Kálmán: Die Csardasfürstin - Wie funktioniert Operette?

Peter Brixius (10.01.2015, 19:14):
Als Einstand nach einer langen Pause möchte ich Beiträge zur Operette schreiben und hoffe auf das Interesse der Leser dieses Forums. Es ist der dritte Ansatz, und wieder ist er anders. Mein erster war die große Operettenbox mit 100 CDs, die bei Documents erschien. Für mich war es die erste Möglichkeit, Operette in der Breite kennen zu lernen. Der zweite Ansatz war ein historisch-chronologischer, der mit Jacques Offenbach anfing, aber sich auch einen Blick zurück zur opéra comique gestattete. Als ich dann in die Reha fuhr, hatte ich Volker Klotz "Operette" als einziges Buch im Koffer. Nun ja, ich hatte ja auch noch meinen Kindle dabei, einfarbig wurde die Lektüre nicht.

Der dritte Ansatz ergab sich aus dem Dresdner Silvesterkonzert 2014. Diesen möchte ich auch zum Anfang verfolgen, weil sich gleich einige grundsätzliche Fragen gestellt haben. Im Unterschied zu den früheren Fassungen des Artikels wird es mir weniger um eine weitere Rezension der Dresdner Unternehmung gehen. Ich werde die Eindrücke der Fernsehaufzeichnung mehr als Sprungbrett benutzen, um mehr über Kálmán und die Csárdásfürstin, über die Operette und ihre innere Gesetzmäßigkeit, über Rezeption und Weiterleben der Operette zu erfahren, und ich hoffe dabei auf die Hilfe all der Kundigen in diesem Forum. Konkret können wir immer auf Dresden zurückgreifen, ich habe die Aufführung mitgeschnitten, mW steht sie auch noch bei youtube zur Verfügung.

Gleich zur ersten Frage:

Geht Operette konzertant?

Dir Operette hat mehrere Wurzeln, die sich auch in ihrem Namen ausdrücken. Zu Mozarts Zeit findet man die Bezeichnung "Operette" im Sinne von Singspiel, kleiner Oper, auch schon mit dem Beigeschmack, dass sie unterhaltend ist, leichtgewoben, sangbar - eben auch sangbar für Schauspieler. Denn geschrieben wurden Operetten in der Regel für singende Schauspieler. Der Gegenpol ist die Große Oper in welcher Form auch immer, die Sängerinnen und Sänger als Protagonisten notwendig vorschreibt. Zunächst handelt sich um komische Opern mit ihren Eigengesetzlichkeiten: Sie sollen nicht nur unterhalten, sie sollen das Publikum zum Lachen bringen. Nicht selten wird eine nationale Färbung als zusätzlicher Reiz eingesetzt, von den Türken bis zu den Zigeunern, was auch der Musik reizvolle und interessante Möglichkeiten schafft, ob nun im Bereich der verwandeten Instrumente, ob in chromatischen oder rhythmischen Besonderheiten. Bei Kálmán ist der Bezug die ungarische Musik, wie er sie sieht, die Verarbeitung einer als nationale Identität verstandene Musik und Lebensart.

Die Ouvertüre ist ein umfangreiches, anspruchsvolles Musikstück. Bei der Marszalek-Einspielung als Höroperette ist sie auf 22 Sekunden zusammen geschrumpelt. Damit haben wir den ersten Widerspruch dessen ins Auge gefasst, der uns im Folgenden unter dem Aspekt der konzertanten Operette begleiten wird: Marszalek will schnell zur Sache kommen, da stört eine ausführliche Einleitung. Thielemann kann nicht auf ein instrumentales Glanzstück für sein Orchester verzichten, das auch die Ernsthaftigkeit des Genres nachhaltig bestätigt.

