MOZART: Cosi fan tutte - wieviel Abgrund, wieviel Witz?
stiffelio (23.06.2013, 13:48): Liebe Forumsmitglieder, hoffentlich habe ich auf die Schnelle nichts übersehen, aber ich habe tatsächlich noch keinen Thread zu dieser Oper finden können. Es soll dies erstmal auch nur der Versuch sein, einer Diskussion aus dem "Oper im TV-Thread" mehr Raum zu geben. Vielleicht findet sich dann im Verlauf auch jemand, der zu einer allgemeinen Werkbeschreibung Lust hat.
Hier also die bisherige Diskussion zur Inszenierung von Michael Haneke aus dem Teatro Real de Madrid, die am 21.6.13 auf Arte übertragen wurde (Premiere am 23.2.13):
Anett Fritsch (Fiordiligi) Paola Gardina (Dorabella) Juan Francisco Gatell (Ferrando) Andreas Wolf (Guglielmo) Kerstin Avemo (Despina) William Schimell (Don Alfonso) Dirigat: Sylvain Cambreling
Original von Zefira: Hat noch jemand "Cosi fan tutte" am Teatro Real de Madrid gesehen? Lief eben auf Arte.
Ich habe die Oper leider nie auf der Bühe sehen können, aber mindestens fünf verschiedene Inszenierungen im Fernsehen (darunter auch eine sehr ambitionierte von Peter Sellars, die war in den Neunzigern mein Einstieg in die Oper).
Die heutige ist die beste, die ich je gesehen habe.
So bewegend, so tragisch. Zum Beispiel die Arie Guglielmos: Das ist etwas, worauf ich immer begierig warte; mindestens zweimal habe ich auch gesehen, dass der Sänger ins Publikum ging und einzelne Damen quasi ansang, was für viel Heiterkeit sorgte. Die Tragik, die in dieser Arie steckt, ist mir heute das erste Mal aufgegangen. Und das liegt nicht nur an der Inszenierung, es steckt auch in der Musik - auch das wurde mir das erste Mal klar. Überhaupt das Oszillierende, der finstere Abgrund im Witz, der bei Mozart ja immer drinsteckt, ist hier unglaublich gut herausgearbeitet worden.
Von den Sängern / Sängerinnen habe ich keinen einzigen gekannt, bis auf Kerstin Avemo als Despina. Die habe ich mal (auch im TV) im Don Giovanni aus Aix-an-Provence als Zerlina gesehen und erinnere mich gut, dass damals diskutiert wurde, ob man sie nicht in erster Linie wegen ihres Aussehens besetzt hätte. Der Verdacht, dass es an dem sein könnte, blieb auch diesmal nicht aus. Allerdings ist die etwas spitzige Stimme dieser Sängerin, die wie Luft aussieht, vielleicht in dieser Inszenierung ganz passend ...
Ich bin hingerissen und froh, dass mein Mann, der Gute, aufgezeichnet hat.
Nachtgrüße von Zefira
Original von stiffelio: Liebe Zefira,
vielen Dank für den Hinweis! Ich habe seit meinem Kennenlernen der COSI (zugegeben vor recht langer Zeit) immer einen großen Bogen um diese Oper gemacht, weil mir die Handlung weniger als nichts sagte. Und dann rettet auch Mozarts Musik eine Oper für mich nicht mehr. Aber nun werde ich dank Arte+7 (eine Option, die ich gar nicht hoch genug loben kann) der COSI nochmal eine Chance geben. Ich habe eben ganz kurz hineingeschaut und Don Alfonso fand ich auf Anhieb darstellerisch und stimmlich genial.
