Die Sinfonie Nr. 104 D-dur (Hob I:104) war die letzte Sinfonie, die Joseph Haydn komponierte. Die Nummerierung, die auf Eusebius Mandyczsewskis Gesamtausgabe der Werke Haydns (Leipzig 1908-1933) zurückgeht, wurde 1957 von Anthony van Hoboken in sein "Thematisch-bibliografisches Werkverzeichnis" übernommen und entspricht hier (im Gegensatz zu vielen anderen Sinfonien) der Chronologie der Entstehung. Haydn komponierte die Sinfonie im März und April 1795 in London, uraufgeführt wurde sie am 4. Mai 1795 im Londoner Haymarket-Theatre.
Satzfolge
Die Sinfonie hat die damals übliche Satzfolge "Schnell (mit langsamer Einleitung) - langsam - Menuett- schnell":
Haydn verwendet in seinen sechs letzten Sinfonien (also auch hier) im Gegensatz zu den früheren Sinfonien auch Klarinetten:
2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten in A, 2 Fagotte, 2 Hörner in D, 2 Trompeten in D, Pauken, Streicher (Violine I und II, Viola, Violoncello, Kontrabass)
1. Satz: Adagio - Allegro
Die langsame Einleitung in d-moll beginnt mit einem zweitaktigen Unisono-Motiv des ganzen Orchesters, das wie fragend und tastend piano von den Streichern (ohne Kontrabässe) aufgenommen wird. Das Unisono-Motiv wird in F-dur wiederholt und danach wieder von den Streichern aufgenommen. Die dritte Wiederholung des Unisono-Motivs überrascht den Hörer: Der zweite Teil des Motivs erklingt nun pianissimo, und nach einer kurzen Überleitung beginnt das Allegro in D-dur mit folgendem Thema:
Formal betrachtet ist das Allegro ein Sonatenhauptsatz mit den Teilen Exposition - Durchführung - Reprise - Coda. Bemerkenswert ist allerdings, dass Haydn statt - wie sonst in dieser Form üblich - zwei Themen nur eines verwendet und statt des zweiten Themas das erste in einer anderen Tonart wiederholt.
2. Satz: Andante
Der zweite Satz in der Tonart G-dur ist formal ein zweiteiliges Thema mit drei Variationen, wobei die zweite Variation in Moll steht und durch dramatische Ausbrüche geprägt ist. Hier der erste Teil des Themas:
Der Schluss des zweiten Teils des Themas wirkt ausgesprochen wehmütig. Dieser Eindruck verstärkt sich noch gegen Ende der letzten Variation durch die chromatische Stimmführung.
3. Satz: Menuett und Trio: Allegro
Das Menuett in D-dur ist durch ein Thema gekennzeichnet, bei dem die normalerweise unbetonte dritte Zählzeit durch Sforzati (sf) betont wird:
Durch diese Betonungen "gegen den Strich" erhält das Menuett einen ausgesprochen humorig-rustikalen Charakter, der gegen Ende noch durch eine überraschende zweitaktige Generalpause (das ganze Orchester schweigt) verstärkt wird. Das Trio steht in der ebenfalls überraschenden Tonart B-dur, das Thema setzt ganz harmlos ohne jegliche modulierende Überleitung nach dem D-dur-Schlussakkord des Menuetts ein und wird pizzicato von den Streichern begleitet:
Gerade in diesem Satz wird Haydns Sinn für musikalischen Humor deutlich, indem er mit den Erwartungen der Hörer spielt und die Musik ganz anders fortsetzt als man es erwarten würde.
4. Satz: Finale: Spiritoso
Der vierte Satz, formal ein Sonatensatz mit Rondoelementen, beginnt mit einem lang ausgehaltenen Grundton (Bordun) in Hörnern und Violoncelli, über dem das einprägsame erste Thema erklingt:
Dieses Thema soll auf die Melodie eines kroatischen Tanzliedes zurückgehen, der Nachweis ist aber noch nicht eindeutig erbracht worden (es wird diskutiert, ob Haydn die Melodie übernahm oder das Volkslied nach Haydns Thema entstand). Das Thema wird eine Oktave höher wiederholt. Nach Verarbeitung von Motiven des ersten Themas erklingt das ruhig-gesangliche zweite Thema in Streichern und Fagott (hier habe ich leider kein Notenbeispiel). Nach der Durchführung bringt die Reprise eine leicht variierte Wiederholung des ersten Teils (Exposition). Die Sinfonie endet mit einer Coda, die überraschend in Moll beginnt.
