Jon Leifs - Der Nordischste unter den nordischen Komponisten
Nordolf (20.02.2008, 00:19): Jon Leifs war einer der Nordischsten unter den nordischen Komponisten. Er wurde 1899 in einem der am weitesten im Norden liegenden Länder, in Island geboren. Dort starb er auch 1968 in Reykjavik. Die Themen seiner Werke sind allesamt der altnordischen Überlieferung oder der isländischen Landschaft verpflichtet.
Der Komponist verbrachte einige Jahrzehnte seines Lebens in Deutschland. An der Leipziger Musikhochschule studierte er. Und in Wernigerode, in Süddeutschland sowie in der Nähe von Berlin lebte Leifs mit seiner Frau - der jüdischen Pianistin Annie Riethof - zusammen. Im Dritten Reich wurde seine Musik von den Kulturfunktionären auf die Schwarze Liste gesetzt. Aufgrund seiner Ehe mit einer Jüdin blieb er einigen Schikanen ausgesetzt. Man muss allerdings sagen, das diese Schikanen nie lebensgefährlich wurden und Leifs' Verhältnis zum Dritten Reich nicht nur von Antipathie geprägt war. Noch 1941 konnte er in der Berliner Philharmonie immerhin sein Orgelkonzert selbst dirigieren: - während der Aufführung verließ ein Großteil der Zuschauer den Saal. 1944 - also buchstäblich in letzter Sekunde - erlaubte man ihm und seiner Familie auszureisen. Nach dem 2. Weltkrieg kamen deshalb Gerüchte auf, das er für Deutschland spioniert haben sollte, was Leifs heftig bestritten hat. Jedenfalls erschwerten diese Gerüchte noch zusätzlich die Rezeption seiner ohnehin sehr eigenwilligen Musik.
Die mir hier vorliegende Saga-Symphonie wurde im Jahre 1941 komponiert. Leifs beschäftigte sich zu dieser Zeit intensiv mit den altisländischen Sagas, deren Großteil im 13. und 14. Jahrhundert niedergeschrieben wurde. Ihre Stoffe entnahmen die Sagas aber den Überlieferungen der Wikingerzeit und südgermanischen nach den Norden gewanderten Geschichten. Die Sprache der Sagas wirkt in ihrer Kürze, ihrem Lakonismus recht modern und scheint fast einen Ernest Hemingway vorwegzunehmen. Island war im Jahre 1000 offiziell zur christlichen Religion übergetreten. Damit verschwand jedoch nicht die Praxis des früheren Heidentums. Nicht selten verehrte man Thor und Christus gleichzeitig. Bis weit ins Hochmittelalter hinein standen die altheidnischen Überlieferungen in hohem Ansehen und wurden teilweise mit christlichen Elementen vermischt. Einige Sagas sind völlig frei von jeder christlichen Zutat (z.B. die über den Skalden Egil). Die isländischen Geistlichen fühlten sich stark mit ihrer Heimattradition verbunden. Nur so ist es zu erklären, das noch im 13. Jahrhundert ein Christ wie Snorri Sturluson in der "Jüngeren Edda" unverhohlen seiner Bewunderung für die germanische Mythologie Ausdruck verleihen konnte. Zu einem Großteil hat die Inselsituation des kleinen Landes dazu beigetragen. Fernab der großen Umwälzungen in Europa, fernab der eigentlichen Missionszentren konnte sich hier die alte Überlieferung halten. Donar-Eichen wurden in Island glücklicherweise nie gefällt.