In einer Besprechung der Aufführung der Operette in Klagenfurt sagte der Regisseur Bemerkenswertes: Er sehe es als seine wichtigste Aufgabe an, Sänger, Sprecher und Tänzer zu einer einheitlichen Gestaltung des Inhaltes zusammenzuführen. Das ist der Punkt. Wie bei dem Csárdás die gegensätzlichen Elemente zu einer musikalisch überzeugenden Einheit geführt werden, so Schauspiel, Varieté, gefühlsbetonter Gesang bei diesem Meisterwerk Kálmáns.

Die Ouvertüre unter Thielemann wird farbenreich zelebriert. Das große Orchester signalisiert die Heimführung der Operette in das Reich der Oper: Sie wird auf der einen Seite ernst genommen, aber verliert sie nicht auch ein wichtiges Element von dem, was sie in Schwebe hält - oder halten sollte?

Die Csárdásfürstin als Silvesterkonzert bietet eine eigenartige Plattform: ein Konzert, ein Recital mit großen Künstlern - aber kein Musiktheater (auch wenn sich die Akteure hin und wieder theatralisch gebärden). Schauspiel und Tanz, der schnell gesprochene und verstandene Witz fehlen. Die Gefahr, dass herrliche Musik in Prunk erstarrt, ist gegeben. Die Ouvertüre unter der Direktion von Thielemann schien diese Gefahr durch die subtile Gestaltung vermeiden. Aber dann der Auftritt Anna Netrebkos ...

Nun kommt Sprache ins Spiel - und die Verständlichkeit ist für mich eine der notwendigen Voraussetzungen für das Gelingen. Bei allem Bemühen - wenn man die Einspielung mit der Köth hört (hier: "https://www.youtube.com/watch?v=RwjT0OSIbmU"), fühlt man Welten, die dazwischen liegen. Wo Köth präzise Artikulation, vielfältige Nuancen, nachvollziehbare Akrobatik vorweist, höre ich bei Netrebko zuviel Schwere, eher einen Säbel als einen Degen, viel Unverständliches, zuviel Kraft, wo eine leichte Stimme Herrscherin der Instrumente sein sollte. Und natürlich fehlt das Ambiente, die Szene im Budapester Varieté. Die Stimme deutet davon auch nichts an. Die Ernsthaftigkeit trieb die Leichtigkeit aus, die bei aller Melancholie das Verbindende zwischen dem langsamen und dem schnellen Teil ist.

In einer szenischen Realisation wäre es wohl besser gelungen, so hat mich der erste Eindruck verunsichert zurück gelassen.

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (11.01.2015, 12:38):
Peter Konwitschny hat für Dresden 1999 eine in vieler Hinsicht bemerkenswerte Inszenierung der "Csárdásfürstin" vorgelegt, wo es im Original mit Paprika gewürzt war, kam hier das Schießpulver dazu, eine für die Dresdner wohl zu explosive Mischung.

Konwitschny selbst meint

Die "Csardasfürstin" war eine meiner schönsten Inszenierungen überhaupt. Der damalige Skandal war geschürt von ganz wenigen Leuten. Theo Adam hat sich damals nicht entblödet zu schreiben: Wie könne man in Dresden, wo es den 13. Februar 1945 gab, so etwas auf die Bühne bringen?! Ich dachte: "Ihr Arschlöcher wisst wohl gar nicht, dass es noch einige andere Städte gab, die zerstört wurden." Ich war gern in Dresden. Und die sind traurig dort, dass es vorbei ist. (welt online "http://www.welt.de/kultur/article1016389/Oper-ist-kein-echtes-Vergnuegen.html")

Fünfzehn Jahre danach:

Fangen wir beim Anfang an: Es ist ein Unding, eine Operette konzertant aufzuführen - und auch noch ohne Dialoge. Zwischen der Auftrittsarie der Sylva und der nächsten Musiknummer habe ich im (dreistündigen) ungarischen Mitschnitt über zehn Lacher erlebt, von leise kichernd bis zu einem kräftigen Lachschwall war alles vertreten. Und in Dresden? Da saßen die Damen und Herrschaften im Publikum wie die Stockfische - strohtrocken und kein Champagner. Wo in Ungarn gleich eine angeregte und geistreiche Varietéstimmung entstand - Trauerklöße in feiner Garderobe. Der Musik fehlte im Vergleich der Pfeffer, oder besser das Paprika, da wurde ein Marsch schon leicht zu einer preußischen Angelegenheit, wo nur noch der Klatschmarsch fehlte.