Rezeption
Bereits die Uraufführung der Sinfonie war ein grosser Erfolg. Zwei Tage später erschien im Londoner "Morning Chronicle" folgende Kritik:
Haydn rewarded the good intentions of his friends by writing a new Ouverture for the occasion, which for fullness, richness, and majesty, in all its parts, is thought by some of the best judges to surpass all his other compositions. A Gentleman, eminent for his musical knowledge, taste, and sound criticism, declared this to be his opinion. That, for fifty years to come Musical Composers would be little better than imitators of Haydn; and would do little more than pour water on his leaves. We hope the prophecy may prove false; but probably seems to confirm the prediction.
Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts sind zwar Aufführungen nicht genau nachzuweisen (es war damals nicht üblich, Sinfonien in Konzertprogrammen eindeutig zu kennzeichnen), allerdings bestand eine lebhafte Nachfrage nach Drucken dieser Sinfonie, die auf eine hohe Wertschätzung durch die Zeitgenossen schliessen lassen. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts rückten Haydns Sinfonien mehr und mehr in den Hintergrund und wurden nur noch selten aufgeführt. Heute jedoch zählt die Sinfonie Nr. 104 zu den populärsten Werken Haydns - wegen ihrer Einfachheit, Schlichtheit und Verständlichkeit trotz hoher kompositorischer Kunst.
Bedeutung
Haydns Sinfonie Nr. 104 ist kein Werk des Aufbruchs, sondern ein krönender Abschluss von Haydns sinfonischem Schaffen und einer ganzen Epoche. Im Gegensatz zu Beethoven sind Haydns Sinfonien keine Bekenntniswerke; sie bringen vielmehr die gegebenen Forderungen der Gattung und der Form mit dem individuellen Ausdruckswillen des Komponisten in Einklang. Haydn ist es - wie oben bereits angedeutet - gelungen, unterschiedliche und gegensätzliche Elemente zu einem neuen Ganzen zu verschmelzen, das auf den Hörer als Einheit wirkt - er hat den Eindruck, es könne gar nicht anders sein als so, wie es Haydn komponiert hat. Höchste kompositorische Kunst in der Beherrschung der Form, in der Verarbeitung von Motiven, in Harmonik und Stimmführung verbinden sich mit Verständlichkeit und Eingängigkeit, ja Volkstümlichkeit.
Diskographie
Um den Thread und die Diskussion in Gang zu bringen, schlage ich vor, dass wir die Diskographie gemeinsam erstellen. Welche Aufnahmen kennt Ihr, was schätzt Ihr an diesen Aufnahmen?
Viele Grüsse Andreas
Rachmaninov (20.04.2008, 14:00): Original von Tranquillo Diskographie
Um den Thread und die Diskussion in Gang zu bringen, schlage ich vor, dass wir die Diskographie gemeinsam erstellen. Welche Aufnahmen kennt Ihr, was schätzt Ihr an diesen Aufnahmen?
Viele Grüsse Andreas
@Andreas,
ein sehr schöner Thread und vor allem interessant welche Bezüge Du aufzeigst durch die Notenbeispiele. Bei Haydn habe ich bisher kaum Erfahrungen sammeln können.
Hoffe hier gibt es viel Anregungen und interessante Aufnahmen :thanks
Zelenka (20.04.2008, 18:39): Lieber Andreas:
Ganz herzlichen Dank für Deine schöne Fadeneröffnung! Was Aufnahmen der Symphonie betrifft, sei vorab auch auf die Ergebnisse eines französischen Blindhörens hingewiesen, die hier zu finden sind.
Gruß, Zelenka
cellodil (20.04.2008, 21:15): Lieber Andreas,
wirklich eine sehr gelungene Einführung: :thanks
Ich besitze nur eine Aufnahme der "Londoner" - und zwar diese:
First Authorized Edition Vol. 1: Haydn Sergiu Celibidache, Münchner Philharmoniker
- Sinfonie Nr. 104 D-dur 'Londoner' - Sinfonie Nr. 103 Es-dur 'Paukenwirbel'
... die kenne ich dafür so ziemlich in- und auswendig, weil ich die letztes Jahr zur Vorbereitung auf meine Sägewoche, bei der ich mich noch etwas intensiver mit dem Werk beschäftigen konnte, ziemlich oft gehört habe.
Ich habe mich damals für die "Celi"-Aufnahme entschieden, weil sie mir beim Probehören spontan am besten gefallen hatte und mir die Komposition in ihr "transparenter" schien als bei denen, die ich zum Vergleich gehört hatte (habe allerdings keine Ahnung mehr, welche Aufnahmen das waren).
Die erste Probe war dann freilich für mich ein bisschen ein Schock, weil ich auf das Celi-Tempo eingenordet war...
Trotzdem: Eine schöne, in sich sehr stimmige und konsequente Aufnahme, finde ich.