Auf einige Helden dieser Überlieferung beziehen sich die fünf Sätze:
1. Skarphedinn aus der Njals-Saga: - ein intelligenter, aber vom Unglück verfolgter Krieger, der mutig seinem Tod in die Augen blickt. 2. Gudrun aus der Geschichte von den Leuten aus dem Lachswassertal: - eine dieser manchmal in den Sagas auftauchenden sehr stolzen Frauen, die den Mord an ihrem Mann rächt und einen Hof zu führen versteht. 3. Kari, der Draufgänger und Björn, der Feigling aus der Njals-Saga bestehen gemeinsam einen Kampf. 4. der Geächtete Grettir muss mit dem Wiedergänger Glamur kämpfen und wartet auf das mit starken physischen Kräften ausgestattete Gespenst. 5. der Heldentod des Skalden Thormodr Kolbrunarskald in der Schlacht von Stiklestad in Norwegen
Die Symphonie ruht auf einem tonalen Grund, entfernt sich aber von jeder konventionellen Klangsprache. Leifs komponierte nach den Prinzipien der isländischen Musiküberlieferung. Wie in den traditionell isländischen "Zwiegesängen" (tvisöngur) verwendete er sogenannte Quintparallelen. Bei den Zwiegesängen sah das so aus, das die Stimmen des Männerchores von einer solistisch und improvisierend agierenden Nebenstimme ergänzt wurden. Typisch für Leifs Musik ist auch der "Teufelsintervall", d.h. die übermäßige Quart bzw. der Tritonus. Im Spätmittelalter galt dieser drei Ganztöne umfassende Intervall als "diabolus", weil er die stärkste Dissonanz innerhalb der modalen und tonalen Musik darstellt. Weiterhin emanzipiert Leifs den Rhythmus - ähnlich wie Strawinsky im "Sacre" - und lässt ihn zum dominierenden Träger der Musik werden. Ausgefeilte Melodien wird man bei Leifs vergeblich suchen. Die repetativen Rhythmen und Töne kreisen um ihr tonales Zentrum, was eine gewisse hypnotische Trancewirkung erzielt. Im Grunde sind die Werke von Leifs keine abendländischen Orchesterkompositionen im konventionellen Sinne: - sie stellen vielmehr eine Art altnordisch inspirierter Ritualmusik im Orchestergewand dar. Als Vergleiche lassen sich da nur ganz entfernt gewisse Werke Bartoks und eben Strawinskys kultisches Balletdrama anführen. Insofern kann man Leifs auch zum musikalischen Expressionismus rechnen. Letztlich steht er mit seiner Musik aber einzig dar.
In der Saga-Symphonie wechseln sich ruhige Klangteppiche voller Düsternis und Beklemmung mit brutalen Schlagwerkausbrüchen ab. Wie in vielen seiner Werke verwendete Leifs hier eine Menge fremdartigen Schlagwerks. Wir hören Schläge auf Steine, Holz, Leder, Schilder aus Eisen und auf einen eisernen Amboss. Besonders hervorstechend sind große Holzhämmer, die bei der BIS-Aufnahme gegen riesige Holzcontainer geschlagen wurden. Zudem erklingt am Schluss des 5. Satzes eines der ältesten Musikinstrumente der Welt: - die Lure. Diese Naturtrompete ist bereits für die Bronzezeit belegt. Ihr Klang erinnert entfernt an eine Posaune.
Der 4. Satz gehört zu den unheimlichsten Klängen, die ich je gehört habe. Das Warten Grettirs auf den Wiedergänger geschieht in einer von wenigen Tönen getragenen geradezu stickigen Ruhe. Die unheimliche Stille wird von ohrenbetäubenden Schlägen durchbrochen. Manche sind dermaßen überraschend und prägnant, das sie bei entsprechender Lautstärke unwillkürlich zusammenzucken lassen.
Durch die ritualistische Monotonie, die Verwendung des "Teufelsintervalls" und der heidnisch anmutenden Rhythmuserzeuger erhält die Saga-Symphonie einen zutiefst "a- oder unchristlichen" Anstrich. Die Musik erscheint damit geradezu als ein Bekenntnis zur Archaik.
Herzliche Grüsse! Jörg
teleton (20.02.2008, 10:36): Hallo Nordolf,
für den isländischen Komponisten Jon Leifs würde sich (schon der Übersichtlichkeit halber) ein eigener Thread lohnen. :thanks Danke für Deinen schönen Beitrag zur Saga Sinfonie.