Und die Sänger? Das ist nicht die Partie einer Netrebko, die auf dem Weg zum Wagnerfach ist. Ich will gar nicht über ihre kümmerlichen Tanzbemühungen schreiben, mein Gott - die ungarischen Mädel ... Komisch war ihre Anmache bei Florez, der prompt noch ängstlicher wirkte.

Nein, das war Konwitschnys Rache - wo die Dresdner seine fantasiereiche Inszenierung (nicht dass man es so machen muss, aber in der KERO-Inszenierung aus Budapest spielte das ganze auch im Krieg - es geht also) mit lauter Empörung verließen, tanzte nun der Dirigent mit einer kopflosen Musik.

Liebe Grüße Peter
stiffelio (11.01.2015, 15:06):
Lieber Peter,

zum Vorverständnis: Operetten hab ich die eine oder andere vielleicht mal in meiner Kindheit gesehen, aber seit vielen Jahren nicht mehr. In die Dresdener Aufnahme mit Netrebko und Florez habe ich nur kurz hineingehört. Mein unqualifizierter Eindruck: zu steif, zu schwer, es konnte mich nicht fesseln.
Ich kenne die Csardasfürstin praktisch nur von der Aufnahme 2002 aus Mörbisch (derzeit unter "https://www.youtube.com/watch?v=lBlzDDPl10I"). Wenige Tage vorher hab ich mir die Doku und das Konzert von Jonas Kaufmann mit Operettenarien aus den 20er-30er Jahren mit zunehmendem Interesse angesehen (http://www.arte.tv/guide/de/051612-000/jonas-kaufmann-berlin-1930-der-film und http://concert.arte.tv/de/jonas-kaufmann , das Konzert ist noch bis 10.2.15, die Doku evtl. nur noch bis heute abend abrufbar). Im Gegensatz zu den Dresdener Sängern hatte ich das Gefühl, dass Kaufmann sich mit den Wurzeln dieser Musik intensiv auseinandergesetzt hat.

Unter diesen Voraussetzungen ist mir bei der Aufnahme aus Mörbisch eine starke Nostalgie, eine Hommage an die "gute alte Zeit" aufgefallen. Das wurde natürlich noch durch einen (offenbar speziellen) Prolog verstärkt, der diesen Aspekt betonte. Mir schien, dass bereits Kálmán in seiner Operette die Zeit vor dem 1. Weltkrieg idealisiert hat. Heute ergibt sich daraus dann mindestens eine doppelte Nostalgie. Würdest du diesem Eindruck zustimmen?

Um zu deiner Eingangsfrage zurückzukehren: Operette konzertant - ja das kann offenbar funktionieren, aber für mich eher wie bei Kaufmann als wie in Dresden: von Sängern, die den Kontext von dem kennen, was sie singen und idealerweise vor einem Publikum, dass diese Hits ebenfalls einordnen kann. Aber eher nicht losgelöst von dem Lebensgefühl, das die Entstehung dieser Musik begleitet hat.
Kann es sein, dass Operette noch stärker zeitgebunden ist als Oper?*

VG, stiffelio

*P.S.: Interessant fand ich noch in diesem Zusammenhang, dass eine Zeile aus dem Libretto der Csardasfürstin mir schon vertraut war: "Denn so leben, so leben die Mädels vom Chantant, die nehmen die Liebe nicht so tragisch". Das zitiert Carl Zuckmayer in seinem Drama Des Teufels General gegen Ende des 1. Aktes, wo er auch ein ganz bestimmtes Nostalgiegefühl beschwören will.
Peter Brixius (11.01.2015, 15:31):
Liebe stiffelio,

ich fange mal mit der letzten Frage an und versuche sie aus meiner Sicht zu beantworten:

Es gibt eine Schicht, die ist deutlich mehr zeitgebunden, wenn Du so willst, geht Komik nicht anders. Ob Commedia dell'arte. ob Offenbach, wo es die Funken schlägt, ist es der Bezug auf das Zeitgenössische.