Liebe Grüße
Sabine
Tranquillo (21.04.2008, 11:30): Original von cellodil ... die kenne ich dafür so ziemlich in- und auswendig, weil ich die letztes Jahr zur Vorbereitung auf meine Sägewoche, bei der ich mich noch etwas intensiver mit dem Werk beschäftigen konnte, ziemlich oft gehört habe. Liebe Sabine,
dann wärst Du wohl viel besser als ich geeignet gewesen, die Einführung zu schreiben - als Musiker erlebt man ja durch die Vorbereitung, das eigene Üben und die gemeinsamen Proben ein Werk viel intensiver und baut eine ganz besondere Beziehung zu ihm auf (das gilt nach meiner Erfahrung für Laien noch mehr als für Profimusiker). Das führt zu der Frage: Wie erlebt man als mitwirkender Musiker diese Sinfonie? Vielleicht magst Du dazu ein paar Sätze schreiben - mich interessiert das sehr.
Die erste Probe war dann freilich für mich ein bisschen ein Schock, weil ich auf das Celi-Tempo eingenordet war... Ich vermute, dass bei Celibidache die Tempi eher etwas langsamer sind - stimmt das?
Viele Grüsse Andreas
cellodil (21.04.2008, 17:25): Lieber Andreas,
ich glaube kaum, dass ich für eine Werkeinführung die erste Wahl gewesen wäre... Das hast Du ganz sicher besser gemacht als ich es könnte.
Mit der Vermutung, dass Celi die Sache etwas langsamer (aber keineswegs betulich) angehen lässt, da liegst Du selbstverständlich richtig.
Von meinen Erfahrungen beim Haydnsägen berichte ich gerne, brauche dazu aber mal eine Mußestunde, um mich zu erinnern... Also: Demnächst...
Herzliche Grüße
Sabine
uhlmann (22.04.2008, 12:37): ich habe nur 2 aufnahmen dieser superben symphonie - liegt wohl daran, dass ich mit jochum immer sehr zufrieden war. live ist mir die symphonie nur 1 mal begegnet: vor etwa 17-18 jahren in wien mit dem wiener kammerorchester unter dem damals schon sehr alten yehudi menuhin. soweit ich mich noch erinnere, hat mir dessen interpretation gut gefallen, sie war recht spritzig und frisch.
angesichts dieses threads habe ich meine beiden aufnahmen mal verglichen:
- eugen jochum, london philharmonic (dg, ga der londoner symphonien) - adam fischer, austro-ungarisches haydn-orchester (brilliant classics, ga)
fischers ansatz würde ich als natürlich gelassen einstufen, er läßt recht unaufgeregt spielen. im gesamten hätte ich mir mehr akzentuierung und dynamik gewünscht, vielleicht auch etwas mehr spannung. das orchester spielt sauber und frisch, besonders der kernige bläserklang ist mir positiv aufgefallen.
jochums interpretation ist spannender, spritziger, irgendwie rhythmisch akzentuierter. man hat das gefühl, er kitzelt mehr details aus der partitur, ohne jedoch die große linie zu vernachlässigen. der orchesterklang ist von den streichern dominiert, die bläser treten für meine begriffe etwas zu sehr in den hintergrund. das kann natürlich an der aufnahmetechnik liegen (die aufnahme stammt aus 1971), jedenfalls gefällt mir die orchesterbalance bei fischer deutlich besser.
beide interpretationen würde ich als durchaus modern einstufen, auch im hinblick auf die historische aufführungspraxis, obwohl die orchester moderne instumente spielen. der klang ist auf beiden seiten recht schlank, keine spur von romantisierender weichzeichnung.
im gesamten finde ich beide aufnahmen gelungen. jochum ist mir aufgrund der feiner ausgearbeiteten details und der größeren spannung lieber, aber auch fischers natürlichkeit kann durchaus überzeugen. (die allgemeine kritik an fischers ga kann ich jedenfalls nicht teilen.)
Sarastro (22.04.2008, 22:24): Liebe Haydnfreunde, leider habe ich in den letzten Wochen aus beruflichen Gründen keine Zeit für das Forum gefunden - ich hoffe sehr, das ändert sich bald wieder! Jetzt wollte ich aber doch endlich kurz mal hineinschauen, und da finde ich zu meiner Freude diesen Faden zur 104. Symphonie - danke, Tranquillo, für diese schöne Eröffnung! Dieses Werk ist eine meiner Lieblingssymphonien.
@Ullmann ("aber auch fischers natürlichkeit kann durchaus überzeugen. (die allgemeine kritik an fischers ga kann ich jedenfalls nicht teilen"). Diese positive Meinung teile ich auch; ich höre Fischers Haydn immer wieder und bin davon fast durchwegs sehr angetan.
