Lebens-Abenddämmerung - Gustav Mahler: Das Lied von der Erde
Nordolf (26.05.2006, 22:41): Hallo!
Eines der Werke, die stille einsame Stunden zu etwas besonderen machen können, ist "Das Lied von der Erde" Gustav Mahlers. Zusammen mit der Neunten Symphonie und dem noch vollendeten Adagio der Zehnten bildet es Mahlers Spätwerk. Die Tonsprache ist hier kammermusikalisch zurückgenommen, ruhig und resignativ, teils bilden kleine Motivfragmente die Harmonien, die sich von der klassischen Melodieauffassung entfernen, aber noch tonal bleiben.
"Das Lied von der Erde" bezeichnete Mahler als eine Symphonie für eine Tenor- und eine Alt-(oder Bariton-)Stimme und Orchester. Eigentlich wäre es seine neunte Symphonie gewesen, aber er hegte die Befürchtung, unter das musikalische Schicksalsgesetz zu geraten, das kein großer Komponist des 19. Jahrhunderts über die Neunzahl hinauskommen könne (wie Beethoven, Schubert oder Bruckner). Es ist ja auch kein herkömmliches Werk seiner Gattung, sondern eine Symphonie in Form von Liedern. Grundlage der Texte sind die freien Übertragungen chinesischer Lyrik durch Hans Bethge. Diese stellen mehr als Übersetzungen dar – vielmehr sind es selbst eigene Kunstwerke.
Die Symphonie besteht aus den Sätzen: 1. Das Trinklied vom Jammer der Erde 2. Der Einsame im Herbst 3. Von der Jugend 4. Von der Schönheit 5. Der Trunkene im Frühling 6. Der Abschied
Ähnlich wie im Schlussadagio der Neunten scheint Mahler hier Abschied vom Leben zu nehmen und seine Aufmerksamkeit auf das nach dem Tode Kommende zu richten. Gleichzeitig spricht sich hier aber auch ein geradezu unbändiger trunkener Lebenshunger aus. "Der Einsame im Herbst" weint um die "Sonne der Liebe", die ihm nicht mehr scheinen will und flüchtet sich müde auf seine Ruhestätte. Aber "Von der Jugend" und "Von der Schönheit" beschwören Bilder der Unbeschwertheit und des jugendlichen Überschwanges herauf.
Die beiden zentralen Höhepunkte der Symphonie sind sicherlich der erste und letzte Satz. Hochemotional beginnt das Trinklied auf die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Das Fimament blaut ewig, aber der Mensch darf sich nicht einmal hundert Jahre am morschen Tande dieser Erde ergötzen. Auf den Gräbern hockt ein Affe, dessen Heulen hinausgellt in den süssen Duft des Lebens. Die Zecher leeren ihre Becher in einem Zug bis zum Grund, denn: "Dunkel ist das Leben, ist der Tod."
"Der Abschied" dauert eine ganze halbe Stunde und ist somit der längste Abschnitt des Werkes. Mahler hat hier zwei Gedichte miteinander verbunden. Im ersten Gedicht wartet das lyrische Ich auf seinen Freund, der aber nicht kommt. Die Schönheit des Abends wird beschrieben und der Wartende will sie ein letztes Mal mit dem Freund an der Seite geniessen. Nach einem längerem rein instrumentalen Zwischenspiel schliesst das zweite Gedicht inhaltlich an das erste an. Der Freund ist nun zum Abschied gekommen:
"Er stieg vom Pferd und reichte ihm den Trunk des Abschieds dar. Er fragte ihn, wohin er führe Und auch warum es müsste sein. Er sprach, sein Stimme war umflort: Du, mein Freund, Mir war auf dieser Welt das Glück nicht hold! Wohin ich geh‘? Ich geh‘, ich wand’re in die Berge Ich suche Ruhe für mein einsam Herz! Ich wandle nach der Heimat, meiner Stätte! Ich werde niemals in die Ferne schweifen. Still ist mein Herz und harret seiner Stunde..."
Diese Stunde deutet auf den Tod hin und der Ritt in die Berge ist das Überschreiten der Schwelle zu einer anderen Welt. Diese Stelle der Symphonie ist ganz besonders ergreifend. Die Musik klingt so schwer und abschiednehmend wie das Thema des Textes. Zum Schluß hat Mahler noch eine selbstgedichtete Strophe angefügt, die die ewige Schönheit der Welt besingt. Mit dem Wort "Ewig..." schliesst die Symphonie.
Als Erstanschaffung empfehle ich unbedingt die Aufnahme von Otto Klemperer mit dem Philharmonia Orchestra – gesungen von Fritz Wunderlich und Christa Ludwig (bei EMI in der Reihe "Great Recordings of the Century" erschienen, zum Midprice erhältlich). Hier stimmt einfach alles. Weitere schöne Aufnahmen gibt es mit Bruno Walter oder Leonard Bernstein (einmal mit den Wienern und einmal mit dem Israel Philharmonic) am Pult.
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/5085778.jpg
Zuletzt ein Ausspruch des Komponisten und Dirigenten Anton von Webern zum "Lied", dem ich mich anschliessen will: "Ich spiele noch oft das ‚Lied von der Erde‘. Es ist unglaublich schön. Es ist nicht zu sagen."
Vielleicht teilt ja jemand hier meine musikalische Liebe für dieses Werk...
Herzliche Grüße! Nordolf
embe (27.05.2006, 01:22): Hallo Nordolf, auch ich mag das Werk. Doch selten höre ich es in einem Rutsch. Meist entzücken diese Juwelen mich so, dass ich mir einzelne Lieder ein paar mal hintereinander anhören muss. :down
Natürlich hat es mir Wunderlichs Stimme unheimlich angetan, wohl mit das Beste was es an Mahlergesang gibt. Klemperer führt einen in den unendlichen Kosmos dieser Musik, Und die Ludwig singt sowieso göttlich :engel
Folgende Aufnahmen höre ich aber auch gerne. Seifert kommt erstaunlich nahe an Wunderlichs Leistung... Hampson ist ein Kenner der Materie. Eine schöne Alternative mit Bariton unter Rattle....
Da wäre dann noch diese... Bernstein in seinem Element, Emotionen ohne Ende... Fischer-Dieskau auf dem Höhepunkt seines Könnens... Schade, dass James King etwas abfällt, streifiges Deutsch :rofl
Hat mich nicht berührt, Kollo kein Vergleich zu Wunderlich :(
http://i8.ebayimg.com/02/i/06/f2/6e/ec_1_b.JPG
Die Norman ok., der Rest nee...
http://i16.ebayimg.com/03/i/05/be/1b/af_1.JPG
Gruß embe
martin (27.05.2006, 08:31): Lieber Nordolf,
danke für Deinen schönen Beitrag. Auch ich habe - es wird Euch nicht wundern - die wunderschöne Einspielung des Lieds von der Erde mit Wunderlich, Ludwig und Klemperer.
Ich kenne noch die Einspielung von Naxos ( sehr enttäuschend), eine Einspielung von Kletzki ( die war glaube ich gar nicht schlecht) und wenn ich mich recht erinnere, hatte ich auch mal den Jochum auf LP.
Die Klemperereinspielung ist wirklich umwerfend und eigentlich möchte ich auch keine andere mehr. Wunderlich und Ludwig sind wirklich großartige Sänger. Ein Wunderlichfan bin ich sowieso und es war für mich ein Erlebnis, Christa Ludwig noch mal auf ihrer Abschiedstournee erleben zu dürfen. Was ich erstaunlich fand, war die Aussage der Ludwig in einem Interview, daß sie das Werk zu jener Zeit als sie es unter Klemperer sang, nach eigener Aussage noch gar nicht richtig verstanden habe ( da war sie glaube ich auch noch ziemlich jung). Sie meinte allerdings, daß es trotzdem eine sehr schöne Aufnahme geworden sei. Und das finde ich auch. Vielleicht ist es gerade die Naivität der jungen Christa Ludwig, daß sie das so wunderschön singen kann?
Andererseits muß ich nun doch sagen, das Werk eigentlich nur noch selten zu hören. Man hat es doch schon sehr oft gehört, gerade in jungen Jahren, und dann will sich dieses Gefühl des Überwältigtsein nicht mehr so einstellen. Man wünscht sich eigentlich, das Werk noch mal völlig aus dem Gedächtnis löschen zu können, um es noch mal ganz neu zu erleben. Sonst gibt es Musik, die ist schön, aber dann gibt es vielleicht andere, die man neu kennen lernt, die ist auch schön, die entschädigt einen dafür, aber dieses Werk kennen zu lernen, war für mich ein unvergeßliches Erlebnis und das holst Du nie wieder zurück.
