Komponisten der Türkei

ab (08.02.2012, 20:58):
Schon irgendwie seltsam: Da ist Migration, sei es Aus-, Durch- oder Zuwanderung, seit je ein prägendes Merkmal aller Kulturen - und seit gut 100 Jahren durch das Zusammenwachsen zu einer globalisierten Welt immer stärker. Gerade Menschen aus der Türkei stellen in Deutschland die größte Einzelgruppe dar, in Österreich und der Schweiz ist das nicht viel anders. Dennoch sind die Türken eine sozusagen unbekannte Gruppe, weil bei uns "Ausländer" (eigentlich sind Ausländer ja Menschen, die im Ausland wohnen) als "Andere" abgestempelt werden, die angeblich nicht zu "uns" gehören. Mittlerweile scheint es, dass sie sogar noch unbekannter werden, weil derzeit gerne alles in einem Topf "Islam" geworfen wird (so, als ob ein getaufter Christ, der einmal im Jahr in die Kirche geht, oder ein anderer, der aus der Kirchengemeinschaft ausgetreten ist, unterschiedslos zu einem Diakon, Kardinal oder sonstigem Würdenträger zu betrachten wäre; von einer katholischen und einer protestantischen Tradition und ihren Untergruppen oder Atheisten, Agnostiker und Gelegenheits- oder Patchwork-Gläubigen ganz zu schweigen). Dabei sind das in erster Linie Menschen, die hier genauso leben und daher zweifellos Teil unsrer Gesellschaft sind - und das ist eine Tatsache, ganz gleichgültig, wem auch immer das gefällt und wem nicht.

In der Musik hat uns das durch die Jahrhunderte immerhin den Begriff „alla turca“ eingebracht, viel mehr aber auch nicht? Wer weiß schon, dass es in der Türkei seit dem 20. Jahrhundert eine eigene Tradition westlich beeinflusster Klassischer Musik gibt, an der auch Paul Hindemith Teil hatte, indem er half, das Konservatorium von Ankara mit aufzubauen? Zu Ata Türks Zeiten kamen viele Künstler und Pädagogen aus Deutschland in die Türkei.

Ulvi Cemal Erkin, Cemal Resid Rey, Ferid Alnar, Ahmet Adnan Saygun und Necil Kâzim Akses gehörten zu den Türkischen fünf, der Gruppe der ersten professionellen Komponisten der Türkei. Ich muss gestehen, dass mir von ihnen bislang bloß etwas von Saygun zu Ohren gekommen ist. Etwas bekannt heute ist allemal Fazil Say, aber wohl mehr durch sein Klavierspiel als durch seien Kompositionen.

Warum wird Musik türkischer Komponisten nicht bei uns aufgeführt? Das wäre doch eine Möglichkeit, aus unseren Konzersälen einen Begegnungsraum zu schaffen, in dem dann einmal auch – viele, sehr viele – Menschen sich eingeladen und willkommen fühlen könnten, an unserer Konzertkultur teilzunehmen, die sonst dort fast nie anzutreffen sind (obwohl es ja auch die ihre Kultur wäre, weil sie ja hier leben). Schon irgendwie seltsam...

Was gibt es denn noch für Komponisten aus der Türkei? Welche Kompositionen lohnen, entdeckt zu werden?
:hello
Nordolf (09.03.2012, 00:59):
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Violine: Cihat Askin
Rengim Gökmen / Radio-Philharmonie Hannover des NDR
2000

Ich höre dieses wunderschöne Violinkonzert voller neoromantischer Klangfarben immer wieder gerne. Es entstammt der Phantasie des türkischen Komponisten Necil Kazim Akses, der 1999 als hochgeehrter Musiklehrer im Alter von 91 Jahren in Ankara verstorben ist. Seine Lehrjahre verbrachte er in Wien und Prag, wo er u.a. bei Joseph Marx und Josef Suk studierte. In der Regierungszeit von Kemal Atatürk unterstützte er als Assistent von Paul Hindemith den Aufbau des Staatlichen Konservatoriums Ankara. Wie ab im Anfangsbeitrag schon schrieb, gehörte er zu den ersten Komponisten, die westliche Kompositionstechniken in der Türkei etablierten. In seiner jahrzehntelangen Lehrtätigkeit gab er sie an die jüngere Generation weiter und erhielt viele Auszeichnungen.