Seine SAGA SINFONIE habe ich auch im Auge und werde da demnächst mal käuflich tätig werden. Doch zuerst plane ich die Anschaffung seines Orgelkonzertes auf der BIS-CD DETTIFOSS, dass absolut lohnend und fastzinierend sein soll. Ich kenne es noch nicht.
:) Ich besitze 2CD´s auf denen sich Werke von Leifs befinden. 1. Hekla (Volcano) auf der bekannten Ohropax-CD EARQUAKE mit Leif Segerstam . Dieser erste Kontakt, bei dem ein Vulkanausbruch dagestellt wird, machte mich neugierig auf weitere Werke von Jon Leifs. Ich stellte fest, das die BIS-CD´s mit den Leifs -Werken alle sehr teuer waren. Und für diese manchmal wenig musikalischen Klangauswüchse, wollte ich diesen Preis dann doch nicht löhnen.
2. Die BIS-CD GEYSIR hatte ich dann aber letzten Sommer doch auf dem Flohmarkt Rheinaue Bonn preiswert erworben
- und
es hat sich gelohnt. Ich hatte dann auch irgendwann vor einen Thread dazu zu eröffnen, wollte aber erst abwarten bis ich noch mehr von Leifs zusammen habe.
Wenn man zuerst diese CD hat, kommt man eigendlich nicht auf den Gedanken bei den 6 auf dieser CD vorhandenen Werken Wiederholungen festzustellen, da die Werke untereinander dort sehr kontrastreich sind. Es gibt jede Menge interessante Werke von Leifs ! Schon auf dieser einen CD:
Geysir, op.51(1961), mit seinem gefühlvollen Anfang ist sehr gelungen, hat aber für Stabia mit Sicherheit nicht den Wiedererkennungswert des Strokkur, sondern könnte auch Musik für einen Horrorfilm sein( statt Wasser spritzt Blut - Eimerweise) .
Isländische Folkstänze op. 11(1929/31) Hier greift Leifs auf die isländische Folksmusik zurück und gestaltet (hier tonal) schöne Volksweisen, die gut und effektvoll instrumentiert sind.
Mit Röhrenglocken und dann im Allegro molto hebt die Loftr-Ouvertüre, op.10(1927) an. Eine effektvolle Musik mit allem was das "Powerherz" begehrt - mir gefällts !
:beer Jedenfalls finde ich die Musik so spannend, dass ich mir so nach und nach alle Leifs-BIS-CD´s zulegen werde. Die gelieferte Klangqualität der BIS-CD ist zudem ausgzeichnet.
die Anregung einen eigenen Thread für diesen Komponisten zu starten habe ich umgesetzt. Hoffe der Titel wird akzeptiert und es folgen auch noch weitere Beiträge zu diesem Komponisten um den einzel Thread zu rechtfertigen! :engel
HenningKolf (20.02.2008, 11:55): Bei solch recht unbekannten Komponisten besteht natürlich immer die Gefahr dass es nicht allzuviele Beiträge gibt...........aber egal. Jedenfalls recht herzlichen Dank an Nordolf! Das macht neugierig und da es BIS in meinem Downloadabo gibt, werde ich in den nächsten Monaten auch mal einen Kennenlernversuch starten.
Gruß Henning
Nordolf (21.02.2008, 10:49): Hallo teleton, Rachmaninov und HenningKolf!
Ich bin selbstverständlich einverstanden mit der Eröffnung des Einzelthreads. An eine rege Beteiligung glaube ich aber auch nicht. Zumal Leifs eben nicht die üblichen Erwartungen an Musikalität bedient.
Meine nächste Erfahrung mit Leifs soll diese Aufnahme werden:
Den Vulkanausbruch, den er hier gestaltet, soll Leifs selbst miterlebt haben. Ich werde im März berichten.
Herzliche Grüsse! Jörg
Rachmaninov (21.02.2008, 13:46): Original von Nordolf Hallo teleton, Rachmaninov und HenningKolf!
Ich bin selbstverständlich einverstanden mit der Eröffnung des Einzelthreads. An eine rege Beteiligung glaube ich aber auch nicht. Zumal Leifs eben nicht die üblichen Erwartungen an Musikalität bedient.
