heute bin ich zufällig auf die Besprechung eines Buches aus dem Bereich „neue Musikwissenschaft“ gestoßen, die mir doch zu denken gegeben hat. Unter anderem muß ich meine naiven Vorstellungen von der Musikwissenschaft gründlich revidieren.
Die Besprechung findet sich in der Zeitschrift Music and Letters, 1997; 78: 292 – 294 und behandelt folgende Publikation: Kevin Kopelson. Beethoven's Kiss: Pianism, Perversion, and the Mastery of Desire. (Stanford University Press, 1996. ISBN O-8O47-2597-7/O-8047-2598-5.)
Das Buch ist mir in keiner der lokalen Bibliotheken zugänglich, daher stütze ich mich lediglich auf die (recht ausführliche) Besprechung.
Der Rezensent scheint es als Tatsache hinzunehmen, daß zwischen der Praxis des Klavierspiels und sexueller Orientierung und Praxis ein Zusammenhang besteht. Nichtprofessionelle schwule Pianisten hätten einen schweren Stand, weil ihnen die „phallische Kraft“ der Virtuosen fehle, denn Männer wie Frauen assoziieren musikalische Virtuosität mit sexueller Virtuosität.
Das Buch operiere „auf zwei Ebenen“, sagt uns der Rezensent. Das ist ein Euphemismus dafür, daß der Autor den Leser offenbar immer wieder an seinen eigenen pianistischen (er ist an der Juillard School ausgebildeter Pianist) und sexuellen Neigungen und Erfahrungen teilhaben läßt. Der Autor teilt mit, daß er das Buch als Liebesbrief an Wayne Koestenbaum begonnen habe (ein Autor, der u.a. ein Buch für die Opernfreunde unter uns geschrieben hat, das im Deutschen den unverfänglichen Titel Die Königin der Nacht trägt – im Original heißt es The Queen’s Throat. Opera, Homosexuality and the Mystery of Desire; ein anderes seiner Werke ist Best-Selling Jewish Porn Films).
Das Kernstück des Buches ist anscheinend eine Betrachtung der romantischen Klaviermusik unter dem Aspekt der viel ausgeprägteren männlichen „Homosozialität“ im 19. Jahrhundert, der erst das 20. mit seiner strengen Polarisierung des Männlichen und Weiblichen den Garaus machte. Deshalb können auch die unter uns, die zufällig keine homoerotischen Neigungen haben, die androgynen Bedeutungen nicht verstehen, die die ganze romantische Klaviermusik verströmt (außer Chopin werden insbesondere Schumann und Liszt erwähnt, letzterer auch mit nekrophilen Neigungen in Bezug auf Chopin). Der Autor geht ebenfalls darauf ein, daß es im 19. Jahrhundert leicht gewesen sei, mit einem „Wunderkind“ zu „homosozialisieren“, ohne gleich als Päderast zu gelten ...
Den Umschlag ziert ein Bild, auf dem Beethoven Liszt küßt (aus dem Jahre 1873, ich kenne es nicht), und das den Titel des Buches erklärt.
Die letzten Kapitel wenden sich von den Komponisten zu anderen Akteuren in der Welt der Klaviermusik und wie sie in anderen Medien sexualisiert werden: den „Klavierlehrerfräuleins“ (wie sie hier einmal genannt wurden) von einst und den Virtuosen. Das letzte Kapitel ist Liberace gewidmet ...
Es scheint mir in der Tat bedenklich, daß wir das hochaktuelle Thema „Musik und Gender“ (gemeint ist hier nicht das grammatische Geschlecht, sondern Sex, was allerdings nicht so seriös klingen würde) bisher fast völlig ausgeklammert haben; rühmliche Ausnahme ist hier der bahnbrechende Beitrag von Satie über das „Gender“ von Brahms.
Ein Thema, das uns allen zu denken geben sollte und zu lebhaften Diskussionen Anlaß geben könnte (natürlich immer im Rahmen eines seriösen Forums). Ich frage mich zum Beispiel, ob ich verklemmt bin, weil ich reine Virtuosen so wenig mag.
Und ist es richtig, daß – wie der Autor behauptet – wir zwar musikalische und sexuelle Virtuosität miteinander korrelieren, aber unterschwellig das Gefühl haben, daß sexuelle Verausgabung das kulturelle Kapital vermindert ? Ist das der Grund, warum „seriöse“ Musikliebhaber nichts von reinen Virtuosen halten ?
Werden wir überhaupt noch über unsere Lieblingspianisten schreiben können ? Welche Pianisten findet Ihr sexy ? Liberace ? Lang Lang ?