Gelacht wird nicht wenn gesungen, gelacht wird, wenn gesprochen wird. Und da ist die Operette auch wieder ein guter Platz, einen aktuellen gesellschaftskritischen Hieb unterzubringen. Wenn man in Budapest bei der Csárdáskirálynö lachte, waren es sicher keine alten Witze.

Und dann sind wir halt beim komischen Theater, man kann einen Nestroy altbacken aufführen, man kann aber auch ordentlich nachladen ...

Aber auch bei den Musikformen ist mir das aufgefallen, was Du ansprichst: Bei dem Tango, der seinen Bedeutungsinhalt verändert und entwickelt hat, ob er nun das Verruchte der Pariser Unterwelt spiegelt oder im Tango Nuevo bei Piazzolla hochaktuell ist.

Oder der Walzer: Ist es der revolutionäre bürgerliche Tanz, der sich beim Don Giovanni ankündigt, ist es die Repräsentanz der gehobenen Gesellschaft oder das Zeichen des europäischen Untergangs im Weltkrieg, wie er einem bei Ravel erscheint.

Zum Konzertanten: Ich meine, es ist ein Unterschied, ob ein Künstler in einem Recital das eine oder andere Juwel aus der Schatzkiste der Operette vorführt oder ob eine komplette Operette aufgeführt wird. Dass Arien (und Chöre) durchaus ihr Eigenleben haben können, kennt man ja auch von der Oper (wo die meisten den Gefangenenchor aus "Nabucco" nicht aus einer Opernaufführung kennen). Auch wenn ich da mal empfindlicher war, einzuwenden ist dagegen nichts. An Abigaille und Fenena denken da wohl die wenigsten, wenn ein Stück aus der Verdi-Oper erklingt.

Also: Operettenarien konzertant ist mE etwas anderes als Operette konzertant. Das eine geht, das andere nicht :engel

Liebe Grüße Peter
palestrina (11.01.2015, 17:56):
Original von Peter Brixius

Also: Operettenarien konzertant ist mE etwas anderes als Operette konzertant. Das eine geht, das andere nicht :engel

Liebe Grüße Peter

Ja, bei Arien Recitals gibt es oft als Zugabe etwas Operettiges !
Und nach der unerträglichen Csárdásfürstin ( die ich heute gelöscht habe ) wurde das wieder bestätigt, Operette Konzertant geht einfach nicht .
Und nachdem hören heute Morgen muss ich ganz einfach wieder sagen " man versteht auch nichts"
und Peter sagte schon, das ist bei der Operette doch sehr wichtig , nicht nur schöne Melodien !
Auch fand ich das Orchester zu Opernhaft, da fehlte doch die Leichtigkeit und die ist sehr schwer rüber zubringen!

LG palestrina
Hosenrolle1 (11.01.2015, 18:04):
Ich will gar nicht über ihre kümmerlichen Tanzbemühungen schreiben, mein Gott - die ungarischen Mädel ... Komisch war ihre Anmache bei Florez, der prompt noch ängstlicher wirkte.