VG, stiffelio
Original von Severina: Liebe Stiffelio, mir geht es mit der Cosi genauso wie Dir - so heiß ich die beiden übrigen Da-Ponte-Opern liebe, so wenig kann ich mit dieser anfangen. Nicht einmal einer meiner Lieblingsregisseure, Claus Guth, konnte mir eine überzeugende Deutung anbieten. Aber von Haneke halte ich generell sehr viel, also bin ich neugierig. Leider war ich gestern selbst opernmäßig unterwegs und habe total vergessen, meinen Receiver zu programmieren. (Die Hitzewelle in Wien - seit Tagen um die 35° - dörrt meine Gehirnwindungen offensichtlich aus!) Aber eine Kölner Freundin hat mitgeschnitten und wird mir eine Kopie zukommen lassen!
lg Severina
PS: Was ist bitte ARTE+7???
Original von stiffelio: die Möglichkeit, Arte-Sendungen 7 Tage lang im Internet nachträglich anzusehen. Die COSI z.B. hier: "http://www.arte.tv/guide/de/048633-000/cosi-fan-tutte?autoplay=1" Eine Super-Einrichtung, die mir schon den Scala-Lohengrin, den Züricher Holländer und einige andere Opern gerettet hat!! ... VG, stiffelio
Original von Zefira: Ich bin schon in den ersten Minuten dadurch neugierig geworden, dass Haneke der Despina das Kostüm genau dieser Figur hier angezogen hat: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/91/Jean-Antoine_Watteau_-_Pierrot%2C_dit_autrefois_Gilles.jpg/480px-Jean-Antoine_Watteau_-_Pierrot%2C_dit_autrefois_Gilles.jpg (Quelle: Wikimedia) Der "Gilles" von Watteau ist eigentlich eine Clownsfigur, aber, wie man auf dem Bild unschwer erkennt, eine traurige und einsame. Schon das wirft ein bezeichnendes Licht auf Hanekes Inszenierung, die sich übrigens auch durch ein großartiges darstellerisches Zusammenspiel ausgezeichnet hat. Ich bin immer noch begeistert.
Grüße von Zefira
Original von stiffelio: Hallo Zefira,
so, der freie Nachmittag hat für die COSI gerade gereicht. Ärgerlich war nur, das in der zweiten Hälfte irgendwann die passenden Untertitel ausgestiegen sind. Ich kann deine Begeisterung gut nachempfinden, Zefira. Don Alfonso und Despina als desillusioniertes (Ehe?)Paar, das hatte psychologisch etwas ungemein Interessantes, auch wenn dadurch einige Textzeilen über Despinas Zofen-Dasein nicht mehr recht passten. Und es war superb gespielt, am Anfang hat mich vor allem Don Alfonso begeistert (in der Szene, in der er mit den beiden Paaren auf dem Sofa sitzt, hab ich mich fast weggeschmissen vor Lachen, obwohl diese Inszenierung ja alles Andere als lustig ist). Aber Despina hat dann mächtig aufgeholt. Die anderen Paare wurden geradezu zur Nebensache deklariert, so wie sich Alfonso und Despina die Bälle zugeworfen haben. Es war ja sehr klar, dass sich die beiden gegenseitig etwas beweisen wollten, bei dem alle Anderen nur Mittel zum Zweck im Kampf der beiden sind.
Nur das Ende hat mich (wie bei vielen gewagten Regieansätzen) nicht mehr voll überzeugt. Dieses Taumeln, in dem für mich nur noch Halt- und Ratlosigkeit spürbar war, passte nicht zum Schlusschor. Da hatte ich irgendwie das Gefühl, dass Haneke die Ideen ausgegangen sind, die Oper zu einem wirklich zündenden Schluss zu bringen.
VG, stiffelio
Original von Zefira: Dieses Taumeln, in dem für mich nur noch Halt- und Ratlosigkeit spürbar war, passte nicht zum Schlusschor.
Das sieht man aber oft. Ich habe mal eine Cosi-Inszenierung gesehen, bei der sich am Schluss alle wie Brummkreisel gedreht haben. Dieses hilflose Aneinander-Zerren ganz am Ende fand ich sogar eine sehr gute Idee.