@Nordolf,
dennoch dient ein einzel Thread wohl der Übersichtlichkeit. Eventuell werde ich auch andere Threads noch "aufteilen". Bin sehr gespannt auf die kommenden Besprechungen, da die Eindrücke durch die Klangbeispiele recht positiv waren.
teleton (23.02.2008, 12:40): Ich möchte kurz auf die BIS-CD DETTIFOSS eingehen, die ich gestern erhalten habe:
Wie alle Jon Leifs-Werke leben auch diese Kompositionen wieder vom einem, dem "EFFEKT" und weniger von musikalischer und kompositionstechnischer Größe. Dies wird einem nach meiner nun 3.Jon Leifs - CD voll bewußt. :cool Da ich aber effektbehaftete Musik mag, kommt diese toll instrumentierte Musik bei mir sehr gut an. Jon Leifs Musik ist absolut unverwechselbar - er hat seine Kompositionssprache gefunden und mag diese auch manchmal noch so einfach und banal sein.
Orgelkonzert op. 7 (1930) Mit Wahnsinnspower beginnt und endet das Orgelkonzert (19:51), das man als Konzert für Orgel, Pauken und Orchester bezeichnen könnte. Da geht es rund, das hat Saft und Kraft. Der Mittelteil Passacaglia hat schöne Momente mit den Leifs-Klangfarben, die ihn unverwechselbar machen, um anschließend wieder "die Sau rauß zu lassen" - Klasse. Das Orgelkonzert erinnert mich an das Orgelkonzert von Bengt Hambreus (das ich auf TB habe), das allerdings kompositionstechnisch aus ganz anderem Holz geschnitzt ist.
Beethoven-Variationen op.8 (1930) In 10 Orchestervariationen wird ein Thema aus dem Beethoven-Streichtrio op.8 variiert, das Leifs bei einem Gang durch Leipzig zufällig draußen hörte. Die erste Variation ist rechter Humbug, so empfinde ich es. Aber er ersetzt auch hier musikalische Größe wieder durch Effekte und daher sind einige Variationen dabei, die so richtig "vom Hocker hauen" - insgesamt gelungen.
FineII für Vibraphon und Streichorchester op.56 (1963) Ich hatte große Erwartungen das Vibraphon betreffend, da ich das Instrument sehr mag. Das Vibraphon hat in dem 6:26-Stück genau drei Töne zu spielen. Der erste Ton im Anfangstakt und am Schluß zwei Töne. Ein Witz das da noch im Textheft groß der Vibraphonsolist angegeben ist. :haha Der konnte sich ja in dem Stück so richtig austoben. In unseren Breiten würde so ein Stück nicht auf CD landen
aber in Island ist ja wenig anderes da. Also Jon Leifs auf BIS, dann auch so etwas. Wenn man allerdings bedenkt was im POP-Bereich heute auf CD landet, dann wundert einen nichts mehr.
Dettifoss op.57(1964) Ein typischer Jon Leifs mit einer weiteren Naturschilderung, eine Tondichtung über einen der größten Wasserfälle Europas. Dazu bedient sich Leifs noch zusätzlich eines Bariton und Chors. In der ersten Hälfte des Werkes zur 8.Minute ist noch nicht viel los, aber dann scheint der Wasserfall tosend zu Tal zu prasseln; Chor und Bariton haben dann kurze ruhige Momente, aber letztendlich nicht viel zu tun. Es ist ein Dialog zwischen Chor (Wasserfall) und dem Dichter (Bariton). In dem Wasserfall sind neben den Wassermassen eine Menge Steine dabei, die zu Tal fallen. Ganz fette dicke Brocken sind dabei ! :W Das als Höranreiz, was einen erwartet. Das Werk liefert schon anständigen Hörspaß, aber das es ein Wasserfall sein soll weis man im Prinzip nur durch die Beschreibung.
ab (25.02.2008, 10:41): Bei uns war vor Jahren das Yggdrasil Quartet zu Gast, die spielten zwar nicht Jón Leifs, aber mir gefiel das Konzert so gut, das ich im Anschluss sofort blind ihre CD bei BIS des Isländers kaufte - etwas was ich sonst nie tue.
