Louis Spohr (1784 - 1859) - Komponist, Geigenvirtuose, Dirigent, Pädagoge und Konzertveranstalter

Maurice inaktiv (18.01.2020, 12:59):
Louis Spohr /1784 - 1859) dürfte zu den vielseitigsten Künstlern seiner Zeit gehört haben. Auf der einen Seite war er ein höchst angesehener Virtuose auf der Violine, der neben Paganini zu den Besten seiner Zeit gehörte, aber der anderen Seite war er auch ein Komponist, der wichtige Werke für Klarinette und Violine, aber auch 10 Sinfonien geschrieben hatte, und damit mehr, als seine damaligen Zeitgenossen.

Geboren wurde er am 05.April 1784 in Braunschweig. Bereits früh wurde seine musikalische Begabung entdeckt und gefördert. Mit 12 Jahren wurde er nach Braunschweig ins Catharineum geschickt, was ein Gymnasium mit musikalischem Bereich war. Dort bekam er regelmäßigen Violinunterricht und kurze Zeit auch Unterricht in Komposition, welchen er nach kurzer abbrach.

Bereits mit 15 Jahren wurde er vom Herzog von Braunschweig zum Kammermusiker ernannt und gefördert. So kam er zu Franz Eck (1774-1804), der ihn auch zugleich zu einem langen Russlandreise mitnahm, die erst 1803 zuende gehen sollte. Er wurde dann Schüler von Pierre Rode (1774-1830), einem Schüler Viottis, der ihn stark beeinflusste. Spohrs Ruf als Violin-Virtuose verbeitete sich schnell, so dass er zum 1805 bis 1813 Konzertmeister in Gotha berufen wurde.

1813 wurde er zum Konzertmeister nach Wien berufen (Theater an der Wien). Dort traf er mehrere Male auf Beethoven, was er auch in seiner Autobiographie vermerkte. Bereits nach zwei Jahren gab er diese Position wieder auf, weil er sich mit dem Direktor des Theaters überworfen hatte. Er trat nun zu einer langen Reise in die Schweiz, Italien und Holland an. Dabei traf er auch den legendären Paganini.

Im Winter 1817 wurde er Kapellmeister in Frankfurt/Main. Dort dirigierte er auch das Frankfurter Orchester der Museumsgesellschaft. Hier brachte er auch seine beiden Opern "Faust" und "Zemire und Azor" zur Aufführung, die große Erfolge wurden für ihn. Heute sind sie kaum noch zu sehen und hören. Trotzdem verließ er 1819 Frankfurt und reiste nach Belgien und Paris. 1820 dann war London an der Reihe, was ihn Ferdinand Ries vermittelte.

Bereits nach vier Monaten kam er zurück, ließ sich in Dresden nieder und bekam durch die Vermittlung von Carl Maria von Weber in Kassel den Job als Hofkapellmeister zugeschoben. Im Januar 1822 trat er diese Position an, und trug sehr viel zur Belebung der Kultur und des Orchesters bei. Auch als Dirigent machte er durch Neuerungen, etwa das Dirigieren mit einer Papierrolle, auf sich aufmerksam. So wurde erstmals "ohne Geräusche" dirigiert. 10 Jahre später sollte er in London den Taktstock einführen, und damit Dinge neu einführen, die heute noch aktuell sind.

Spohr erreichte mit dem Orchester in Kassel ein neues Niveau, zudem bereicherte er die Stadt mit einem Chor, der sich den Oratorien widmete. Ebenfalls sprach sich sein Ruhm als Lehrer für Violine herum, und man kann heute von einer "Spohr'schen Violinschule" sprechen, was es lange nicht mehr damals im deutschsprachigen Raum gegeben hatte. Zusätzlich war er ein sehr gefragter Dirigent, der in Deutschland und England Musikfeste oraenisierte. Wie er schaffte, dabei noch sehr produktiv zu komponieren, bleibt wohl sein Geheimnis.

1835 trat er dem "Kunstverein Kurhessen" bei. Auch war der Präsident des "Deutschen National-Vereins für Musik und Wissenschaft".1847 wurde er in Kassel zum Generalmusikdirektor befördert, doch sein Fürst und damit Chef setzte ihn immer wieder kleinen Schikanen aus, was sich nach der Revolution 1849 noch verstärkte. 1857 wurde er gegen seinen Wunsch pensioniert. Man entzog im teilweise das Gehalt, doch seinem Ruf als Mensch und Künstler tat dies keinen Abbruch.

Als Komponist wurde er mit Heinrich Marschner und Carl Maria von Weber ein Hauptvertreter der romantischen Oper. Er schrieb 10 Opern (1810-1844), 10 Sinfonien (1811-1857), drei Oratorien, mehrere Ouvertüren, die auch eigenständig wirkten, vier Klarinetten-Konzerte, 15 Violinkonzerte, fünf Concertanten, jede Menge Kammermusiken unterschiedlicher Natur (vom Solo-Stück bis hin zum Oktett nahezu die gesamte Bandbreite). Dazu weitere Orchester - und Chorwerke. Dazu kommen eine Violinschule (1831/32) und eine Selbstbiographie (1860/61 erschienen).

Spohr wurde postum zahlreich geehrt. So ist er Ehrenbürger von Kassel, in Gotha gibt es eine "Spohrstraße" und auch das Haus, in dem er damals lebte, existiert noch heute. Mehrere Musikwettbewerbe tragen seinen Namen, seit 2009 gibt es in Kassel das "Spohr Museum" im dortigen Kulturbahnhof. In Gotha wurde 2013 der "Europäische Louis Spohr-Kulturverein" gegründet.

Im Anschluss stelle ich diverse CDs vor, die man erwerben kann, und die die Musik Louis Spohrs wieder zum Klingen gebracht haben.

Quellen : Wikipedia & Die Booklets der CPO-Sinfonien-Reihe
Maurice inaktiv (18.01.2020, 13:08):
Maurice inaktiv (18.01.2020, 13:12):
Maurice inaktiv (18.01.2020, 13:19):
Eine weitere GA der Sinfonien wurde vom Label Hyperion vollendet. Diese Serie ist nur als Einzelreihe erhältlich, während die CPO-Einspielungen inzwischen nur noch als Paket verkauft werden. Restbestände sind noch über Amazon erhältlich, aber JPC hat kaum mehr was da. Die Qualität ist bei den Einspielungen als "sehr gut" zu beizeichnen. Mal hat CPO die bessere Einspielung vorgelegt, mal Hyperion.
Maurice inaktiv (18.01.2020, 13:25):
Die Sinfonien, die man damals auf Marco Polo (inzwischen auch bei Naxos erhältlich) eingespielt hatte, waren die ersten Aufnahmen der Sinfonien überhaupt. Die Qualität erscheint mir, der alle CDs davon mal besessen hat, als doch eher durchschnittlich gelungen. Daher gebe ich diese nicht als Empfehlungen hier wieder. Zum Kennen lernen sind sie sicher ok, aber insgesamt sind eben CPO und Hyperion doch die besseren Einspielungen.

Bei den Violinkonzerten und Concertanten macht man bei der CPO-Einspielung(en) im Grunde alles richtig. Bei den Klarinettenkonzerten bevorzuge ich Ernst Ottensamer, der viele Jahre Solo-Klarinettist der Wiener Philharmoniker war, bevor er plötzlich und völlig unerwartet 2017 durch einen Herzinfarkt mit 61 Jahren verstarb.
Cetay (inaktiv) (19.01.2020, 03:44):
Jaja, der Spohr. Neben Boccherini der klarste Fall von (Musik-)Geschichtsrevision. Zu Lebzeiten war er eine Berühmtheit. Als Komponist war er bekannter als Robert Schumann, als Geigenvirtuose mit Paganini auf Augenhöhe. Heute muss man -abgesehen von zwei, drei Werken- Aufnahmen von Interpreten, die als erstrangig gelten, mit der Lupe suchen und wer für Konzerte keine weiten Reisen unternehmen will, muss viel Geduld aufbringen, bis er mal in der näheren Umgebung gespielt wird. Sicher, es gibt mittlerweile eine Gesamteinspielung seiner Streichquartette (aufgeteilt zwischen drei Ensembles, die sonst kaum hervorgetreten sind), seiner Violinkonzerte und gar drei Sinfonien-GAs. Aber zur durchgreifenden Renaissance hat das kaum beigetragen. Wir stellen uns den was weiß ich wievielten Zyklus der Beethoven-Quartette ins Regal und Spohr wird einfach ignoriert. Hand aufs Herz, wer von den Beethoven-Sammlern hat sich wenigstens ein halbes der drei Dutzend von Spohr komponierten Quartette zumindest einmal angehört, um sich selbst ein Bild zu machen? Und falls nicht... Warum?


Meine erste Begegnung mit einem Spohrschen Quartett war gleich eine sehr beeindruckende.



Streichquartett Nr. 27 d-moll, op. 84 Nr. 1
New Budapest Quartet


Von den Violinkonzerten ist nicht nur die gelegentlich auch von bekannten Virtuosen zu hörende Nr. 8 lohnend. Auch das 12. hat es in sich. Das zwanzigminütige einsätzige Werk quält sich von Andate grave über Largo con moto in den tänzerischen zweiten Teil, aus dem -in der u.g Interpretation- die schweren Schatten der ersten Hälfte nie ganz vertrieben werden.



Violinkonzert Nr. 12 A-Dur, op. 79
Takako Nishizaki, Philharmonisches Kammerorchester Bratislava, Libor Pesek


Von den Sinfonien gefällt mit die 7. ganz ausgezeichnet. Dem herkömmlichen Sinfonieorchester wird eine zweite, eigenständige Instrumentengruppe (Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, 2 Hörner, Streichquartett, Kontrabass) zur Seite gestellt. Dieses solitäre und in meinen Ohren sehr gelungene Experiment ist irgendwo zwischen Sinfonia Concertante und Konzert für Orchester anzusiedeln.



Sinfonie Nr. 7 C-Dur, op. 121 "Das Irdische und Göttliche im Menschenleben"
Tschechoslowakisches Staatsphilharmonieorchester Kosice, Alfred Walter


Originell ist auch die 6. Sinfonie, die den Untertitel "Historische Symphonie im Stil und Geschmack vier verschiedener Zeitabschnitte" trägt und vielleicht das erste Beispiel eines bewusst betonten Eklektizismus darstellt, wie er erst über 100 Jahre später in Mode kam.



Sinfonie Nr. 6, op. 116
Orchestra Della Svizzera Italiana, Howard Shelly
Cetay (inaktiv) (19.01.2020, 03:51):


Violinkonzerte
Ulf Hoelscher, RSO Berlin, Christian Fröhlich


cpo hat hier wieder ganze Arbeit geleistet. Für die Neuauflage hat man die Box um zwei CDs auf jetzt 8 erweitert und neben den offiziellen NUmmern 1-15 noch Werke ohne Opuszahl, Concertanten und weitere Stücke aufgenommen. Ob es das jemand "braucht", kann man wie immer -sinnlos- diskutieren. Ich habe noch genug damit zu schaffen, jedes der 15 Hauptkonzerte wenigstens einmal zu hören, gelohnt hat es sich allein durch die Entdeckung des Zehnten. (Die Nummerierung ist etwas irreführend, weil sie die Reihenfolge der Publikation angibt - das 10. entstand 5 Jahre vor dem 8.) Was hier an Klangraffinesse geboten wird, ist ganz stark; das geht schon in den ersten Sekunden der langsamen Einleitung los.
Cetay (inaktiv) (19.01.2020, 03:52):

Nonett F-Dur, op. 31
Osmosis


Die meines Wissens nach einzige Aufnahme des Nonetts mit Originalinstrumenten. Ich bin beileibe kein HIP-Aktivist, aber muss konstatieren, dass bei größer besetzten gemischten Kammerwerken (z.B. auch das Schubertsche Oktett) der Unterschied so eklatant und klar auf der Habenseite der historischen Tonkünstler ist, dass konventionelle Aufnahmen nur noch selten Gnade vor meinen Ohren finden.
Maurice inaktiv (19.01.2020, 06:06):
Danke für Deine sehr interessanten Beiträge zu Louis Spohr. Als an Kammermusik nur wenig interessierter Hörer kann ich dazu nur wenig beitragen. Ich habe das Oktett mal gehört, aber das ist ewig her. Die Violinkonzerte habe ich tatsächlich alle durch, aber auch dies ist schon Jahre her.

