Luciano Pavarotti ist tot

cellodil (06.09.2007, 08:27):
Zum Tod von Pavarotti die aktuelle Meldung aus der Süddeutschen Zeitung
daniel5993 (06.09.2007, 08:41):
Luciano Pavarotti gestorben

Der italienische Startenor ist am frühen Morgen im Alter von 71 Jahren in Modena gestorben. Der Zustand des krebskranken Sängers hatte sich in der Nacht dramatisch verschlechtert.

http://www.utexas.edu/opa/pubs/oncampus/99oc_issues/oc990212/opera2.jpg

Pavarotti war zuletzt im August wegen hohen Fiebers zwei Wochen im Krankenhaus. Am Mittwoch hatte sich sein Zustand weiter verschlechtert. Der Sänger musste sich im vergangenen Jahr in einem New Yorker Klinikum einer Krebsoperation unterziehen.

Danach war er nicht mehr öffentlich aufgetreten. Erst am Dienstag war Pavarotti für seine Verdienste um die italienische Kultur eine neu geschaffene Auszeichnung des Kulturministeriums in Rom zugesprochen worden.

Der am 12. Oktober 1935 in Modena als Sohn eines Bäckers geborene Pavarotti debütierte 1961 als Rudolfo in Puccinis „Bohème“, elf Jahre später machte die Aufführung von Donizettis „La Fille du Regiment“ an der New Yorker Metropolitan Opera den bereits international gefragten Opernsänger zum Weltstar.

Seine Ansprünge auf das hohe A und sein zu besten Zeiten über zehn Sekunden gehaltenes hohes C machten ihn zum begehrten Stimmakrobaten in jedem großen Opernhaus. An der Met in New York war er im Lauf der Jahrzehnte fast 400 Mal zu hören und zu sehen.

Aber der schwergewichtige Tenor sang auch in Fußballstadien und in Parks, zusammen mit Placido Domingo und José Carreras zog er als Mitglied der „Drei Tenöre“ im Triumph um den Globus gezogen. Mit Popstars wie Sting, Elton John oder Bon Jovi spielte er auch Rock-Pop-Klassik-Platten ein.
___________________________________________________________________


Hallo allezusammen!

Pavarotti war der Lieblingssänger meines Vaters!
Ich selbst habe noch nicht viel von Ihm gekannt!
Das werde ich aber nachholen!

Habt Ihr Lieblingsopern von Ihm? Könnt Ihr ja hier auflisten!
Hat Ihn jemand mal live erlebt?
Wie weit ist er bei euch geschätzt, oder in eurer Sammlung vorhanden?

Mit freundlichem Gruß
Daniel :I
daniel5993 (06.09.2007, 08:49):
Guten Morgen Sabine!

Habe kurz nach dir den gleichen Thread eröffnet, du warst halt schneller!


@Rachmaninov

Guten Morgen!

Du kannst meinen Thread löschen und meinen Beitrag hier einfügen!
Danke!

Gruß
Daniel
Jeremias (06.09.2007, 09:52):
Er war mein Lieblingstenor und wird es immer bleiben, was italienische Opern angeht. Da mein Daddy ein absoluter Freak war, hatte ich als Kind das Glück, ihn einmal live in Dortmund zu sehen. Ich glaub, ich war 9 Jahre alt.... ich kann mich noch heute an sein "O sole mio" erinnern.....

Möge er seinen Frieden gefunden haben und von den Leiden erlöst sein....
Rachmaninov (10.09.2007, 09:59):
Hallo Forianer,

am 6. September verstarb einer der ganz Großen der klassischen Musik leider an den Folgen einer Krebserkrankung.

Für mich, auch wenn ich kein so großer Kenner der Oper bin gehört, L. Pavarotti zu den größten Tenören überhaupt.

Für mich eine ganz wunderbare Stimme. Da kommen und kamen viele nicht mit, auch in ihrer Glanzzeit.

Ich liebe seine Stimme als Alfredo in Verdi's La Traviata.

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/5978210.jpg

Wie sieht es bei euch aus? War er für euch ebenfalls ein ganz Großer?
Welche Aufnahmen liebt ihr?

Gruß
Richard
Jürgen (10.09.2007, 13:54):
Ja, für mich ist Pavarotti auch ein ganz Großer. Das gilt insb. in Kombination mit Puccini.

http://ec1.images-amazon.com/images/I/51M8CVNGXRL._AA240_.jpg

http://ec1.images-amazon.com/images/I/41FT9AJK28L._AA240_.jpg

http://ec2.images-amazon.com/images/I/51RTHRDWGBL._AA240_.jpg

http://ec1.images-amazon.com/images/I/51X0QFQTVTL._AA240_.jpg


Einen guten Überblick bietet dieser Sampler: Pavarottissimo (Doppel-CD)
Komischerweise kein Bild gefunden, ausser ebay.

Aber auch diese kitschige CD gefällt mir zumindest auszugsweise.
http://ec1.images-amazon.com/images/I/61RBHV5Q9VL._AA240_.gif

Grüße
Jürgen
nikolaus (10.09.2007, 21:13):
Hm, ich muss gestehen, ich mag seine Stimme nicht so besonders... :ignore
Bei mir kommt irgendwie nichts an, wenn ich ihn höre. Ich glaube, mir ist seine Gesang zu "perfekt" (ähnlich ergeht es mir mit der Gruberova, wenngleich mir bei ihr nicht einmal das Timbre gefällt, aber das gehört wohl nicht hierher...)

Verzeihung, Nikolaus.
Rachmaninov (11.09.2007, 12:02):
Original von nikolaus
Hm, ich muss gestehen, ich mag seine Stimme nicht so besonders... :ignore
Bei mir kommt irgendwie nichts an, wenn ich ihn höre. Ich glaube, mir ist seine Gesang zu "perfekt"

@Nikoluas,

hast Du ihn mal als Alfredo gehört in "La Traviata"?
Gänsehautfeeling sage ich da nur........
nikolaus (11.09.2007, 20:31):
Original von Rachmaninov
Original von nikolaus
Hm, ich muss gestehen, ich mag seine Stimme nicht so besonders... :ignore
Bei mir kommt irgendwie nichts an, wenn ich ihn höre. Ich glaube, mir ist seine Gesang zu "perfekt"

@Nikoluas,

hast Du ihn mal als Alfredo gehört in "La Traviata"?
Gänsehautfeeling sage ich da nur........

Nur Ausschnitte im Radio, aber auch da :ignore
manrico (12.09.2007, 00:20):
Ich muss mich der Einschätzung von Nikolaus anschließen. Dass der Tod eines Menschen natürlich immer ein unersetzlicher Verlust für ihm nahe stehenden Menschen ist, steht für mich natürlich außer Frage. Und obwohl ich der Ansicht bin "De mortuis nihil nisi bene", habe ich zu Pavarottis Stimme auch keinen besonderen Zugang gefunden. Die meisten seiner Produktionen lassen mich relativ unberührt (Puccinis Komponierstil entspricht nicht meinen ästhetischen Vorstellungen, aber ich denke, Pavarotti hat diese gezielten Angriffe auf die Tränendrüsen adäquat umgesetzt).

Die Aufnahmen, die ich von ihm mag, entstammen allesamt seiner Frühzeit. Da ist einerseits natürlich die wirklich wunderbare "Fille du Regiment" mit Sutherland und Pavarotti (1968). Er ist für mich hier gleichwertig mit Alfredo Kraus und hätte sich auch weiterhin die Krone mit ihm geteilt, wäre da nicht der unglaubliche Florez gekommen.

Die beiden anderen Opern, in denen er mir wirklich gefällt, sind der Mitschnitt von " I Capuletti ed i Montecchi" unter Abbado, bei der Pavarotti den Tebaldo und Aragall den Romeo singt. Der ist zwar an sich eine Hosenrolle, aber für einen Ausnahmekünstler wie Aragall ist diese Transposition IMO völlig gerechtfertigt. Das ergibt den klangschönen Effekt eines Tenorduetts ("Ella e spenta") im 2. Akt, bei dem sich die Stimmen von Aragall und Pavarotti sehr efffektvoll mischen.

Als dritte Oper würde ich die Einspielung von Beatrice di Tenda unter Bonynge 1966 nennen. Pavarotti ist hier eben noch kein stadienfüllender Star, der seine Rollen mit einer gewissen effektvollen Gleichförmigkeit gestaltet sondern liefert einen intensiven und klangschönen Orombello, der sich nahtlos in ein homogenes Ensemble (Sutherland, Veasey, Opthof) fügt.

Liebe Grüße


Werner
Travi (08.10.2007, 16:45):
Hallo Nikolaus und Manrico!

Man möge mir verzeihen, dass dies so spät kommt und noch dazu etwas nörgelig anfängt, aber nach einigen Computer- und anderen Problemen kann ich mich erst jetzt melden (noch dazu mit meinem ersten Beitrag hier überhaupt - oh je ...). Übrigens habe ich die oben erwähnte Referenzaufnahme mit Freni und Karajan am Wochenende nochmal ausgiebig und mit großem Vergnügen gehört.