Es ist auch wichtig, dieses Werk nicht nur als reine Musik wahr zu nehmen. Es ist eben ein Abschied, ein Abschied vom Leben. Und dann am Schluß "und ewig blauen licht die Fernen", das "ewig ewig". Also vom "Dunkel ist das Leben, ist der Tod", der Hemmungslosen Düsternis des ersten Liedes führt der Weg zur Verklärung des "ewig ... ewig". Das ist ungeheuer bewegend. Ich müßte dieses Werk mal wieder hören.
Gruß Martin
Nordolf (28.05.2006, 01:30): Hallo embe!
Das Cover der Rattle-CD gefällt mir richtig gut..
Die Solti- und Jochum-Aufnahmen kommen bei Dir ja gar nicht gut weg. Schade, ich mag diese Dirigenten eigentlich sehr... Liegt es nur an den Sängerleistungen?
Die Bernstein/King/Fischer-Dieskau ist definitiv eine tiefgehende Interpretation. Es gibt übrigens noch eine von Bernstein - mit Rene Kollo, Christa Ludwig und dem Israel Philharmonic:
Hoffentlich ist sie nicht gestrichen - bei den diversen Versänden kann ich sie nämlich entweder nicht oder nur gebraucht finden. Ansonsten wäre das meine nächste Anschaffung.
Christa Ludwig hat noch ein drittes Mal das "Lied" mit eingesungen. Und zwar unter Herbert von Karajan:
Sie meinte allerdings, daß es trotzdem eine sehr schöne Aufnahme geworden sei. Und das finde ich auch. Vielleicht ist es gerade die Naivität der jungen Christa Ludwig, daß sie das so wunderschön singen kann?
So innig wie sie den Abschied vorträgt, muss sie zumindest während der Aufnahme ganz in diesem Gedicht aufgegangen sein. Wie ja auch häufig ein "etwas" sich durch die Werke eines Komponisten ausspricht, von dem er nicht weiss, woher es stammt - so mag vielleicht auch eine Sängerin ergriffen werden können. "Es" singt sozusagen durch die Sängerin.
Andererseits muß ich nun doch sagen, das Werk eigentlich nur noch selten zu hören. Man hat es doch schon sehr oft gehört, gerade in jungen Jahren, und dann will sich dieses Gefühl des Überwältigtsein nicht mehr so einstellen. Man wünscht sich eigentlich, das Werk noch mal völlig aus dem Gedächtnis löschen zu können, um es noch mal ganz neu zu erleben. Sonst gibt es Musik, die ist schön, aber dann gibt es vielleicht andere, die man neu kennen lernt, die ist auch schön, die entschädigt einen dafür, aber dieses Werk kennen zu lernen, war für mich ein unvergeßliches Erlebnis und das holst Du nie wieder zurück.
Der Hörer produziert die Musik ja immer mit. Eine besondere Stimmung des Hörers, die nur in diesem Moment da ist, kann einem ein Erlebnis mit der Musik verschaffen, die man später vielleicht nicht mehr so haben wird. Vielleicht war man in diesem Moment oder in dieser Zeit so offen dafür, wie man es später nicht mehr reproduzieren konnte. Ich erlebe so etwas recht häufig - eine bestimmtes Werk oder eine Einspielung ergreifen mich möglicherweise nach dem ersten, vielleicht aber auch nach zweiten oder dritten Mal - dann habe ich eine oft eine regelrechte Scheu das Werk wiederzuhören, weil ich das besondere spontane Erlebnis in dieser Form wohl nicht mehr haben werde. Dafür aber "reifen" meine Höreindrücke - ich nehme bestimmte Details wahr, die ich vorher nicht gehört habe oder mein Höreindruck gewinnt eine gewisse Sicherheit - ich "ruhe" sozusagen in der Musik. Das entschädigt mich häufig für das Überwältigtsein der ersten Eindrücke.
Zudem kann es gerade dann interessant sein, das Werk auch in einer anderen Einspielung kennenzulernen. Vielleicht wiederholt sich dann der Spontaneindruck oder wird sogar noch stärker. Ich habe das mit dem Lied erlebt. Erst hörte ich die Bernstein/King/Fischer-Dieskau (in der DGG-Mahler-Box III) - nach dem zweiten Hören ging ich in der Musik auf. Später habe ich mir die Klemperer-Aufnahme geholt. Daraufhin begann mich das Werk regelrecht bis in die Träume hinein zu verfolgen.. Der Eindruck hatte sich intensiviert - auch durch den Kontrast der beiden Aufnahmen, die je auf ihre Weise etwas besonderes sind.
Ich hoffe, ich rede nicht unverständlich - es ist sehr schwer, so etwas in Worte zu fassen.
Es ist auch wichtig, dieses Werk nicht nur als reine Musik wahr zu nehmen. Es ist eben ein Abschied, ein Abschied vom Leben. Und dann am Schluß "und ewig blauen licht die Fernen", das "ewig ewig". Also vom "Dunkel ist das Leben, ist der Tod", der Hemmungslosen Düsternis des ersten Liedes führt der Weg zur Verklärung des "ewig ... ewig". Das ist ungeheuer bewegend. Ich müßte dieses Werk mal wieder hören.
Völlige Zustimmung! Mahlers Werke haben überhaupt immer diese "Gesamtschau" in sich, d.h. er stellt einen Aspekt der Wirklichkeit möglichst umfassend dar - in der 2. die Sehnsucht nach einem Leben, das über den Tod hinaus geht (auch die Sehnsucht nach einer Heimat, nach Geborgenheit) oder in der 6. das Verhängnisvolle, das der Mensch nicht steuern kann und das seine Pläne durchkreuzt (in einem abschliessenden Sinne ist das dann natürlich der Tod - die 6., die 9. und das Lied liegen für mich sowieso nah beieinander). Die gedanklichen Konzeptionen oder Hintergründe seiner Symphonien finde ich hochspannend (das müssen nicht immer klar herrausgestellte Programme sein). Es ist gewiss auch kein Zufall, das ausgerechnet Mahler und Wagner meine Lieblingskomponisten sind - sie gehören in dieser Hinsicht zusammen.
die beste Einspielung ist für mich jene durch Jascha Horenstein, keine andere kommt ihr in meinen Augen nahe. "Das Lied von der Erde" ist eine Sinfonie mit Gesang und nichts anderes!
martin (28.05.2006, 12:44): Lieber Jascha Horenstein,
wie wäre es denn, wenn Du die Aufnahme, die Du über alle stellst, auch mal vorstellen würdest, also Sänger, Orchester, Label, Verfügbarkeit im Markt ansprechen würdest.
Die zweite Aussage: "Das Lied von der Erde ist eine Sinfonie mit Gesang und nichts anderes" finde ich sehr interessant. Darüber kann man auch diskutieren. Nur hat sich hier glaube ich noch niemand dazu geäußert, was das Lied von der Erde eigentlich ist, wie man es sozusagen gattungsmäßig beschreiben will. Ein "Liederzyklus" ist es sicher nicht, es aber als "nichts anderes als eine Sinfonie mit Gesang" zu beschreiben, will es mir auch nicht einleuchten. Ich finde es an diesem Werk gerade interessant, daß es sich einer gattungsmäßigen Einordnung entzieht, eine durchaus individuelle Prägung im gattungsmäßigen Sinne besitzt.
Immerhin: Der Initiator dieses Threads hat es im Forum Instrumentalmusik angesiedelt ( grundsätzlich hätte ja auch die Möglichkeit bestanden, es im Forum Vokalmusik anzusiedeln), das wäre dann natürlich in Deinem Sinne.
Jascha Horenstein selbst hat gesagt , wenn er einmal sterben müsse , so wünschte er sich , noch einemal Mahlers Das Lied von der Erde hören zu können .
Wer die Horenstein - Aufnahme kennt , der kann nachempfinden , w a r u m "unser" J. H. die tatsächliche Aufnahme so ausserordentlich bewegt und bewegnd hört !
Ich darf hier auf alle Mahler - Aufnahmen durch Horenstein hinweisen . Sehr gut editiert bei BBC Legends . Die beste Besprechung erfolgte vor ca. 7 Jahren in "Gramophone" .