Leider stimmt auch, dass man von seinen ganzen Werken im Grunde Null heute in den größeren Konzerthäusern hören kann. Allenfalls mal eines seiner Klarinettenkonzerte, die immerhin auch hin und wieder von einer Sabine Meyer oder Sharon Kam gespielt werden. Ein Martin Fröst , z.B., hat sie niccht eingespielt, hier kann man nur Mozart und immerhin Crussell finden, aber keinen Spohr. Nur Karl Leistner, Eduard Brunner, Peter Meyer, Michael Collins und dir von mir bereits erwähnten Ernst Ottensamer und Sharon Kam haben sie gespielt (Kam auch nicht alle). Schade.....
Sfantu (02.02.2020, 12:14):
Spohrs Klarinettenkonzerte mit Karl Leister gehörten zu meinen ersten eigenen Klassik-Platten Mitte der 80er.
Mit den Jahren kamen die Sinfonien & Kammermusik dazu. Spohr landet seitdem immer mal wieder auf dem Plattenteller - insgesamt gesehen aber eher sporadisch.

Das dbg-Musiklexikon bringt die Stilistik auf diesen Nenner:

Romantisches Feuer und ritterliche Leidenschaft verbanden sich in Spohr mit lyrischer Weichheit bis zum Biedermeierlichen. In seiner Tonsprache lebte Mozartsche Chromatik und der harmonische Reichtum von Schumann, Wagner und Brahms. Aber Spohr hatte nicht die Kraft, sich über das zeitgemäße Schmachten zu einer überzeitlichen Sprache zu erheben.

Hartmut Becker dagegen streicht in seinem Spohr-Artikel im Csampai-Holland-Konzertführer heraus:

Der in den 1830er Jahren von mehreren Schicksalsschlägen heimgesuchte Komponist mußte schließlich auf Grund familiärer Erfordernisse mehr und länger produktiv sein, als dies bei seiner sonst betont selbstkritischen Einstellung zu erwarten gewesen wäre. Ausgerechnet die ab 1840 entstandenen Spätwerke, meist schnell und routiniert geschrieben, aber substantiell unergiebig, wurden unglücklicherweise in hohen Auflagen verbreitet. Sie führten rasch zu Vorurteilen dem gesamten Spohrschen Œvre gegenüber, die in der Folgezeit und bis heute die wahre Bedeutung Spohrs verdunkelt und so die Erkenntnis weitgehend verhindert haben, daß eine Negation der besten Werke dieses Komponisten zu Mißverständnis und Verzerrung der romantischen Musikentwicklung führen muß.
Später schreibt er noch sinngemäß, daß Spohr mit Biedermeier nichts zu tun habe, da sein unverwechselbarer Stil längst vor dieser Epoche ausgeprägt gewesen sei.

Im Brockhaus-Riemann wird wiederum vermerkt:

Seine auch an den späten Mozart anknüpfenden Kompositionen sind von einem gewissen, dem Sentimentalen zuneigenden Gestus nicht frei, der in der Vorliebe für Molltonarten und der häufigen Verwendung chromatischer Fortschreitungen seine Hauptursache hat.

Zu Beckers Argumentation möchte ich einwenden: Wenn Spohr (in seiner 4. Sinfonie) oder Ives lange vor Ligeti, Reich oder Brubeck (& vermutlich in Unkenntnis afrikanischer Musik) polyrhythmische Elemente verwenden - darf man sie dann nicht Polyrhythmiker nennen, nur weil dies erst später oder in anderen Kulturkreisen Verwendung findet? Wenn man "Biedermeierlich" als süßlich, sentimental, schmachtend & melodienselig schönklingend begreift, dann finde ich, trifft das auf Vieles, was Spohr schrieb, zu.
Das für sich genommen kann man durchaus genießen & es muß noch lange nicht abwertend gemeint sein.

Als krassestes Beispiel eines Zuviel an schmalzig-verschnörkelter Zuckerbäcker-Musik sei das Quadrupel-Konzert für Streichquartett & Orchester op. 131 genannt. Nur Bruch schreibt noch schmachtender. Für mich jedenfalls schier unerträglich.

Es gilt also, das Sowohl-als-auch bei Spohr zu erkennen & - wenn man will - die Spreu vom Weizen zu trennen.
Sfantu (02.02.2020, 12:58):
Eine sicher herausragende Werkreihe bei Spohr sind seine Violinkonzerte.

In meiner Sammlung befinden sich 3 Einzelaufnahmen. Zunächst diese hier:


Konzerte für Violine & Orchester Nr. 7 e-moll op. 38 & Nr. 12 A-dur op. 79

Takako Nishizaki, Filharmónia komorní orchestr Bratislava - Libor Pešek
(LP, Marco Polo, 1985)

Nr. 7

Allegro 11'22
Adagio 8'12
Rondo. Allegretto 10'05

Nr. 12

Andante grave-Larghetto con moto-Alla Polacca 19'29

Besonders die Nummer 7 ist weit mehr als nur hörenswert. Das Adagio ist frei vom vorher beschriebenen Sentiment. In seiner schlichten Schönheit für mich einer der herrlichsten langsamen Sätze überhaupt.


Auch das 12. hat es in sich. Das zwanzigminütige einsätzige Werk quält sich von Andate grave über Largo con moto in den tänzerischen zweiten Teil, aus dem -in der u.g Interpretation- die schweren Schatten der ersten Hälfte nie ganz vertrieben werden.
Du bezogst Dich hier auf dieselbe Aufnahme. Ja, die ersten beiden Abschnitte haben schon so ihre Längen - das empfinde ich auch so. Für eine Polacca als Schlußsatz entschied sich Spohr scheinbar gern, jedenfalls immer mal wieder. Die Solistin kann ihren virtuosen Part sehr wirkungsvoll über diesem gemessenen Metrum entfalten, was sich eigentlich widerspricht. Hier macht aber gerade diese Reibung des etwas behäbigen Grundrhythmus' mit dem anspruchsvollen, teils wilden Solo einen speziellen Reiz aus.
Keith Anderson führt eben diesen Finalsatz als Musterbeispiel der Prinzipien der 1831 (3 Jahre nach diesem Konzert) erschienenen Violinschule des Komponisten an.
Maurice inaktiv (02.02.2020, 15:06):
Spohrs Klarinettenkonzerte mit Karl Leister gehörten zu meinen ersten eigenen Klassik-Platten Mitte der 80er.
Bei mir waren es die Klarinettenkonzerte, die der hervorragende Ernst Ottensamer (bis zu seinem plötzlichen Tod langjähriger Solo-Klarinettist der Wiener Philharmoniker) bei Naxos eingespielt hatte.


Eine sicher herausragende Werkreihe bei Spohr sind seine Violinkonzerte.
Her hat CPO ja alle Konzerte aufgenommen und auch veröffentlicht.
Sfantu (02.02.2020, 15:35):
Das 8. Violinkonzert a-moll op. 47 "In Form einer Gesangsszene"

genießt (oder genoß), wie ich finde, nicht zu Unrecht eine gewisse Popularität. Die Idee, eben den Auftritt einer Opern-Protagonistin als Inspiration &/oder formales & stilistisches Schema zu wählen, ist originell & vielleicht schon ein frühes Beispiel späterer Werke in Spohrs Schaffen (Sinfonien), in denen er mit Formen, Besetzungen & Programmen spielerisch & entdeckungsfreudig umgeht. Gerade auch für seine Italienreise (Urauff hrung 1816 in Milano) ein cleverer Coup, ja Geniestreich!

Ähnlich wie bei Nr. 12 gehen auch hier die einzelnen Abschnitte attacca ineinander über. Eine schöne Kurzcharakterisierung liefert Robert Dearling im Booklet zur Aufnahme mit Elizabeth Wallfish:

Es beginnt in unheilsschwangerer Stimmung, die ein höchst dramatisches Operngeschehen anzudeuten scheint, und der Solist setzt mit einem Rezitativ ein, als wolle er die Szene beschreiben. Dies wird ziemlich lange gespielt, während das Orchester in angemessener Punktierung begleitet. Während der zweite Satz, ein Andante, ohne Pause einsetzt, führt die Violine ihre opernhafte Haltung mit einem arienähnlichen Zwischenspiel großer Schönheit fort. Ein bewegter mittlerer Abschnitt intensiviert die elegische Stimmung weiter, ehe der Solist den Satz friedvoll abschließt. Dieser Satz ist für Spohr von ungewöhnlicher Leidenschaft, er vernachlässigt jedoch weder das übliche Markenzeichen melodischer Eleganz des Komponisten noch seine Verpflichtung, den Solisten mit lohnenden Entfaltungsmöglichkeiten zu versorgen.


Thomas Christian, Wiener Symphoniker - Dietfried Bernet
(LP, sonocord, vermutlich Ende der 70er)

Allegro molto-Adagio-Allegro moderato


Elizabeth Wallfish, The Brandenburg Orchestra - Roy Goodman
(CD, helios (bei mir noch hyperion), 1996)

Allegro molto - Adagio - Allegro moderato 18'48

Thomas Christian spielt mit mehr Attacke, mehr Feuer, (vielleicht) mehr Risiko. Seine Operndiva gehört klar zur hochdramatischen Fraktion. Das Orchester ist untadelig, die Aufnahme etwas kompakt, dennoch genügend transparent.

Elizabeth Wallfish ist da hörbar zurückhaltender, gestaltet aber nicht weniger überzeugend. Insgesamt wird mehr differenziert - dynamisch wie agogisch. Die Solistin spielt mit wenig Vibrato, das Ensemble ebenfalls - es ist ein Historisierendes.
Die Frequenz des gewählten Kammertons wird nicht erwähnt. Im direkten Vergleichshören der Anfangstakte wird aber klar, daß er tiefer sein muß als jener der Österreicher.

Wie sind Spohrs übrigen Violinkonzerte?
Welche ragen heraus & warum?
Nr. 10 hatte Cetay bereits beschrieben.
Sfantu (02.02.2020, 15:43):
Hier der Link zu meinem Bericht über die Aufnahme von Spohrs Passionsoratorium (paßt jahreszeitlich ja fast schon wieder)

http://das-klassikforum.de/index.php?thread/4983-passionsmusiken-abseits-des-mainstream/&postID=179504#post179504
tapeesa (02.02.2020, 16:33):
Hatte bisher nur am Rande mal hier und da in etwas von Spohr hinein gehört.
Sfantus Ausführungen, haben mich aber nun nochmal neugierig gemacht und schauen lassen.

Mein Zugang geschieht gerade über diese beiden Sonaten.
Wirkt sehr stabil. In sich ruhend, getragen. Darin dann auch ein Eigenleben entwickelnd für mein Empfinden.
Schön.




Louis Spohr - Sonate concertante in G-Dur, op. 115 & Sonate in c-Moll
( sowie Johann Andreas Amon - Sonate in Es-Dur )
Chantal Mathieu, Harfe
Martin Ulrich Senn, Flöte

(Konnte keinen Unterschied zwischen den beiden CDs erkennen, vermute zweitere ( 2017 ) einfach eine neue Auflage.)
Werther (02.02.2020, 18:46):
... daß eine Negation der besten Werke dieses Komponisten zu Mißverständnis und Verzerrung der romantischen Musikentwicklung führen muß.
Mal direkt gefragt: Hat Becker damit wirklich recht?

Ist diese Entwicklung plötzlich eine andere, wenn man Spohr wieder häufiger spielt?

Ich meine: nein. Denn seinen Anteil, sofern er denn wirklich so groß ist, hat er unabhängig von der heutigen Rezeption.

Keiner der großen Namen der Romantik hat etwas anderes geschrieben, wenn Spohr stärker beachtet wird, und auch die Entwicklung ist noch immer 1:1 dieselbe.

Es gibt nichts zu revidieren, weil er ja da war und zu seiner Zeit wahrgenommen wurde. Inwieweit sich die großen Namen auf ihn bezogen haben, lässt sich ggf an Selbstzeugnissen und musikalischen Zitaten feststellen. Mein Eindruck ist, dass sich der Spohrismus doch arg in Grenzen hält und Bach, Mozart, Beethoven für die Romantiker die weit wichtigeren Referenzgrößen waren.

Ohne Spohr damit abzuwerten, möchte ich mal eine Frage in den Raum stellen:

Loben wir bei Komponisten der zweiten Reihe nicht Werke, zu denen wir bei den großen Namen nur mit den Schultern zucken würden, weil sie Besseres geschrieben haben?