Eine Aussage wie oben von euch beiden ist für mich nicht nachvollziehbar. Pavarotti hören und es kommt nichts an? Du meine Güte! Wie abgebrüht muss eine/r da sein … ;-)

Natürlich meine ich nicht, dass man eine solche Aussage nicht machen dürfte – ganz im Gegenteil. Ich möchte aber in diesem Zusammenhang auf den ganzseitigen Nachruf verweisen, der am 7. September in Le Monde unter dem Titel Luciano Pavarotti, l'illustre "tenorissimo" erschien. Der Verfasser, Renaut Machart, beschreibt den Sänger nicht nur als Ausnahmestimme, sondern geradezu als Naturwunder (dem unterstellt wird, Probleme u.a. mit dem Notenlesen gehabt zu haben, und der von sich selbst sagt, er sei „kein Musiker“ wie z.B. Domingo). Er beschreibt ihn als einen Menschen, der (den über die Biographie bekannten Tatsachen zum Trotz) das Singen nicht eigentlich gelernt habe, sondern dem „nur“ ein ungeheures Talent in die Wiege gelegt worden sei. Er führt die menschlichen, teils überdimensionalen und entsprechend leicht zu karikierenden Schwächen des auch äußerlich immer überdimensionaler daherkommenden Pavarotti auf, wobei er sich ausgerechnet auf seinen ehemaligen Manager Herbert Breslin beruft. Er beschreibt das „Zugpferd“ Pavarotti, die „Geldmaschine“ Pavarotti, den Mann, der das Bad in den Massen liebt und den die Massen lieben. Er beschreibt den Mann, dem manch eine/r einen ersten Zugang zur klassischen Musik verdankt, er beschreibt die Schwierigkeiten des Erfolgsgewohnten und -verwöhnten, der nicht abtreten will oder kann, als die Karriere spürbar dem Ende zugeht. Er erwähnt nicht zuletzt den großen Respekt, dem man ihm trotz aller Kritik in Kollegenkreisen bis zuletzt zollt.

In Le Monde heißt es u.a. - gekürzt; bei eventuellen Ungenauigkeiten bei der Übersetzung bitte ich um Nachsicht; das Original ist online leider nicht kostenlos zugänglich, aber für alle, die es interessiert, hier ein Link: http://www.lemonde.fr/cgi-bin/ACHATS/acheter.cgi?offre=ARCHIVES&type_item=ART_ARCH_30J&objet_id=1003435
):

Luciano Pavarotti hatte seit 2005 aus gesundheitlichen Gründen Konzerte absagen müssen. Für das Jahr waren etwa 40-50 Auftritte im Rahmen einer großen Abschiedstournee geplant. Auskünfte über den wahren Gesundheitszustand des Meisters gab es nur zurückhaltend oder gar nicht, aber nicht einmal die Fans glaubten zu der Zeit an ernsthafte Gesundheitsprobleme, sondern eher daran, dass sich ein Pavarotti mit einer ehemals großen, nun aber nachlassenden Stimme nicht mehr so recht auf die Bühnen der Welt wagen wollte. Bereits 2002 hatte er im letzten Moment in New York, wo er an der Met auch schon eine Abschiedsvorstellung hatte geben sollen, seinem Publikum wegen einer angeblichen Grippe abgesagt.

Verdi und Puccini

Der Direktor der Met, Joseph Volpe, ließ daraufhin öffentlich wissen, dass er diese Art sich zu verabschieden für nicht eben elegant hielt. Die Regenbogenpresse hatte ihre Schlagzeilen ob des als schnöde empfundenen Verhaltens des Tenors, vor allem angesichts der Tatsache, dass die Aufführung auf der Plaza des Lincoln Center auf einer Riesenleinwand hatte gezeigt werden sollen. All dies hielt Volpe allerdings nicht davon ab, ihm später durch die Aufführung der Tosca am 13. März 2004 doch noch den offziellen Abschied von der New Yorker Szene, die ihn genau wie den spanischen Tenor Placido Domingo vergötterte, zu ermöglichen.

Pavarotti und Domingo waren zwei große, aber grundverschiedene Stars der Tessitura: Domingo kann auf über 120 Rollen verweisen, darunter auch in zeitgenössischen Werken. Er, Orchesterchef und Generaldirektor der Opernhäuser von Washington, D.C., und Los Angeles, geht ein Risiko nach dem anderen ein, setzt aber seine Stimme dabei nie aufs Spiel. Pavarotti andererseits hat sich auf die Rollen des italienischen Belcanto beschränkt und Verdi und Puccini nach eigenem Gusto gesungen.

Anlässlich einer polemischen Bemerkung über Pavarottis Fähigkeit, Noten zu lesen, äußerte er sich gegenüber Domingo im Figaro vom 22. Juli 1997 offen wie folgt: "Es stimmt, ich bin kein Musiker. Ich gehe nicht in die Tiefe. Die Partitur ist das eine, der Gesang das andere. Man muss die Musik im Kopf haben und sie mit dem Körper singen. Sonst kommt nur das Absingen von Tonleitern dabei heraus. Ich bin kein Musiker wie Placido Domingo, der sogar ein Orchester dirigieren kann."

Luciano Pavarottis ehemaliger Manager Herbert Breslin brachte 2005 ein zusammen mit Anne Midgette, die auch für das amerikanische Schwesterblatt, die New York Times, schreibt, verfasstes Buch heraus. Dieses Buch stellt einen Frontalangriff auf die Person dar, die lange sein Hauptklient war. Mit bitterbösem und oft ungerechtem Witz verdeutlicht The King and I (nach dem Titel des Musicals von Rodgers / Hammerstein) die Schwächen des Tenors und karikiert sie: den gefärbten Bart und die gefärbten Haare, die ehelichen Seitensprünge, die übertriebenen Essgewohnheiten, die pharaohaften Launen.

Die Massen

Im Zusammenhang mit letzteren (den pharaohaften Launen) beschreibt das Buch, wie die Met ein mit Lebensmitteln und Köchen beladenes Flugzeug nach Japan schicken musste, wo man - zusammen mit Pavarotti als Star - auftreten wollte. Dieser hatte gedroht auszusteigen, nachdem er gehört hatte, dass das Essen eventuell nicht in der gewohnten Qualität und Quantität ausfallen werde. Breslin erzählt mit umwerfender Komik, wie erst eine Luxushotelsuite in Tokio in eine Küche verwandelt und anschließend alles wieder weggeworfen werden musste, nachdem Luciano nämlich wenige Etagen tiefer ein hervorragendes italienisches Restaurant entdeckt hatte …

Breslin erzählt auch, wie versessen sein Klient auf die Zuschauermassen war, und wie es hinter den Kulissen der "Drei Tenöre" zuging, dem Event der klassischen Musik ab 1990, der bisher das meiste Geld einspielte.

Wie sein Vater, der in Modena Bäcker und selbst auch Tenor war, lernte Pavarotti die Musik aus dem Bauch heraus. Er betonte: "In mir hat er seinen eigenen Traum verwirklicht gesehen, und er war sogar ein bisschen neidisch. Er meinte, seine eigene Stimme sei schöner als meine! Zu meinem Erfolg hat er mich erst, nachdem ich bereits 13 Jahre lang aufgetreten war, beglückwünscht. Davor wurde ich verglichen mit Gigli, Caruso, Di Stefano … Mein Vater war sehr beliebt. Ich weiß noch, wie einmal – es war im Krankenhaus – die Tür aufging und jemand auf mich zeigte und sagte: "Das ist Luciano, der Sohn von Pavarotti!"

Pavarotti wird Volksschullehrer, gibt aber diesen Beruf nach anderthalb Jahren auf, um seiner Stimme nicht durch das ständige Sprechen zu schaden. Er gewinnt bei Reggio Emilia einen Wettbewerb und beginnt seine Karriere, indem er für berühmte Tenöre einspringt.

Am 15. September 1961 singt er zum ersten Mal eine Oper, die zum „Fetisch“ werden wird, Puccinis La Bohème. Das Bild, das er von seinen Anfängen bewahrt, ist jenes vom Besuch des großen Tenors Tito Schipa (1888-1965) in seiner Loge. Im Magazin des Figaro vom 26. Juni 1993 gab er zu: "Ich konnte es nicht fassen, als dieser Mann, wahrscheinlich der größte Tenor aller Zeiten, vor mir stand. Er sagte mir, ihm habe die Art und Weise meines Gesangs an dem Abend sehr gefallen. 'Sie sind noch sehr jung. Hören Sie sich weiterhin alle möglichen Leute an, aber bitte singen Sie immer so wie heute Abend.' Für mich war die Botschaft ganz klar. Man muss lernen die anderen zu hören, aber die eigene Persönlichkeit zu entwickeln."