Ohne die Aufführung gesehen zu haben - DAS kann ich mir lebhaft vorstellen! :D


LG,
Hosenrolle1
stiffelio (11.01.2015, 20:16):
Original von Peter Brixius
Ich meine, es ist ein Unterschied, ob ein Künstler in einem Recital das eine oder andere Juwel aus der Schatzkiste der Operette vorführt oder ob eine komplette Operette aufgeführt wird.

o.k., da gebe ich dir recht
Dann korrigiere ich mein persönliches Fazit wie folgt: Einzelne Nummern aus Opern und Operetten gehen konzertant, wenn sie gut gemacht sind.
Ganze Opern konzertant gehen (meistens) nicht und ganze Operetten konzertant gehen gar nicht. :D

VG, stiffelio
Rotkäppchen (11.01.2015, 21:51):
Ihr Lieben,

jetzt seid doch mal nicht so unerbittlich mit dem Dresdner (+ touristischen) Publikum, welches hellauf begeistert war von AN und JDF -- die beiden hätten sonstwas singen können, es ging hier nur äußerst sekundär um die arme Csárdásfürstin :P. Ob man letztere so "missbrauchen" darf, ist wieder eine andere Frage ?(. Aber es gibt sicher schlimmere Missbrauchsfälle in der Musikgeschichte.

LG, Rk
Peter Brixius (11.01.2015, 22:04):
Liebes Rotkäppchen,

es war nicht das Dresdner Publikum, da hast Du Recht, es war ein Dresdner Publikum. Dabei dürfte allerdings die Schnittmenge zu dem empörten Premierenpublikum von 1999 nicht so klein gewesen sein. Aber es gab ja auch noch die Dresdner Operettenfreunde, die bewusst in die Konwitschny-Inszenierung gingen und sie begeistert feierten.

Rideamus hat es mal zu einer Inszenierung von "Benvenuto Cellini" geschrieben. Dass die Inszenierung (und der Gesang) nicht das waren, was er erwartete, war zu verschmerzen. Dass da aber eine einmalige Chance vertan wurde, ein Publikum für die Berlioz-Oper zu gewinnen - das konnte durch nichts mehr gut gemacht werden.

Deshalb betrachte ich das Publikum mit Nachsicht, das Publikum schon ...

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (12.01.2015, 15:09):
Mein Blick geht nun zu den Musikformen, denn da hat die Operette ihr Eigenleben entwickelt. Nicht zuletzt sind es Tänze und tanzbare Musikstücke, die das Formenrepertoire ausmachen. Bei der Csárdásfürstin ist dies zunächst einmal der Csárdás.

Die große Auftrittarie der Sylva "Heia, heia, in den Bergen ist mein Heimatland" zieht die eine Ebene des musikdramatischen Geschehens auf. Mit dem Csárdás ist Herkunft und Gefühlstiefe der Sängerin bestimmt. Sie ist nicht nur die berühmte Chansonette, die ihr Abschiedskonzert vor ihrer Amerikareise gibt, sie ist auch das Naturkind, das fühlt und empfindet, das aber seiner Glaubwürdigkeit auch seinen Erfolg als Künstlerin verdankt. Damit ist nicht nur das Thema der nationalen Identität angesprochen, sondern auch die Wahrheit der Kunst.

Stark kontrastierend dagegen ist das Marschlied der beiden Lebemänner. Was zunächst wie eine champagnerprickelnde Launenhaftigkeit klingt, bekommt am Ende des ersten Aktes seine tragische Note, als Sylva resigniert und am Boden zerstört den Refrain des Marschliedes wieder anstimmt: "Die Mädis, die Mädis, die Mädis vom Chantant, die nehmen die Liebe nicht so tragisch". Sie sind austauschbar, man nimmt sich eine Neue, wenn die "alte" ihren Reiz verloren hat.

Es ist die Moral des Offizierkorps, das sich zwischen den Schlachten, die es befiehlt, Soldatenliebchen hält und wieder verlässt. Hier amüsiert man sich flott, hat keine Verantwortung für den anderen. Die Frau hat ihren Wert nur darin, dass sie die Zeit vertreibt, sie ist ein Lustobjekt.

Mit diesem Gegensatz der ersten beiden Gesangsnummern ist der soziale Rahmen der Operette gespannt: Die Bühne ist die des Adels, für den die Kunst vor allem Vergnügen ist, die Akteure sind Lebemänner und die ihnen willigen Kokotten. Da tönt der Csárdás wie aus einer fremden Welt herein. Kálmáns Meisterschaft besteht darin, diese musikalische Spannung auch mit musikalischen Mitteln durchzuführen, was der Operette ihre Geschlossenheit gibt.