Oder anders gefragt:

Ist es ein Qualitätsnachweis, wenn ein Werk so gut ist wie ein mäßiges Mozart-Stück, das auch eher selten aufgeführt wird, weil es nicht so dolle ist?

LG, Werther
Andréjo (02.02.2020, 18:58):
Loben wir bei Komponisten der zweiten Reihe nicht Werke, zu denen wir bei den großen Namen nur mit den Schultern zucken würden, weil sie Besseres geschrieben haben?
Oder anders gefragt:

Ist es ein Qualitätsnachweis, wenn ein Werk so gut ist wie ein mäßiges Mozart-Stück, das auch eher selten aufgeführt wird, weil es nicht so dolle ist?

LG, Werther
Das sind interessante Fragen, auf die ich - überraschenderweise ;) - keine Antwort weiß. Stattdessen würde ich gerne die Präliminarien umdrehen und die Fragen anders stellen:

Loben wir bei Komponisten der ersten Reihe nicht Werke, beachten wir sie zumindest, die wir bei den kleinen Namen gar nicht erst zur Kenntnis nehmen würden?

Oder anders gefragt:

Ist es ein Qualitätsnachweis, wenn ein wirklich interessantes Stück eines Nebenmeisters selten aufgeführt wird, eben weil es nicht von einem Meister aus der ersten Reihe stammt?

Ein paar Beispiele würden mir da schon einfallen, wenn ich etwa meine Hörerfahrung zu den erstaunlichen drei Sinfonien von Anton Zimmermann hernehme, die vor nicht allzu langer Zeit veröffentlicht wurden, oder wenn es um Integralen großer Komponisten geht ...

:D :) Wolfgang
Werther (02.02.2020, 19:52):
Das sind interessante Fragen, auf die ich - überraschenderweise ;) - keine Antwort weiß. Stattdessen würde ich gerne die Präliminarien umdrehen und die Fragen anders stellen:
Loben wir bei Komponisten der ersten Reihe nicht Werke, beachten wir sie zumindest, die wir bei den kleinen Namen gar nicht erst zur Kenntnis nehmen würden?

Oder anders gefragt:

Ist es ein Qualitätsnachweis, wenn ein wirklich interessantes Stück eines Nebenmeisters selten aufgeführt wird, eben weil es nicht von einem Meister aus der ersten Reihe stammt?
Völlig berechtigte Fragen.

Zu Frage 1: Das ist mit Sicherheit so. Und es ist auch nicht gerecht. Ich konnte noch nie verstehen, warum bei Mozart oder Beethoven manche Sonaten oder Sinfonien auf dem Spielplan landen, bei denen sich die Qualität der musikalischen Grundideen wirklich in Grenzen hält. Manchmal sind Ihnen einfach keine guten Themen eingefallen. Da freue auch ich mich eher, wenn z.B. ein schönes Stück aus der Mannheimer Schule ausgegraben wird. Da haben alle mehr davon.

Zu Frage 2: Nein, das ist auch kein Qualitätsnachweis. Nur sollte man auch ehrlich sein und schauen, ob es wirklich interessant ist - oder ob man es z.B. in Wahrheit nur ausgräbt, weil es eine Frau geschrieben hat oder weil man sonst irgendwie meint, soziales Unrecht wieder gut machen zu müssen. Bei Spohr gilt aber zugegeben beides nicht. ;)

Ich hab zu alledem ohnehin noch eine ganz eigene Meinung:

Der Kanon der bis heute bevorzugten Dur-moll-tonalen klassischen Musik wächst doch kaum noch, weil sich die E-Musik über weite Strecken von den traditionellen Wegen verabschiedet und so den Kontakt zu breiten Hörerschichten verloren hat.

Da man die Standards aber langsam nicht mehr hören kann, gräbt man in der zweiten Reihe der Komponisten oder in den weniger beachteten Werken der großen Meister herum - in der Hoffnung, noch ein paar Dur-moll-tonale Goldkörner zu finden, die von der zeitgenössischen Musik einfach nicht mehr geliefert werden.

Diese Hoffnung wird leider oft enttäuscht, da sollte man sich nichts vormachen. Wir sollten aber vielleicht auch so ehrlich sein, uns einzugestehen, dass es vielen von uns in Wahrheit um genau diese Hoffnung geht.

LG, Werther
Maurice inaktiv (03.02.2020, 02:57):
Ist diese Entwicklung plötzlich eine andere, wenn man Spohr wieder häufiger spielt?

Ich meine: nein. Denn seinen Anteil, sofern er denn wirklich so groß ist, hat er unabhängig von der heutigen Rezeption.
Die Entwicklung ist ja bereits geschehen, daher ist diese Frage mit "Nein" zu beantworten, aber die Frage ist auch so gestellt worden, dass man nicht anders hätte antworten können. Ich würde jetzt mal bösartig sagen, dass sie extra so gestellt wurde, damit man nur mit Nein antworten konnte. Und Nein, ich wollte Dir damit absolut nichts unterstellen, sondern es völlig wertneutral beantworten.


Keiner der großen Namen der Romantik hat etwas anderes geschrieben, wenn Spohr stärker beachtet wird, und auch die Entwicklung ist noch immer 1:1 dieselbe.
Nun, auch das ist irgendwie logisch, stellt aber immer noch nicht den Rang her, den Spohr vielleicht verdient gehabt hätte.


Ohne Spohr damit abzuwerten, möchte ich mal eine Frage in den Raum stellen:

Loben wir bei Komponisten der zweiten Reihe nicht Werke, zu denen wir bei den großen Namen nur mit den Schultern zucken würden, weil sie Besseres geschrieben haben?

Oder anders gefragt:

Ist es ein Qualitätsnachweis, wenn ein Werk so gut ist wie ein mäßiges Mozart-Stück, das auch eher selten aufgeführt wird, weil es nicht so dolle ist?
Ich sehe es völlig anders. Etwa, welche Werke sog. "Komponisten der zweten Reihe" sind als Bindeglieder oder Scharnieren zwischen den eventuell noch wichtigeren Kompositionen der "ersten Garde" zu benennen? Hat Spohr da Werke geschrieben, die diesen nicht unwichtigen Platz einnehmen könnten. Wenn ja, welche?


Da man die Standards aber langsam nicht mehr hören kann, gräbt man in der zweiten Reihe der Komponisten oder in den weniger beachteten Werken der großen Meister herum - in der Hoffnung, noch ein paar Dur-moll-tonale Goldkörner zu finden, die von der zeitgenössischen Musik einfach nicht mehr geliefert werden.
Das sehe ich auch anders. Man hat einfach Interesse an diesen Komponisten wiedergefunden, so wie man schon einmal einen völlig vergessenen Komponisten mit dem Namen Johann Sebastian Bach rund 100 Jahre nach dessen Tod wieder aus der Kiste geholt hat. Das war ein gewisser Felix Mendelssohn gewesen. Und aus heutiger Sicht dürfte man bei JSB wohl kaum von einem "Künstler der zweiten Reihe" sprechen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Namen Hans Rott. Er wurde über 100 Jahre nicht mehr beachtet, und gilt heute als wichtiges Bindeglied von Bruckner zu Mahler (mit seiner Sinfonie E-Dur etwa). Heute wird er hin und wieder im Konzertsaal gespielt, und auch diverse Einspielungen liegen vor dieses Werkes.

Spohr steht mit beiden Beinen in der Romantik, das kann man in seinen Werken auch heraus hören. Damit ist er einer der frühen Komponisten, die noch im 18.Jahrhundert geboren wurden, die doch bereits zur damaligen "Moderne" zählten. Dass er später den Anschluss verpasste, ist ein anderes Kapitel, aber zu seiner Zeit war er ein hoch geschätzter Musiker und Komponist, das musste ja Gründe haben. Ihn deshalb heute in die zweite Reihe zu schieben, halte ich für auf der einen Seite berechtigt (seine Sinfonien sind nicht alle auf dem Niveau seiner höher bewertenden Zeitgenossen), aber in den Bereichen "Solo-Konzerte" und vielleicht auch "Kammermusik" nicht für berechtigt. Hier sollte man es differenzierter bewerten. Gerade seine Klarinettenkonzerte stehen für mich nicht hinter jenen von etwa Mozart, Weber oder Crussell. Sie gehören in die gleiche Klasse.
Werther (03.02.2020, 08:27):
Die Entwicklung ist ja bereits geschehen, daher ist diese Frage mit "Nein" zu beantworten, aber die Frage ist auch so gestellt worden, dass man nicht anders hätte antworten können. Ich würde jetzt mal bösartig sagen, dass sie extra so gestellt wurde, damit man nur mit Nein antworten konnte. Und Nein, ich wollte Dir damit absolut nichts unterstellen, sondern es völlig wertneutral beantworten.
Ich sehe es völlig anders. Etwa, welche Werke sog. "Komponisten der zweten Reihe" sind als Bindeglieder oder Scharnieren zwischen den eventuell noch wichtigeren Kompositionen der "ersten Garde" zu benennen? Hat Spohr da Werke geschrieben, die diesen nicht unwichtigen Platz einnehmen könnten. Wenn ja, welche?

Das sehe ich auch anders. Man hat einfach Interesse an diesen Komponisten wiedergefunden, so wie man schon einmal einen völlig vergessenen Komponisten mit dem Namen Johann Sebastian Bach rund 100 Jahre nach dessen Tod wieder aus der Kiste geholt hat. Das war ein gewisser Felix Mendelssohn gewesen. Und aus heutiger Sicht dürfte man bei JSB wohl kaum von einem "Künstler der zweiten Reihe" sprechen.
Punkt 1: Stimmt, die Frage sollte nicht anders beantwortet werden. ;-) Sie war rhetorisch.

Punkt 2: Scharnierfunktion - ok. Ist ein Ansatz. Dann müssten aber in der Tat auch die entsprechenden Werke genannt und Belege angeführt werden.

Punkt 3: Der Vergleich mit JSB stimmt formal. Aber auch inhaltlich? Den qualitativen Vergleich hält Spohr doch im Leben nicht aus.

Davon abgesehen, war Bach nie so vergessen wie oft behauptet, sondern spielte in der Musikausbildung stets eine wichtige Rolle - was man von Spohr m.E. nicht behaupten kann. Bach wurde kaum öffentlich gespielt, da es damals überhaupt keine historische Musikpflege gab - aber er war präsent.

Galt das auch für Spohr, obwohl er nicht mehr gespielt wurde?

LG, Werther
Maurice inaktiv (03.02.2020, 10:13):
Scharnierfunktion - ok. Ist ein Ansatz. Dann müssten aber in der Tat auch die entsprechenden Werke genannt und Belege angeführt werden.
Du denkst zu "deutsch" gerade. Ich schrieb ja bereits von der Tatsache, dass seine Werke rein stilistisch zunächst "zeitgenössisch" waren, da sie der damals modernen Romantik zuzuordnen waren. Das fängt beeits bei seiner 1.Sinfonie an, auch seine Klarinettenkonzerte sind eben nicht mehr als "klassisch" zu beurteilen.


Der Vergleich mit JSB stimmt formal. Aber auch inhaltlich? Den qualitativen Vergleich hält Spohr doch im Leben nicht aus.
Darum geht es doch überhaupt nicht, sondern rein um die Feststellung, dass man Komponisten unter Umständen erst wieder viel später beginnt wahrzunehmen.


Davon abgesehen, war Bach nie so vergessen wie oft behauptet, sondern spielte in der Musikausbildung stets eine wichtige Rolle - was man von Spohr m.E. nicht behaupten kann.
Oh, das würde ich aber anders bewerten. Alleine seine fortgeschrittene Art des Dirigierens ist noch heute absolut aktuell. Noch immer ist der Tatktstock neben den Händen für jeden Orchesterleiter wichtig. Das geht bis hin zu den Blaskapellen in den Dörfern.

Ebenso war Spohr als Lehrer für die Geiger sehr wichtig gewesen. Seine Solo-Werke für Violine fanden fast alle Geiger damals als zu schwierig. Hier könnte durchaus passieren, dass sie eines Tages weitaus populärer werden könnten, das Format haben vielleicht nicht alle Konzerte, aber es verhält sich hier wie mit den Klarinettenkonzerten. Diese werden immerhin teilweise auch von den heutigen Stars dieses Instrumentes zumindest teilweise gespielt. Leider werden sie von den Veranstaltern nur selten angefordert. Das liegt bestimmt NICHT an den Werken, sondern am immer noch antiquierten Denken von den entsprechenden Personen, die für eine Programmgestaltung verantwortlich sind.