Viele Grüsse , Frank
martin (28.05.2006, 19:36): Lieber Frank,
weil mich das interessiert, habe ich mich dann auch gleich mal auf die Suche nach Horensteins Mahler gemacht. JPC führt das Lied von der Erde nicht. Bei Amazon bekommst Du es - für Euro 25,73! Und ist damit schon über dem normalen Preis einer Hochpreis CD hinaus( 20 Euro ist da eigentlich das Limit). Und das bin ich einfach nicht bereit auszugeben. Auch sonst waren die CDs vom Horenstein teuer. Und dabei sind das, wenn ich das richtig sehe, durchaus CDs, die einige Jahre auf dem Buckel haben ( von wann sind die Aufnahme von dem Horenstein?).
Tut mir leid. Aber das ist vielleicht dasselbe wie mit dem Maurice Abravanel. Auch ältere Aufnahmen, die ich aber in meiner Jugend gerne gehört habe. Aber zu dem größten Teil weit überteuert, so daß ich sie eigentlich niemandem empfehlen kann ( sonst gerne!). Ich hätte mir sonst gerne den Mahlerzyklus mit Abravanel noch mal geholt, da er sozusagen meine Begegnung mit Mahler als Jugendlicher war, aber abgesehen von gewissen Sonderangeboten mußte ich davon Abstand nehmen.
Die Horenstein-Aufnahme kenne ich noch nicht. Bei jpc ist sie übrigens für 19,49 zu haben. Eben habe ich mir via jpc zumindest mal die Soundschnipsel aus dem ersten und letzten Satz angehört. Das klingt vielversprechend - sehr innig und emotional umgesetzt. Allerdings hört man den englischen(?) Sängern schon ihren Akzent an, was ich in diesem Fall aber nicht weiter schlimm finde, da sie ausdrucksvoll klingen.
Die eine einzige Aufnahme eines Werkes gibt es meiner Ansicht nach nicht. Zu verschieden sind die Blickwinkel, die man darauf werfen kann. Ich würde da nicht gerne auf einen verzichten wollen. Und zwar selbst nicht auf die Interpretationen, die mir nicht gefallen (beim "Lied" z.B. Pierre Boulez) - zumindest helfen sie mir meine eigenen Auffassungen abzugrenzen.
Klar - es gibt schon Einspielungen, die dem Ideal sehr nahe kommen. Das ist halt bei Klemperer der Fall. Andererseits gibt es da z.B. noch Patzak/Ferrier/Walter (Decca) - für einige ist das die ideale Einspielung. Irgendwo kann ich das auch nachvollziehen.
Warum habe ich den Thread nun in der Instrumentalabteilung eröffnet?
Das hatte einfach praktische Gründe: erstens steht in der Erläuterung das Wort "Sinfonien, .." und zweitens wird jemand, der sich für Mahler interessiert, wohl eher hier nachschauen.
Mahler bezeichnete ganz eindeutig das "Lied" als Symphonie. Das heißt, das auch die Stimmen sich in den Gesamtzusammenhang einordnen und sozusagen "Instrumente" darstellen. Trotzdem übernimmt der Text im "Lied" eine tragende Rolle - immerhin hat Mahler die Übersetzungen Bethges teilweise für sein Werk noch leicht verändert und im letzten Satz noch eine selbstgedichtete Strophe hinzugefügt. Hier geht es nicht um reine Lautmalerei, sondern um einen Inhalt. Nun ist das bei Mahler nichts Neues. Schließlich sah er schon in der 8. eine Symphonie, die von Anfang bis Ende durchgesungen wird. Immer wieder hat er Lieder und Dichtungen in seinen Symphonien verwandt (2., 3., 4., 8., Lied). Wort und Ton waren also offenbar nicht wirklich getrennt für ihn.
Allerdings kann man eines mit dem "Lied" machen, das bei der 8. nicht funktioniert: - nämlich jeden Satz für sich selbst anhören und damit quasi doch einen Liedzyklus daraus machen (embe macht das, wie er oben schrieb, wohl öfter so). Wie ich schon sagte - der Hörer erschafft die Musik mit. :)
Herzliche Grüsse! Nordolf
embe (28.05.2006, 23:01): Hallo Nordolf, ja die Sängers... Solti und das Orchester finde ich gut aber Kollo :I Bei Jochum hat mir die Dame nie gefallen :wink
Gruß embe
Rachmaninov (06.01.2007, 13:07): Kleine Anmerkung:
Schostakowitsch sagte eins: Wenn ich wüßte das ich noch eine Stunde zu leben habe würde ich mir nochmal den letzten Satz von Wagners: Das Lied von der Erde anhören!
uhlmann (06.01.2007, 15:52): hallo rachmaninov,
wagners lied von der erde?
sollte sich dmitri so vertan haben? :D
greetings, uhlmann
uhlmann (07.01.2007, 15:31): hallo,
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/1013056.jpg
eine interessante variante des lieds von der erde ist die bearbeitung von arnold schönberg.
für eine aufführung des von schönberg gegründeten "vereins für musikalische privataufführungen" begann er 1920 mit einer bearbeitung des stücks für kammerensemble (13 intrumentalisten). jedoch ging der verein pleite und das werk blieb unvolendet. der deutsche komponist und dirigent rainer riehn vollendete schönbergs version anfang der 80er (deshalb version schönberg-riehn).
die bearbeitung für kammerensemble passt imo sehr gut zur intimität des lieds von der erde. dabei gelingt es schönberg, die dichte der mahler'schen partitur schön auf das reduzierte orchester zu übertragen. herreweghe dirigiert das stück mit der nötigen leidenschaft und dem richtigen gespür für details. blochwitz ist gewohnt souverän, und die bis dato mir unbekannte birgit remmert liefert eine sehr ansprechende leistung. eine interessante entdeckung.
greetings, uhlmann
Rachmaninov (31.07.2007, 16:14): Original von uhlmann hallo rachmaninov,
wagners lied von der erde?
sollte sich dmitri so vertan haben? :D
greetings, uhlmann
@Uhlmann,
ja, so meine ich mich zu erinnern! Meine so steht es in seiner Biographie :tongue:
manrico (02.08.2007, 14:48): Besonders eindrücklich finde ich den Konzertmitschnitt von 1939 unter Carl Schuricht mit Kerstin Thorborg und Carl Öhmann aus dem Concertgebouw in Amsterdam. Zwei großartige Protagonisten. Die Thorborg hat einen warmen leuchtenden und innigen Mezzo, der ein wenig an Christa Ludwig erinnert. Aber auch die Leistung von Öhmann darf nicht übersehen werden. Er gehört ja nicht gerade zu den von den Plattenfirmen gepushten Sängern. Schuricht leitet bedächtig, intensiv und mit großen Spannungsbögen. Die Klangqualität ist außergewöhnlich gut. Brennende politische Aktualität erhält dieser Mitschnitt von 1939 allerdings durch einen Zwischenruf: Während des Abschieds scheint sich eine Frau zum Dirigentpult begeben zu haben und verkündet deutlich hörbar: "Deutschland über alles, Herr Schuricht". Im historischen Kontext ist damit dieses beklemmende Dokument von doppelter Bedeutung.
Amadé (02.08.2007, 20:03): Hallo manrico,
volle Zustimmung, ich habe die Aufnahme schon seit langem und bin immer wieder beeindruckt.
Gruß Amadé
Nordolf (26.05.2006, 22:41): Hallo!
Eines der Werke, die stille einsame Stunden zu etwas besonderen machen können, ist "Das Lied von der Erde" Gustav Mahlers. Zusammen mit der Neunten Symphonie und dem noch vollendeten Adagio der Zehnten bildet es Mahlers Spätwerk. Die Tonsprache ist hier kammermusikalisch zurückgenommen, ruhig und resignativ, teils bilden kleine Motivfragmente die Harmonien, die sich von der klassischen Melodieauffassung entfernen, aber noch tonal bleiben.
"Das Lied von der Erde" bezeichnete Mahler als eine Symphonie für eine Tenor- und eine Alt-(oder Bariton-)Stimme und Orchester. Eigentlich wäre es seine neunte Symphonie gewesen, aber er hegte die Befürchtung, unter das musikalische Schicksalsgesetz zu geraten, das kein großer Komponist des 19. Jahrhunderts über die Neunzahl hinauskommen könne (wie Beethoven, Schubert oder Bruckner). Es ist ja auch kein herkömmliches Werk seiner Gattung, sondern eine Symphonie in Form von Liedern. Grundlage der Texte sind die freien Übertragungen chinesischer Lyrik durch Hans Bethge. Diese stellen mehr als Übersetzungen dar – vielmehr sind es selbst eigene Kunstwerke.