Grübelnde Grüße, Gamaheh
Hier noch als Nachtrag der anderswo gefundene Klappentext:
"A vivid (and startling) example of the 'new musicology', Beethoven's Kiss is an interdisciplinary study of romantic pianism in relation to gender and sexuality. Confronting problems posed by keyboard players - erotic anxieties of musical amateurs, sexual myths concerning child prodigies, prurient interests in leading virtuosos, castrating figurations of 'maiden' piano teachers - the author underscores the extent to which the piano resonates with intimations of both homosexuality and mortality. The book concludes with a far-ranging analysis of the performance art of Liberace."
Rachmaninov (29.07.2008, 22:36): Original von Gamaheh Den Umschlag ziert ein Bild, auf dem Beethoven Liszt küßt (aus dem Jahre 1873, ich kenne es nicht), und das den Titel des Buches erklärt.
Man sollte aber bedenken, dass zu anderen zeiten und anderen kulturellen Umgebungen dies nichts wirklichbesonderes ist wenn 2 Männer sich küssen!
Gamaheh (29.07.2008, 22:48): Original von Rachmaninov Original von Gamaheh Den Umschlag ziert ein Bild, auf dem Beethoven Liszt küßt (aus dem Jahre 1873, ich kenne es nicht), und das den Titel des Buches erklärt.
Man sollte aber bedenken, dass zu anderen zeiten und anderen kulturellen Umgebungen dies nichts wirklichbesonderes ist wenn 2 Männer sich küssen!
Darum geht es ja offenbar in dem Buch u.a.; der Autor ist - da er es als Klaviervirtuose nicht gebracht hat - Dozent für "cultural studies" an einer nicht näher bezeichneten Institution.
Grüße, Gamaheh
satie (29.07.2008, 23:14): Liebe Gamaheh, ich weiß gar nicht, wie man es Dir überhaupt danken könnte, dass Du diese Perle der Forschung für uns gefunden hast. Es ist fantastisch, dass es noch Autoren gibt, die uns derart bahnbrechende neue Blickwinkel eröffnen können und kann gar nicht genug gelobt werden. Schließlich war es doch Horowitz, der uns aufs Glatteis führte mit seiner Aussage, man könne nur auf zwei Weisen ein berühmter Pianist werden, nämlich wenn man entweder schwul oder jüdisch sei. Mir als heterosexuellem Komponisten, der auch mit größter Mühe keinerlei genetische Verbindungen zu irgendwelchen Minoritäten außer dem dekadenten Hochadel herstellen könnte, bleiben diverse Türen wohl auf ewig verschlossen. Ich hoffe auf mehr Bücher dieser Art, insbesondere auf solche, die endlich einmal die Zusammenhänge von Musik und Sodomie und (längst überfällig!) der Nekrophilie aufdecken: mein Gott, da sind doch ständig Tiere in der Musik, und die vielen Trauermärsche und Requiems müssten einem die Realität doch im Grunde drastisch genug vor Augen führen. Ich vermisse die Bücher, wo die tierliebenden Komponisten endlich mal ausführlich auf mehreren hundert Seiten von ihren Abenteuern mit scharfen Hunden und schnurrenden Katzen kund tun oder von ihren fetischistischen Neigungen erzählen. "Ich erinnere mich noch an das erste Mal, als ich mit Schokoladenpudding in Berührung kam: es war ein Unfall. Einer meiner Kindergartenfreunde hatte für die Neun-Uhr-Dreißig-Pause einen solchen Pudding in seiner Frühstücksbox. Als er diesen öffnen wollte, war er zu ungestüm und riss die Aluminiumfolie zu ruckartig auf (alle Anfänger machen diesen Fehler!), wodurch der Pudding herausschwappte und sich auf mich ergoss. Diese süße Klebrigkeit und der Geruch, der schon wenige Tage später auf meiner Haut entstand, haben mein Leben - und vor allem mein Verhältnis zur Musik! - nachhaltig geprägt, ja ich wäre wohl niemals Musiker geworden, hätte ich nicht bereits in dieser frühen, sexuell noch sehr unsicheren Phase, dieses Schlüsselerlebnis mit der Süßspeise gehabt. Mittlerweile habe ich natürlich Erfahrungen mit weiteren Geschmackrichtungen, Produkten mit oder ohne Gelatine, biologischen Erzeugnissen und exklusiver Importware sammeln dürfen, wodurch sich direkt auch deutliche Differenzierungen in der Interpretation etwa der Beethovenschen Sonaten ergaben. Die Waldsteinsonate etwa hätte sich mir niemals gänzlich erschlossen ohne Monte von Zott...."