Das Violinkonzert enstand in den Jahren 1967 bis 1969 als Auftragsarbeit der Türkischen Fernseh- und Radiogesellschaft. Es besteht aus zwei Sätzen, wobei der zweite Satz in der vorliegenden cpo-Einspielung über 3 Tracks verteilt wurde. Jeder Satz enthält eine längere, sehr virtuos gestaltete Kadenz, die am Ende bzw. kurz vor Ende des jeweiligen Werkteils erklingt. Ansonsten gibt es mehrere weitere Kadenzen und viele Themen, die zuweilen exotisch-orientalisches Kolorit ausstrahlen. Das Anfangsthema, welches durch eine gewaltige, dunkel paukende Dramatik bestimmt wird, beendet auch das Konzert.

Das Violinkonzert hat die Ausmaße einer Symphonie: - eine dreiviertel Stunde lang entführt es in eine eigene Welt, die zwar durch die Violine bestimmt, aber nicht dominiert wird. Die Möglichkeiten des Instruments werden zwar ausgiebig genutzt, aber nicht vorgeführt: - ein gewisser erzählerischer Duktus mit großem Atem steht im Vordergrund. Akses bedient sich dabei immer wieder herber Dissonanzen, die für dramatisierende Effekte eingesetzt werden: sowohl im Part des Orchesters als auch bei den Einsätzen der Violine. Eine gewisse schwüle Schwerblütigkeit und magisch-schillernde Atmosphäre reihen das Konzert in die musikalische Tradition bestimmter Spätestromantiker wie Szymanowski, Miaskowsky oder Korngold ein. Ebenso gibt es Anklänge an die folkloristisch-expressiven Thematiken Bartoks (gerade bei den Soloparts der Violine) und manche harmonische Wendung erinnert an das Violinkonzert von Samuel Barber.

Auf mich hat die Musik eine hypnothische, hineinziehende Wirkung. Sie bietet dem Ohr durch die verschiedenartigen Themen und Elemente viele Anreize. Vielleicht liegt diese Wirkung auch an dem "gesanglichen Stil", der Akses häufig attestiert wird: - seine Musik wird geprägt durch eine stark ausgeprägte Melodik, ein exotistisches Flair und einen Fluß, die mich in ihren Bann zu ziehen verstehen. Die spannungsvolle, dunkle Dramatik des Werkes macht es dann endgültig zu einem meiner Lieblingskonzerte.

Die Diskographie von Akses fällt leider sehr spärlich aus. Außer der cpo-Einspielung gibt es bei Hungaroton noch eine längst vergriffene CD mit der 4. Symphonie und dem Konzert für Orchester – ebenfalls unter dem Dirigat von Rengim Gökmen – sowie eine Veröffentlichung mit den Streichquartetten 1 & 4 (alle beide nur noch heillos überteuert erhältlich). Alle anderen Einspielungen sind überaus rar und kaum erreichbar (siehe hier). Wenn ich von 6 Symphonien des Komponisten lese, von symphonischen Tondichtungen mit Titeln wie "Die Zitadelle von Ankara" oder "Krieg im Frieden", von einem "Poem" für Cello und Orchester oder gar einer "Sinfonischen Epik" für großes Orchester steigen Neugierde und Bedauern um so mehr…

Herzliche Grüße!
Jörg
Jeremias (09.03.2012, 19:23):
Ich begeistere mich immer wieder für die Musik von Fazil Say. Sein Oratorium "Nazim" wird sogar am 1.4. in Wuppertal aufgeführt. Auch seine Klavierwerke haben einen unglaublich großen Reiz...