1963, im Alter von 27 Jahren, springt er, ebenfalls in La Bohème, für Giuseppe Di Stefano ein, einen weiteren legendären Tenor, und er fällt sowohl dem Orchesterchef Richard Bonynge auf wie auch seiner Frau, der Sopranistin Joan Sutherland, beide Belcanto-Spezialisten. Joan Sutherland erinnert sich für Time Magazine im Jahre 1979 an ihren ersten Eindruck: "Es war absolut phänomenal: dieser sagenhafte Klang, dieser Ton, und was für eine Tessitura, was für eine Sicherheit!" Bonynge holt ihn für 14 Wochen nach Australien, wo Pavarotti fern von Europa in Ruhe die legendäre Technik der Sopranistin studieren kann.

Herbert von Karajan wird auf ihn aufmerksam und verpflichtet ihn zusammen mit seiner Jugendfreundin, der italienischen Sopranistin Mirella Freni, für die Aufnahme der Bohème. Ihre Interpretation sollte sofort zur Referenzaufnahme werden. Aber das Repertoire des Belcanto wird er vor allem zusammen mit Joan Sutherland singen. Seine Stimme ist nach Meinung der Experten die typische Stimme des "Liebhabers". Er ist klug genug, schwerere Rollen wie Verdis Othello erst anzugehen, als er in den Fünfzigern ist. Er wird den Othello nicht im Kostüm singen, sondern in einer Konzertfassung mit dem Chicagoer Symphonieorchester unter der Leitung von Georg Solti.

Folklore und Legende

Als er Adua, seine erste Frau, 1953 kennenlernt, sieht er gut aus, wirkt athletisch und spielt in seiner Freizeit Fußball. Im Laufe der Jahre wird er sich die Kilos zulegen, die zu den Geschichten und Legenden beigetragen haben, die sich um Pavarotti ranken. Da er dem guten Essen und den großen Tafeln im Kreise von Freunden zugetan ist, wird er lebenslang mit dem Übergewicht zu kämpfen haben und während mehrerer Phasen seiner Karriere gezwungen sein, sich auf der Bühne so wenig wie möglich zu bewegen. Die Met hatte ihm im übrigen Inszenierungen "auf den Leib geschrieben", in denen er buchstäblich erstarrte, wie in Puccinis Tosca in der Inszenierung von Franco Zeffirelli. In Paris wird er das Opfer eines kleinen Zwischenfalls mitten auf der Bühne: Als er sich auf einen Stuhl setzt, bricht dieser unter ihm zusammen und das Publikum beginnt schallend zu lachen … und der Tenor lacht mit!

Der "Tenorissimo" zeigt sich beim Stadtbummel in riesige Hermès-Capes gehüllt, bei Konzerten hält er ein weißes Taschentuch in der Hand. Er hat eine große Schwäche für die "Beautiful People" der Hochglanzmagazine und posiert gern vor einem Teller gekochtem Gemüse, während er gleichzeitig versichert, etliche Kilos loswerden zu wollen …

Aber trotz seiner Exzesse und trotz der Karikatur, die sich, ähnlich wie bei Fellini, vor den wahren Pavarotti schiebt, wird er der große mythische Tenor der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bleiben, und seine reiche Diskographie bei Decca beweist dies allen, die ihn auf der Bühne nicht erlebt haben.

Gewisse Leute meinten sich zwar über diese trotz der Exzesse der letzten Jahre immer noch exemplarische Karriere mockieren zu dürfen, aber die Großen der Musikszene zollen Pavarotti weiterhin größten Respekt. Als die monatlich erscheinende Le Monde de la Musique eine Sondernummer zu Ehren von "Big Luciano" plant, antwortet Carlos Kleiber eines Tages auf eine ihm gestellte Frage wie folgt: "Wenn Luciano Pavarotti singt, geht die Sonne über der Welt auf."

Gruß,
Travi
HenningKolf (08.10.2007, 19:15):
Hallo Travi


erst mal ein herzliches Willkommen im Forum......dass Pavarottis Stimme nicht berührt, kann ich auch kaum begreifen...allerdings sind die Geschmäcker bekanntlicherweise erstens verschieden und zweitens auch Diskussionen kaum zugänglich....für mich ist er einer der ganz Großen (ich mag aber auch Puccini und Puccini und der - frühe - Pavarotti sind für mich einfach eine kongeniale Ergänzung)

Gruß
Henning
nikolaus (08.10.2007, 20:53):
Auch von mir ein herzliches Willkommen!

Herzlichen Glückwunsch zu deinem ersten Posting - und dann gleich noch so umfangreich, Hochachtung!

Ich möchte übrigens noch einmal betonen, daß ich Pavarotti nicht für einen schlechten Sänger halte, er sagt mir nur einfach nichts (andere Beispiele sind da Edita Gruberova u. bisweilen auch Joan Sutherland...).

Grundsätzlich ist es ja toll, wenn ein Künster einen so berührt, und deshalb freue ich mich für dich, daß du einen solchen in Pavarotti gefunden hast.
Bei mir ist es auf der Seite der Pianisten eindeutig Martha Argerich (und das können wiederum andere hier nicht nachvollziehen - so ist das nun einmal).

Ich hoffe, du fühlst dich hier wohl!

Herzliche Grüße,

Nikolaus.
manrico (09.10.2007, 01:42):
Hallo Travi !

Auch von mir ein herzliches Willkommen! Ich denke, ein solches Forum lebt von der Auseinandersetzung und von den unterschiedlichen Meinungen zu Personen und Stimmen. Ich kann nichts anderes tun als meine Meinung zur Disposition stellen und erklären, aus welchem Blickwinkel ich bestimmte Dinge sehe.
Pavarotti rührt mich tatsächlich überhaupt nicht, ebenso wie die Caballe, die Gruberova oder die Sutherland - da bin ich mit Nikolaus völlig einer Meinung. Und die Scotto find ich schlicht zum Davonlaufen.

Ich kann es dir anhand der Gruberova - glaub ich - am besten erklären. Vor etwa 14 Tagen habe ich sie in Wien als Puritani - Elvira gesehen und ich muss zugeben, dass sie in stimmlich besserer Verfassung war als vor zehn Jahren. Ich bin eigentlich nur hingegangen, weil sie so ein Relikt aus einer für mich eigentlich schon vergangenen Zeit ist. Die Technik war einwandfrei, aber ihr kaltes Singen und Spielen (von Spielen kann man eigentlich überhaupt nicht reden), ihre Nicht-Kommunikation mit den Partnern und ihr rein auf den persönlichen Erfolg schielender Auftritt dient nur ihr selbst aber nicht dem Werk oder der darzustellenden Figur. Man hört ihr förmlich an, dass sie nur ein Kostüm trägt. Bei Pavarotti sehe ich das ähnlich. Auch er ist im Grunde eiskalt und unbeteiligt und versucht diese Nicht-Identifikation durch lächerliche Schmiere zu übertünchen. Sehr erhellend ist gerade in dieser Hinsicht die Karajan-Boheme. Abgesehen davon, dass ich Puccinis sentimentale Massenware generell nicht mag, gehen mir diese Tränendrücker-Interpretationen noch viel mehr auf die Nerven. Wenn er sich greinend über die tote Geliebte stürzt, ist man nicht sicher, ob Pavarotti gerade einen Lachanfall hat oder Krokodilstränen vergießt. Um wieviel besser Puccini klingen kann, zeigt Beecham mit seiner realistisch harten Interpretation, bei der er zwei wirkliche Giganten als Protagonisten hat: Jussi Björling und Victoria delos Ancheles. Sie stützen sich nicht auf billige Effekte und schluchzende Violinen (bei Beecham wird Puccini zumindest halbwegs erträglich). Ich meine, dass Pavarotti und Puccini sehr gut zusammenpassen, weil Pavarotti der perfekte Erfüllungsgehilfe für Puccinis Gefühlsduselei ist. Vergleich doch einmal die musikalische Gestaltung der Sterbeszene der Violetta Valery mit der der Mimi. Bei "Gran Dio, morir si giovine" pocht das Schicksal beinhart an die Tür. Der Tod naht als unerbittlicher Gegner des Lebens. Da gibt es kein Schönreden, kein Gejammer, sondern nur die realistische Auseinandersetzung mit dem Unvermeidlichen. Bei der Boheme heult man sich im Quintett in den Tod, nimmt zärtlich von einem alten Mantel Abschied, besorgt lächerlicher Weise noch einen Muff und dreht das (Lebens)-flämmchen zurück - wie originell. All dies hat Pavarotti genauso sentimental mit falscher Träne im Knopfloch umgesetzt. Dieses Szenario entspricht meiner Ansicht nach der jetzt so beliebten Entwicklung, dass abgehalfterte Schauspieler, die dereinst wirklich große Menschendarsteller waren, und solche, die nie groß waren, sich lächerlichen Verfilmungen jämmerlicher Romanschriftstellerinnen im wallisischen Ambiente hingeben ("Oh Gott, sie ist unsere gemeinsame Tochter!" "Himmel, wie konnte ich nur so blind sein, sie hat doch meine Augen!!"). Auch diese Filme gehen manchen Menschen nahe - mir wird dabei höchstens übel. Der Unterschied ist für mich genauso groß wie der zwischen der menschlichen Tragödie von Schillers Maria Stuart (die bekanntlich auch in England spielt), ihren komplex ausgeleuchteten Figuren und Situationen und den vorhin genannten Lischen Müller-Pseudotragödien mit Schauspielern, deren Mimik im fortgeschritteneren Fall drei Ausdrucksweisen zum besten geben kann.