Solcherlei Offenbahrungen haben wir uns lange Zeit gewünscht, doch war die Thematik natürlich stets einer rüden Zensur und Tabuisierung unterlegen. Heute, wo der sexuelle Bereich entmythisiert ist und wir dank der Psychoanalyse gelernt haben, möglichst öffentlich über unsere Neigungen zu sprechen, ist es kein Problem mehr, sich diesen Bereichen endlich anzunehmen. Und überhaupt: wer sich mit jüdischen Pornofilmen auskennt, der muss von der Oper sowieso Ahnung haben! Dem kann man nur einen Liebesbrief schreiben, der dann logischerweise in eine wissenschaftliche Betrachtung der mangelnden sexuellen Virtuosität eines Liberace mündet. Da können sich all die Schreiberlinge mal einen abschneiden von!
Zur Abschlussfrage: einer der schon Lang Lang heißt, muss doch sexy sein!
http://www.gifart.de/gif234/lippen/00005251.gif
Gamaheh (30.07.2008, 21:34): Lieber Satie,
vielen Dank für Deine wertvollen Kommentare !
In der Tat suche ich auch noch nach dem Beitrag über Klavierspiel und Sodomie, aber wahrscheinlich gibt es ihn schon... (Hängt ein bißchen von der Bedeutung von "Sodomie" ab.) Den nekrophilen Aspekt behandelt ja dankenswerterweise bereits Kopelson, der für Liszt eine "homoerotische Faszination" mit dem toten Chopin feststellt: "Warum sonst würde er einen Traum öffentlich machen, in dem er sich bewußt wird, daß er mit einer idealisierten Vision desselben verschmelzen muß, sich verwandeln und verwandelt werden muß ?"
Zu einem Nebenthema (und bitte: Ich glaube wirklich nicht, daß es schon einen Faden über Küsse gibt !) habe ich bei weiterer Recherche gefunden, daß "Der Kuß" offenbar eine Mythe ist, von einem keuschen Kuß, der weitergegeben wird wie die olympische Fackel oder wie ein Priesteramt. Beethoven küßte den zwölfjährigen Liszt auf die Stirn, Liszt gab ihn weiter an Emil von Sauer, dieser wiederum an den ungarischen Pianisten Andor Foldes.
Von Sauer sprach folgenden Zauberspruch, als er Foldes zum Ritter schlug: "Mein Sohn, als ich in Deinem Alter war, wurde ich Schüler von Liszt. Er küßte mich nach der ersten Stunde auf die Stirn und sagte: 'Hüte diesen Kuß gut - er kommt von Beethoven, der ihn mir gab, als er mich spielen hörte, als ich in Deinem Alter war.' Ich habe Jahre gewartet, bis ich dieses heilige Vermächtnis weitergeben konnte, aber ich habe das Gefühl, daß Du es verdienst." (Nachzulesen hier)
Zur Abschlussfrage: einer der schon Lang Lang heißt, muss doch sexy sein!
http://www.gifart.de/gif234/lippen/00005251.gif
Wie wahr !
Grüße, Gamaheh
Tranquillo (31.08.2008, 11:17): Hallo zusammen,
es gibt unter den Threads dieses Forums wahre Perlen, die im Verborgenen schlummern - Themen, die die Welt bewegen...
Original von Gamaheh Ein Thema, das uns allen zu denken geben sollte und zu lebhaften Diskussionen Anlaß geben könnte (natürlich immer im Rahmen eines seriösen Forums). An welches Forum dachtest Du da? :D
Als erstes wäre für mich die Frage zu diskutieren, was unter "sexueller Virtuosität" zu verstehen ist. Ist damit die "Stellungsakrobatik" gemeint, die in den 1970er Jahren propagiert wurde?
Und ist es richtig, daß – wie der Autor behauptet – wir zwar musikalische und sexuelle Virtuosität miteinander korrelieren, aber unterschwellig das Gefühl haben, daß sexuelle Verausgabung das kulturelle Kapital vermindert? Zumindest behauptete das die klassische Psychoanalyse: Kulturelle Leistungen entstehen durch die Sublimierung des Sexualtriebs, also die Umlenkung des Triebs auf andere Ziele. Wenn das so wäre, dann würde sexuelle Verausgabung (also das Ausleben des Sexualtriebs) den Untergang der Kultur nach sich ziehen. Oder anders herum: Konsequente Enthaltsamkeit müsste die Kultur zu ungeahnten Höhen emporheben können - nur würden wir dann aussterben.
Ist das der Grund, warum „seriöse“ Musikliebhaber nichts von reinen Virtuosen halten ? Ich weiss nicht, ob diese Frage ernstgemeint war, aber für mich hat die Ablehnung des reinen Virtuosen einen anderen Grund: Emotionsloses, auf das Technische konzentriertes Musizieren ist genauso langweilig und öde wie ein emotionsloser, auf das Technische konzentrierter Geschlechtsakt.
Welche Pianisten findet Ihr sexy ? Zum Beispiel diese hier: