglas (Trompete), Uri Caine (Klavier), Greg Cohen (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug), John Zorn (Altsaxophon, 1/9 Tracks)

Nach zehn Studio- und rund einem halben Dutzend Livealben in der pianolosen Coleman-Besetzung präsentiert sich die Originalband erstmals als Quintett, und bei dieser Gelegenheit hat sich der Gründer gleich selbst ausgewechselt und ein echtes Schwergewicht an Bord geholt. Das Ergebnis ist auf das erste Hören ein klein wenig ernüchternd, denn es ist eine recht konventionelle Geradeaus-Session geworden, was per se nichts Schlechtes ist, und bei der Qualität der Musiker ist das eine hochwertige Sache, aber es gibt halt unzählige Platten wie diese. So ist es 'nur' eine sehr gute Jazzplatte geworden, bei der mit Zorn viel Abenteuerlust verschwunden ist. Dass es sich, wie der PR-Text des Labels behauptet, um eine der atemberaubendsten CDs der gesamten Masada-Serie handelt, kann ich zwar für mich nicht bestätigen, aber mit den glänzenden Protagonisten - wobei Douglas noch einmal ein Stück herausragt - und einigen sehr einnehmenden Themen ist das doch etwas Feines, wenn auch nicht essentiell.
Joe Dvorak (27.07.2024, 03:25):


Femina (2009)

Sylvie Courvoisier (Klavier), Carol Emanuel (Harfe), Jennifer Choi (Violine), Okkyung Lee (Violoncello), Shayna Dunkelman (Vibraphon, Perkussion), Ikue Mori (Elektronik)

Femina (bereits im Komponisten-Thread besprochen) ist seit langem mal wieder eine Karteikarten-Collage. 4 Teile mit insgesamt 52 Abschnitten. Zorn lässt klassische Kammermusik, geräuschhaft-atonale Avantgarde und Filmmusik mit der jüngst gezeigten Vorliebe für schöngeistig betörende Melodien selten aufeinanderprallen und häufig fließend ineinander übergehen. Das überzeugt, bezwingt, hypnotisiert, beglückt von der ersten bis zur fünfunddreißigsten Minute restlos, uneingeschränkt, vollkommen, ohne wenn und aber.
Joe Dvorak (28.07.2024, 05:27):


Moonchild - Six Litanies for Heliogabalus (2007)

Mike Patton (Stimme), Trevor Dunn (E-Bass), Joey Baron (Schlagzeug), Jamie Saft (Orgel), Ikue Mori (Elektronik), John Zorn (Altsaxophon), Martha Cluver, Abby Fischer & Kirsten Soller (Stimme)

Zu meinem Leidwesen wird mein Elan ausgebremst. Das Album ist bei meinem Strömer nicht vorhanden, so dass ich das vertagen muss, bis ich in 2 Wochen wieder außerhalb der Great Firewall bin und Youtube konsultieren kann. Das Moonchild-Trio ist zum Sextett angewachsen - unter anderem legt der Maestro höchstselbst Hand, oder richtiger: Mund an - und wird dazu noch von einem kleinen Frauenchor verstärkt. Die Kritikerzunft ist sich einig, dass dies das beste Album der Serie ist. Ich bin schon ganz aufgeregt...
Die Aufregung war gerechtfertigt und die Kritiker haben recht. Die singenden Damen sorgen bei diesem Höllenritt für himmlische Ruhepole, Medeski hilft wie oben, so unten aus, Zorn und Mori sind nur sporadisch zu hören. Im Zentrum steht die vierte Litanei, ein Alleingang Pattons - das ist natürlich mehr Spektakel als 'Musik', aber die Faszination an dieser Stimmakrobatik überwiegt, allein schon wegen der Frage, wie man so etwas anstellt, ohne sich dauerhaft die Stimmbänder zu ruinieren. Die Litaneien erreichen nur selten die kompromisslose Dichte der Songs without Words und kaum die metallische Zerstörungskraft von The Crucible, sie bewegen sich in ihrem eigenen Kosmos und wieder frage ich mich: Wie kommt man auf so etwas Abgründiges und gleichzeitig Entrücktes, und woher nimmt man die Zuversicht, dass es dafür ein Auditorium gibt?
Joe Dvorak (28.07.2024, 14:07):


The Stone Issue Three (2008)

Lou Reed (Gitarre), Laurie Anderson (Violine, Elektronik), John Zorn (Altsaxophon)

Zorn hat das erste Konzert dieser Benefizserie für einen Jazzclub mit einem eigens dafür einmalig zusammengestellten Sextett bestritten und ein Album vorgelegt, das ich ganz weit oben auf der Liste seiner Arbeiten sehe. Beim dritten Konzert war er wieder mit von der Partie, und zwar mit einer Superstar-Besetzung, die nichts Gutes ahnen lässt. Es kommt immer wieder vor, dass man Besetzungslisten liest und sich fragt, wie das funktionieren soll, aber neugierig bleibt, und es gibt welche, bei denen man sicher ist, dass das nicht funktionieren kann, und dem deshalb mit Bangen entgegenhört. Gemessen an dieser Erwartungshaltung ist das Ergebnis viel besser als befürchtet, wobei ich einschränken muss, dass das Album auf YT nicht vollständig ist, vom ersten der drei Teile ist nur der Schlussabschnitt vorhanden. Deshalb verbietet sich ein wirkliches Verdikt, aber ich muss sagen, dass das Vorhandene, das immerhin rund zwei Drittel der Spielzeit ausmacht, recht gut anhörbar ist, im Zusammenspiel immer wieder zu einem Gesamtorganismus einrastet und klanglich manchmal gar etwas an die 'Kosmische Musik' der Berliner Schule erinnert. Aber auf dem Feld der freien Improvisation gibt es schon vieles, und darunter einiges besseres im Zorn-Katalog.
Joe Dvorak (28.07.2024, 14:42):


The Dreamers - O'o (2009)

Marc Ribot (Gitarre), Kenny Wollesen (Vibraphon), Jamie Saft (E-Piano, Orgel), Trevor Dunn (E-Bass, Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion)

Ein weiteres Easy-Listening-Album, zu leicht für meinen Geschmack. Die Polystilistik wird zugunsten eines fast durchgehend sonnigen Hawaii-Sounds weitgehend eingeebnet. Zwar verhindern die Protagonisten mit ihren durchdachten Soli (vor allem Saft glänzt am E-Piano), dass das Ganze zur reinen Klangtapete wird, aber das ist mir dann doch etwas zu weich gespült und fällt gegen das grandiose Debütalbum der Formation um Längen ab.
Joe Dvorak (30.07.2024, 05:20):


Mycale - Book of Angels Vol. 13 (2010)

Ayelet Rose Gottlieb, Sofia Rei Koutsovitis, Basya Schecter & Malika Zarra (Stimme)

Ein weiteres A Capella-Album. Die vier hier vertretenen Damen sind mit eigenen Bands in der Weltmusikszene bekannt, zum Teil auch in der Breite populär und gelten als außergewöhnliche Individualisten. Sie singen hier in fünf verschiedenen Sprachen und finden die Quelle ihrer Texte in der Bibel, bei Rumi und anderen. Mehr kann ich dazu nicht sagen, außer dass sich das nach kurz gewecktem Interesse sehr schnell abnutzte, und der Rest dann zum Aussitzen mutierte. Im Gegensatz zum Filmwerk XXII, wo es immerhin interessante Texturen und Klangeffekte zu bewundern gibt, spricht mich hier überhaupt nichts an.
Joe Dvorak (31.07.2024, 05:19):


In Search of the Miraculous (Hymns, Prayers and Dances, 2010)

Kenny Wollesen (Vibraphon), Rob Burger (Klavier, Orgel), Shanir Ezra Blumenkranz (E-Bass), Greg Cohen (Kontrabass), Ben Perowsky (Schlagzeug)

Bei Platten, die nicht zu einem der Projekte gehören, kann ein genauerer Blick auf die Besetzungsliste Orientierung geben. Hier haben wir das Alhambra Trio, verstärkt durch einen zweiten Bassisten und mit einem Vibraphon als zweitem Leitinstrument. Die Grundrichtung ist die gleiche wie bei den Love Songs. Sehr leichtgängig und klangschön, wobei in den ersten beiden Stücken eine Menge Leben drin ist, nicht zuletzt durch das wuselig treibende Schlagzeug - das sich aber in keiner Weise in den Vordergrund drängt. Doch dann folgt eine müde, seichte Nummer, welche die Luft aus dem Album zieht und davon erholt es sich nicht mehr. Es gibt einfach zu viele Passagen, in denen es mir mit der Eingängigkeit und der Reibungslosigkeit übertrieben wird. Zwar wird zwischendurch immer mal wieder das Tempo angezogen und versucht, mehr Substanz hineinzupacken, aber es greift irgendwie nicht. Einfluss von Gurdjeffs Texten und Musik hin oder her: Meins ist das nicht.
Joe Dvorak (03.08.2024, 04:16):


The Dreamers - Ipos: Book of Angels Vol. 14 (2010)

Marc Ribot (Gitarre), Kenny Wollesen (Vibraphon), Jamie Saft (Klavier, E-Piano, Orgel), Trevor Dunn (E-Bass, Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion)

Nach einem überragenden polystilistischen Debüt und einem lauen Easy Listening Surf Jazz-Nachfolger ist der dritte Langspieler der Träumer eine nicht alles überragende, aber doch ganz hervorragende Mischung aus beidem: Die spieltechnische und improvisatorische Klasse des Debüts trifft auf die leichte Hörbarkeit des Zweitwerks. Der Unterschied zu O'o ist schnell ausgemacht. Während dort die Tasten und Schlägel/Platten den Ton angeben, ist Ipos sehr auf Ribot zugeschnitten. Und es ist die Qualität seiner Soli, die sich wie immer durch eine sagenhafte Ökonomie der Mittel auszeichnen, die die Musik davor bewahren, ins 'Gedudel' abzugleiten, zumal ich das Gefühl habe, dass der Rest der Truppe von ihm mitgerissen wird. Vor allem das perlende Vibraphon, das auf dem Vorgänger oft ins Belanglose abzugleiten drohte, glänzt hier mit rhythmisch vertrackten Beiträgen mit ordentlich Zug drin. Als leiser Kritikpunkt sei angemerkt, dass der einen oder anderen Passage ein klein wenig Straffung gut getan hätte, aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Ribot entschädigt für die paar Sekunden, in denen man ungeduldig auf dem Stuhl herumrutscht, sobald er in die Saiten greift. Er ist der Star dieses Albums und macht den schwer verdaulichen Klotz mit seinem eigenen Trio (Book of Angels Vol. 7) vergessen.
Joe Dvorak (03.08.2024, 05:33):


Late Works (2010)

John Zorn (Altsaxophon), Fred Frith (Gitarre)

Der Duo-Auftritt der beiden im Rahmen der 50. Geburtstagskonzerte hat mich positiv überrascht, aber hier toppen sie das nochmal. Der Ideenreichtum scheint grenzenlos, das Zusammenspiel telepathisch. Zwar braucht man, wie so oft bei völlig freier Improvisation, gewisse Nehmerqualitäten, aber selbst in den geräuschhaft-chaotischen, manchmal ins Kakophonische abgleitenden Passagen, wirkt das immer folgerichtig, habe ich stets den Eindruck, dass die beiden genau wissen, wo sie sind und was sie tun - doch es sind die zahlreichen, wie Inseln eingestreuten atmosphärischen Passagen, durch die ich wie magisch in außer-, über- und andersweltliche Sphären gezogen werde und fast ehrfürchtig staunend wieder herauskomme.
Joe Dvorak (03.08.2024, 12:59):


Ben Goldberg Quartet - Baal: Book of Angels Vol. 15 (2010)

Ben Goldberg (Klarinette), Jamie Saft (Klavier), Greg Cohen (Kontrabass), Kenny Wollesen (Schlagzeug)

Es liegt in der Natur der Sache, dass man bei Melodien, die auf den im Masada Songbook verwendeten orientalischen Skalen basieren, wenn sie von einer Klarinette gespielt werden, einen besonders starken klezmerischen Einschlag zu hören vermag. Das Quartett geht aber teilweise sehr frei und avantgardistisch zu Werke, so dass man hier in Analogie zum Post-Bop des Jazz von Post-Klezmer fabulieren könnte. Wie auch immer man es einordnen mag, es ist eine sehr vielseitige und abenteuerliche, manchmal entfesselt wilde Session geworden - mit dem unbegleiteten Klarinettensolo Uzza als besonderem Glanzpunkt.
Joe Dvorak (04.08.2024, 05:48):


Dictée / Liber Novus (2010)
Dictée (2009)
Ned Rothenberg (Shakuhachi, Bassflöte, Klarinette), Okkyung Lee (Violoncello, Sprechstimme), Sylvie Courvoisier (Klavier, Sprechstimme), Kenny Wollesen (Vibraphon, Perkussion), John Zorn (Sampels, Geräuscheffekte (Foley))
Liber Novus (2010)
Stephen Gosling (Klavier), John Medeski (Orgel), Kenny Wollesen (Perkussion), David Slusser (Klangeffekte), John Zorn (Sprechstimme)
Ein weiteres Album mit Karteikartencollagen, einer Kompositionstechnik, die mit Spillane und Femina zwei der allerbesten Zorn-Alben hervorgebracht hat. Diese Kompositionen basieren auf Inspirationsquellen wie Personen, Filme, Bücher oder dergleichen. Zu dem gewählten Thema werden Ideen in Form von Notentexten, graphischer Notation, Texten oder Bildern auf Karteikarten festgehalten. Die Zettel werden dann geordnet und bilden die Form und Struktur der Komposition. Dies kann mit dem Schnitt eines Films verglichen werden, bei dem die einzelnen Szenen zu einer Handlungsfolge zusammenmontiert werden. Die detaillierten Inhalte werden dann anhand der Vorgaben auf den Karteikarten erarbeitet, entweder auskomponiert oder durch Improvisation. Bei dieser Machart ist es kein Zufall, dass die Werke wie ein Film für die Ohren wirken und laut Zorn cineastisch gehört werden sollen.
Der Bezug zum Film ist bei diesem Album besonders evident, da sich Zorn hier als Foley Artist betätigt. Das musste ich erst einmal nachschlagen und lernen, dass die meisten Geräusche, auch alltagliche, die man in Kinofilmen hört, nicht live aufgenommen, sondern im Tonstudio oft mit ungewöhlichen Mitteln nachgestellt werden. Das ist eigentlich logisch, denn das Geräusch einer brechenden Nase kann man kaum authentisch erzeugen - dafür nimmt man gefrorenen Römersalat. Nun mag sich der eine oder andere Sauertopf fragen, was denn Alltagsgeräusche in einem Musikstück zu suchen haben, und schon sind wir wieder bei der grundsätzlichen Frage, was Musik ist. Egal, ich finde, dieses Album ist auf einer Höhe mit den oben genannten. Dictée wird über weite Strecken von Rothenbergs eindringlichem Bläserspiel dominiert, dazu kommen klassisch-avantgardistische Versatzstücke und eben Samples, Geräusche und Soundeffekte. Das Ganze entfaltet sich stimmig und logisch wie, nun ja, ein Hörfilm und ist eine rundum erfreuliche und erbauliche Angelegenheit mit hohem Suchtfaktor.
Joe Dvorak (04.08.2024, 15:02):


Masada String Trio - Haborym: Book of Angels Vol. 16 (2010)

Mark Feldman (Violine), Erik Friedlander (Violoncello), Greg Cohen (Kontrabass)

Vor der Halbzeit des Projekts durfte das Star-Trio ein zweites Mal ran - offenbar auf sehr große Nachfrage. Und sie liefern zuverlässig. Viel hat sich in den fünf Jahren seit der letzten Veröffentlichung nicht geändert, aber das muss auch nicht sein, denn besser als Vol. 2 konnte es nicht mehr werden, und wie heißt es auf Deutsch so schön: If it ain't broke, don't fix it. Deshalb kann ich auch einfach die Beschreibung von dort übernehmen:
Masada String Trio - Azazel: Book of Angels Vol. 2 (2005)

Da ich keine Worte finde, die das adäquat auf die Tastatur bringen, schreibe ich vom PR-Text auf dem Cover ab, weil es halt nicht nur Reklame ist, sondern direkt auf den Punkt trifft. Their breathtaking virtuosity, extraordinary passion and telepathic interplay (...) set a new standard for excitement, concentration and commitment. So ist es.
Wenn ich wählen müsste, würde ich mich ganz klar für Teil 2 entscheiden, weil der doch ein paar mehr prägnante Themen, oder sprechen wir es aus, Hits enthält. Vielleicht liegt es daran, dass sie am Anfang die freie Auswahl hatten und sich die Rosinen herauspicken konnten? Denn wenn man etwas an dem Songbook kritisieren will, dann dass sich die Melodien zum Teil doch sehr ähneln und manchmal etwas gesichtslos orientalisierend wirken. Jedenfalls spukt mir auch nach mehrmaligem Hören von Vol. 16 kein Wurm in den Ohren herum, während dieselben bei Vol. 2 schon nach dem ersten Durchlauf voll davon waren.
Wer sich auch nur im Geringsten für Musik mit orientalischem Einschlag (Balkan, Vorder- und Mittelasien) interessiert und diese in einem Kammerjazz-Setting hören möchte, wobei wohldosierte Ausflüge in die freie Improvisation und in die zeitgenössische Avantgarde nicht gescheut werden, kann hier eine atemberaubende Vielfalt an Spieltechniken, Klängen und Texturen erleben - freilich nie als Schau, sondern der Sache, sprich dem Lied dienend.
Joe Dvorak (05.08.2024, 08:55):


The Goddess (Music for the Ancient of Days, 2010)

Marc Ribot (Gitarre), Kenny Wollesen (Vibraphon), Carol Emanuel (Harfe), Rob Burger (Klavier), Trevor Dunn (E-Bass, Kontrabass), Ben Perowsky (Schlagzeug)

Dieses Album gehört wie The Miraculous zum Alhambra-Komplex, auch wenn der Bassist des ursprünglichen Trios ersetzt wurde und zusätzlich drei weitere Front-Instrumente an Bord sind. Thematisch ist die Verwandtschaft unüberhörbar, und die auf Experimente und Avantgardismen komplett verzichtende leichte Gangart knüpft ebenfalls an die Love Songs an. Klanglich ist das ein bald hypnotisierendes Fest. Die stark synkopierten, kaleidoskopartig oszillierenden Ostianto-Teppiche, die von Harfe, Vibraphon und Klavier ausgebreitet werden, scheinen sich im ganzen Raum auszubreiten und von überall her zu kommen. Die Muster und Texturen verändern sich ständig, aber kaum merklich. Das erinnert an Minimal Music à la Reich, bleibt aber durch die jazzig agierende Rhythmusgruppe und die Soli genügend weit davon entfernt. Läuft man dennoch mal Gefahr, sich in diesem akustischen Schlangenkessel in meditativer Entgrenztheit zu verlieren, ist - wieder einmal - Ribot zur Stelle und hält die Verbindung zum Diesseits sicher aufrecht. Diese Platte erfordert viel Zeit und Geduld, um ihr alle Geheimnisse zu entlocken. Leicht zu hören, schwer in ihrer ganzen Fülle zu erfassen.
Joe Dvorak (10.08.2024, 08:05):


Filmworks XXIV: The Nobel Prize Winner (2010)

Rob Burger (Klavier), Trevor Dunn (Kontrabass), Kenny Wollesen (Schlagzeug, Vibraphon)

8 Hördurchgänge, 8 verschiedene Höreindrücke und Meinungen. Ich weiß immer noch nicht, ob ich das für "nicht wesentlich", für "gut" oder für "ganz hervorragend" halten soll. Vergleiche mit den Alhambra Love Songs sind nicht ganz falsch, der Nobelpreisträger ist ähnlich entspannt und leichtgängig und dabei von hoher künstlerischer und spieltechnischer Qualität, aber die stilistische Bandbreite ist größer, es geht einerseits fast ins reine Easy Listening, andererseits deutlich mehr ins Jazzige, es findet sich sogar ein -den Albenfluss nicht störender- experimenteller Track, der allerdings ohne allzu arge Misstöne auskommt, und durch den gelegentlichen Wechsel vom Schlagzeug zum Vibraphon (oder dessen Addition im Overdub-Verfahren) wird auch klanglich mehr Abwechslung geboten. Das Material ist sehr eingängig, die Themen und Motive der einzelnen Stücke sind verwandt, wenn auch nicht so eng wie in anderen variationsartigen Filmwerken. Mein Problem ist nur, dass es stellenweise zu leicht zu hören ist, einfach zu harmlos wirkt - eine Falle, die Burger mit seinem Alhambra-Trio geschickt zu umschiffen verstand. Aber jetzt, wo das Album gerade zum neunten Mal lief, lege ich mich doch auf "ganz hervorragend" fest
Joe Dvorak (10.08.2024, 16:25):


Moonchild - Ipsissimus (2010)

Mike Patton (Stimme), Marc Ribot (Gitarre), Trevor Dunn (E-Bass), Joey Baron (Schlagzeug), John Zorn (Altsaxophon, Klavier)

Die Platte durchlief einen ähnlichen Reife- und Wachstumsprozess (oder genauer: ich durchlief ihn als Hörer) wie die zuvor besprochene. Der fünfte Streich des Moonchild-Trios, diesmal verstärkt durch Marc Ribot, den man nie zu oft hören kann, und mit nur zwei Einsätzen des Komponisten, einmal am Saxophon und einmal am Piano. Und der Weg von der gnadenlosen Kompromisslosigkeit des ersten Albums in zugänglichere Gefilde wurde fortgesetzt. War der Viertling The Crucible noch ein Zorn-Album mit Avantgarde-Metal und Free Jazz, so ist das hier fast ein reines Extrem-Prog-Metal-Album mit ein bisschen Zorn drin geworden. Patton gibt hier und da noch ein paar Urschreie von sich und mimt das Tier im Todeskampf, aber insgesamt ist er (gemessen am Standard der ersten beiden Moonchild-Scheiben) deutlich gemäßigter. Für Freunde des Schöngesangs ist das natürlich nach wie vor rein gar nichts und es bleibt auch bei präverbaler Sprache. Auch hier war ich mir anfangs nicht sicher, ob ich das gut finde, aber das Album forderte regelmäßige Wiederholungen und ist bei mir mittlerweile im absoluten Spitzenfeld zu finden (wobei ich von Moonchild das erste nach wie vor besser finde). Nicht zuletzt haben Anteil daran die drei über das Album verstreuten Instrumentalstücke mit dem Titel Apparations (I-III), die im Powertrio (Gitarre/Bass/Schlagzeug) gespielt werden, atonal sind und keinem wahrnehmbaren Metrum folgen, aber dennoch mathematisch streng durchkonstruiert wirken. Neue Musik für Rockinstrumente sozusagen. Und dann ist da einmal mehr Ribot mit einigen großen Momenten, insbesondere sein Solo zu Supplicant.
Joe Dvorak (11.08.2024, 03:23):


What Thou Wilt (2010)
Contes De Fées (1999) für Violine und Kammerorchester
Stephanie Nussbaum, The Tanglewood Orchestra, Ryan McAdams
. ˙ . (fay çe que vouldras, 2005) für Klavier
Stephen Drury
777 (Nothing Is True, Everything Is Permitted, 2007) für 3 Violoncelli
Erik Friedlander, Fred Sherry, Mike Nicolas
Zorns Violinkonzert habe ich - in einer anderen Einspielung - im Komponisten-Thread als gesichtslos abgekanzelt, aber da war ich wohl eher gehörlos. Es hat schon seine klanglichen Meriten und ist formal überzeugend. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat Zorn zuerst die Violinstimme geschrieben und dann dieselben Tonreihen für das Orchester verwendet, aber die verschiedenen Abschnitte gegeneinander versetzt, so dass z.B. Material aus dem ersten Teil des Violinparts im letzten Teil des Orchesterparts verwendet wird, oder so. Was nach wie vor zutrifft, ist, dass es so klingt wie Dutzende anderer zeitgenössischer Violinkonzerte. Dass es von Zorn ist, würde niemand blind erraten, dass es von Ligeti inspiriert sein soll, vielleicht schon eher.
Soloklaviermusik kommt bei mir selten und dann meist in moderner Form ins virtuelle Laufwerk. Cage, Feldmann, Scelsi, Sciarrino, ganz gelegentlich noch Kagel und Stockhausen - da kann ich nur sagen, dass sich Zorns Beitrag in diesem illustren Kreis wacker schlägt, aber wiederum kaum als eines seiner Werke zu identifizieren ist, da höre ich, wenn es modern-klassisches Klavier sein soll, doch lieber Carny - das ist Zorn pur. Das Cello-Trio ist geschenkt. Versteht man Crowleys Motto "Tu was du willst" als Kompositionsanweisung, bekommt man eine Ahnung, wie das klingt.
Joe Dvorak (11.08.2024, 11:37):


Interzone (2010)

John Zorn (Altsaxophon), Marc Ribot (Gitarre, Banjo, Laute (Cümbüs), Sintir), John Medeski (Tasteninstrumente), Trevor Dunn (E-Bass, Kontrabass), Kenny Wollesen (Schlagzeug, Vibraphon, Pauke, Perkussion, Elektronik), Cyro Baptista (Perkussion), Ikue Mori (Elektronik)

Diese dreiteilige Suite hätte eine perfekte Einführung in die elementaren Grundlagen der Welt des Zorn werden können. Es handelt sich wieder um eine Karteikartencollage, eine Methode, die von Zorn viel verwendet wird und mit der er großartige Triumphe gefeiert hat, und er verarbeitet hier wirklich alles, was er bisher gemacht hat, in der vollen Breite. Ich finde hier allerdings weder die harten, aber doch stimmigen Brüche oder die weichen, kaum merklichen Übergange noch den logischen 'Handlungsfluss' der besten Werke dieses Fachs, und die Inhalte bleiben meist hinter den 'Originalen' zurück. Besonders deutlich wird das in der zweiten Hälfte des letzten Teils, der wie ein Outtake von Electric Masada klingt, ohne auch nur annähernd die Qualität der Alben dieser Formation zu erreichen. Zorn in der Nussschale, aber dennoch keine Empfehlung,
Joe Dvorak (11.08.2024, 16:22):


Banquet of the Spirits - Caym, Book of Angels Vol. 17 (2011)

Brian Marsella (Klavier, Cembalo, Pumporgel, Gesang), Shanir Ezra Blumenkranz (Oud, Bass, Basslaute (Gimbri), Gesang), Tim Keiper (Schlagzeug, Perkussion, Harfenlaute (Kamele Ngoni), Gesang), Cyro Baptista (Perkussion, Gesang)

Cyro Baptista ist einer der meistgehörten Routiniers auf Zorn-Alben und hier mit seiner eigenen Band zu vernehmen. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine Gruppe, die von einem Perkussionisten geleitet wird, stark rhythmusgetriebene Musik macht, aber wenn man meint, die ganze Welt bereisen zu müssen und das Ganze noch mit 'Ethno'-Gesang anreichert, dann gerät man schnell an die Grenze zur stereotypischen 'Weltmusik' und in diesem Fall leider auch darüber hinaus. Nach einem katastrophalen Start fängt sich das Album im Mittelteil zwar etwas, aber der schale Geschmack will nie ganz verschwinden, zumal man keinen Albenfluss hinbekommt, der erste bessere Titel eine Stilkopie vom Coltrane/Tyner-Quartett ist, manche von Zorns Liedmelodien in diesem Umfeld geradezu banal wirken und die Band selten die Integrität und Involviertheit ausstrahlt, die man von Musikern aus dem Zorn-Umfeld sonst gewohnt ist. Das war nichts.
Joe Dvorak (11.08.2024, 18:36):


Nova Express (2011)

Kenny Wollesen (Vibraphon), John Medeski (Klavier), Trevor Dunn (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug)

Eine Kuriosität aus der Welt des Netzes. Das Album dieser wie das Modern Jazz Quartett besetzten Formation hat laut Label 10 Titel und mein Strömer zeigt auch 10 an, aber beim Hören wird schnell klar, dass vier davon unmöglich von dieser Gruppe stammen können. Also bin ich auf Youtube ausgewichen, aber auch dort werden, wenn ich das ganze Album auswähle und abspiele, die falschen Titel gespielt und Playlists, die dieses Album oder die fraglichen Titel enthalten, liefern das gleiche Ergebnis. (Beim Anhören des nächsten Albums, Satyr's Play, stellte sich heraus, dass sie von diesem stammen. Da hat sich irgendwann, irgendwie ein Fehler in die Originaldatei eingeschlichen und jeder hat ihn munter kopiert). Einen konnte ich bei der Einzeltitelsuche beim Stromversorger noch auftreiben, mehr aber nicht, und so kann ich nur für 7/10 des Albums sprechen. Das ist ein Jammer, denn das, was ich gehört habe, gehört ganz klar ins alleroberste Spitzenfeld des Katalogs. Bei der Komposition blitzt oft der modern-klassische Avantgardist Zorn auf, während die Arrangements und die improvisierten Passagen postmoderner Jazz in Reinkultur sind. Das ist ganz großartig, und über die drei vermissten Stücke tröstet ein wenig hinweg, dass diese Gruppe den Namen dieses Album angenommen und darunter später weitere Einspielungen veröffentlicht hat. Ich freue mich darauf.
Joe Dvorak (13.08.2024, 18:05):


Satyr's Play / Cerebrus (2011)
The Satyr's Play (Visions of Dionysus)
Cyro Baptista & Kenny Wollesen (Perkussion)
Cerebrus
Peter Evans (Trompete), David Taylor (Bassposaune), Marcus Rojas (Tuba)
Satyr's Play klingt trotz seiner Anspruch suggerierenden Form in 8 "Oden" nicht viel anders als Zorns für Schlagwerk gesetzten Filmmusiken. Rhythmische Passagen (manchmal recht öde wie in Ode 1) wechseln sich ab mit Klanglandschaften und Texturen (manchmal durchaus packend und die Frage aufwerfend, wie solche Geräusche erzeugt werden), ohne dass ein System dahinter zu erkennen wäre. Nun ja, Visionen folgen keiner geregelten Struktur. Auch das Blechbläsertrio ist keiner traditionellen Form unterworfen, aber da steckt mehr Leben drin, und die 'erweiterten Spieltechniken' halten es spannend. Die typischen Sprünge zwischen Stilen (Madrigal bis Free-Jazz) und Stimmungen (grell-überdreht bis mystisch-geheimnisvoll) machen durchaus Effekt, weil das auf verborgene Weise schlüssig und konsequent wirkt. Aber diese 10 launigen Minuten können den vorhergehenden zeitweisen Leerlauf nicht ganz kompensieren, und so bleibt das Album eine zwiespältige Sache.
Joe Dvorak (16.08.2024, 06:26):


Enigmata (2011)

Trevor Dunn (5-saitige Bassgitarre), Marc Ribot (Gitarre)

Es heisst, man solle mit Wünschen vorsichtig sein. Neulich berichtete ich über drei kurze Rock-Instrumentalstücke, die atonal sind und keinem wahrnehmbaren Metrum folgen, aber dennoch mathematisch streng durchkonstruiert wirken, und dachte: bitte mehr davon. Hier ist nun ein ganzes Album mit solchen Tracks, und das ist ein verdammt schwerer Brocken geworden. Konnte ich im vorigen Fall nur mutmaßen, so ist dieser aufgrund des Begleittextes klar - es kommen Zwölftonreihen zum Einsatz. Dass hier die Komposition (wobei es auch Raum für Improvisation gibt) und nicht der Hörgenuss im Vordergrund steht, zeigt sich daran, dass die 12 Enigmata klanglich nicht variiert werden. Beide Protagonisten spielen die ganze Zeit mit dem gleichen Grad an Verzerrung und Feedback. Und dieser ist hoch, und macht das Ganze in Verbindung mit der sprunghaften Melodik und der kantigen Rhythmik oft zu einer unangenehm anzuhörenden Angelegenheit. Beim konzentrierten Hören mag das eine Weile gehen, aber kaum über die gesamte Dauer, wohingegen beim Nebenbeihören Kopfschmerzen drohen.
Joe Dvorak (17.08.2024, 03:24):


At the Gates of Paradise (2011)

John Medeski (Klavier, Orgel), Kenny Wollesen (Vibraphon), Trevor Dunn (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug)

Zorn überrascht immer wieder - im Großen wie im Kleinen. Hier kommt zwar die Nova Express Besetzung zum Einsatz, aber er schreibt ihr Musik auf den Leib, die eindeutig in die Alhambra-Goddess-Linie gehört, freilich um auf dieser Basis die improvisatorische Stärke von Medeski in den Vordergrund zu rücken und die Abenteuerlust dieser Gruppe mit dem meditativen Schönklang der anderen zu verbinden. Ein Beispiel dafür ist das beste Stück des Albums und eines, das in jede Best of Zorn-Playlist gehört: A Dream of Nine Nights. Nach einem kurzen solistischen Vorspiel folgen endlose repetitive Muster, die vor Schönklang nur so triefen, sich langsam steigern und verdichten, Tempo und Stimmung wechseln, bis sich im Mittelteil ein improvisiertes Klaviertrio herausschält, bei dem die Band entfesselt aufspielt. Ganz gross!
Der Albenfluss ist perfekt. Als 'Ausreißer' sorgen neben den Improvisationseinlagen der seinen Titel verdienende Song of Innocence - etwas Harmloseres hat man von Zorn bis dato nicht gehört -, ein kurzes Freiformstück und ein mystischer, vielleicht einen Ticken zu lang geratener Song mit 70er Pink Floyd-Flair dafür, dass man nicht in einer permanenten Arpeggio-Dusche ersäuft. Man muss schon eine gewisse Offenheit für die Musik amerikanischer Minimalisten wie Reich oder Glass mitbringen, um an dem ganzen Album Freude zu finden - da mir hier nichts im Wege steht, komme ich zu dem schlichten Urteil: Musik wie "für mich gemacht".
Joe Dvorak (17.08.2024, 03:45):


A Dreamers Christmas (2011)

Marc Ribot (Gitarre), Kenny Wollesen (Vibraphon, Glockenspiel), Jamie Saft (Tasteninstrumente), Trevor Dunn (E-Bass, Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion), Mike Patton (Gesang)

Zorn überrascht immer wieder - im Kleinen wie im Großen. Hier gross in Form eines Weihnachtsalbums. Okay, was kann man mit diesen traditionellen Liedern machen? Jagt er sie durch den Saxophon-Häcksler und spielt sie kreischend in tausend Stücke? Dass er genau das nicht tut, sondern das Material ernst nimmt, ist gleich die nächste Überraschung. Auf dem Cover steht Dreamers, das ist diese Gruppe, die hart auf dem scharfen Grat zwischen Banalität und Genialität laviert, aber sicher alles andere als Avantgarde ist. Machen wir es kurz. Es ist weit weniger verfänglich als befürchtet, und wenn ich mir jemals ein Weihnachtsalbum kaufen würde (rein hypothetisch), dann wäre es dieses. Immerhin singt Moonchilds Stimmbandquäler Patton hier mal 'richtig', und zwar richtig gut, wenn auch leider nur auf einem Titel.
Joe Dvorak (17.08.2024, 15:33):


Mount Analogue (2012)

Kenny Wollesen (Vibraphon, Röhrenglocken), Brian Marsella (Klavier, Orgel, Stimme), Shanir Ezra Blumenkranz (Kontrabass, Oud, Basslaute (Gimbri), Stimme), Tim Keiper (Kürbistrommel, Schlagzeug, Perkussion, Glockenspiel, Stimme), Cyro Baptista (Perkussion, Betglocke, Stimme)

Die Karteikarten kommen wieder zum Einsatz! Es spielt das komplette Ensemble des Banquet of the Spirits, das mich mit seinem Beitrag zum Engelbuch nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hinreißen konnte, verstärkt durch Kenny Wollesen, der gerade einen großen Lauf hat. Es kann Entwarnung gegeben werden. Zwar kommen reichlich Weltmusikelemente zum Einsatz, aber diesmal bleibt man weit weg vom Klischee. Dazu Dreamers, Nova Express, die mystischen Sachen (Miarculous, Goddess), psychedelische Orgel, Film, ein paar theatralische Gesangselemente - im Gegensatz zu Interzone, das einen Rundumschlag durch 30 Jahre Zorngeschichte bot, konzentriert er sich hier vor allem auf seine jüngeren Arbeiten als Inspirationsquelle. Hier wie dort ist das neu komponierte Material allerdings nicht allzu reich an wirklichen Höhepunkten. Sicherlich hat das Album seine Momente, und es ist für eine Collage überaus schlüssig aufgebaut und flüssig zusammenmontiert, aber dass es, wie das Label behauptet, eines von Zorns größten Werken sein soll, ist doch eine gewisse Übertreibung.
Joe Dvorak (18.08.2024, 03:45):


The Gnostic Preludes (Music of Splendor, 2012)

Carol Emanuel (Harfe), Bill Frisell (Gitarre), Kenny Wollesen (Vibraphon, Glocken)

Es ist spannend, in der Chronologie zu sehen, wie sich Zorns Projekte teils organisch aus sich selbst heraus entwickeln. Am Anfang stand das Alhambra Klaviertrio, bei dem der Komponist die reine Schöngeistigkeit zum Prinzip erhoben zu haben scheint. Mit Goddess wuchs es zum Sextett heran, und nun nimmt er die ursprünglichen Instrumente weg, und übrig bleibt das Gnostic Trio, das musikalisch und ästhetisch in die gleiche Richtung geht, sich aber auf den kammermusikalischen Kern fokussiert. Das ist Musik von einem anderen, friedlichen Planeten, unschuldig, sinnlich, von geradezu hypnotischer Qualität. Es gibt Musik, die volle Konzentration erfordert, weil sie nebenbei gehört überfordert oder irritiert. Und es gibt Musik, die volle Konzentration erfordert, weil sie nebenbei gehört banal und belanglos erscheinen kann. Man muss sich ganz einlassen auf diese Welt der verinnerlichten, kontemplativen, meditativen Pracht und Herrlichkeit (siehe Untertitel), wobei hier nicht die klangliche Opulenz, sondern die 'geistige' Fülle im Vordergrund steht. Die absoluten Höhepunkte hat dieses Album dann, wenn Zorn zu seiner bewährten Technik greift, synkopierte, arpeggierte Ostinato-Teppiche auszulegen und ein Instrument darüber singen zu lassen. Besonders im Prelude Nr. 3 evoziert manche harmonische Wendung die schiere Glückseligkeit. Das einzige, was mich -noch- davon abhält, dieses Album in die Liste der unverzichtbarsten aufzunehmen, ist die Tatsache, dass dieses Trio noch fünf weitere Einspielungen gemacht hat und an der einen oder anderen Stelle noch ein klitzekleines bisschen Luft nach oben ist.
Joe Dvorak (18.08.2024, 05:12):


David Krakauer - Pruflas, Book of Angels Vol. 18 (2012)

David Krakauer (Klarinette, Bassklarinette), Sheryl Bailey (Gitarre), Jerome Harris (E-Bass, Stimme), Michael Sarin (Schlagzeug), Keepalive (Elektronik)

Die Engelbuch-Serie hat ihren gerechten Anteil an weniger überzeugendem Material. Nach einem fulminanten Start mit zwei Alben, die ganz weit vorne auf die Bestenliste des Zorn-Katalogs gehören, und einem knapp auf den Fersen folgenden, gab es doch den einen oder anderen mauen Beitrag, den ich inzwischen völlig vergessen habe. Das wird diesem hier garantiert nicht passieren. Hier machen sich frische Musiker an das Liederbuch und der Ansatz ist außergewöhnlich. Zorn wollte traditionsbewusste jüdische Musik für moderne Zeiten schreiben, Krakauer aber spielt sie, als wäre sie uralt, in ganz historischer Klezmer-Manier - stellenweise hart an der Grenze zur Parodie. Das beschränkt sich allerdings auf die Themenvorstellungen, sobald es an das improvisatorische Ausleuchten geht, schlägt das Ensemble harmonisch und rhythmisch gewagte Wege ein, schrammt manchmal nur knapp an einer Free Jazz Ästhetik vorbei, und auch Ausflüge in den Funk und Rock werden - vor allem in der zweiten Hälfte - nicht verschmäht. Das Nebeneinander von ganz alt und ganz modern ist sehr originell und einnehmend. Die Musiker sind hervorragend, Harris kenne ich als Schwergewicht in der Jazzszene, während ich von Bailey noch nie gehört habe - ein klares Versäumnis, denn ihr klanglich variables und originelles Spiel und ihre improvisatorische Gestaltungskraft sind absolut hörpflichtig. Wer sich hinter Keepalive verbirgt, konnte ich nicht herausfinden, die Beiträge vom Laptop sind jedenfalls ebenso wie die stimmlichen Verrenkungen von Harris feinsinnig und bereichernd eingepasst. Dazu stimmen die Songaufbauten, man folgt selten den bekannten Schemata, es wirkt jedoch immer schlüssig und formvollendet und hält einen gespannt am Ball. Diese reiche Musik zieht mich hinein, das ist nahezu perfekt. Eine kleine Überraschung gibt es kurz vor Schluss, wenn plötzlich altbekanntes Geschnatter und Gekreische zu hören ist. Der Komponist, der nicht auf der Besetzungsliste steht, bläst hier selbst als Gast. Wenn ich mich recht erinnere, ist es erst das zweite Mal, dass er beim zweiten Buch selbst mitspielt. Und tatsächlich sind das von allen bisherigen Beiträgen diejenigen, die die größte Geistesverwandtschaft mit dem ersten Buch und Zorns originalem Masada-Quartett aufweisen.
Joe Dvorak (19.08.2024, 15:36):


Nosferatu (2012)

John Zorn (Klavier, Altsaxophon, E-Piano, Elektronik), Rob Burger (Klavier, Orgel), Bill Laswell (Bassgitarre), Kevin Norton (Schlagzeug, Vibraphon, Perkussion, Tibetische Klangschalen)

Diese Aufnahme hätte ohne weiteres in die Reihe der Filmwerke aufgenommen werden können, wenn sie als Begleitmusik für die Leinwand anstatt für die Bühne komponiert worden wäre. Die üblichen Vorbehalte die sich beim Begriff Filmmusik breit machen, wischt man weg und denkt stattdessen an die besten Werke des Genres - solche, die nicht nur das Gezeigte treffend bereichern, erläutern und dramatisieren, sondern auch als autonome Musik funktionieren. Musikalisch pendelt das episodenhaft zwischen Ambient-Geräusch-Klanglandschaften, mitternächtlichem Lounge-Jazz, Neuromantik und einigen treibend groovenden Stücken, wobei es einmal sogar einen Ausflug in Industrialgefilde gibt; in diesem den Kampf zwischen Gut und Böse symbolisierenden Stück fährt Zorn das einzige Mal sein berüchtigtes, schneidend-expressives Klangarsenal auf. Das mag alles nicht besonders innovativ sein, aber man muss das Rad nicht immer neu erfinden, sondern kann auch mal ein sauber konstruiertes und hochwertig gearbeitetes in attraktivem Design herstellen. Was hier inhaltlich und spielerisch geboten wird, fesselt von Anfang an und lässt nicht nach. Dazu trägt auch die oft düstere Atmosphäre bei - dass es sich um ein Horrorstück handelt, kann man leicht erraten, muss aber nicht befürchten, mit den damit verbundenen Klischees belästigt zu werden und dann ist da als Kontrast Burger, der immer für ein paar lichte Momente gut ist. Der Kitt, der alles zusammenhält, ist Laswells originelles Bassspiel. Mehr als einmal hörenswert.
Joe Dvorak (20.08.2024, 16:11):


Moonchild - Templars, In Sacred Blood (2012)

Mike Patton (Stimme), John Medeski (Orgel), Trevor Dunn (E-Bass), Joey Baron (Schlagzeug)

Das sechste Album des Mondkindes überrascht damit, dass es keine Überraschungen gibt. Der Weg vom ersten Album mit seinem kompromisslosen, scheinbar chaotischen Vernichtungsfeldzug gegen Trommelfelle und Synapsen hin zu strukturell und ästhetisch Greifbarerem wird hier konsequent fortgesetzt. Die größte -erwartbare- Neuerung ist die erstmalige Verwendung von Texten anstelle von präverbalen Lautäusserungen. Patton schreit sich die Stimmbänder in Stücke, rezitiert als Sprecher in drei Sprachen, gibt den mittelalterlichen Mönch und den flüsternd Beschwörungen aussprechenden Hohepriester - das ist so intensiv, 'rituell' und unheimlich, dass sich alle Körperhaare aufstellen, wozu auch die mystischen Orgelsounds von Medeski, der das Trio verstärkt, ihren Teil beitragen. Die letzten Zornismen sind getilgt, dafür drängen sich immer wieder harte King Crimson als Referenzpunkt auf. Am Ende bleibt ein reines Avant-Prog-Album 'mit verrücktem Sänger'. Davon gibt es da draußen eine ganze Menge, aber mit Zorn als Komponist, Konzeptualist und Arrangeur, Patton als Sänger und dem unermüdlich innovativen, variablen und durchdringenden Rhythmusgespann wird die Konkurrenz zwangsläufig auf die Plätze verwiesen.
Joe Dvorak (20.08.2024, 17:09):


The Hermetic Organ (2012)
Office Nr. 4 (Introit - Benediction - Offertory - Elevation - Communion - Descent)
John Zorn (Orgel - Aeolian Skinner Organ of St. Paul's Chapel, Columbia University, NYC).
Nachdem er sich in jüngerer Zeit als Interpret seiner Werke eher rar gemacht hat, beansprucht Zorn hier das ganze Feld für sich und improvisiert alleine auf der Orgel. Und wie es bei freier Improvisation so üblich ist, greifen hier die üblichen Qualitätskriterien nicht - der Zuhörer ist auf sich selbst zurückgeworfen und muss seine Befindlichkeit beim Hören als Maßstab heranziehen. Und die ist bei mir außerordentlich gut. Wie sich das aus dem kaum hörbaren Murmeln des Beginns entwickelt, schrill-dissonante Cluster und betörende, himmlische Harmonien auslotet, Kontrapunktisches, Ostinati und simple Melodien nicht vernachlassigt, dabei zwingend einem unsichtbaren Bogen folgt, der schliesslich wieder in den Anfang zurückfällt, ist einfach großartig und zieht einen Orgelmuffel wie mich tief in seinen Bann. Ob das gut ist, darüber dürfen gerne die Experten der Orgelmusik debattieren. Für mich ist das ein weiterer Eintrag in die Liste der Unverzichtbaren.
Joe Dvorak (21.08.2024, 07:54):


Shanir Ezra Blumenkranz - Abraxas, Book of Angels Vol. 19 (2012)

Eyal Maoz (Gitarre), Aram Bajakian (Gitarre), Shanir Ezra Blumenkranz (Gimbri), Kenny Grohowski (Schlagzeug)

Die Gimbri (oder Sintir), eine dreisaitige Basslaute aus Westafrika, übernimmt in diesem Quartett die Rolle eines sehr pominenten Kontrabasses. Zusammen mit dem ebenso archaischen wie komplexen Getrommel wird der Boden für die unglaubliche Feuerwerkskunst der beiden Saitenhexer gelegt. Neben der brillanten Virtuosität begeistert das Duo durch seinen Innovationsreichtum. Was die beiden aus ihren elektrischen Äxten an vielfältigsten Klängen herausholen, hört man nicht alle Tage. Das Orientalische, das allen Masada-Produktionen durch die strikte Verwendung von Phrygisch-Dur oder Mi Sheberach anhaftet, ist hier nur als leichte Färbung zu bemerken, in erster Linie ist das ein treibendes, hartes Rockalbum mit Grenzgängen in Richtung Jazz und Metal und - wie so vieles aus dem Hause Zorn - eines der besten seiner Art, auch weil der Albenfluss mit Ruhepolen an den richtigen Stellen perfekt ist. Die Band hat den Namen ihres Engels angenommen und weitere Aufnahmen gemacht. Da kommt noch etwas ganz Großes.
Joe Dvorak (22.08.2024, 03:09):


A Vision In Blakelight (2012)

John Medeski (Klavier, Orgel), Carol Emanuel (Harp), Kenny Wollesen (Vibraphon), Trevor Dunn (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion), Jack Huston (Rezitation, 1/10 Tracks)

Das klingt wie ein zweitklassiges Sequel zu At the Gates of Paradise. Zorns 'mystische' Werke dieser Zeit bewegen sich oft gefährlich nahe an der Grenze zu New-Age-Gedudel und Fahrstuhlmusik, beziehen ihre Faszination aber gerade daraus, dass sie in diesem klangschönen und harmoniesüchtigen Umfeld eine hohe künstlerische Integrität bewahren. Hier wird die Grenze allerdings zeitweise überschritten. Die erste Hälfte kann man gut hören, es gibt sogar zwei avantgardistisch gefärbte Stücke, aber gegen Ende wird es mir dann doch zu seicht und harmlos, da hilft auch die Rezitation eines Gedichts von William Blake nicht weiter. Wenn mir nach dieser Art von Musik ist, dann höre ich das genannte 'Original', das zwar oberflächlich gehört nicht viel anders klingt, aber tatsächlich nahezu perfekt ist. Manchmal sind es nur Nuancen, die Genie vom Fußgängertum trennen.
Joe Dvorak (23.08.2024, 17:30):


Rimbaud (2012)
Bateau Ivre (2011) für Flöte, Klarinette, Klavier, Streichtrio & Vibraphon
Talea Ensemble, Brad Lubman
A Season in Hell (2011) für Elektronik
Ikue Mori (Computer), John Zorn (Samples)
Illuminations (2012) für Jazz-Klaviertrio
Stephen Gosling (Klavier), Trevor Dunn (Kontrabass), Kenny Wollensen (Schlagzeug)
Conneries (2012) nach einem Text von Arthur Rimbaud für Sprecher und Klangcollage
Mathieu Almaric (Stimme), John Zorn (Instrumente & Klangeffekte)
Das hat mir Kopfzerbrechen bereitet. Nicht die Bewertung, die das Album ganz weit oben in der Bestenliste platziert, sondern die völlige Unfähigkeit, es adäquat zu beschreiben, dem gerecht zu werden. In Ermangelung frischer Worte habe ich schließlich den Text aus dem Komponisten-Thread genommen, überarbeitet und mit überstrapazierten Textbausteinen aus anderen Rezensionen ergänzt. Wenn ich es kurz machen soll: Über-Mega-Genial!

Wir hören vier völlig unterschiedliche Stücke, deren einzige Verbindung darin besteht, dass sie von Texten des Autors Arthur Rimbaud (1854 - 1891) inspiriert sind.
Es gibt eine moderne Kammermusikkomposition mit den typischen großen Intervallsprüngen und der kantigen Rhythmik, die die Phrasen abgehackt erscheinen lässt. Aber das wirkt mit seiner Klangfarbenvielfalt keineswegs abweisend, und es gibt immer wieder 'gefälligere' Passagen, die freilich nie anbiedernd wirken. Ich klinge wie eine Schallplatte mit Sprung, wenn ich zum wiederholten Male schreibe, dass dies die höchste Kunst ist. Schwierige, komplexe Musik außerhalb der vertrauten harmonischen, metrischen und formalen Schemata zu schreiben, die trotz des Fehlens von erkennbaren Kompromissen verständlich und auf ihre Art 'eingängig' bleibt.
Es folgt ein rein elektronisches Werk, das mit seinen unzähligen Schichten voller Feinheiten wie für meine Ohren gemacht ist. Auch hier muss ich mich wiederholen. Solche Geräuschkunst ist kaum objektiv zu beurteilen. Da es keinen verbindlichen Satz von Qualitätskriterien gibt, die abgehakt werden können, ist der Hörer auf sich allein gestellt. Die entscheidende Frage ist: Was macht es mit mir, will ich es immer wieder hören? Dann muss es gut sein. In diesem Sinne ist das ein herausragendes Stück - für sich allein und in der Art und Weise, wie es sich in das Gesamtkonzept und den Fluss des Album einfügt.
Eine Besonderheit stellt das Klaviertrio dar. Wenn ich bislang nichts überhört habe, kommt hier zum ersten Mal bei Zorn die Kompositionsmethode zum Einsatz, die die Grenzen zwischen Klassik und Jazz vollends aushebelt. Der komplexe und schwierige Klavierpart ist komplett notiert und würde für sich allein als modern-klassische Komposition durchgehen, aber die Ausführung erfordert eine frei improvisierende Jazz-Rhythmusgruppe dazu. Das Ergebnis ist sensationell, Formstrenge und Jazz-Idiom beißen sich nicht, sondern verschmelzen hier zur gelungensten Variante von Third Stream, die ich mir vorstellen kann.
Den Abschluss bildet ein Monodram, das wegen der teilweise theatralischen, bis zum Gebrüll reichenden Vortragsweise nicht leicht zu goutieren ist, sich aber gut in das Konzept einfügt. Die häufigen Stil- und Stimmungswechsel und der dennoch vollkommen stringente Fluss lassen vermuten, dass es sich um eine Karteikarten-Collage handelt. Zorn spielt Altsaxophon, Klavier, Orgel, Gitarre, Schlagzeug und sorgt für die Foley-Effekte, die schon bei Dictée sehr wirkungsvoll zum Einsatz kamen.
Das klingt zwar nach einer inkompatiblen Potpourri-Mischung, aber die vier Stücke bilden unerklärlicherweise ein Album aus einem Guss, das - wie man so zu phrasieren pflegt - mehr ist als die Summe seiner Teile. Dabei mag auch eine Rolle spielen, dass die Stücke alle in etwa gleich lang sind und die Gesamtspieldauer mit rund einer Dreiviertelstunde überschaubar bleibt. Absolut unverzichtbar.
Joe Dvorak (24.08.2024, 03:29):


The Concealed (2012)

Kenny Wollesen (Vibraphon), John Medeski (Klavier), Mark Feldman (Violine), Erik Friedlander (Violoncello), Trevor Dunn (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug)

Auf dem Papier klingt das nach einer brillanten Idee. Das Nova Express Ensemble wird von zwei Dritteln des Masada String Quartet verstärkt. Angesichts der hohen Erwartungen war das Ergebnis zunächst etwas ernüchternd. Zeitgenössische Moderne trifft auf Jazz, die Handschrift der erstgenannten auf dem gleichnamigen Album ist hier nicht zu erkennen, stattdessen dominieren leichtere Spielarten. Das Steichtrio dagegen klingt vertraut wie immer, auch wenn hier ein anderer Bassist zum Einsatz kommt. Das Album ist ein Sammelsurium von Titeln mit verschiedenen Besetzungen, vom Klaviersolo und -trio über das originale Quartett und das umbesetzte Streichtrio bis hin zu weiteren Konstellationen wie Steichtrio mit Schlagzeug und dem gesamten Sextett. Das klingt von der Konzeption her und stilisitsch etwas verwandt mit dem Bar Kokhba Album und gefällt nach wiederholtem Hören besser, aber die restlose Begeisterung will sich trotz einiger grosser Momente nicht einstellen.
Joe Dvorak (24.08.2024, 04:36):


Music and Its Double (2012)
A Rebours (2010) für Violoncello solo und drei Trios (Streichtrio, 3x Perkussion, Harfe/Flöte/Klarinette)
Fred Sherry, Tanglewood Ensemble for New Music, Brad Lubman
Ceremonial Magic (2011) für Violine solo und optional improvisierendes Schlagzeug - Version mit Schlagzeug
David Fulmer, Kenny Wollesen
La Machine de l'être (1999) - Kurzoper in einem Akt
Anu Komsi (Sopran), Lathi Symphony Orchstra, Sakari Oramo
Nachdem Zorn infolge des Skandals um die Aufführung von Rituals im spießigen Bayreuth dem konventionellen Konzertbetrieb eine Absage erteilte, konzentrierte er sich mit seinen Kompositionen auf eine Schar loyaler Musiker aus seinem engsten Umfeld. Im Jahr 2011 tauchte er wieder auf den institutionellen Konzertbühnen auf, in Tanglewood und an der inzwischen geschlossenen New York City Opera. Das dort aufgeführte Werk ist allerdings nur knapp 12 Minuten lang und wie Rituals textlos. Die Premiere sang Anu Komsi, die Ehefrau von Sakari Oramo, der sie auf dieser Aufnahme mit seinem Hausorchester begleitet. Die Komposition basiert auf Gemälden des späten Antonine Artaut und vertont den Übergang zu Demenz und Wahnsinn. Vor diesem Hintergrund kann man das als gelungen bezeichnen, ob man es öfter hören will und verträgt, steht auf einem anderen Blatt. Das Cellokonzert klingt oberflächlich gehört nicht viel anders als andere modern-klassische Kammerwerke Zorns, wie etwa das bei Rimbaud besprochene Bateau Ivre (zu verstehen in dem Sinne, wie alles von Mozart 'gleich' klingt), ist aber mit seinen oft schrillen und sägenden Klängen etwas unnachgiebiger. Für den Hörer lohnt es sich, ebenso nicht nachzugeben, sondern dranzubleiben, denn das vielschichtige und formstrenge Werk wächst mit jedem Hören. Der absolute Gewinner ist das Violinsolo. Zorn wendet hier die auf Rimbaud hörbare Technik an, dem klassischen Solisten eine improvisierende Rhythmusgruppe oder in diesem Fall einen Solisten zur Seite zu stellen. Und das Ergebnis ist hier ebenso magisch wie dort.
Joe Dvorak (25.08.2024, 02:43):


Lemma (2013)
Apophthegms (2012) für 2 Violinen
Chris Otto, David Fulmer
Passages (2011) für Violine solo
Pauline Kim
Ceremonial Magic (2011) für Violine solo und optional improvisierendes Schlagzeug - Version für Violine solo
David Fulmer
Apophthegms besteht aus zwei Sets von je 6 Miniaturen mit einer Gesamtlänge von etwa 20 Minuten. Hier wird ein Füllhorn an Klängen, Geräuschen und Texturen ausgeschüttet, es wird gekratzt, gesägt, gezupft, geklopft, geplockt, gezischt, geflötet, was das Zeug hält, aber im Zentrum steht immer das Zusammenspiel der beiden Akteure. Sie kommentieren, kontrastieren, sticheln, umspielen, duellieren sich, schaukeln sich gegenseitig hoch, beschwichtigen, ordnen sich unter. Das ist kein Gespräch unter vernünftigen Leuten (Goethes diffamierendes Wort über Haydns Quartette), sondern hier führen zwei brillante Geister ein scharfes rhetorisches Schwert. Passagen basiert auf dem B-A-C-H-Motiv und lässt neben den als Vorbilder genannten Schönberg, Webern und Cage immer wieder lose Anklänge an Bekanntes erklingen - zwischen der 7. und 8. Minute springe ich etwa gedanklich in das eröffnende Largo von Nielsens VK -, so dass es leidlich spannend bleibt, ohne dass ich das jetzt als essentiell empfinden würde. Ceremonial Magic, das zusammen mit dem improvisierten Schlagzeug ein Third Stream Brett sondergleichen ist, wirkt in der klassisch-avantgardistischen Soloversion vergleichsweise blass, obwohl es durchaus seine Momente hat.
Joe Dvorak (25.08.2024, 03:51):


Filmworks XXV (2013)
City of Slaughter
Omri Mor (Klavier)
Schmatta
John Zorn (Klavier)
Beyond the Infinite
Rob Burger (Klavier)
Ein schöner Abschluss der Filmwerk-Reihe. Das erste Werk nimmt den größten Teil der Spielzeit ein, und hier zeigt sich Zorn noch einmal von seiner zugänglichsten Seite. Wir hören laut Begleittext Pianojazz, Klezmer und osteuropäische Volksmusik. Das ist soweit richtig, und diese Suite ist in ihren wechselnden Stimmungsbildern sehr schlüssig aufgebaut, aber ich muss auch warnen, dass Einaudi manchmal nicht allzu weit entfernt ist, wenn auch es auch nie so einlullend wird. Mors Stil wird als kristallklarer Mix aus Keith-Jarrett-artigen Trillern, dösigen Erik-Satie-Akkorden und dem Swing von Bill Evans beschrieben. Kann schon sein. Die vier vergeistigten Skizzen, die Zorn höchstpersönlich spielt, sind mehr als nur eine nette Ergänzung, und den Abschluss bildet ein Stück, das nicht für einen Film komponiert wurde, sondern ursprünglich für Soloklavier gedacht war, aber auf The Goddess als Quartettversion erschienen ist. Dieses Album hat es öfter in meine Spielliste geschafft als jedes andere Soloklavier-Album, also muss es wohl gut sein.
Joe Dvorak (25.08.2024, 05:13):


The Gnostic Trio - The Mysteries (2013)

Carol Emanuel (Harfe), Bill Frisell (Gitarre), Kenny Wollesen (Vibraphon, Glocken)

Einige der 8 Gnostic Preludes des ersten Albums dieses Trios versetzen mich zeitweise in einen regelrechten Glückstaumel, das kann eigentlich nur noch besser werden, indem sie das über ein ganzes Album durchhalten. Bei The Mysteries ist das trotz des mystischen Titels nicht der Fall. Der Dreier scheint mir hier etwas klarer zu agieren, die einzelnen Melodielinien sind besser aufgedröselt, es gibt mehr davon und auch mehr Soli, vor allem von Frisell, und weniger dieser dicht verwobenen repetitiven Muster. Das Ganze wirkt auf mich weniger verinnerlicht, es fehlt der 'mystische Nebel', der dem Vorgängeralbum seine ganz besondere Aura verlieh. Einige der Melodien (Consolamentum) würden in einem Kaufhaus niemanden stören und an machen Stellen (Ode to the Cathars) wird es gar langatmig. Der 10-minütige Schlusstitel, der an die -subjektiven- Qualitäten des ersten Albums anknüpft, entschädigt ein wenig, aber eine leichte Enttäuschung bleibt. Wobei zu bedenken gilt, dass das immer auch von der Tagesform abhängt. Zu einer anderen Zeit, in einer anderen Stimmung, womöglich mit hochwertig-hochprozentig geschäftem Gehör, kann das anders aussehen.
Joe Dvorak (25.08.2024, 15:09):


Pat Metheny - Tap, Book of Angels Vol. 20 (2013)

Pat Metheny (Gitarre, Baritongitarre, Gitarrensynthesizer, Sitar, Tiple (Kolumbianische Ukulele), Bassgitarre, Klavier, Synthesizer, Marimba, Glockenspiel, Bandoneon, Perkussion, Flügelhorn, Elektronik), Antonio Sanchez (Schlagzeug)

Metheny, der von der Jazzpolizei wegen seines unbotmäßigen Erfolgs bei einem breiten Publikum auf die schwarze Liste gesetzt wurde, beschreibt auf seiner Website, dass er das Masada-Projekt lange verfolgt hat und schließlich bei Zorn vorstellig wurde; er hätte einige Ideen dazu. Das gleicht einem Ritterschlag. Die Zusammenarbeit ist nicht so fernliegend, wie es auf den ersten Blick scheint. Methenys Erfolg beruht vor allem auf seiner Fusion von Jazz, Folk (meist aus Südamerika) und Rock der leichteren und eingängigen Art (vulgo: Pop). Das ist nicht so weit entfernt von vielem, was Zorn gemacht hat. Er teilt auch die Verehrung für Ornette Coleman, hat sogar ein Album mit dem Maestro aufgenommen und mit heftigem Free-Jazz viele Fans verschreckt. Auch ein reines Noise-Album findet sich in seinem Katalog, und er hat Suiten im Programm, die komplex und abstrakt komponiert sind und dennoch Raum für Improvisation lassen. Beste Voraussetzungen also. Es gab einige Vorbehalte, weil er fast alle Instrumente selbst spielt und die bisherigen Protagonisten, die das beim Engelbuch versuchten, in meinen Ohren damit gescheitert sind, weil das Zusammenmonitieren durch Overdubbing die Spontaneität raubt und es dann leicht ins Sterile kippt. Hier kann aber Entwarnung gegeben werden. Ich halte das für äußerst gelungen. Metheny zieht auf den 6 ausgedehnten Titeln alle genannten Register, von gefällig, aber mit Substanz (sein Markenzeichen) bis frei und geräuschhaft, spielt einige emotional packende Soli und ich zähle das sowohl zu den besten Engelbuch- als auch zu den besten Metheny-Alben.
Joe Dvorak (26.08.2024, 10:44):


Nova Express - Dreammachines (2013)

Kenny Wollesen (Vibraphon), John Medeski (Klavier), Trevor Dunn (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug)

Der Nachfolger des gleichnamigen Albums dieser Formation wartet mit Ingredienzien auf, die es wie den Vorgänger zwischen modernem Jazz und klassischer Avantgarde ansiedeln, allerdings in einer anderen Art und Weise. Da gibt es freitonale, nach Burroughs' Cut-up-Technik hektisch montierte Stücke, die aus Zorns 80er Jahren stammen könnten, und geradlinige, viel auf Ostinati basierende Jazznummern, die ganz ohne Avantgarde auskommen, sowie solche, die die Tatsache, dass es den Free Jazz gegeben hat, nicht verleugnen, und schließlich amorph-atmosphärische, leicht angeschrägte Stücke des Neuen Kammerjazz. Das fügt sich wie aus einem Guss zu einem zyklisch angelegten Album der absoluten Extraklasse und ist einfach fantastisch gespielt. Es bleiben kaum Wünsche offen, man hätte dem großartigen Medeski noch etwas mehr Improvisationsfreiraum gegönnt, aber dann wäre das Album als Ganzes wohl nicht mehr so kompakt, stimmig, rund und geschlossen, eben perfekt geworden.
Joe Dvorak (27.08.2024, 14:59):


John Zorn & Thurston Moore - "@" (2013)

Thurston Moore (Gitarre), John Zorn (Altsaxophon)

Wenn man die Namen auf dem Cover liest, wird klar, dass hier - je nach Präferenz - extrem herausfordernder Stoff oder reiner Krach geboten wird. Moores Verdienst besteht darin, dass er in den 80er Jahren mit seiner Band Sonic Youth einer Generation von Radiohörern den Wert von Experiment, Kunst und Geräusch in der Popmusik nahegebracht hat. Das Album Daydream Nation (1988), dasjenige mit Richters Kerze auf dem Cover, wurde 2006 von der "US Library of Congress for historical preservation" in das "National Recording Registry" aufgenommen und befindet sich dort in illustrer Gesellschaft von Casals' Bach, Schnabels Beethoven, Normans Vier letzte Lieder, Callas' 53er Tosca, Walters 38er Mahler9, Soltis Ring, Scott Joplins Piano Rolls, Ellingtons At Newport, Davis' Kind of Blue, Coltranes A Love Supreme, Beefharts Trout Mask Replica, Metallicas Master of Puppets und vielen anderen mehr. Dass ich so viel um das eigentliche Thema herumschreibe, bedeutet, dass ich zu der - selbstredend frei improvisierten - Musik des Albums wenig zu sagen vermag. Wer die Musiker kennt, ahnt, was ihn erwartet, wenn die beiden zusammenspielen und er bekommt genau das. Über die Kriterien, wie frei improvisierte, mit viel Geräusch verbundene Musik zu bewerten ist, habe ich mich schon an anderer Stelle ausgelassen. Das hier macht Spass, die beiden verstehen sich, die extrem verzerrten Gitarrensounds harmonieren auf ihre Weise mit Zorns Quieken und Quietschen, es kommen mit der Zeit auch zahlreiche andere, originelle Klänge und Spieltechniken zum Einsatz, und es geht auch mal für längere Zeit in ruhigere Fahrwasser mit 'schönen', bewegenden Passagen, die erst in diesem Umfeld ihre Tiefgründigkeit entfalten, um sich dann langsam wieder ins Lärmintensive zu steigern. Der Albenfluss ist gänzlich überzeugend. Das erinnert entfernt an das kürzlich vorgestellte Duo Late Works mit Fred Frith, und zieht mit einer vergleichbaren Sogwirkung ins Geschehen hinein.
Joe Dvorak (28.08.2024, 03:53):


On The Torment Of Saints, The Casting Of Spells And The Evocation Of Spirits (2013)
The Tempest: a Masque (2012)
ICE Ensemble
Claire Chase (Flöte), Joshua Rubin (Klarinette, Bassklarinette), Nathan Davis (Schlagzeug, Perkussion)
All Hallows' Eve (2013) für Streichtrio
Chris Otto (Violine), David Fulmer (Viola), Jay Campbell (Violoncello)
The Temptations of St. Anthony (2013) für Klavier und 9 Instrumente
Jani Parsons, Fifth House Ensemble
Im Eröffnungsstück wendet Zorn seine neue Masche an, detailliert notierten, komplexen Stimmen einen frei improvisierenden Schlagzeuger zur Seite zu stellen. Es gibt sicher etliche Vorurteilende, die bei einem solchen 'Crossover' ungehört abwinken, aber das ist vorschnell. Der Mann am Drumkit spielt und gestaltet auf dem Niveau der Bläser, der einzige Unterschied ist, dass seine Stimme erst im Moment der Aufführung entsteht. Der Klang des konventionellen Schlagzeugs erinnert zwar an Rock und Jazz, aber die Musik selbst weckt keine Assoziationen - von wenigen Ausnahmen abgesehen, wenn von den Bläsern freejazzartige Expressivität verlangt wird. Das Streichtrio ist als Gegenstück zu Walpurgisnacht (2005) konzipiert. Es ist nicht leicht zu hören, da es sich oft an der Grenze zur Unhörbarkeit bewegt - Kopfhörer helfen bei diesem spannenden, vielschichtigen und zwingenden Ritt durch den Abend vor Allerheiligen. Das Mini-Klavierkonzert ist interessant besetzt, zum Klavier gesellen sich Streichtrio, Kontrabass und ein klassisches Bläserquintett mit Englischhorn statt Oboe.
Wie einige andere von Zorns klassischen Veröffentlichungen ist auch dieses ein echtes Album geworden, das nicht nur eine Ansammlung von Einzelwerken ist, sondern als Ganzes eine besondere Kraft entfaltet. Wenn man nach dem Klavierkonzert gleich wieder von vorne anfängt, geht das so nahtlos ineinander über, als ob es sich um Teile eines Gesamtwerks handeln würde.
Joe Dvorak (04.09.2024, 16:54):


The Gnostic Trio - In Lambeth (2013)

Carol Emanuel (Harfe), Bill Frisell (Gitarre), Kenny Wollesen (Vibraphon, Glocken), Ikue Mori (Elektronik, 1/9 Tracks)

Auch auf dem dritten Album des gnostischen Trios sind im Vergleich zum Debüt nur wenige Veränderungen auszumachen. Es fällt die Produktionstechnik auf, die durch den verstärkten Einsatz von Overdubs für einen etwas variableren Sound sorgt. So unterlegt beispielsweise Frisell seine Linien gelegentlich mit sphärischen Klängen, wobei ich glaube, einen -in der Besetzungsliste nicht aufgeführten- Gitarrensythesizer zu vernehmen. Ansonsten ist alles wie gehabt - bis zum siebten Track, bei dem die Laptop-Künstlerin Mori zum Einsatz kommt und im Verbund mit Harmonien und Rhythmen abseits des Konventionellen erstmals ein experimentelles Moment von der Gruppe ausgeht. Im folgenden Track greift Frisell sogar kurz beherzt in die Saiten, aber als ob man vor so viel Verlassen von der gewohnten Linie erschrocken wäre, endet das Stück schnell und der anschliessende Schlusstitel bietet dann wieder das Bewährte und so langsam leider Vorhersehbare. Das überzeugt mich nicht vollends. Wenn man schon Musik macht, die so unschuldig ist, wie es das Cover suggeriert, dann passt die minimal invasive Produktion, die auf dem Erstling zu finden ist, viel besser dazu. Die Preludes bleiben unerreicht.
Joe Dvorak (05.09.2024, 17:34):


Shir Hashirim (2013)

The Sapphites
Martha Cluver, Lisa Bielawa, Kathryn Mulvehill, Abigail Fischer & Kirsten Sollek (Stimme)

Das Hohe(s)lied Salomos in einer textlosen Vertonung. Ein bisschen Mittelalter, Ars Nova, Madrigal vermengt mit Neuer Vokalmusik und Minimalismus, aber es bleibt für mich seltsam indifferent, ohne sakrale Aura und ohne Schauwert. Vermutlich ist diese stereotyp-vermeidende Sachlichkeit beabsichtigt, aber irgendwie ohne Kopf und Bauch. Ich wäre geneigt zu folgern, dass Zorns Acappela-Stoff nicht mein Ding ist, wenn er nicht schon weitaus Besseres für dieses Ensemble geschrieben hätte (ich verweise auf das Mysterium-Album) und noch schreiben wird.
Joe Dvorak (06.09.2024, 02:37):


Painkiller - The Prophecy (AD: 2004-2005, VÖ: 2013)

John Zorn (Altsaxophon), Bill Laswell (E-Bass), Yoshida Tatsuya (Schlagzeug)

Eine weitere Veröffentlichung des 'Jazzcore'-Trios, allerdings mit älterem Material. Die Aufnahmen entstanden, nachdem Zorn und Laswell Painkiller mit neuem Schlagzeuger für die Konzerte zum 50-jährigen Geburtstag reaktiviert hatten und anschließend -wieder mit neuem Schlagzeuger- den Konzertmitschnitt Buck Jam Tonic herausbrachten, allerdings nicht unter dem Namen der Band. The Prophecy schließt sich nach einer erneuten Auswechslung des Schlagzeugers nahtlos an und bietet das bewährte kreischende und gurgelnde Free-Jazz-Saxophon mit orkanartiger Rhythmusgruppe und Verschnaufpausen mit Lounge Jazz und Ambient Dub. Auf dem CD-füllenden Zusammenschnitt verschiedener Konzerte stellt sich vor allem seitens Zorn manchmal ein "Schonmal-gehört"-Effekt ein, aber das hält sich in Grenzen, und andererseits schafft er es immer noch, bislang unerhörte Klänge und Geräusche aus seinem Instrument zu zaubern. Laswells Spiel ist geprägt von häufigem und starkem Einsatz von Klangeffekten, er spielt sein Instrument mit der Flexibilität eines Gitarristen und hält das Ganze durch seine Klangvielfalt spannend. Amüsant finde ich nach dem über einstündigen Titelstück das anschiessende kurze Postlude, das wie eine Art Painkiller im Schnelldurchlauf wirkt. Eigentlich reichen diese zweieinhalb Minuten aus, um alles Wesentliche über diese Formation zu wissen. Eine nette Bereicherung des Katalogs, aber wenn mir nach diesem Extremismus zumute ist, greife ich meist zum an Intensität nicht zu überbietenden Debüt-Studioalbum Guts of a Virgin oder zum erwähnten Buck Jam Tonic, auf dem Zorn variabler spielt und sogar mal ans Sopransaxophon wechselt.
Joe Dvorak (06.09.2024, 04:14):


The Hermetic Organ Vol. 2 (2014)
Office Nr. 9 (The Passion: Crucifixion - Prayer - Ascent into the Maelstrom - In Gloria Dei - Holy Spirit - Battle of the Angels - Communion)
John Zorn (Orgel - St. Paul's Chapel, NYC)
Das erste improvisierte Solorezital hat einen gelegentlichen Orgelkonsumenten wie mich zutiefst befriedigt, und ich dachte, da kann eigentlich nicht mehr viel kommen. Zorn sah das anders und legte nach. Der Unterschied zum Debüt ist schnell ausgemacht. Während der Erstling eine zusammenhängende, in sich geschlossene Improvisation über einen überzeugenden Spannungsbogen bot, gibt es hier eine Ansammlung von Stücken, die zwar thematisch zusammengehören, aber untereinander sehr große Kontraste aufweisen, wobei die Titelbezeichnungen einen recht genauen Hinweis darauf geben, was zu erwarten ist. Mal erklingen dissonante Cluster, mal himmlische Liegetöne, mal ist es meditativ, mal lärmend. Das Ganze wirkt auf mich oft mehr wie ein Herumprobieren und Experimentieren, was man aus dem Instrument Unerhörtes herausholen kann, aber es gibt dabei immer wieder tief beeindruckende Passagen. Im PR-Text heißt es, dass die Orgel zur Zeit der Aufnahme restauriert wurde, weshalb viele Register nicht zur Verfügung standen und der Improvisator besonders konzentriert und einfallsreich sein musste. Vielleicht, ich weiß es nicht. Die Verweise auf Bach, Ives, Ligeti, Messiaen und andere sind für mich nur sehr eingeschränkt nachvollziehbar, zumindest angesichts des schmalen Orgelrepertoires, das ich von diesen Komponisten kenne; da würde ich doch eher Rick Wakeman heranziehen. Zorn ist sicher ein paar Nummern kleiner als die Großen (Experten weisen darauf hin, dass er nie mehr als zweistimmig spielt), aber dafür im hedonistischen Sinne kurzweiliger und interessanter. Das hat schon was.
Joe Dvorak (06.09.2024, 08:12):


The Alchemist (2014)
The Alchemist (2013) für Streichquartett
Pauline Kim (Violine), Jesse Mills (Violine), David Fulmer (Viola), Jay Campbell (Violoncello)
Earthspirit (2013) für drei Frauenstimmen
Mellissa Hughes, Jane Sheldon & Kirsten Sollek (Stimme)
Dass Zorn einer der produktivsten Tonschöpfer der Gegenwart ist, wird nicht von allen als Kompliment gewertet. Dass er als Komponist Autodidakt ist, trägt auch nicht unbedingt zur Vertrauensbildung bei. Dabei müsste man sich nur mit seinen Streichquartetten beschäftigen, um alle Zweifel auszuräumen. Waren die ersten drei noch die Übertragung seiner stilistischen und konzeptionellen Ideen aus anderen Bereichen auf das klassische Quartett, so sind die folgenden Werke trotz ihrer Programme autonome, abstrakte Kunstwerke von höchster Güte. Zwar fällt es mir schwer, bei seinen klassischen Kompositionen einen Personalstil auszumachen (aber das geht mir mit vielen Neutönern so), aber umso mehr bei der Art und Weise, wie er seine Werke auf Alben zusammenstellt. Ein blind gehörtes Einzelwerk würde ich sicher nicht oder nicht sicher als einen Zorn erkennen - ein Album als Ganzes ganz sicher. Womit wir bei diesem alchemistischen Hammer wären, der bei mir zum ersten Mal ernsthaft die Überlegung auslöste, mir den ganzen Zorn einzuverleiben, denn wie soll man sonst solche Juwelen finden, die in seinem reichhaltigen Ouevre verborgen sind? Das 6. Streichquartett ist die reinste Freude. Zieht man von der programmatischen Werkerklärung die esoterischen Teile ab, so bleibt der "Geist einer Fuge" übrig. Gemeint ist natürlich Beethovens Opus 133, das nicht nur in Fetzen herumgeistert, sondern handfest zitiert wird, und zwar nachdem sich die Stimmen zuvor tumultartig verdichtet und aufgetürmt haben. Ich sag es ja immer: Die Grosse Fuge ist nicht die Vorwegnahme oder der Beginn der Moderne, sie ist das Modernste, das je für Streichquartett geschrieben wurde. Die Gegenüberstellung eines avantgardistischen Sägewerks mit einem auf einem keltischen Text basierenden Acapella-Werk kann nur Zorn einfallen und nur bei ihm Sinn und Kohärenz ergeben. Egal in welcher Reihenfolge man sie hört, ein Werk schließt sich stimmig an das vorherige an und beleuchtet dieses aus einer anderen Perspektive. Earthspirit, gesungen von drei Damen des Sapphite-Ensembles, ist weitaus lebendiger als die Salomo-Lieder geraten - die dort vermisste sakrale Aura ist da, und es gibt mehr erweiterte Gesangstechnicken der Gegenwart. Das scheint nicht so gewollt auf 'Alte Musik trifft Moderne' getrimmt zu sein, sondern überschreitet, genauer gesagt negiert, souverän die Grenzen dazwischen.
Joe Dvorak (07.09.2024, 03:47):


Abraxas - Psychomagia (2014)

Eyal Maoz (Gitarre), Aram Bajakian (Gitarre), Shanir Ezra Blumenkranz (E-Bass), Kenny Grohowski (Schlagzeug)

Nach ihrem aufregenden Beitrag zum Book of Angels ist dies die zweite Veröffentlichung dieser Gruppe. Sie lassen das Tribalistische weg und sind noch erdiger im Rock verwurzelt. Wie so oft, wenn Zorn in diesem Bereich komponiert, arrangiert und produziert, sind Surf- und Westernklänge ebenso im Spiel wie Jazz- und Heavy-Einflüsse, und auch der mittelöstliche Einschlag schimmert hier und da durch. Das alles verschmilzt auf diesem Album homogen zu einer geschlossenen Einheit, die dem unverwechselbaren Bandsound geschuldet ist. Das erscheint paradox, denn die beiden Gitarristen spielen extrem variabel und klanglich vielfältig, und doch klingt es immer nach Abraxas. Das Album bedarf einer gewissen Einhörphase, weil das Gitarrenduo oft mit hohem Verzerrungsgrad spielt und mehr noch, weil der Schlagzeuger der Truppe oft hinterherzuhinken scheint. Das ungeübte Ohr könnte hier mangelnde Koordination vermuten, hätten nicht andere Bands dieses Drumming neben und hinter dem Beat längst zur Kunstform erhoben. Jeder der 9 Titel ist ein kleines, in sich geschlossenes Meisterstück mit genügend einprägsamen Momenten, um es unvergesslich zu machen. Füllmaterial findet sich hier zu null Prozent. Das spieltechnische Niveau ist absurd, aber auch wenn die Musiker improvisatorische Freiräume haben, hat man nie das Gefühl, dass hier die Vorführung von Fertigkeiten vor den Song gestellt wird, sondern dass sie in dessen Dienst gestellt werden. Wieder einmal muss der Fluss des Albums hervorgehoben werden: Das ist keine bloße Ansammlung von Titeln, sondern Ebbe und Flut wirken durchdacht, Eingängiges folgt auf Sperriges, Einfaches auf Wuselig-Komplexes, da wurde nichts dem Zufall überlassen. Ein Album, an dem es nichts, aber auch gar nichts auszusetzen gibt. Es ist schlichtweg das Beste, was ich aus dem Bereich 'Avant-Prog' gehört habe (und das ist nicht wenig), und dass der Hansdampf-in-allen-Genres die Spezialisten auf diesem Feld schlägt, hat letztlich den Ausschlag gegeben, das Alleshörer-Projekt in Angriff zu nehmen.
Joe Dvorak (08.09.2024, 03:02):


Fragmentations, Prayers & Interjections (2014)

Arcana Ensemble
Orchestra Variations (1996)
Contes De Fées (1999)
+ Chris Otto (Violine)
Kol Nidre (1996)
Suppôts Et Suppliciations (2012)
Wenn ich es richtig gehört habe, sind die beiden flankierenden Werke die ersten veröffentlichen, die mit einer großen Orchesterbesetzung aufwarten. Die kurzen Variationen sind kaum der Rede wert, das hat man von amerikanischen Komponisten aus der zweiten Reihe schon dutzendfach gehört. Das Violinkonzert wurde bereits auf What Thou Wilt eingespielt. Diese Version hier scheint besser zu sein, aber um das sicher zu sagen, müsste ich noch einmal vergleichen. Das Werk gefällt mir allerdings nicht so sehr, dass ich diese Zeit investieren möchte. Die Trauermusik Kol Nidre mit dickem Streichorchester muss nicht unbedingt sein, da sind die Fassungen für Streichquartett und Klarinettenquartett doch wesentlich ansprechender. Bleibt die an manchen Stellen deutlich von Varèse inspirierte - der Name des Ensembles gibt den Fingerzeig - 20-Minuten-Schlussnummer als Verkaufspunkt. Sicherlich ist das eine eklektische Mixtur mit wenig eigener Handschrift, bei der auch Namen wie Lutoslawski und Carter in den Sinn kommen, aber in meinen Ohren eine äußerst gelungene und entsprechend gern und oft gehörte, die auch als Konzert für Orchester durchgehen würde.
Joe Dvorak (08.09.2024, 04:01):


Eyvind Kang - Alastor, Book of Angels Vol. 21 (2014)

Eyvind Kang Ensemble

Das ist ein Totalausfall. Ich weiß nicht, was Zorn geritten hat, diesen blutleeren, wie von Zombies runtergespielten Beitrag zu veröffentlichen. Das Drama beginnt mit übelsten synthetischen Klängen in der Eröffnungsnummer. Ich bin kein Verächter von Synthesizern und anderen elektronischen Klangerzeugern, und auf den Hinweis, man bevorzuge den Klang natürlicher Instrumente, pflege ich zu fragen, wo diese denn wachsen. Aber das hier Gebotene geht einfach nicht; wenn es wenigstens so klänge wie von einem alten Casio oder Atari, könnte man dem noch einen Kultfaktor zugestehen, aber es ist einfach nur schlimmer Kitsch. Das nächste Stück lässt mit organischeren Klängen kurz Hoffnung aufkeimen, aber das wirklich lahme, unbeteiligte Spiel des 20-köpfigen Ensembles mit Instrumenten aus aller Welt macht alles wieder zunichte. Immer wenn man denkt, es kann nicht mehr schlimmer werden, setzt die Gruppe noch einen unten drunter. Als besonders abschreckendes Beispiel "empfehle" ich Loquel. Zorns Musik oder deren Interpretation kann extrem herausfordern oder auch mal überfordern, da unfassbar chaotisch lärmen, dort an der Grenze zur Banalität balancieren, aber das hier ist einfach nur unerklärlich schlecht.
Joe Dvorak (09.09.2024, 03:18):


In the Hall of Mirrors (2014)

Stephen Gosling (Klavier), Greg Cohen (Kontrabass), Tyshawn Sorey (Schlagzeug)

Das auf einem Titel des fantastischen Rimbaud-Albums zu hörende und in meinen Ohren ausgesprochen gelungene Experiment, dem Pianisten einen notierten Part zu geben und eine Rhythmusgruppe dazu frei improvisieren zu lassen, wird hier aufgegriffen und ein ganzes Album damit gefüllt. Der Opener klingt mit seinen sich wiederholenden minimalistischen Mustern zunächst eher nach den Werken aus der 'mystischen' Richtung, aber nach dieser Aufwärmphase bringen die folgenden Titel dann das Erwartete. Hochkomplexe Musik zwischen Jazz-Klaviertrio und moderner Klassik, brillant umgesetzt, mit hellwachem Zusammenspiel, grossartiger Virtuosität, vielen klanglichen und texturellen Feinheiten. Im Rahmen der Kompositionen bleiben auch in metrisch und tonal freien, 'anstrengenden' Phasen Fluss und Zusammenhalt gewahrt. Da gibt es von Anfang bis Ende nichts zu meckern, aber viel zu staunen und enthusiastisch abzufeiern.
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Joe Dvorak (09.09.2024, 09:40):


Myth und Mythopoeia (2014)
Pandora's Box (2012) für Stimme und Streichquartett
Sarah Maria Sun, Arditti Quartett
Missa Sine Voces (2012) für Klavier, Harfe, Vibraphon, Glockenspiel & Bass Drum/Percussion
Talea Ensemble, James Baker
Zeitgehöft (2013) für Violine & Violoncello
Chris Otto, Jay Campbell
Babel (2013) für Violoncello solo
Jeff Zeigler
Hexentarot (2013) für Klaviertrio
Stephen Gosling (Klavier), Chris Otto (Violine), Jay Campbell (Violoncello)
Das ist auch für Zorns Verhältnisse ein äußerst sperriges Stück zeitgenössischer Avantgarde. Die Eröffnungsnummer stellt die grandiose Sopranistin Sara Maria Sun in den Mittelpunkt. Der von Zorn selbst verfasste deutsche Text wird rezitiert, während die Gesangspassagen textlos sind und sich zeitweise zu einem regelrechten Besessenheitswahn steigern. Das ist im positiven Sinne haarsträubend und mit den Ardittis sind die richtigen Verstärker mit von der Partie. Danach ist erst einmal Erholung vonnöten, und da hilft die recht statische Instrumentalmesse, die den 'gnostisch-mystischen' Klangwelten Zorns näher steht als den zeitgenössisch-avantgardistischen. Im letzten Drittel des Albums dominiert die Sägezunft. Zeitgehöft ist ein episodenhaftes Dialogstück, in dem alle erdenklichen erweiterten Spieltechniken zum Einsatz kommen, nicht unähnlich dem Violinduo Apophthegms auf dem Lemma-Album. Die beiden verbleibenden Stücke ziehen das Album leider ein wenig runter. Bei Babel wird fünf atemlose Minuten auf einem Ton herumgeritten, und Hexentarot wirkt trotz aller Turbulenzen auf mich eher gesichtslos.
Joe Dvorak (09.09.2024, 14:32):


Zion80 - Adramelech, Book of Angels Vol. 22 (2014)

Jon Madof (Gitarre), Frank London (Trompete), Matt Darriau (Altsaxophon, Kaval, Klarinette), Greg Wall (Tenorsaxophon), Jessica Lurie (Baritonsaxophon, Flöte), Zach Mayer (Baritonsaxophon), Brian Marsella (Tasteninstumente), Yoshie Fruchter (Gitarre), Shanir Ezra Blumenkranz (E-Bass), Yuval Lion (Schlagzeug), Mauro Refosko (Perkussion), Marlon Sobol (Perkussion)

Zion80 ist eine zehnköpfige, bläserlastige Band, die die mystischen Melodien jüdischer Musik mit der polyrhythmischen Intensität des Afrobeat und der improvisatorischen Verrücktheit des Avantgarde-Jazz verbindet. (About – Zion80)

Mit einer solchen Stilbeschreibung drängt sich die Band regelrecht auf, einen Beitrag zur Masada-Reihe zu leisten, zumal sie schon ein eigenes Album auf Zorns Tzadik-Label veröffentlicht hat und es von Gruppenkopf Madorf mit seinem Trio Rashanim bereits ein herausragendes Album in der 10-jährigen Masada-Jubiläumsserie gibt. Die Befürchtungen, von den Zionisten mit Stereotypen konfrontiert zu werden, erwiesen sich zumindest zu Beginn als nicht ganz unbegründet. Das klingt mit seinen brodelnden Rhythmen und Bläserostinati wie vieles, was man Anfang der 70er Jahre von Afrosoul- und Funk-Jazzbands gehört hat, aber sie schwimmen sich schnell frei. Paradoxerweise nimmt das Album immer dann richtig Fahrt auf, wenn sie das Tempo herausnehmen. Dann glänzen die Solisten, vor allem die Baritone und der Chef selbst, und es kommen mehr von diesen 'verrückten' Soli, bei denen sich Einflüsse des Spiritual Jazz bemerkbar machen, auch springe ich gedanklich immer wieder in die 'Big Band'-Alben des späten Frank Zappa. Das Album hat viele Momente, aber ich muss konstatieren, dass es mich bei aller Qualität nicht dazu anregt, mich in nächster Zeit mit weiteren Veröffentlichungen dieser Gruppe zu beschäftigen.
Joe Dvorak (12.09.2024, 15:19):


Nova Express - On Leaves of Grass (2014)

Kenny Wollesen (Vibraphon), John Medeski (Klavier), Trevor Dunn (Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug)

Die Zählung von Alben der diversen Bandprojekte ist kompliziert. Dies ist das fünfte Album, auf dem das Quartett zu hören ist. Nova Express wurde unter John Zorn eingeordnet, At the Gates of Paradise war stilistisch völlig anders, bei The Concealed wurde das Quartett durch zwei Streicher verstärkt, Dreammachines war dann ein reinrassiges Nova Express-Album, das an den Erstling anknüpfte und der hier vorliegende Nachfolger schließt direkt daran an. Den typischen, ganz eigenständigen Sound und Stil des Quartetts findet man auf den genannten Alben Nr. 1, 4 & 5, mit Dreammachines als absolutem Hochlicht (auch im gesamten Zorn-Katalog), an das dieses hier, das meist als drittes benannt wird, nicht herankommt. Das Konglomerat zwischen modern-klassischer Avantgarde und Jazzimprovisation wird hier etwas entwirrt, das Gleichgewicht deutlich zu Ungunsten der Avantgarde verschoben, und die leichteren Spielarten des Paradieses sind hier verstärkt eingeflochten. Zum Abschluss gibt es ein viertelstündiges Karteikartenstück, das gut gemacht ist, aber nicht so recht mit dem Rest zusammenpasst. Alles in allem ist das immer noch ein großartiges Album mit vielen großartigen Momenten, aber nicht so dicht verwoben und geschlossen wie der Vorgänger.
Joe Dvorak (12.09.2024, 16:57):


The Gnostic Trio - The Testament of Solomon (2014)

Bill Frisell (Gitarre), Carol Emanuel (Harfe), Kenny Wollesen (Vibraphon)

Das vierte Album der Gnostiker bietet wieder mehr vom selben. Das muss per se nichts Schlechtes sein, es gibt viele Bands, die ihren Stil kaum verändert haben und trotzdem immer besser, ausgereifter und einfallsreicher geworden sind - ein Beispiel aus Zorns Umfeld ist das Masada String Trio - aber hier scheint es mir in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Wenn man einen völlig eigenständigen Klang und Stil hat, kann das ein Segen oder ein Fluch sein - hier ist Letzteres der Fall: Das Album plätschert vor sich hin, viele Wendungen klingen allzu bekannt und die unwiderstehliche Sogwirkung des Debüts will sich überhaupt nicht einstellen. Man setzt noch mehr auf Melodien und es kommt ein orientalischer Einschlag zum Vorschein, der auf den Vorgängeralben kaum zu finden ist. Die repetitiv-minimalistischen Muster sind völlig verschwunden, und der Dreier kommt einfach nicht aus dem Quark, abgesehen von ein paar seltenen Ausnahmen im Mittelteil. Um sicher zu gehen, dass es nicht an der akuten Stimmung und der fehlenden Empfänglichkeit für diese doch sehr spezielle Musik liegt, habe ich die Preludes noch einmal angespielt und kann für mich bestätigen, dass diese von einem ganz anderen Kaliber sind. Vielleicht liegt es am Entenkükeneffekt, aber während ich das Debüt für essentiell halte, finde ich die - bisherigen - Fortsetzungen verzichtbar.
Joe Dvorak (15.09.2024, 06:19):


Valentine's Day (2014)

Marc Ribot (Gitarre), Trevor Dunn (5-saitige Bassgitarre), Tyshawn Sorey (Schlagzeug)

Das ist eine Neuauflage der 15 Enigmata, bei der die an sich gute Idee, Zwölftonmusik für Rockinstrumente zu schreiben und Raum für freie Improvisation zu lassen, durch die lärmige und klanglich monochrome Ausführung ein äußerst sperriges und anstrengendes Ergebnis lieferte. Hier kommt nun eine Version, bei der nichts verändert wurde, ausser dass den ursprünglichen Duo-Aufnahmen ein Schlagzeugpart hinzugefügt wurde. Das macht es zwar etwas leichter zu hören, weil die mathematisch ausgeklügelt wirkende irreguläre Metrik besser nachvollziehbar ist, aber alles in allem bleibt es für mich in der Kategorie 'schwer verdaulich'.
Joe Dvorak (15.09.2024, 11:27):


Roberto Rodriguez - Aquares, Book of Angels Vol. 23 (2014)

Yaron Ozana (Posaune), Gilad Harel (Klarinette), Jonathan Ceren (Viola, Violine), Salit Lahav (Akkordeon, Flöte), Itae Abramovitz (Klavier), Omri More (Klavier), Assaf Hakimi (Kontrabass, E-Bass), Roberto Rodriguez (Schlagzeug, Perkussion), Chen "Pepe" Meyer (Congas, Czekere), Amit Sharon (Dohola, Doumbek, Darbuka, Rahmentrommel)

Nach "Afrobeat meets Klezmer" (Vol. 22) folgt ''Cuban Fire meets Klezmer". Das sind natürlich sehr oberflächliche Beschreibungen, die der Vielfalt dieser Musik nicht gerecht werden, aber es sind brauchbare Orientierungspunkte. Meine Vorbehalte gegenüber kubanischer Jazz-Fusion wurden vor langer Zeit im Wortsinne weggeblasen, als ich das Album Cuban Fire von Stan Kenton gehört habe, also war ich gespannt, was hier geboten wird. Und es ist eine recht unterhaltsame Session mit einigen hochkarätigen Solobeiträgen geworden, aber nicht in meine Spitzengruppe einzuordnen, da nach den drei grandiosen Eröffnungsnummern doch etwas die Luft raus ist. Im weiteren Verlauf wirkt es durch die Dominanz von Klarinette und Geige manchmal wie eine reine Klezmer-Session - die 'fremden' Perkussionsinstrumente fallen wenig ins Gewicht - und da bleibt man deutlich im übermächtigen Schatten der Cracow Klezmer Band. Zudem wirken ausgerechnet die überlangen Stücke Nechael und Egrumiel durch die stoische Perkussion etwas müde und ziehen sich ein wenig.
Das ist natürlich Nörgeln auf hohem Niveau, aber nach bald 200 Alben ist der Rahmen deutlich weiter gesteckt. Auch einige nicht ganz so geniale Alben, die ich in einer früheren Phase des Threads noch mit Wohlwollen beurteilt habe, würde ich aus heutiger Sicht eher zu den "schwächeren" zählen.
Joe Dvorak (16.09.2024, 08:59):


The Dream Membrane (2014)

David Chaim Smith (Text & Rezitation), Bill Laswell (E-Bass, Drones), John Zorn (Shofar, Altsaxophon)

The wonderland forest of blazing nothingness is a sacrificial beast, a pregnant beast filled with worlds and souls. Conventional reality is the ash of its smoldering corpse. (Manuelle Transkription des Textes von David Chaim Smith, The Dream Membrane (Anfang), Tzadik CD-Katalognummer: TZ4004)

Smith rezitiert aus seinem Buch The Awakening Ground, Laswell liefert die Drones dazu, und Zorn bläst den Shofar, ein altes vorderorientalisches Naturhorn, dessen Klang eine ähnlich 'spirituell' erhebende Wirkung hat wie die Shakuhachi (japanische Bambusflöte) oder die Dungchen (tibetische Langtrompete). Bei Musik ohne Rhythmus und minimaler harmonischer Variation mit gesprochenem Text tritt letzterer automatisch in den Vordergrund (auch wenn es immer wieder sehr lange Pausen gibt) und hier gibt uns Smith etwas auf. Ich kenne The Awakening Ground nicht, aber habe mich an Kabbalistic Mirror of Genesis versucht. So interessant ich die Idee finde, die Bedeutung des fundamentalsten aller biblischen Texte mit Hilfe eines esoterischen Schlüssels freizulegen, so schwer lesbar finde ich Smiths von Metaphern überquellende Ausführungen, bei denen ich regelmäßig am Ende eines Abschnitts wieder an den Anfang zurückkehre, weil ich nicht mehr weiß, wie der Gedankengang begonnen hat.
Die auf The Dream Membrane zu hörenden Texte sind wohl kaum dazu gedacht, verstanden zu werden, sondern eher dazu, sie ohne Wertung aufzunehmen und das Unterbewußtsein mit ihnen arbeiten zu lassen, bis man mit einem nicht-begrifflichen Durchbruch zur wahren Freiheit jenseits der Grenzen von Raum und Zeit des vom gewöhnlichen Menschen projizierten Universums erwacht - oder so ähnlich, irgendwie und überhaupt. Ist das gute Musik? Wenn ich als eine von vielen möglichen Definition diejenige verwende, dass Musik dann gut ist, wenn sie meine Vorstellungskraft anregt und erweitert, und ich sie immer wieder hören will und immer mit einer tief empfunden Zuversicht zurückbleibe, dann ist sie nicht nur gut wie die Sau, sondern gut wie das schwangere Tier voller Welten und Seelen.
Joe Dvorak (16.09.2024, 11:35):


The Gnostic Trio /w John Medeski - Transmigration of the Magus (2014)

Bill Frisell (Gitarre), Carol Emanuel (Harfe), Kenny Wollesen (Vibraphon, Glocken), John Medeski (Orgel), Bridget Kibbey (Harfe), Al Lipowski (Vibraphon, Glocken)

Nur wenige Monate nach dem mich sehr enttäuschenden vierten Album melden sich die Gnostiker zurück und haben sich hochkarätige Verstärkung geholt. Das wirkt wie ein Befreiungsschlag. Nicht nur, weil Medeskis Spiel den Gruppenklang bereichert, ohne ihm seine Eigenheit zu nehmen, sondern auch, weil das ursprüngliche Trio wie wiedergeboren wirkt und locker an die Qualität des ersten Albums anknüpft. Es gibt wieder die geliebten minimalistisch-repetitiven Muster satt, das verinnerlichte und doch tief durchdringende Spiel, eben alles, was die Preludes ausgezeichnet hat, dazu als Plus die subtil eingesetzten mystischen Orgelklänge und durch Variationen in der Besetzung mehr klangliche Abwechslung. Berückend und beglückend.
Joe Dvorak (18.09.2024, 08:52):


Moonchild - The Last Judgment (2014)

Mike Patton (Stimme), John Medeski (Orgel), Trevor Dunn (E-Bass), Joey Baron (Schlagzeug)

Dies ist das letzte Album der Moonchild Septologie. Im Vergleich zum Vorgänger hat sich die Besetzung nicht geändert - das gab es zuvor nur vom Debüt zum zweiten Album - und auch stilistisch wurde diesmal wenig verändert. Crimsonesker Heavy-Avantgarde-Prog mit hyperexzentrischem Sänger. Moonchild ist das qualitativ beständigste Projekt und auch sonst hochinteressant, weil die Konzeption ständig weiterentwickelt und von verschiedenen Seiten ausgeleuchtet wurde und dabei langsam eine Metamophose von rein experimenteller Avantgarde hin zu strukturierteren und 'musikalischeren' Spielarten durchlief. Neben dem kompromisslosen Debüt ist The Crucible, das sich genau an der Schwelle vom einen zum anderen befindet, besonders hervorzuheben, doch gibt es unter den 7 kein einziges, das auch nur in die Nähe von Mediokrität käme.
Joe Dvorak (18.09.2024, 11:36):


The Hermetic Organ Vol. 3 (2015)
Office Nr. 11 (The Fall Of Satan - Spectral Angels - The Revelation Of St. John)
John Zorn (Orgel - St. Paul's Hall, Huddersfield)
Ich weiß wirklich nicht, wie ich das beschreiben soll. Viele der hier gebrachten Klänge und Geräusche habe ich von der Orgel noch nie gehört. Zu Vol. 2 meinte ich etwas flapsig, das klingt für mich oft mehr nach Herumprobieren und Experimentieren, was man aus dem Instrument Unerhörtes herausholen kann. Hier auf Vol. 3 wirkt es so, als würde das Gefundene nun in recht schlüssigen Kompositionen präsentiert. Die PR-Beschreibung von bizarren Klangwelten, spektralen Experimenten, hypnotischen Stimmungen und ergreifenden Melodien trifft eingermassen zu, wobei statische und minimalistische Blöcke deutlich überwiegen und Melodien Mangelware bleiben. Faszinierender Stoff.
Joe Dvorak (19.09.2024, 10:31):


The Song Project (Vinyl Singles Edition, 2014)

Mike Patton, Sofia Rei & Jesse Harris (Gesang), Marc Ribot (Gitarre), John Medeski (Klavier, E-Piano, Orgel), Kenny Wollesen (Vibraphon), Trevor Dunn (Kontrabass, E-Bass), Joey Baron (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion)

Das hätte ein echtes Hit-Album werden können, wenn man zwei der Beiträge weggelassen hätte und es als CD statt als limitierte Auflage in einer Box mit sechs 45er-Vinyl-Singles herausgebracht hätte. Einige von Zorn zugänglichern Kompositionen (u.a. aus Dreamers, Alhambra und den Filmmusiken) wurden mit Text und Gesangsspur versehen und herausgekommen ist ein Folk/Pop/Rock-Album mit zum Teil betörenden Ohrwürmern der Art, die man gerne mit sich herumträgt, und wie es bei dieser Besetzung zu erwarten ist, dürfte auch der ein wenig anspruchsvollere Hörer auf seine Kosten kommen. Die ersten sechs Titel teilen sich die drei Vokalisten gerecht auf, ab der zweiten Hälfte bekommt Patton den Löwenanteil, es bleibt ein Song für Rei, einer für Rei und Harris im Duett und der Rest geht an den Moonchild-Mann. Das finde ich gut, denn wenn er hinter dem Mikro steht, wacht auch Ribot auf und spielt erstklassig wie eh und je. Was nicht heißt, dass sich die beiden anderen verstecken müssen - das sind durchaus (Pop-Jazz-Folk-) Sänger, die man mehr als einmal hören möchte. Ganz ohne Avantgarde geht es nicht, und so darf Patton in einer knapp einminütigen Nummer, die in zwei Takes vorliegt, den Schreihals geben, und auch im Eröffnungsstück (das auf Naked Citys Signaturstück Batman basiert) ist er eher abrasiv, aber ansonsten präsentiert er sich als die Art von Sängerpersönlichkeit, für die das Wort charismatisch erfunden wurde. Unwiderstehlich. Der einzige 'Nachteil' dieses Albums ist, dass auf einmal etwas zu fehlen scheint, wenn man die instrumentalen Originale hört.
Joe Dvorak (20.09.2024, 12:18):


Klezmerson - Amon, Book of Angels Vol. 24 (2015)

Benjamin Shwartz (Viola, Klavier, Orgel, Jaranas), Moises Garcia (Trompete), Homero Santiago (Posaune), Dan Zlotnik (Tenor- & Bartionsaxophon, Klarinette), Maria Emilia Martínez (Flöte), Juan Manuel Ledezma (Gitarre, Requinto, Leona), Alex Otaola (Gitarre), Rodrigo Santoyo (Oud), Osiris Caballero Leon (Violine, Jarana), Rolando Morejon (Violine), Natalia Perez (Violoncello), Marco Renteria (Kontrabass), Carina Lopez (E-Bass), Chali Mercado (Schlagzeug), Gustavo Nandayapa (Schlagzeug, Perkussion), Chatran Gonzalez (Perkussion)

Der dritte Engelbucheintrag in Folge, bei dem ein größer besetztes Ensemble den vorderorientalischen Masada-Sound mit traditioneller Musik aus einer anderen Region mischt und für die moderne Zeit aufbereitet. Nach Afrika und Kuba ist es diesmal Mexiko. Ich mache es kurz: Das ist das mit Abstand gelungenste Album dieser Triologie. Waren Zion 80 (Vol. 22) manchmal etwas zu überladen und aufdringlich und Rodriguez (Vol. 23) manchmal etwas zu langatmig, so stimmt hier alles. Besondere Glanzpunkte setzen die Arrangements, die so abwechslungsreich und ausgefeilt sind, wie man es sich nach einem kurzen Blick auf die Instrumentierung verspricht, und die dieses Album zu einem Hörvergnügen der Extraklasse machen. Höchste Prädikatstufe.


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Joe Dvorak (21.09.2024, 08:16):


Hen to Pan (2015)

Jay Campbell (Violoncello)
Ouroboros (Trio Version I)
+ Michael Nicolas (Violoncello), Tyshawn Sorey (Schlagzeug)
Occam's Razor
+ Stephen Gosling (Klavier)
Ouroboros (Duo-Version)
+ Michael Nicolas (Violoncello)
The Aristos
+ Stephen Gosling (Klavier), Chris Otto (Violine)
Ouroboros (Trio Version II)
+ Michael Nicolas (Violoncello), Tyshawn Sorey (Schlagzeug)
Ardbeg TEN gehört zu meinen Top 3 der schottischen Single Malt Whiskys. Das ist bei der ersten Verkostung kaum nachvollziehbar. Assoziationen an das Zeug, das einem der Zahnarzt nach der Behandlung zum Spülen gibt, drängen sich auf. Auf der Flasche gibt es Geschmackshinweise wie "Gischt", "teeriges Seil" und "ungeheuer rauchige Intensität", auf einer Spezialreifung wurde sogar "Sattelseife" gesichtet. Doch hinter diesem gewaltigen Eindruck finden sich kaum wahrnehmbare Subtilitäten, die bei vorhanderer Erfahrung verhindern, dass man das Gesöff vorschnell als ungenießbar beiseite schiebt, sondern die nach weiterer Erkundung verlangen. Der zweite Schluck ist schon besser, Harz und geröstete Kräuter kommen zum Vorschein. Um weiteres aufzuschließen, riecht man daran und trifft auf angesengte Autoreifen oder müffelnde feuchte Spüllumpen, dann nimmt man einen Schluck und wiederholt mit vollem Mund die Geruchsprobe und ... Vanilla Crème Brûlée! Natürlich kann ich das auch haben, indem ich direkt an Vanilla Crème Brûlée rieche und sie verkoste. Aber das ist nicht dasselbe. Das ist ein Unterschied wie zwischen einem Berggipfel, auf den ich mit der Seilbahn gefahren bin und die Aussicht mit Massen von anderen Touristen genieße, und dem Nachbargipfel, den ich in einer schwierigen Tagestour erklommen habe und dort allein oder mit einer kleinen Schar Gleichgesinnter nahezu die gleiche Aussicht auskoste. Da ich auf meine alten Tage faul und lahm geworden bin, ziehe ich inzwischen die touristische Variante vor. Aber im heimischen Sessel vor der Stereoanlage kämpfe ich mich nach wie vor gerne durch dorninges Gestrüpp und unwirtliche Felslandschaften, um die lohnenden Gipfel zu finden.

Nach so viel Geseich sind wir endlich bei der Musik angekommen. Das ist das für mich sperrigste und abweisendste von Zorns Alben mit modern-klassischer Kammermusik. Dieser ungeheuer intensive Avant-Lärm ist bei der ersten Begegnung fast undurchdringlich, doch hinter dem gewaltigen Eindruck finden sich kaum wahrnehmbare Subtilitäten, die bei vorhanderer Erfahrung verhindern, dass man das Album vorschnell als ungenießbar beiseite schiebt, sondern die nach weiterer Erkundung verlangen. Der zweite Hördurchgang ist schon besser, es kommen sinnvolle Beziehungen und die eine oder andere zarte Passage zum Vorschein. Von hier aus war es immer noch ein gutes Stück bis zur Süßspeise oder der einsamen Aussicht, aber da der Weg das Ziel ist, hat es sich gelohnt, ihn zu gehen. Am Ende ist es zwar nicht Top 3 geworden, aber ein Album zu dem es mich immer wieder hinzieht.

