Lulu von den Salzburger Festspielen 2010

Armin70 (08.08.2010, 20:14):
Heute Nachmittag sah ich mir die DVD-Aufzeichnung der gestern Abend auf 3Sat gesendeten Aufführung von Alban Bergs Oper Lulu an.

Da ich nicht soviel Opern schaue bin ich sicherlich nicht so geübt darin, meine Eindrücke von einer Operninszenierung zu schildern, zumal ich mir sie nur im TV ansah und das mit dem Live-Erlebnis im Opernhaus nicht zu vergleichen ist, wie im Vergleich das hier im Forum beispielsweise Severina als erfahrene Operngängerin kann. Dennoch versuche ich mal, meine Eindrücke von dieser Aufführung zu schildern:

Mein Eindruck ist eher zwiegespalten. Die Inszenierung von Vera Nemirowa fand ich etwas unentschieden. Am überzeugensten waren meiner Meinung das 1. Bild im 1. Akt und des weiteren im 1. Akt die Szene zwischen Dr. Schön und dem Maler, die im Selbstmord des Malers eskaliert. Auch die Szene im 2. Akt als Dr. Schön von Lulu gezwungen wurde, sich von seiner Verlobten zu trennen fand ich dramaturgisch gut umgesetzt. Originell fand ich auch, wie im sog. Pariser Bild zu Beginn des 3. Aktes die Sänger im Zuschauerraum der Salzburger Felsenreitschule postiert waren und dort agierten.

Die Art und Weise wie die Hauptperson Lulu dargestellt wurde kam auf mich teilweise etwas zu brav rüber. Natürlich kann man nicht erwarten bzw. verlangen, dass wie Bieito jetzt jede Lulu halb- bis splitterfasernackt über die Bühne rennt. Das verliert dann auch schnell seinen Reiz. Einen anderen weniger voyeuristischen Ansatz wählte übrigens Christof Loy am ROH in London, der Lulu als einen unterkühlten Vamp zeigte.

Musikalsich fand ich die Salzburger Lulu am im Großen und Ganzen aber recht überzeugend. Bei Patricia Petibon hatte ich zwar stellenweise den Eindruck, dass sie manchmal etwas an ihre stimmlichen Grenzen stiess wobei das bei der TV-Übertragung vielleicht weniger auffiel als live. Dennoch fand ich ihre Koloraturen in dieser wirklich anspruchsvollen Rolle wirklich brilliant.

Michael Volle als Dr. Schön war auch grandios und zwar sängerisch wie darstellerisch. Vor allem wie seine Rolle im 2. Akt immer mehr in den Wahnsinn abdriftet hatte er überzeugend umgesetzt.

Tanja Ariane Baumgartner brillierte bereits bei Bieto als Gräfin Geschwitz. Die weiteren Sänger wie Franz Grundheber als Schigloch oder Heinz Zednik in der Doppelrolle als Prinz und Kammerdiener kann man schon als Luxusbesetzungen bezeichenen. Auch Pavel Breslik als Maler/Neger, Thomas Piffka als Alwa oder Johannes Mayer als Dompteur/Athlet waren wirklich gut besetzt und passten auch stimmlich gut zueinander.

Die Wiener Philharmoniker mit ihrem Luxusklang unter der Leitung von Marc Albrecht loteten jedes Detail dieser wunderbaren Partitur aus.

Vielleicht haben ja noch andere diese Aufführung, vielleicht sogar live in Salzburg, gesehen und können ihre Eindrücke hier mitteilen.

Gruß
Armin

P. S.: Schade, dass es von Bieitos Lulu-Inszenierung aus Basel vom letzten Jahr keine DVD-Aufnahme gibt. Das fand ich wirklich atemberaubend und das lag nicht nur an der nackten Lulu (Marisol Montalvo).
Poztupimi (12.08.2010, 18:02):
Hallo Armin,

ich habe die Aufführung ebenfalls auf 3Sat verfolgt, allerdings bin ich erst später eingestiegen (Selbstmord würde ich sagen).

Insgesamt ist diese Oper als solches bisher nicht so die meine gewesen, immerhin – und da zeigt sich zumindest für mich mal wieder deutlich der Vorteil einer szenischen Umsetzung gegenüber der CD – konnte ich ihr diesmal einigermaßen folgen und sogar ein bißchen was abgewinnen. Das ist mir beim Hören meine CD-Aufnahme (Böhm 1968) noch nicht gelungen, weshalb sie schon deutlich mehr als fünf Jahre nicht mehr hervorgeholt habe.

Stimmlich fand ich die Aufführung durchaus überzeugend, wenn mir die eine oder andere auch von Dir aufgezeigte "Schwäche" der Petibon nicht so aufgefallen ist, lag das vielleicht mehr an meinen Zugangsschwierigkeiten oder meiner nicht immer 100%igen Konzentration.

Szenisch weniger überzeugt hat mich die Einbeziehung des Zuschauerraumes, mag sein, daß dies für die "bespielten" Teile desselben anders wirkt, am Bildschirm konnte ich da wenig mit anfangen.

Würde ich mir diese Aufführung ein zweites Mal anschauen? Ich denke schon.

Viele Grüße,
Wolfgang
Armin70 (14.08.2010, 14:34):
Hallo Wolfgang,

den Zugang zu Bergs Oper Lulu hatte ich mir schrittweise erarbeitet. Zuerst hörte ich eine CD-Aufnahme mit der Lulu-Suite. Bis dahin kannte ich die gesamte Oper noch gar nicht.

Die Oper hörte ich dann zum ersten Mal live im letzten Jahr in Basel. Allerdings wurde da nicht die von Cerha vervollständigte Version gespielt, da das sog. Pariser Bild weggelassen wurde. Man entschied sich aus dramaturgischen Gründen zu diesem Eingriff. In der von Cerha komplettierten Version sah ich Lulu dann ebenfalls im vergangenen Jahr in London und kurz daraufhin kaufte ich mir dann die Aufnahme von Boulez mit Teresa Stratas in der Hauptpartie, die quasi die "Uraufführung" der von Cerha vervollständigten Fassung darstellt.

Bis heute ist ja Cerhas Vervollständigung durchaus umstritten und es gibt nicht wenige, die Lulu ausschliesslich in der von Berg hinterlassenen Form aufgeführt und gespielt haben wollen. Die Böhm-Aufnahme enthält auch diese "Ur-Fassung", allerdings entstand diese vor Cerhas Version.

Wenn ich die Oper zum ersten Mal nur durch eine CD-Aufnahme gehört hätte, wäre der Zugang wahrscheinlich für mich auch schwieriger gewesen. Die szenische Umsetzung bei den Opernaufführungen haben mir dabei sehr geholfen, zumal ich die Handlung ungemein faszinierend und spannend finde. Wenn ich mir jetzt die Boulez-Aufnahme anhöre, sehe ich vor meinem inneren Auge immer die Bilder aus den Inszenierungen aus Basel und London vorbeiziehen.

Diese Aufführung würde und werde ich mir übrigens auch ein zweites Mal und wohl auch noch öfters anschauen. Aus diesem Grund habe ich die Aufzeichnung auch nicht gelöscht.

Gruß
Armin