Philidor (13.12.2020, 23:20):
Dieses Werk erzielte bei seiner Uraufführung im Rahmen der Donaueschinger Musiktage am 22. Oktober 1961 (mit dem damaligen SWF Sinfonieorchester unter Hans Rosbaud) so viel Beifall, dass es wiederholt werden musste. Nach den Skandalen der 1950er Jahre, der weitgehenden Ablehnung der Produktionen der seriellen und aleatorischen Musik war dies eine Sensation. – Relativ große Bekanntheit erfuhr das Werk durch seine Verwendung in Stanley Kubricks Film „2001: A Space Odyssey/2001: Odyssee im Weltraum“.
Ligeti ließ sich von diesem Erfolg nicht dazu verführen, weitere Werke in diesem Stil zu produzieren. Vielmehr äußerte er sich wie folgt: „Das Orchesterwerk ‚Atmosphères‘ nimmt gewiss eine extreme kompositorische Position ein, die möglicherweise als Sackgasse gedeutet werden kann. Manchmal zeigt aber gerade eine Sackgasse unversehens eine verdeckte Öffnung, die ins Freie führt.“ In der Tat schlug er in den folgenden Werken, „Poème symphonique“ für 100 Metronome, „Volumina“ für Orgel und den „Aventures“ für Sänger und Instrumentalisten, andere Wege ein.
Stücke wie das „Rheingold“-Vorspiel, das „Lohengrin“-Vorspiel, Schönbergs „Farben“-Stück (Nr. 3 aus „Fünf Orchesterstücke“ op. 16) und der Anfang von Bartóks „Holzgeschnitztem Prinz“ wurden als entfernte Vorfahren der „Atmosphères“ identifiziert und verworfen. Charakteristisch für das Werk ist äußere Statik bei gleichzeitig großer innerer Bewegung.
(Spielzeiten nach der Aufnahme von Claudio Abbado mit den Wiener Philharmonikern, Wien live Oktober 1988, DG)
Es beginnt mit einem unerhörten Klang: 74 Instrumente (4 Fl, 4 Kl, 3 Fg, 1 Kfg, 6 Hrn, 28 Violinen, 10 Bratschen, 10 Celli, 8 Kb) spielen einen chromatischen Cluster, der sich über fast fünf Oktaven spannt (D – c4) – pianissimo, dolcissimo. Da steht er nun – dann verklingt er nach und nach, bis ein Clusterrest von anderthalb Oktaven in der Mittellage übrig bleibt (bei ca. 1:08). – Nun crescendieren und decrescendieren Bratschen- und Cellopaare unabhängig voneinander, die Lautstärke nimmt insgesamt eher zu. Ein neuer Cluster setzt ein (bei ca. 1:43), As bis e4, dazu ein Es1 der Tuba. Nun wirken Crescendo und Decrescendo wechselweise auf die Töne der C-Dur-Tonleiter oder auf die Töne einer Fis-basierten Pentatonik (also quasi die weißen gegen die schwarzen Tasten eines Klavieres). Das Lautstärkenspiel scheint belebend auf die Musik zu wirken: Nachdem die tiefsten Töne bei ca. 2:33 aufhören, beginnen die Streicher statt der bis dahin statisch ausgehaltenen Töne zu Bewegungen im Bereich einer kleinen Terz überzugehen, verschiedene Streicher in verschiedene Richtungen. Ebenso gehen die Holzbläser zu Tremoli über. Die Bewegungen werden nach und nach engmaschiger. Bei 3:19 kehrt wieder relative Ruhe ein. Der Klang bewegt sich nun nach und nach in immer höhere Lagen, bis vier Piccoloflöten alleine übrig bleiben.
Bei 4:24, ziemlich genau in der Mitte, geschieht das Ereignis des Werkes: Vom im vierfachen Forte geblasenen Cluster g4-ais4 der vier Piccoli stürzt die Musik ab in einen „tutta la forza“ zu spielenden Cluster Cis1-Gis1 der acht Kontrabässe. Brutal.
Hier beginnt deutlich wahrnehmbar ein zweiter Teil des Werkes. Noch erklingt der Kontrabass-Cluster, da beginnen die übrigen 48 Streicher einen hochkomplexen, 48stimmigen imitatorischen Satz. Die Kontrabässe klinken sich aus, die übrigen Streicher nähern sich in ihrem Lagenniveau einander an und crescendieren dabei, bis sie sich im Moment höchster Intensität alle im Bereich von b bis cis1 bewegen.
Das ist das zweite „Ereignis“ das Stücks: Klarinetten und Flöten übernehmen bei 5:27 diesen Tonvorrat im Pianissimo und verdichten das Geschehen noch weiter auf c1/des1. Die Klangfläche wird wieder breiter. Bei 5:58 treten die Blechbläser mit eigenen nebelhornartigen Klängen hinzu. Ab ca. 6:30 schält sich nach und nach ein Flageolett-Klang aller 56 Streicher heraus. Als chromatischer Cluster beginnend, verklingen nach und nach die „schwarzen Tasten“, bis die Töne der C-Dur-Tonleiter übrig bleiben – ein diatonischer Cluster. Die Wirkung ist nahezu diejenige einer Kadenz in dur-moll-tonaler Musik. Auch dieser diatonische Cluster verengt sich in die Mittellage.
Unwirklich beginnt der letzte Abschnitt (ca. ab 7:17): Die Blechbläser blasen in ihre Instrumente ohne Tonerzeugung, Schlagzeuger streichen mit Jazzbesen über die Saiten eines Klavieres bei gedrücktem rechten Pedal, d. h. ohne Dämpfung der Saiten. Ab ca. 7:25 melden sich nochmal die Streicher zu Wort, die ihre Bögen über die Saiten springen lassen, bis ab 7:37 die vier Flöten nochmal chromatische Cluster beisteuern (quasi Coda?). Die Streicher ergänzen diesen Klang mit 56stimmigen, scheinbar unkoordinierten Flageolett-Glissandi. Weiterhin werden die Klaviersaiten mit Jazzbesen traktiert, bei 8:34 melden sich Posaunen und Tuba im tiefsten Register zu Wort, das Stück verklingt.