Daher muss ich zu meiner Erkenntnis stehen: ich zolle dem Menschen Pavarotti - so wie jedem Menschen - Achtung, ich achte seine Arbeit, aber jemand, der in meinem Herzen etwas zum Klingen bringt (wie Callas, Jurinac, Riccarelli, Aragall, Björling, Simoneau, Dermota, Wunderlich, Warren, Metternich, de Luca und viele andere große Künstler, deren Arbeit ich für wahrhaftig halte) ist Pavarotti ganz bestimmt nicht.

Gruß


Manrico
Travi (09.10.2007, 16:52):
Hallo,

und ganz herzlichen Dank für den freundlichen Empfang!

In Euren Reaktionen gibt es vieles, auf das ich antworten möchte, so dass ich am besten - na gut, einfach mal hiermit anfange:

Da wäre einmal das Thema Geschmack, Vorlieben, Vorurteile, wobei letztere positiv wie negativ sein können, und, eigentlich schon ein weiteres Thema, Einflüsse durch Faktor X, Y, Z. Da prallen dann schon mal Welten aufeinander, wie man so schön sagt, und man kann, je nach Talent, ja leider eigentlich nur mit Worten versuchen, sprachlich etwas nachzuvollziehen, was für mich mit Sprache eigentlich nicht nachvollziehbar ist. Ich kann Dich, Manrico, grundsätzlich vollkommen verstehen: Auch ich möchte bei gewissen Stimmen davonlaufen, bei anderen wie Pavarotti oder der von Dir genannten de los Angeles schmelze ich dahin, in der Kombination mit dem von mir durchaus geschätzten Puccini ganz besonders. Bei Björling dagegen schmelze ich nicht, auch nicht in der Kombination mit Puccini, obwohl ich ihn (Björling) als Rodolfo sehr gern höre und anerkenne, dass die Stimme "etwas hat" - nur eben nicht "das", was die von Pavarotti hat. Wie kommt so etwas zustande? Bin ich so stark beeinflusst durch das Medienbrimborium, das einen Pavarotti zum für Millionen konsumierbaren Produkt gemacht hat, zum Beckham der Opernhäuser womöglich? Andererseits glaube ich nicht, dass Millionen Hörer und Hörerinnen sich dafür schämen müssen, wenn sie Pavarottis Stimme in besonderer Weise genießen. Aber vielleicht hoffe ich das ja auch nur ...

Noch etwas fällt mir gerade ein: Ist es nicht selbst im Zeitalter der Multittasker und -talente ein bisschen viel verlangt, von einem Sänger schauspielerische Höchstleistungen zu erwarten? Im Beiheft zu Beechams Bohème wird Björlings Bühnenpräsenz als geradezu fade und langweilig hingestellt, aber der Verfasser lobt die Stimme allein, also wenn er sie ohne den Sänger zu sehen hört, in den höchsten Tönen. Das ist doch ein interessanter Befund, oder nicht? Was muss ein Sänger "sonsti noch" mitbringen, um heutzutage bestehen zu können? Übrigens macht es für mich auch immer eine Menge aus, Musik zu sehen und eben nicht "nur" zu hören! Und ich meine nicht nur auf einer DVD. Leider war es mir nicht vergönnt, Pavarotti auf der Bühne zu erleben.

Das war's erstmal wieder!

Gruß,
Travi
cellodil (06.09.2007, 08:27):
Zum Tod von Pavarotti die aktuelle Meldung aus der Süddeutschen Zeitung
daniel5993 (06.09.2007, 08:41):
Luciano Pavarotti gestorben

Der italienische Startenor ist am frühen Morgen im Alter von 71 Jahren in Modena gestorben. Der Zustand des krebskranken Sängers hatte sich in der Nacht dramatisch verschlechtert.

http://www.utexas.edu/opa/pubs/oncampus/99oc_issues/oc990212/opera2.jpg

Pavarotti war zuletzt im August wegen hohen Fiebers zwei Wochen im Krankenhaus. Am Mittwoch hatte sich sein Zustand weiter verschlechtert. Der Sänger musste sich im vergangenen Jahr in einem New Yorker Klinikum einer Krebsoperation unterziehen.

Danach war er nicht mehr öffentlich aufgetreten. Erst am Dienstag war Pavarotti für seine Verdienste um die italienische Kultur eine neu geschaffene Auszeichnung des Kulturministeriums in Rom zugesprochen worden.

Der am 12. Oktober 1935 in Modena als Sohn eines Bäckers geborene Pavarotti debütierte 1961 als Rudolfo in Puccinis „Bohème“, elf Jahre später machte die Aufführung von Donizettis „La Fille du Regiment“ an der New Yorker Metropolitan Opera den bereits international gefragten Opernsänger zum Weltstar.

Seine Ansprünge auf das hohe A und sein zu besten Zeiten über zehn Sekunden gehaltenes hohes C machten ihn zum begehrten Stimmakrobaten in jedem großen Opernhaus. An der Met in New York war er im Lauf der Jahrzehnte fast 400 Mal zu hören und zu sehen.

Aber der schwergewichtige Tenor sang auch in Fußballstadien und in Parks, zusammen mit Placido Domingo und José Carreras zog er als Mitglied der „Drei Tenöre“ im Triumph um den Globus gezogen. Mit Popstars wie Sting, Elton John oder Bon Jovi spielte er auch Rock-Pop-Klassik-Platten ein.
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Hallo allezusammen!

Pavarotti war der Lieblingssänger meines Vaters!
Ich selbst habe noch nicht viel von Ihm gekannt!
Das werde ich aber nachholen!

Habt Ihr Lieblingsopern von Ihm? Könnt Ihr ja hier auflisten!
Hat Ihn jemand mal live erlebt?
Wie weit ist er bei euch geschätzt, oder in eurer Sammlung vorhanden?

Mit freundlichem Gruß
Daniel :I
daniel5993 (06.09.2007, 08:49):
Guten Morgen Sabine!

Habe kurz nach dir den gleichen Thread eröffnet, du warst halt schneller!


@Rachmaninov

Guten Morgen!

Du kannst meinen Thread löschen und meinen Beitrag hier einfügen!
Danke!

Gruß
Daniel
Jeremias (06.09.2007, 09:52):
Er war mein Lieblingstenor und wird es immer bleiben, was italienische Opern angeht. Da mein Daddy ein absoluter Freak war, hatte ich als Kind das Glück, ihn einmal live in Dortmund zu sehen. Ich glaub, ich war 9 Jahre alt.... ich kann mich noch heute an sein "O sole mio" erinnern.....

Möge er seinen Frieden gefunden haben und von den Leiden erlöst sein....
Rachmaninov (10.09.2007, 09:59):
Hallo Forianer,

am 6. September verstarb einer der ganz Großen der klassischen Musik leider an den Folgen einer Krebserkrankung.

Für mich, auch wenn ich kein so großer Kenner der Oper bin gehört, L. Pavarotti zu den größten Tenören überhaupt.

Für mich eine ganz wunderbare Stimme. Da kommen und kamen viele nicht mit, auch in ihrer Glanzzeit.

Ich liebe seine Stimme als Alfredo in Verdi's La Traviata.

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/5978210.jpg

Wie sieht es bei euch aus? War er für euch ebenfalls ein ganz Großer?
Welche Aufnahmen liebt ihr?

Gruß
Richard
Jürgen (10.09.2007, 13:54):
Ja, für mich ist Pavarotti auch ein ganz Großer. Das gilt insb. in Kombination mit Puccini.

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Einen guten Überblick bietet dieser Sampler: Pavarottissimo (Doppel-CD)
Komischerweise kein Bild gefunden, ausser ebay.

Aber auch diese kitschige CD gefällt mir zumindest auszugsweise.
http://ec1.images-amazon.com/images/I/61RBHV5Q9VL._AA240_.gif

Grüße
Jürgen
nikolaus (10.09.2007, 21:13):
Hm, ich muss gestehen, ich mag seine Stimme nicht so besonders... :ignore
Bei mir kommt irgendwie nichts an, wenn ich ihn höre. Ich glaube, mir ist seine Gesang zu "perfekt" (ähnlich ergeht es mir mit der Gruberova, wenngleich mir bei ihr nicht einmal das Timbre gefällt, aber das gehört wohl nicht hierher...)