Nachtrag: The Aristos wurde Finalist bei der Pulitzer-Preisvergabe 2015. "Eine Parade stilistisch unterschiedlicher Klänge für Violine, Violoncello und Klavier, die ein lebendiges Bild des Gehirns in fluider, unberechenbarer Aktion entwirft." (The Aristos, by John Zorn - The Pulitzer Prizes). Na, da hör her.
Joe Dvorak (21.09.2024, 13:28):


The Song Project (Live at Le Poisson Rouge, NYC, 29 Sep 2013, VÖ: 2015)

Mike Patton, Sofia Rei & Jesse Harris (Gesang), Marc Ribot (Gitarre), John Medeski (Klavier, E-Piano, Orgel), Kenny Wollesen (Vibraphon), Trevor Dunn (Kontrabass, E-Bass), Joey Baron (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion)

Gleiche Titelauswahl, gleiche Reihenfolge, gleiche Sänger und Begleitmusiker. Die Live-Fassungen unterscheiden sich nicht allzu groß von den Single-Studioversionen, aber doch genug, um eine überzeugende Alternative zu sein. Welche ist besser? Die Live-Versionen sind naturgemäß etwas lebendiger, etwas rauer und seitens der Instrumentalisten etwas freier - vor allem Medeski und Ribot stehen in Flammen. Aber da es sich im Kern um Popmusik handelt, hat die adäquat etwas poliertere Produktion der Singles durchaus ihren Reiz und ausgerechnet mein Lieblingslied Assassin's Bay ist dort von Übersänger Patton etwas besser gelungen. Ein knappes Unentschieden also, bei dem letztlich das leichter zu erwerbende und abzuspielende Format der Live-CD den Ausschlag gibt.
Joe Dvorak (22.09.2024, 06:51):


Mycale - Gomory, Book of Angels Vol. 25 (2015)

Ayelet Rose Gottlieb, Sofia Rei, Sara Serpa & Malika Zarra (Stimme)

Nach dem Masada String Trio sind dies die zweiten Wiederholungstäter bei der Einspielung des zweiten Songbooks. Ausgerechnet Mycale, deren erster Beitrag mir überhaupt nicht gefallen wollte. Aber warum eigentlich? Es gibt viele Alben im Book of Angels, die mir nicht zusagen, aber da kann ich genau benennen, was die (lies: meine) Probleme sind. Doch bei Mycale ist es rein geschmäcklerisch. Poppige Acapella-Musik löst bei mir Störgefühle aus. Aber warum eigentlich? Die Beiträge von Sofia Rei zum Song Project finde ich ganz hervorragend, auch dort bewegt sie sich in musikalisch ähnlichen Gefilden. Ich kann es nicht erklären, aber ich kann daran arbeiten. Warum sollte ich das tun? Weil das Hören von Musik, die mir nicht gefällt, mich herausfordert, darüber nachzudenken, welche objektiven Bewertungskriterien es gibt. Komplexität, Einfallsreichtum in Rhythmik und Melodik, Formvollendung, Innovation beim Klang und Stil, Eigenständigkeit, Virtuosität, Zusammenspiel, Texte? Da gibt es sicher noch viel mehr, und all das kann man einigermaßen objektiv beurteilen, aber das sagt nichts über die Qualität aus. Komplexe Musik ist nicht automatisch von höherer Qualität als einfache. Sonst müsste Ferneyhough besser sein als jeder Komponist der Romantik. Das ist der verzwickte Teil der Geschichte: Selbst wenn wir eine Reihe von objektiven Qualitätskriterien hätten und für jedes eine Skala von 1 bis 10, wüssten wir immer noch nicht, ob die 1 oder die 10 die höhere Qualität aufweist - oder ob es vielmehr die ausgewogenen 5 und 6 sind, die anzustreben wären. (Jeder wird zustimmen, dass Schubert von höherer Qualität ist als Madonna, weil letztere bezüglich der Komplexität von Rhythmik, Harmonik und Form im Vergleich banal ist, aber niemand wird zustimmen, dass Ferneyhough aus den gleichen Gründen von höherer Qualität ist als Schubert. Wieso?) Ein weiteres Problem ist, dass Geschmack und Qualität leicht miteinander verwechselt werden. So wird hochvirtuosen Instrumentalisten gerne nachgesagt, ihr Spiel sei beeindruckend, aber steril und emotionslos. Das sind jedoch Empfindungen des Zuhörers, keine Eigenheiten der Musik. Virtuos bleibt virtuos und komplex bleibt komplex, und wenn das dem Hörer nicht gefällt, ist das sein Problem. Das bedeutet aber immer noch nicht, dass das Spiel des Virtuosen von höherer Qualität ist. Das beste oder zumindest eines der besten Gitarrensolos aller Zeiten wird von Kennern des Instruments David Gilmour (Comfortably Numb) zugeschrieben, und der ist sicher kein Supervirtuose. Was also macht die besondere Qualität aus? Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass sich, während des Nachdenkens und Tippens über Qualität und Geschmack, meine Einstellung zum nebenher wiederholt laufenden Mycale-Album geändert hat. Die Musik ist von hoher Qualität -das war eigentlich schon vorher klar- und sie gefällt sie mir.
Joe Dvorak (22.09.2024, 08:55):


Simulacrum (2015)

John Medeski (Orgel), Matt Hollenberg (Gitarre), Kenny Grohowski (Schlagzeug)

Ein Orgeltrio in einer Instrumentierung, wie sie im Jazz üblich ist, aber mit einem Gitarristen, der aus dem Metal-Bereich kommt. Simulacrum klingt wie nichts, was Zorn zuvor gemacht hat, und doch seltsam vertraut. Ob es das extremste Orgeltrio aller Zeiten ist, wie der PR-Text verkündet, sei dahingestellt. Aber es ist kaum leichter zu hören als Hen to Pen. Werfen wir einen Blick auf die Interpreten. Medeski verbinde ich in erster Linie mit Nova Express und Grohowski mit Abraxas. Mit Hollenberg betritt - wenn ich nichts übersehen habe - ein neues Gesicht die Bühne, das stilistisch gut zu Abraxas gepasst hätte. Das Ergebnis klingt dann auch wie eine neue Verbindung aus einer Reaktion der Elemente Dreammachines minus Vibraphon und Psychomagia plus Orgel. Da dies zwei der allerbesten Platten im Zorn-Universum sind, müsste eigentlich das Nonplusultra dabei herauskommen. Aber hier kommt wieder der Geschmack ins Spiel. Kompositorisch ist das verwandt mit Dreammachines, fügt sich wie aus einem Guss zu einem Album der absoluten Extraklasse und ist einfach fantastisch gespielt. Qualitativ kann man da nicht mehr viel draufsetzen. Aber die geschätzten atonalen Ausbrüche, frei geräuschhaften Passagen und oft hektischen Schnitte werden in Verbindung mit dem über weite Strecken gnadenlos lauten und abrasiven Spiel zu einer echten Herausforderung für die Ohren. Es ist besser, weil kompositorisch und klanglich variabler als Enigmata/Valentine's Day, was man als weitere Referenz heranziehen kann, aber kaum weniger anstrengend. Ich bin noch nicht fertig mit diesem Album und enthalte mich einem endgültigen Geschmacksurteil. Aber da von diesem Trio noch einiges mehr kommen wird, ziehe ich erst mal weiter zu den Dreamers, da ist Entspannung garantiert.
Joe Dvorak (22.09.2024, 17:45):


The Dreamers - Pellucidar, A Dreamers Fantabula (2015)

Marc Ribot (Gitarre), Kenny Wollesen (Vibraphon), Jamie Saft (Klavier, E-Piano, Orgel), Trevor Dunn (E-Bass, Kontrabass), Joey Baron (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion)

Ja, das ist entspannende Musik, bei der man sich zurücklehnt und die Belange des Tages und des Lebens an sich in den Hintergrund treten lässt. Ist sie gut? Wenn ich einige der oben genannten Bewertungskriterien heranziehe, dann ist sie eher durchwachsen. Innovativ ist da nichts, wenn man die bisherigen Alben des Sextetts als Gradmesser nimmt. Mehr vom selben eben. Die Musik ist nicht besonders komplex und es fehen bis auf ein paar Stellen die grossen Einfälle, aber sie auch auch nicht unterkomplex und geistlos, und vielleicht macht gerade diese Gratwanderung den Reiz aus. Dass sie gut gespielt ist, verspricht und hält die Besetzung, vor allem die E-Piano-Beträge von Saft sind eine Wonne. Und die von Ribot! So richtige Eigenständigkeit kann man nicht konstatieren, dazu fehlt dieser Band eine Signatur, die sie unverwechselbar macht. Objektiv sieht es also eher mau aus, und das spiegelt sich auch in meinem subjektiven Empfinden wider. Alles wirklich sehr gut, insbesondere die Schlussnummer, und ganz nach meinem Geschmack, aber eben schon mal -besser- dagewesen. Wenn mir nach den Träumern zumute ist, lege ich das erste Album auf, mit dem sie ihr definitives Statement abgegeben haben und ich wüsste nicht, wie sie das noch übertreffen wollen.
Joe Dvorak (27.09.2024, 04:36):


Forro in the Dark - Plays Zorn. Forro Zinho (2015)

Jorge Continentino (Flöte, Pifano, Gesang, Tenor- und Baritonsaxophon), Guilherme Monteiro (Gitarre), Mauro Refosco (Zabumba, Vibraphon, Synare, Perkussion), Rea Mochiach (E-Bass, Perkussion) /w Vitor Gonçalves (Akkordeon), Sofia Rei (Gesang), Jesse Harris (Gesang, Gepfeife), Marcos Valle (Gesang, Wurlitzer Piano)

Es handelt sich nicht um einen Schreibfehler: Die Pífano ist eine traditionelle Holzflöte (meist aus Bambus), die in Brasilien, vor allem im Nordosten des Landes, häufig in der Volksmusik zu hören ist. Womit wir bei der Herkunft und dem Namen des Quartetts wären. Forro in the Dark verdanken ihren Namen einem Stil brasilianischer Tanzmusik, weniger bekannt als Samba und Bossa Nova, den sie mit Elementen aus Rock, Jazz, Reggae, Folk und Country mischen. Damit reihen sie sich scheinbar in die Riege der Bands ein, die traditionelle regionale Stile mit dem Sound des 21. Jahrhunderts verbinden und zuletzt Beiträge zum zweiten Liederbuch von Zorn Masada lieferten. Es gibt allerdings einen wichtigen Unterschied. Forro arrangieren und interpretieren bereits veröffentlichte Titel neu, auf Deutsch: covern Titel aus Zorns Gesamtwerk, u.a. von den Dreamers, Alhambra, Nova Express und aus den Filmmusiken. Diese Quellen wurden auch für das Song Project genutzt, und mit Sofia Rei und Jesse Harris sind zwei der dort singenden Protagonisten hier mit Gastbeiträgen zu hören. Die Musik ist so farbenfroh, wie das Cover suggeriert, aber weniger 'feurig' und ausgelassen, als ich es bei brasilianischer Tanzmusik als Grundlage vermutet hätte - sie hält meist die Balance zwischen Vergnügen und Gewichitgkeit. Die Titel sind im Vergleich zu den Originalversionen stark verändert, was dem Ganzen einen zusätzlichen Reiz verleiht. Sehr erfreulich.
Joe Dvorak (28.09.2024, 03:47):


The Spike Orchestra - Cerberus, Book of Angels Vol. 26 (2015)

Eine Big Band fehlt noch in der Sammlung. Arrangement und Leitung teilen sich die Komponisten Sam Eastmond und Nikki Franklin, die auch Solobeiträge von Trompete und Gesang beisteuern. Duke Ellington, Frank Zappa und Carl Stalling werden als Einflüsse genannt, wobei ich von den beiden Letztgenannten auf diesem Album wenig höre und bei Ellington frage ich mich, welche Big Band nicht von ihm beeinflusst wurde. Die Besetzung und die Arrangements sind recht traditionell, das Holz besteht aus 2x Alt, 2x Tenor, 1x Bariton, wobei alle noch ein zweites Instrument spielen (Flöte, Klarinette, Bassklarinette), das Blech setzt sich aus Solotrompete, 3x Trompete/Flügelhorn, 2x Posaune und 1x Tuba zusammen, dazu kommt die Rhythmusgruppe Klavier/Bass/Schlagzeug plus Akkordeon und E-Gitarre, die beide auch einen Solobeitrag haben, und der Pianist wechselt auch mal ans E-Piano. Die Postmoderne kommt in den etwas freier gestalteten Soli zum Vorschein, mit moderaten Klezmer-Einflüssen von Klarinette und Akkordeon. Ich hatte zwar mal eine Phase, in der ich viel Big Band Musik gehört habe, aber das ist ein paar Tage her und so habe ich zur Einordnung keine Vergleiche im Ohr, aber ich finde das ganz hervorragend, die Solisten sind exzellent und es gibt nichts zu bemängeln. Das ist definitiv ein willkommener und hochwertiger Eintrag ins Engelbuch und macht Lust, mich mal wieder intensiver mit den Großformationen des Jazz zu beschäftigen.
Joe Dvorak (29.09.2024, 09:50):


Dither - Plays Zorn. Olympiad Vol. 1 (2015)

Gyan Riley (E-Gitarre, Akustikgitarre, Banjo), Taylor Levine (E-Gitarre, Akustikgitarre), Joshua Lopes (E-Gitarre, Akustikgitarre, Bajo Sexto, Zhongruan), James Moore (E-Gitarre, Akustikgitarre, Banjo, Mandoline)

Das ist eine dieser Platten, bei denen man weniger darüber spricht, was man gehört hat, als über die Art des Hörens, über den Zugang zur Musik und darüber, was sie ist. Meine Definition ist, dass Schallereignisse, die von Menschen bewusst organisiert werden, Musik sind. Dabei ist mir Ungehörtes, das wie nichts klingt, was man schon einmal gehört hat, zunächst immer willkommen. Dass in einem solchen Fall allein das subjektive Empfinden beim Hören entscheidet, ob es 'gut' ist, weil es keine verbindlichen objektiven Qualitätskriterien und keine Vergleichbarkeit gibt, schreibe ich jetzt wahrscheinlich zum drölfzigsten Mal.
Diese drei Game Pieces aus den 70er Jahren, zwei davon (Fencing, Curling - nun wird der Albentitel verständlich) als Ersteinspielungen, alle realisiert mit 4 Gitarren und verwandten Instrumenten, darunter eine mexikanische und eine chinesische Variante, fallen beinahe in die Kategorie des Ungehörten. Musik, die wirklich ganz ohne jeglichen Vergleich ist, findet man wohl nirgends, und so kann man hier als grobe Orientierung Zorns Book of Heads heranziehen, in dem alle möglichen und unmöglichen Spieltechniken auf der Gitarre ausprobiert und alle denkbaren Klänge und Geräusche erzeugt werden - und das dann hoch vier nehmen. Alvin Lucier zu mögen schadet ebenso wenig wie mindestens einen Satz von Lou Reeds Metal Machine Music durchzustehen. Am nachhaltigsten hat mich bei dieser Olympiade die 'long electric'-Version von Curling beeindruckt. Das ist eines dieser Stücke, die einen (lies: mich) in andere Welten entführen, nicht im Sinne eines Entschwebens oder einer Flucht aus der Realität, sondern im Aufzeigen einer verborgenen Wirklichkeit innerhalb der Wirklichkeit, die nicht unbedingt schöner ist, aber in ihrer Fremdheit zugleich verstörend und faszinierend.
Joe Dvorak (30.09.2024, 14:20):


Simulacrum - The True Discoveries Of Witches And Demons (2015)

John Medeski (Orgel), Matt Hollenberg (Gitarre), Marc Ribot (Gitarre), Trevor Dunn (E-Bass), Kenny Grohowski (Schlagzeug)

Gegenüber dem Debüt hat sich das Trio um zwei prominente Mitstreiter verstärkt. Eine weitere ohrenfällige Veränderung ist das Klangbild, das basslastiger, in den Mitten weniger präsent und in den Höhen weniger schrill geworden ist, wodurch die oft harsche und lärmintensive Spielweise etwas abgemildert ankommt. Stilistisch hat man sich im ersten Drittel des Albums weitgehend von den auf dem Erstling allgegenwärtigen, atonalen und geräuschhaften Ausbrüchen sowie den hektischen Schnitten verabschiedet. Damit wurden beide Probleme, die das Debüt erst in ihrer Kombination so anstrengend machten, beseitigt, und das schien beim ersten Hören fast zu viel des Guten zu sein. Es geht zunächst fast schockierend riffbetont geradlinig zur Sache und erinnert an extreme instrumentale Progmetal-Bands wie Planet X und auch an die metallische Seite von Zorns Abraxas. Zwar gibt es hier die genretypischen Drehungen und Wendungen sowie virtuoses Geschreddere, aber dennoch bleibt es monoton und beim vierten Titel frage ich mich, ob ich das nicht schon weiter vorne auf dem Album gehört habe. Dann aber ändert sich die Marschrichtung mit einem über weite Strecken rhythmuslosen Stück deutlich und der Einfluss von Zorn, den man vorher nie und nimmer blind hinter dieser Scheibe vermutet hätte, wird vage wahrnehmbar. Die beiden folgenden, ohrenverknotenden Stücke sind wieder ganz anders geartet und hätten gut auf das Debüt gepasst, dann geht es noch einmal zurück zum Stil des Albenbeginns, allerdings im Tempo gemäßigter, bevor zwei längere Titel, eine experimentelle 70er-Jahre-Psychedelic-Nummer und ein Stück, das eher nach Zorns 'mystisch-gnostischer' Phase klingt, das Album beschließen.
Manchmal fehlen mir einfach die richtigen Worte, und der Versuch einer Beschreibung ist reichlich ungenau und unvollständig geraten, und vor allem liest sie sich nicht wirklich positiv, so dass das Fazit, dass dieses in drei recht unterschiedliche Drittel zerfallende Album zu meinen Favoriten gehört, überraschend sein mag. Es gibt einfach zu viele dieser unbezahlbaren Großen Momente, die förmlich zum immer und immer wieder hören zwingen und bald hat man sich mit der eigenwilligen Struktur des Albums arrangiert und beginnt sie sogar als einen wesentlichen Bestandteil der Wirkung zu begreifen.
Joe Dvorak (02.10.2024, 04:39):


The Book of Heads (2015)

James Moore (Gitarre, Klangobjekte)
Musik, die wirklich ganz ohne jeglichen Vergleich ist, findet man wohl nirgends, und so kann man hier als grobe Orientierung Zorns Book of Heads heranziehen, in dem alle möglichen und unmöglichen Spieltechniken auf der Gitarre ausprobiert und alle denkbaren Klänge und Geräusche erzeugt werden (...)
Kaum herangezogen, steht es auch schon auf dem Programm. Die zitierte Kurzbeschreibung sagt eigentlich genug und das Cover zeigt, womit das arme Instrument alles malträtiert wird. Ich kann mir nicht helfen, ich mag das einfach. Mit der ersten Aufnahme von Marc Ribot stand ich lange im Konflikt, aber mit der Zeit habe ich sie mir einverleibt. Was macht Moore, der auch auf dem Dither-Album zu hören ist, nun 'besser', anders? Um diese Frage zu klären, musste ein Vergleich her - Etude für Etude, alle Fünfunddreißige. Unzulässig grob pauschalisierend kann man sagen, dass Moores Interpretation, genauer: Realisierung - die Partitur besteht aus Symbolen und einer Legende dazu - klanglich etwas opulenter und insgesamt extrovertierter ist, mehr gitarristisch gedacht zu sein scheint, während Ribot geradezu asketisch wirkt und gleichzeitig in der Wahl der Mittel mehr zur geräuschhaften Seite tendiert (vgl. z.B. #22, #23 & #27). Ich lasse es - rumlabern hilft bei dieser Art von Musik nicht weiter und 'verstehen' kann man sie nur im Sinne eines Hespos: (...) entwickelt man aber Freude an der Entdeckung ungewohnter musikalischer Welten, dann hat man eigentlich alles verstanden.
Joe Dvorak (05.10.2024, 05:26):


Simulacrum - Inferno (2015)

John Medeski (Orgel), Matt Hollenberg (Gitarre), Kenny Grohowski (Schlagzeug)

Auf dem dritten Album ist die Formation wieder zu dritt. Der Sound ist noch kompakter, höhenärmer und fast ein wenig 'matschig' geworden. Musikalisch ist man noch weiter in den Bereich des reinen Progressive/Technical Metal vorgedrungen, die Scheibe wurde sogar in den einschlägigen Gazetten besprochen und Simulacrum auf der Höhe von Giganten wie Watchtower und Spiral Architect verortet. Jazzige und avantgardistische Einflüsse bleiben im HIntergrund, stattdessen wird heftig gerifft und schneidend soliert was das Zeug hält. Das zentrale, über 20-minütige Langstück in der Mitte des Albums ist episodenhaft aufgebaut, harte Riff-Passagen mit genretypischen krummen, häufig wechselnden Taktarten und verwinkelten Melodielinien. wechseln sich mit ruhigen Abchnitten ab, und an den Verbindungsstellen gibt es ganz kurze dissonante und freie Floskeln als Spurenelemente, in denen der Komponist dann doch für einen Moment hervorblinzelt. Mir gefällt's.
Joe Dvorak (06.10.2024, 03:55):


Madrigals (2016)
Book I (2013)
Book II (2014)
The Sapphites
Lisa Bielawa, Sarah Brailey, Rachel Calloway, Mellissa Hughes, Jane Sheldon & Kirsten Sollek (Stimme)

Die beiden Madrigal-Bücher mit je 5 Titeln voller Hexen, Götter und Teufel scheinen mir gelungener als Shir Hashirim mit demselben Ensemble. Was es genau ausmacht, entzieht sich meiner Analyse. Vielleicht ist es die Tatsache, dass hier der Einfluss der amerikanischen Mainstream-Minimalisten wie Glass, Reich, Riley ausgeprägter ist und auch deutlich mehr Experimentelles zu hören ist. Der Gesang ist wieder textlos, aber einige gesprochene Texte aus Percy Blysse Shelleys Dichtungen lockern das Ganze etwas auf. Nicht schlecht, aber nichts was ewig in der Spielliste bleiben wird, denn - das sei hier schon vorweggenommen - von den Damen kommt noch etwas wesentlich besseres.
Joe Dvorak (07.10.2024, 05:30):


The Hermetic Organ Vol. 4 (2016)
Office Nr. 14 (Bell, Book and Candle - The Witches' Sabbath)
John Zorn (Orgel - St. Bart's, NYC)
Mit Zorns Orgelimprovisationen ist das so eine Sache. Ich war von der ersten begeistert, sah die beiden Nachfolger trotz Abstrichen sehr positiv, aber wenn ich zurückdenke, kann ich mich kaum noch an etwas erinnern und mit Ausnahme der ersten besteht kein dringender Wiederhörbedarf. Andererseits war auch der vierte Teil, abgesehen von einigen Längen, wieder recht vergnüglich. Ist das also Wegwerfmusik? Einmal gehört, für gut befunden - die nächste bitte? Vielleicht ist das gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt, schließlich handelt es sich um improvisierte Live-Konzerte, und die hört man nur einmal und nie wieder, wenn nicht gerade zufällig ein Aufzeichnungsgerät mitläuft. Jedenfalls denke ich bei Passagen wie dem zweiten Teil des Hexensabbats, dass ich da gerne dabei gewesen wäre. Ich finde den Klang der Orgel in einer Kirche immer faszinierend, egal, was gespielt wird, und wenn dann erst so orgiastisch eindringliches Zeug rüberkommt, dann würde ich wahrscheinlich ausflippen und denken, der Mann auf der Empore steht gerade mit allen Göttern, Engeln und Dämonen in Verbindung - oben wie unten.
Joe Dvorak (07.10.2024, 10:19):


Flaga - Book of Angels Vol. 27 (2016)

Craig Taborn (Klavier), Christian McBride (Kontrabass), Tyshawn Sorey (Schlagzeug)

Für den neuesten Eintrag ins Masada Book Two konnten zwei Superschwergewichte der Jazzszene gewonnen werden: Taborn und McBride gehören zu den führenden Könnern an ihren Arbeitsgeräten. Komplettiert wird das Trio durch Sorey, der bereits auf einigen von Zorns semi-improvisatorischen Kammermusik-Alben zu hören war. Flaga unterscheidet sich deutlich von den Jazz-Klaviertrio-Platten, die von Pianisten aus Zorns engstem Kreis (Burger, Saft, Gosling) eingespielt wurden und auf denen entweder Einflüsse der klassischen Avantgarde oder des Easy Listening oder der Weltmusik oder aus Kombinationen davon zu hören sind. Das ist die bisher 'reinste' Jazzplatte, die von Zorn produziert wurde, und man kann feststellen, dass hier kaum etwas von seiner Handschrift zu hören ist. Es sind zwar seine Songs, aber die drei machen ihr eigenes Ding daraus, und das ist Piano-Trio vom Feinsten. Überhaupt scheint mir das Engelbuch weniger prägnante Themen und Melodien zu bieten als das erste Masada-Buch, aus dem sich mindestens ein Dutzend in die Hirnwindungen eingebrannt hat, während mir bei den Engeln kein einziges Lied nur wegen seiner Melodie, sondern eher wegen seiner Interpretation im Gedächtnis geblieben ist. Das mag wohl auch daran liegen, dass einige Songs aus dem ersten Buch häufig eingespielt wurden, wie z.B. Karaim, eines meiner Lieblingslieder, das es auf acht Einspielungen bringt (und eine weitere wird noch folgen), während es beim zweiten Buch meist bei einer Aufnahme geblieben ist. Wie dem auch sei, wir haben hier ein Klaviertrio, das in der Tradition aller anderen steht und mit Schlagworten wie "unnachgiebig ikonoklastisch, frisch, leidenschaftlich, unerbittlich schräg und dennoch zwingend melodisch und schön" beschrieben wurde. (Craig Taborn: Flaga: Book of Angels, Volume 27 album review @ All About Jazz). Das ist vielleicht etwas zu leidenschaftlich beschrieben, aber es zeigt die Richtung.
Joe Dvorak (08.10.2024, 12:13):


Simulacrum - The Painted Bird (2016)

John Medeski (Orgel), Kenny Wollesen (Vibraphon), Matt Hollenberg (Gitarre), Kenny Grohowski (Schlagzeug), Ches Smith (Perkussion, 2/9 Tracks)

Mit Wollesen stößt Medeskis Spielpartner bei Nova Express zum Stamm-Trio. Heavy Metal mit Vibraphon? Das geht nicht? Es geht, wenn der Komponist, Arrangeur und Produzent John Zorn heißt. Nach dem Riff-Fest des Vorgängers kommen hier wieder die bewährten Zutaten mit in die Metal-Suppe: Jazz, klassische Avantgarde und ein Fetzen Eoxita mit Congas und Voodo-Trommeln. Und es gibt wieder ein paar derbe Schnitte, wenn etwa ein kreischendes E-Gitarrensolo über wuchtigem Orgelbass und donnerndem Schlagzeug abgebrochen und von einem unbegleiteten, atonalen Sololauf des Vibraphons abgelöst wird. Das ist nicht ganz so verrückt, wie es klingt. Was mich hier besonders fasziniert: Obwohl es ein typisches Zorn-Album ist, klingt es völlig frisch und unverbraucht, auch wenn es aus bekannten Zutaten (etwa "Nova Metal Express") zusammengesetzt ist und einige Themen und Motive schon anderswo gehört wurden. Aber der PR-Text übertreibt nicht, wenn er von einer surrealen und expressiven neuen Klangwelt spricht. Nun ist originell nicht immer gut, aber in diesem Fall schon. Das ist sogar richtig gut, das ist zum Ausrasten. Sonderlob gibt es für die Einsicht, dass man nach etwas mehr als einer halben Stunde so gesättigt ist, dass es kein weiteres Füllmaterial auf dem Album braucht. Ein Kandidat für den Zorlymp.
Joe Dvorak (09.10.2024, 12:02):


Nova Express Quintet - Andras, Book of Angels Vol. 28

Kenny Wollesen (Vibraphon), John Medeski (Orgel, Klavier), Trevor Dunn (Kontrabass, E-Bass), Joey Baron (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion)

Die Hälfte von Nova Express war gerade noch im Hartmetallgewand zu hören, nun kommen sie unverkleidet mit voller Mannschaft und haben sich noch einen Schlagwerker dazu geholt. Schon nach den ersten Tönen macht sich ein fettes Grinsen breit. Das klingt nach einer Minimal Music-informierten, modernisierten, aber avantgardefreien Version des Modern Jazz Quartet - eine der vielen geliebten Facetten des Quartetts, oder in diesem Fall Quintetts. Dafür wird das Gesicht im weiteren Verlauf des Albums umso länger. Zorns Ausflüge in den leichten Sektor schrammen oft nur knapp an der Grenze zur Belanglosigkeit vorbei (und beziehen ihre spezifische Note gerade daraus, trotzdem mit hoher künstlerischer Integrität aufwarten zu können), aber hier gibt es ein paar Totalabstürze des Kaufhausfahrstuhls. Ganz schlimm. Da können auch die etwas interessanteren Nummern nichts mehr retten. Zorn und seine Mitstreiter sind immer für Überraschungen gut - aber nicht immer sind sie gut gelungen.
Joe Dvorak (10.10.2024, 16:36):


The Gnostic Trio - The Mockingbird (2016)

Carol Emanuel (Harfe), Bill Frisell (Gitarre), Kenny Wollesen (Vibraphon, Glocken)

Nach dem im wahrsten Sinne des Wortes bezaubernden Preludes und drei Nachfolgern, die mehr vom Gleichen mit weniger Substanz boten, sowie dem letzten, herausragenden, aber aus dem Rahmen fallenden Album mit Medeskis Orgel als Verstärkung, knüpft das Trio mit seinem sechsten Album an den Erstling an. Alle Markenzeichen sind wieder da, die vertonte paradiesische Unschuld kommt mit der gleichen kontemplativen Kraft und sinnlichen Eindringlichkeit daher. Im letzten Drittel ändert sich die Gangart ein wenig, rituelle, disharmonische und düstere Elemente mischen sich darunter, aber ganz behutsam, ohne die meditative Intimität zu stören, und doch ausreichend, um dieses Album zum eigentlich würdigen Nachfolger der Preludes zu erklären - als eine Weiterentwicklung, aber auf Augenhöhe mit diesen. Betörend schön.
Joe Dvorak (13.10.2024, 04:29):


Sacred Visions (2016)
The Holy Visions (2013)
Eliza Bagg, Sarah Brailey, Rachel Calloway, Jane Sheldon & Kirsten Sollek (Stimme)
The Remedy of Fortune (2014)
JACK Quartet
Ehrfurchtgebietend! Jemand schrieb einmal im Forum, dass es im Leben eines Musikhörers fast heilige Momente gibt, die man nicht durch Worte entweihen darf. Deshalb sollte ich zu diesem Album nichts schreiben. Aber das wird dem nicht gerecht, so wie jedes Wort dem nicht gerecht wird. Wir haben hier ein Acappela-Werk und ein Streichquartett, die für meine Ohren nicht nur die jeweils besten sind, die Zorn geschrieben hat, sondern die sein bisheriges Ouevre in diesen Gattungen regelrecht pulverisieren. Beide basieren auf Figuren des Mittelalters, Hildegard von Bingen & Guillaume de Machaut. Beide verknüpfen das Sakrale und das Sakuläre auf geradezu mystische Weise. Beide verwischen die Grenzen zwischen dem ganz Alten und dem ganz Neuen, als gäbe es nur eine Musik. Beide Werke durchdringen sich, als wären sie Aspekte eines Allbewusstseins, das sich auf unterschiedliche Weise ausdrückt. Im Quartett erlebe ich regelrechte akustische Halluzinationen und meine den Chor durch die Streichinstrumente zu hören. Mittelalterliche Polyphonie, zischendes Flüstern, Sprechgesang, Chant im Unisono, durchdringendes Kreischen, Streichen, Zupfen, Schlagen, Kratzen, Sägen, Trillern, Fiepen - Worte, die das Gehörte irgendwie zu fassen versuchen und ein Universum weit daneben greifen. Man muss es hören, um zu begreifen, wie eins ins andere greift, wie alle Kompositions- und Aufführungstechnik transzendiert wird, sich geradezu auflöst - und nur noch heilige Visionen übrig bleiben.
Joe Dvorak (14.10.2024, 04:02):


AutorYno - Flauros, Book of Angels Vol. 29

David Konopnicki (Gitarre), Bertrand Delorme (E-Bass), Cyril Grimaud (Schlagzeug)

Das Format des elektrifizierten Power-Trios verträgt sich hier ganz wunderbar mit den orientalischen Melodien. Die Franzosen mit Punk-Hintergrund spielen eine hochenergetische Klezmer-Jazz-Rock-Fusion, haben bereits zwei Alben auf Zorns Label veröffentlicht und drängen sich für einen Beitrag zur Masada-Reihe geradezu auf. Referenzen sind Jon Madorfs Rashanim (Masada Rock) und das Marc Ribot Trio (Asmodeus, Book Of Angels Vol. 7), wobei AutorYno eine Mittelposition einnehmen, weniger jazzig als die ersteren und weniger frei und krachend als die letzteren. Was mir hier besonders gefällt, sind die Passagen, in denen sie die Schlagzahl und das Energielevel runterfahren und in sphärische oder dubbige Gefilde vordringen. Das schafft einen schönen Ausgleich zum sonst sehr heftig rockenden Gestus der Band. Ein klarer Fall für wiederholtes Hören.
Joe Dvorak (14.10.2024, 08:46):

Commedia Dell'Arte (2016)
Harlequin
- Kyle Armbrust (Viola), Claire Chase (Flöte), Rebekah Heller (Fagott), Josh Rubin (Klarinette, Bassklarinette)
Columbina
- Eliza Bagg, Sarah Braile, Rachel Calloway & Kirsten Sollek (Stimme)
Scaramouche
- Steve Gosling (Klavier), Christian McBride (Kontrabass), Tyshawn Sorey (Schlagzeug)
Pulcinella
- American Brass Quintet
Pierrot
- Jay Campbell, Mike Nicolas, Mihai Marica & Jeff Ziegler (Violoncello)
Dieses Album habe ich bereits im Komponisten-Thread besprochen. Da das noch nicht allzu lange her ist und sich die Sichtweise nicht geändert hat, kopiere ich den Text - dem Prinzip der maximalen Faulheit folgend - einfach mit ein paar redaktionellen Änderungen hierher.
Das ist einfach allerbeste Musik. Der PR-Text meint, sie enthalte einige von Zorns besten kompositorischen Leistungen und sei ein Glücksfall von der ersten bis zur letzten Note. Ich würde das sofort unterschreiben, aber es ist schwer zu begründen.
Was haben wir hier? Eine fünfteilige Suite, zusammengesetzt aus völlig unterschiedlichen Miniaturen, die trotz der harten Kontraste nicht nur miteinander harmonieren, sondern zu einem übergeordneten Ganzen werden, das dann wieder auf die einzelnen Teile zurückwirkt und sie neu beleuchtet - wie schon besonders prägnant bei Rimbaud, The Alechmist und Holy Visions.
Im Zentrum steht eine Komposition für Klaviertrio (wiederum mit minutiös notiertem, komplexem Klavierpart und improvisierender Jazz-Rhythmusgruppe), eingerahmt von zwei postminimalistischen Werken (eines für Vokalquartett, eines für Blechbläserquintett). Die beiden Aussensätze sind atonale, geräuschhafte Neutonstücke in Reinkultur (einmal Holzbläsertrio & Viola, einmal Celloquartett), ebenso herausfordernd, aber nicht überfordernd, wie dankbar, aber nicht anbiedernd. Dieser beiläufig dahingeschriebene letzte Satz erklärt, was Zorn für mich über viele andere moderne Klassiker hinaushebt. Hier wirft mir keiner als Krach manifestierte Ausflüsse seiner esoterischen Gedankenwelt an den Kopf und erklärt: Friss, und wenn du es nicht verträgst, liegt es halt an deinem sensiblen Magen. Und es kommt auch keiner mit faulem Wohlklang und meint: Hier hast du was, woran du garantiert nicht erstickst (und mir mehr Schotter bringt). Zorn hat beide Kategorien bis zum Äussersten ausgelotet und in beiden Grosses geschaffen. Aber hier meistert er die schwierigste Kunst: die Mitte (lies: meine Mitte) haarscharf zu treffen. Und der Mittelweg erweist sich, wie so oft, als golden.
Joe Dvorak (14.10.2024, 16:44):


Simulacrum - 49 Acts of Unspeakable Depravity in the Abominable Life and Times of Gilles de Rais (2016)

John Medeski (Orgel), Matt Hollenberg (Gitarre), Kenny Grohowski (Schlagzeug)

Auf ihrem fünften Album sind die Scheinbilder wieder zu dritt. Diese Sequenz, ungerade Albumnummern als Trio, gerade Albumnummern mit Verstärkung, werden sie bis zum 8. (und vorläufig letzten) Studioalbum beibehalten. Die 49 unaussprechlichen Taten im Leben und Zeitalter eines Serienkillers sind eine gelungene Kombination aus den Stärken und die Eliminierung der Schwächen der beiden vorangegangenen Trio-Alben. Die nervöse und hektische Gangart des ersten Albums und die allzu geradlinige des dritten finden hier einen Ausgleich. Es gibt genügend aufreibende Szenen in Form von atonalen und metrisch freien Passagen, aber diese sind gut in den metallischen Rahmen eingebunden und bleiben nie länger als willkommen. Klanglich liegt man diesmal irgendwo zwischen der eisig-schneidenden Präsenz des einen und der etwas dumpfen Enge des anderen. Alles optimiert also. Was mir in den ersten zwei Dritteln der Spielzeit ein klein wenig fehlt, sind die ganz großen Höhepunkte, so dass es 'nur' ein herausragendes, aber kein alles überragendes Album geworden ist. Um 95% der instrumentalen Progmetal-Konkurrenz auf die Plätze zu verweisen, reicht es allemal.
Joe Dvorak (15.10.2024, 05:07):


The Classic Guide to Strategy Vol. 4 (2016)
The Wind Book 1 - 5 (2013)
John Zorn (Altsaxophon)
Oje. Das führt zurück zu den Anfangszeiten von Zorn und den Anfangstagen dieses Threads, als ich mir noch viele Alben schönhören und schönreden musste, um diese volatile Phase zu überstehen. Zorns Soloexkursionen mit dem Saxophon sind eher ein Kompendium aller möglichen und unmöglichen Klänge und Geräusche, die man dem Instrument mit allen Mitteln abpressen kann, als schlüssige Improvisationen. Das ist interessant, aber nicht immer angenehm zu hören. Auch für das 30 Jahre nach Vol. 1 eingespielte Windbuch braucht man einige Nehmerqualitäten, aber es ist deutlich zugänglicher, der Ton des Instruments ist größer und wärmer geworden, neben dem obligatorischen Quietschen und Schnattern gibt es auch Melodien satt, und weil es völlig frei in Echtzeit improvisiert ist - ohne Karteikarten oder Spielrufe zur kleingliedrigen Vorstrukturierung - gibt es auch mal so etwas wie einen Spannungsbogen. Sicherlich das bisher beste Strategiealbum, aber dennoch eine Nische, die ich wohl nur selten wieder aufsuchen werde.
Joe Dvorak (16.10.2024, 03:56):


Garth Knox & The Saltarello Trio - Leonard, Book of Angels Vol. 30 (2017)

Garth Knox (Viola, Viola d'amore), Sylvain Lemêtre (Perkussion), Julia Robert (Viola, Viola d'amore), Agnès Vesterman (Violoncello)

Knox, Mitglied des Arditti Quartetts und des Ensemble Intercontemporaire, und sein Trio lassen es ruhig angehen. Folkloristische und mittelalterliche Einflüsse sorgen zusammen mit dem resonanzreichen Klang der Liebesgeige für eine kontemplative Atmosphäre. Mit vielerlei klanglichen Raffinessen und gelegentlichen Anflügen von Tanzbarkeit bleibt es leidlich spannend, aber so richtig Begeisterung will sich bei mir nicht einstellen. Wieder mal fällt auf, dass einige der Basisthemen und -melodien sehr vertraut klingen, obwohl sie hier zum ersten Mal verwendet werden.
Joe Dvorak (17.10.2024, 08:59):


Simulacrum - The Garden of Earthly Delights (2017)

John Medeski (Orgel), Matt Hollenberg (Gitarre), Trevor Dunn (E-Bass), Kenny Grohowski (Schlagzeug), Sara Serpa (Stimme)

Die bisherigen Alben des hochenergetischen Orgeltrios hatten alle ihre unzähligen Vorzüge, aber immer auch den einen oder anderen Nörgelpunkt. Hier, bei Nummer Sechs, fällt alles an seinen Platz. Es ist ein Destillat aus den Vorgängern, angereichert mit einigen neuen Elementen. Da ist zum einen Trevor Dunn, der auch auf dem zweiten Album aushalf, mit seinem grollend-rollenden Bass-Sound, wie er in den 70er Jahren von Progrock-Ikonen wie Chris Squire und John Wetton geprägt wurde - was aber nicht heißt, dass die Musik retro ist, im Gegenteil: Beim Eröffnungstrack wird man gleich mit einem krachenden, atonalen Unisono-Lauf begrüßt, kurz darauf findet man sich in einem polyrhythmischen Labyrinth wieder, in dem sich alle vier Spieler in ihrem eigenen Rhythmus bewegen - da gibt es reichlich Futter fürs Hirn, aber das alles in drei Minuten auf den Punkt gebracht. Im weiteren Verlauf wird die Gangart etwas ruhiger -auch wenn zwischendurch immer wieder heftig gerifft wird- und das Ganze changiert auch mal zwischen Gothic, Psychedelic und New Age, wobei man alle Klischees, die man mit diesen dreien verbindet, getrost vergessen kann - das ist originell und authentisch. Der Fluss des Albums ist sensationell, trotz der Stilvielfalt (zum ersten mal sind in dieser Gruppe die zorn-typischen Surfklänge zu hören) und der ausgeprägten Laut-Leise-Dynamik ist das stimmig, es gibt keine Sekunde Leerlauf, die Spannung reißt nie ab, man bleibt fast atemlos dran, und es kommt mir so vor, als würden viele der Stücke erst im Kontext mit den anderen so richtig wirken. Der ruhige Schlusstrack mit dem textlosen Gesang wäre für sich allein nicht der Rede wert, nach dem vorangegangenen Ritt ist er der krönende Abschluss. Absolut essentiell.
Joe Dvorak (18.10.2024, 03:07):