Grüße von Zefira
Original von Ingrid: Leider bin ich erst bei der Hälfte eingestiegen, aber wurde trotzdem von dem, psychologisch sehr gut ausgeleuchteten Spiel der Paare gleich voll mitgenommen. Der Schluss überzeugte mich dann endgültig davon, dass niemand etwas von diesem "Spaß" hatte, sondern alle in ihrer Gefühlswelt völlig durcheinander gebracht wurden und total unglücklich waren.
Eine gute Nacht wünscht Euch Ingrid
Original von abendroth: Ich habe diese 'Cosi' auf derFestplatte, aber leider hatte ich bisher nur bis zum Zeitpunkt der Abreise der Verlobten schauen können. Auch ich habe schon so manche Cosi gesehen (leider auch nie auf der Bühne) und von den bisherigen habe ich besonders Gardiner, Harding-Chereau-Aix en Provence, und eine Amsterdammer Inszenierung in Erinnerung. Ehrlich gestanden kann ich nicht so recht verstehen, wenn man von den Da Ponte Opern ausgerechnet Cosi fan Tutte wegen des Librettos als minderwertig betrachtet. Das hat zwar eine lange Tradition, die, hab ich mal gelesen, bis auf Beethoven zurückgehen soll. Jedenfalls kann mir nicht einleuchten, warum man mit den Libretti des Figaro oder des Don Giovanni mehr anfangen können soll, als mit Cosi. Und wer deshalb, wegen des Librettos, auf die Musik verzichten will, ist selbst daran schuld.
Jedem, der hier über Hanekes Cosi geschrieben hat, sind die vorzüglichen schauspielerischen Fähigkeiten der Sänger aufgefallen. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung und ich kann den Cosi-Verächtern hier nur dringend empfehlen ihre eventuellen Vorbehalte fallen zu lassen und von den Möglichkeiten auf arte +7 zu profitieren. (Je nach equipment kann man übrigens einen PC mit dem Fernsehapparat verbinden; z.B. über die HDMI Anschlüsse des labtops).
Original von Fairy Queen: Ich freue mich dass es hier schon eine Diskussion zur Cosi von Haneke- Cambreling gibt, aber sie war etwas schwierig zu finden, vielleicht wäre ein eigener Thread nciht schlecht? Ich habe gestern den 1.Akt auf Arte +7 gesehen und halte das für eine sehr interessante und diskussionswürdige Inszenierung. Die musikalische Seite und das Casting der Sänger wirken serh überzeugend und konform mit dem Regie-Konzept. Hier der Link zu einer Kritik aus "Die Zeit", die mich im Gesamttenor nicht so ganz überzeugt, aber vie gute Gedanken hat.
Das Libretto dieser Oper gibt m.E. durchaus eine tragische Sichtweise auf die Geschichte und die Liebe her. Am Ende gehen schliesslich alle leer und desillusioniert aus und was aus den wieder-zusammengezwungenen Paaren nach dem letzen Vorhang werden soll, steht in den Sternen. Mir scheint der Ehebruch nach angeblichem Happy end schon genauso vorprogrammiert wie im Figaro. Vom romantischen und exclusiven Liebesgedanken ist diese Oper jedenfalls meilenweit entfernt . Dass Mozarts Musik immer auch neben aller Melancholie das Spielerische und Versöhnliche da sein lässt und heraufbeschwört, ist in der Inszeneirung wahrschieblich zu kurz gekommen (ich habe ja erst den 1.AKt gesehen) aber ich finde es legitim wenn ein Regisseur sich eine subjektivere Sicht aneignet und einen bestimmten Aspekt des Werks herausstellt, wenn dieser Aspekt tragend ist. Hoffe, heute mindestens AKT 2 zu schaffen.Liebe Grüsse an nah und fern
Danke für den tollen Hinweis auf Despian und den Watteau-Pierrot. Ich habe mich gestern die ganze Zeit gefragt, an welches Bild mich ihr Kostüm erinnert, jetzt weiss ich es!!!! Sie erscheint seltsam geschlechtslos und kein bisschen feminin und vom Leben und den Männern abgrundtief enttäuscht. Ein Panzer voll bitterem Sarakasmus und Traurigkeit über einem serh zerbrechlichen Kern und der Soubretten-Charakter geht zumindest im 1.AKt daneben total unter. Mir scheint diese Figur ein interpretationsschlüssel zu sein udn zumindest die interessanteste Despina die mir je untergekommen ist. Kerstin Avemo hat bei uns schon mehrfach an der Oper gesungen und ich verstehe nciht, wei man auf die Idee kommt, zu glauben, sie würde wegen ihres Aussehens genommen?????? F.Q.