Verzeihung, Nikolaus.
Rachmaninov (11.09.2007, 12:02):
Original von nikolaus
Hm, ich muss gestehen, ich mag seine Stimme nicht so besonders... :ignore
Bei mir kommt irgendwie nichts an, wenn ich ihn höre. Ich glaube, mir ist seine Gesang zu "perfekt"

@Nikoluas,

hast Du ihn mal als Alfredo gehört in "La Traviata"?
Gänsehautfeeling sage ich da nur........
nikolaus (11.09.2007, 20:31):
Original von Rachmaninov
Original von nikolaus
Hm, ich muss gestehen, ich mag seine Stimme nicht so besonders... :ignore
Bei mir kommt irgendwie nichts an, wenn ich ihn höre. Ich glaube, mir ist seine Gesang zu "perfekt"

@Nikoluas,

hast Du ihn mal als Alfredo gehört in "La Traviata"?
Gänsehautfeeling sage ich da nur........

Nur Ausschnitte im Radio, aber auch da :ignore
manrico (12.09.2007, 00:20):
Ich muss mich der Einschätzung von Nikolaus anschließen. Dass der Tod eines Menschen natürlich immer ein unersetzlicher Verlust für ihm nahe stehenden Menschen ist, steht für mich natürlich außer Frage. Und obwohl ich der Ansicht bin "De mortuis nihil nisi bene", habe ich zu Pavarottis Stimme auch keinen besonderen Zugang gefunden. Die meisten seiner Produktionen lassen mich relativ unberührt (Puccinis Komponierstil entspricht nicht meinen ästhetischen Vorstellungen, aber ich denke, Pavarotti hat diese gezielten Angriffe auf die Tränendrüsen adäquat umgesetzt).

Die Aufnahmen, die ich von ihm mag, entstammen allesamt seiner Frühzeit. Da ist einerseits natürlich die wirklich wunderbare "Fille du Regiment" mit Sutherland und Pavarotti (1968). Er ist für mich hier gleichwertig mit Alfredo Kraus und hätte sich auch weiterhin die Krone mit ihm geteilt, wäre da nicht der unglaubliche Florez gekommen.

Die beiden anderen Opern, in denen er mir wirklich gefällt, sind der Mitschnitt von " I Capuletti ed i Montecchi" unter Abbado, bei der Pavarotti den Tebaldo und Aragall den Romeo singt. Der ist zwar an sich eine Hosenrolle, aber für einen Ausnahmekünstler wie Aragall ist diese Transposition IMO völlig gerechtfertigt. Das ergibt den klangschönen Effekt eines Tenorduetts ("Ella e spenta") im 2. Akt, bei dem sich die Stimmen von Aragall und Pavarotti sehr efffektvoll mischen.

Als dritte Oper würde ich die Einspielung von Beatrice di Tenda unter Bonynge 1966 nennen. Pavarotti ist hier eben noch kein stadienfüllender Star, der seine Rollen mit einer gewissen effektvollen Gleichförmigkeit gestaltet sondern liefert einen intensiven und klangschönen Orombello, der sich nahtlos in ein homogenes Ensemble (Sutherland, Veasey, Opthof) fügt.

Liebe Grüße


Werner
Travi (08.10.2007, 16:45):
Hallo Nikolaus und Manrico!

Man möge mir verzeihen, dass dies so spät kommt und noch dazu etwas nörgelig anfängt, aber nach einigen Computer- und anderen Problemen kann ich mich erst jetzt melden (noch dazu mit meinem ersten Beitrag hier überhaupt - oh je ...). Übrigens habe ich die oben erwähnte Referenzaufnahme mit Freni und Karajan am Wochenende nochmal ausgiebig und mit großem Vergnügen gehört.

Eine Aussage wie oben von euch beiden ist für mich nicht nachvollziehbar. Pavarotti hören und es kommt nichts an? Du meine Güte! Wie abgebrüht muss eine/r da sein … ;-)

Natürlich meine ich nicht, dass man eine solche Aussage nicht machen dürfte – ganz im Gegenteil. Ich möchte aber in diesem Zusammenhang auf den ganzseitigen Nachruf verweisen, der am 7. September in Le Monde unter dem Titel Luciano Pavarotti, l'illustre "tenorissimo" erschien. Der Verfasser, Renaut Machart, beschreibt den Sänger nicht nur als Ausnahmestimme, sondern geradezu als Naturwunder (dem unterstellt wird, Probleme u.a. mit dem Notenlesen gehabt zu haben, und der von sich selbst sagt, er sei „kein Musiker“ wie z.B. Domingo). Er beschreibt ihn als einen Menschen, der (den über die Biographie bekannten Tatsachen zum Trotz) das Singen nicht eigentlich gelernt habe, sondern dem „nur“ ein ungeheures Talent in die Wiege gelegt worden sei. Er führt die menschlichen, teils überdimensionalen und entsprechend leicht zu karikierenden Schwächen des auch äußerlich immer überdimensionaler daherkommenden Pavarotti auf, wobei er sich ausgerechnet auf seinen ehemaligen Manager Herbert Breslin beruft. Er beschreibt das „Zugpferd“ Pavarotti, die „Geldmaschine“ Pavarotti, den Mann, der das Bad in den Massen liebt und den die Massen lieben. Er beschreibt den Mann, dem manch eine/r einen ersten Zugang zur klassischen Musik verdankt, er beschreibt die Schwierigkeiten des Erfolgsgewohnten und -verwöhnten, der nicht abtreten will oder kann, als die Karriere spürbar dem Ende zugeht. Er erwähnt nicht zuletzt den großen Respekt, dem man ihm trotz aller Kritik in Kollegenkreisen bis zuletzt zollt.

In Le Monde heißt es u.a. - gekürzt; bei eventuellen Ungenauigkeiten bei der Übersetzung bitte ich um Nachsicht; das Original ist online leider nicht kostenlos zugänglich, aber für alle, die es interessiert, hier ein Link: http://www.lemonde.fr/cgi-bin/ACHATS/acheter.cgi?offre=ARCHIVES&type_item=ART_ARCH_30J&objet_id=1003435
):

Luciano Pavarotti hatte seit 2005 aus gesundheitlichen Gründen Konzerte absagen müssen. Für das Jahr waren etwa 40-50 Auftritte im Rahmen einer großen Abschiedstournee geplant. Auskünfte über den wahren Gesundheitszustand des Meisters gab es nur zurückhaltend oder gar nicht, aber nicht einmal die Fans glaubten zu der Zeit an ernsthafte Gesundheitsprobleme, sondern eher daran, dass sich ein Pavarotti mit einer ehemals großen, nun aber nachlassenden Stimme nicht mehr so recht auf die Bühnen der Welt wagen wollte. Bereits 2002 hatte er im letzten Moment in New York, wo er an der Met auch schon eine Abschiedsvorstellung hatte geben sollen, seinem Publikum wegen einer angeblichen Grippe abgesagt.

Verdi und Puccini

Der Direktor der Met, Joseph Volpe, ließ daraufhin öffentlich wissen, dass er diese Art sich zu verabschieden für nicht eben elegant hielt. Die Regenbogenpresse hatte ihre Schlagzeilen ob des als schnöde empfundenen Verhaltens des Tenors, vor allem angesichts der Tatsache, dass die Aufführung auf der Plaza des Lincoln Center auf einer Riesenleinwand hatte gezeigt werden sollen. All dies hielt Volpe allerdings nicht davon ab, ihm später durch die Aufführung der Tosca am 13. März 2004 doch noch den offziellen Abschied von der New Yorker Szene, die ihn genau wie den spanischen Tenor Placido Domingo vergötterte, zu ermöglichen.

Pavarotti und Domingo waren zwei große, aber grundverschiedene Stars der Tessitura: Domingo kann auf über 120 Rollen verweisen, darunter auch in zeitgenössischen Werken. Er, Orchesterchef und Generaldirektor der Opernhäuser von Washington, D.C., und Los Angeles, geht ein Risiko nach dem anderen ein, setzt aber seine Stimme dabei nie aufs Spiel. Pavarotti andererseits hat sich auf die Rollen des italienischen Belcanto beschränkt und Verdi und Puccini nach eigenem Gusto gesungen.

Anlässlich einer polemischen Bemerkung über Pavarottis Fähigkeit, Noten zu lesen, äußerte er sich gegenüber Domingo im Figaro vom 22. Juli 1997 offen wie folgt: "Es stimmt, ich bin kein Musiker. Ich gehe nicht in die Tiefe. Die Partitur ist das eine, der Gesang das andere. Man muss die Musik im Kopf haben und sie mit dem Körper singen. Sonst kommt nur das Absingen von Tonleitern dabei heraus. Ich bin kein Musiker wie Placido Domingo, der sogar ein Orchester dirigieren kann."