There is no more Firmament (2017)
Antiphonal Fanfare for the Great Hall (2013) für 6 Trompeten
The Practical Trumpet Society, Matthew Welsh (Leitung)
Freud (2016) für Streichtrio
Chris Otto (Violine), Joy Campbell (Violoncello), Mike Nicolas (Violoncello)
Merlin (2015) für Trompete solo
Peter Evans (B-Trompete)
Divagations (2014) für Klavier & improvisierende Jazz-Rhythmusgruppe
Stephen Gosling (Klavier), Christian McBride (Kontrabass), Tyshawn Sorey (Schlagzueg)
The Steppenwolf (2012) für Klarinette solo
Joshua Rubin (A-Klarinette)
In Excelsis (2013) für 8 Blechbläser
American Brass Quintet, Andy Kemp (Piccolo-Trompete), Andy Clausen (Posaune), Marcua Rojas (Tuba)
Merlin (Version II) für Trompete solo
Marco Blaauw (C-Doppeltrichter-Trompete)
Il n'y a plus de Firmament (2014) für Bläserquintett
Talea Ensemble, James Baker (Leitung)
Hier könnte ich einfach den Text der Commedia dell'Arte übernehmen und ein wenig anpassen, was die Anzahl der Titel und die Besetzungen betrifft. Alles andere, meine Gedanken dazu und das Votum sind identisch. Ein bemerkenswerter Unterschied ist, dass die Werke der Komödie von vornherein als Suite komponiert wurden, während für das abhanden gekommene Himmelszelt acht Kompositionen aus vier Jahren zu einer zusammengestellt wurden und nachträglich ein Programm verpasst bekamen (irgendwas mit magischem Abstieg in den Wahnsinn; Zorn halt). Aber man bemerkt es kaum, es fügt sich mit der grossen Bandbreite modern-klassischer Kompositionsmethoden und Stile nahtlos zu einem stimmigen Gesamtwerk.
Joe Dvorak (21.10.2024, 04:36):


Brian Marsella Trio - Buer, Book of Angels Vol. 31 (2017)

Brian Marsella (Klavier), Trevor Dunn (Kontrabass), Kenny Wollesen (Schlagzeug)

Marsella, der in dieser Reihe bereits als Mitglied von Banquet of the Spirits und Zion80 zu hören war, rückt hier im Trio mit einer bewährten Rhythmusgruppe in den Vordergrund. Das Album ist sehr abwechslungsreich, bietet geradlinigen Swing, heftigen Post-Bop, Impressionismus, Neo-Klassik und vieles mehr, mit dichtem und virtuosem Zusammenspiel. Was mir etwas fehlt, ist eine ureigene Handschrift, die es von Dutzenden ähnlich ausgerichteter Trios abhebt, dafür gibt es als Verkaufspunkt die typischen jüdisch-spanisch-vorderorientalischen Melodien von Masada, die oft in Head-Strukturen deutlich hervortreten. Das ist freilich auch ein kleiner Kritikpunkt, denn viele der Themen und Motive klingen -obwohl erstmalig aufgenommen- beim 31. Beitrag nicht mehr ganz so originell, und nicht selten wirken die komponierten und improvisierten Teile etwas unverbunden. Für den Einsteiger, der sich von einem traditionell-modernen Klaviertrio in die Welt von Masada einführen lassen möchte, ist es dennoch eine brauchbare Wahl. Allerdings finde ich den ersten Beitrag zum Engelbuch, Astaroth, der vom weniger stromlinienförmigen Jamie Saft Trio beigesteuert wurde, bei weitem stärker.
Joe Dvorak (23.10.2024, 08:54):


Midsummer Moons (2017)

Gyan Riley & Julian Lage (Akustische Gitarre)

Mit akustischen Gitarrenduos habe ich mich seit Jahrzehnten nicht mehr beschäftigt - warum auch immer, denn in diesem Bereich gibt es durchaus legendäre Platten wie etwa Twin House von Larry Coryell & Philip Catherine. Das erste so instrumentierte Album im Zorn-Katalog ist allerdings nicht gerade geeignet, die Erkundungslust zu entfachen. Ich glaube, das Duo erzählt von einem Mond, der sich auf einer glatten und ruhigen Wasseroberfläche spiegelt, auf der sich kein einziges Kräuseln zeigt. Sicher, beim aufmerksamen Zuhören fallen kleine Subtilitäten im Zusammenspiel und -klang auf, verblüfft der kistallklare Sound der Instrumente, gibt es Passagen, in denen sich Entwicklungen wie von Geisterhand vollziehen, aber sobald man die Aufmerksamkeit nicht mehr ganz so intensiv drauf richtet, klingt es nach absolut reibungsfreiem New Age-Gedudel, in das mehr Zeit zu investieren bei mir Widerwillen auslöst.
Joe Dvorak (24.10.2024, 07:37):


The Interpretation of Dreams (2017)
Naked Lunch (2016) für Vibraphon und improvisierende Jazz-Rhythmusgruppe
Sae Hashimoto (Vibraphon), Shanir Ezra Blumenkranz (Kontrabass), Tyshawn Sorey (Schlagzeug)
Obscure Objects of Desire (2016) für Klavier und Streichquartett
Steve Gosling (Klavier), JACK Quartett
The Exterminating Angel (2016) für Vibraphon und improvisierende Jazz-Rhythmusgruppe
Sae Hashimoto (Vibraphon), Shanir Ezra Blumenkranz (Kontrabass), Tyshawn Sorey (Schlagzeug)
So wie in Träumen Zeit und Logik aufgehoben sind und sich Surreales mit Alltäglichem vermischt, so ist es auch in dieser musikalischen Traumdeutung. Wenn ich meine Qualitätskriterien durchgehe: Komplexität im richtigen Maß, Einfallsreichtum in Rhythmik, Melodik und Form, Innovation in Klang und Stil, Eigenständigkeit, Virtuosität, Zusammenspiel, konzeptioneller Albumfluss, Phantasieanregung, Sogwirkung, Herausforderung, Befriedigung, Immer-wieder-Hören-Wollen, muss ich für dieses Album mit drei Bewusstseinsstrom-Kompositionen, die sich zwischen traumhaft und alptraumhaft bewegen, überall die Höchstnote ziehen. Sublim!
Joe Dvorak (24.10.2024, 18:03):


Mary Halvorson Quartet - Paimon, Book of Angels Vol. 32 (2017)

Mary Halvorson (Gitarre), Miles Okazaki (Gitarre), Drew Gress (Kontrabass), Tomas Fujiwara (Schlagzeug)

Nach vielen Höhen und Tiefen schließt das Buch mit dem 32. Band und einem der besten Beiträge. Halvorson wurde im Jahr dieser Veröffentlichung von den Kritikern der renommierten Zeitschrift Down Beat zum ersten Mal als bester Gitarrist ausgezeichnet, zwei weitere dieser Ehrungen folgten in den nächsten beiden Jahren. Hört man dieses Album, wird verständlich, warum. Dass nach 60 Jahren Geschichte der elektrisch verstärkten Jazz-Gitarre noch etwas so Originelles entstehen kann, sollte man kaum für möglich halten, aber sie hat einen Klang und Stil entwickelt, der sofort wiedererkennbar ist und sich trotz aller Experimentierfreudigkeit ganz in die Tradition einfügt. Hervorzuheben sind ihre Ziehtechnik, mit der sie mikrotonale Intervalle erzeugt, und der innovative Einsatz von Effektgeräten, die den Klang bereichern, ohne auf Effekt getrimmt zu wirken. In diesem Quartett harmonieren ihre Avantgardismen wunderbar mit dem Spiel ihres eher traditionell orientierten Mitstreiters an der zweiten Gitarre. Alle vier spielen so eng verzahnt, dass man die oft missbrauchte Metapher der "Telepathie" verwenden kann, um zu beschreiben, was hier auf der Mikroebene passiert. Wie der Schlagzeuger, dessen filigranes Beckenspiel zum Niederknien ist, die Bewegungen der Solisten quasi in Echtzeit aufnimmt und beantwortet, ist ein ganz großes Hörerlebnis. Die wenig originellen, weil inzwischen fast dreihundert Mal so ähnlich gehörten Masada-Themen werden da zur Nebensache.

Als Fazit kann man feststellen, dass dies ein sehr cleveres Konzept war. Man schreibe dreihundert Jazz-Heads (Melodien, deren Harmonien als Grundlage für Improvisationen dienen), die sich kaum auseinanderhalten lassen, gewinne zur Einspieling 30 Ensembles, die so divers sind, dass das nicht auffällt, und schon hat man dem Katalog 32 neue Einträge (zwei Gruppen haben zwei Beiträge geliefert) hinzugefügt. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt, denn allein die ersten beiden Beiträge, Astaroth (Vol. 1) & Azazel (Vol. 2) sind für die Ewigkeit und auch unter den folgenden finden sich -neben mittelprächtigen und miserablen Arbeiten- noch ein paar Anwärter für die Bestenliste.
Joe Dvorak (25.10.2024, 17:47):


The Hermetic Organ Vol. 5 (2017)
Office Nr. 16 (Rituel - Une Crise de Nerfs - Prière Empoisonné - L'heure des Sorcières)
John Zorn (Orgel - Grand Salle Pierre Boulez, Philharmonie De Paris)
Seltsam. Beim ersten Hören hatte ich wieder den Eindruck, hier wird herumprobiert, welche Klänge man aus dieser Orgel herausholen kann, wobei es grossartige Passagen gibt, das Ganze allerdings arg zerfasert wirkt. Das ändert sich mit dem letzten 40-minütigen Stück L'heure des Sorcières, das das stringenteste und beste Einzelwerk ist, das bisher in dieser Serie herausgegeben wurde. Merkwürdig ist, dass viele Elemente, die in den drei vorhergehenden, fragmentarischen Stücken verwendet wurden, hier fast unverändert wieder auftauchen. Des Rätsels Lösung liefert der Begleittext. Die ersten drei Stücke wurden am Vortag bei einer Probe ohne Publikum aufgenommen. Dies entmystifiziert die oft falschen Vorstellungen über die Improvisation. Es ist in den seltensten Fällen so, dass die Musik einfach aus den Spielern herausströmt. Vielmehr greifen sie meist auf einen Fundus von einstudierten oder früher gespielten Formeln zurück, die wie ein Baukastensystem bei jeder Aufführung spontan neu kombiniert werden. Vorbereitung hin oder her, das eigentliche Konzert ist ein Hexenritt der Sonderklasse, mit einem sagenhaften Spannungsbogen und Klängen, bei denen einem vor lauter Spukhaftigkeit fast die Luft wegbleibt. Das ist ganz klar mein bisheriger Favorit unter dem geheimnisvoll versiegelten Georgel, und was ich über die Einwegqualität der bisherigen Bände ausgeführt habe, kann man in diesem Fall getrost vergessen. Dass diese Orgel weitaus "autoritärer", dabei wärmer und farbiger - einfach organischer - klingt als die bisher gehörten, ist die Krönung.
Joe Dvorak (26.10.2024, 06:25):


The Urmuz Epigrams (2018)

Ches Smith (Schlagzeug, Perkussion, Vibraphon, Glockenspiel, Stimme), John Zorn (Saxophon, Klavier, Orgel, Klangeffekte, Gitarre, Bassgitarre, Perkussion, Stimme)

Wäre dieses einem vor-dadaistischen rumänischen Autor gewidmete Album mit seinen unberechenbaren surrealen Miniaturen, die neben ein wenig Musik auch Bombenexplosionen, Wolfsgeheul, Löwengebrüll, Gerassel, Getrommel, Geklingel, Geschrei, Kirmesorgeln und was sonst noch alles aufbieten, als eines der ersten zwanzig erschienen, hätte ich es mit mehr Wohlwollen aufgenommen als heute, wo das doch ein wenig anachronistisch wirkt. Die acht Stücke liegen in zwei Fassungen vor, wobei die Obertitel der beiden Sequenzen für Verwirrung sorgen. Man könnte meinen, es handele sich um Rekonstruktionen einer alten Schellackplatte, aber schon beim ersten Ausbruch Zorns wird klar, dass dies nicht der Fall sein kann. So hat 1923 niemand Saxophon gespielt. Der Copilot weiß: Die "Original Versions, privately pressed on the Romanian Pahuciphone Label circa 1923" ahmen den Klang von Schellacks nach, komplett mit Knistern und einem begrenzten Frequenz- und Dynamikbereich. Ziel ist es, ein nostalgisches, altmodisches Gefühl zu erzeugen, als ob man eine seltene, alte Aufnahme hört. Die "Modern Reconstructions" ermöglichen es dem Hörer, die komplizierten Details und Nuancen der Kompositionen ohne die Klangartefakte der alten Version zu genießen. Diese gegensätzlichen Versionen unterstreichen Zorns innovative Herangehensweise an die Musikproduktion, die es dem Zuhörer ermöglicht, dieselben Kompositionen durch verschiedene auditive Linsen zu erleben. Eine faszinierende Art, die Wechselwirkung zwischen historischen und modernen Klangwelten zu erforschen. Naja... Es ginge zu weit, den Titel des Albums in 'Murks Epigrams' zu ändern, aber es gibt in diesem Zornsektor doch wesentlich interessantere Sachen.
Joe Dvorak (26.10.2024, 14:29):


Insurrection (2018)

Julian Lage (Gitarre), Matt Hollenberg (Gitarre), Trevor Dunn (E-Bass), Kenny Grohowski (Schlagzeug)

Zwei hauptamtliche Mitglieder und ein dort gelegentlich aushelfender Gast lassen je nach Präferenz hoffen oder bangen, dass dieses neue Quartett wie Simulacrum ohne Orgel klingt. Und exakt so kommt es dann auch mit dem hektischen, freitonalen Eröffnungsstück. Doch im weiteren Verlauf entwickelt sich das Ganze zu einem abwechslungsreichen Jazz-Rock-Album der Extraklasse. Mir fallen nicht allzu viele Fusion-Gruppen in dieser Besetzung ein: Larry Coryell's Spaces mit John McLaughlin, Marc Johnson's Bass Desires mit Bill Frisell & John Scofield, Coryell/Mouzon mit Philip Catherine und man kann Insurrection mindestens auf der gleichen Ebene ansiedeln. Alles komponiert, arrangiert und geleitet von Zorn. Egal wo auf der musikalischen Landkarte er mit seinen Gruppen auch aufschlägt, sie nehmen es locker mit den Platzhirschen auf.
Joe Dvorak (27.10.2024, 04:46):

In a Convex Mirror (2018)

Ches Smith (Tanbou , Glocke, Becken), John Zorn (Altsaxophon. E-Piano), Ikue Mori (Elektronik, 1/3 Tracks)

Im Eröffnungsstück bilden Voodoo-Trommeln und Elektronik ein dichtes Geflecht, über dem sich Zorn 18 Minuten lang improvisatorisch austobt. Zwar kommen viele seiner bekannten Tricks zum Einsatz, aber sie sind stimmig in den schlüssigen Aufbau integriert. Das ist das Beste, was man seit Buck Jam Tonic von ihm auf seinem Hauptinstrument gehört hat. Und das wird sogleich überboten. Im nächsten Stück, einer viertelstündigen düsteren Mitternacht-Lounge-Nummer, zeigt er eine bis dahin nicht gehörte Sensibilität in der Tonbildung und -gestaltung und überzeugt mit einem großen, matt glühenden Ton. Das ist Musik, bei der man langsamer atmet. Danach hätte es die wilde, freie und dann doch wieder etwas stereotype Schlussnummer nicht mehr gebraucht.
Joe Dvorak (27.10.2024, 05:33):


Insurrection - Salem 1692 (2018)

Julian Lage (Gitarre), Matt Hollenberg (Gitarre), Trevor Dunn (E-Bass), Kenny Grohowski (Schlagzeug)

Acht Monate nach der Aufnahme des ersten Werkes war das Quartett wieder im Studio, um diese Suite über die unrühmlichen Hexenprozesse aufzunehmen. Das Album ist stilistisch breiter und experimenteller angelegt, weniger in der traditionellen Fusion-Musik verhaftet und bringt mehr Einflüsse aus Avantgarde Jazz und Progressive Rock. Die abartig virtuose Pyrotechnik der Ausnahmekönner an den Saiten und Fellen, die man auf dem Debüt wegen der absoluten Stimmgkeit leicht überhören kann, wird hier expliziter zur Schau gestellt. Das Album ist manchmal etwas anstrengend und gefällt mir untem Strich deutlich weniger. Diesmal klingt es wirklich wie Simulacrum ohne Orgel und das ist dann halt nur eine halbe Sache. Am meisten fällt allerdings ins Gewicht, dass die -etwas indifferenten- beiden letzten der zehn Stücke deutlich abfallen. Die monotone Finalnummer wird langsam ausgeblendet, um nach 20 Sekunden Pause dann doch noch mit einer Schlusswendung aufzuwarten. Rätselhaft, aber das soll es vermutlich sein.
Joe Dvorak (27.10.2024, 09:08):


Sofia Rei & JC Maillard - Keter, The Book Beri’ah Vol. 1 (2019)

Sofia Rei (Gesang, Charango), JC Maillard (Bass-Saz, Kīkū , Charango, Perkussion), Thierry Arpino (Perkussion), Franco Pinna (Schlagzeug)

Noch'n Buch! Zorn brauchte noch 92 Songs, um die 613 zu knacken - so viele Gebote stehen in der Thora, genauer gesagt: 248 Gebote und 345 Verbote. Sofia Rei ist uns bereits als Mitglied des Acappella-Ensembles Myclad und beim Songprojekt begegnet. Ich mag ihre Stimme und ihren Gesangsstil. Hier ist sie in abwechslungsreichen, traditionell anmutenden und leicht verpoppten Arrangements zu hören, die durch die Studiotechnik teils modern aufgepeppt werden. Einige Instrumente musste ich erstmal nachschlagen. Die Charando ist ein lautenähnliches Instrument aus den Anden (Rei stammt aus Argentinien) und bei der Kīkū, auch Gitalele genannt, handelt es sich um ein junges Instrument, das, wie der Alternativname vermuten lässt, eine Kreuzung aus klassischer Gitarre und Ukulele ist. Nun ist Folk-Gesang nicht gerade meine bevorzugte Richtung, aber das ist das Schöne an einem so breit gefächerten Projekt. Es führt in Bereiche, die man 'freiwillig' kaum aufsuchen würde, ohne dass es dafür einen objektiven Grund gäbe, ausser dem, dass man als Normalsterblicher halt nur etwa 50.000 Stunden Lebenszeit zum aktiven Musikhören zur Verfügung hat. Was sich bei dem Akustikgitarrenduo kürzlich als handfester Flop erwies, ist hier eine echte Bereicherung des Hörrepertoires. So kann es weitergehen.
Joe Dvorak (27.10.2024, 11:24):


Cleric - Chokhma, The Book Beri’ah Vol. 2 (2019)

Nick Shellenberger (Gesang, Tasteninstrumente), Matt Hollenberg (Gitarre, Oud), Ludovic Beier (Akkordeon), Timba Harris (Violine), Dan Kennedy (E-Bass), Larry Kwartowitz (Schlagzeug, Perkussion)

Und nun zu etwas ganz anderem. Das Bindeglied zur Avantgarde-Metal-Band Cleric ist Hollenberg, Mitglied von Simulacrum und Insurrection, zwei der aufregendsten Bandprojekte die Zorn gerade am Laufen hat. Obwohl ich im Metal gut bewandert bin, habe ich noch nie von dieser Band gehört. Sie sind fantastisch, aber wie bei vielen avantgardistischen Metal-Bands ist der für mich unausstehliche Gesang, der sich auf eindimensionales hysterisches Geschrei (im Fachjargon: Screamo) beschränkt, die Achillesferse. Andere extreme Gesangsstile im Metal werden von mir mir Freude goutiert, aber mit diesen überkandidelten Schreihälsen konnte ich mich noch nie anfreunden. Aber der Rest ist viel zu gut, als dass man nicht irgendwie versuchen sollte, darüber hinwegzuhören und diesem zweiten Eintrag ins dritte Masada-Buch noch weitere Chancen zu geben. Deutlich wird, welch großen Einfluss Hollenberg von seiner Stammband in das Zorn'sche Jazz-Metal-Universum mitgebracht hat; mit abgestelltem Mikro würde die Band dort ohne weiteres als neues Projekt durchgehen.
Joe Dvorak (27.10.2024, 13:17):


The Hermetic Organ Vol. 6 - For Edgar Allan Poe (2019)
John Zorn (Orgel, Altsaxophon)
The Masque Of The Red Death
The Fall Of The House Of Usher
Der sechste Band dieser Reihe fällt etwas aus der Reihe. Es wird kein Office gespielt, es finden sich nirgends Angaben zum Aufführungsort und Zorn spielt an einigen Stellen Saxophon, ohne dass das irgendwo vermerkt ist (z.B. auf der Website des Labels oder in der Resource). Vielleicht ist diese Schlamperei darauf zurückzuführen, dass dies das bisher am wenigsten gelungene Orgelalbum ist. Abgesehen von ein paar Stellen, in denen einige unerhörte Klänge zu vernehmen sind, passiert hier nicht viel. Alles andere als essentiell.
Maurice inaktiv (27.10.2024, 16:13):
Die ersten drei Stücke wurden am Vortag bei einer Probe ohne Publikum aufgenommen. Dies entmystifiziert die oft falschen Vorstellungen über die Improvisation. Es ist in den seltensten Fällen so, dass die Musik einfach aus den Spielern herausströmt. Vielmehr greifen sie meist auf einen Fundus von einstudierten oder früher gespielten Formeln zurück, die wie ein Baukastensystem bei jeder Aufführung spontan neu kombiniert werden.
Lieber Joe, das ist bedingt richtig wie falsch. Natürlich geht das Proben und Einstudieren von Stücken oder Passgagen genauso dazu wie die Spontanität. Es ist auch logisch, dass man, wenn man ein Stück, was wenig geläufig oder gar neu ist, mehrfach gespielt hat, daraus mehr machen, aber auch auf etwas zurückgreifen kann, was man vorher erprobt hat. Duke Ellington hat gerade in seiner Frühzeit bereits so agiert, das ist also nichts wirklich grundlegend Neues. Auch Louis Armstrong hat ab spätestens 1955 mit seinen All Stars nach diesem "Baukasten-Prinzip" seine Soli gespielt. Allerdings lag es hie auch daran, dass er viele Jahre lang immer wieder die gleichen Stücke gespielt hatte, die einfach bei vielleicht 200-250 Konzerten und Studio-Terminen pro Jahr (!!!) einfach nur noch so bewältigt werden konnten.

Ich gebe Dir hier gerne mal einen Auftritt von meinem Trio von gestern Abend durch. Wir hatten kaum eines der Stücke zuvor je zusammen gespielt, geschweige denn geprobt. Es gab also keine Basis, alles war spontan, die Fallchance ist dabei sehr hoch, aber bis auf einige kleinere Wackler (ich habe mich selbst zwei Mal am Anfang etwas vertan) ist der Abend super verlaufen. Es war aber auch kein Auftritt vor einem reinen Konzert-Publikum, sondern in einem Café-Bistro. Doc die Leute haben erstaunlicherweise gerade gestern Abend sehr gut zugehört. Man wird dann natürlich auch von der Atmosphäre gepackt und agiert wirklich weitgehend frei und spontan. Eines der Stücke hat noch nicht einmal eine wirklich überzeugende Jazz-Aufnahme auf Youtube anzubieten. Hier musste man einfach auf die Kollegen vertrauen, die das gemeinsam wuppen würden.
Joe Dvorak (29.10.2024, 05:43):


Spike Orchestra - Binah, The Book Beri’ah Vol. 3 (2019)

Sam Eastmond (Trompete, Schofar), Yazz Ahmed (Trompete, Flügelhorn, Klangeffekte), George Hogg (Trompete, Flügelhorn), Noel Langley (Trompete, Flügelhorn), Ben Greenslade-Stanton (Posaune, Synthesizer), Tim Smar (Posaune), Oren Marshall (Tuba), Mike Wilkins (Altsaxophon, Klarinette), Paul Booth (Tenorsaxophon, Flöte), Josephine Davies (Tenor- & Sopransaxophon), Gemma Moore (Baritonsaxophon, Bassklarinette), Elliott Galvin (Tasteninstrumente), Mike Guy (Akkordeon), Moss Freed (Gitarre), Mark Lewandowski (Kontrabass), Will Glaser (Schlagzeug, Perkussion)

Der Beitrag dieser Big Band zum zweiten Masada-Buch hat viel Laune gemacht, aber mit diesem hier übertreffen sie sich selbst um Längen. Die Formel Ellington + Zappa + Stalling ist diesmal eine brauchbare Annäherung, und das Team um Arrangeur und Bandleader Sam Eastwood kocht daraus eine ganz eigene Suppe. Spike steht für spitze Gegenstände und scharfe Objekte, für Stromspitzen und Schmetterbälle, was die Mission der Band reflektiert, die Grenzen des traditionellen Big-Band-Sounds zu sprengen und etwas Einzigartiges und Faszinierendes zu schaffen. Das sagen viele, und selbst wenn es gelingt, macht es sie noch nicht gut. Im Gegenteil, allzu gewollt originelle Bands ermüden schnell, vor allem wenn hinter der Originalität wenig Substanz steckt. Nicht so hier. Nichts wirkt gezwungen oder übertrieben, der Bezug zur Tradition bleibt gewahrt, auch wenn Puristen bemängeln mögen, dass die prominente E-Gitarre mehr wie ein Rockinstrument behandelt wird, der Rhythmus nicht immer swingend ist und hier und da Elektronik zum Einsatz kommt. Aber alles ist stimmig und dient dem großen Ganzen. Herausragend sind die einfallsreichen Arrangements, die das Ganze schon für sich allein immer spannend halten. Mal spielen nur die Blechbläser ohne Rhythmusgruppe, mal wird ein Solist nur vom Schlagzeug begleitet, mal wird das Ensemble kammermusikalisch behandelt. Das könnte man wegen der konzeptionellen Analogie zum Konzert für Orchester als Konzert für Jazz-Bigband bezeichnen. Hervorragende Soli, enorm viel Abwechslung, jede Menge Grosse Momente, alles wirkt fein ausgehört, bis ins kleinste Detail durchdacht und ausgearbeitet, es gibt keine Minute, in der nicht irgendwas Bedeutsames geschieht. Das ist eine dieser Platten, für die man wider jede Vernunft die halbe Nacht aufbleibt, weil man sich einfach nicht dran satthören kann.
Joe Dvorak (29.10.2024, 16:15):


Julian Lage and Gyan Riley - Chesed, The Book Beri’ah Vol. 4 (2019)

Das laue Debütalbum des Akustikgitarrenduos konnte mich nicht gerade vom Hocker reißen. Aber hier sind sie kaum wiederzuerkennen. Es ist zwar immer noch reichlich von ihrer aalglatten Schönspielerei dabei, aber es wirkt viel inspirierter, mit mehr innerer Spannung und als Gegengewicht greifen sie ebenso oft beherzt in die Saiten, spielen auch mal virtuos oder gar geräuschhaft und schiefe Töne gibt es reichlich. Das allein hebt das schon turmhoch heraus, aber erst die Art und Weise, wie sie die Melodien im innig verzahnten Dialog bearbeiten und verarbeiten, entwickeln, drehen und wenden, von verschiedenen Seiten beleuchten, sich aber nie allzu weit vom Thema entfernen, so dass immer nachvollziehbar bleibt, was sich gerade abspielt, macht das Album zu einem der absoluten Extraklasse. Eine faustdicke Überraschung.
Joe Dvorak (31.10.2024, 16:49):


Abraxas - Gevurah, The Book Beri’ah Vol. 5 (2019)

Aram Bajakian (Gitarre, Banjo), Eyal Maoz (Gitarre, Saz), Shanir Ezra Blumenkranz (Gimbri, E-Bass, Perkussion), Kenny Grohowski (Schlagzeug, Perkussion)

Nachdem die Protagonisten der letzten beiden Alben des dritten Buches ihre jeweiligen Vorgängeralben deutlich in den Schatten gestellt haben, durfte man auf Abraxas gespannt sein. Und sie kratzen zumindest am Sockel, auf dem ihr zweites Album Psychomagia steht. Schon dieses Album bot eine innovative spieltechnische und klangliche Vielfalt an den elektrischen Gitarren, wie man sie selten zu hören bekommt. Die starken Verzerrungen, die harschen Übersteuerungen und die reichlich eingesetzten Effekte bringen es meist an die Grenze zum Geräuschhaften - ich würde es im Fach Klezmer-Noise-Rock einordnen. Noise kann man mit Geräusch oder Lärm übersetzen und es ist ein Alleinstellungsmerkmal dieser Platte, dass hier (in meinen Ohren) nur die erste Variante gilt. Es bleibt immer sehr gut hörbar und 'musikalisch', und allein die unendlich erfindungsreichen, unerhörten Klänge, bei denen die Luft elektrisch aufgeladen zu sein scheint und förmlich durchschnitten wird (eine dürftige Beschreibung, das muss man gehört haben) und die Art und Weise wie damit Melodien gespielt werden, katapultieren das Album in einsame Höhen. Apropos Melodien: Beim dritten Buch hatte Zorn offenbar deutlich mehr gute Einfälle als beim Engelbuch, wo sich die Lieder doch oft sehr gleichen. Bei Gevurah helfen die grossartigen Themen und Melodien einem schon grossartigen Album nochmal ein Stück weiter. Von der enormen Virtuosität und dem empathischen Zusammenspiel der beiden Saitenhexer habe ich noch nicht gesprochen, weil es der Musik dient und deshalb kaum auffällt, und auch nicht von dem hellwachen, wuselig-komplexen Drumming, das nicht rhythmusgebend ist, sondern sich wie die Gimbri (dreisaitige marokkanische Basslaute) als gleichberechtgite Stimme in das Geflecht eingefügt wird. Man lasse sich von der Instrumentierung nicht täuschen, hier gibt es keine "Weltmusik", sondern geräuschhaften Instrumentalrock, der kunstvoll gemacht ist, ohne dass man es unmittelbar bemerkt. An Psychomagia reicht es trotz des noch größeren Innovationsreichtums in der Klampfenbehandlung nicht ganz heran, und das ist auch folgerichtig, denn diesem Album hatte ich nichts weniger als Perfektion bescheinigt. Aber es fehlt nicht viel.
Dass ich mit diesem Text an dem Album vorbeigeschrieben habe, bzw. das Wesentliche total verfehlt habe, ist ebenso folgerichtig, denn das ist das Schöne an Grosser Musik: Ihre Geheimnisse lassen sich nicht in Worte fassen,
Joe Dvorak (02.11.2024, 07:47):


The Hierophant (2019)

Brian Marsella (Klavier), Trevor Dunn (Kontrabass), Kenny Wollesen (Schlagzeug)

Eine Suite über das Tarot mit der Interpretation von zehn ausgewählten Karten. Mit Themen wie "Der Tod" und "Der Teufel" auf der einen und "Die Hohepriesterin" und "Die Liebenden" auf der anderen Seite ist Abwechslung garantiert. Wie gewohnt reicht die Spannbreite von perlend-leichten, aber keineswegs seichten Stücken bis hin zu rasantem, freitonalem Post-Bop, und es ist wohl "Der Magier", der dafür sorgt, dass ein kohärentes Ganzes daraus wird. Sehr erfreulich.
Joe Dvorak (02.11.2024, 13:23):


Nove Cantici Per Francesco D'assisi (2019)

Julian Lage, Gyan Riley & Bill Frisell (Akustik-Gitarre)

Nach zwei sehr unterschiedlichen Alben, eines eher mau, das andere sehr aufregend, stellt Zorn dem Duo Lage/Riley seinen langjährigen Weggefährten Frisell zur Seite, der auch in der Jazzszene als einer der großen Individualisten höchstes Ansehen genießt. Das Album ist in der Mitte angesiedelt - kontemplativ wie das Debüt, aber deutlich lebendiger und abwechslungsreicher, jedoch ohne die ganz wilden und schrägen Ausbrüche des Zweitlings. Das haut mich nicht vom Hocker, aber dafür ist diese Musik auch nicht gemacht. Nach einem intensiven Arbeitstag ist sie der perfekte Soundtrack, um sich beim ersten Bier zu entspannen und dabei nicht eingelullt, sondern anspruchsvoll unterhalten zu werden. Sicher nicht für alle Stunden, aber für welches Zorn-Album (oder welche Musik überhaupt) gilt das schon. Aber zur rechten Zeit gehört, ist es fast perfekt.
Joe Dvorak (02.11.2024, 14:23):


Klezmerson - Tiferet, The Book Beri’ah Vol. 6 (2019)

Benjamin Shwartz (Viola, Tastenistrumente), Misha Marks (Horn, Latarra), Dan Zlotnik (Tenor- & Bartionsaxophon), Mauricio Moro (Sopransaxophon), Maria Emilia Martínez (Flöte), Federico Schmucler (Gitarre), Alex Otaola, Bernardo Ron & Todd Clouser (Gitarre), Fausto Palma (Oud, Sarangi), Jose Paquito Hernandez (Bajo Sexto), Omar Medina (Leona, Jarana), Jair Alcala (Akkordeon), Rolando Morejon (Violine), Edson Ontiveros (Violine), Carina Lopez (E-Bass), Gustavo Nandayapa (Schlagzeug), Carlos Metta (Perkussion, Jaranas), Chatran Gonzalez (Perkussion)

Ein Blick auf die Instrumentierung genügt, um sich davon zu überzeugen, dass das klanglich bestimmt nicht langweilig wird. Kombiniert man noch hinzu, dass hier eine Mischung aus Klezmer, mexikanischer Tradition, Jazz und Rock geboten wird, hat man schon eine sehr genaue Vorstellung davon, wie das klingt. Und das ist die Achillesferse, denn das Gehörte entspricht bei aller stilistischen Bandbreite und Variabilität in den Arrangements ziemlich genau dieser Vorstellung, sprich, es ist etwas vorhersehbar und will einfach nicht so recht zünden. Da hat mir der weitaus unberechenbarere Beitrag des Ensembles zum Book of Angels wesentlich besser gefallen.
Joe Dvorak (03.11.2024, 05:05):


The Gnostic Trio - Netzach, The Book Beri’ah Vol. 7 (2019)

Carol Emanuel (Harfe), Bill Frisell (Gitarre), Kenny Wollesen (Vibraphon)

Nach dem starken sechsten Album des Trios ist das für mich wieder ein klarer Rückschritt. Frisell lässt hier und da ein paar Sounds anklingen, die er in diesem Umfeld bisher nicht gespielt hat, aber das sind nur punktuelle Momente des Aufhorchens in einer Session, die mehr vom Immergleichen bietet und wie schon mal gehört wirkt.
Joe Dvorak (03.11.2024, 08:16):


Zion80 - Hod, The Book Beri’ah Vol. 8 (2019)

Jon Madof (Gitarre), Frank London (Trompete), Jessica Lurie (Alt- & Baritonsaxophon, Flöte), Greg Wall (Tenorsaxophon), Zach Mayer (Baritonsaxophon), Brian Marsella (Tasteninstrumente), Joshie Fruchter (Gitarre), Shanir Ezra Blumenkranz (Kontrabass, E-Bass), Yuval Lion (Schlagzeug), Marlon Sobol (Perkussion), John Zorn (Altsaxophon, 1/9 Tracks)

Zion80 haben bereits ein Album zum Book of Angels eingespielt, konnten mich aber bei aller objektiven Qualität nicht restlos einnehmen. Das neue Album bietet wie der Vorgänger die Mischung aus Masada-typischen Klängen der Region von Osteuropa bis zum Mittleren Osten (vor mir meist faul, aber unzulässig zu 'Klezmer' verkürzt) mit Jazz, Rock und Afrobeat, wobei mir letzterer weniger prominent erscheint als auf dem Erstling. Es gibt wieder ein gewisses Retro-Gefühl durch 70er-Funk- und Soul-Einflüsse und in den inbrünstigen Soli durch Reminiszenzen an den Spiritual Jazz. Hod gefällt mir besser, weil es im Vergleich zum Vorgänger etwas entschlackter wirkt. In der Mitte des Albums gibt es eine Zäsur, der Komponist selbst betritt die Bühne, und man könnte zunächst meinen, hier sei sein Painkiller-Trio am Werk. Dieses im Vergleich zum Rest untypische Stück ist der absolute Höhepunkt des Albums und dabei hätte man es belassen können, zumal damit eine LP-Länge voll gewesen wäre, die bei Zorn auch im CD-Zeitalter meist Standard geblieben ist. (Viele seiner größten Alben beziehen ihre Stärke gerade daraus, dass sie nicht mit Gewalt auf eine bestimmte Länge gestreckt, sondern auf den Punkt gebracht werden. Wenn sich drei Zehn-Minuten-Stücke perfekt ergänzen und als Ganzes mehr sind als die Summe ihrer Teile, und dieses Ganze wiederum die einzelnen Stücke neu beleuchtet, dann ist das Album eben nur eine halbe Stunde lang. Füllmaterial wäre da geradezu zerstörerisch). Es gibt aber noch vier weitere Titel, die nicht mehr ganz an die erste Hälfte anknüpfen können, wodurch sich das nach hinten heraus doch etwas in die Länge zieht und am Ende ein etwas schaler Eindruck zurückbleibt.
Joe Dvorak (03.11.2024, 16:01):


The Hermetic Organ Vol. 7 - St. John the Devine (AD: 2013, VÖ: 2019)

John Zorn (Orgel, Cathedral Of St. John The Divine, NYC)
Binding The Dragon
Jacob's Ladder
The Doors Of Perception
Dieses Rezital wurde bereits 2013 vor dem dritten Teil dieser Reihe aufgenommen. Warum es jetzt veröffentlicht wird, weiß nur der Maestro selbst, aber er wird auch wissen, warum er es bislang in den Archiven ruhen ließ. Das ist - mit Verlaub - einfach gar nichts, insbesondere nachdem die prätentiösen Titel bestimmte Erwartungen geweckt haben. Dass der PR-Text das von der Tradition eines Messiaen inspiriert sehen will, lasse ich besser mal unkommentiert.
Joe Dvorak (03.11.2024, 16:32):


Encomia (2019)