Seine Sinfonien sind heute sicher nicht mehr der große Hammer, aber vielleicht für kleinere Häuser durchaus eine Alternative zu bereits abgenudeltem Standadrd-Material.
Sfantu (03.02.2020, 19:27):
Die Klarinettenkonzerte

Bei allen bereits erwähnten Schwächen, die Spohrs Personalstil manchmal aufweist & die auch hier punktuell aufscheinen, müssen die vier Klarinettenkonzerte doch als herausragend bezeichnet werden. Nicht nur in Relation zum Gesamtwerk. Auch & gerade innerhalb der Konzertliteratur für dieses Instrument stellen sie sicher 4 Gipfel dar, an denen Solisten von Rang sich zu beweisen haben.

Aus dem Klappentext zu Karl Leisters Aufnahmen zitiere ich einen Auszug - wiederum von Hartmut Becker:

Im Winter 1808 trat in einem von Louis Spohr geleiteten Konzert in Gotha der Klarinettist Johann Simon Hermstedt (1778 - 1846) auf, der dem Hautboistenkorps in Sondershausen vorstand. Hermstedt war Autodidakt, hatte sich mit Fleiß und Ausdauer große Kunstfertigkeit erworben und schon 1805 Mozarts A-dur-Konzert einstudiert. Sein Spiel erregte großes Aufsehen und so entsprach Spohr gern Hermstedts Bitte, ihm ein Konzert zu schreiben.

Hier füge ich einen Ausschnitt aus Maurice F. Powells Klappentext zu Anthony Pays Aufnahme ein, da sie mir treffender erscheint & außerdem ausführlicher ist als jene von Hartmut Becker:

Das c-moll-Konzert wurde in wenigen Wochen geschrieben: im Januar 1809 ging Spohr nach Sondershausen, um das Werk einzustudieren, wobei er Hermstedt über viele wichtige Einzelheiten im Solopart zu Rate ziehen mußte. Spohr wußte nämlich über die technischen Möglichkeiten der damaligen Klarinette so gut wie nichts und stellte daher an das sich fast noch im Anfangsstadium befindende Instrument geradezu undurchführbare Anforderungen. Hermstedt aber, weit entfernt, von Spohr die Abänderungen dieser Stellen zu verlangen, suchte vielmehr, sein Instrument zu vervollkommnen, indem er mehrere neue Klappen und Tonlöcher anbrachte, die schwierige Triller erleichterten und den Gabelgriff weitgehend ausschalteten.

So wurde der Widmungsträger wie nebenbei auch zu einem Weiterentwickler oder Reformator seines Instruments.

Weiter mit Hartmut Becker:

Hermstedt, der zwischen 1809 und 1841 als der führende Klarinettenvirtuose galt, hat nie komponiert (im Gegensatz zu allen übrigen Klarinettisten dieser Zeit), sondern sich ganz der Interpretation gehaltvoller Werke verschrieben. Spielte er tatsächlich einmal mindere Tagesprodukte, so verübelten ihm dies Publikum und Kritik, so sehr war sein Name Synonym für die Verbindung von Virtuosität und Gehalt. Auch Carl Maria von Weber, der seine Klarinettenwerke für Joseph Heinrich Baermann, Hermstedts Antipoden, schrieb, hat die Kunst des Sondershäusers bewundert. Wird in der zeitgenössischen Kritik Baermanns Spiel als "zierlich und graziös" und von außerordentlicher mechanischer Ausbildung" zeugend beschrieben, so rügte man, seine Passagen näherten sich "dem, was man in der Malerei das Geleckte nennt", sein Ton sei "nicht egal", Hermstedt dagegen spiele in "großem Styl", ziele nicht auf "eitlen Ohrenkitzel", zur Virtuosität geselle sich "Schönheit und Gleichheit des Tons, die vollendete Reinheit und das zarte, nie süßelnde Spiel im Cantabile". Die Interpretationsstile Hermstedts und Baermanns konnten auf die Klarinettenkonzerte Spohrs und Webers nicht ohne Einfluß bleiben.

Alle vier Werke möchte ich als besonders "schön" bezeichnen. Ein vielleicht etwas plumpes, nicht sehr originelles Wort - doch es trifft die Sache genau. Die besten Eigenschaften von Spohrs Stil kommen allerorten zum Tragen: Noblesse, geschmackvolle Proportionen, geschmackvolle Orchesterbehandlung, meist lyrische Themen - die gefürchteten überzuckerten Schnörkel bspw. des Quadrupel-Konzerts oder teils in den Klaviertrios, bleiben aus. Vermutlich wirkt auch der Focus auf den Solisten (ähnlich wie in den Violinkonzerten - kenne, wie gesagt, bisher nur 3 von ihnen) gestalterisch, sodaß sich die Musik weniger in seichtem Schönklang verliert. Trotz virtuosen Soloparts ist die Musik immer sinfonisch dicht gewirkt.

Sehr lyrisch & gefühlvoll das erste Konzert. Mein Lieblingssatz ist das kurze, sehr sangliche Adagio - fast eine Romanze.
Der Schlußsatz, an sich recht energisch & meist beschwingt, verklingt am Ende dennoch leise - auch so ein öfter anzutreffendes Markenzeichen Spohrs.

Nummer zwei ist sonnendurchflutet, beinahe schwerelos in seiner Stimmung. Der Solist setzt originellerweise bereits in den ersten Takten ein, bevor er wieder verstummt & dem Orchester mit der eigentlichen Einleitung Platz macht. Überhaupt hat das Orchester im ganzen Werk ein gewichtiges Wort mitzureden. Im Mittelsatz hat das Solo einen ähnlich dramatischen Auftritt wie im 8. Violinkonzert. Hier zeigt sich der Komponist "at his best"! Wie im 3. Satz der 6. Sinfonie hat die Pauke ein wiederkehrendes Solo, zuerst ganz zu Satzbeginn. Spohr komponierte das Konzert, wie seine erste Sinfonie, für das erste Deutsche Musikfest in Frankenhausen 1810.

Das dritte Konzert von 1821 wird hie & da als das schwächste Glied in der Kette bezeichnet, es nähere sich stärker dem Virtuosenkonzert. Die einfachere Orchesterbehandlung sei auf reisende Ensembles zugeschnitten. Ich mag es trotzdem ganz gern - nicht zuletzt, weil es endlich einmal einen bei Spohr eher selten zu findenden Drive hat.

Spohrs letztes Klarinettenkonzert, 1829 entstanden, kann als Krönung dieser Werkreihe angesehen werden.

Wieder lasse ich Hartmut Becker zu Wort kommen:

es verlangt die größte Orchesterbesetzung der vier Konzerte: Doppelte Holzbläser, Hörner und Trompeten, eine Baßposaune, Pauken und Streicher (die ersten beiden Konzerte sparen Klarinetten und Baßposaune aus, das dritte die Oboen). Das Allegro vivace zeigt eine deutliche Rückkehr zur Beteiligung des Orchesters an der thematischen Arbeit, doch ist sein Ausdruck ernst und verhalten, ersetzt die Frische und Erfindung, den Schwung und die Leidenschaft der ersten beiden Konzerte durch Reife, Noblesse und Gediegenheit. Das Larghetto, wie im 3. Konzert zweiteilig, ist von stark opernhaftem Duktus , ohne freilich in Webersche Drastik zu verfallen. An das Finale des 2. Konzerts knüpft das Rondo al Espagnol an, es verläuft freilich ruhiger als die stets mit Überraschungen aufwartende Polacca.

Neben den bereits von Maurice genannten Namen zählen auch Sabine Meyer, Thea King, Emma Johnson, Elisabeth Ganter, John Denman, John Manasse & Andreas Ottensamer zu den Solisten, die Klarinettenkonzerte von Spohr einspielten. Der Erste war vermutlich Gervase de Peyer mit dem London Symphony Orchestra & Colin Davis in den 50ern - sie spielten damals das op. 26 ein.

Erstaunlicherweise konnte ich keine Einspielung mit dem Klarinettenpapst Dieter Klöcker ausfindig machen. Vielleicht, weil sein Haus-Label Orfeo bereits die Gesamtaufnahme mit Karl Leister produziert hatte?
Sie war meine erste Erfahrung mit diesen Werken & ist mir bis heute auch die liebste geblieben. Ernst Ottensamers Version hatte ich irgendwann verschenkt. Sie ist sehr gut - letztendlich gefiel mir Leisters runder Ton aber etwas besser.

Die Platte mit den Nummern 1 & 2, durch Anthony Pay eingespielt, setzt einen reizvollen Kontrast zu Leister. Insgesamt eine Spur ruppiger & aufgekratzter. Allerdings ist Pays Ton bisweilen etwas spitz.




Konzerte für Klarinette & Orchester Nr. 1 - 4
Karl Leister, Radio-Sinfonieorchester Stuttgart - Rafael Frühbeck-de Burgos
(2 LPs, Orfeo, 1983)

Nr. 1 c-moll op. 26

Adagio - Allegro 11'07 Adagio 3'26 Rondo. Vivace 6'03


Nr. 2 Es-dur op. 57

Allegro 11'41 Adagio 5'03 Rondo alla Polacca 7'52


Nr. 3 f-moll WoO 19

Allegro moderato 11'11 Adagio 9'08 Vivace non troppo 7'49


Nr. 4 e-moll WoO 20

Allegro vivace 11'05 Larghetto 7'37 Rondo al Espagnol 8'08



Konzerte für Klarinette & Orchester Nr. 1 & 2
Anthony Pay, London Sinfonietta - David Atherton
(LP, Decca, 1981)

Nr. 1 c-moll op. 26

Adagio - Allegro 10'39 Adagio 3'21 Rondo. Vivace 6'17


Nr. 2 Es-dur op. 57

Allegro 11'11 Adagio 5'32 Rondo 7'45
Guenther (03.02.2020, 19:34):
Interessante Diskussion.

Da mache ich es wie der junge W. und stelle mal ein paar Fragen:

Den qualitativen Vergleich hält Spohr doch im Leben nicht aus.
Welche Vergleichsmaßstäbe legt man denn da an, wo doch beide zu völlig unterschiedlichen Zeiten lebten und verschiedene Ansprüche hatten?

Davon abgesehen, war Bach nie so vergessen wie oft behauptet, sondern spielte in der Musikausbildung stets eine wichtige Rolle -
Oops...

Wir reden aber schon vom "alten" Johann Sebastian, oder?
Warum hat z.B. Mozart dessen Musik anscheinend gar nicht gekannt, bis man sie ihm in Wien vorlegte (von van Swieten)?

Ich zitiere mal aus Wikipedia (jaja, ich weiß):

Zu Lebzeiten wurde Bach als Virtuose, Organist und Orgelinspektor hoch geschätzt, allerdings waren seine Kompositionen nur einem relativ kleinen Kreis von Musikkennern bekannt. Nach Bachs Tod gerieten seine Werke jahrzehntelang in Vergessenheit und wurden kaum noch öffentlich aufgeführt. Nachdem die Komponisten der Wiener Klassik sich mit Teilen von Bachs Werk auseinandergesetzt hatten, begann mit der Wiederaufführung der Matthäus-Passion unter Leitung von Felix Mendelssohn Bartholdy im Jahre 1829 die Bach-Renaissance in der breiten Öffentlichkeit. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gehören seine Werke weltweit zum festen Repertoire der klassischen Musik.
Falls das alles nicht stimmt, dann...

...müssten aber in der Tat auch die entsprechenden Werke genannt und Belege angeführt werden.
;)
Werther (03.02.2020, 19:37):
Das mit der Violine war mir nicht bewusst, das sieht dann schon anders aus.

Und abgenudeltes Standardmaterial - klar, das ist ein Problem.

Ich würde aber den Programmgestaltern nicht die Hauptschuld geben - die müssen natürlich schauen, dass sie ihr Publikum bedienen, sonst ist das Haus schnell am Ende und ihr eigener Posten mit hinfällig.

Namen der zweiten Reihe kannst Du nur in einem gemischten Programm unterbringen, weil nur die großen Namen ziehen. Der durchschnittliche Konzertbesucher will seinen Mozart, Beethoven oder Brahms haben. Sonst bleibt er weg.

Daneben bleibt dann nicht mehr viel Platz. Der wird ja teilweise durchaus auch für die zweite Reihe genutzt - nur scheint dadurch in vielen Fällen keine größere Nachfrage angestoßen zu werden.