Luciano Pavarottis ehemaliger Manager Herbert Breslin brachte 2005 ein zusammen mit Anne Midgette, die auch für das amerikanische Schwesterblatt, die New York Times, schreibt, verfasstes Buch heraus. Dieses Buch stellt einen Frontalangriff auf die Person dar, die lange sein Hauptklient war. Mit bitterbösem und oft ungerechtem Witz verdeutlicht The King and I (nach dem Titel des Musicals von Rodgers / Hammerstein) die Schwächen des Tenors und karikiert sie: den gefärbten Bart und die gefärbten Haare, die ehelichen Seitensprünge, die übertriebenen Essgewohnheiten, die pharaohaften Launen.

Die Massen

Im Zusammenhang mit letzteren (den pharaohaften Launen) beschreibt das Buch, wie die Met ein mit Lebensmitteln und Köchen beladenes Flugzeug nach Japan schicken musste, wo man - zusammen mit Pavarotti als Star - auftreten wollte. Dieser hatte gedroht auszusteigen, nachdem er gehört hatte, dass das Essen eventuell nicht in der gewohnten Qualität und Quantität ausfallen werde. Breslin erzählt mit umwerfender Komik, wie erst eine Luxushotelsuite in Tokio in eine Küche verwandelt und anschließend alles wieder weggeworfen werden musste, nachdem Luciano nämlich wenige Etagen tiefer ein hervorragendes italienisches Restaurant entdeckt hatte …

Breslin erzählt auch, wie versessen sein Klient auf die Zuschauermassen war, und wie es hinter den Kulissen der "Drei Tenöre" zuging, dem Event der klassischen Musik ab 1990, der bisher das meiste Geld einspielte.

Wie sein Vater, der in Modena Bäcker und selbst auch Tenor war, lernte Pavarotti die Musik aus dem Bauch heraus. Er betonte: "In mir hat er seinen eigenen Traum verwirklicht gesehen, und er war sogar ein bisschen neidisch. Er meinte, seine eigene Stimme sei schöner als meine! Zu meinem Erfolg hat er mich erst, nachdem ich bereits 13 Jahre lang aufgetreten war, beglückwünscht. Davor wurde ich verglichen mit Gigli, Caruso, Di Stefano … Mein Vater war sehr beliebt. Ich weiß noch, wie einmal – es war im Krankenhaus – die Tür aufging und jemand auf mich zeigte und sagte: "Das ist Luciano, der Sohn von Pavarotti!"

Pavarotti wird Volksschullehrer, gibt aber diesen Beruf nach anderthalb Jahren auf, um seiner Stimme nicht durch das ständige Sprechen zu schaden. Er gewinnt bei Reggio Emilia einen Wettbewerb und beginnt seine Karriere, indem er für berühmte Tenöre einspringt.

Am 15. September 1961 singt er zum ersten Mal eine Oper, die zum „Fetisch“ werden wird, Puccinis La Bohème. Das Bild, das er von seinen Anfängen bewahrt, ist jenes vom Besuch des großen Tenors Tito Schipa (1888-1965) in seiner Loge. Im Magazin des Figaro vom 26. Juni 1993 gab er zu: "Ich konnte es nicht fassen, als dieser Mann, wahrscheinlich der größte Tenor aller Zeiten, vor mir stand. Er sagte mir, ihm habe die Art und Weise meines Gesangs an dem Abend sehr gefallen. 'Sie sind noch sehr jung. Hören Sie sich weiterhin alle möglichen Leute an, aber bitte singen Sie immer so wie heute Abend.' Für mich war die Botschaft ganz klar. Man muss lernen die anderen zu hören, aber die eigene Persönlichkeit zu entwickeln."

1963, im Alter von 27 Jahren, springt er, ebenfalls in La Bohème, für Giuseppe Di Stefano ein, einen weiteren legendären Tenor, und er fällt sowohl dem Orchesterchef Richard Bonynge auf wie auch seiner Frau, der Sopranistin Joan Sutherland, beide Belcanto-Spezialisten. Joan Sutherland erinnert sich für Time Magazine im Jahre 1979 an ihren ersten Eindruck: "Es war absolut phänomenal: dieser sagenhafte Klang, dieser Ton, und was für eine Tessitura, was für eine Sicherheit!" Bonynge holt ihn für 14 Wochen nach Australien, wo Pavarotti fern von Europa in Ruhe die legendäre Technik der Sopranistin studieren kann.

Herbert von Karajan wird auf ihn aufmerksam und verpflichtet ihn zusammen mit seiner Jugendfreundin, der italienischen Sopranistin Mirella Freni, für die Aufnahme der Bohème. Ihre Interpretation sollte sofort zur Referenzaufnahme werden. Aber das Repertoire des Belcanto wird er vor allem zusammen mit Joan Sutherland singen. Seine Stimme ist nach Meinung der Experten die typische Stimme des "Liebhabers". Er ist klug genug, schwerere Rollen wie Verdis Othello erst anzugehen, als er in den Fünfzigern ist. Er wird den Othello nicht im Kostüm singen, sondern in einer Konzertfassung mit dem Chicagoer Symphonieorchester unter der Leitung von Georg Solti.

Folklore und Legende

Als er Adua, seine erste Frau, 1953 kennenlernt, sieht er gut aus, wirkt athletisch und spielt in seiner Freizeit Fußball. Im Laufe der Jahre wird er sich die Kilos zulegen, die zu den Geschichten und Legenden beigetragen haben, die sich um Pavarotti ranken. Da er dem guten Essen und den großen Tafeln im Kreise von Freunden zugetan ist, wird er lebenslang mit dem Übergewicht zu kämpfen haben und während mehrerer Phasen seiner Karriere gezwungen sein, sich auf der Bühne so wenig wie möglich zu bewegen. Die Met hatte ihm im übrigen Inszenierungen "auf den Leib geschrieben", in denen er buchstäblich erstarrte, wie in Puccinis Tosca in der Inszenierung von Franco Zeffirelli. In Paris wird er das Opfer eines kleinen Zwischenfalls mitten auf der Bühne: Als er sich auf einen Stuhl setzt, bricht dieser unter ihm zusammen und das Publikum beginnt schallend zu lachen … und der Tenor lacht mit!

Der "Tenorissimo" zeigt sich beim Stadtbummel in riesige Hermès-Capes gehüllt, bei Konzerten hält er ein weißes Taschentuch in der Hand. Er hat eine große Schwäche für die "Beautiful People" der Hochglanzmagazine und posiert gern vor einem Teller gekochtem Gemüse, während er gleichzeitig versichert, etliche Kilos loswerden zu wollen …

Aber trotz seiner Exzesse und trotz der Karikatur, die sich, ähnlich wie bei Fellini, vor den wahren Pavarotti schiebt, wird er der große mythische Tenor der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bleiben, und seine reiche Diskographie bei Decca beweist dies allen, die ihn auf der Bühne nicht erlebt haben.

Gewisse Leute meinten sich zwar über diese trotz der Exzesse der letzten Jahre immer noch exemplarische Karriere mockieren zu dürfen, aber die Großen der Musikszene zollen Pavarotti weiterhin größten Respekt. Als die monatlich erscheinende Le Monde de la Musique eine Sondernummer zu Ehren von "Big Luciano" plant, antwortet Carlos Kleiber eines Tages auf eine ihm gestellte Frage wie folgt: "Wenn Luciano Pavarotti singt, geht die Sonne über der Welt auf."

Gruß,
Travi
HenningKolf (08.10.2007, 19:15):
Hallo Travi


erst mal ein herzliches Willkommen im Forum......dass Pavarottis Stimme nicht berührt, kann ich auch kaum begreifen...allerdings sind die Geschmäcker bekanntlicherweise erstens verschieden und zweitens auch Diskussionen kaum zugänglich....für mich ist er einer der ganz Großen (ich mag aber auch Puccini und Puccini und der - frühe - Pavarotti sind für mich einfach eine kongeniale Ergänzung)

Gruß
Henning
nikolaus (08.10.2007, 20:53):
Auch von mir ein herzliches Willkommen!

Herzlichen Glückwunsch zu deinem ersten Posting - und dann gleich noch so umfangreich, Hochachtung!

Ich möchte übrigens noch einmal betonen, daß ich Pavarotti nicht für einen schlechten Sänger halte, er sagt mir nur einfach nichts (andere Beispiele sind da Edita Gruberova u. bisweilen auch Joan Sutherland...).

Grundsätzlich ist es ja toll, wenn ein Künster einen so berührt, und deshalb freue ich mich für dich, daß du einen solchen in Pavarotti gefunden hast.
Bei mir ist es auf der Seite der Pianisten eindeutig Martha Argerich (und das können wiederum andere hier nicht nachvollziehen - so ist das nun einmal).

Ich hoffe, du fühlst dich hier wohl!

Herzliche Grüße,

Nikolaus.
manrico (09.10.2007, 01:42):
Hallo Travi !