Herzliche Grüße, Sarastro
Tranquillo (23.04.2008, 09:02): Original von uhlmann fischers ansatz würde ich als natürlich gelassen einstufen, er läßt recht unaufgeregt spielen. im gesamten hätte ich mir mehr akzentuierung und dynamik gewünscht, vielleicht auch etwas mehr spannung. das orchester spielt sauber und frisch, besonders der kernige bläserklang ist mir positiv aufgefallen.
jochums interpretation ist spannender, spritziger, irgendwie rhythmisch akzentuierter. man hat das gefühl, er kitzelt mehr details aus der partitur, ohne jedoch die große linie zu vernachlässigen. der orchesterklang ist von den streichern dominiert, die bläser treten für meine begriffe etwas zu sehr in den hintergrund. das kann natürlich an der aufnahmetechnik liegen (die aufnahme stammt aus 1971), jedenfalls gefällt mir die orchesterbalance bei fischer deutlich besser. Lieber uhlmann,
die Aufnahmen mit Fischer und Jochum habe ich ebenfalls und schliesse mich Deiner Einschätzung an. Jochum scheint mir einen ausgesprochenen Sinn für das Volkstümliche und den Humor in Haydns Musik zu haben. In den Ecksätzen sind die Tempi recht flott und vorwärtsdrängend, und den Humor im Menuett kostet er voll aus - einziges Manko aus meiner Sicht sind die Bläser, die viel zu oft im Streicherklang "untergehen" (das mag an der Aufnahmetechnik, aber auch an der Besetzungsstärke der Streicher liegen).
Ich habe noch zwei weitere Aufnahmen (Philharmonia Hungarica/Dorati und Orchester des 18. Jahrhunderts/Brüggen), die ich aber erst noch intensiv hören muss, bevor ich hier etwas dazu schreibe.
Viele Grüsse Andreas
Zelenka (23.04.2008, 16:52): Die 104. ("Londoner"/"Salomon"/"Mit dem Dudelsack") ist wohl eher nicht einer meiner Lieblinge unter Haydns Symphonien. Vielleicht liegt es daran, daß mir schon der Beginn zu stark unter Bruckners Einfluß zu stehen scheint. (Der erste Teil des 1. Satzes ist übrigens der einzige langsame Bestandteil der Symphonie, der 2. Satz ("Andante") sollte nicht langsam sein.) Das Londoner Publikum war bei der Uraufführung begeistert, der Abend war auch finanziell ein voller Erfolg. Da sollte Kritik wohl verstummen.
Aufnahmen: Ich teile weiterhin nicht die verbreitete Adam-Fischer-Begeisterung, ich bin aber von Jochum durchaus auch sehr angetan. Colin Davis mit dem Concertgebouw (Philips) wäre ein weiterer Favorit. Eine ältere Aufnahme mit dem BPO unter Rosbaud (DG) ist mehr als ordentlich. Thomas Fey ist anders, aber sehr interessant. Auf dem HIP-Sektor gefällt mir durchaus Brüggen (Philips).
Gruß, Zelenka
Tranquillo (23.04.2008, 20:02): Original von Zelenka Vielleicht liegt es daran, daß mir schon der Beginn zu stark unter Bruckners Einfluß zu stehen scheint. Lieber Zelenka,
könntest Du Deinen Eindruck etwas näher beschreiben und erläutern?
Viele Grüsse Andreas
Zelenka (23.04.2008, 20:24): Original von Tranquillo Original von Zelenka Vielleicht liegt es daran, daß mir schon der Beginn zu stark unter Bruckners Einfluß zu stehen scheint. Lieber Zelenka,
könntest Du Deinen Eindruck etwas näher beschreiben und erläutern?
Viele Grüsse Andreas
Lieber Andreas:
Das d-moll-Adagio vergällt mir ein wenig in seiner Wuchtigkeit die ganze Symphonie. Ein ganz persönliches Problem mit dem Werk, dessen handwerkliche Perfektion ich ansonsten anerkenne.