Und das hat dann vielleicht doch etwas mit Qualität zu tun. Bach hat sich durchgesetzt, weil die Musik überragend ist. Scarlatti, einmal wiederentdeckt, wurde auch wieder stärker nachgefragt.

Spohr bisher nicht. Vielleicht kommt das noch - es ist ja kein Schrott. Vielleicht reicht es aber trotz allem auch zukünftig nicht.

LG, Werther
Werther (03.02.2020, 19:48):
Interessante Diskussion.


Welche Vergleichsmaßstäbe legt man denn da an, wo doch beide zu völlig unterschiedlichen Zeiten lebten und verschiedene Ansprüche hatten?

Oops...

Wir reden aber schon vom "alten" Johann Sebastian, oder?
Warum hat z.B. Mozart dessen Musik anscheinend gar nicht gekannt, bis man sie ihm in Wien vorlegte (von van Swieten)?

Ich zitiere mal aus Wikipedia (jaja, ich weiß):

Falls das alles nicht stimmt, dann...

...müssten aber in der Tat auch die entsprechenden Werke genannt und Belege angeführt werden.
;)
Den Beleg kannst Du haben:

Warum hat Beethoven in seiner Bonner Musikausbildung bei Neefe das Wohltemperierte Klavier durchgearbeitet? In den 1780er Jahren, lange vor Mendelssohn?

Und warum ist er in seinem Spätwerk wieder darauf zurückgekommen? Er hat Fugen von Bach studiert, als er an seine Fugen in den späten Klaviersonaten und Streichquartetten ging.

Das Bach in der Qualität der musikalischen Textur einer der besten, wenn nicht sogar der beste Komponist überhaupt war, ist völlig unstrittig und wurde u.a. von Mozart und Beethoven uneingeschränkt anerkannt, die auch zu anderen Zeiten lebten und anders komponierten, auch in ihren Fugen. Hier kann Herr Spohr ganz sicher nicht mithalten.

LG, Werther
satie (03.02.2020, 19:50):
Interessante Diskussion.

Da mache ich es wie der junge W. und stelle mal ein paar Fragen:


Davon abgesehen, war Bach nie so vergessen wie oft behauptet, sondern spielte in der Musikausbildung stets eine wichtige Rolle -
Oops...

Wir reden aber schon vom "alten" Johann Sebastian, oder?
Warum hat z.B. Mozart dessen Musik anscheinend gar nicht gekannt, bis man sie ihm in Wien vorlegte (von van Swieten)?
Da gebe ich Guenther Recht. Mattheson ("Der vollkommene Capellmeister"), der die zeitgenössische Musikszene ganz Europas sehr gut kannte, erwähnt Bach in ein oder zwei Nebensätzen, mehr nicht. Bachs geringe Bekanntheit bestand nicht erst posthum.

Das WTC ist hierbei eine Ausnahme, es hat besonderen Status in der Geschichte des Klavierspiels wegen aller Tonarten und natürlich wegen der fantastischen Stücke. Das ist aber ein pädagogischer Status, bzw. etwas für Kenner und Liebhaber gewesen. Das Gros des Bach'schen Werks war sicher nicht bekannt.
Maurice inaktiv (03.02.2020, 20:04):
Das Bach in der Qualität der musikalischen Textur einer der besten, wenn nicht sogar der beste Komponist überhaupt war, ist völlig unstrittig und wurde u.a. von Mozart und Beethoven uneingeschränkt anerkannt, die auch zu anderen Zeiten lebten und anders komponierten, auch in ihren Fugen. Hier kann Herr Spohr ganz sicher nicht mithalten.
Äh, Mozart kannte viele Jahre seines Lebens Bach überhaupt nicht. Das kam erst viel später. Mozart konnte Spohr nicht kennen, dafür starb er viel zu früh. Auch finde ich Deinen ersten Satz doch schon sehr voreingenommen, denn JSB war keinesfalls der "beste Komponist überhaupt", so einen Satz würde ich niemals schreiben, denn es ist schlicht Deine subjektive Meinung, aber nicht mehr. Daher ist diese Meinung mehr als strittig. Tut mir leid.

JSB mag aus HEUTIGER Sicht sicher einer der führenden und wegweisenden Komponist der Musik überhaupt sein (das möchte ich auch nicht bestreiten, wenn ich auch persönlich mit ihm nicht sonderlich klar komme), aber er hatte es zu Lebzeiten schon schwer, und die nächsten rund 70 bis 100 Jahre nach seinem Tode (1750) war er weitgehend weg vom Fenster. Selbst wenn Beethoven ihn gekannt hat, und am Ende in seiner Kammermusik zumindest selbst verarbeitet hatte, in seinem symphonischen Werken spielte er keine Rolle.

Du brauchst Bach nicht zu verteidigen, ich denke mal, es will keiner über ihn und seine Musik dessen Qualität und Format in Frage stellen, aber man sollte schon seine Bedeutung von 1750 bis 1850 wirklich wertneutral einordnen, und nicht zu viel Wunschgedanken wiedergeben.

Spohr muss da übrigens nicht mithalten können, denn er wurde ja erst im 19.Jahrhundert aktiv, und als durch Mendelssohn die Bach-Werke wieder aufführte, war Spohr auf der Höhe seines Erfolges. Dass ein Großteil seiner Werke dann "vergessen" gingen, ist übrigens vielen anderen Komponisten auch so ergangen. Dies alleine ist keinerlei Qualitätsmerkmal, es ist das Zeichen der Zeit.

Dass heute zumindest Teile seiner Kompositionen noch gespielt und eingespielt werden (worden sind) spricht nicht gegen ihn, auch wenn seine Bedeutung als Komponist sicher nicht mit jenem Bachs zu vergleichen ist. Ob das 100 Jahren anders aussehen wird, vermag von uns niemand zu sagen, aber auch nicht zu erleben.
satie (03.02.2020, 20:43):
Das Bach in der Qualität der musikalischen Textur einer der besten, wenn nicht sogar der beste Komponist überhaupt war, ist völlig unstrittig und wurde u.a. von Mozart und Beethoven uneingeschränkt anerkannt
Gerade Beethoven schätzte aber Händel weit mehr als Bach (zumindest laut Cayers).
Werther (03.02.2020, 21:42):
Das Bach in der Qualität der musikalischen Textur einer der besten, wenn nicht sogar der beste Komponist überhaupt war, ist völlig unstrittig und wurde u.a. von Mozart und Beethoven uneingeschränkt anerkannt, die auch zu anderen Zeiten lebten und anders komponierten, auch in ihren Fugen. Hier kann Herr Spohr ganz sicher nicht mithalten.
Äh, Mozart kannte viele Jahre seines Lebens Bach überhaupt nicht. Das kam erst viel später. Mozart konnte Spohr nicht kennen, dafür starb er viel zu früh. Auch finde ich Deinen ersten Satz doch schon sehr voreingenommen, denn JSB war keinesfalls der "beste Komponist überhaupt", so einen Satz würde ich niemals schreiben, denn es ist schlicht Deine subjektive Meinung, aber nicht mehr. Daher ist diese Meinung mehr als strittig. Tut mir leid.
Unter professionellen klassischen Musikern ist diese Einschätzung leider keineswegs mehr als strittig, sondern weit verbreitet.

Dabei geht es nicht darum, ob man Bach-Fan ist oder nicht. Auch mir stehen andere Komponisten insgesamt näher.

Aber Bachs Satztechnik ist überragend, da sind nicht mehr viele rangekommen. Mozart, Beethoven, vielleicht Wagner; aber kein Schubert, Brahms, Schumann oder Liszt, da gibt es viel zu viel ungewollt hohl klingende Akkorde, man hört den Unterschied.

Und da gibt es noch etwas: Von Bach gibt es so gut wie keine schwachen Stücke. Das enorm hohe Niveau wird werkübergreifend durchgehalten. Das kann man z.B. von Beethoven weiß Gott nicht behaupten.

Dass Mozart Bach erst verspätet kennen lernte, weiß ich. Aber als er ihn kannte, hat er die Qualität sofort begriffen, obwohl es ein ganz anderer Stil war.

Stilistisch ist die Entwicklung natürlich über ihn hinweggegangen, wie über jeden. Und da es zwischen 1750 und 1850 keine historische Musikpflege gab, wurde er öffentlich kaum noch beachtet. Aber seit es sie gibt, ist sein herausragender Rang völlig unstrittig.

Ob er den persönlichen Geschmack trifft, ist eine andere Frage.

LG, Werther
Werther (03.02.2020, 21:49):
Das Bach in der Qualität der musikalischen Textur einer der besten, wenn nicht sogar der beste Komponist überhaupt war, ist völlig unstrittig und wurde u.a. von Mozart und Beethoven uneingeschränkt anerkannt
Gerade Beethoven schätzte aber Händel weit mehr als Bach (zumindest laut Cayers).
Weil Beethoven an Händel die Fähigkeit schätzte, aus kleinsten motivischen Keimzellen große Werke zu entwickeln. Trotzdem hat er mit Blick auf die Fugentechnik auch Bach noch mal intensiv studiert.

Und man sollte das berühmte Zitat von Beethoven über Bach nicht vergessen:

"Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen - wegen seines unerschöpflichen Reichtums an Tonkombinationen und Harmonien."

LG, Werther
satie (03.02.2020, 22:01):

Aber Bachs Satztechnik ist überragend, da sind nicht mehr viele rangekommen. Mozart, Beethoven, vielleicht Wagner; aber kein Schubert, Brahms, Schumann oder Liszt, da gibt es viel zu viel ungewollt hohl klingende Akkorde, man hört den Unterschied.
Entschuldigung, aber das ist nicht korrekt. Es kommt ganz darauf an, was das satztechnische IDEAL ist. Wenn es das der chromatischen Polyphonie ist, hast Du Recht. Aber darum kann es in Schuberts Ästhetik gar nicht gehen. Und was ungewollt ist und was nicht - da wäre ich doch sehr vorsichtig, das beurteilen zu wollen.
Sorry, aber das ist doch nun wirklich schon ein Äpfel-Bananen-Vergleich...
Maurice inaktiv (03.02.2020, 22:07):
Aber Bachs Satztechnik ist überragend, da sind nicht mehr viele rangekommen. Mozart, Beethoven, vielleicht Wagner; aber kein Schubert, Brahms, Schumann oder Liszt, da gibt es viel zu viel ungewollt hohl klingende Akkorde, man hört den Unterschied.
Entschuldigung, aber das ist nicht korrekt. Es kommt ganz darauf an, was das satztechnische IDEAL ist. Wenn es das der chromatischen Polyphonie ist, hast Du Recht. Aber darum kann es in Schuberts Ästhetik gar nicht gehen. Und was ungewollt ist und was nicht - da wäre ich doch sehr vorsichtig, das beurteilen zu wollen.
Sorry, aber das ist doch nun wirklich schon ein Äpfel-Bananen-Vergleich...
Saties Meinung schließe ich mich an.


Unter professionellen klassischen Musikern ist diese Einschätzung leider keineswegs mehr als strittig, sondern weit verbreitet.
Das finde ich ziemlich mutig so zu sagen. Haben wir uns da irgendwie falsch verstanden?
Werther (03.02.2020, 22:08):
Sorry, aber das ist doch nun wirklich schon ein Äpfel-Bananen-Vergleich...
Gut, dann ist es ein Äpfel-Bananen-Vergleich.
Werther (03.02.2020, 22:11):
Saties Meinung schließe ich mich an.

Das finde ich ziemlich mutig so zu sagen. Haben wir uns da irgendwie falsch verstanden?
Ok.

Und - weiß ich nicht. Kann mutig sein. Habe das sehr oft so gehört.

Ist mir letztlich auch nicht so wichtig, dass ich unbedingt Recht behalten möchte.
Maurice inaktiv (03.02.2020, 22:21):
Ist mir letztlich auch nicht so wichtig, dass ich unbedingt Recht behalten möchte.
Ach, darum geht es doch auch überhaupt nicht. Wie kann man in der Musik "recht haben", das ist im Grunde unmöglich. Es gibt gerade im künstlerischen Bereich so viele Nuancen, und ich habe das auch nicht so aufgefasst. Bilder können abstoßend wirken, aber auch so auf einen Wirken, dass man sich sofort damit identifizieren kann, Musik wird oftmals einfach nur mit "gefällt mir" oder "gefällt mir überhaupt nicht" eingestuft. Die Zwischentöne sind oftmals zunächst uninteressant.