Auch von mir ein herzliches Willkommen! Ich denke, ein solches Forum lebt von der Auseinandersetzung und von den unterschiedlichen Meinungen zu Personen und Stimmen. Ich kann nichts anderes tun als meine Meinung zur Disposition stellen und erklären, aus welchem Blickwinkel ich bestimmte Dinge sehe.
Pavarotti rührt mich tatsächlich überhaupt nicht, ebenso wie die Caballe, die Gruberova oder die Sutherland - da bin ich mit Nikolaus völlig einer Meinung. Und die Scotto find ich schlicht zum Davonlaufen.

Ich kann es dir anhand der Gruberova - glaub ich - am besten erklären. Vor etwa 14 Tagen habe ich sie in Wien als Puritani - Elvira gesehen und ich muss zugeben, dass sie in stimmlich besserer Verfassung war als vor zehn Jahren. Ich bin eigentlich nur hingegangen, weil sie so ein Relikt aus einer für mich eigentlich schon vergangenen Zeit ist. Die Technik war einwandfrei, aber ihr kaltes Singen und Spielen (von Spielen kann man eigentlich überhaupt nicht reden), ihre Nicht-Kommunikation mit den Partnern und ihr rein auf den persönlichen Erfolg schielender Auftritt dient nur ihr selbst aber nicht dem Werk oder der darzustellenden Figur. Man hört ihr förmlich an, dass sie nur ein Kostüm trägt. Bei Pavarotti sehe ich das ähnlich. Auch er ist im Grunde eiskalt und unbeteiligt und versucht diese Nicht-Identifikation durch lächerliche Schmiere zu übertünchen. Sehr erhellend ist gerade in dieser Hinsicht die Karajan-Boheme. Abgesehen davon, dass ich Puccinis sentimentale Massenware generell nicht mag, gehen mir diese Tränendrücker-Interpretationen noch viel mehr auf die Nerven. Wenn er sich greinend über die tote Geliebte stürzt, ist man nicht sicher, ob Pavarotti gerade einen Lachanfall hat oder Krokodilstränen vergießt. Um wieviel besser Puccini klingen kann, zeigt Beecham mit seiner realistisch harten Interpretation, bei der er zwei wirkliche Giganten als Protagonisten hat: Jussi Björling und Victoria delos Ancheles. Sie stützen sich nicht auf billige Effekte und schluchzende Violinen (bei Beecham wird Puccini zumindest halbwegs erträglich). Ich meine, dass Pavarotti und Puccini sehr gut zusammenpassen, weil Pavarotti der perfekte Erfüllungsgehilfe für Puccinis Gefühlsduselei ist. Vergleich doch einmal die musikalische Gestaltung der Sterbeszene der Violetta Valery mit der der Mimi. Bei "Gran Dio, morir si giovine" pocht das Schicksal beinhart an die Tür. Der Tod naht als unerbittlicher Gegner des Lebens. Da gibt es kein Schönreden, kein Gejammer, sondern nur die realistische Auseinandersetzung mit dem Unvermeidlichen. Bei der Boheme heult man sich im Quintett in den Tod, nimmt zärtlich von einem alten Mantel Abschied, besorgt lächerlicher Weise noch einen Muff und dreht das (Lebens)-flämmchen zurück - wie originell. All dies hat Pavarotti genauso sentimental mit falscher Träne im Knopfloch umgesetzt. Dieses Szenario entspricht meiner Ansicht nach der jetzt so beliebten Entwicklung, dass abgehalfterte Schauspieler, die dereinst wirklich große Menschendarsteller waren, und solche, die nie groß waren, sich lächerlichen Verfilmungen jämmerlicher Romanschriftstellerinnen im wallisischen Ambiente hingeben ("Oh Gott, sie ist unsere gemeinsame Tochter!" "Himmel, wie konnte ich nur so blind sein, sie hat doch meine Augen!!"). Auch diese Filme gehen manchen Menschen nahe - mir wird dabei höchstens übel. Der Unterschied ist für mich genauso groß wie der zwischen der menschlichen Tragödie von Schillers Maria Stuart (die bekanntlich auch in England spielt), ihren komplex ausgeleuchteten Figuren und Situationen und den vorhin genannten Lischen Müller-Pseudotragödien mit Schauspielern, deren Mimik im fortgeschritteneren Fall drei Ausdrucksweisen zum besten geben kann.

Daher muss ich zu meiner Erkenntnis stehen: ich zolle dem Menschen Pavarotti - so wie jedem Menschen - Achtung, ich achte seine Arbeit, aber jemand, der in meinem Herzen etwas zum Klingen bringt (wie Callas, Jurinac, Riccarelli, Aragall, Björling, Simoneau, Dermota, Wunderlich, Warren, Metternich, de Luca und viele andere große Künstler, deren Arbeit ich für wahrhaftig halte) ist Pavarotti ganz bestimmt nicht.

Gruß


Manrico
Travi (09.10.2007, 16:52):
Hallo,

und ganz herzlichen Dank für den freundlichen Empfang!

In Euren Reaktionen gibt es vieles, auf das ich antworten möchte, so dass ich am besten - na gut, einfach mal hiermit anfange:

Da wäre einmal das Thema Geschmack, Vorlieben, Vorurteile, wobei letztere positiv wie negativ sein können, und, eigentlich schon ein weiteres Thema, Einflüsse durch Faktor X, Y, Z. Da prallen dann schon mal Welten aufeinander, wie man so schön sagt, und man kann, je nach Talent, ja leider eigentlich nur mit Worten versuchen, sprachlich etwas nachzuvollziehen, was für mich mit Sprache eigentlich nicht nachvollziehbar ist. Ich kann Dich, Manrico, grundsätzlich vollkommen verstehen: Auch ich möchte bei gewissen Stimmen davonlaufen, bei anderen wie Pavarotti oder der von Dir genannten de los Angeles schmelze ich dahin, in der Kombination mit dem von mir durchaus geschätzten Puccini ganz besonders. Bei Björling dagegen schmelze ich nicht, auch nicht in der Kombination mit Puccini, obwohl ich ihn (Björling) als Rodolfo sehr gern höre und anerkenne, dass die Stimme "etwas hat" - nur eben nicht "das", was die von Pavarotti hat. Wie kommt so etwas zustande? Bin ich so stark beeinflusst durch das Medienbrimborium, das einen Pavarotti zum für Millionen konsumierbaren Produkt gemacht hat, zum Beckham der Opernhäuser womöglich? Andererseits glaube ich nicht, dass Millionen Hörer und Hörerinnen sich dafür schämen müssen, wenn sie Pavarottis Stimme in besonderer Weise genießen. Aber vielleicht hoffe ich das ja auch nur ...

Noch etwas fällt mir gerade ein: Ist es nicht selbst im Zeitalter der Multittasker und -talente ein bisschen viel verlangt, von einem Sänger schauspielerische Höchstleistungen zu erwarten? Im Beiheft zu Beechams Bohème wird Björlings Bühnenpräsenz als geradezu fade und langweilig hingestellt, aber der Verfasser lobt die Stimme allein, also wenn er sie ohne den Sänger zu sehen hört, in den höchsten Tönen. Das ist doch ein interessanter Befund, oder nicht? Was muss ein Sänger "sonsti noch" mitbringen, um heutzutage bestehen zu können? Übrigens macht es für mich auch immer eine Menge aus, Musik zu sehen und eben nicht "nur" zu hören! Und ich meine nicht nur auf einer DVD. Leider war es mir nicht vergönnt, Pavarotti auf der Bühne zu erleben.

Das war's erstmal wieder!

Gruß,
Travi
Rachmaninov (29.07.2008, 19:03):
Original von Travi
. Als die monatlich erscheinende Le Monde de la Musique eine Sondernummer zu Ehren von "Big Luciano" plant, antwortet Carlos Kleiber eines Tages auf eine ihm gestellte Frage wie folgt: "Wenn Luciano Pavarotti singt, geht die Sonne über der Welt auf."

Gruß,
Travi

So, nun habe ich eben festgestellt wie grausam schnell sich dieser winzige Planet um den völlig unbedeutenden Zentralstern dreht.
So langeist dieser Meister schon verstorben.

Nachdem ich heute ca. 5-6 mal Nessun Dorma gehört habe kann ich C. Kleiber wohl nur zustimmen. "Wenn Luciano Pavarotti singt, geht die Sonne über der Welt auf."