Die Symphonie besteht aus den Sätzen: 1. Das Trinklied vom Jammer der Erde 2. Der Einsame im Herbst 3. Von der Jugend 4. Von der Schönheit 5. Der Trunkene im Frühling 6. Der Abschied
Ähnlich wie im Schlussadagio der Neunten scheint Mahler hier Abschied vom Leben zu nehmen und seine Aufmerksamkeit auf das nach dem Tode Kommende zu richten. Gleichzeitig spricht sich hier aber auch ein geradezu unbändiger trunkener Lebenshunger aus. "Der Einsame im Herbst" weint um die "Sonne der Liebe", die ihm nicht mehr scheinen will und flüchtet sich müde auf seine Ruhestätte. Aber "Von der Jugend" und "Von der Schönheit" beschwören Bilder der Unbeschwertheit und des jugendlichen Überschwanges herauf.
Die beiden zentralen Höhepunkte der Symphonie sind sicherlich der erste und letzte Satz. Hochemotional beginnt das Trinklied auf die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Das Fimament blaut ewig, aber der Mensch darf sich nicht einmal hundert Jahre am morschen Tande dieser Erde ergötzen. Auf den Gräbern hockt ein Affe, dessen Heulen hinausgellt in den süssen Duft des Lebens. Die Zecher leeren ihre Becher in einem Zug bis zum Grund, denn: "Dunkel ist das Leben, ist der Tod."
"Der Abschied" dauert eine ganze halbe Stunde und ist somit der längste Abschnitt des Werkes. Mahler hat hier zwei Gedichte miteinander verbunden. Im ersten Gedicht wartet das lyrische Ich auf seinen Freund, der aber nicht kommt. Die Schönheit des Abends wird beschrieben und der Wartende will sie ein letztes Mal mit dem Freund an der Seite geniessen. Nach einem längerem rein instrumentalen Zwischenspiel schliesst das zweite Gedicht inhaltlich an das erste an. Der Freund ist nun zum Abschied gekommen:
"Er stieg vom Pferd und reichte ihm den Trunk des Abschieds dar. Er fragte ihn, wohin er führe Und auch warum es müsste sein. Er sprach, sein Stimme war umflort: Du, mein Freund, Mir war auf dieser Welt das Glück nicht hold! Wohin ich geh‘? Ich geh‘, ich wand’re in die Berge Ich suche Ruhe für mein einsam Herz! Ich wandle nach der Heimat, meiner Stätte! Ich werde niemals in die Ferne schweifen. Still ist mein Herz und harret seiner Stunde..."
Diese Stunde deutet auf den Tod hin und der Ritt in die Berge ist das Überschreiten der Schwelle zu einer anderen Welt. Diese Stelle der Symphonie ist ganz besonders ergreifend. Die Musik klingt so schwer und abschiednehmend wie das Thema des Textes. Zum Schluß hat Mahler noch eine selbstgedichtete Strophe angefügt, die die ewige Schönheit der Welt besingt. Mit dem Wort "Ewig..." schliesst die Symphonie.
Als Erstanschaffung empfehle ich unbedingt die Aufnahme von Otto Klemperer mit dem Philharmonia Orchestra – gesungen von Fritz Wunderlich und Christa Ludwig (bei EMI in der Reihe "Great Recordings of the Century" erschienen, zum Midprice erhältlich). Hier stimmt einfach alles. Weitere schöne Aufnahmen gibt es mit Bruno Walter oder Leonard Bernstein (einmal mit den Wienern und einmal mit dem Israel Philharmonic) am Pult.
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/5085778.jpg
Zuletzt ein Ausspruch des Komponisten und Dirigenten Anton von Webern zum "Lied", dem ich mich anschliessen will: "Ich spiele noch oft das ‚Lied von der Erde‘. Es ist unglaublich schön. Es ist nicht zu sagen."
Vielleicht teilt ja jemand hier meine musikalische Liebe für dieses Werk...
Herzliche Grüße! Nordolf
embe (27.05.2006, 01:22): Hallo Nordolf, auch ich mag das Werk. Doch selten höre ich es in einem Rutsch. Meist entzücken diese Juwelen mich so, dass ich mir einzelne Lieder ein paar mal hintereinander anhören muss. :down
Natürlich hat es mir Wunderlichs Stimme unheimlich angetan, wohl mit das Beste was es an Mahlergesang gibt. Klemperer führt einen in den unendlichen Kosmos dieser Musik, Und die Ludwig singt sowieso göttlich :engel
Folgende Aufnahmen höre ich aber auch gerne. Seifert kommt erstaunlich nahe an Wunderlichs Leistung... Hampson ist ein Kenner der Materie. Eine schöne Alternative mit Bariton unter Rattle....
Da wäre dann noch diese... Bernstein in seinem Element, Emotionen ohne Ende... Fischer-Dieskau auf dem Höhepunkt seines Könnens... Schade, dass James King etwas abfällt, streifiges Deutsch :rofl
Hat mich nicht berührt, Kollo kein Vergleich zu Wunderlich :(
http://i8.ebayimg.com/02/i/06/f2/6e/ec_1_b.JPG
Die Norman ok., der Rest nee...
http://i16.ebayimg.com/03/i/05/be/1b/af_1.JPG
Gruß embe
martin (27.05.2006, 08:31): Lieber Nordolf,
danke für Deinen schönen Beitrag. Auch ich habe - es wird Euch nicht wundern - die wunderschöne Einspielung des Lieds von der Erde mit Wunderlich, Ludwig und Klemperer.
Ich kenne noch die Einspielung von Naxos ( sehr enttäuschend), eine Einspielung von Kletzki ( die war glaube ich gar nicht schlecht) und wenn ich mich recht erinnere, hatte ich auch mal den Jochum auf LP.
Die Klemperereinspielung ist wirklich umwerfend und eigentlich möchte ich auch keine andere mehr. Wunderlich und Ludwig sind wirklich großartige Sänger. Ein Wunderlichfan bin ich sowieso und es war für mich ein Erlebnis, Christa Ludwig noch mal auf ihrer Abschiedstournee erleben zu dürfen. Was ich erstaunlich fand, war die Aussage der Ludwig in einem Interview, daß sie das Werk zu jener Zeit als sie es unter Klemperer sang, nach eigener Aussage noch gar nicht richtig verstanden habe ( da war sie glaube ich auch noch ziemlich jung). Sie meinte allerdings, daß es trotzdem eine sehr schöne Aufnahme geworden sei. Und das finde ich auch. Vielleicht ist es gerade die Naivität der jungen Christa Ludwig, daß sie das so wunderschön singen kann?
Andererseits muß ich nun doch sagen, das Werk eigentlich nur noch selten zu hören. Man hat es doch schon sehr oft gehört, gerade in jungen Jahren, und dann will sich dieses Gefühl des Überwältigtsein nicht mehr so einstellen. Man wünscht sich eigentlich, das Werk noch mal völlig aus dem Gedächtnis löschen zu können, um es noch mal ganz neu zu erleben. Sonst gibt es Musik, die ist schön, aber dann gibt es vielleicht andere, die man neu kennen lernt, die ist auch schön, die entschädigt einen dafür, aber dieses Werk kennen zu lernen, war für mich ein unvergeßliches Erlebnis und das holst Du nie wieder zurück.
Es ist auch wichtig, dieses Werk nicht nur als reine Musik wahr zu nehmen. Es ist eben ein Abschied, ein Abschied vom Leben. Und dann am Schluß "und ewig blauen licht die Fernen", das "ewig ewig". Also vom "Dunkel ist das Leben, ist der Tod", der Hemmungslosen Düsternis des ersten Liedes führt der Weg zur Verklärung des "ewig ... ewig". Das ist ungeheuer bewegend. Ich müßte dieses Werk mal wieder hören.
Gruß Martin
Nordolf (28.05.2006, 01:30): Hallo embe!
Das Cover der Rattle-CD gefällt mir richtig gut..
Die Solti- und Jochum-Aufnahmen kommen bei Dir ja gar nicht gut weg. Schade, ich mag diese Dirigenten eigentlich sehr... Liegt es nur an den Sängerleistungen?
Die Bernstein/King/Fischer-Dieskau ist definitiv eine tiefgehende Interpretation. Es gibt übrigens noch eine von Bernstein - mit Rene Kollo, Christa Ludwig und dem Israel Philharmonic:
Hoffentlich ist sie nicht gestrichen - bei den diversen Versänden kann ich sie nämlich entweder nicht oder nur gebraucht finden. Ansonsten wäre das meine nächste Anschaffung.
Christa Ludwig hat noch ein drittes Mal das "Lied" mit eingesungen. Und zwar unter Herbert von Karajan:
Sie meinte allerdings, daß es trotzdem eine sehr schöne Aufnahme geworden sei. Und das finde ich auch. Vielleicht ist es gerade die Naivität der jungen Christa Ludwig, daß sie das so wunderschön singen kann?
