La Boheme in Hamburg

Engelbert (25.11.2006, 13:26):
Das Ärgernis des Monats

Die Hamburger Staatsoper gibt eine ‚La Boheme’ zum besten, welche die Republik maßlos aufregt. Anneliese sieht mit ihren achtzig Lenzen Symptome für den Untergang des Abendlandes. Die Befürchtungen sind nachvollziehbar, denn die Gefahren einer fragwürdigen Inszenierung sind weder erkannt noch gebannt. :A

Was ist passiert? Einem Inszenator ist es nunmehr endgültig leid, Henry Murgers Boheme im Quartier Latin anzusiedeln, sondern hat es in die Popszene der Gegenwart verlagert mit dem Hintergedanken, Gefühlskälte und Neue Armut anzuprangern. Dazu sind ihm jedes Mittel und alle Farben der Scala (ich denke jetzt nicht an Mailand), recht. Eigentliche Absicht – das Publikum soll ‚rot’ sehen. Resultat – zwei Buhrufe gingen gestern Abend im Applaus unter. :P

Um ein Fundament für eine Bewertung zu haben, muss man akzeptieren, dass ein Regisseur, dem der Senat die Mittel bereitgestellt hat, eine Schmachtorgie mit Hilfe seines Kunstverständnisses auch veredeln darf. Pop ist nun einmal eine Kunstrichtung, ich kalkuliere, dass ich mit meiner Auffassung auf wenig Opposition stoße. Aus dieser Sicht, wüsste ich nicht, was man hätte noch besser machen können. Es wurden alle Möglichkeiten ausgeschöpft. :J

Beginnen wir beim Bühnenbild. Ein Naturereignis hatte ein Haus mit drei Stockwerken und neun Zimmern halbiert und eine Hälfte stehen gelassen. Die Mieter stört das nicht weiter, denn im Zimmer oben rechts liegt eine Frau, die schläft, im Raum darunter sitzen zwei Personen am Tisch, von denen eine Zeitung liest. Alle Räume sind sparsam möbliert und sollten einmal wieder tapeziert werden. Der Beginn von ‚La Boheme’ spielt im zentralen Mittelzimmer. Da der Platz auf Dauer nicht ausreicht, kann das Haus auf die gewünschte Höhe im Erdboden versenkt werden, so dass auf der Vorderbühne weitergesungen werden kann. :J

Besonders spektakulär ist der zweite Akt gelungen. Hinter dem halbkreisförmigen roten Tresen werden nicht nur Gläser gespült, sondern drei Akrobaten sind damit beschäftigt, Kegel zu jonglieren. Das Publikum wird von der musikalischen Darbietung abgelenkt, weil es gilt, die Kunst der Jongleure zu bewundern. Musette muss auf den Tresen klettern, um dort ihr Schuhwerk vorzuführen.(Die superschlanke June Anderson würde das aus dem Sprung schaffen. Jane Eaglen müsste den Umweg über den Barhocker nehmen. Letztere ist allerdings so schlau und hat die Musetta gar nicht erst einstudiert.) :D
Der Schriftzug des Cafés ist in gelber Spiegelschrift an der Schreibe zu erkennen.

Der dritte Akt erinnert an die Hölle, wenn die Tür über der Verladerampe auch nur einen Spalt geöffnet wird, schimmert blutrotes Licht durch. Außerdem ist die Straßenbeleuchtung eingeschaltet. Schneeflocken rieseln und sammeln sich am Boden – ein Zeichen, dass diese nicht simuliert, sondern echt sind. Ein Schiebedach über der Obermaschinerie macht es der Hamburger Staatsoper möglich, die Meteorologie in die Handlung mit einzubeziehen. :D

Der Glanzpunkt des Abends wäre Alexia Volgaridou - zur Zeit als weltbeste Mimi gehandelt - gewesen. Jedoch insbesondere im ersten Akt ließ das lärmende Orchester den Wohlklang ihrer Stimme nicht zur Geltung kommen. Dem vielversprechenden amerikanischen Tenor ging es nicht viel besser. Zart wie ein Putenschnitzel, hatte sein edles Timbre keine Chance, durchzudringen. Im zweiten Akt waren die Solisten zur Nebensache verdammt. Chor und Orchester machten sich lautstark bemerkbar und Musettas Gekeife war nicht zu ignorieren. Wohlgefallen löste der dritte Akt aus, weil die Sänger sich endlich halbwegs entfalten konnten. Der vierte Akt quälte sich hin und wartete mit einem deprimierenden Finale auf. Die die Protagonisten waren nicht bereit, den armen Rodolfo zu trösten, sondern verzogen sich in die leerstehenden Zimmer des Hauses. X(

Eine Inszenierung, die nur wenigen gefällt und Einsteigern in die Welt der Klassik den Schock fürs Leben verpasst. Trotzdem möchte ich sie als nennenswert und bemerkenswert bezeichnen. Die Schönheit der Melodienbögen zerbarst an der Profilneurose des Regisseurs und dem rustikalen Auftrumpfen des Orchesters.

So wie eine Woge dem vorspringenden Felsen keinen Schaden zufügt und der Gischt sich wieder zurückzieht, werden die Gesänge der Boheme in den Herzen der Menschen bis zum Jüngsten Tage ihren Platz einnehmen. Daran ändern auch eigenwillige Inszenierungen nichts. :hello

Engelbert
Amadé (11.11.2007, 17:01):
Hallo Engelbert,

soeben lese ich Deinen Thread.
Inszenierungen wie diese wären auch nicht mein Fall. Bei bekannten Opern schließe ich meist die Augen und lausche dem Gesang, dem Orchester.

Gestern hörte ich mal wieder die wunderbare Aufnahme der Boheme unter der Leitung von Sir Thomas Beecham. In den Hauptrollen singen Victoria de Los Angeles und Jussi Björling, Sicher kennst Du diese Aufnahme aus 1956.

Gruß Amadé