Stephen Gosling (Klavier)
Preludes Book I
Encomia: Five Short Pieces For Solo Piano
Die Traumdeutung
+ Chris Otto (Violine)
Gosling ist ein Champion für Zorns klassisch-moderne Klaviermusik, die allerdings bisher durch eine dazu improvisierende Jazz-Rhythmusgruppe in einen ungewohnten Kontext gestellt und damit entscheidend aufgewertet wurde. Ohne diese synergetische Verstärkung stehen er und die Werke ziemlich bloß da. Für Klaviermusikfreunde, die mal was in der Art von Debussys Préludes minimal modernisiert hören wollen, mag das etwas sein, aber für wen das uneinheitliche und wenig substanzielle 5er-Potpourri gedacht ist, bleibt mir verschlossen. Mir sagt beides nicht zu, da hilft am Ende auch der Auftritt des JACK-Gründungsmitglieds nicht mehr viel.
Joe Dvorak (05.11.2024, 06:23):


Banquet of the Spirits - Yesod, The Book Beri’ah Vol. 9 (2019)

Brian Marsella (Klavier, Vibraphon), Shanir Ezra Blumenkranz (Kontrabass), Tim Keiper (Schlagzeug), Cyro Baptista (Perkussion)

Vom zweiten Masada-Buch ist mir der Beitrag dieser Gruppe noch sehr gut in Erinnerung - allerdings aus dem wenig guten Grund, dass ich ihn für völlig misslungen hielt. Hier sind sie nicht wiederzuerkennen. Sie haben ihr Instrumentenarsenal entrümpelt, den Perkussions-Overkill eingedämmt - es gibt aber immer noch reilich - und Marsella, der sich ganz auf das Klavier konzentriert, wurdw die Front überlassen. Das Ergebnis ist ein recht geradliniges, klassisches Jazz-Piano-Trio, das durch Perkussion ergänzt wird. So mancher Purist dürfte den vierten Mann missbilligen, denn wenn man ohne ihn auskommt, ohne dass die Substanz darunter leidet, dann ist er "überflüssig", und wenn sie darunter leidet, dann ist das Trio halt nicht substantiell genug. Derlei Quatsch wird hier schnell vom Tisch geklopft. Das Trommeln des Bandleaders ist von so hoher Qualität und gestalterischer sowie klanglicher Vielfalt, dass man es nicht missen will, egal ob überflüssig oder nicht. Das Lob gehört aber dem gesamten Quartett, dessen Spiel von einer ernsten Nonchalance ist, bei der mir das Herz aufgeht. Wenn sie treibend vorwärts spielen, bleibt das gewichtig, während in den langsamen Stücken die Melancholie, die den Masada-Themen oft innewohnt, transzendiert wird. Der Copilot weiß: Melancholie kann eine Form von Schönheit oder tiefer Ruhe ausstrahlen. Es gibt Momente, in denen melancholische Stimmungen mit einer gewissen Klarheit und Einsicht einhergehen, die eine Art inneren Frieden oder Akzeptanz mit sich bringen. Verdammt! So ist es! Allein dafür liebe ich dieses Album, aber nicht nur dafür. Das ist "Heavy Easy Listening", wie es sonst nur Pat Metheny hinbekommt. Das ist ein Hit, ein Dauerbrenner, das macht Freude, das befriedigt Kopf und Bauch, das ist der reinste Bliss. Ganz klar in den oberen zehn Prozent.
Joe Dvorak (10.11.2024, 04:30):


The Hermetic Organ Vol. 8 - For Antonin Atraud (2019)

John Zorn (Altsaxophon & Orgel, Gallus Hall, Ljubljana, Slowenien)
Alienation And Black Magic
The Extreme Point Of Mysticism
Und wenn es in dieser Zeit noch etwas Höllisches und wirklich Verfluchtes gibt, so ist es, sich künstlerisch mit Formen aufzuhalten, anstatt wie Hingerichtete zu sein, die man verbrennt und die auf ihren Scheiterhaufen Zeichen geben. (Antonin Atraud)

Nach den beiden wenig einfallsreichen Vorgängern meldet sich Zorn hier eindrucksvoll mit der Orgel zurück. Dass er das Instrument nicht wirklich beherrscht, bleibt zwar evident, aber was er mit seinen beschränkten Mitteln herausholt, ist atemberaubend. Unter seinen Händen wird daraus ein Ungetüm, das mal schlafend bedrohlich atmet, mal erwachend knurrt und faucht, mal in Aufruhr brüllt. Wenn er gleichzeitig Saxophon spielt, während er mit vollem Körpereinsatz auf dem Instrument lehnend oder liegend ungeheuerliche Cluster erzeugt, sind aufgestellte Nackenhaare garantiert. Das ziellose Mäandern ist passé, beide Stücke haben ein klares Konzept, eine 'Handlung', ziehen unwiderstehlich in ihren Bann und werden ihrem Widmungsträger gerecht. Besonders eindrucksvoll ist, wie im zweiten Stück ein einprägsames Motiv ganz leise gespielt wird, als Grundlage für Variationen dient, selbst in den dissonanten, grell lärmenden Passagen immer in verfremdeten Fetzen erkennbar bleibt und schließlich fragmentarisch vom Saxophon aufgegriffen wird. Ein paar Durchhänger im Mittelteil des langen Eröffnungsstücks können nicht verhindern, dass dieses Album als heißer Kandidat für den Zorlymp gehandelt wird.
Joe Dvorak (10.11.2024, 15:25):


Secret Chiefs 3 - Malkhut, The Book Beri’ah Vol. 10 (2019)

Trey Spruance (E-Gitarre, Baritongitarre, Sitar-Gitarre, Pedalsynthesizer, Perkussion, Theaterorgel, Clavinet, Leier, Glockenspiel, Klangeffekte), Eyvind Kang (Viola, Violine), Jason Schimmel (E-Gitarre, 12-saitige Akustikgitarre, Lap-Steel-Gitarre, Sitar), Matt Lebofsky (Orgel, Klavier, E-Piano, Sythesizer), Shanir Ezra Blumenkranz (E-Bass, Oud, Gimbri), Kenny Grohowski (Schlagzeug, Congas), Ches Smith (Congas, Vibraphon, Dumbek, Shaker, Schlagzeug), Ryan Parrish (Kaval-Flöte)

Damit hatte ich lange zu kämpfen. Es ist eines dieser Alben, die nicht auf Anhieb gefallen wollen, aber irgendwie versprechen, dass sich das mit weiteren Auseinandersetzungen ändern könnte. Und etwa ein Dutzend Umdrehungen später ist der Groschen gefallen. Nicht, dass ich den Sinn dieser ziemlich überladenen, artifiziellen, distanzierten und zerrissenen Arbeit verstanden hätte. Aber irgendwie liegt in ihrer Unzulänglichkeit das Besondere. Das ist längst nicht so bunt, wie es die Besetzung suggeriert, klanglich ist alles ziemlich eingeebnet, und durch den überreichlichen Gebrauch von synthetischen Klangerzeugern und -verfremdern (z.B. Wah-Wah für die elektrisch verstärkte Violine), die weder retro-analog noch technoid-futuristisch klingen, und die drucklose Produktion der Rhythmusinstrumente wirkt es wie aus einer fremden Welt, in die dann patchworkartig Elemente aus der vertrauten eingefügt werden. Der manchmal etwas unausgegoren wirkende Zusammenklang mag daher rühren, dass dieses Album in einem Zeitraum von zwei Jahren entstanden ist, in dem mit jeder Session neue Musiker und Instrumente hinzuaddiert wurden, bis wirklich kein Millimeter Luft mehr vorhanden war. Aber das Ergebnis überzeugt trotzdem, gerade wegen seiner Andersartigkeit, die nicht bemüht originell wirkt, sondern etwas ganz Eigenes hat. Music from the outer realm, schreibt der PR-Text. Ja, das kann man so sagen, und dafür bin ich immer zu haben. Und jetzt wo ich es schreibe, kommt mir in den Sinn, an was das von klanglichen Konzeption her ganz entfernt erinnert: Miles Davis' On the Corner.
Joe Dvorak (11.11.2024, 04:03):


Tractatus Musico-Philosophicus - Philosophical Investigations from The Invisible Theatre (2019)

John Zorn (Altsaxophon, Stimme, E-Piano, Präpariertes Klavier, Gitarre, Schlagzeug, Bassgitarre, Perkussion, Entenlockpfeife, Klangobjekte, Samples)

Der Titel lehnt sich an Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus an. Dieser Abhandlung ist ein Zitat vorangestellt: ...und alles, was man weiss und nicht bloss rauschen und brausen gehört hat, lässt sich in drei Worten sagen (Ferdinand Kürnberger). Ich wüsste nicht, wie man diesem Album mit noch so vielen Worten beikommen könnte, also versuche ich es mit drei: Das ist unrezensierbar.
Joe Dvorak (11.11.2024, 10:11):


Craig Taborn / Vadim Neselovskyi - Da'at, The Book Beri’ah Vol. 11 (2019)

Craig Taborn & Vadim Neselovskyi (Klavier), Dan Loomis (Kontrabass), Ronen Itzik (Schlagzeug)

Fünf Solostücke mit Taborn, zwei Klavierduos, drei Soli von Neselovskyi und schließlich drei Aufnahmen mit dessen Trio - das ist die Dramaturgie dieses starken Albums. Taborns Interpretationen sind das Beste, was ich bisher an Soloklaviermusik von Zorn gehört habe, und die Trioaufnahmen sind das Beste, was bisher von einer 'fremden', nicht aus dem inneren Zirkel stammenden Jazz-Klaviertrio-Formation geboten wurde.

Das Buch Beri'ah ist trotz der wesentlich geringeren Anzahl von Liedern (92 vs. 316) sowohl vom Songmaterial als auch von den Interpretationen ergiebiger als das Engelbuch. Die Beiträge von Abraxas, dem Spike Orchestra und Banquet of the Spirits hätten die Beschäftigung mit den drei Liederbüchern schon für sich allein lohnend gemacht, auch wenn alles andere nichts gewesen wäre.
Joe Dvorak (12.11.2024, 08:59):


Simulacrum - Beyond Good and Evil (Live at Firehouse 12, New Haven, 20 Juli 2019, VÖ: 2020)

John Medeski (Orgel), Matt Hollenberg (Gitarre), Kenny Grohowski (Schlagzeug)

Nach 6 Studioalben hören wir das Scheinbild live auf der Bühne. Die Unterschiede sind nicht allzu groß, so dass es sich um eine Art Best of mit Schwerpunkt auf dem ersten Album handelt. Das ist nicht wirklich essentiell und gibt dem Einsteiger auch keinen rechten Überblick, da weder die wechselnde Besetzung der Studioalben mit Gastmusikern noch die unterschiedlichen Soundkonzepte der Alben reflektiert werden. Interessant ist es wegen der Rückschau, die die Bewertung der Alben noch einmal auf den Prüfstand stellt. Das sechste Album The Garden Of Earthly Delights hatte ich nach einigen Hördurchgängen als essentiell eingestuft, aber dennoch seither wenig Drang zum Wiederhören verspürt. Dagegen hat mich der auf diesem Konzertmitschnitt vertretene Titel des dritten Albums sofort dazu animiert, es wieder aufzulegen. Und obwohl ich Inferno damals 'nur' mochte, ist es nun klar mein Lieblingsalbum dieser Truppe geworden, gerade wegen der metallischen Geradlinigkeit (nur Spuren von klassischer Avantgarde und Jazz) und des kompakten, wenig transparenten Sounds, der die musikalische Schärfe der Band abmildert.
(Es ist unseriös, ein Album nach nur einem Durchlauf zu rezensieren, aber wenn man das wirklich ernsthaft betreiben will, kommt man kaum darum herum, es nach den ersten paar Durchläufen erst mal abhängen zu lassen, um das Urteil nach einer Weile nochmals zu überprüfen.)
Joe Dvorak (12.11.2024, 14:10):


Virtue (2020)

Bill Frisell, Julian Lage & Gyan Riley (Akustik-Gitarre)

Das unterscheidet sich beim ersten Hören kaum von den Nove Cantici und so kann man die Beschreibung quasi eins zu eins übernehmen. Wem der erste Teil der Trilogie (es folgt noch ein weiterer) gefallen hat und mehr davon will, der greife zu, wem er nicht gefallen hat, der wird auch hiervon nicht bekehrt. Es gibt ein durchaus Ideen und Wendungen, die aufhorchen lassen, aber die drei, vier langsamen der 12 Nummern sind in ihrer Harmlosigkeit schon ein wenig grenzwertig. Sehr schön ist das Album zweifellos, und es tut niemandem weh, aber fordernd und die Auseinandersetzung suchend ist es kaum. Das erinnert an die paradiesische Unschuld des Gnostic Trio (Frisell ist das Bindeglied), allerdings ohne deren von ungewöhnlichen Klangkombinationen getragenen Mystizismus. Humorig ist der letzte Titel, mit dem dann doch - endlich - neutönerische Gefilde aufgesucht werden. Manche der anstrengenden Alben von Zorn enden mit einem ruhigen, leichtgängigen Titel, fast so, als wolle man wegen der vorangegangenen 'Zumutungen' versöhnlich stimmen. Hier dagegen scheint es, man wolle diejenigen, die das zwischenzeitliche Geplätscher durchgehalten haben, zum Schluss mit richtiger 'Action' entschädigen.
Joe Dvorak (13.11.2024, 15:47):


Calculus (2020)

Brian Marsella (Klavier), Trevor Dunn (Kontrabass), Kenny Wollesen (Schlagzeug)

Mir scheint, dass Zorn auf seine alten Tage ökonomischer geworden ist und oft auf vorhandenes Material zurückgreift, es neu instrumentiert, arrangiert und zusammenstellt. Das Album beginnt mit einem fetten Groove, bei dem ich sofort auf dem Sitz zu wippen beginne, der aber sofort von atonalen Läufen konterkariert wird - wobei ich hier meine, dass ich diese mehr oder weniger wortwörtlich schon von Nova Express und Simulacrum gehört habe. Wenn man nach einer Weile befürchtet, dass die 22 Minuten des ersten Titels in Arbeit ausarten könnten, folgt ein hörenswerter, eleganter Übergang in die völlig konträre Klangwelt der Alhambra Love Songs, wobei das Eröffnungsstück dieses Albums anklingt. Und wenn man sich gerade ganz in diese betörende Schönheit fallen lassen und wegdriften will, wird auf rasanten Geradeaus-Jazz umgeschaltet, und so wechselhaft geht es immer weiter. Das Gespür dafür, wie lange man in einem Modus bleibt, bis der (für mich) richtige Zeitpunkt zum Wechsel gekommen ist, ist sagenhaft. Das Album trägt den Untertitel The Mathematical Study Of Continual Change. Welche Formeln auch immer angewandt wurden, um aus dieser ständigen Veränderung eine Großform entstehen zu lassen, das Ergebnis ist von verblüffender Stringenz. Nun wäre eine gelungene Form allein wenig interessant, aber die Inhalte sind dazu völlig adäquat. Es gibt nicht einen flachen Moment, aber ungezählte Höhepunkte - diese zwanzig Minuten vergehen wie im Flug und lassen einen ungläubig zurück und der Unglaube wächst mit jedem Durchlauf. Schwer zu glauben ist auch, dass der zweite Track, der nur unwesentlich kürzer ist, nochmal das gleiche Niveau bringen kann, aber es ist so. An diesem Album gibt es nichts, aber auch gar nichts zu rütteln. Absolute Spitzenklasse I - Referenz.
Joe Dvorak (14.11.2024, 10:05):


Simulacrum - Baphomet (2020)

John Medeski (Orgel, Clavinet), Matt Hollenberg (Gitarre), Kenny Grohowski (Schlagzeug)

Das siebte Studioalbum des Trios ist der Kumulationspunkt und stellt die Vorgängeralben (mit Ausnahme des Außenseiters Inferno) klar in den Schatten. Neu ist, dass Medeski gelegentlich das Clavinet spielt, was einigen Passagen eine zusätzliche Prise Funk verleiht. Wieder gibt es den vertrauten Avant-Jazz-Prog-Metal, hier kanalisiert in einem einzigen 40-Minuten-Titel, und alles noch einmal gesteigert, noch einnehmender in den ruhigeren, noch packender in den heftigeren Passagen. Trotz ständiger Wechsel - meist mit übergangslos harten stilistischen und dynamischen Kontrasten - sprudelt das, einer verborgenen Ordnung folgend, wie aus einer höheren Quelle als konstanter Bewusstseinsstrom hervor. Höhepunkte kann man hier beim besten Willen nicht mehr ausmachen, es ist ein einziger Höhenrausch von der ersten bis zur letzten Minute.
Joe Dvorak (15.11.2024, 07:21):


Songs for Petra (Petra Haden sings the Zorn/Harris Songbook, 2020)

Petra Haden (Gesang), Julian Lage (Guitar), Jorge Roeder (Kontrabass), Kenny Wollesen (Schlagzeug), Jesse Harris (Akustik-Gitarre, Tasteninstrumente, Gesang)

Haden ist die Tochter des großen Jazzbassisten Charlie und bekannt als Sängerin, die Genre- und Stilgrenzen überschreitet. Harris war an Zorns Song Project beteiligt, bei dem bestehende Kompositionen mit Texten und Gesangsparts versehen, und in neuen Arrangements eingespielt und live aufgeführt wurden. Bei Songs for Petra handelt es sich um eine Fortsetzung, bei der zum Teil die gleichen Stücke verwendet wurden. Das ist durchaus gut hörbar, wenn man ein Faible für Pop-Jazz-Diven hat, aber in meinen Ohren trotz der hochkarätigen Begleitband weniger gelungen als der Vorgänger. Während mir dort nach dem Wiederhören mancher instrumentaler Originale etwas zu fehlen scheint, bevorzuge ich hier meist die ursprünglichen Versionen ohne Gesang.
Joe Dvorak (16.11.2024, 03:43):


Les Maudits (2020)

John Zorn (Altsaxophon, Orgel, Klavier, Perkussion, Stimme), Simon Hanes (Gitarre, E-Bass, Klavier, Akkordeon, Violoncello, Perkussion, Klangobjekte, Maultrommel, Stimme), Ches Smith (Vibraphon, Glockenspiel, Tanbou , Perkussion, Stimme), ICE International Contemporary Ensemble, David Fulmer

Dieses Werk wurde aus einer neuen, von einem multiinstrumentalen Trio realisierten Karteikarten-Collage, die sich auf das Schauspiel Ubu Roi bezieht und dessen Züge einer grotesken Farce hörbar macht, sowie zwei in den Jahren 2013 und 2014 entstandenen modern-klassischen Kompositionen für Kammerensemble zusammengestellt. Nichts davon kommt in meinen Ohren an die besten Werke heran, die Zorn in diesen Ecken geschaffen hat, und auch als Suite mit der lockeren Verbindung, dass alle drei Teile mit französischen Außenseitern der Kunst in Beziehung stehen, hat das kaum Zusammenhalt. Ich verweise auf das ganz lose verwandte Werk Rimbaud als weitaus bessere Alternative.
Joe Dvorak (17.11.2024, 03:43):


Azoth (2020)

Michael Nicolas (Violoncello), Jay Campbell (Violoncello), Jorge Roeder (Kontrabass), Ches Smith (Schlagzeug)

Ein weiteres Album mit Zorns Third Stream-Variante, in der komplexe auskomponierte Stimmen für Soloinstrumente und improvisierte Parts für Rhythmusinstrumente miteinander verbunden werden. Die vier Kompositionen stammen aus den Jahren 2015 bis 2017. Jeder Cellist erhält ein unbegleitetes Solostück, dazu kommt ein Werk für Campbell im Trio mit Bass und Schlagzeug und eines - in zwei Takes vorliegend - für Nicolas nur mit Schlagzeugbegleitung. Ich halte das für außerordentlich gelungen, wenn auch sicher nicht für alle Stunden. Was hier an Klängen aus den Instrumenten herausgeholt wird, ist im wahrsten Sinne des Wortes unerhört; absoluter Höhepunkt ist Campells Solo Autumn Rhythm. Während einige von Zorns Arbeiten, die wirklich alles ausreizen, was auf einem Instrument spieltechnisch irgendwie möglich ist (etwa die Strategien für Saxophon oder das Book of Heads für Gitarre), eher wie ein Kompendium wirken, wird diese Falle hier umgangen. Es sind Stücke, die zumindest eine vage Form haben und sich schlüssig entwickeln. Es geht oft wild und kratzbürstig zu, aber selten sperrig und abweisend, und es gibt genügend Kontraste in ruhigen, fast kontemplativen Passagen, wobei man freilich kein Belcanto erwarten darf, sondern sich eher auf Vögel, Insekten, Generatoren und Motoren einstellen sollte. Das hat was, finde ich.
Joe Dvorak (17.11.2024, 14:18):


The Turner Etudes (Images and Impressions for Piano, 2020)

Stephen Gosling (Klavier)

Bei den 18 Studies From The Later Sketchbooks (1841-1845) of J.M.W. Turner handelt es sich um eine Suite aus Miniaturen, die zwischen eineinhalb und knapp vier Minuten lang sind. Ich kannte diesen Kunstmaler bisher nicht, und statt mich an einer Beschreibung der musikalischen Umsetzung seiner späten Skizzen zu versuchen, werfe ich einfach die Namen in den Raum, die der PR-Text als Inspirationsquellen ausspuckt: Ligeti, Skrjabin, Bach, Glass, Busoni, Debussy, Bartók, Berio, Feldman, Xenakis, Cecil Taylor, Schönberg. Wer bei so einem Mega-Eklektizismus die Beine in die Hand nimmt, soll sich nicht aufhalten lassen, aber als Soloklavier-Muffel muss ich konstatieren, dass ich in diesem Genre selten etwas so Erfreuliches gehört habe. Der Ordnung halber muss man noch Zorn selbst als Einfluss nennen, denn manches klingt doch sehr vertraut, vor allem in den gefälligeren Stücken wurden Passagen aus seinen Filmmusiken und den 'mystischen' Werken recycelt (höre vor allem Etude IV), und ein paar schrägere Motive gab es so oder so ähnlich schon bei Calculus, das sich wiederum an Nova Express und Simulacrum anlehnte. Der Zorniac, der beginnt, das Gesamtwerk als einen ständig wachsenden Organismus zu begreifen, von dem sich immer wieder Teile abspalten, um sich dann mit anderen zu rekombinieren, hat daran seine helle Freude.
Joe Dvorak (18.11.2024, 11:31):


Heaven and Earth Magick (2021)

Sae Hashimoto (Vibraphon), Stephen Gosling (Klavier), Jorge Roeder (Kontrabass), Ches Smith (Schlagzeug)

Und noch ein Album mit Zorns Third-Stream-Variante, diesmal mit komponierten Klavier- und Vibraphonparts. Für einen Klassik-Jazz-Hybriden in dieser Besetzung drängen sich die avantgardistischeren Sachen von Nova Express als Vergleich auf, und auch die beiden Stücke, an denen Hashimoto auf The Interpretation of Dreams mitgewirkt hat, können als Orientierungspunkte herangezogen werden. Zwar wiederholt es nach hinten heraus ein wenig, dennoch ist die Magie von Himmel und Erde für Freunde der genannten Musik ein Muss, nicht zuletzt, aber nicht nur wegen des fantastischen Spiels der Rhythmusgruppe.
Joe Dvorak (20.11.2024, 07:24):


The Gnostic Trio & John Medeski - Gnosis: The Inner Light

Bill Frisell (Gitarre), John Medeski (Orgel, Klavier, E-Piano), Carol Emanuel (Harfe), Kenny Wollesen (Vibraphon)

Auf ihrem achten Album dringen die wieder zum Quartett verstärkten Gnostiker gelegentlich so weit in neutönerische Gefilde vor wie nie zuvor. Auf der anderen Seite stehen einige allzu schlichte, allzu eingängige Melodielinien. Insgesamt will das nicht so recht zünden, zumal sich die zusätzlichen Tasten nicht immer reibungslos einfügen und das Orgelspiel manchmal etwas klischeehaft wirkt. Müsste ich das Werk mit einem Wort charakterisieren, fiele mir als erstes 'belanglos' ein. Das ist leicht dahingeschrieben, sagt aber über die Qualität rein gar nichts aus - schon gar nicht ist es eine inhärente Eigenschaft. Für jemand anderen mag diese Musik eine überragende Bedeutung erlangen, indem sie Herzschmerzen heilt und den Weg zum inneren Licht weist. Bei mir löst sie einfach nichts aus, sie macht nichts mit mir; wenn ich sie höre, ändert sich nichts, weder die Stimmung, noch die Motivation, noch die Denkinhalte, und damit ist sie ohne Belang, na ja, nicht ganz, denn immerhin regt sie mich an, darüber nachzudenken, wann Musik von Belang ist...
Ich wiederhole, dass das Konzept der 'paradiesisch unschuldigen Musik' des Trios in den Preludes für mich am besten funktionierte und mit diesem Debütalbum auch schon weitgehend ausgereizt war.
Joe Dvorak (21.11.2024, 02:36):


Chaos Magick (2021)

Brian Marsella (E-Piano), John Medeski (Orgel), Matt Hollenberg (Gitarre), Kenny Grohowski (Schlagzeug)

Was zunächst nach einem weiteren Album von Simulacrum mit Marsella als Gast aussieht, entpuppt sich als Auftakt zu einem neuen Projekt mit einer neuen Band und einer Serie von Alben. Das eröffnende Stück dieses Debüts unterscheidet sich kaum von der ursprünglichen Stammband, aber dann geht die Gruppe eigene Wege. Weniger Metal, weniger hektische Avantgarde, weniger vertrackte Melodien - alles noch da, aber nicht so gnadenlos abrasiv - dafür mehr 70er Einflüsse aus Progressive Rock (das doppelt besetzte Keyboard war vor allem bei den Italienern beliebt) und Jazz-Rock-Fusion (durch das E-Piano klingen Spuren von Frank Zappas Roxy-Phase mit George Duke an) und viele ruhige, atmosphärische Parts. Das Album gefällt mir ganz hervorragend, es ist gespickt mit Höhepunkten, hat den richtigen Fluss im Wechsel von treibenden Passagen mit einem teilweise entfesselt aufspielenden Drummer, texturreichen, psychedelisch angehauchten Abschnitten und verkopften Tracks, und es hat genau die richtige Länge bzw. Kürze. Ich bin gespannt, was von diesem Ensemble noch kommt.
Joe Dvorak (23.11.2024, 01:59):


Teresa de Avila (2021)

Bill Frisell, Julian Lage & Gyan Riley (Akustik-Gitarre)

Ein weiteres Album dieses Trios, das ihre erste Triologie abschließt. Erneut gibt es kontemplatives Musizieren, das sich einer Einordnung in Schubladen widersetzt. Dieses Album ist etwas ausgeglichener als seine beiden Vorgänger, weil schiefe Töne noch mehr Mangelware bleiben, aber im Gegenzug auch allzu Seichtes vermieden wird. Kleine kompositorische Haken und Ösen und Subtilitäten im Zusammenspiel halten das Ganze leidlich spannend, und ein paar harmonische Wendungen und melodische Einfälle haken sich im Ohr fest. Freilich muss man schon ein Faible für akustische Gitarrenmusik haben, um das mit Begeisterung hören zu können. Die kommt bei mir erst beim vorletzten Stück auf, das locker aus einem der Masada-Bücher stammen könnte, und die Schlussnummer scheint sich wie beim Vorgänger wieder in freitonale und experimentelle Gefilde zu begeben, um dann eine Wendung in fetziges Bluegrass-Geschrammel zu nehmen - und wenn man sich fragt, warum nicht schon früher und öfter so beherzt in die Saiten gegriffen wurde, ist es leider schon vorbei.
Joe Dvorak (23.11.2024, 03:09):


Simulacrum - Nostradamus, The Death of Satan (2021)

John Medeski (Orgel), Matt Hollenberg (Gitarre), Kenny Grohowski (Schlagzeug)

Was soll nach einem Über-Album wie Baphomet noch kommen? Zunächst bietet das achte Studioalbum des Trios wieder kürzere Stücke. Statt alles in einen 40-Minuten-Track zu packen, gibt es in der gleichen Zeit 10 Titel. Und die haben es in sich. Sie klingen zwar immer noch nach sich selbst, warten aber mit neuen Elementen auf. Neben dem typischen vertrackten atonalen Avant-Jazz-Metal gibt es Stücke, die mehr in der Tradition konventioneller Jazz-Orgeltrios stehen, freilich nicht ohne ein paar Zorn-Elemente wie Surf-Sounds oder bekannte Melodiefragmente von anderen Projekten einzubauen, und es gibt kontemplative Tracks mit bald sakraler Atmosphäre. Das ist alles subtiler, reifer und entspannter als auf den Alben vor Baphomet, vor allem, weil sie innerhalb der Songs in einem Modus bleiben - die filmschnittartigen Wechsel samt hinterhältigen Attacken aus dem Nichts (die durchaus auch ihren Reiz haben) bleiben diesmal aus. Dazu kommt, dass sie und das Produzententeam es endlich geschafft haben, ihren abrasiven Sound in ein warmes, analoges Klangbild zu packen, ohne ihm etwas von seiner dramatischen Wucht zu nehmen. Aber Stil und Sound allein wären nichts, wenn es laue Inhalte gäbe, doch hier kann Entwarnung gegeben werden. Die Höhepunkte folgen in ähnlicher Dichte wie beim Vorgänger aufeinander, und das Zusammenspiel ist eng verzahnt und von einem blinden Verständnis geprägt. Die Strapazen, die sie uns mit ihren ersten beiden Scheiben auferlegt haben, sind hiermit mit zwei unverzichtbaren Alben hintereinander mehr als abgegolten.
Joe Dvorak (25.11.2024, 02:49):


Parables (2021)

Bill Frisell, Julian Lage & Gyan Riley (Akustik-Gitarre)

Das vierte Album, das erste einer neuen Trilogie, ist ein willkommener Richtungswechsel des Trios. Nicht, dass ich die anderen nicht gemocht hätte, aber irgendwie fehlen die prägenden Stellen, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an diese Alben denke, und die den Wunsch auslösen, sie immer wieder zu hören. Das haben sie sich wohl für hier aufgehoben, denn hier gibt es Grosse Momente satt. Zunächst scheint scheint man sich wieder in kontemplativem Fahrwasser zu bewegen, aber nach einer Minute wirft einer der drei ein atonales Motiv ein, das fast jinglemäßig klingt, weil man das so oder so ähnlich schon auf neueren Projekten gehört hat. Diese Spannung zwischen Harmonie und Freiheit zieht sich durch das ganze Album, filmische Dramatik hier, virtuose Soli über treibendem Geschrammel da und ungewöhnliche Instrumentenbehandlung dort sorgen für Abwechslung - innerhalb der die introspektiven Stücke dann umso mehr ihre himmlische Wirkung entfalten. Mich überzeugender kann man Musik in dieser Besetzung kaum komponieren und spielen. Das bleibt ein Dauerbrenner.
Joe Dvorak (26.11.2024, 15:18):


Chaos Magick - The Ninth Circle, Orpheus in the Underworld (2021)

Brian Marsella (E-Piano, Klavier, Mellotron), John Medeski (Orgel), Matt Hollenberg (Gitarre), Kenny Grohowski (Schlagzeug)

Der Simulacrum-Ableger klingt auf seinem zweiten Album teilweise mehr nach der Originalband als diese auf ihrem letzten Album. Einige der wieder präsenteren metallischen Riffs glaubt man wörtlich schon einmal gehört zu haben, aber Zeit zum rätseln bleibt nicht, denn mit hektischen Schnitten, hirnverwüstenden Tonfolgen, die bisweilen regelrecht zertrümmert werden und nicht selten in Geräuschexperimente ausarten, wird man bei der Stange gehalten. Die verhältnismäßig kohärente und unaufgeregte Herangehensweise des Debüts ist hier einem furiosen Ritt gewichen, aber mit ebenso vielen kontemplativen Passagen, die immer wieder über längere Strecken das Feld für sich beanspruchen, wird das zuverlässig im Gleichgewicht gehalten. So langsam gehen mir die Worte aus und es ist mir aus Gründen der Glaubwürdigkeit geboten, mit weiteren Superlativen zu sparen, aber das ist bei der unverwechselbaren stilistischen Ausrichtung wieder mit so vielen grandiosen inhaltlichen Einfällen gespickt, dass ich auch hier die Höchstnote ziehen muss.
Joe Dvorak (27.11.2024, 16:01):


Meditations on the Tarot (2021)

Brian Marsella (Klavier), Trevor Dunn (Kontrabass), Kenny Wollesen (Schlagzeug)

Dies ist der Nachfolger von The Hirophant und behandelt die restlichen 13 Karten des Hauptdecks. Das Album ist ebenso vielseitig und deckt fast die gesamte Bandbreite des klassischen Jazz-Piano-Trios ab, von avantgardistischen Ausflügen (selten) über Straight Ahead bis hin zu Easy Listening (häufiger) oder von Cecil Taylor über McCoy Tyner bis hin zu David Benoit. Was nicht heißt, dass dies zu einem inkohärenten Potpourri geworden wäre. Wie schon auf dem Vorgänger sorgt das okkulte Programm dafür, dass ein kohärenter Albenfluss entsteht. Wieder fällt auf, dass Zorn oft auf bekanntes Material zurückgreift, so ist der Melodiekopf von The Emperor aus der Filmmusik zu The Rain Horse übernommen und auch andere Themen und Motive klingen sehr vertraut. Freunde dieses Formats, die auf allertiefste Tiefen auslotende Verkopftheit verzichten können, hören hier mal rein. Wer es etwas herausfordernder und vertrackter mag, wird bei diesem Trio mit Calculus fündig.
Joe Dvorak (28.11.2024, 05:25):


New Masada Quartet (2021)

John-Zorn (Altsaxophon), Julian Lage (Gitarre), Jorge Roeder (Kontrabass), Kenny Wollesen (Schlagzeug)

Mit 613 Liedern im Kasten bringt Zorn nach längerer Pause wieder eine eigene Band an den Start. Sein Spiel ist gut abgehangen, er verfügt über einen großen Ton und phrasiert überlegt und überlegen mit viel Feingefühl in der Tonbildung und -gestaltung. Natürlich geht es nicht ganz ohne Geschnatter und Gekreische, aber alles in allem stehen hier die -auf Skalen aus der Region von Osteuropa bis zum Mittleren Osten basierenden- Melodien im Vordergrund, und da hat man sich aus den Masada-Büchern einige sehr einnehmende Themen herausgesucht, dazu das verrückt-vertrackte Hat-Arob ("Schwärme wilder Tiere"), das hier zum zehnten Mal eingespielt wurde und wie so oft als Ausgangsmaterial für unspielbare Stunts dient. Lage ist als zweiter Frontmann ein kongenialer und sehr vielseitiger Partner, ansonsten fällt auf, dass in der Rhythmusgruppe die Rollen vertauscht sind; in der Originalband war das Schlagzeug dominant und der Bass zurückhaltend, hier ist es umgekehrt. Um es kurz zu machen: Fantastische Musiker der Extraklasse improvisieren einfallsreich und emotional packend über großartige Songs - das ist Jazz vom Allerfeinsten mit klischeefreier orientalischer Färbung als extra Verkaufspunkt.
Joe Dvorak (30.11.2024, 06:34):

Picture Source: Downtown Music Gallery - New York City |

Bagatelles Box One (2021)
Vol. 1: Mary Halvorson Quartet
Mary Halvorson (Gitarre), Miles Okazaki (Gitarre), Drew Gress (Kontrabass), Tomas Fujiwara (Schlagzeug)
Vol. 2: Erik Friedlander & Michael Nicolas
Erik Friedlander (Violoncello), Michael Nicolas (Violoncello)
Vol. 3: Trigger
Will Greene (Gitarre), Simon Hanes (E-Bass), Aaron Edgcomb (Schlagzeug)
Vol. 4: Ikue Mori
Ikue Mori (Elektronik)
Das Buch mit 300 titellosen und frei instrumentierbaren Bagatellen wurde im Jahr 2015 innerhalb von drei Monaten komponiert. Bisher wurden Aufnahmen mit 16 verschiedenen Solisten oder Ensembles gemacht und nach und nach in vier 4-CD-Boxen veröffentlicht. Soweit ich weiß, sind diese nur über die Verkaufsplattform des Labels erhältlich. Box One ist eine echte Wundertüte. Das unverwechselbare Mary Halvorson Quartet ist identisch besetzt und ebenso gut wie bei seinem herausragenden Beitrag zum Book of Angels (Vol. 32, Paimon). Zwischen klassischer bis moderner Kammermusik und Avantgarde-Jazz sowie vielen anderen Einflüssen von Filmmusik bis Rock bewegt sich das feine Cello-Duo. Typisch Zorn, möchte man sagen. Äußerst anstrengend ist dagegen das Noise-Rock-Trio Trigger, weil hier Noise nicht nur mit Geräusch, sondern auch mit Lärm übersetzt werden muss. Das bis zum Ende durchzuhalten ist trotz einiger origineller Ideen eine echte Herausforderung. Mori, die mit ihren eigenwilligen Tricks vor allem bei Electric Masada glänzte, überzeugt auch im Alleingang am Laptop mit viel Kreativität - manchmal verstörend, unheimlich, aufrüttelnd. Das darf man durchaus in einem Atemzug mit Frank Zappas Civilization Phase III nennen, das mir als entfernter Vergleich in den Sinn kommt. Ein echtes Hochlicht.
Joe Dvorak (30.11.2024, 14:21):
Bagatelles Box Two (2021)
Vol. 5: Kris Davis Quartet
Kris Davis (Klavier), Mary Halvorson (Gitarre), Drew Gress (Kontrabass), Kenny Wollesen (Schlagzeug)
Vol. 6: Brian Marsella Trio
Brian Marsella (Klavier), Trevor Dunn (Kontrabass), Kenny Wollesen (Schlagzeug)
Vol. 7: Brian Marsella
Brian Marsella (Klavier)
Vol. 8: John Medeski Trio
John Medeski (Orgel), David Fiuczynski (Gitarre), G. Calvin Weston (Schlagzeug)
Nach dem Sammelsurium der ersten Box liegt hier der Fokus auf den Tasten. Der Name Kris Davis war mir bisher unbekannt, aber mit der Hälfte des Halvorsen Quartet und einem Zorn-Veteranen im Team brennt nichts an. Man geht meist sehr frei zu Werke, aber es zerfasert nie und folgt immer einer gewissen Logik. Die Gitarristin spielt hier zuweilen noch eigenwilliger als mit ihrem eigenen Quartett (Vol. 1). Sehr erfreulich. Das Trio von Marsella legt hier sein fünftes Album mit Kompositionen von Zorn vor. Es ist eine vergleichsweise geradlinige Session geworden, weniger variabel als die beiden Tarot-Platten und weniger verknotet als Calculus. Eine Ausnahme bildet die launige Bagatelle Nr. 149, deren Interpretation von Cartoons inspiriert zu sein scheint. Das Trio ist blended eingespielt, so dass auch hier das Fazit lautet: Jazz-Klaviertrio vom Feinsten. Marsella ist auch eine Bank im angestammten Bagatellenformat des Soloklaviers, interpretiert sehr variabel von freitonal-avantgardistisch über neoklassisch bis balladesk - und bei letzteren ist er ein wahrer Ohrenschmaus, man höre die herzerwärmende Bagatelle #238. Zorns Dauerkollaborateur Medeski ist hier mit einem alternativen Trio am Start und klingt etwas traditioneller als mit Simulacrum. Auch hier gibt es nichts zu meckern.

Nach diesem Marathon mit 85 Titeln sind das nur flüchtige Eindrücke, aber es ist als Zwischenfazit schon klar, dass diese Sammlung trotz des Titels keine Quickies für zwischendurch enthält. Man muss feststellen, dass sich die Melodieköpfe - wie schon beim zweiten Masada-Buch - doch sehr ähneln, und dass Zorn viele dieser floskelhaften, durchweg atonalen Themen schon anderswo verwendet hat. Da kommt doch vieles bekannt vor. Die Arrangements wurden durchweg den Interpreten überlassen, so dass diesen und ihren improvisatorischen Fähigkeiten hier das größte Verdienst gebührt. Zorns Leistung besteht in der Konzeption, durch die ein Noise-Rock-Trio und ein Jazz-Quartett auf einmal seltsam verwandt klingen. Mir fällt kein anderer Komponist ein, mit dem man eine fünfeinhalbstündige Hörsitzung so abwechslungsreich und qualitativ hochwertig gestalten könnte - allenfalls Frank Zappa kommt da noch einigermaßen in die Nähe.
Joe Dvorak (01.12.2024, 06:13):
Bagatelles Box Three (2022)
Vol. 9: Asmodeus
Mark Ribot (Gitarre), Trevor Dunn (E-Bass), Kenny Grohowski (Schlagzeug)
Vol. 10: Julian Lage & Gyan Riley
Julian Lage (Akustik-Gitarre), Gyan Riley (Akustik-Gitarre)
Vol. 11: Jim Black Quartet
Jonathan Goldberger (Gitarre), Keisuke Matsuno (Gitarre), Simon Jermyn (Kontrabass), Jim Black (Schlagzeug)
Vol. 12: Cleric
Nick Shellenberger (Stimme, Tasteninstrumente, Gitarre, E-Bass, Kriegstrommel, Perkussion), Matt Hollenberg (Gitarre), Daniel Ephraim Kennedy (E-Bass, Gitarre), Larry Kwartawitz (Schlagzeug, Perkussion, Kriegstrommel)
Asmodeus hieß der Eintrag des nun unter diesem Namen agierenden Marc Ribot Trios in das Book of Angles (Vol. 7), und dort ging mir der lärmende, freie, oft am Rande des Chaos operierende Ansatz ziemlich auf die Nerven. Hier sind sie (mit neuem Drummer) etwas zugänglicher, weil das Klangbild weniger scharf ist und die Gitarre etwas nach vorne gemischt wurde, so dass öfter der Eindruck von Solo und Begleitung entsteht, was die hirnzermarternde Komplexität etwas abmildert. Vor dem letzten Stück gibt es eine knapp 20-sekündige Pause, dann belohnt Ribot das Durchhalten mit einer ganz anders gearteten Zugabe, in der er sich so zeigt, wie er am meisten geliebt wird: als Surfer in der Prärie.
Das Akustikgitarrenduo ist sehr erfreulich. Zwar nicht ganz so beeindruckend wie ihr Beitrag zum Buch Beri'ah (Vol. 4, Chesed), aber das mag auch an meiner Hör-Tagesform liegen. Von der New-Age-haften Langatmigkeit ihres Debüts Midsummer Moons fehlt jedenfalls auch hier jede Spur.
Die Session von Jim Black ist schwierig, zumindest teilweise. Er ist ein fantastischer Schlagzeuger und agiert als Leiter, der mit strukturschaffenden Mustern das Fundament legt, aber was seine Mitstreiter darüber anstellen, sagt mir nicht immer zu. Ich meine, sie machen nicht allzu viel aus dem Material, oft wirkt es auf mich - mit Verlaub - wie 'Gedudel', und das mit konstant hohem Verzerrungsgrad, so dass es schnell eintönig wird. Auf der Habenseite steht das in diesem komplexen Gewusel staunenswert präzise Zusammenspiel. Im Mittelteil ändert sich die Gangart, da wird auch mal das Gas rausgenommen, der Klang der Soloinstrumente variiert, und man lässt sich mehr Zeit mit den Entwicklungen. Aber sobald das Tempo anzieht, wird es wieder anstrengend, um dann plötzlich mit Ambient-Noise-artigen Ausflügen in fast schon außerweltliche Klanggefilde zu beeindrucken. Das ist eine dieser Platten, die nach dem ersten Hören schwer zu beurteilen sind, weil sie trotz aller Unbequemlichkeit nach weiteren Durchläufen verlangen und versprechen, dass daraus mit etwas Zeit und Geduld für das richtige Kennenlernen noch eine große Liebe werden kann.
Bleiben Cleric, für die ich keine dreißig Sekunden brauche, um sie (wieder) als unanhörbar zu klassifizieren. Wie schon auf ihrem Beitrag zum 3. Masada-Buch (Vol. 2, Chokhma) ruiniert der Sänger mit seinem monoton-hysterischen Geschrei, was ansonsten ein außergewöhnlich gutes, ach was, grandioses Album geworden wäre. Nehmt ihm das Mikro weg und gebt es Mike Patton oder macht reine Instrumentalmusik. Bitte!
Joe Dvorak (01.12.2024, 13:50):
Bagatelles Box Four (2023)
Vol. 13: Speed-Irabagon Quartet
Chris Speed (Tenorsaxophon), Jon Irabagon (Tenorsaxophon), Christian McBride (Kontrabass), Ches Smith (Schlagzeug)
Vol. 14: Peter Evans
Peter Evans (Trompete, Piccolotrompete)
Vol. 15: Ben Goldberg 4
Ben Goldberg (Klarinette), Craig Taborn (Klavier), Jorge Roeder (Kontrabass), Thomas Morgan (Kontrabass)
Vol. 16: Sam Eastmond
Chris Williams (Altosaxophon), Asha Parkinson & Emma Rawicz (Tenorsaxophon), Mick Foster (Baritonsaxophon), Noel Langley & Charlotte Keeffe (Trompete, Flügelhorn), Joel Knee (Posaune), Tom Briers (Tuba), Moss Freed (Gitarre), Olly Chalk (Klavier), Fergus Quill (Kontrabass), Alasdair Pennington (Schlagzeug), Sam Eastmond (Arrangement & Leitung)
Ich glaube nicht, dass ich jemals zuvor ein klavierloses Quartett mit zwei Tenoristen als Frontleute gehört habe. Was die beiden hier abziehen, spottet jeder Beschreibung. Das ist ein absoluter Gewinner. Wer mit postmodernem Jazz etwas anfängt, hört sich das unbedingt an. Im letzten Stück gesellt sich der Komponist höchstselbst zu dem Duo, und man muss entlarvend feststellen, dass die beiden anderen die gleichen Tricks beherrschen, sie aber viel ökonomischer und songdienlicher einsetzen. Nichtsdestotrotz ist Kapitel 13 der bisherige Höhepunkt des Bagatellenbuches.
Ein ganzes Album mit einem Solotrompeter klingt nach Arbeit. Doch die Bedenken sind schnell zerstreut. Hier werden dem Instrument ungehörte Töne entlockt, aber immer durchdacht und der aktuellen Situation im improvisatorischen Fluss angepasst. Der Einfallsreichtum dieses Musikers scheint grenzenlos, eine bessere Werbung für das Instrument in der Freien Improvisation wie in der Klassischen Avantgarde kann man nicht machen. Großartig!
Goldbergs ungewöhnlich besetztes Quartett will mich dagegen nicht sonderlich für sich einnehmen. Das mag daran liegen, dass mir sein Ton und seine Phrasierungsweise nicht gefallen wollen - auch sein Beitrag zum Book of Angels ließ mich kalt. Es ist also eher eine Geschmackssache, so wie man es von den Sängern kennt: Mit manchen kann man sich bei aller objektiven Qualität einfach nicht anfreunden. Freilich darf nicht verschwiegen werden, dass das Album inhaltlich auf der gleichen schwindelerregenden Höhe wie die anderen 15 Volumina steht.
Auf das vorläufig letzte Album des Bagatellen-Zyklus - da noch längst nicht alle Dreihunderte eingespielt sind, werden hoffentlich noch mehr kommen - war ich besonders gespannt, denn hier tritt eine leicht abgespeckte Version des Spike Orchestra an, das mit seinem Beitrag zum Book Beri'ah (Vol. 3, Binah) für einen der absoluten Höhepunkte im gesamten Zorn-Katalog gesorgt hat. Und sie legen hier auf gleichem Niveau nach. Eastwoods Kreativität bei den Arrangements kennt keine Limits und seine Detailfreude darf man getrost als legendär bezeichnen. Man bleibt atemlos dran, immer gespannt, was als nächstes kommt, und nie wirken die zahlreichen Drehungen und Wendungen willkürlich gesetzt, sondern fügen sich zu einem absolut stimmigen Fluss. Das ist Big-Band-Musik von einem anderen Planeten.
Joe Dvorak (04.12.2024, 08:01):


The Cleansing (2022)

John Zorn (Altsaxophon), Bill Laswell (Bassgitarre, Effekte)

Das ist eine Live-Improvisation, die in Echtzeit festgehalten wurde, ohne nachträgliche Schnitte oder Overdubs. Das erste Stück beginnt im mitternächtlichen Lounge-Modus, den Zorn bereits sehr einnehmend auf In a Convex Mirror gezeigt hat. Zwar kommen bald seine allzu bekannten Tricks zum Einsatz, doch bleiben sie stimmig in den ruhigen Improvisationsfluss eingebettet. Mit dem nächsten Stück wird eine harte Wendung vollzogen. Zorn heult, röhrt, brüllt sich den letzen Atem aus dem Leib und die Ratio aus dem Geist. Jessas, das geht durch Mark und Bein, man hat das Gefühl, dass hier alles Leid der Welt, alle Wut, Trauer, und Verzweiflung der gequälten Menschheit kanalisiert wird. Zorns Intensität kann bisweilen heftig und unerbittlich sein, aber so extrem habe ich ihn noch nie gehört. Das ist wahrhaftig, das ist Klang gewordener Schmerz, das erschüttert und verstört bis zur bis zur Fassungslosigkeit. Nach diesen 7 Minuten ist erst einmal Erholung vonnöten, welche die folgende Nummer liefert, indem sie sich sehr oft in leisen Bereichen aufhält und dort mit außergewöhnlichen Klängen aufwartet. Es ist erstaunlich, dass Zorn immer noch in der Lage ist, seinem Instrument bisher ungehörte Töne und Geräusche zu entlocken. Leider fällt der der nächste Titel etwas ab, weil hier wieder etwas stereotyp auf das Standardarsenal zurückgegiffen wird, ohne dies in Form und Melodie einzubetten. Dafür entschädigt dann die melodienselige fünfte Nummer, in der Laswell seinem Instrument sphärische Klänge entlockt. Den Abschluss bildet das kurze Stück The Cleansing. Der Titel des Stücks -und der Session- wurde laut Laswell gewählt, weil er sich danach verjüngt gefühlt habe, als ob nach einem Jahr des pandemiepolitisch erzwungenen Stillstands alles Gift aus ihm herausgespült worden sei. Man muss sich ganz in dieses aurale Purgatorium hineinwagen, dann kann man das möglicherweise bis zu einem gewissen Grad nacherleben.
Joe Dvorak (05.12.2024, 10:29):


Perchance to Dream (2022)

Bill Frisell (Gitarre), John Medeski (Orgel), Brian Marsella (Klavier, E-Piano), Kenny Wollesen (Röhrenglocken, Schlagzeug)

Eine echte Supergruppe. Frisell und Wollesen gehören zum Gnostic Trio, Wollesen ist Mitglied des Marsella Trio, Marsella und Medeski spielen bei Chaos Magick, Medeski und Wollesen bei Nova Express. Das Ergebnis klingt jedoch ganz anders als bei dieser Konstellation erwartet. Man wird von einem langen, repetitiven Zeitlupentrack begrüßt, der sowohl an Morton Feldman als auch an die Flughafenmusik von Brian Eno erinnert. In dieser kontemplativen Grundstimmung geht es weiter, etwas agiler zwar, aber immer in ruhigen Fahrwassern verbleibend. Manchmal erinnert das in der Tat an das Gnostic Trio, wenn Frisell seine dort am häufigsten verwendete Spielweise einsetzt, und auch die Dreamers kommen mir ab und an in den Sinn. Das ist manchmal schon hart an der Grenze zur New-Age-Musik und bleibt mir zu harmlos und zu wenig hineinziehend, um sich einen dauerhaften Platz im Hörrepertoire zu sichern.
Joe Dvorak (07.12.2024, 09:16):


Simulacrum - Spinoza (2022)

John Medeski (Orgel, E-Piano), Matt Hollenberg (Gitarre), Kenny Grohowski (Schlagzeug), Bill Frisell (Gitarre), John Zorn (Altsaxophon)

Nach Baphomet dachte ich, dass danach nichts mehr kommen kann, aber dies ist seitdem schon das zweite Album des Trios in Folge, das mindestens auf gleicher Höhe ist. An dem bewährten Mix aus Heavy Metal, Jazz, Minimalismus, Atonalität, Geräuschkunst, Ambient und Funk hat sich nichts geändert. Diesmal präsentieren sie uns zwei zwanzigminütige Stücke, die als Features für ihre Gäste konzipiert sind, einmal Bill Frisell und einmal der Komponist höchstselbst. Und beide sind in Höchstform. Da gibt es mal wieder absolut nichts zu meckern, das ist einfach eines dieser Alben, wo alles stimmt, wo jeder Ton an der richtigen Stelle sitzt, wo jeder Übergang passt, wo es geniale Einfälle hagelt, wo sich haareaufstellende Momente aneinanderreihen, wo es keine Sekunde Leerlauf oder Belanglosigkeit gibt und das auch beim zigsten Hören noch fesselt.
Joe Dvorak (07.12.2024, 11:28):


Suite for Piano (2022)

Brian Marsella (Klavier), Jorge Roeder (Kontrabass), Ches Smith (Schlagzeug)

Warum eine Komposition für Trio Suite for Piano heißt, muss man nicht verstehen, dass der PR-Text eine Inspiration durch die Goldberg-Variationen und die Soloklaviermusik von Schönberg hören will, auch nicht wirklich. Gut, die Musik ist stellenweise atonal, aber es ist Zorn pur, dabei weniger eklektizistisch als gewohnt. Nach fünf Trio-Alben, die Marsella mit Zorn-Veteranen eingespielt hat, wurde die Rhythmusgruppe durch frische Leute ersetzt. Die beiden haben schon auf Heaven and Earth Magic fur Aufhorchen gesorgt und lösen hier die hohen Erwartungen hellwach und mit vielen Finessen mitspielend ein. Wieder ein Jazz-Piano-Trio-Album vom Allerfeinsten - diese Ecke ist ein heimlicher Leuchtstern im verwinkelten Zorn-Kosmos.
Joe Dvorak (08.12.2024, 05:03):


John Zorn's Oympiad Vol. 2 - Fencing 1978 (VÖ: 2022)
Live at the Theatre of Musical Optics, NY, 29. Juli 1978
Eugene Chadbourne, Duck Baker & Randy Hutton (Akustikgitarre)
Live at the Centre For Creative Education, Bard College, Kingston, NY, 5. Aug. 1978
Eugene Chadbourne (Gitarre), Polly Bradfield (Violine), John Zorn (Alt- und Sopransaxophon, B-Klarinette)
Die Veröffentlichung von zwei Versionen eines Game Piece ist ein ziemlicher Anachronismus, wenn man bedenkt, wie und wohin sich Zorn entwickelt hat. Das ist keine schlechte Musik - für das Unberechenbare bin ich immer zu haben - aber im Nachhinein fragt man sich schon, ob man die Stunde nicht mit etwas Lohnenderem hätte verbringen können. Die zweite Version ist interessanter, gerade weil sie klanglich ziemlich mies aufgenommen ist, das passt besser zu dem anarchistischen Herumexperimentieren - viel mehr höre ich da nicht heraus. Kein Vergleich zu Archery und schon gar nicht zu Cobra, mit dem Zorn seine frühen Spielstücke mehr oder weniger zur Makulatur gemacht hat. Jede der 5 eingespielten Versionen der Schlange ist besser als dieses Gefecht, und das ist auch nichts gegenüber dem, was das Gitarrentrio Dither (Vol. 1 dieser Olympiade) aus den ganz frühen Werken herausgeholt hat. So bleibt für mich vor allem der "historische Wert".
Joe Dvorak (08.12.2024, 11:51):


A Garden of Forking Paths (2022)

Bill Frisell, Julian Lage & Gyan Riley (Akustik-Gitarre)

Das fünfte Album des Trios ist etwas weniger abenteuerlich und abwechslungsreich als sein Vorgänger (Parables), aber gut zu hören. Mit dem Titelstück hat man das Beste an den Schluss gesetzt - das hat ein wenig die Aura eines indischen Raga - und lässt so zwei, drei etwas lauere Passagen im Mittelteil vergessen. Auch hier zitiert sich Zorn hin und wieder selbst, aus dem Filmwerk und vor allem aus den atonalen Bagatellen, die unerwartet memorabel sind. Diese Einwürfe ziehen sich wie ein Fingerabdruck durch sein Spätwerk und schaffen so ein Erkennungsmerkmal, mit dem man ein Album dieses Komponisten, egal aus welchem Genre, blind identifizieren kann.
Joe Dvorak (11.12.2024, 14:57):


Incerto (2022)

Julian Lage (Gitarre), Brian Marsella (Klavier), Jorge Roeder (Kontrabass), Ches Smith (Schlagzeug, Tanbou)

Langsam wird es unübersichtlich. Incerto wird als neues Bandprojekt angekündigt, es werden also weitere Alben dieser Gruppe erscheinen. Das Quartett besteht aus dem neuen Trio, das die exzellente Suite for Piano eingespielt hat, und Lage, der so unterschiedlichen Formationen wie dem Simulacrum-Ableger Insurrection und dem New Masada Quartet angehört. Der Gitarrist ist kein unbeschriebenes Blatt, er galt als Wunderkind, stand im Alter von acht Jahren mit Carlos Santana auf der Bühne und ist derzeit beim renommiertesten Jazzlabel Blue Note unter Vertrag, wo er drei Alben als Frontmann eingespielt hat. Eigentlich kann bei dieser Besetzung nichts anbrennen, und doch macht sich langsam ein gewisses Unbehagen breit. Das Unvorhersehbare wird so langsam vorhersehbar, weil Zorn immer wieder auf dieselben Motive und Stilmittel zurückgreift. Nach 30 Sekunden des nur vom Klaviertrio gespielten Eröffnungsstücks erkennt der Zornist blind, wer die Komposition beigesteuert hat. Aber ich tue dem Album Unrecht, wenn ich es dafür tadle, dass es zu spät herausgekommen ist. Wäre es das erste gewesen, was ich von Zorns so um 2015 herum etablierten, charakteristischen Spät-Stil gehört hätte, fiele das Urteil sicher begeisternder aus. Es glänzt mit einfallsreichen Themen und Melodien, und es ist über weite Strecken eine recht geradlinige Jazz-Session, mit hier und da eingestreuten abrupten, in meinen Ohren manchmal unpassenden Abbrüchen, wenn die Gruppe gerade richtig im Fluss ist, gefolgt von einem der mittlerweile sattsam bekannten atonalen Bagatellen-Motive. Sagen wir es so: Wer sich für Combos mit dieser Instrumentierung interessiert und seinen Jazz gelegentlich mit unvorhersehbaren, schrägen und nicht immer 'logischen' Drehungen und Wendungen angereichert haben will, kommt hier mit Sicherheit auf seine Kosten.
Joe Dvorak (11.12.2024, 15:48):


The Hermetic Organ Vol. 9 - Liber VII (2022)
John Zorn (Orgel, St John's Cathedral, Knoxville, Tennessee)

Office Nr. 29 (Liber VII: Mars - Saturn - Jupiter - Sol - Mercury - Luna - Venus)

Wenn man mich fragt, welches von Zorns Großprojekten die größten Qualitätsschwankungen aufweist, dann nenne ich zielsicher dieses. Der PR-Text weiß, dass Teil 9 "in einer Art Trancezustand" aufgenommen wurde, und so klingt es auch - wie bei den Spät-60er-Hippies, die auf LSD irgendwas drauflos gespielt haben. Das ist das erste Hermetic-Album, bei dem am Ende Applaus zu hören ist. Es ist ein wohlwollender Beifall, und das bringt mich zum Rätseln, was die Leute im Publikum wohl eingeworfen haben.
Joe Dvorak (14.12.2024, 09:23):


Chaos Magick - Multiplicities: A Repository of Non-Existent Objects (2022)

John Medeski (Orgel), Brian Marsella (E-Piano), Matt Hollenberg (Gitarre), Kenny Grohowski (Schlagzeug)

Ein weiteres Buch, diesmal mit bescheidenen 20 Titeln. Genauer gesagt: Musikalische Aphorismen. Wir schlagen nach: Ein Aphorismus ist ein prägnanter, oft pointierter Satz, der eine allgemeine Wahrheit oder Weisheit ausdrückt. Hier sind 10 davon, und knapp sind sie. Nur vier knacken die 4-Minuten-Marke. Was drücken sie ohne Worte aus? Was ich hier höre, sind eher Binsenweisheiten oder sollten es sein: Alle Musikrichtungen sind miteinander verwandt und verbunden. Oder: Die Unterscheidung zwischen Kunst- und Unterhaltungsmusik ist grober Unfug. Das ergibt sich aus dem Vorhergehenden. Und das wissen wir seit Frank Zappa. Ach ja, die Musik auf diesem Album. Die soll vom Philosophen Gilles Deleuze beeinflusst sein. Kenne ich nicht. Sein Hauptwerk heißt Differenz und Wiederholung. Ja, das passt irgendwie. Die Musik bietet nicht viel anderes als die letzten Platten der Truppe. Mehr vom Gleichen, aber nicht das Gleiche. Vielleicht noch ein bisschen mehr Retro -Ich muss unbedingt mal wieder die alten Soft Machine, die Phase so um Fourth bis Seven strömen-, aber durch die kernigen Riffs und die atonalen Melodien auf der Höhe des Zorn. Noch eine Binsenweisheit. Das beste Album ist nicht unbedingt das liebste. Ich fand die Vorgänger besser, aber das hier hat es in die Dauerrotation geschafft. Und Ermüdung ist nicht in Sicht.
Joe Dvorak (14.12.2024, 20:12):


The Hermetic Organ Vol. 10 - Bozar, Brussels (2022)
John Zorn (Orgel, Henri LeBoeuf Hall, Brüssel, Belgien), Barbara Hannigan (Sopran)*

Office Nr. 23 (Faust - *The Angel of Redemption)

Na ja, ein bisschen besser als der Vorgänger, zumal hier in der kurzen Zugabe die erste Zusammenarbeit von Zorn mit der fantastischen Sopranistin Barbara Hannigan dokumentiert wird, die für ihren Einsatz für die zeitgenössische Musik mit Ehrungen und Preisen überhäuft wurde. Aber sonst? Ich frage mich, ob das derselbe Organist ist, dessen Improvisation im ersten Band dieser Reihe von mir mit dem Prädikat 'unverzichtbar' ausgezeichnet wurde. Ein Nachhören offenbart den Unterschied. Damals hat er das Instrument noch gespielt, mit Spannungbögen und dynamischer Gestaltung. In jüngerer Zeit erzeugt er damit nur noch Töne. So etwas kann seinen Reiz haben, wenn es inspiriert ist, aber falls es das sein sollte, kommt davon nichts bei mir an. Und so mache ich mir ausnahmsweise mal den Killerspruch zu eigen (der besagt, dass das Problem bei mir liegt und nicht beim Gebotenen): Ich kann damit nichts anfangen.
Joe Dvorak (15.12.2024, 11:00):


John Zorn's Olympiad Vol. 2 - Pops Plays Pops (AD: 1978 & 2007/8, VÖ: 2023)
The Book Of Heads
Eugene Chadbourne (Gitarre)
Diese Realisierung von Zorns Magnum Opus für Sologitarre ist klar die beste der drei in diesem Thread besprochenen (es gibt noch weitere, aber die konnte ich nirgends auftreiben). Chadbourne ist der Widmungsträger der 35 Etüden, von denen er hier 15 ausgewählt und in veränderter Reihenfolge eingespielt hat. Nr. 2 wurde bereits 1978 aufgenommen, der Rest entstand fast 30 Jahre später in zwei Sitzungen. Im PR-Text steht, das sei freier, wilder und offener als die Lehrbuch-Interpretationen von James Moore und Marc Ribot, aber ich höre genau das Gegenteil. Chadbournes Interpretation wirkt auf mich weniger experimentell und avantgardistisch als die Vergleichsinterpretationen - das ist natürlich relativ zu sehen, klassische Konzertgitarrenmusik muss man woanders suchen, aber hier habe ich das Gefühl, dass immer die Gitarre im Mittelpunkt steht und die erweiterten Spieltechniken eben eine Erweiterung sind und kein Selbstzweck, um irgendwelche neuen Klänge zu erfinden. Auch kommt der individuelle Charakter der einzelnen Etüden bei ihm besser zur Geltung, nicht zuletzt, weil er sich viel Zeit nimmt - so kommt bei Moore nur ein Stück über die 2-Minuten-Marke, während hier nur eines darunter bleibt. Dennoch - ich mag alle drei Aufnahmen, seit die Arbeit, das Werk ins Hörrepertoire zu bringen, getan ist.
Joe Dvorak (27.12.2024, 02:01):


New Masada Quartet Vol. 2 (2023)

John-Zorn (Altsaxophon), Julian Lage (Gitarre), Jorge Roeder (Kontrabass), Kenny Wollesen (Schlagzeug)

Das ist noch besser als der schon sehr erfreuliche erste Teil. Während dort die ersten beiden Bücher ihren gerechten halben Anteil hatten (und das dritte ausgespart wurde), liegt hier der Schwerpunkt mit 6 von 7 Titeln auf Book 1 und an der Titelauswahl gibt es wahrlich nichts auszusetzen. Los geht es mit Katzatz, einer der wildesten Nummern, kontrastreich gefolgt von der melancholischen - lies: bei mir meist Melancholie auslösenden - Melodie von Idalah-Abal, die wohl der größte Hit unter den 613en ist und hier bereits in der 12. Einspielung vorliegt. Mit Rahtiel, dem einzigen Beitrag des 2. Buchs, zeigt Zorn mit Schauer-induzierender Intensität seine Meisterschaft als 'konventioneller' Saxophonist. Und dann ist unter anderem noch der Ohrwurm Ne'eman drauf, der bereits in zwei gigantischen Liveaufnahmen mit dem ersten Quartett vorliegt und zu meinen absoluten Favoriten gehört. Das Album fällt sonnenklar in die Kategorie "unverzichtbar".
Joe Dvorak (27.12.2024, 03:14):


The Fourth Way (2023)

Brian Marsella (Klavier), Jorge Roeder (Kontrabass), Ches Smith (Schlagzeug)

Dies ist das zweite Album des zweiten Marsella-Trios, und es wird langsam schwierig, noch etwas zu schreiben, ohne mich zu wiederholen. Auch hier gibt es wieder alle Ingredienzen des späten Zorn. Leichte Alhambra- und Filmmusiken, atonale Bagatellenmelodien, freie Ausbrüche, lyrische Passagen, heftiger Bop und vieles mehr. Das Album beginnt mit einem 22-minütigen Stück, und da drängt sich Calculus vom ersten Marsella-Trio als Vergleich auf. Während die Komposition dort abstrakter, nun ja, kalkulierter wirkte, ist der Vierte Weg bei allen Kontrasten fließender, mehr der Idee des klassischen Jazz-Piano-Trios und weniger des Third Stream verpflichtet. Das hat durchaus seine Meriten, allerdings sind die fünf kurzen Nummern der 'B-Seite' etwas durchwachsen geraten, stark die balladesken Stücke, weniger zündend die freieren, so dass ich das bei aller Qualität des Spiels der Protagonisten nicht auf der allerhöchsten Höhe sehe, genauer höre.
Joe Dvorak (27.12.2024, 07:20):


Chaos Magick - 444 (2023)

John Medeski (Orgel), Brian Marsella (E-Piano), Matt Hollenberg (Gitarre), Kenny Grohowski (Schlagzeug)

Weniger Chaos, mehr Magie - so könnte man die Grundausrichtung des vierten Albums der Chaosmagier beschreiben. Überraschenderweise beginnt es diesmal nicht mit einer krachenden Start-Stop-Achterbahnfahrt durch ein halbes Dutzend Stile in weniger als einer Minute, sondern mit einem entspannten Groove, bei dem man sich sofort zurücklehnt und in die 70er Jahre träumt - Miles Davis, Return to Forever, Soft Machine. Das zweite Stück holt dann das versäumte Chaos-Intro nach, aber nur ein paar Sekunden, und schon perlt das E-Piano wieder. Erst gegen Ende dieses Titels taucht wie aus dem Nichts das erste mal ein Metal-Riff auf, und das macht an dieser Stelle durchaus Effekt. Der Nachfolger ist dann ein rifflastiges Stück, das von einer verträumten Ambient-Nummer abgelöst wird. Dann folgt mit Civil Obendience eine Komposition, die dichter ist als irgendetwas, was bisher aus dem Simulacrum-Umfeld kam. Man hat das Gefühl, dass Zorn hier alles, was er mit seinen Avantgarde-Jazz-Metal-Fusion-Gruppen produziert hat, in dreieinhalb Minuten pressen wollte - und bei allem wilden Wahnwitz wirkt es trotzdem schlüssig. Der Rest des Albums fällt nicht um ein Jota ab, auch wenn die ausgedehnt-monotone, kontemplative Schlussnummer zwei bis drei Anläufe braucht, um ihren Zauber zu entfalten. Das hat sich zu einem ähnlichen Dauerbrenner entwickelt wie Multiplicities I - Musik wie für mich geschaffen.
Joe Dvorak (28.12.2024, 02:22):


Incerto - Multiplicities II (2023)

Julian Lage (Gitarre), Brian Marsella (Klavier), Jorge Roeder (Kontrabass), Ches Smith (Schlagzeug)

Das zweite Album des Quartetts ist der zweite Teil des Repositoriums für nicht-existente Objekte, dessen erster Teil von Chaos Magick eingespielt wurde. Personelles Bindeglied ist Marsella, der dort nur elektrisch und hier nur akustisch spielt. Das selbstbetitelte Debüt von Incerto war über weite Strecken eine geradlinige Jazz-Session mit ein paar typischen Zornismen - filmschittartige Stilwechsel, abrupte Brüche, metrisch vertackte minimalistische Figuren, atonale Bagatellen-Melodien - als Alleinstellungsmerkmale. Hier ist es eher andersherum. Die Komposition dominiert, die improvisatorischen Freiräume sind beschränkt. In der ersten Hälfte der Platte ist mir das manchmal zu viel des Guten, wirkt hier und da stereotyp, aber immer dann, wenn die vier - leider viel zu selten - von der Leine gelassen werden und in den Fluss kommen, wird es packend. Die überaus starke zweite Hälfte macht die wenigen Minuspunkte aber mehr als wett. Was man bei dieser manchmal etwas unbequemen Musik leicht überhört, ist, welche Ausnahmekönner hier am Werk sind. Von diesem Quartett wünsche ich mir mal eine Platte, bei der Zorn wie bei Masada nur die Themen stellt und sich aus der Form und den Arrangements heraushält, so dass die Jungs wirklich 'ungestört' improvisieren können.
Joe Dvorak (28.12.2024, 03:01):


Memoria (2023)

John Zorn (Altsaxophon), Bill Laswell (Bassgitarre, Effekte)

Diese zweite, wieder in Echtzeit improvisierte Session des Duos ist ausgeglichener als die teilweise markerschütternd intensive, aber auch von Längen geplagte Reinigung The Cleansing. Ganz ohne das unverwechselbare Kreischen und Schnattern geht es nicht, aber über weite Strecken dominieren lyrische Klänge, die ihre Intensität allein aus dem großen Ton und der subtilen Gestaltung sowie dem eng verzahnten Zusammenspiel beziehen. Ganz groß.
Joe Dvorak (29.12.2024, 03:02):


Quatrain (2023)

Julian Lage & Gyan Riley (Akustik-Gitarre)



Nothing is as Real as Nothing (2023)

Bill Frisell, Julian Lage & Gyan Riley (Akustik-Gitarre)

Neues von der Akustikgitarrenfraktion. Das Duo soll einen unheimlichen und rätselhaften Roman vertonen. Davon höre ich allerdings nichts, in meinen Ohren ist das Thema verfehlt. Das ist wieder so eine Platte, die mir weder gefällt noch missfällt, sondern mich einfach unbeteiligt lässt. Besser ist das Trio, das neben grossartigen Passagen allerdings mit einigen Längen und Fadheiten geplagt ist. Beide Gruppierungen haben zuvor jeweils ein herausragendes Album abgeliefert und mir scheint, dass das Format, zumindest für mich als Gelegenheitshörer, ausgereizt ist. Diese neuen Beiträge sind jedenfalls verzichtbar.
Joe Dvorak (29.12.2024, 03:38):


Incerto - Full Fanthom Five (2023)




Incerto - Homenaje A Remedios Varo (2023)

Julian Lage (Gitarre), Brian Marsella (Klavier), Jorge Roeder (Kontrabass), Ches Smith (Schlagzeug, Tanbou)

Diese beiden Alben sind im Abstand von zwei Wochen erschienen, und es scheint mir, dass die Produktivität so langsam zu Lasten der Qualität geht. FFF ist introspektiver als die vorherigen Platten des Quartetts, die Tempi sind meist langsam. Ich meine, das liegt der Gruppe weniger, zumal hier die großen Einfälle fehlen - ich finde kaum etwas, das hängen bleibt und nach Wiederhören verlangt. Das könnte ein ECM-Allerweltsalbum sein. Die Hommage an einen surrealistischen Maler ist etwas abwechslungsreicher gearaten, aber sonst nicht gerade der Bringer. Nicht wirklich schlecht, aber alles so oder so ähnlich und schon besser dagewesen - ich verweise auf das selbstbetitelte Debüt Incerto.
Joe Dvorak (29.12.2024, 13:53):


Chaos Magick - Parrhesiastes (2023)

John Medeski (Orgel), Brian Marsella (E-Piano), Matt Hollenberg (Gitarre), Kenny Grohowski (Schlagzeug)

Das fünfte Album der Chaosmagier bietet als Neuerung die Beschränkung auf drei lange Titel mit Laufzeiten von 10 bis 15 Minuten. Das schlägt sich aber nicht in stringenten Kompositionen nieder, im Gegenteil, das Album mäandert vor sich hin und bietet nichts, was nicht schon oft fast, wenn nicht ganz wortwörtlich da war. Das ist nun wirklich Stillstand pur, und das hat offenhörbar auch Auswirkungen auf die Protagonisten, die das relativ lustlos herunterzuspielen scheinen, vor allem der sonst stets kreative und innovative Medeski spielt hier erschreckend einfallslos, aber auch Marsella bietet nicht viel mehr. Um sicher zu gehen, dass es nicht daran liegt, dass ich gegen Ende des Projekts des -trotz oder gerade wegen der stilistischen Vielfalt- etwas gleichförmigen Einerleis überdrüssig geworden bin, habe ich mir noch einmal die ersten beiden Alben dieser Band angehört, und die sind ein völlig anderes Kaliber. Es ist wirklich so, dass dieses Album unerklärlich schal geraten ist - und es sieht mir angesichts der letzten paar Werke, die ich gehört habe, insgesamt nach einer ziemlichen Durststrecke des Komponisten um die Zeit seines 70. Geburtstags aus.
Joe Dvorak (30.12.2024, 02:10):


The Hermetic Organ Vol. 11 - For Terry Riley (2024)
Office Nr. 27 (A New Door Opens - Elissa's Tears)
John Zorn (Orgel - Grace Cathedral, San Francisco, California)


The Hermetic Organ Vol. 12 - The Bosch Requiem (2024)
Office Nr. 30 (Part One: Crossing The River Styx - Part Two: A Pilgrimage Through Hell)
John Zorn (Orgel - Grote Kerk, Den Bosch, Nederland), John Medeski (Orgelassistent, Part Two)
Der elfte Teil gehört zu den besseren der Serie. Dass es nach dem Widmungsträger klingt, darf man freilich nicht erwarten. Im ersten Teil herrschen langgezogene Töne, Akkorde und Cluster vor - gleich in der Anfangsphase baut er ein Monstrum auf, das sich eigentlich nur dadurch erklären lässt, dass er auf dem Instrument liegt. Im zweiten Teil tauchen auch mal Melodiefragmente auf, die variiert werden. Was diese Improvisation auszeichnet, ist die klare Linie und die Inspiration, die ich bei manchen Vorgängern zu vermissen glaubte. Nicht schlecht, und in manchen Momenten kommen ganz vage Erinnerungen an die frühen Tangerine Dream (Alpha Centaury, Zeit) auf. Volume 12 besteht aus einem Probenmitschnitt und dem eigentlichen Konzert, bei dem Zorn zwischen zwei Orgeln wechselt. Nicht ganz so zwingend wie der Vorgänger, aber mit interessanten Klängen, die manchmal wie elektronische Effekte wirken.
Joe Dvorak (31.12.2024, 00:53):


Zorn/Harris - Love Songs (Live, National Sawdust, Brooklyn, NY, 16. Sep. 2023, VÖ: 2024)