:I

Meine nichts gegen Paul Potts, toll das die Menschen sich daran erfreuen und begeistern, aber ......
Solitaire (31.07.2008, 09:57):
Original von Rachmaninov


Meine nichts gegen Paul Potts, toll das die Menschen sich daran erfreuen und begeistern, aber ......
...aber der Kerl soll die Einnahmen seiner CD nehmen, sich gescheiten Gesangsunterricht leisten und bis auf weiteres die Finger von "Nessun dorma" lassen.
Ich weiß nie, was ich antworten soll wenn ich in der Bibliothek gefragt werde, was ich von Herrn Potts halte, denn ich halte ihn für furchtbar. Aber wenn ich das sage zeiht man mich der Arroganz... :(

Einziges Gegenmittel: Pavarotti mitgeben und anhören lassen, wer danach Paul Potts immer noch anschwärmt, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen :ignore
Rachmaninov (31.07.2008, 10:10):
Original von Solitaire
Original von Rachmaninov


Meine nichts gegen Paul Potts, toll das die Menschen sich daran erfreuen und begeistern, aber ......
...aber der Kerl soll die Einnahmen seiner CD nehmen, sich gescheiten Gesangsunterricht leisten und bis auf weiteres die Finger von "Nessun dorma" lassen.
Ich weiß nie, was ich antworten soll wenn ich in der Bibliothek gefragt werde, was ich von Herrn Potts halte, denn ich halte ihn für furchtbar.

Irgendwo hatte ich das Gerücht gehört das es sogar Pavarotti (seinem Idol) 2 x vorsingen durfte. War mir aber nicht unbedingt so viel wert das ich dies recherchieren wollte.

Aber hier geht es ja nicht um ihn :D
Solitaire (22.05.2009, 15:03):
Vor einigen Tagen habe ich wieder einmal Akt eins und zwei von „La Bohème“ gehört, und zwar jene Karajan-Aufnahme von 1972, die viele nach wie vor (und völlig zu Recht) für die beste Bohème aller Zeiten und eine der großartigsten Operngesamtaufnahmen überhaupt halten. Es singen Mirella Freni, Elizabeth Harwood, Rolando Panerai, Nicolai Ghiaarov und-natürlich- Luciano Pavarotti.


Der Kritiker Wolfram Goertz sagt es so:
„Es besteht die dringende Notwendigkeit, daß jeder diese CD besitzt. Wer sie hört, wird erstens jedwede einseitige Karajan-Ächtung für hirnlos halten, zweitens nie mehr pauschal auf Pavarotti schimpfen. Und drittens wird er sich fragen: Haben wir heutzutage eigentlich eine Sopranistin, die auch nur annähernd den Rang von Mirella Freni erreicht?
...Was Freni und Pavarotti bieten, hat etwas unsagbar Schmelzendes, Entflammtes, Leuchtendes. Es geht nicht schöner“

Luciano Pavarotti ist für mich trotz seiner berückend schönen Stimme nicht in jeder Rolle die erste Wahl. Mit seinem Don Carlos zum Beispiel kann ich nicht viel anfangen, MEIN Carlos hieß jahrzehntelang Placido Domingo, auch als Radames hat er mir nur bedingt gefallen, und obwohl er ein traumhaft schönes „Parigi o cara“ singen konnte, bin ich mit seinem Alfredo nie wirklich warm geworden.
Drei Rollen aber gibt es, in denen er für mich lange Zeit unerreicht war, in zwei davon ist er es nach wie vor: Riccardo in „Un ballo in maschera“, Nemorino in „L’elisir d’amore“ und Rodolfo.
Als Nemorino hat er heute in (einem gesunden!!!) Rolando Villazón einen mehr als würdigen Nachfolger gefunden, der nicht nur über eine schöne Stimme, sondern auch über viel Witz und Spielfreude verfügt, und das auch mit anderen Partnerinnen als Anna.
2005 schrieb ein Kritiker über die Wiener Aufführungsserie der alten Otto-Schenk-Inszenierung dann auch „Wenn man diesem jungen Mann überhaupt etwas vorwerfen kann, dann höchstens, daß er nicht Luciano Pavarotti ist“.

Aber ich habe nie wieder einen wunderbareren Riccardo gehört, die heitere Sorglosigkeit in
“E Scherzo ed e Follia” habe ich nie bei einem anderen Sänger gefunden.
Meine Lieblingsaufnahme dieser Oper ist die (mir leider nur als Querschnitt bekannte) Aufnahme mit Margaret Price, Renato Bruson und Christa Ludwig und Solti.




Was nun La Bohème angeht, so glaube ich, auch wenn es albern klingt, daß Luciano Pavarotti geboren wurde um Rodolfo zu singen, und daß Puccini, hätte er ihn hören können, jene Frage wiederholt hätte, die er angeblich an Caruso gestellt hat: „Wer hat Sie mir geschickt? - Gott?“
Fast bedauere ich ein wenig, diese CD jemals gehört zu haben, denn wann immer ich diese Oper höre, höre ich zwei Rodolfos und zwei Mimis. Die, die gerade auf der Bühne singen, und die anderen, „wirklichen“. Auch der feurige Rolando und die schöne Anna im Kunstschnee konnten das nur vorübergehend ändern.
Falstaff (22.05.2017, 23:34):
Acht lange Jahre ist nun hier nichts mehr über einen der unbestreitbar größten Tenöre des letzten Jahrhunderts geschrieben worden! Das muss nun mal geändert werden. :D

Zunächst muss ich bekennen, dass ich kein ausgesprochener Pavarotti-Fan bin. Die Emphase eines di Stefano zum Beispiel liebe ich viel mehr. Aber das ist schlichte Geschmackssache und hat wahrlich nichts mit Technik und stilistisch richtigem Singen zu tun. In der Beziehung war Pavarotti meinem Idol natürlich weit überlegen.

Live erlebt habe ich Pavarotti leider nur dreimal und das lange nach seiner Glanzzeit. Zunächst ein Liederabend in Hamburg in einem für klassische Konzerte überhaupt nicht geeigneten Raum. Er sang in ein Mikrophon und gab eine ziemlich routinierte Vorstellung. Gleiches galt ein paar Jahre später für seinen Rodolfo in der Bohème, ebenfalls in Hamburg. Er brachte sein Ensemble mit, transponierte die Arie und spulte irgendwie nur sein Rezept ab. (Und trotzdem möchte ich diesen Abend nicht missen.) Und ein weiteres Mal sah ich ihn am Bühnenausgang des 'Fenice' (er probte damals für ein Konzert) und das war menschlich nur erschütternd.

Von daher kann ich aus meinen Live-Begegnungen eigentlich nichts oder nicht viel Positives berichten. Was die Qualitäten seiner Stimme angeht, bin ich vollständig auf die Konserve angewiesen.

OK, es gibt diesen Pavarotti, der in Standardsingen und Standardgesten erstarrt ist. Es gibt den für die Massen (aber gebt es zu, die 'Drei Tenöre' in Rom 1990 sind großartig :) ), es gibt den für die Popmassen mit den permanenten 'Pavarotti and Friends'-Veröffentlichungen, es gibt den, dessen 'Nessun dorma' ein Disco-Hit in England wurde. (Allerdings frage ich mich dabei, ob das eigentlich so schlimm ist. Warum eigentlich nicht? Immerhin hat er es geschafft, einen Opernstar und vielleicht auch Opernmusik dem großen, klassikfernen Publikum noch einmal nahezubringen.)

Aber es gibt v.a. auch den Pavarotti der 60iger und 70iger Jahre. Jung, risikobereit, von seinem legendären Ruf noch nicht verfolgt, stimmlich souverän aus dem Vollen schöpfend.

Diese Aufnahmen muss man hören und man kniet nieder! :down :down :down

Da taucht plötzlich ein Tenor auf, der über eine Technik, über eine Höhe (ja auch nicht ganz so unwichtig in diesem Fach ;) ), über eine Diktion, über eine Leichtigkeit und... und...und... verfügt, die einen immer nur wieder Staunen lässt. Das ist große, ergreifende Kunst geboren aus dem Beherrschen von Technik. Etwas ganz anderes als Kunst, die aus dem Effekt heraus entsteht (wie es bei di Stefano leider so oft der Fall war). Und deshalb bin ich gar nicht einmal so von dem Puccini-Interpreten Pavarotti angetan. Obwohl ich seinen Kalaf wirklich liebe und ich bei 'Nessun dorma' regelmäßig dahinschmelze und auch seinen Rodolfo grandios finde. Aber seine Stärke war doch eher der Belcanto bis hin zum frühen und mittleren Verdi. Da ist er, was die letzten Jahrzehnte angeht wirklich unübertroffen.

Man höre nur die Regimentstochter, die Favorita, den Nemorino, aber auch die Luisa Miller, den Rigoletto, den Ballo, den Trovatore... Ach, es gibt so viele in denen er glänzte ... und in denen er fehlt.

Höre ich ihn aus seiner Glanzzeit erscheint mir seine Stimme als die größte und schönste, lässt er mich alle anderen Tenöre vergessen, habe ich das Gefühl, niemand kommt an ihn heran. Das dauert nicht unbedingt an (jedenfalls nicht in allen Partien). Wie sollte es auch. Aber er schafft es in dem jeweiligen Augenblick. Und dafür danke ich ihm und werde ihn immer in meinem Herzen bewahren.

:hello Falstaff