Original von Severina Meine Lieben, ich werde in circa 10 Tagen einen Mitschnitt bekommen und mich dann hier zu Wort melden - falls es dann noch jemanden interessiert :D(die Diskussion wird dann ja schon abgeschlossen sein!)
lg Severina
auf eine angeregte Weiterdiskussion! VG, stiffelio
abendroth (23.06.2013, 14:13): Habe gerade in Hanekes ZEITinterview gelesen:
"Vom Text her ist Cosi fan tutte vielleicht die Schwächste der Da Ponte Opern".
Wenige Minuten davor hatte ich noch dies gelesen:
"Nun aber ist das Libretto da Pontes zu 'Cosi fan tutte' als Handwerk die beste Arbeit, die er geliefert hat, besser als das zu den 'Nozze' oder zu 'Don Giovanni'"
Das zweite Zitat stammt immerhin aus der Feder eines der profundesten Mozartkenners, in dessen Buch "Mozart - Sein Charakter, sein Werk" (englisches Original 1945) ich immer wieder mit grossem Vergnügen lese: Alfred Einstein
herzliche Grüsse Abendroth (und ein Dankeschön an Stiffelio für den neuen Thread)
stiffelio (23.06.2013, 18:00): Hallo abendroth,
Haneke begründet seine Ansicht ja damit, dass diese Wette an sich ziemlich unglaubwürdig ist. Wie begründet Einstein seine Ansicht?
Ich habe dazu überhaupt keine fundierte Meinung, nur eine persönliche: bei mir kommt DON GIOVANNI mit großem Abstand vor den anderen da Ponte-Libretti. (Hauptsächlich, weil Don Giovanni ein Charakter ist, der mich bei weitem am meisten fasziniert.) Haneke hat es immerhin geschafft, dass mich jetzt auch Don Alfonso und Despina ein bisschen interessieren. Ich würde dem ZEIT-Interview allerdings zustimmen, dass der Humor und das Leichte weitgehend auf der Strecke geblieben sind. Und ich könnte gut verstehen, wenn jemand, der die COSI gerade darum liebt, diese Inszenierung ablehnt. Da ich hingegen mit komischen Opern generell meine Schwierigkeiten habe, gilt das nicht für mich.
VG, stiffelio
stiffelio (23.06.2013, 18:42): Original von FairyQueen: Sie erscheint seltsam geschlechtslos und kein bisschen feminin und vom Leben und den Männern abgrundtief enttäuscht. Ein Panzer voll bitterem Sarakasmus und Traurigkeit über einem serh zerbrechlichen Kern und der Soubretten-Charakter geht zumindest im 1.AKt daneben total unter. Mir scheint diese Figur ein interpretationsschlüssel zu sein udn zumindest die interessanteste Despina die mir je untergekommen ist.
Liebe FairyQueen, diesen Eindruck von dir kann ich voll unterstreichen. Der große Zyniker Don Alfonso als Ehemann dieser sehr verletzlich wirkenden Despina, das jagt einem schon kalte Schauer über den Rücken. Ein katastrophales Zusammentreffen von Charakteren.
Liebe Zefira, da du schon den Clown aufgedeckt hast - fällt dir noch etwas zu dem großen Wandgemälde ein? Die Rokkoko-Frau vor einem Hintergrund mit nur zeichnerisch angedeuteten weiteren Figuren, das hat bestimmt einen Sinn, nur komme ich nicht dahinter.