Welcher Teufel nun wen ritt, bei dem Dresdner Silversterkonzert einen Tango einzuflechten, den Tanz der Pariser Apaches, weiß nun allenfalls eben jener. Die Auftrittsarie von Florez stammt aus dem "Veilchen von Montmartre", ein musikalisch schönes Stück, brillant vom Sänger geboten - aber atmosphärisch ein Tiefschlag. Sollte Florez als Edwin hier eine wirksame Auftrittsarie geboten werden, so hat man für den Sänger eine ideale Partie gefunden. Aber musikalisch sprengt es den Rahmen, zerstört die Konzeption.

Nun kennt man solche Einlagearien ja zu Hauf aus der Musikgeschichte, Mozart hat welche geschrieben, in zeitgenössischen Aufführungen von Mozartopern fanden sich Kompositionen anderer. Häufig hatten Solisten sie im "Täschchen", man versuchte sie dann möglichst so einzubauen, dass sie nicht störten. Jetzt, im Jahr 1915, sind die Vorstellungen der Geschlossenheit eines musikdramatischen Werkes andere. Gerade die "Csárdásfürstin" ist sehr konsequent aufgebaut, im zweiten Akt gibt es aus Gründen, die noch zu erörtern sind, keinen Csárdás. Da ist man dann sehr viel empfindlicher. Denn Fürst Erwin ist nun kein Angehöriger der Pariser Unterwelt, er gehört nicht in den bunten Tross des Pariser Künstlervolks, da hat man bei der Wahl der Einlagearie einfach daneben gegriffen, meine ich.
stiffelio (12.01.2015, 17:12):
Original von Peter Brixius
Jetzt, im Jahr 1915, ...

Lieber Peter,
meinst du mit "jetzt" das Premierenjahr der Csardasfürstin (1915) oder das tatsächliche "jetzt" (2015)? Dann hättest du dich um ein Jahrhundert vertippt... :wink
Was die "Vorstellungen der Geschlossenheit" betrifft, ist die ja offenbar zu beiden Daten vorhanden. Oder sind wir heuzutage sogar noch strenger als 1915?

VG, stiffelio
Peter Brixius (12.01.2015, 17:22):
Original von stiffelio
Original von Peter Brixius
Jetzt, im Jahr 1915, ...

Lieber Peter,
meinst du mit "jetzt" das Premierenjahr der Csardasfürstin (1915) oder das tatsächliche "jetzt" (2015)? Dann hättest du dich um ein Jahrhundert vertippt... :wink
Was die "Vorstellungen der Geschlossenheit" betrifft, ist die ja offenbar zu beiden Daten vorhanden. Oder sind wir heuzutage sogar noch strenger als 1915?

VG, stiffelio

Liebe Stifellio,

gemeint war das Jahr 1915, Sinn macht es aber auch für 2015 (das Konzert war leider schon 2014, naja und die Einlagearie von 1930, es geht also kreuz und quer durch ide Zieten).

Ich denke, dass im Aufführungsjahr die Einlagearie nicht nur deshalb nicht möglich gewesen wäre, weil sie noch nicht geschrieben war. Ich stelle mir gerade vor, wie in Webers Silvana die Arie der Agathe untergebracht worden wäre - das passt dann schon stilistisch nicht.

Also, wenn ein Ungarischer Tanz von Brahms eingefügt worden wäre, das wäre gegangen. Wie Kálmán mit "Mendel und Sohns" Hochzeitsmarsch umgegangen ist, dazu schreibe ich noch etwas. Übrigens "Mendel und Sohn" ist für uns heute nicht ganz unbedenklich, kontaminiert es doch den Komponistennamen mit einem Handelsnamen. Aber vielleicht bin ich da überempfindlich ...

Liebe Grüße Peter