Gruß, Zelenka
Rachmaninov (24.04.2008, 17:57): Original von Tranquillo Original von uhlmann fischers ansatz würde ich als natürlich gelassen einstufen, er läßt recht unaufgeregt spielen. im gesamten hätte ich mir mehr akzentuierung und dynamik gewünscht, vielleicht auch etwas mehr spannung. das orchester spielt sauber und frisch, besonders der kernige bläserklang ist mir positiv aufgefallen.
jochums interpretation ist spannender, spritziger, irgendwie rhythmisch akzentuierter. man hat das gefühl, er kitzelt mehr details aus der partitur, ohne jedoch die große linie zu vernachlässigen. der orchesterklang ist von den streichern dominiert, die bläser treten für meine begriffe etwas zu sehr in den hintergrund. das kann natürlich an der aufnahmetechnik liegen (die aufnahme stammt aus 1971), jedenfalls gefällt mir die orchesterbalance bei fischer deutlich besser. Lieber uhlmann,
die Aufnahmen mit Fischer und Jochum habe ich ebenfalls und schliesse mich Deiner Einschätzung an. Jochum scheint mir einen ausgesprochenen Sinn für das Volkstümliche und den Humor in Haydns Musik zu haben. In den Ecksätzen sind die Tempi recht flott und vorwärtsdrängend, und den Humor im Menuett kostet er voll aus - einziges Manko aus meiner Sicht sind die Bläser, die viel zu oft im Streicherklang "untergehen" (das mag an der Aufnahmetechnik, aber auch an der Besetzungsstärke der Streicher liegen).
@Uhlmann, Andreas,
von der Sinfonie kenne ich nur eine Aufnahme, nämlich die von euch besprochene Jochum Aufnahme. Ich stimme euch hier 100%ig zu was das Klangbild angeht. Die Bläser gehen hier und da unter. Die Jochum Aufnahme erscheint mir wie beschrieben sehr humorvoll ohne zu "überzeichnen" ... Bin gespannt auf weitere Besprechungen hier... :hello
Die Aufnahme mit dem Orchester des 18. Jahrhunderts unter der Leitung von Frans Brüggen ist eine der wenigen verfügbaren Aufnahmen mit historischen Instrumenten. Durch dieses Instrumentarium ergibt sich eine andere Balance zwischen den Orchestergruppen: Die Streicher, die mit wenig oder gar keinem Vibrato spielen, klingen transparenter, wodurch die Holzbläser besser hörbar sind. Die Trompeten klingen weniger dominant (Naturtrompeten sind um einiges leiser als die modernen Ventiltrompeten).
Im Vergleich zu einem modernen Orchester scheint mir bei einigen Tutti-Stellen die gewohnte Wucht zu fehlen - das wirkt zunächst etwas blass und nivelliert, bis man sich in diesen Klang "eingehört" hat. Im Vergleich zu Jochum lässt Brüggen deutlicher artikulieren, aber es gelingt ihm nach meinem Eindruck nicht, der Partitur ähnlich viele Details zu entlocken. Etliche Sforzati werden kaum ausgespielt und im Menuett, wo sie auf der unbetonten dritten Zählzeit notiert sind und dem Satz seinen besonderen Charakter geben, gar völlig ignoriert (Brüggen dirigiert auch in den anderen Sinfonien die Menuette eher als flott-elegante Scherzi denn als ländlich-derbe, humorvolle Tänze). Das Andante lässt Brüggen nach meinem Eindruck etwas schneller spielen als Jochum. Das ist sicher nicht falsch und abwegig, allerdings können solche lyrischen Stellen wie am Ende des zweiten Teils des Themas so kaum zur Entfaltung kommen.
Natürlich ist es immer problematisch, Aufnahmen mit modernen Instrumenten direkt mit Aufnahmen mit historischem Instrumentarium zu vergleichen - beide haben ihre Grenzen und eigenen Gesetze. Rein subjektiv betrachtet sagt mir Jochum allerdings wesentlich mehr zu; im Vergleich zu dieser Aufnahme fehlen mir bei Brüggen der Haydnsche Humor und die vielen Details, die Jochum aus der Partitur herausholt.
Viele Grüsse Andreas
Sarastro (04.05.2008, 01:08): Original von Zelenka Original von Tranquillo Original von Zelenka Vielleicht liegt es daran, daß mir schon der Beginn zu stark unter Bruckners Einfluß zu stehen scheint. Lieber Zelenka,
könntest Du Deinen Eindruck etwas näher beschreiben und erläutern?
Viele Grüsse Andreas
Lieber Andreas:
Das d-moll-Adagio vergällt mir ein wenig in seiner Wuchtigkeit die ganze Symphonie. Ein ganz persönliches Problem mit dem Werk, dessen handwerkliche Perfektion ich ansonsten anerkenne.
Gruß, Zelenka
Lieber Zelenka, liebe Haydnfreunde,
ich habe mir die Jochum-Einspielung von Nr. 104, die ich auf Schallplatte habe, wieder einmal angehört. So ganz (allzu) brucknerhaft wuchtig finde ich den Moll-Ausbruch im zweiten Satz eigentlich gar nicht, glaube also nicht unbedingt, daß der Dirigent da von seinen Bruckner-Interpretationen beeinflußt war; die Dramatik dieses Mittelteils ist zweifellos vom Komponisten gewollt. Der Vergleich mit Bruckner scheint mir aber trotzdem gerade bei Nr. 104 gar nicht unpassend: Der Anfang der Symphonie mit seinem Quintenmotiv erinnert in der Tat auffallend an den Anfang von Bruckners 3. Symphonie, nicht wahr? Das ist natürlich umso interessanter, als man bei den beiden Komponisten im allgemein wohl, außer daß sie beide mehr oder weniger gute Katholiken waren, nicht viele Gemeinsamkeiten feststellen kann zumindest nicht musikalisch (in der langsamen Einleitung höre ich insgesamt eben doch weniger Bruckner als vielmehr den typischen späten Haydn heraus: Die Takte 12-13 erinnern mich jedesmal in Harmonik und Ausdruck an die Chaos-Musik der "Schöpfung").
Ob einem der m.E. sehr wirkungsvolle Kontrast des d-Moll-Ausbruchs im Andante von Nr. 104 gefällt oder nicht, ist wie immer persönliche Geschmacksfrage (das hast Du ja auch klargestellt); ich möchte nur ein paar Ergänzungen anbringen: 1. Solche mehr oder weniger heftig bewegten Moll-Mittelteile (natürlich Forte) begegnen in den langsame(re)n Sätzen von Haydns späten Symphonien ja öfters, sind also eigentlich nichts für Nr. 104 Typisches. Ich denke jetzt besonders an Nr. 96 ("Mirakel") und vor allem Nr. 101 ("Uhr") (ich lasse mal Variationssätze beiseite, ansonsten müßte man auch Nr. 94 und 103 nennen). Ein ebenso eindrucksvolles, mitreißendes Beispiel (in Fischers Einspielung unbedingt hörenswert!!) findet sich auch im Adagio der leider relativ wenig bekannten Nr. 76 Es-Dur. 2. Wenn die langsame Einleitung von Nr. 104 das einzige Langsame in der ganzen Symphonie ist, trifft das aber auch auf viele andere Haydnsymphonien zu: Von Haydns letzten 23 Symphonien (d.h. allen ab den Pariser Symphonien) haben nur neun ein Adagio oder Largo als langsamen Satz (Nr. 86-88; 92; 93; 97-99; 102), alle übrigen meist ein Andante, manchmal auch ein Allegretto. Eine Symphonie wie Nr. 82 ("Bär") - Vivace, Allegretto, Menuetto, Vivace assai - besteht also ausschließlich aus mehr oder weniger schnellen Sätzen (was der Meisterschaft wie der Spannung trotzdem keinen Abbruch tut)! 3. Trotzdem hat das Andante von Nr. 104, wie mir scheint, im Detail individuelle Züge, die aber letztlich für den späten Haydn typisch sind. Sehr bemerkenswert (sicher für viele ein spezieller Hörgenuß) ist z.B. die von Takt 102-117 reichende Passage, in der in verschiedenen Sequenzen von der Grundtonart G-Dur weit entfernte Tonarten berührt werden, was eine eigenartige Spannung erzeugt, und hier wird das Tempo tatsächlich merklich verlangsamt (in T. 115 und 117 ist "più largo" vorgeschrieben, die betreffende Passage verlangt das aber auch ganz eindeutig). 4. Auch wenn die Symphonie von der Einleitung abgesehen keine wirklich "langsamen" Sätze hat, so hat der Hörer im Finale, beim Übergang zwischen Durchführung und Reprise (T. 167-194), doch den Eindruck, daß alles plötzlich viel langsamer wird. Wenn man in die Partitur schaut, merkt man freilich, daß Takt (alla breve) und Tempo (Spiritoso) nach wie vor unverändert sind, aber - und das ist der "Trick" dabei - durch Notenwerte und Bindungen (in allen Stimmen nur Ganze und Halbe; besonders "hör"- und augenfällig in T. 179ff.) ein Tempowechsel mit latent anhaltender Spannung erzeugt wird (diese Spannung löst sich dann erst mit dem Einsetzen der Reprise, T. 195ff. auf).