Ich höre sie gelegentlich sehr gerne (jedenfalls lieber als Sibelius' Streichquartettwerk), auch wenn ich finde, dass Jón (wie Sibelius) eher ein Symphoniker als ein Komponist der Kammermusik ist.
Rachmaninov (07.04.2009, 19:46): Original von Nordolf http://www.jpc.de/image/w600/front/0/7318590007303.jpg
Die mir hier vorliegende Saga-Symphonie wurde im Jahre 1941 komponiert. Leifs beschäftigte sich zu dieser Zeit intensiv mit den altisländischen Sagas, deren Großteil im 13. und 14. Jahrhundert niedergeschrieben wurde. Ihre Stoffe entnahmen die Sagas aber den Überlieferungen der Wikingerzeit und südgermanischen nach den Norden gewanderten Geschichten. Die Sprache der Sagas wirkt in ihrer Kürze, ihrem Lakonismus recht modern und scheint fast einen Ernest Hemingway vorwegzunehmen. Island war im Jahre 1000 offiziell zur christlichen Religion übergetreten. Damit verschwand jedoch nicht die Praxis des früheren Heidentums. Nicht selten verehrte man Thor und Christus gleichzeitig. Bis weit ins Hochmittelalter hinein standen die altheidnischen Überlieferungen in hohem Ansehen und wurden teilweise mit christlichen Elementen vermischt. Einige Sagas sind völlig frei von jeder christlichen Zutat (z.B. die über den Skalden Egil). Die isländischen Geistlichen fühlten sich stark mit ihrer Heimattradition verbunden. Nur so ist es zu erklären, das noch im 13. Jahrhundert ein Christ wie Snorri Sturluson in der "Jüngeren Edda" unverhohlen seiner Bewunderung für die germanische Mythologie Ausdruck verleihen konnte. Zu einem Großteil hat die Inselsituation des kleinen Landes dazu beigetragen. Fernab der großen Umwälzungen in Europa, fernab der eigentlichen Missionszentren konnte sich hier die alte Überlieferung halten. Donar-Eichen wurden in Island glücklicherweise nie gefällt.
Auf einige Helden dieser Überlieferung beziehen sich die fünf Sätze:
1. Skarphedinn aus der Njals-Saga: - ein intelligenter, aber vom Unglück verfolgter Krieger, der mutig seinem Tod in die Augen blickt. 2. Gudrun aus der Geschichte von den Leuten aus dem Lachswassertal: - eine dieser manchmal in den Sagas auftauchenden sehr stolzen Frauen, die den Mord an ihrem Mann rächt und einen Hof zu führen versteht. 3. Kari, der Draufgänger und Björn, der Feigling aus der Njals-Saga bestehen gemeinsam einen Kampf. 4. der Geächtete Grettir muss mit dem Wiedergänger Glamur kämpfen und wartet auf das mit starken physischen Kräften ausgestattete Gespenst. 5. der Heldentod des Skalden Thormodr Kolbrunarskald in der Schlacht von Stiklestad in Norwegen
Die Symphonie ruht auf einem tonalen Grund, entfernt sich aber von jeder konventionellen Klangsprache. Leifs komponierte nach den Prinzipien der isländischen Musiküberlieferung. Wie in den traditionell isländischen "Zwiegesängen" (tvisöngur) verwendete er sogenannte Quintparallelen. Bei den Zwiegesängen sah das so aus, das die Stimmen des Männerchores von einer solistisch und improvisierend agierenden Nebenstimme ergänzt wurden. Typisch für Leifs Musik ist auch der "Teufelsintervall", d.h. die übermäßige Quart bzw. der Tritonus. Im Spätmittelalter galt dieser drei Ganztöne umfassende Intervall als "diabolus", weil er die stärkste Dissonanz innerhalb der modalen und tonalen Musik darstellt. Weiterhin emanzipiert Leifs den Rhythmus - ähnlich wie Strawinsky im "Sacre" - und lässt ihn zum dominierenden Träger der Musik werden. Ausgefeilte Melodien wird man bei Leifs vergeblich suchen. Die repetativen Rhythmen und Töne kreisen um ihr tonales Zentrum, was eine gewisse hypnotische Trancewirkung erzielt. Im Grunde sind die Werke von Leifs keine abendländischen Orchesterkompositionen im konventionellen Sinne: - sie stellen vielmehr eine Art altnordisch inspirierter Ritualmusik im Orchestergewand dar. Als Vergleiche lassen sich da nur ganz entfernt gewisse Werke Bartoks und eben Strawinskys kultisches Balletdrama anführen. Insofern kann man Leifs auch zum musikalischen Expressionismus rechnen. Letztlich steht er mit seiner Musik aber einzig dar.