Viele Komponisten zu ihren Lebzeiten hatten große Probleme zu überleben, weil sie ausgelacht wurden, man denke an die Unsicherheit Anton Bruckners, den man heute nicht mehr in Frage stellen würde.
Sfantu (03.02.2020, 22:27):
Mal abseits der Frage, wer die größere oder kleinere Bedeutung & welchen Einfluß er auf diesen oder jenen oder welche weitere Entwicklung nahm (das führt aus meiner Sicht vom Hundertsten ins Tausendste) - ein Anknüpfungspunkt des jungen Werthers war doch, wenn ich es richtig verstehe, daß hier in der zweiten oder dritten Reihe gewurschtelt wird, weil wir in der ersten so langsam mal alle sieben Weltwunder erlebt haben, richtig?:

Der Kanon der bis heute bevorzugten Dur-moll-tonalen klassischen Musik wächst doch kaum noch, weil sich die E-Musik über weite Strecken von den traditionellen Wegen verabschiedet und so den Kontakt zu breiten Hörerschichten verloren hat.

Da man die Standards aber langsam nicht mehr hören kann, gräbt man in der zweiten Reihe der Komponisten oder in den weniger beachteten Werken der großen Meister herum - in der Hoffnung, noch ein paar Dur-moll-tonale Goldkörner zu finden, die von der zeitgenössischen Musik einfach nicht mehr geliefert werden.

Diese Hoffnung wird leider oft enttäuscht, da sollte man sich nichts vormachen. Wir sollten aber vielleicht auch so ehrlich sein, uns einzugestehen, dass es vielen von uns in Wahrheit um genau diese Hoffnung geht.
Ich zitiere mal frei nach Cetay: Es gibt einfach zuviel interessante Musik da draußen!

Was ich damit sagen will?

Werfen wir eine CD nach dem Hören weg? Wie einen gebrauchten Kaffeefilter? Leben wir in einer Art Klassik-Drive-In: konsumieren, verdauen, ausscheiden & erledigt?
Es gibt Platten, die seit 35 Jahren in meinem Regal stehen & die ich wieder & wieder höre / erlebe, als sei es zum ersten Mal: neue Details, neue Farben, zudem in jeder Lebenssituation in anderem Licht & anders erlebt!
Es tönt so, als hätten wir einen Mangel an hörenswerter Musik der traditionellen Dur-Moll-Tonalität. Im Gegenteil: ich als Musik-Besessener, das Ohr in jeder freien Minute am Kultur-Radio, als Konzert-Gänger & mit einer Sammlung von ca. 6000 LPs & 2500 CDs: ich kennen einen Bruchteil dessen, was es gibt!

Laßt meinetwegen Spohr in der zweiten Reihe sitzen. Was hat das für eine Bewandnis? Wenn mir der Sinn danach steht, höre ich Spohr. Dann erlebe & genieße ich. Die Existenz von Bach würde ich auch dann niemals verleugnen oder gering schätzen. Nur ist sie in dem Moment irrelevant.
Maurice inaktiv (03.02.2020, 22:44):
Laßt meinetwegen Spohr in der zweiten Reihe sitzen. Was hat das für eine Bewandnis? Wenn mir der Sinn danach steht, hüre ich Spohr. Dann erlebe & genieße ich. Die Existenz von Bach würde ich auch dann niemals verleugnen oder gering schätzen. Nur ist sie in dem Moment irrelevant.
Nun, das mag auf dem ersten Blick so stimmen, aber es ging auch um die Nachhaltigkeit, bzw. um die Feststellung, dass es Komponisten gibt, die nicht durch die Bank hinweg eine zentrale Bedeutung hatten, und da gehört meiner Meinung nach auch JSB dazu. Spohr mag insgesamt nicht diese Bedeutung auf "Langzeitwirkung" je gehabt haben, und trotzdem ist er mit Dingen wie dem Taktstock noch heute präsent, auch wenn das nur noch wenige Leute wissen, dass ER es war, der ihn eingeführt hat. Bach hat in dieser Hinsicht keine Bedeutung, die war eben an anderer Stelle um so massiver, nämlich in der Vollendung der Polyphonie, der Komposition überhaupt.

Die Gründe sind vielleicht weitaus interessanter, als die Diskussion um die Bedeutung. Zu JSBs Lebzeiten dürften die meisten Chöre nicht annähernd das Niveau der heutigen Chöre erreicht haben. Dies würde ich der heutigen, weitaus umfassenderen Ausbildung von Chorsängern sehen. Dagegen konnte man zu seinen Lebzeiten Spohrs Sinfonien vermutlich weitaus leichter spielen als die virtuosen Werke JSBs.

Heute spielt das ebenfalls keine Rolle mehr, so dass die hochqualifizierten Musiker eher Bach als Spohr spielen (möchten/können), noch dazu historisch weitaus besser aufgeklärt sind als Musiker der Generationen vor Harnoncourt & Co.
Werther (03.02.2020, 23:26):
Konzert-Gänger & mit einer Sammlung von ca. 6000 LPs & 2500 CDs
Hast Du im Lotto gewonnen oder mehrere Musikalienhandlungen ausgeraubt? :D

Ich geb Dir aber recht - auch ich kenne viel zu wenig, überhaupt keine Frage.

Dennoch schöpfen wir hauptsächlich - ich sage hauptsächlich, nicht ausschließlich (!) - aus einem endlichen Reservoir von ca. 200 bis 250 Jahren Musikgeschichte. Und aus diesem Reservoir haben wir die eingängigsten Standards inzwischen arg strapaziert. Gleichzeitig haben auch die größten Meister ein paar Eier neben das Nest gelegt. Da ist es kein Wunder, dass man noch mal nach Gold zu schürfen beginnt.

Die Frage ist nur immer, ob man welches findet. Das ist eigentlich alles.

LG, Werther
Maurice inaktiv (03.02.2020, 23:45):
Hast Du im Lotto gewonnen oder mehrere Musikalienhandlungen ausgeraubt?
Das ist noch harmlos. Okay, LPs habe ich im Grunde nicht mehr, aber bei den CDs kann ich mal locker die Zahl 10.000 erwähnen. Ich habe ja Jazz UND Klassik, dazu ein par CDs, die nicht in beide Kategorien fallen würden.
Guenther (04.02.2020, 10:44):
Nun, das mag auf dem ersten Blick so stimmen, aber es ging auch um die Nachhaltigkeit, bzw. um die Feststellung, dass es Komponisten gibt, die nicht durch die Bank hinweg eine zentrale Bedeutung hatten, und da gehört meiner Meinung nach auch JSB dazu.

Bingo!

Aus dem og. scheinbaren Widerspruch ergibt sich, daß es nicht unbedingt die fehlende Qualität der Musik sein muß, die einen Komponisten vergessen macht. Es ist auch der Zeitgeist bzw. der Zeitgeschmack.
Ich finde Fugen z.B. auf die Dauer eher langweilig anzuhören, auch wenn ich natürlich die intrinsische Qualität erkenne und schätze.

Wir dürfen vor allem auch das historische Umfeld der Komponisten nicht vergessen. Die Frage, warum jemand Musik schreibt, ist vordringlich zu stellen. Für die meisten ging und geht es sicher erstmal ums Geldverdienen. Das gilt auch heute noch. Erfolgreiche Konzepte im Sinne von "wird gekauft!" werden von anderen Komponisten übernommen. Ob die Kopie immer dem Original qualitativ nachsteht, sei übrigens dahingestellt. Viele Cover-Versionen sind den Originalen ebenbürtig oder vielleicht überlegen.

Im klassischen Wien war man begierig, immer neue Musik zu hören, "repetita non placent" würde man in Abwandlung eines berühmten Zitats vielleicht sagen.

Fugen waren in der Zeit eher "out", Kontrapunkt nicht so gefragt. Stattdessen wurde mehr Wert auf die Melodie gelegt, die Harmonik mußte auch nicht unbedingt so ausgeklügelt daherkommen wie zu JSBs Zeiten. Simple T-S-D-Folgen gefielen genauso wie simple Begleitfiguren (Albertibässe z.B.). Man wollte weg von der "alten Musik" und lieber "neues" hören.

Die Musik war aus dem Schatten der kirchlichen Praxis längst herausgetreten und stellte eine eigenständige Kunstrichtung dar, mit der auch der "einfache" (nichtadlige) Bürger sich in seiner Freizeit beschäftigte und auch dafür Geld ausgab. Man musizierte auch zu Hause und benötigte dafür Kompositionen. Nicht allzu schwer vielleicht, man wollte ja kein Konzert geben.

Die Akademien waren eine Gelegenheit für Künstler wie Mozart, Geld zu verdienen, bekannt zu werden und dadurch weitere Aufträge oder Schüler zu bekommen.

Daneben gab es nun die Pädagogen wie Leopold Mozart oder Spohr, die natürlich auch Lehrwerke für ihre Schüler schrieben. Das war halt anders als heute, wo der Instrumentallehrer sich aus einem riesigen Repertoire das Passende für seinen Schüler heraussucht.

L. Mozart empfahl seinem Sohn übrigens das Studium von Johann Christian Bachs Werken. Man traf sich bereits 1764 in London. Bach war zu dieser Zeit bereits erfolgreicher Unternehmer und veranstaltete mit C.F. Abel viele Jahre lang Konzerte in London. Dafür schrieben beide Sinfonien und auch Solokonzerte.

Die Zeiten ändern sich halt dauernd, und die Qualität von Kunst zeigt sich sicher nicht in ihrer jeweiligen Akzeptanz der "Massen"...
Maurice inaktiv (04.02.2020, 12:56):
Die Musik war aus dem Schatten der kirchlichen Praxis längst herausgetreten und stellte eine eigenständige Kunstrichtung dar, mit der auch der "einfache" (nichtadlige) Bürger sich in seiner Freizeit beschäftigte und auch dafür Geld ausgab. Man musizierte auch zu Hause und benötigte dafür Kompositionen. Nicht allzu schwer vielleicht, man wollte ja kein Konzert geben.
Hier ein kleiner Einwand von mir. Ich würde eher das Gegenteil sagen, erst JETZT konnte der "einfache Bürger" auch Konzerte selbst spielen und organisieren, denn viele der Hofkapellen wurden aufgelöst, die noch wenige Jahre zuvor eine große rolle spielten. Dafür gewannen andere Hofmusiken an Bedeutung und wurden vergrößert, etwa jene in Kassel, eben wegen Spohr. Dagegen spielte Mannheim eine weitaus geringere Rolle als zuvor (man denke an die berühmte "Mannheimer Schule", die aber spätestens mit dem Tode des Kurfürsten Karl Theodor 1799 ausgedient hatte. Deren Leiter Christian Cannabich verstarb bereits ein Jahr zuvor.

Damals neue Instrumente, wie Klarinette , aber auch die Klappen-Trompete, ermöglichten es, die Musik breiter aufzustellen, und durch eine teilweise Vereinfachung der Harmonik, mit einer stärkeren Betonung der Melodie, erlaubten es auch den "Hausmusikern" , sich an damals moderne Werke heranzutrauen. Es war die Zeit des Übergangs, etwa um 1800-1820, also vor der Zeit von Schumann, aber in der Spätphase Beethovens, dessen Sinfonien Nr.7 und 8 meines Erachtens ein wenig darauf ausgerichtet waren, ob absichtlich oder nicht, weiß ich nicht zu sagen.

Auch eben Spohrs Werke dürften für solche Ensembles interessant gewesen sein, die auf der einen Seite das Glück hatten, sich aus dem Fundus der professionellen Musiker der aufgelösten Hofkapellen zu schöpfen, aber eben auch aus dem Fundus der vielen relativ gut ausgebildeten "Hausmusiker" sich bedienen zu können. Heute würde ich diese Formationen mit Hochschul-Orchestern vergleichen, die aus Studenten, Freunden und Dozenten bestehen. Damit kann man schon mehr als nur ordentlich spielen.
Guenther (04.02.2020, 15:07):
Ah sorry, ich bezog mich mit dieser Aussage auf die Zeit Josephs II.

Da war es u.a. üblich, daß die Dienerschaft der Adligen auch Musik machte zu dero Ergötzen...
:)

Im Verlaufe des beginnenden 19. Jhdts. wurde insbesondere die Ausbildung von Musikern in die Konservatorien verlegt (vom Einzelunterricht weg), jedenfalls in Frankreich ("Conservatoire de Paris" wurde 1795 gegründet). Aber auch in anderen europäischen Ländern entstanden diese Konservatorien (Prag, Wien, Leipzig, München...).
Maurice inaktiv (04.02.2020, 16:46):
Ah sorry, ich bezog mich mit dieser Aussage auf die Zeit Josephs II.