Und schließlich: Wenngleich bekannt ist, daß Haydn durchaus (wie viele andere Meister vor und nach ihm ja auch!) an guten Einnahmen interessiert war, glaube ich dennoch, daß dieses Werk in jeder Hinsicht -also nicht nur handwerklich - ein Reifewerk höchsten Ranges und würdiger Abschluß von Haydns symphonischem Schaffen ist *** Noch eine allerletzte Beobachtung, bevor ich mich verabschiede: Es ist vielleicht ganz interessant, daß der dreistimmige zweite Teil des "Forte-Ausbruchs" im zweiten Satz von Nr. 104 (T. 60ff.) in der Führung der beiden oberen Stimmen einem gleichermaßen wirkungsvollen wie einfachen Modell folgt: die zweite Violine imitiert die erste im Abstand von einem Takt und eine Quart tiefer in ziemlich genau derselben Weise, wie dies Mozart (nur deutlich länger) in seiner Sonate für Klavier zu vier Händen F-Dur, KV 497, Durchführung des ersten Satzes, getan hat. Wenn ich mich recht erinnere, kommt dieses Grundschema in der Wiener KLassik ("Kleinmeister" inbegriffen) gelegentlich vor, aber nicht immer mit der gleichen Wirkung ...
Herzliche Grüße, Sarastro
Tranquillo (04.05.2008, 13:51): Lieber Sarastro,
herzlichen Dank für Deine sachkundigen Anmerkungen, aus denen ich noch einiges dazulernen konnte!
Original von Sarastro (in der langsamen Einleitung höre ich insgesamt eben doch weniger Bruckner als vielmehr den typischen späten Haydn heraus: Die Takte 12-13 erinnern mich jedesmal in Harmonik und Ausdruck an die Chaos-Musik der "Schöpfung"). Das kann ich sehr gut nachvollziehen.
1. Solche mehr oder weniger heftig bewegten Moll-Mittelteile (natürlich Forte) begegnen in den langsame(re)n Sätzen von Haydns späten Symphonien ja öfters, sind also eigentlich nichts für Nr. 104 Typisches. Derartige "Moll-Ausbrüche" sind noch nicht einmal für Haydn typisch; dergleichen gibt es auch in den langsamen Sätzen einiger Mozart-Sinfonien. Eines der Prinzipien der Klassik ist ja nicht Einheitlichkeit im Affekt innerhalb eines Satzes (wie in der Barockmusik), sondern Kontrast.
3. Trotzdem hat das Andante von Nr. 104, wie mir scheint, im Detail individuelle Züge, die aber letztlich für den späten Haydn typisch sind. Sehr bemerkenswert (sicher für viele ein spezieller Hörgenuß) ist z.B. die von Takt 102-117 reichende Passage, in der in verschiedenen Sequenzen von der Grundtonart G-Dur weit entfernte Tonarten berührt werden, was eine eigenartige Spannung erzeugt, und hier wird das Tempo tatsächlich merklich verlangsamt (in T. 115 und 117 ist "più largo" vorgeschrieben, die betreffende Passage verlangt das aber auch ganz eindeutig). In der Tat - besonders die Takte 114 bis 117, wo nur noch die Holzbläser spielen, haben eine ganz eigentümliche Wirkung, die Musik scheint wegen des "più largo" und der Fermaten fast zum Stillstand zu kommen und hat sich im Laufe der vielen vorangegangenen Modulationen sehr weit von der Grundtonart entfernt.
4. Auch wenn die Symphonie von der Einleitung abgesehen keine wirklich "langsamen" Sätze hat, so hat der Hörer im Finale, beim Übergang zwischen Durchführung und Reprise (T. 167-194), doch den Eindruck, daß alles plötzlich viel langsamer wird. Wenn man in die Partitur schaut, merkt man freilich, daß Takt (alla breve) und Tempo (Spiritoso) nach wie vor unverändert sind, aber - und das ist der "Trick" dabei - durch Notenwerte und Bindungen (in allen Stimmen nur Ganze und Halbe; besonders "hör"- und augenfällig in T. 179ff.) ein Tempowechsel mit latent anhaltender Spannung erzeugt wird (diese Spannung löst sich dann erst mit dem Einsetzen der Reprise, T. 195ff. auf). Das ist der Abschnitt der Durchführung, wo - nach einem Takt Generalpause - das zweite Thema verarbeitet wird, das durch das Legato und die grossen Notenwerte (Halbe und Ganze) sehr ausdrucksvoll-gesanglich wirkt (während im ersten Thema Halbe und Viertel dominieren, also quasi eine Halbierung des Tempos). Interessant ist auch die kontrapunktische Dichte dieser Stelle, die Haydn durch Imitation erreicht und die den Ausdruck des Themas noch weiter steigert.
Und schließlich: Wenngleich bekannt ist, daß Haydn durchaus (wie viele andere Meister vor und nach ihm ja auch!) an guten Einnahmen interessiert war, glaube ich dennoch, daß dieses Werk in jeder Hinsicht -also nicht nur handwerklich - ein Reifewerk höchsten Ranges und würdiger Abschluß von Haydns symphonischem Schaffen ist. :beer Da kann ich Dir nur voll und ganz zustimmen.