Petra Haden (Gesang), Brian Marsella (Klavier), Jorge Roeder (Kontrabass), Ches Smith (Schlagzeug)

Ja, da hör her. Zorn (Musik, Arrangement) und Jesse Harris (Texte) haben für dieses Konzert, das im Rahmen der Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag des Komponisten stattfand, neues Material für Petra Haden bereitgestellt. Das Studioalbum der Sängerin ließ mich nicht gerade aus den Latschen kippen. Das vermag dieses zwar auch nicht ganz, aber ich komme nicht umhin, zu konstatieren, dass es sich um ein höchst erfreuliches, avantgardefreies Vocal-Jazz-Album mit hohem Wiederspielwert handelt. Haden ist eindringlich, besonders in den balladenhaften Stücken, wenn sie sich eher im unteren Bereich der Stimmlage aufhält, aber auch wenn sie flott in die höheren Lagen geht und das Musicalhafte zum Vorschein kommt, überzeugt sie. Ihre pop-informierte Schlichtheit hat einen ganz eigenen Charme. Freilich leistet die ebenso lustvoll wie feinsinnig aufspielende Begeleittruppe, die bereits zwei Beiträge zum Zorn-Katalog beigesteuert hat, und die Art und Weise, wie die das Trio und die Sängerin miteinander interagieren, einen entscheidenden Anteil an der Beglückung durch dieses Album.
Joe Dvorak (31.12.2024, 03:40):


Her Melodious Lay (2024)

Julian Lage & Gyan Riley (Akustik-Gitarre)

Gähn! Mehr Akustik-Gitarrenmusik und das ist für mich jetzt reines Aussitzmaterial. Das Album ist komplett durchkomponiert und es soll eine Mischung aus Klassik, Folk, Jazz und Filmmusik sein. Daraus kann, wie bei einem Blended Scotch, etwas ganz Außergewöhnliches werden oder ein fades, gleichmachendes Gebräu, und letzteres ist hier, mit Verlaub, der Fall. Die Musik plätschert vor sich hin, manches lässt aufhorchen, aber vieles löst bei mir ein nervendes Langeweilegefühl aus. Es stimmt etwas nachdenklich, dass das beste - und wirklich herausragende - Album des Duos ihr Beitrag zum Book Berah'ia (Vol. 4, Chesed) ist, bei dem Zorn nur die Heads beisteuerte und das Arrangement und die improvisatorische Ausführung ganz den Interpreten überließ.
Joe Dvorak (31.12.2024, 08:24):
Als dieser Thread vor genau 9 Monaten gestartet wurde, war das Orgelrezital für Riley das neueste Album. Seitdem sind 11 weitere hinzugekommen. Bei dieser ungebrochenen Produktivität ist ein Ende des Projekts wohl erst dann in Sicht, wenn Zorn oder Ich in die formlose Leere zurückkehren, das Forum schließt oder die Welt von wahnsinnigen Machthabern in den Abgrund gerissen wird. Bis dahin muss ich meinen Elan etwas bremsen, weil mein Stromanbieter die Alben mit einer gewissen Zeitverzögerung hochlädt, wobei ich das Prinzip dahinter noch nicht durchschaut habe. So sind die nächsten beiden Alben, die nun an der Reihe wären, das Brain Marsella Klaviertrio mit Ballades und Barbara Hannigans erstes Lied-Rezital (von Stephen Gosling am Klavier begleitet) im August diesen Jahres erschienen, aber noch nicht verfügbar, während das im November herausgekommene neue Painkiller-Album, das erste in Originalbesetzung seit 30 Jahren, bereits zum Herunterladen bereitsteht und auch Hannigans zweites Rezital (mit diversen Kammerensembles) schon angehört werden kann. Ich bleibe höchst gespannt dabei, schon allein wegen des nächsten Monats, für den ein absoluter Hammer angekündigt ist. Über Zorns Streichquartette und die Frage, wie viele er geschrieben hat, schrieb ich vor zweieinhalb Jahren (echt jetzt?) in einem anderen Thread:
Und jetzt wünsche ich mir eine Gesamteinspielung aller Wieviele-es-auch-immer-sind. Mit dem JACK-Quartett. Bitte :!:
Geliefert wie bestellt. Sie wird kommen, das Cover gibt es schon:



:leb
Joe Dvorak (24.01.2025, 08:12):


Ballades (2024)

Brian Marsella (Klavier), Jorge Roeder (Kontrabass), Ches Smith (Schlagzeug)

Das ist Album Nummer 3 des Trios, und der Titel verrät, was zu erwarten ist. Der PR-Text bringt eine übertrieben lange Liste von Inspirationen, von der man am ehesten Bill Evans herausgreifen kann, um zu zeigen, in welche Richtung es geht. Soweit es das Balladenformat zulässt, sind die 11 titelosen Nummern sehr variabel gestaltet. Es gibt melodische Stücke mit Ohrwurmcharakter und gelegentlich wird es etwas freier. Auch die atonalen Bagatell-Einwürfe, die sich durch Zorns Spätwerk ziehen, fehlen nicht. Sehr gut gespielt von allen Beteiligten, aber es gibt in diesem Bereich halt zu viel Konkurrenz, als dass sich das in der Spielliste verewigen könnte.
Joe Dvorak (25.01.2025, 02:41):


Hannigan Sings Zorn Vol. 1 (Live 2023, VÖ: 2024)

Barbara Hannigan (Stimme), Stephen Gosling (Klavier)
Jumalattaret (2012) nach Texten aus der Kalevala
Split The Lark (2021) nach Gedichtfragmenten von Emily Dickinson
Nazdar, Poupon, Nazda (1971)
Das Kunstlied ist eines der wenigen Felder, die Zorn noch nicht beackert hat, zumindest was Aufnahmen betrifft. Tatsächlich schrieb er sein erstes - hier als kurze Zugabe angefügt - bereits als Jugendlicher. Das Hauptwerk dieses Albums ist zweifellos der Jumalattaret-Zyklus, der mich, der ich dem Kunstlied wenig zugeneigt bin, in seinen Bann zu ziehen vermag. Der finnische Text wird rezitiert, die Gesangspassagen sind textlos. Die stilistische Bandbreite ist erwartungsgemäß groß, vom leichtgängigen Filmwerk bis zu heftigen atonalen Ausbrüchen ist alles dabei, erweiterte Gesangs- und Spieltechniken gibt es auch - aber alles wirkt homogen, und durch den großen Bogen reißt die Spannung nie ab. Zu den Qualitäten der Sängerin kann ich mangels Sachverstand kaum mehr sagen, als dass mir ihr Timbre und ihre eindringliche Diktion außerordentlich gut gefallen. Sehr erfreulich.
Joe Dvorak (25.01.2025, 14:30):


Lamentations (2024)

Bill Frisell, Julian Lage & Gyan Riley (Akustik-Gitarre)

Die wichtigste Änderung des siebten Albums des Trios im Vergleich zu seinen Vorgängern besteht darin, dass es nur vier Stücke enthält. Die ausgedehnten Songlängen werden für groß angelegte Entwicklungen und Strukturen genutzt, die das Album einerseits zum 'klassischsten' des Trios machen, andererseits den Protagonisten den nötigen Raum geben, um loszulassen und in den 'Flow' zu kommen. Das Ergebnis überzeugt auf ganzer Linie.
Joe Dvorak (26.01.2025, 03:32):


The Hermetic Organ Vol. 13 - Biennale Musica Venezia (2024)
Office Nr. 28 (Satyricon - Epistola)
John Zorn (Orgel - Palazzo Pisano, Conservatorio Benedetto Marcello, Venezia, Italia)
Jetzt schlägt es 13. Der Vortrag beginnt, wie so viele davor, im Grenzbereich zur Unhörbarkeit und es baut sich eine große Spannung auf. Diese verflacht aber sehr schnell, und es beginnt wieder dieses willkürlich wirkende Tastendrücken und Suchen, ohne dass etwas Zusammenhängendes oder wenigstens Faszinierendes oder Inspirierendes dabei herauskäme. Man kennt das aus dem Free Jazz und der Neuen Improvisationsmusik, dass es solche Passagen gibt, bis man sich (wieder) einfindet, und es macht gerade die Faszination dieser Musik aus, mitzuerleben, wie es schließlich wie von Geisterhand 'einrastet' und der oder die Spieler in den Fluss kommen. Das dauert mir hier aber entschieden zu lange, erst so in der zwölften von den 42 Minuten des ersten Teils Satyricon kommen Ideen und das hält auch nicht lange und er bricht ab, setzt neu an, bricht wieder ab - Stille - und dann, ungefähr zur Halbzeit, ist er endlich drin und was er von da an aus den beiden Instrumenten, zwischen denen er hin und her pendelt, herausholt, ist unerhört. Das Stück könnte "A Study in Difference Tones and Sonic Cross Talk" heißen - Namen wie James Tenney und Éliane Radigue kommen einem dabei in den Sinn. Mit konventionellem Orgelspiel hat das freilich nichts zu tun, mit Musik wenig, es sei denn, man hält sich an Radigue: infinitesimal variations, no breaks, no narration, just music that resonates with the world, a vibratory intensity that opens to introspective soundscapes. Man kann sich in diese hypnotischen Klanglandschaften hineinziehen lassen und sich darin verlieren, es ist geradezu spukhaft, wenn sich aus den Clustern immer wieder ganz leise Melodiefetzen herauszulösen scheinen. Die Schlusssteigerung kann man nur noch orgiastisch nennen. Danach ist der kurze zweite Teil Epistola geschenkt. Diese Platte ist repräsentativ für die Hermetik-Serie. Vieles ist nichts und manches nicht von dieser Welt.
Joe Dvorak (27.01.2025, 02:17):


Hannigan Sings Zorn Vol. 2 (Live, Miller Theatre, Columbia University, NY, 16. Nov. 2023, VÖ: 2024)

Barbara Hannigan (Stimme)
Liber Loagaeth (2021)
+ JACK Quartet
Star Catcher (2022)
+ Stephen Gosling (Klavier), Jorge Roeder (Kontrabass), Ches Smith (Schlagzeug)
Ab Eo, Quod (2021)
+ Jay Campbell (Violoncello), Sac Hashimoto (Vibraphon), Ikue Mori (Elektronik)
Pandora's Box (2012)
+ JACK Quartet
Das zweite Rezital bringt drei Kompositionen, die speziell für Hannigan geschrieben wurden. Das Programm ist sehr abwechslungsreich und reicht vom mystischen Gebet des Eröffnungsstücks über den wilden Third Stream des Sternenfängers -komponiert für Sopran & Klavier und hier durch eine improvisierende Jazz-Rhythmusgruppe verstärkt - bis hin zur Ballade Ab Eo, Quod, die durch den kreativen Einsatz von Moris kommentierender Elektronik besticht. Komplettiert wird das Programm durch Pandora's Box, das bereits früher auf dem Album Myth und Mythopoeia (2014) mit Sara Maria Sun und dem Arditti Quartet zu hören war. Diese ältere Version ist um einiges intensiver, vor allem der blanke Wahnsinn des Mittelteils bleibt bei Hannigan im Vergleich etwas harmlos. Insgesamt ist das Album dennoch eine runde Sache und für neugierige Neuton-Jäger mit Stimmaffinität einen Hörversuch wert.
Joe Dvorak (29.01.2025, 03:34):


New Masada Quartet - Vol. 3 (Live, Roulette, Brooklyn, NY, 24. Mai 2024)

John Zorn (Altsaxophon), Julian Lage (Gitarre), Jorge Roeder (Kontrabass), Kenny Wollesen (Schlagzeug)

Live legt die Band noch eine Schippe drauf und übertrifft ihre Studioalben, wie es schon beim ursprünglichen Masada Quartet der Fall war. Die Neuen sind auf der gleichen schwindelerregenden Höhe, und daher kopiere ich einfach, was ich damals geschrieben habe: Das ist Jazz von einem anderen Stern, in jeder Hinsicht (Titelauswahl und -abfolge, Themen, Songstrukturen, Gestaltung der Soli und Kollektivimprovisationen, Dichte, Konzentration, Präzision, Verbundenheit, Zusammenklang, Variabilität, Einfallsreichtum, Hingabe, Intensität, Energie...) absolut makellos. Na gut, das Energielevel und die Intensität sind hier nicht ganz so hoch, oder besser gesagt, sie sind anders - weniger durchdringend, mehr eindringlich. Hervorzuheben ist, wie sehr sich Zorn als Saxophonist verfeinert hat. Sein heftig überblasenes Spiel wirkt immer noch wie ein Ohrpiercing, aber er glänzt ebenso mit Subtilitäten und Zwischentönen in allen Schattierungen und verfügt über einen betörenden, einnehmenden Ton - man höre die Einleitung zu Karaim oder am besten das ganze Stück, das eine der stärksten Melodien aus dem Masada-Liederbuch enthält. Nein, man höre das ganze Konzert, denn das Album ist nicht in Tracks unterteilt - das ist auch nicht nötig, denn hier gibt es nichts zu überspringen, dafür aber viel atemlos zu bestaunen.
Joe Dvorak (30.01.2025, 02:32):


Painkiller - Samsara (2024)

John Zorn (Altsaxophon), Bill Laswell (Bassgitarre), Mick Harris (Elektronik)

Das letzte Studioalbum der Schmerzmittel in Originalbesetzung liegt 30 Jahre zurück und so durfte man gespannt sein. Die größte Neuerung steht schon in der Besetzungsliste. Harris hat sein donnerndes Schlagzeug gegen Elektronik eingetauscht. Die Muster, die er erzeugt, sind originell, es sind weniger Schläge als vielmehr Geräusche und peitschende Impulse, die sich komplex zu Beats verweben. Laswell fügt Tieftonfundament hinzu, und darüber tobt sich Zorn aus, überwiegend frei, kreischend, röhrend, quäkend, wie man es von der Originalband kennt. Ich hatte in den 00er Jahren mal eine Phase, in der ich hauptsächlich Dance/Trance/Tech gehört habe und war besonders vom Darkpsy fasziniert, bei dem die Schlagmuster auf ähnliche Weise erzeugt werden, und ich habe mir immer gedacht, wie übercool das wäre, wenn da jetzt ein Free-Jazz-Saxophon drüber improvisieren würde. Voilà! Allerdings kann man nicht wegleugnen, dass das über die 40 Minuten etwas eintönig wird. Die 8 Teile unterscheiden sich kaum voneinander, bei vielen Tracks ist auch nach mehrmaligem Hören kein charakteristisches Gesicht auszumachen. Die besten Momente hat das Album, wenn entweder Zorn oder Harris aussetzen - hätte man diese Passagen öfter eingebaut und ausgedehnt, wäre es vielleicht ein ganz großes Album geworden. Vielleicht hat das auch die Band erkannt, jedenfalls ist für Februar bereits ein Nachfolger angekündigt, für den mehr Abwechslung und Flexibilität in der Gangart und sechs Tracks mit unterschiedlichen Stimmungen und Tempi versprochen werden.
Joe Dvorak (31.01.2025, 03:33):


Ou Phrontis (2024)

Brian Marsella (Klavier), Jorge Roeder (Kontrabass), Ches Smith (Schlagzeug)

Ou Phrontis ist ein altgriechischer Ausdruck und bedeutet wörtlich "ohne Sorge" oder "ohne Gedanken". Wie er verstanden wird, hängt vom Kontext ab. Als bewusste Entscheidung zur Gelassenheit oder heutzutage als Ausdruck von Gleichgültigkeit oder Desinteresse ("Wen kümmert's"). Und damit hat der Rezensent die perfekte Steilvorlage für ein Album, das zwar sehr gut ist, aber halt nicht mehr bietet als das immer Gleiche. Ou Phrontis.
Joe Dvorak (01.02.2025, 08:53):


The Complete String Quartets (2025)

JACK Quartet
Christopher Otto (Violine), Austin Wulliman (Violine), John Pickford Richards (Viola), Jay Campbell (Violoncello)

Für die Beschreibung der Werke lasse ich die Protagonisten selbst zu Wort kommen. (JACK Quartet Releases First-Ever Recording of Composer John Zorn’s Complete String Quartets — JACK Quartet, gekürzt von Joe, dann übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version) und dann weiter modifiziert von Joe.)
Cat O'Nine Tails (1988) ist eine Hommage an viele von Zorns musikalischen Helden und bereitet die Bühne für die unerwartete Poesie von Zorns „sich schnell bewegenden, fluiden Blockform-Systemen“.
The Dead Man (1990) verbindet die Energie des Hardcore-Punk mit der Präzision von Weberns Bagatell-Miniaturen.
Memento Mori (1992), das von Alban Bergs Lyrischer Suite inspiriert wurde, ist das strengste der Quartette und bedient sich einer seltsamen hermetischen Sprache, die sich im Laufe von fünfundzwanzig Minuten langsam entfaltet und mit versteckten Botschaften, Lyrizismus und Mikrotönen durchsetzt ist.
Kol Nidre (1996), ursprünglich aus dem Masada-Liederbuch, ist eine Art Gebet und wurde für Streichquartett, Streichorchester und Klarinettenquartett arrangiert.
Necronomicon (2003) ist eine subtile Hommage an Bartoks 4. Quartett - es strapaziert die klassischen Streichertechniken bis zum Äußersten. In fünf Sätzen schöpft dieses Stück aus Hermetik, Alchemie, Magie, Mystik und mehr und vermittelt ein Gefühl von avantgardistischem Musiktheater.
The Alchemist (2011) erkundet einige verblüffende neue Orte, einschließlich flüchtiger Bezüge zu Beethovens Großer Fuge.
The Remedy of Fortune (2015) ist ein von mittelalterlicher Musik beeinflusstes, wunderschönes Stück. Der Untertitel bestätigt, dass es sich um ein romantisches Werk handelt, das mit intensiven Affekten und Schmerz gefüllt ist. (Anm. v. Joe: Das ist die Sichtweise eines Quartetts, das sich auf Neue und Neueste Musik spezialisiert hat. Man darf daher nicht erwarten, dass das so leicht verdaulich ist wie etwa Bartok oder Shostakovich).
The Unseen (2017) wurde von den Philosophien und der spirituellen Kunst von Hilma af Klint inspiriert und wurde 2018 im Guggenheim Museum im Rahmen einer Retrospektive ihres Werks uraufgeführt.
Die ersten vier Quartette sind bereits in zwei verschiedenen Sammlungen erschienen: The String Quartets (1999) und Cartoon / S&M (2000); das erste wurde zudem vom Kronos Quartet aufgenommen. Die Nummer 5 erschien auf dem Album Magick (2004) mit dem Crowley Quartet, der Nachfolger auf dem Album The Alchemist (2014) mit Jay Campbell, David Fulmer, Pauline Kim & Jesse Mills und schließlich Nr. 7 auf Sacred Visions (2016), dort ebenfalls vom JACK Quartet gespielt, das seither aber auf zwei Positionen umbesetzt wurde. Das letzte Quartett schließlich liegt hier als Ersteinspielung vor.

Ich bin eigentlich über die Vergleichshörerei hinweg, aber es hat mich dann doch gereizt, mir das zumindest für das Erstlingswerk noch einmal anzutun. Die fulminante Einspielung des Kronos Quartet von ihrem Album Short Stories (1993) ist geprägt von Explosivität, Präzision und Theatralik. Eine fesselnde Interpretation, die Chaos und Kontrolle ausbalanciert und für mich die "Referenz" darstellt. Mit Erik Friedlander, Mark Feldman, Joyce Hammann & Lois Martin (The String Quartets, 1999), manchmal auch als Zorn Quartet oder Quartet de Sade bezeichnet, haben Musiker, die eng mit Zorns Werk verbunden sind - Feldman und Friedlander machen zwei Drittel des Masada String Trio aus - eine Interpretation vorgelegt, die intimer und nuancenreicher ist als die des Kronos Quartet. Sie fokussieren sich auf das Zusammenspiel der Instrumente und stellen die jazzigen und improvisatorischen Elemente der Komposition heraus. Das Quatuor Molinari (Cartoon / S&M, 2000) bietet eine zurückgenommenere und polierte Interpretation. Ihre Darbietung betont die strukturelle Komplexität des Stückes, mit einem Fokus auf Klarheit und Präzision - was allerdings durch den verhallten und distanzierten Klang teilweise konterkariert wird. Das JACK Quartet betont die hektische und unvorhersehbare Natur des Stücks und bringt eine rohe Energie ein - die durch den üppigen und farbigen, fast orchestralen Ensembleklang etwas neutralisiert wird. Es ist eine Interpretation, die einerseits hart an der Grenze zum Chaos entlang schlittert, andererseits aber die Schnitte und Brüche so natürlich wie möglich erscheinen lässt. Primarius Chris Otto sagt: "When I inhabit the disparate stylistic universes and find joy in the cross-level paradoxes, the music’s multiplicity leads me to perceive a sense of underlying unity. Coherence and incoherence cocreate each other" (Quelle s. oben). Und der Mann schwafelt nicht nur, er macht es mit seinem Ensemble nachhör- und erlebbar.
Joe Dvorak (03.02.2025, 04:47):
Die Bagatellen sind ein weiteres Buch mit 300 Liedern, die weitgehend atonal sind und beweisen, dass Melodien ohne tonales Zentrum nicht unbedingt schräg und sperrig sein müssen; viele sind geradezu unverschämt eingängig und haben einen hohen Wiedererkennungswert. Neben der Verwendung als reine Heads, bei denen das Arrangement und die improvisatorische Verarbeitung den Interpreten überlassen bleibt, finden sich Teile oder Kombinationen davon in etlichen von Zorns Kompositionen seit den 10er Jahren. Die Motive wirken verwandt und sind so charakteristisch, dass man bei ihrem Auftauchen sofort erkennt, wer der Komponist ist, egal ob sie in einem Werk für Jazz-Metal-Band oder für klassisches Solo-Klavier oder in irgendeiner anderen Besetzung und einem anderen Stil eingesetzt werden.

Die Bagatellen-Serie wurde erstmals zwischen 2021 und 2023 veröffentlicht, allerdings nur in vier auf 300 Exemplare limitierten 4-CD-Boxen und bislang weder über die üblichen Vertriebswege erhältlich noch über Streaming-Dienste verfügbar. Ich habe mir in einem 'Gewaltakt' alle 16 Alben an einem Wochenende einverleibt, als sie gerade auf YouTube waren - und ich außerhalb der Great Firewall. Das war natürlich ein bisschen oberflächlich und ich bin froh, dass sie nun nach und nach regulär herauskommen, denn einige fordern eine intensivere Beschäftigung, so wie gleich das erste Volumen.




Mary Halvorson Quartet - Bagatelles Vol. 1 (2025)

Mary Halvorson (Gitarre), Miles Okazaki (Gitarre), Drew Gress (Kontrabass), Tomas Fujiwara (Schlagzeug)

Dieses Quartet hat bereits einen Beitrag zum Book of Angles (Paimon, Vol. 32) geleistet. Dort habe ich die Qualitäten der Gitarristin und ihrer Mitstreiter beschrieben, und das lässt sich genauso auf dieses Album übertragen. Hier gefallen sie mir sogar noch etwas besser, weil die Themen (Heads) origineller sind und noch mehr Klangexperimente gewagt werden, die aber nie wie Selbstzweck wirken, sondern dramaturgisch wirkungsvoll eingesetzt werden. Das kurze Album ist eines der hellsten Glanzlichter in der gesamten Zorn-Diskographie.
Joe Dvorak (03.03.2025, 03:38):


Painkiller - The Equinox

John Zorn (Altsaxophon), Bill Laswell (Bassgitarre), Mick Harris (Elektronik)

Painkiller - Samsara (2024)
(...)
Die besten Momente hat das Album, wenn entweder Zorn oder Harris aussetzen - hätte man diese Passagen öfter eingebaut und ausgedehnt, wäre es vielleicht ein ganz großes Album geworden. (...) Für Februar bereits ein Nachfolger angekündigt, für den mehr Abwechslung und Flexibilität in der Gangart und sechs Tracks mit unterschiedlichen Stimmungen und Tempi versprochen werden.
Nun ist der Nachfolger da, und tatsächlich sind die gewünschten Passagen reichlich vorhanden, bei einem Track setzt Zorn sogar komplett aus. Auch die anderen Versprechen wurden eingehalten, insbesondere die Schlagmuster sind variabler und meist perkussiver, und doch will mich das nicht so recht überzeugen. Die Stücke sind zwar abwechslungsreicher, aber Zorn macht von ein paar Ausnahmen abgesehen nicht recht mit und spielt keifend seinen Stiefel runter. Unterm Strich ist das kompromisslose Samsara-Album dann doch klar vorzuziehen, weil Zorns Spielweise besser zu den dort vorherrschenden, hart-treibenden Schlagmustern passt.
Joe Dvorak (03.03.2025, 06:32):


Erik Friedlander and Michael Nicolas - Bagatelles Vol. 2 (2025)

Michael Nicolas & Erik Friedlander (Violoncello)

Wie Halvorsons Beitrag zu den Bagatellen erschien auch dieser erstmals 2021 als Teil der limitierten Box One. Mein knappes Resümee dazu kann so stehen bleiben. Zwischen klassischer bis moderner Kammermusik und Avantgarde-Jazz sowie vielen anderen Einflüssen von Filmmusik bis Rock bewegt sich das feine Cello-Duo. Typisch Zorn, möchte man sagen. Als Eckpunkte gibt es vertracktes, neutönerisches Gesäge und es gibt zahlreiche Passagen, in denen einer der Protagonisten eine einfache Begleitfigur spielt, über der sich der andere aussingt - das klingt dann sehr nach Zorns spätem Filmwerk. Die Variabilität des Duos entspricht in etwa der des Madada String Trios. Also meist auf der zugänglicheren Seite, mit gelegentlichen Ausflügen in freie bis geräuschhafte Gefielde, aber nie ausufernd. Dass die zugrunde liegenden Themen freitonal sind, ist kaum wahrnehmbar. Dass die klanglich fein ausgehörten Arrangements, die Virtuosität und das Zusammenspiel der beiden unschlagbar sind, sticht dagegen sofort ins Ohr. Ohne den Anstoß durch dieses Hörprojekt wäre ich kaum je auf die Idee gekommen, eine Cello-Duo-Platte aufzulegen. Aber diese kurze und kurzweilige Scheibe ist eine echte Bereicherung des Hörrepertoires mit hohem Wiederspielwert.
Joe Dvorak (22.03.2025, 02:52):


Trigger - Bagatelles Vol. 3 (2025)

Will Greene (Gitarre), Simon Hanes (E-Bass), Aaron Edgcomb (Schlagzeug)

Das ist verdammt schwerer Stoff. Tigger (es gibt unzählige Bands mit diesem Namen) werden dem Noise-Rock zugeordnet, und schon nach den ersten Sekunden wird klar, warum. Die extrem übersteuerten Saiteninstrumente und das wuchtig krachende Schlagzeug erzeugen eine Lärmwand, die sehr unangenehm klingt und in der Intensität elektronischen Geräuschkünstlern wie Merzbow kaum nachsteht. Das erinnert an die zwölftönigen Enigmata (2011), die ursprünglich als Duo mit Gitarre und Bass komponiert und herausgebracht, dann später um Schlagzeug erweitert unter dem Titel Valentine's Day (2014) nochmal eingespielt wurden. Während ich das seinerzeit als unanhörbar abhakte, fordern mich Trigger ein ums andere Mal zum Wiederhören auf. Wenn man den Fehdehandschuh aufnimmt und sich erst einmal auf den Sound eingestellt hat, ist es bei allem Krach spannend, was das Trio aus den Themen macht, wie sie mal gegeneinander spielen, mal zusammenfinden und in diesem vermeintlichen Chaos immer wieder präzise Starts und Stopps setzen. Extrem ruppig und verknotet, aber durchaus nicht ohne die eine oder andere Finesse, wird das mit 15 Titeln in 39 Minuten kurz und knackig auf den Punkt gebracht. Dafür muss man allerdings volle Konzentration aufbringen, beim Nebenherhören wird das schnell höchst irritierend. Und wenn man durch ist, wirkt der Alltagsgeräuschpegel plötzlich entspannend still.
Joe Dvorak (21.04.2025, 07:56):
Seit dem letzten Eintrag hat Zorn drei weitere Alben auf den Markt geworfen, die aber alle nicht sonderlich bemerkenswert sind. Das sechste Album von Choas Magick Through the Looking Glass ist deutlich besser als der unstrukturierte und ideenlose Vorgänger, aber insgesamt scheint das Konzept 70er-Jazz-Prog trifft Atonalität ausgereizt zu sein. Painkiller legen nach der Wiedervereinigung der Originalbesetzung ihr drittes Album The Great God Plan vor und wenden sich diesmal ganz dem Ambient zu. Das klingt nicht viel anders als die Duo-Aufnahmen mit Laswell und Zorns zirkuläres Geheule nervt bisweilen. Der vierte Teil der Bagatellen-Reihe ist ein Solo-Feature für die Laptop-Künstlerin Ikue Mori. Das hat schon was, aber in diesem Metier gibt es weit besseres. Angekündigt ist ein weiteres Album des Brian Marsella Trios, das nach der Suite, den Balladen und den Bagatellen nun die Form der Impromptus auf das Jazz-Klaviertrio loslässt. Auch hier ist die Neugierde längst erloschen. Es wird Zeit, dieses wie jedes Joe-Großprojekt mit einer Rangliste abzuschließen.
Joe Dvorak (04.05.2025, 10:56):
Du darfst auf gar keinen Fall jemals auch nur daran denken, die gesamte Diskographie anzuhören. Das ist eine Einwegfahrkarte in den Wahnsinn. (Sputnikmusic Review New-Masada-Quartet Vol.-2)

Zum Glück war ich schon verrückt genug, bevor ich dieses Projekt in Angriff genommen habe und habe das unbeschadet überstanden. Aber bei der Nachlese droht die Gefahr, den Punkt ohne Wiederkehr zu passieren. Wie um Hölles Willen soll man diesen hyperdiversen Arbeitskörper, für den es einfacher ist, die nicht gestreiften Genres aufzuzählen, aus über 300 Aufnahmen bewerten und in eine Rangfolge bringen. Und wie viele soll man berücksichtigen? Hier halte ich mich an die in der Arbeitswelt unausrottbare Regel, dass nicht mehr als 5% aus einer Menge herausragend sein können. Im Falle von Zorn muss sich die Auswahl also Stand heute auf 16 Alben beschränken, was bedeutet, dass einige, die mit dem Prädikat "absolut unverzichtbar" oder ähnlichem versehen wurden, außen vor bleiben. Das ist der Wahnsinn. Was sind die Kriterien? Komposition: Komplexität (im richtigen Maß), Einfallsreichtum in Rhythmik, Melodik, Form, Klang und Stil, Eigenständigkeit. Ausführung: Virtuosität (im richtigen Maß), Zusammenspiel, Unverwechselbarkeit. Hörerlebnis: Konzeptioneller Fluss des Albums, Sogwirkung, Fantasieanregung. Nachwirkung: Zufriedenheit, Erkenntnisse, die über die Musik hinausgehen. Langzeitwirkung: Immer wieder hören wollen. Diese Kriterien wurden gewichtet und mit Punkten versehen. Dann zusammenzählen und auf 100 skalieren. Fertig.

Cobra (2002) - 93/100 - Game Piece
Die Grundidee der Game Pieces besteht darin, die an sich unvereinbaren Gegensätze der freien Improvisation und der strukturierten Komposition miteinander zu verbinden, indem die Spieler zwar spontan ohne Vorbereitung und Noten spielen, sich dabei aber Regeln unterwerfen und bestimmten 'Taktiken', Abläufen, Kommunikationsvorgaben und dergleichen folgen müssen, die vom "Prompter" mit Hilfe von Karten angezeigt werden. Mit diesem Konzept wird es ermöglicht, Musikern mit den unterschiedlichsten Hintergründen wie Neue Improvisationsmusik, Jazz, Elektronik und sogar kreativen Rock/Punk/Metal-Musikern einen strukturellen Rahmen zu geben, in dem sie zusammenspielen und wirklich ungehörte Klanglandschaften erschaffen können.
Cobra wurde 1984 komponiert und gilt als eines der meist aufgeführten Werke der klassischen Avantgarde. Wahrscheinlich wäre Zorns Nachruhm auch gesichert gewesen, wenn er nach dem Durchbruch mit diesem Werk nichts mehr komponiert hätte. Vielleicht wäre er sogar noch größer, denn weil er sich später in Gefilde begeben hat, die -manchmal zu Unrecht- bei Kennern und Liebhabern der Modernen Kunstmusik einen schlechten Ruf haben, wird wiederum die Seriosität seiner “ernsten“ Werke in Frage gestellt. Sei's drum: Die Aufnahme von 2002 hat eine geradezu magische Sogwirkung, die sich auch beim x-ten Hören zuverlässig einstellt.
Godard / Spillane (AD: 1985 & 1986, VÖ: 1999) - 91,5 - File Card Work ("Hörfilm")
Die Karteikarten-Kompositionen basieren auf Inspirationsquellen wie Personen, Filme, Bücher oder dergleichen. Zu dem gewählten Thema werden Ideen in Form von Notentexten, graphischer Notation, Texten oder Bildern auf Karteikarten festgehalten. Die Zettel werden dann geordnet und bilden die Form und Struktur der Komposition. Dies kann mit dem Schnitt eines Films verglichen werden, bei dem die einzelnen Szenen zu einer Handlungsfolge zusammenmontiert werden. Die detaillierten Inhalte werden dann anhand der Vorgaben auf den Karteikarten erarbeitet, entweder auskomponiert oder durch Improvisation. Bei dieser Machart ist es kein Zufall, dass die Werke wie ein Film für die Ohren wirken und laut Zorn cineastisch gehört werden sollen.
Simulacrum - Baphomet (2020) - 91 - Avantgarde-Jazz-Metal
Das sprudelt einer verborgenen Ordnung folgend, wie aus einer höheren Quelle als konstanter Bewusstseinsstrom hervor. Höhepunkte kann man hier beim besten Willen nicht mehr ausmachen, es ist ein einziger Höhenrausch von der ersten bis zur letzten Minute.
Banquet of the Spirits - Yesod, The Book Beri’ah Vol. 9 (2019) - 90 - Jazz, Weltmusik, Exotica
"Heavy Easy Listening", wie es sonst nur Pat Metheny hinbekommt. Das ist ein Hit, ein Dauerbrenner, das macht Freude, das befriedigt Kopf und Bauch, das ist der reinste Bliss.
Nova Express - Dreammachines (2013) - 89.5 - Jazz, Third Stream
Das fügt sich wie aus einem Guss zu einem zyklisch angelegten Album der absoluten Extraklasse und ist einfach fantastisch gespielt. Kompakt, stimmig, rund und geschlossen - perfekt.
Sacred Visions (2016) - 88 - Streichquartett, A cappella
Ehrfurchtgebietend! Man muss es hören, um zu begreifen, wie eins ins andere greift, wie alle Kompositions- und Aufführungstechnik transzendiert wird, sich geradezu auflöst - und nur noch heilige Visionen übrig bleiben.
Masada String Trio / Bar Kokhba Sextet - The Circle Maker (1998) - 87.5 - Jazz, Surf, Avantgarde, Weltmusik
Die Qualität des Spiels und des Zusammenspiels, die Hingabe, die Virtuosität, das feine Aushören des Ensembleklangs, die Kaskade von unzähligen Gänsehautmomenten machen regelrecht süchtig. Zorns "Radical Jewish Culture", in der die Tradition reflektiert und zugleich in die Moderne überführt wird, hat hier einen ersten absoluten Höhepunkt erreicht.
Dictée Liber Novus (2010) - 85 - File Card Work ("Hörfilm")
Das Ganze entfaltet sich stimmig und logisch wie, nun ja, ein Hörfilm und ist eine rundum erfreuliche und erbauliche Angelegenheit mit hohem Suchtfaktor.
The Cracow Klezmer Band - Sanatorium Under The Sign Of The Hourglass (2005) - 84.5 - Klezmer
Du denkst, du kennst Klezmer-Musik? Nicht bevor du das gehört hast.
Masada - Live in Sevilla (2000) - 84.5 - Postmoderner Jazz
Zorns klavierloses Originalquartett, mit dem er begann, sein Masada-Liederbuch aufzunehmen. "Ornette Coleman meets Klezmer". Ein überragendes Konzert mit unzähligen Höhepunkten. Konzentration, Dichte und Präzision sind beeindruckend.
Femina (2009) - 84 - File Card Work ("Hörfilm")
Das überzeugt, bezwingt, hypnotisiert, beglückt von der ersten bis zur fünfunddreißigsten Minute restlos, uneingeschränkt, vollkommen, ohne wenn und aber.
AutorYno - Flauros, Book of Angels Vol. 29 (2016) - 83.5 - Indie-Rock, Jazz, Klezmer, Dub, Psychedelic
Der Sound des elektrischen Powertrios (E-Gitarre, Bass, Schlagzeug) harmoniert in meinen Ohren überraschenderweise besonders gut mit den orientalisch gefärbten Melodien.
The Spike Orchestra - Cerberus, Book of Angels Vol. 26 (2015) - 83 - Bigband-Jazz
Das ist definitiv ein willkommener und hochwertiger Eintrag ins Engelbuch und macht Lust, mich mal wieder intensiver mit den Großformationen des Jazz zu beschäftigen.
The Gift (2001) - 80.5 - Easy Listening, Weltmusik, Surf, Exotica
Ich kannte zuvor schon einschlägige Sachen wie Spillane, Naked City oder Elegy, aber dieses Album war meine Einstiegsdroge in die Zornsucht.
The Fourth Way (2023) - 80 - Jazz-Klaviertrio
Das Klaviertrio wurde von Zorn häufig bedient. Leider ist der herausragende Betrag von Jamie Saft zum Book of Angels (Vol. 1) eines der wenigen klanglich missratenen Alben im Zornkatalog. Brian Marsella hat bisher 9 Einspielungen gemacht. Meine ursprüngliche Einschätzung, dass diese hier nicht zu seinen allerbesten gehört, hat sich geändert. Allein für den 23-minütigen Eröffnungstrack muss das in die Bestenliste.
Cartoon/S&M (2000) - 79.5 - Moderne Klassik
Ein Querschnitt durch Zorns "ernste" Musik aus dem letzten Jahrtausend. Streichquartette, Soloklavier, Kammerorchester, u. a.
Das war einfach. So einfach, wie sich selbst alle Zähne zu ziehen.