So innig wie sie den Abschied vorträgt, muss sie zumindest während der Aufnahme ganz in diesem Gedicht aufgegangen sein. Wie ja auch häufig ein "etwas" sich durch die Werke eines Komponisten ausspricht, von dem er nicht weiss, woher es stammt - so mag vielleicht auch eine Sängerin ergriffen werden können. "Es" singt sozusagen durch die Sängerin.
Andererseits muß ich nun doch sagen, das Werk eigentlich nur noch selten zu hören. Man hat es doch schon sehr oft gehört, gerade in jungen Jahren, und dann will sich dieses Gefühl des Überwältigtsein nicht mehr so einstellen. Man wünscht sich eigentlich, das Werk noch mal völlig aus dem Gedächtnis löschen zu können, um es noch mal ganz neu zu erleben. Sonst gibt es Musik, die ist schön, aber dann gibt es vielleicht andere, die man neu kennen lernt, die ist auch schön, die entschädigt einen dafür, aber dieses Werk kennen zu lernen, war für mich ein unvergeßliches Erlebnis und das holst Du nie wieder zurück.
Der Hörer produziert die Musik ja immer mit. Eine besondere Stimmung des Hörers, die nur in diesem Moment da ist, kann einem ein Erlebnis mit der Musik verschaffen, die man später vielleicht nicht mehr so haben wird. Vielleicht war man in diesem Moment oder in dieser Zeit so offen dafür, wie man es später nicht mehr reproduzieren konnte. Ich erlebe so etwas recht häufig - eine bestimmtes Werk oder eine Einspielung ergreifen mich möglicherweise nach dem ersten, vielleicht aber auch nach zweiten oder dritten Mal - dann habe ich eine oft eine regelrechte Scheu das Werk wiederzuhören, weil ich das besondere spontane Erlebnis in dieser Form wohl nicht mehr haben werde. Dafür aber "reifen" meine Höreindrücke - ich nehme bestimmte Details wahr, die ich vorher nicht gehört habe oder mein Höreindruck gewinnt eine gewisse Sicherheit - ich "ruhe" sozusagen in der Musik. Das entschädigt mich häufig für das Überwältigtsein der ersten Eindrücke.
Zudem kann es gerade dann interessant sein, das Werk auch in einer anderen Einspielung kennenzulernen. Vielleicht wiederholt sich dann der Spontaneindruck oder wird sogar noch stärker. Ich habe das mit dem Lied erlebt. Erst hörte ich die Bernstein/King/Fischer-Dieskau (in der DGG-Mahler-Box III) - nach dem zweiten Hören ging ich in der Musik auf. Später habe ich mir die Klemperer-Aufnahme geholt. Daraufhin begann mich das Werk regelrecht bis in die Träume hinein zu verfolgen.. Der Eindruck hatte sich intensiviert - auch durch den Kontrast der beiden Aufnahmen, die je auf ihre Weise etwas besonderes sind.
Ich hoffe, ich rede nicht unverständlich - es ist sehr schwer, so etwas in Worte zu fassen.
Es ist auch wichtig, dieses Werk nicht nur als reine Musik wahr zu nehmen. Es ist eben ein Abschied, ein Abschied vom Leben. Und dann am Schluß "und ewig blauen licht die Fernen", das "ewig ewig". Also vom "Dunkel ist das Leben, ist der Tod", der Hemmungslosen Düsternis des ersten Liedes führt der Weg zur Verklärung des "ewig ... ewig". Das ist ungeheuer bewegend. Ich müßte dieses Werk mal wieder hören.
Völlige Zustimmung! Mahlers Werke haben überhaupt immer diese "Gesamtschau" in sich, d.h. er stellt einen Aspekt der Wirklichkeit möglichst umfassend dar - in der 2. die Sehnsucht nach einem Leben, das über den Tod hinaus geht (auch die Sehnsucht nach einer Heimat, nach Geborgenheit) oder in der 6. das Verhängnisvolle, das der Mensch nicht steuern kann und das seine Pläne durchkreuzt (in einem abschliessenden Sinne ist das dann natürlich der Tod - die 6., die 9. und das Lied liegen für mich sowieso nah beieinander). Die gedanklichen Konzeptionen oder Hintergründe seiner Symphonien finde ich hochspannend (das müssen nicht immer klar herrausgestellte Programme sein). Es ist gewiss auch kein Zufall, das ausgerechnet Mahler und Wagner meine Lieblingskomponisten sind - sie gehören in dieser Hinsicht zusammen.
die beste Einspielung ist für mich jene durch Jascha Horenstein, keine andere kommt ihr in meinen Augen nahe. "Das Lied von der Erde" ist eine Sinfonie mit Gesang und nichts anderes!
martin (28.05.2006, 12:44): Lieber Jascha Horenstein,
wie wäre es denn, wenn Du die Aufnahme, die Du über alle stellst, auch mal vorstellen würdest, also Sänger, Orchester, Label, Verfügbarkeit im Markt ansprechen würdest.
Die zweite Aussage: "Das Lied von der Erde ist eine Sinfonie mit Gesang und nichts anderes" finde ich sehr interessant. Darüber kann man auch diskutieren. Nur hat sich hier glaube ich noch niemand dazu geäußert, was das Lied von der Erde eigentlich ist, wie man es sozusagen gattungsmäßig beschreiben will. Ein "Liederzyklus" ist es sicher nicht, es aber als "nichts anderes als eine Sinfonie mit Gesang" zu beschreiben, will es mir auch nicht einleuchten. Ich finde es an diesem Werk gerade interessant, daß es sich einer gattungsmäßigen Einordnung entzieht, eine durchaus individuelle Prägung im gattungsmäßigen Sinne besitzt.
Immerhin: Der Initiator dieses Threads hat es im Forum Instrumentalmusik angesiedelt ( grundsätzlich hätte ja auch die Möglichkeit bestanden, es im Forum Vokalmusik anzusiedeln), das wäre dann natürlich in Deinem Sinne.
Jascha Horenstein selbst hat gesagt , wenn er einmal sterben müsse , so wünschte er sich , noch einemal Mahlers Das Lied von der Erde hören zu können .
Wer die Horenstein - Aufnahme kennt , der kann nachempfinden , w a r u m "unser" J. H. die tatsächliche Aufnahme so ausserordentlich bewegt und bewegnd hört !
Ich darf hier auf alle Mahler - Aufnahmen durch Horenstein hinweisen . Sehr gut editiert bei BBC Legends . Die beste Besprechung erfolgte vor ca. 7 Jahren in "Gramophone" .
Viele Grüsse , Frank
martin (28.05.2006, 19:36): Lieber Frank,
weil mich das interessiert, habe ich mich dann auch gleich mal auf die Suche nach Horensteins Mahler gemacht. JPC führt das Lied von der Erde nicht. Bei Amazon bekommst Du es - für Euro 25,73! Und ist damit schon über dem normalen Preis einer Hochpreis CD hinaus( 20 Euro ist da eigentlich das Limit). Und das bin ich einfach nicht bereit auszugeben. Auch sonst waren die CDs vom Horenstein teuer. Und dabei sind das, wenn ich das richtig sehe, durchaus CDs, die einige Jahre auf dem Buckel haben ( von wann sind die Aufnahme von dem Horenstein?).
Tut mir leid. Aber das ist vielleicht dasselbe wie mit dem Maurice Abravanel. Auch ältere Aufnahmen, die ich aber in meiner Jugend gerne gehört habe. Aber zu dem größten Teil weit überteuert, so daß ich sie eigentlich niemandem empfehlen kann ( sonst gerne!). Ich hätte mir sonst gerne den Mahlerzyklus mit Abravanel noch mal geholt, da er sozusagen meine Begegnung mit Mahler als Jugendlicher war, aber abgesehen von gewissen Sonderangeboten mußte ich davon Abstand nehmen.
Die Horenstein-Aufnahme kenne ich noch nicht. Bei jpc ist sie übrigens für 19,49 zu haben. Eben habe ich mir via jpc zumindest mal die Soundschnipsel aus dem ersten und letzten Satz angehört. Das klingt vielversprechend - sehr innig und emotional umgesetzt. Allerdings hört man den englischen(?) Sängern schon ihren Akzent an, was ich in diesem Fall aber nicht weiter schlimm finde, da sie ausdrucksvoll klingen.