Es ist vielleicht ganz interessant, daß der dreistimmige zweite Teil des "Forte-Ausbruchs" im zweiten Satz von Nr. 104 (T. 60ff.) in der Führung der beiden oberen Stimmen einem gleichermaßen wirkungsvollen wie einfachen Modell folgt: die zweite Violine imitiert die erste im Abstand von einem Takt und eine Quart tiefer in ziemlich genau derselben Weise, wie dies Mozart (nur deutlich länger) in seiner Sonate für Klavier zu vier Händen F-Dur, KV 497, Durchführung des ersten Satzes, getan hat. Wenn ich mich recht erinnere, kommt dieses Grundschema in der Wiener KLassik ("Kleinmeister" inbegriffen) gelegentlich vor, aber nicht immer mit der gleichen Wirkung ... Das stimmt, wobei diese Imitation der ersten durch die zweite Violine hier nur fünf Takte dauert (60 bis 65). Die Wirkung ist enorm, nicht zuletzt auch durch den plötzlichen Forte-Ausbruch in Takt 60.
Viele Grüsse Andreas
Zelenka (04.05.2008, 17:46): Lieber Sarastro:
Herzlichen Dank für Deine ausführlichen Anmerkungen!
Wir haben uns z.T. mißverstanden, mit "Adagio" meinte ich den so markierten Beginn des 1. Satzes, nicht die d-moll-Episode/den Ausbruch im 2. (relativ) langsamen Satz, den man zu Haydns Zeiten vielleicht auch salopp als "Adagio" bezeichnet hätte. Es ist in der Tat der Beginn der Symphonie, der frappierend an Bruckner erinnert. So hatte ich es gemeint.
"Andante" ist erst während des 19. Jhdts. als recht langsames Tempo aufgefaßt worden, auf jeden Fall liegt aber das majestätische "Adagio" zu Beginn darunter. Ich möchte ansonsten hier nicht weiter dogmatisch werden.
Und natürlich gönne ich Haydn die üppigen Londoner Einkünfte!
da hatte ich Dich, Zelenka, tatsächlich mißverstanden - da ich mit "wuchtig" automatisch die betreffende Passage im zweiten Satz assoziierte, war mir gar nicht aufgefallen, daß Du Dich auf die langsame Einleitung bezogst, obwohl Du es ganz eindeutig formuliert hattest.
In einem neuen Buch über die Londoner Symphonien (Renate Ulm, Hrsg., Haydns Londoner Symphonien. Entstehung - Deutung - Wirkung, München 2007, 212, von Jörg Handstein) steht zu dieser Einleitung: "Schon die langsame Einleitung kündigt Besonderes an: Die wuchtige, auf die Elementar-Intervalle Quinte und Quarte beschränkte Fanfare evoziert sofort feierlichen Ernst und Monumentalität, man mag sich sogar an Bruckner erinnert fühlen; die Seufzermotive, in denen sich der gravitätische Rhythmuis fortsetzt, beleben den zunächst statuarischen Ausdruck durch zunehmende emotionale Vertiefung. Insgesamt stellt sich der damals gerade in England geschätze Eindruck des "Erhabenen" ein."
Dir, Tranquillo, vielen Dank für die weiteren Ergänzungen und Deine Rückendeckung! Ich danke Dir auch sehr für den Hinweis auf Rosen, Der klassische Stil, den Du in Zusammenhang mit der Rolle von C.P.E. Bach in der Entwicklung der Wiener Klassik früher mal genannt hattest (ich habe mir das Buch vor einiger Zeit zugelegt und schon quer darin gelesen, aber noch nicht systematisch - wirklich sehr informativ!)
Herzliche Grüße, Sarastro
Zelenka (05.05.2008, 18:46): Original von Sarastro
In einem neuen Buch über die Londoner Symphonien (Renate Ulm, Hrsg., Haydns Londoner Symphonien. Entstehung - Deutung - Wirkung, München 2007, 212, von Jörg Handstein) steht zu dieser Einleitung: "Schon die langsame Einleitung kündigt Besonderes an: Die wuchtige, auf die Elementar-Intervalle Quinte und Quarte beschränkte Fanfare evoziert sofort feierlichen Ernst und Monumentalität, man mag sich sogar an Bruckner erinnert fühlen; die Seufzermotive, in denen sich der gravitätische Rhythmuis fortsetzt, beleben den zunächst statuarischen Ausdruck durch zunehmende emotionale Vertiefung. Insgesamt stellt sich der damals gerade in England geschätze Eindruck des "Erhabenen" ein."
Und die Quinten und Quarten der Einleitung sind sogar leer ... - Ja, die Einleitung ist sicher erhaben, zu erhaben für mich.