Da war es u.a. üblich, daß die Dienerschaft der Adligen auch Musik machte zu dero Ergötzen...
Kein Problem.
Sfantu (05.02.2020, 16:48):
Hast Du im Lotto gewonnen oder mehrere Musikalienhandlungen ausgeraubt?
Weder noch (bzw. "Schön wär's!" in Bezug auf Ersteres). Einfach mehr als 3 Jahrzehnte emsiges Jagen & Sammeln & eine leidensfähige Partnerin. Allerdings stehen auch Kisten mit aussortierten Platten & CDs im 4stelligen Bereich in der Rumpelkammer. & ja, ich gestehe: auch dort ist Spohr vertreten...
Sfantu (03.01.2024, 20:31):
Ohne von Ludwig Spohr als treibende Kraft hinter der Verbreitung von Beethovens op. 18-Quartetten zu wissen, legte ich heute diese Schallplatte mit Spohr-Quartetten auf, nachdem ich dieser Tage die mir verfügbaren Aufnahmen von LvBs op. 18 Nr. 2 vergleichend hörte.
Dabei ist eben jene LP der einzige Tonträger mit Quartetten Spohrs in meiner Sammlung. Und nach erneutem Durchhören tendiere ich momentan dazu, es bei eben diesem einen Tonträger auch zu belassen.



Es-dur op. 29 Nr. 1

Allegro 5'51
Andante con variazioni 10'56
Scherzo. Moderato 3'02
Finale. Vivace 5'18


d-moll op. 74 Nr. 3

Allegro 9'05
Adagio 6'34
Scherzo. Vivace 6'06
Finale. Presto 7'05

Sonare-Quartett

Laurentiu Dinka und Laurentius Bonitz, Violine
Frowald Eppinger, Bratsche
Eric Plumettaz, Cello
(LP, MDG, 1984)

Man kann über verschiedene Tonschöpfer lesen - und es gegebenenfalls auch selbst hörend nachvollziehen - sie hätten irgendwann den Zenit ihrer Erfindungskraft überschritten und fortan nur noch weniger Inspiriertes geschaffen. Kalliwoda etwa, Schumann (wohl nicht zuletzt durch seine psychische Erkrankung bedingt) oder eben auch:
Ludwig Spohr.
Beim Hören dieses Quartett-Albums läßt sich ein solcher Gipfel-Abstieg erahnen.

Das Es-dur-Werk aus dem Jahre 1813 atmet einen frischen, forschen Geist. Markante, souveräne Motive im juvenilen Kopfsatz. Herzstück des Quartetts sicher der an zweiter Stelle stehende, ausladende Variationensatz mit einer schillernden Palette wechselnder Szenerien.
Das fugierend gearbeitete Scherzo lenkt den Hörer mit seinen vertrackten metrischen Schwerpunkten schnell aufs Glatteis. Triolen und Synkopen tragen zusätzlich Unruhe hinein, wirken stellenweise beinahe jazzig.
Der geschäftige, fast verhetzte Schlußsatz erhält ebenfalls durch gelegentliche Akzente auf schwachen Taktteilen einen eigentümlichen (reizvollen) Schneid. Angetäuschte dramatische Zuspitzungen, dann ein schmetternd-ritterlicher Abschluß.

Das 13 Jahre später entstandene d-moll-Quartett scheint mir dagegen bereits auf dem absteigenden Ast befindlich. Moll-Tonarten mit süßlich-säuselnd arpeggierender Chromatik, um schmachtend-melancholische Themen drappiert - das Ganze gern in ruhigeren Metren: das ist kaum verkennbarer, archetypischer Spohr. Am originellsten noch das abschließende Presto mit eloquenter Motorik. Doch schon bald flaut das Feuer wieder ab und das Werk verklingt leise, verhangen, raisonierend.

Untadelig und klangschön die leidenschaftliche Darbietung durch das Sonare-Quartett.
Sfantu (03.02.2024, 17:54):
Auch dieser Faden beschäftigt sich mit dem selben Thema.
Toni Bernet (21.09.2024, 10:05):
Das bekannteste Violinkonzert von Louis Spohr ist unbestritten das Konzert Nr. 8 (in a-moll «In Form einer Gesangsszene»). Das kompositorisch vollendetste Violinkonzert Spohrs sei das Konzert Nr. 7 in e-moll, so wenigstens laut Kennern aller Werke Spohrs. Doch das unbekannteste und geigerisch beste Spohr-Konzert ist das Konzert Nr. 9 in d-moll. Immerhin hat Spohr den Geigenpart dieses Konzerts in seine eigene «Violinschule» mitaufgenommen und dazu eigens eine zweite Stimme zur Begleitung geschrieben.

Mehr zum Violinkonzert Nr. 9 d-moll:

https://unbekannte-violinkonzerte.jimdofree.com/romantik/spohr/
Maurice inaktiv (21.09.2024, 11:57):
Ich weise immer wieder gerne auf die GE der Violinkonzerte durch JPC hin mit Ulf Hoelscher als Solisten. Bei den Werken für zwei Violinen wirkt Gunhild Hoelscher mit, Ulfs Schwester.

https://www.jpc.de/jpcng/cpo/detail/-/art/Louis-Spohr-1784-1859-S%C3%A4mtliche-Violinkonzerte/hnum/3251335
Toni Bernet (05.10.2024, 10:16):
Ein weiterer Hörbegleiter, um Spohr neu zu hören:
https://unbekannte-violinkonzerte.jimdofree.com/romantik/spohr/

Gruss
Andréjo (10.10.2025, 00:24):
Hier fange ich nun gewiss nicht von vorne an nach dem schönen Einführungsbeitrag von Maurice und den vielen interessanten, die sich angeschlossen hatten.

Ein Jahr nach Toni Bernet erlaube ich mir auf ein Weiteres wieder einzusteigen und uns und mich dann überraschen zu lassen. Der folgende Text stammt von mir und war im anderen Forum durchaus Anlass zu Kontroversen.


Louis Spohr - nur ein Kleinmeister zwischen Beethoven und Schumann?


Spohr ist ein reizvollerer Sinfoniker, als von mir bislang angenommen. Er steht zwischen der Tradition der Klassiker und der Schumann-Linie, wobei er Letztere natürlich nur berührt, am deutlichsten vielleicht überspitzt im beinahe parodistischen Schluss-Satz seiner sechsten Sinfonie - derjenigen im Geist von Bach/ Händel (1. Satz), Haydn/ Mozart, Beethoven und des "allerneuesten" Stils im Finale. Mir war bislang nicht wirklich klar, welche Anerkennung Spohr zeitlebens genoss - was mir klar war, ist, dass es bald darauf nicht mehr weit her war damit. Gewiss ist Spohr ein Akademiker und kein Genie der ersten Klasse, aber die Ernsthaftigkeit, die "Würde" als Prinzip seines sinfonischen Schaffens, sind beansprucht, wurden zumeist anerkannt von den Zeitgenossen und sind oft - siehe aber später im Text! - unverkennbar.

Ein (interessanter) Vorwurf, der Spohr gemacht wurde, besteht darin, dass er zugunsten einer eben würdevollen und formstrengen Linie das Kontrast- und Verblüffungsideal eines hierdurch eben bereits romantischen Beethoven für sich in Abrede gestellt hat. Vielleicht ein Grund für seinen Bedeutungsverlust, andererseits aber eine Schreibweise, die direkt zu Brahms führt. Zumindest wird solches im Booklet der sehr gelungenen Integrale der Sinfonien und Ouverturen bei cpo (Howard Griffiths) beansprucht und dort auch mit Quellenangabe nachgewiesen.

All das bleibt wohl im Hintergrund, wenn man - wie ich - bislang nur ein einziges Violinkonzert, zwei der Concertanten, das Streichquartett-Konzert und etwas von der gepflegten Kammermusik gekannt hat. Biedermeier-Musik eben - die Sinfonien bestätigen eine solche Attribuierung und weisen doch zugleich über sie hinaus.

Spohr hat in seinen Sinfonien das Programmhafte immer wieder bedient. Es gibt seine seinerzeit und vielleicht immer noch rezeptionsästhetisch durchaus erfolgreichen Versuche um die "Weihe der Töne", die "Jahreszeiten", das "Irdische und Göttliche im Menschenleben". Ich meine, dass aber gerade solche Konzepte einer Anschaulichkeit auf außermusikalischer Ebene, ja des Philosophierens eher von naivem Biedermeier-Geist zeugen als die absolut gedachten anderen sinfonischen Werke.

Bis zu einem gewissen Grad möchte ich das sogar innermusikalisch wahrnehmen - angenehm in den Ohren (so ähnlich bekanntlich in einem Mozart-Zitat) klingen diese Sinfonien allenthalben - ob auch der Kenner sich eines Mehrwerts erfreut? Ob nicht hier doch der entscheidende Unterschied zu Beethoven als Vorbild und Antipoden besteht?


Alles was sich oben wiederholt hat im Thread, kann, hoffe ich doch, nichts schaden.

:hello Wolfgang
Joe Dvorak (10.10.2025, 04:48):
Dieses Beitragsbrett wurde recht ordentlich bedient und mir fällt nichts Gescheites ein, das ich da noch hinzufügen könnte, außer ein kleines Detail. Spohr hat eine Kadenz für den Kopfsatz von Beethovens Violinkonzert geschrieben. Dass sie wenig bekannt ist, dürfte daran liegen, dass sie kaum aufgeführt wird. Ich fand nur die Aufnahme von María Dueñas, die ich zum Anlass dieser Fadenerweckung gleich mal wieder in die Strömung werfe.
Philidor (10.10.2025, 07:49):
Vielen Dank für die Wiederaufnahme des Fadens!

Ich erlaube mir den Hinweis, dass die Fokussierung auf die Orchesterwerke weniger als den halben Spohr bietet. Tatsächlich schrieb er ebensoviele Opern wie Sinfonien, und im Oratorienfach gehört er zu den bedeutendsten Vertretern zwischen Haydn und Mendelssohn.

Als Kind ihrer Zeit haben zwei seiner vier Oratorien einen endzeitlichen Stoff: "Das jüngste Gericht" und "Die letzten Dinge". Das war damals ein hochmodernes Thema, das die Gattung lebendig hielt. Der Höhepunkt dieses Subgenres liegt eventuell in Friedrich Schneiders "Das Weltgericht". Heute weitgehend vergessen, war "Das Weltgericht" wohl das erfolgreichste Oratorium zwischen Haydns "Jahreszeiten" und Mendelssohns "Paulus".

Danke auch dafür, dass ich wieder gelernt habe, dass Spohr vor Schubert geboren wurde und nach Schumann starb. Der Fall eines Früh- und Hochromantikers mit längerem Leben.
Andréjo (10.10.2025, 09:49):


Beim einen Partner zur Zeit sehr preisgünstig! Also sozusagen so billig wie hier deren Coverbild :whistling: :D . Die andere Firma scheint diese Ausgabe der Klaviertrios gar nicht zu führen. oder ich bin nicht intelligent genug zum Suchen.

In Ergänzung zu dem, was Philidor oben schreibt, hat Spohr auch sehr viel und zum Teil sehr originell besetzte Kammermusik geschrieben. Hat er nicht die Doppelquartette quasi erfunden? Auch wenn ich jetzt die beiden Forenthreads zu Spohr noch nicht genau gesichtet habe, ist da sicher noch manches Reizvolle hinzuzufügen.

Die fünf Klaviertrios entstanden relativ spät, nämlich in den 1840er Jahren. Spohrs Stil zeigt sich unaufdringlich vor allem in seinen Vorzügen. Das heißt, dass die Thematik mehr oder minder gut greifbar ist, aber nicht plakativ. Die strukturelle Feinarbeit zielt auf bisweilen eher repetitive, immer wieder aber auch harmonisch überraschende Durchführungen. Brüche werden vermieden. Auf die ausgedehnten Kopfsätze folgt ein recht ausdrucksvolle Larghetto, Adagio respektive Andante - auch ein hübscher Varationensatz ist darunter - und dann ein Scherzo, selten ist es umgekehrt. Mindestens zwei dieser stilisierten Tanzsätze erinnern - in einem Fall bemerkenswert deutlich auch für mich und ohne dass mich erst das Booklet darauf aufmerksam gemacht hätte - durch ihre rhythmische Prägnanz, ja selbst in den typischen melodischen Rückungen, an den späteren Dvorak. Die Finalsätze sind meist wieder etwas ausgedehnter. So erreichen diese Werke eine Dauer von über 25 bis über 35 Minuten.