In der Saga-Symphonie wechseln sich ruhige Klangteppiche voller Düsternis und Beklemmung mit brutalen Schlagwerkausbrüchen ab. Wie in vielen seiner Werke verwendete Leifs hier eine Menge fremdartigen Schlagwerks. Wir hören Schläge auf Steine, Holz, Leder, Schilder aus Eisen und auf einen eisernen Amboss. Besonders hervorstechend sind große Holzhämmer, die bei der BIS-Aufnahme gegen riesige Holzcontainer geschlagen wurden. Zudem erklingt am Schluss des 5. Satzes eines der ältesten Musikinstrumente der Welt: - die Lure. Diese Naturtrompete ist bereits für die Bronzezeit belegt. Ihr Klang erinnert entfernt an eine Posaune.
Der 4. Satz gehört zu den unheimlichsten Klängen, die ich je gehört habe. Das Warten Grettirs auf den Wiedergänger geschieht in einer von wenigen Tönen getragenen geradezu stickigen Ruhe. Die unheimliche Stille wird von ohrenbetäubenden Schlägen durchbrochen. Manche sind dermaßen überraschend und prägnant, das sie bei entsprechender Lautstärke unwillkürlich zusammenzucken lassen.
Durch die ritualistische Monotonie, die Verwendung des "Teufelsintervalls" und der heidnisch anmutenden Rhythmuserzeuger erhält die Saga-Symphonie einen zutiefst "a- oder unchristlichen" Anstrich. Die Musik erscheint damit geradezu als ein Bekenntnis zur Archaik.
Herzliche Grüsse! Jörg
@Jörg,
Leifs Saga Sinfonie hörte ich heute morgen auch nochmal und erinnerte mich an diesen Thread. Die gewalltigen Ausbrüche, zurecht von Dir als brutal bezeichnet, sprengen wahrlich konventionelle Rahmen. Hier ist nicht nur die Nachbarschaft sondern auch der Musikfreud zu warnen, der sich bei einer Hörsitzung zu freimutig an hohe Pegel wagt. Zur Musik hast Du ja eine sehr genaue Beschreibung gegeben.
Wer die geheimnnisvolle Klangwelt erleben will und Mut hat zu neuen, gewaltigen wie emotionalen "Abgründen" sollte die Gelegenheit, so sich sich ergbit, nutzen und hier reinhören!!! :down
Nordolf (10.04.2009, 10:42): Original von Rachmaninov
@Jörg,
Leifs Saga Sinfonie hörte ich heute morgen auch nochmal und erinnerte mich an diesen Thread. Die gewalltigen Ausbrüche, zurecht von Dir als brutal bezeichnet, sprengen wahrlich konventionelle Rahmen. Hier ist nicht nur die Nachbarschaft sondern auch der Musikfreud zu warnen, der sich bei einer Hörsitzung zu freimutig an hohe Pegel wagt. Zur Musik hast Du ja eine sehr genaue Beschreibung gegeben.
Wer die geheimnnisvolle Klangwelt erleben will und Mut hat zu neuen, gewaltigen wie emotionalen "Abgründen" sollte die Gelegenheit, so sich sich ergbit, nutzen und hier reinhören!!! :down
Ja - die gewaltigen Schläge gehen mir nach wie vor durch und durch.