Die eine einzige Aufnahme eines Werkes gibt es meiner Ansicht nach nicht. Zu verschieden sind die Blickwinkel, die man darauf werfen kann. Ich würde da nicht gerne auf einen verzichten wollen. Und zwar selbst nicht auf die Interpretationen, die mir nicht gefallen (beim "Lied" z.B. Pierre Boulez) - zumindest helfen sie mir meine eigenen Auffassungen abzugrenzen.
Klar - es gibt schon Einspielungen, die dem Ideal sehr nahe kommen. Das ist halt bei Klemperer der Fall. Andererseits gibt es da z.B. noch Patzak/Ferrier/Walter (Decca) - für einige ist das die ideale Einspielung. Irgendwo kann ich das auch nachvollziehen.
Warum habe ich den Thread nun in der Instrumentalabteilung eröffnet?
Das hatte einfach praktische Gründe: erstens steht in der Erläuterung das Wort "Sinfonien, .." und zweitens wird jemand, der sich für Mahler interessiert, wohl eher hier nachschauen.
Mahler bezeichnete ganz eindeutig das "Lied" als Symphonie. Das heißt, das auch die Stimmen sich in den Gesamtzusammenhang einordnen und sozusagen "Instrumente" darstellen. Trotzdem übernimmt der Text im "Lied" eine tragende Rolle - immerhin hat Mahler die Übersetzungen Bethges teilweise für sein Werk noch leicht verändert und im letzten Satz noch eine selbstgedichtete Strophe hinzugefügt. Hier geht es nicht um reine Lautmalerei, sondern um einen Inhalt. Nun ist das bei Mahler nichts Neues. Schließlich sah er schon in der 8. eine Symphonie, die von Anfang bis Ende durchgesungen wird. Immer wieder hat er Lieder und Dichtungen in seinen Symphonien verwandt (2., 3., 4., 8., Lied). Wort und Ton waren also offenbar nicht wirklich getrennt für ihn.
Allerdings kann man eines mit dem "Lied" machen, das bei der 8. nicht funktioniert: - nämlich jeden Satz für sich selbst anhören und damit quasi doch einen Liedzyklus daraus machen (embe macht das, wie er oben schrieb, wohl öfter so). Wie ich schon sagte - der Hörer erschafft die Musik mit. :)
Herzliche Grüsse! Nordolf
embe (28.05.2006, 23:01): Hallo Nordolf, ja die Sängers... Solti und das Orchester finde ich gut aber Kollo :I Bei Jochum hat mir die Dame nie gefallen :wink
Gruß embe
Rachmaninov (06.01.2007, 13:07): Kleine Anmerkung:
Schostakowitsch sagte eins: Wenn ich wüßte das ich noch eine Stunde zu leben habe würde ich mir nochmal den letzten Satz von Wagners: Das Lied von der Erde anhören!
uhlmann (06.01.2007, 15:52): hallo rachmaninov,
wagners lied von der erde?
sollte sich dmitri so vertan haben? :D
greetings, uhlmann
uhlmann (07.01.2007, 15:31): hallo,
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/1013056.jpg
eine interessante variante des lieds von der erde ist die bearbeitung von arnold schönberg.
für eine aufführung des von schönberg gegründeten "vereins für musikalische privataufführungen" begann er 1920 mit einer bearbeitung des stücks für kammerensemble (13 intrumentalisten). jedoch ging der verein pleite und das werk blieb unvolendet. der deutsche komponist und dirigent rainer riehn vollendete schönbergs version anfang der 80er (deshalb version schönberg-riehn).
die bearbeitung für kammerensemble passt imo sehr gut zur intimität des lieds von der erde. dabei gelingt es schönberg, die dichte der mahler'schen partitur schön auf das reduzierte orchester zu übertragen. herreweghe dirigiert das stück mit der nötigen leidenschaft und dem richtigen gespür für details. blochwitz ist gewohnt souverän, und die bis dato mir unbekannte birgit remmert liefert eine sehr ansprechende leistung. eine interessante entdeckung.
greetings, uhlmann
Rachmaninov (31.07.2007, 16:14): Original von uhlmann hallo rachmaninov,
wagners lied von der erde?
sollte sich dmitri so vertan haben? :D
greetings, uhlmann
@Uhlmann,
ja, so meine ich mich zu erinnern! Meine so steht es in seiner Biographie :tongue:
manrico (02.08.2007, 14:48): Besonders eindrücklich finde ich den Konzertmitschnitt von 1939 unter Carl Schuricht mit Kerstin Thorborg und Carl Öhmann aus dem Concertgebouw in Amsterdam. Zwei großartige Protagonisten. Die Thorborg hat einen warmen leuchtenden und innigen Mezzo, der ein wenig an Christa Ludwig erinnert. Aber auch die Leistung von Öhmann darf nicht übersehen werden. Er gehört ja nicht gerade zu den von den Plattenfirmen gepushten Sängern. Schuricht leitet bedächtig, intensiv und mit großen Spannungsbögen. Die Klangqualität ist außergewöhnlich gut. Brennende politische Aktualität erhält dieser Mitschnitt von 1939 allerdings durch einen Zwischenruf: Während des Abschieds scheint sich eine Frau zum Dirigentpult begeben zu haben und verkündet deutlich hörbar: "Deutschland über alles, Herr Schuricht". Im historischen Kontext ist damit dieses beklemmende Dokument von doppelter Bedeutung.
Amadé (02.08.2007, 20:03): Hallo manrico,
volle Zustimmung, ich habe die Aufnahme schon seit langem und bin immer wieder beeindruckt.
Gruß Amadé
Dr. Schön (06.08.2008, 17:49): Von dieser Aufnahme unter Schuricht wurde mir schonmal vorgeschwärmt. Gibt es irgendeine Ausgabe auf CD, die besonders gut klingt? Bei diesen ganzen dubiosen CD Ausgaben bin ich immer skeptisch.
Ich weiß von einer dieser Quadromania CDs, die allerding mit anderen historischen Aufnahmen gekoppelt ist, die mich nicht so sehr interessieren. Bei Ebay gibt es eine CD auf dem Label Minerva.
Lieber Nordolf, ein sehr schöner Text mit dem du eigentlich alles gesagt hast.
Über die angesprochene Frage, welcher Gattung DLvdE jetzte zuzurechnen ist, habe ich selbst nie nachgedacht. Das Ding ist für mich einfach ein Unikum.
Wunderlich habe ich für seine Leistung in der EMI Einspielung bereits lange heilig gesprochen. Klemperer jedoch geht mir hier mit seiner Neigung zu besonders breiten Tempi insgesammt deutlich zu weit.
Die erwähnte Einspielung durch Jascha Horenstein halte ich wirklich für genial. Diese verinnerlichte, bedächtigte Gangart, die oftmals fast plastisch wirkt, aber immer fliesst, immer flexibel bleibt und nie erhärtet finde ich völlig aussergwöhnlich. Der von Nordolf angesprochene kammermusikalische Gestuts, sowie die fragmentierte Melodieführung kommen wunderbar heraus. Das Highlight ist der mich wirklich sehr bewegende (ich lasse mich an sich eher ungern bewegen) "Abschied". Ich finde auch Alfreda Hodgsons ganz grandios. Wie hier das Wort/Musik-gefüge realisiert und durchgeführt wird ist einfach sagenhaft.
Eine absolute Sternstunde. :down :down :down
Dannach kommen mir vor allem Pierre Boulez, aber auch Fritz Reiner, mit ihrem eher klaren Klangbild am meisten entgegen.
Nordolf (06.08.2008, 20:23): Original von Dr. Schön
Lieber Nordolf, ein sehr schöner Text mit dem du eigentlich alles gesagt hast.
Danke, lieber Dr. Schön, für die lobende Worte!
Über die angesprochene Frage, welcher Gattung DLvdE jetzte zuzurechnen ist, habe ich selbst nie nachgedacht. Das Ding ist für mich einfach ein Unikum.
Die Stimmung und der Rang dieses Werkes ist sicher etwas einzigartiges. Es gibt aber Kompositionen, die ich durchaus in dieser Linie sehe. Ich denke an Schönbergs "Gurre-Lieder", ganz besonders aber an die "Lyrische Symphonie" von Zemlinsky - in letzter Zeit komponierte Penderecki seine "Lieder der Vergänglichkeit" (8. Symphonie), die deutlich in dieser Tradition stehen.
Bei den Interpretationen scheinen wir unterschiedliche Ansichten zu haben: - Klemperers Herangehensweise lässt mich gar nicht an breite oder straffe Tempi denken - ich finde, es funktioniert einfach bei ihm, wirkt schlüssig - unabhängig vom Tempo. Boulez höre ich bei modernen Komponisten sehr gerne, aber bei Mahler (genau wie bei Wagner) finde ich sein Dirigat unbefriedigend - es fehlt ein wenig das Einfühlungsvermögen.. Auf Horenstein und Reiner hast du mich hingegen neugierig bzw. noch neugieriger gemacht.