Das Booklet verweist mehrmals auf die weitaus größere Nähe zu Brahms statt rückwärtsgewandt auf Mozart oder andere Frühromantik - zu der Spohr wohl gehört, sollte man ein Etikett benötigen. Leicht nachvollziehbar - und wieder für den großen Hamburger nicht untypisch - ist die Ausgewogenheit und wechselseitige Durchdringung in der Instrumentenbehandlung. Auch charakteristische Hemiolenfiguren im triolischen Kontext finden sich nicht selten. Das Klavier wird sehr virtuos geführt - was natürlich ein Zug der Zeit ist und nicht per se immer geistvoll - und man spürt, nicht überraschenderweise, auch den professionellen Geiger. Ebenso sind die Aufgaben des Violoncellos nicht solistischer Natur und anspruchsvoll.

Das ist vielleicht keine hochbedeutende Musik - was immer solches darstellen mag -, lohnenswert erscheint sie mir ohne Wenn und Aber. Und ganz gewiss bleibt nicht - oder wirklich nur selten - der Eindruck edlen Leerlaufs.

Gegen das interpretierende Trio oder gegen die Aufnahmequalität hätte ich keine Einwände.

:hello Wolfgang
Andréjo (10.10.2025, 09:57):
Das bekannteste Violinkonzert von Louis Spohr ist unbestritten das Konzert Nr. 8 (in a-moll «In Form einer Gesangsszene»). Das kompositorisch vollendetste Violinkonzert Spohrs sei das Konzert Nr. 7 in e-moll, so wenigstens laut Kennern aller Werke Spohrs. Doch das unbekannteste und geigerisch beste Spohr-Konzert ist das Konzert Nr. 9 in d-moll. Immerhin hat Spohr den Geigenpart dieses Konzerts in seine eigene «Violinschule» mitaufgenommen und dazu eigens eine zweite Stimme zur Begleitung geschrieben.

Mehr zum Violinkonzert Nr. 9 d-moll:

https://unbekannte-violinkonzerte.jimdofree.com/romantik/spohr/
Mein Eindruck ist, dass man im Zweifelsfall kein anderes zu hören bekommt, das Achte aber durchaus im Rundfunk zumindest nicht selten. So ganz verstehe ich das nicht - also sowohl als auch quasi :P . Liegt es nur am Titel? Ich meine, schon, denn das wäre typisch im Sinne gewisser Strategien.

Insofern - wenn man nicht unbedingt alle im Schrank finden will - erscheint mir Toni Bernets Wertung höchst interessant. Ich ahne, dass ich diese beiden vielleicht noch bestellen werde - es sei denn, alle zusammen sind auch nicht teurer. :D
Maurice inaktiv (10.10.2025, 14:17):
In Ergänzung zu dem, was Philidor oben schreibt, hat Spohr auch sehr viel und zum Teil sehr originell besetzte Kammermusik geschrieben. Hat er nicht die Doppelquartette quasi erfunden? Auch wenn ich jetzt die beiden Forenthreads zu Spohr noch nicht genau gesichtet habe, ist da sicher noch manches Reizvolle hinzuzufügen.
Es gibt bei CPO eine wunderbare 6-CD-Box mit der Kammermusik für Streicher, eingespielt mit Musikern des WDR-SO, da sind auch die Doppelquartette und das Streichsextett mit dabei. Für allerdings 54,99 € kein so großes Schnäppchen jetzt. Auch seine Sonaten für Violine und Harfe gibt es noch.

Auch seine wunderbaren Klarinettenkonzerte möchte ich da erwähnen.

Als Buch gibt es eine Selbstbiographie von ihm in Buchform für 19,90 € (bzw. 39,90 €).

Man muss Spohr aus der Sicht seiner Zeit betrachten. Er war damals ein sehr wichtiger Vertreter als Solist, Komponist, Lehrer und Dirigent. Und als eines der Bindeglieder von der Klassik zur Romantik hin. Ein weiterer Vertreter dieser Richtung ist etwa Franz Lachner, der fast das ganze 19. Jahrhundert gelebt hat (1803-1890). Auch seine Bedeutung ist bis heute nie so richtig gewürdigt worden. Erst vor einigen Jahren hat CPO endlich begonnen eine GA der Sinfonien einspielen zu lassen, nachdem das Unternehmen bei Marco Polo leider nie vollendet wurde (und nicht wieder begonnen wurde).
Joe Dvorak (11.10.2025, 04:35):
Spohr war laut Brahms "wahrscheinlich der letzte von denen, die noch einer künstlerischen Epoche angehörten, die befriedigender war als die, die wir jetzt durchleiden." (Spohr’s string quartets 31-36 – Gary McGath) Ich war noch nie ein großer Freund der romantischen Exzesse, und ich lese dieses Zitat so, als ob auch Brahms das ständige Verlangen nach Neuerung und Steigerung nicht immer ganz geheuer war. Dass Spohr heute fast vergessen ist, liegt wahrscheinlich daran, dass er sich diesen Moden verweigerte. Das heißt aber nicht, dass er keine kompositorische Entwicklung durchgemacht hat, was man beim Hören seiner Streichquartette feststellen könnte, wenn man sie denn hören würde, oder zumindest eine Auswahl davon, anstatt sich zu den 20 Einspielungen (von denen man 16 nie auflegt) von Beethovens Integrale noch eine weitere ins Regal oder die Download-Bibliothek zu stellen. Ich strömte gerade aus der Marco-Polo-Gesamteinspielung Opus 29/1 & 82/1 und finde das sehr hörenswert. Der Verzicht auf Dichte, Komplexität, undurchdringliche Gedankentiefe und übermäßig exaltierte Ausdrucksmittel erinnert an die Vor- und Frühklassik. Daher ist es vielleicht nicht ganz verkehrt, den mittleren Spohr als einen Frühklassiker, der die Tonsprache der frühen Romantik verwendet, zu begreifen.

Der oben zitierte Blogger hat alle Sechsunddreißige besprochen und einen zumindest für mich wertvollen Leitfaden vorgelegt.
Joe Dvorak (15.10.2025, 07:14):
Meines Wissens nach gibt es nur eine Gesamteinspielung der 4 Doppelquartette. Ob Spohr als Erster die Idee hatte, für zwei antiphonisch aufgestellte Streichquartette zu komponieren, oder ob er das als Erster zur Reife und (damaligen) Breitenwirkung geführt hat: Das Ergebnis kann sich hören lassen. Ich benutze für diese Art von origineller und vergnügungsbereitenden Musik gerne den Begriff Oberhaltung, um sie von überkomplexen und vergeistigten klassischen Werken abzugrenzen, aber negative Konnotationen zu vermeiden. Beim Auftakt des ersten Quartetts denke ich immer unweigerlich gleichzeitig an Mozart und frühen Brahms. Die beiden letzten Quartette werden besonders stark vernachlässigt. Gelehrte machen die 1830er, in denen der Komponist mehrere Schicksalsschläge erleiden musste, als Zäsur aus und gestehen wenigen Werken, die danach entstanden, Glanz und Inspiration zu. Das g‑moll‑Doppelquartett Nr. 4 aus dem Jahr 1947 muss hiervon jedoch ausgenommen werden. Das ist ein unbedingter Hörtip, aber die ganze Reihe lohnt in meinen Ohren eine nähere Beschäftigung. Der sehr informative Booklet-Text zu diesem Album ist online verfügbar: Louis Spohr (1784-1859): Double Quartets - CDD22014 - Hyperion Records



Doppelquartette d-Moll op. 65 (1823), Es-Dur op. 77 (1827), e-Moll op. 87 (1832/33), g-Moll op. 136 (1847)

ASMF Chamber Ensemble
Andréjo (15.10.2025, 22:35):
Ja, die besitze ich und will wieder hineinhören. Geschehen ist das wohl schon mal ... Leider erinnere ich mich nicht so recht, aber das dürfte mit der Qualität der Musik weiter nichts zu tun haben. Es sollte mich wundern, wenn diese nicht melodiös wäre. Nur: Wie soll ich mir all diese Melodien merken ...

... Oberhaltung ... :D Dafür die Grinsvisage.

Das Sternchen hast Du aus Prinzip bekommen.

So, das war jetzt ein Beitrag ohne Relevanz. Iss mir aber gerade wurscht.
Andréjo (16.10.2025, 22:14):
Noch ein paar Anmerkungen über das hinaus, was schon Joe oben gesagt hat. Schön, dass er auch das Booklet verlinken konnte. Ich wäre wohl gar nicht auf die Idee gekommen ...

Die Doppelquartette sind tendenziell Spohrs Erfindung. In der Renaissance- und Barockmusik gibt es vokale Pendants von Doppelchörigkeit, wenn man so will.

Recht reizvoll ist hier tatsächlich der Ping-Pong-Effekt der Stereo-Anlage, den man nun sonst des Öfteren weniger schätzt und der sich eigentlich eher in altbackenen Aufnahmen der Fünfziger und Sechziger findet.

Doch Spohr wollte bewusst keine Oktette schreiben, sondern zwei Quartette sitzen einander gegenüber und werfen sich die Bälle zu. Im ersten Quartett ist das noch nicht ganz gleichwertig gelungen, behauptet das Booklet - der Harenberg-Konzertführer ist da weniger kritisch - denn die zweite Quartettformation zeige nicht genügend Eigenständigkeit. Dann jedoch erweist sich diese Gattung zumindest bei Spohr als relevant für rund zwei Jahrzehnte in Gestalt recht unterschiedlich konzipierter Kompositionen, deren melodischer Pfiff typisch für den Komponisten ist. Die wirkliche Aufspaltung zu acht Stimmen spielt dabei keine große Rolle.

Vielleicht liegt die geringe Zahl moderner Einspielungen daran, dass sich heute nicht leicht zwei Gruppen finden, die hier konzertieren wollen - aber das weiß ich nicht wirklich. Zu Spohrs Lebzeiten war es, wie man nachlesen kann, explizit ein Problem und trug dazu bei, dass das Modell nicht weiterentwickelt wurde oder eine Tradition erschloss.

Ein wenig erinnern mich die vier Kompositionen trotz des unverkennbaren Personalstils an (den frühen) Mendelssohn, an die Streichersinfonien. Der hat freilich mit seinem Oktett einen objektiv anderen Beitrag geboten und dieses Werk wird sicher auch nicht zu Unrecht viel gespielt und von vielen renommierten Solisten und Solistinnen, die als Einzelne oder bisweilen auch als zwei Quartette sonst in Erscheinung treten.

Ein moderneres Gegenstück nicht zu Mendelssohn, aber eben zu Spohr könnten die beiden Quartette (14 und 15) von Darius Milhaud sein, die auch als Oktett aufgeführt werden können. Ein gelungenes Experiment auf jeden Fall. Die folgende Anthologie enthält diese Musik - die meines Wissens auch nur von allenfalls zwei weiteren Quartett-Formationen als Oktett auf CD erhältlich ist.
Joe Dvorak (17.10.2025, 02:29):
Doch Spohr wollte bewusst keine Oktette schreiben, sondern zwei Quartette sitzen einander gegenüber und werfen sich die Bälle zu. Im ersten Quartett ist das noch nicht ganz gleichwertig gelungen, behauptet das Booklet - der Harenberg-Konzertführer ist da weniger kritisch - denn die zweite Quartettformation zeige nicht genügend Eigenständigkeit.
Dass das zweite Quartett eine Art Begleitfunktion übernimmt, während die Virtuosität im ersten spielt, finde ich gerade reizvoll. Als Gegenstück zu seinem Konzert für Streichquartett & Orchester haben wir hier quasi ein Konzert für Streichquartett & Streichquartett. :thumbup:

Und danke für den Hinweis auf Milhaud – noch so einer, der auf der Liste derer steht, mit denen ich mich näher zu beschäftigen vornehme und es dann doch nicht tue. Mit der radikalen Idee, dass Werke einzeln oder in Kombination aufgeführt werden können, war er sogar einem John Cage um ein paar Jahre voraus.
Andréjo (17.10.2025, 15:11):
Stimmt - dieses Konzert für Streichquartett und Ensemble könnte ich auch mal wieder auflegen. Das ist sicher nicht einmalig in der Musikhistorie, aber doch beinahe ... ;) :)