Ich habe heute mal wieder die berühmte Aufnahme von 1952 mit Julius Patzak, Kathleen Ferrier sowie Bruno Walter und den Wiener Philharmonikern angehört:
Es ist viel - auch im Internet - über diese Aufnahme geschrieben worden. Der Rang als historisches Dokument und die hervorragende Klangqualität werden nirgendwo bestritten, aber ansonsten gibt es eine Menge Kritik: - die Ferrier sei zwar emotional, aber technisch nicht sehr perfekt (die Höhen! - steht sogar im Beiheft), Patzak falle ihr gegenüber ab, die Wiener Philharmoniker hätten sich einige Male verspielt und sowieso: - zu jener Zeit hätten die Wiener Musiker Mahlers Kompositionen noch kräftig gehasst. Auf mich aber wirkt das Gehörte tief empfunden, wie eine unbezweifelbare Einheit.
Diese Aufnahme ist ja nicht zuletzt deswegen zur Legende geworden, weil Kathleen Ferrier ein Jahr später an ihrer langjährigen Krankheit (Krebs) verstarb. Wenn sie hier den "Abschied" singt, interpretiert der Hörer gerne, das sie selbst gewusst habe, das dies einer ihrer letzten Auftritte sein würde. Auf jeden Fall intoniert sie mit ihrer dunklen Stimme die Worte und Melodien außerordentlich glühend und bewegend. Es ist denn auch der zweite Teil des Abschieds, der mir besonders ergreifend erscheint. Ganz klar, ganz direkt, ganz eindringlich scheint sie zum Hörer zu sprechen. Etwas, das mir ebenso beim Lied "Um Mitternacht" aufgefallen ist, welches sich auf der CD befindet.
Ansonsten will ich eine Lanze für den Tenor Julius Patzak brechen. Damals war er ein Star an der Wiener Oper, heute scheint er mir deutlich unterbewertet. Aber das dürfte nicht verwunderlich sein - in der heutigen Zeit zählt eben die technische Perfektion mehr als die Eigenart eines Sängers. Patzaks Stimme tönt bei weitem nicht so schön wie etwa ein Wunderlich, dafür klingt sie herrlich kräftig, erdig und engagiert. Ja - ich vermeine sogar, einen gewissen Beigeschmack von Dialekt (Wiener Dialekt?) zu vernehmen. Patzak bringt einen Geruch von Theater in seine Darbietung. Er interpretiert nicht nur die Töne, sondern auch den Inhalt. Deswegen gefällt mir das "Trinklied vom Jammer der Erde" mit ihm - in seiner ganz eigenen Art - inzwischen mindestens genauso gut wie Wunderlich bei Klemperer.
Das Dirigat von Walter erweist sich als sehr lyrisch, plastisch (das Decca-Mono hier ist wirklich klasse!) und dramatisch gleichermassen. Noch ein wenig zwingender ist mir seine Vorgehensweise bei der späteren New Yorker Aufnahme (Sony/Esprit) in Erinnerung, aber das müsste ich nochmal genauer nachhören...
Herzliche Grüsse! Jörg
Dr. Schön (06.08.2008, 20:46): Lieber Nordolf,
Die Gurre Lieder finde ich ja auch ganz fantastisch. Ich habe komischerweise nie einen direkten Bezug zum "Lied der Erde" gesehen, wobei er irgendwo naheliegt und einleuchtet. Vielleicht kam mir die Idee nicht, weil ich sie eher wagnerisch empfand.
Bruno Walter ist natürlich ein großer Dirigent. Ich finde immer, dass er eine altmodische oder vielleicht besser spätromantische Mahlersicht mustergültig zusammenfasst. Und ich meine das überhaupt nicht negativ.
Kathleen Ferrier mag ich auch. Es gibt da eine Liederplatte vom Edinbourgh Festival, mit Bruno Walter am Klavier. Toll.
Gez. Schön
Agravain (29.03.2010, 09:16): Eine über weite Strecken gelungene Aufnahme des "Lied von der Erde" ist die unter der Leitung von Giuseppe Sinopoli:
Dabei überzeugenden mich vor allem die glänzende deutsche Mezzosopranistin Iris Vermillion und die Gestaltung der Partitur durch Sinopoli und die exquisit musizierende Staatskapelle. Sinopoli und sein Orchester bewältigen den zwischen kammermusikalischer und symphonischer Struktur changierenden Orchesterpart ohne erkennbare Schwächen. Man hört jedes Datail, die außergewöhnlich breite Farbpalette wird ausgesprochen klangschön umgesetzt, Wünsche bleiben da kaum offen. Iris Vermillions dunkler Mezzo ist nahezu ideal für die Partie, besonders die tiefern Lagen sind sehr schön und kommen, ohne dass gedrückt würde. Aber auch das hohe Register sitzt. Da merkt man, dass sie u.a. von Christa Ludwig und Hermann Prey geschult wurde. Indes wäre es platt zu sagen, Iris Vermillion singe nur schön, ist es doch so, dass sie auch eine sehr schlüssige Textinterpretation liefert und das nicht nur im requiemhaften "Abschied", sondern auch im lieblicheren "Von der Schönheit" und im nebulösen "Der Einsame im Herbst", dessen großen emotionalen Umschwung ("Sonne der Liebe...") sie im übrigen ganz ausgezeichnet umsetzt. Wieso man Keith Lewis mit einer solchen Partie betraut, ist mir allerdings ein Rätsel, wie es mir überhaupt ein Rätsel ist, was man an Keith Lewis' Gesang finden kann. In dieser Aufnahme finde ich nur Schwächen: flache Tongebung, sehr breit genommene Vokale dünner Klang, selten mit Durchschlagskraft, schnelles Vibrato, opfer eines schlechten Sprachtrainers ("gesp(hamburgisch)enstiche Gestalt" oder "Briecke" statt Brücke) und darum, wenn nicht mit seiner Gesangstechnik dann doch stark sprachlich beschäftigt. Da bleibt wenig Raum für eine tiefschürfende oder gar abgründige Interpretation. Traurige Konsequenz ist vielmehr, dass alle Lieder identisch klingen und die Exegese auf der Strecke bleibt.
Agravain (18.04.2010, 14:45): Kürzlich gekauft und gerade mal genauer gehört:
Die Konkurrenz ist groß. Mahlers "Lied von der Erde" hat sicher jeder bedeutendere Dirigent (mindestens) einmal eingespielt. Von Walter bis Herreweghe ist da für jeden etwas dabei. Die hier vorliegende Aufnahme aus dem Jahre 1983 unter der Leitung von Kurt Sanderling gehört qualitativ ins Mittelfeld der Diskographie.
Dabei ist Sanderlings Orchesterarbeit besser als "nur" befriedigend. Sanderling holt aus seinem Berliner Sinfonie-Orchester an sich eine ganze Menge Klang heraus. Die breite Palette von Klangfarben, die Mahler in seiner Komposition nutzt, wird sehr ordentlich gestaltet, egal ob zupackend-dramatische oder neblig-dämmrige Stimmung, das Orchester trifft den rechten Ton.
Die Schwachstelle der Einspielung sind eher die Solisten, wobei gar nicht mal so sehr Peter Schreier, dem ich die Partie im Grunde nicht wirklich zugetraut habe, sondern Birigit Finnlä. Schreier gestaltet seine zwischen Mystizizmus, Delikatesse, Manie und Depression changierende Partie sinnfällig, entwickelt trotz seines lyrischen Tenors sowohl im "Trinklied vom Jammer der Erde" als auch in "Der Trunkene im Frühling" eine ganze Menge Durchschlagskraft und nutzt die Farbe seines eigentlichen Faches sehr schön für eine fein ziselierte Darstellung des Liedes "Von der Jugend". Leider nimmt er bisweilen die Vokale recht breit, für ihn ein eher untypisches Manko.
Für Birgit Finnlä hingegen ist die Partie eine Nummer zu gewichtig. Nicht, dass sie diese technisch nicht beherrscht, aber der Gehalt des Werkes, der Texte, ihrer Vertonung scheint an ihr vorbei gegangen zu sein. Ihre Interpretation ist von einer derartigen Belanglosigkeit, das es schon nicht mehr schön ist. Ein "Abschied", der "einfach nur so" gesungen wird ist kaum anzuhören. Denkt man an die verschiedenen Darstellungen dieses Liedes etwa durch Kathleen Ferrier, Christa Ludwig, Dame Janet Baker, Jessye Norman oder Iris Vermillion, so ist das, was Birigit Finnlä der Partie entlocken kann einfach erschreckend wenig. Dass Sanderling hier nicht mehr gefordert hat, ist mir unklar.
Jürgen (09.08.2012, 20:22): http://images-eu.amazon.com/images/P/B000058TK5.03.LZZZZZZZ.jpg
Nordolf hat hier vor Jahren diese Aufnahme vorgestellt und hatte die Befürchtung, sie sei auf CD nicht mehr erhältlich.
Nun habe ich in den letzten Tagen davon berichtet, dass ich mir obige Aufnahme, allerdings mit dem ursprünglichen LP-Cover wiederveröffentlicht, zugelegt habe. http://ecx.images-amazon.com/images/I/51xY3wJMBRL._SL500_AA300_.jpg
Gestern abend hörte ich den Abschied sehr intensiv mit KH und sehr laut. Es war ein wunderbares Erlebnis. Die Tonqualität ist hervorragend, nicht ganz rauschfrei, aber man hat das Gefühl, mittendrin zu sein. Gelegentliche Publikums- oder Dirigentengeräusche runden den Eindruck ab. (Die Aufnahme wurde aus 3 Konzerten zusammengefügt) Christa Ludwig singt wunderbar, sie ist mit Leib und Seele dabei. Lenny ist in Höchstform, nicht nur sinfonisch überwältigend, sondern auch kammermusikalisch gefühlvoll, so dass ich manch neues Detail entdeckt habe. Die Mandolinen z.B. kommen sehr deutlich zum Tragen. :times10
Leider kann ich Mahlers "Lied von der Erde" nicht sehr oft hören. Ich muss in der richtigen Stimmung sein.
Grüße Jürgen
Cetay (inaktiv) (09.02.2015, 18:52): Original von Nordolf Grundlage der Texte sind die freien Übertragungen chinesischer Lyrik durch Hans Bethge. Diese stellen mehr als Übersetzungen dar – vielmehr sind es selbst eigene Kunstwerke.
Der Sachverhalt ist noch etwas komplizierter. Bethges Texte sind Paraphrasen über Hans Hellmanns Sammlung Chinesische Lyrik (1905) und diese basieren wiederum auf zwei verschiedenen Übersetzungen der Originaltexte ins Französische von dem Sinologen Marquis d’Hervey-Saint-Denys und der Amateurin Judith Gautier, die sehr frei (und fehlerhaft) mit den Originalen umging. Als Resultat dieses langen Weges erforderte es akribische Arbeit der Musikwissenschaftlerin Fusako Hamao, um beim Text von Der Einsame im Herbst überhaupt herauszufinden, welches das Originalgedicht ist.
Interessant wurde die Frage nach dem Original dadurch, dass sich der Hongkonger Unternehmer Daniel Ng in den Kopf gesetzt hatte, die deutsche Übertragung der Gedichte durch die eigentlichen, aus der Tang-Dynastie (618-907) stammenden chinesischen Texte zu ersetzen, damit die "geborgten Errungenschaften", die die westliche Kultur bereichert haben, wieder zurückfließen. Das halte ich für einen sehr bemerkenswerten Ansatz, welcher der bei manchen Kulturwächtern reflexartig auftretenden Ablehnung einer solchen Verfälschung den Boden entzieht. Wenn sich das Abendland der Kunst des Orients bedient, und sei sie auch noch so verfälscht, dann wird das als bereichernd angesehen, ohne dass danach gefragt wird, ob man damit der anderen Kultur etwas wegnimmt. Daniel Ng bedient sich nun im Gegenzug bei der Kunst des Abendlands, indem er Mahlers Vertonung zurückborgt, um so die originale chinesische Dichtkunst zu bereichern. Die Dichter der Tang-Dynastie benutzeten einen Dialekt, der mit dem heute in China weitverbreiteten Mandarin nicht verwandt ist. Es finden sich jedoch Spuren davon in Südchina, so dass das dort gesprochene Kantonesisch als Dialekt für die Transkription gewählt wurde. Um die Texte mit den Melodien in Übereinstimmung zu bringen, musste reichlich getrickst werden, mit Wortverdoppelungen, Satzwiederholungen und dem Hinzufügen von kompletten Teilen aus Gedichten, die in Mahlers Version gar nicht vorkommen. Freilich hat Mahler auch nichts anderes gemacht. Der Abschied wurde seinerzeit aus vier verschiedenen Gedichten zusammengesetzt und die letzten Zeilen hat Mahler selbst hinzugetextet.
Unabhängig davon ist die wohl meist interessierende Frage: "Wie klingt es?". Ich bin hier etwas voreingenommen, da ich eine große Affinität zur Chinesischen Kultur besitze und den Klang der Sprache sehr liebe, seit ich mich durch regelmäßige Aufenthalte vor Ort und das Erlernen von Grundkenntnissen "eingehört" habe. Mein Eindruck ist, dass die völlig anders geartete Phonetik zu einem Gesangsstil führt, der nicht ganz so sehr dem Kunstlied-Duktus verhaftet ist, der mich bei den allermeisten Einspielungen, speziell bei den männlichen Protagonisten sehr stört. Dazu kommt, dass der fremdartige Klang der Stimmen hervorragend mit dem fremdartigen Kolorit der von Mahler viel verwendeten Pentatonischen Skala, die das vorherrschende Tonsystem Chinas ist, harmoniert. Mit der Textverständlichkeit ist es natürlich so eine Sache. Da hilft nur, es wie beim Anhören einer italienischen Oper zu machen: Text samt Übersetzung (leider nur in Englisch verfügbar) in die Hand nehmen und versuchen, mitzulesen. Und das ist ein satter Gewinn gegenüber dem Mahlerschen "Original", was uns wieder zu der eigentlichen Intention dieser Aufnahme zurück bringt: die Aufmerksamkeit auf die ursprünglichen Quellen des Lieds in ihrer Original-Dichtkunst zu richten.
Dass nicht nur in Berlin, Wien und London, sondern auch in Seoul, Sao Paulo und Novosibirsk anständig musiziert wird, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, deshalb sollte sich niemand per se von dem Orchester abschrecken lassen. Hier ist alles im grünen Bereich, es ist eher der Interpretationsansatz, der mancherlei Kopfzerbrechen bereiten könnte. Denn die Flut an atemberaubend differenzierten Klangfarben, die hier -wie auf keiner mir bekannten Aufnahme sonst- auf den Hörer einströmt, ist zwar überwältigend, wird aber mit einer gewissen Grellheit, die hier und da auch mal in Schärfe umschlagen kann, erkauft.
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51244J0lyIL._SL500_AA270_.jpg Gustav Mahler; Das Lied von der Erde (Kantonesisch, Transkription Daniel Ng) Ning Liang, Warren Mok, Singapore Symphony Orchestra, Lan Shui
Cetay (inaktiv) (08.09.2020, 04:04):
Gustav Mahler; Das Lied von der Erde Judith Sándor, Endre Rösler, Budapest Symphony Orchestra, Otto Klemperer (Live 1948)
Das dürfte die schnellste Version sein, die mir bislang untergekommen ist. In 51 Minuten ist er fertig. Der Abschied vom Leben, den man in diesem Werk erkennen will, muss nicht immer von vernichtender Resignation begleitet werden. Der aufgeregte Theater-Tenor ist völlig jenseits des Gipfels. Speziell bei der Trinkerhymne im Frühling ist er in seinem Element, klingt regelrecht besoffen - und das passt ja irgendwie. Wenn er im Trinklied vom Jammer der Erde zum letzten Mal lustvoll die Dunkelheit des Todes deklamiert, fährt das Orchester so brutal dissonant dazwischen, dass man jubeln möchte. Ob das so in der Partitur steht, ist wurscht. Klemperer hatte Mahlers Segen, nach dessen Tod mit seinem Werk zu tun, war er für richtig hält. Und so ist es richtig. Die taumelnd vibrierende Dame past wunderbar in diese Extrem-Inszinierung und wie angedeutet ist das mal ein erfrischender Abschied ohne triefendes Selbstmitleid, dafür mit Bestimmtheit und Zuversicht - "ewig, ewig", ja, aber gestorben wird immer und überall . Klanglich ist das nicht ganz exakt Hifi, teilweise verzerrt, mit gelegentlichen Störgeräuschen und die Balance bevorzugt das Vokalduo über Gebühr. Aber was solls. Das ist Mahler für Metalheads. So gut, dass man sich gleich besaufen mochte. Nicht aus Frust, sondern um das Leben zu feiern. Prost!