Dieses hilflose Aneinander-Zerren ganz am Ende fand ich sogar eine sehr gute Idee. Ich habe noch nicht einmal soviel gegen dieses Zerren an sich (wobei ich auch da vermutlich noch nicht voll durchschaue, was es ausdrücken soll: einfach nur eine allgemeine Verwirrung aller drei Paare? Der sinnbildliche Versuch von Don Alfonso und Despina, die ja an beiden Enden ziehen, die anderen Paare aus gegensätzlichen Motiven auseinanderzubringen? - Er will ihr beweisen, dass Frauen untreu sind; sie will ihm beweisen, dass es sich nicht lohnt, Männer treu zu sein) - ich habe nur etwas dagegen, dass es für mich nicht zum Text und noch weniger zur Musik passt. Da hätte ich es passender gefunden, wenn Haneke z.B. die Konsequenz gehabt hätte, diesen Text vom Chor singen zu lassen, der dann eine Art Gegenpol zu den derangierten Paaren aufbauen würde. Wie ernsthaft oder mit wieviel Scheinheiligkeit, das könnte man dann immer noch hinterfragen. Oder eben doch ein anderes Schlussbild.
VG, stiffelio
Fairy Queen (23.06.2013, 21:34): Ich habe die Aufzeichnung inzwischen ganz sehen können und muss sagen, dass mich diese interpretation faszniert und ich sie an sich sehr stimmig finde. Das in unseren Augen Absurde der ganzen Wett- Geshcihte wird hier voll auf den Punkt gebracht und es handel sich ganz und gar um eine Sichtweise unserer Zeit auf diese abstruse Wette. Auch wenn der mozärtliche Humor auf der Strecke bleibt, wird der Text beim Wort genomen und man sieht eben, dass Hanecke kein Musiker sondern ein Mann des Wortes und der Szene ist. Der Sarkasmus wird noch bitterer angescihts der wunderschônen Musik, die ich für keinesfalls weniger gelungen als Figaro oder Don Giovanni halte. Ich finde die Ensembles in der Cosi absolut auf dem Höhepunkt von Mozarts Schaffen. Ich frage mich, ob es nicht der Topos der romantisch exclusiven Liebe ist, der Vielen den Zugang zu dieser Oper verbaut, denn die Frivolitât des Bäumchen- Wechsel-Dich Spiels und der austauschbaren Gefûhle muss Verdianern oder Bellinianern und erst recht Wagnerianern unmoralisch oder mindestens abstossend oder grotesk vorkommen. Man verliebt sich und entliebt sich und verliebt sich wiede,r so wie man eben einen Cocktail und danach einen anderen und dann wieder den ersten Cocktail nimmt. Das lâuft der grossen romantischen Oper, in der die Heldin eher stirbt oder sich um den Verstand bringt als auch nur an Untreue zu denken, total zuwider. Aber wenn man der Sache "Liebesbeziehung/Ehe auf den Grund geht, haben Don Alfonso und Despina leider allzuoft viel eher Recht als Walter Scott oder Piave oder Metastasio. Dass man das so tragisch findet wie Haneke es in Szene setzt, leuchtet mir komplett ein, das man es eher von der heiteren und versöhnlichen Seite nimmt, aber auch Ich kann mir also mehrere schlûssige Interpretationen dieser Oper vorstellen und diese hier ist in jedem fall eine der sehr Überzeugenden für mich. Den Figuren Alfonso und Despina, die hier eine hochnteressante Schlüsselrolle einnehmen, würde ich gerne näher auf den Grund gehen, warte aber damit gerne auch auf Sevi! Kleine Replik an Stiffelio: diese Despina ist durchaus in der Lage, es Don Alfonso mit gleicher Münze heimzuzahlen und ihn kaltzustellen, ich mache mir viel mehr Sorgen um ihre zerbrochenen Illusionen und ihre Bitterkeit als um ihre Widerstandskraft. Ihre Weibliuchekit die sie ja so vehement besingt, ist irgendwo unter die Räder gekommen, sie macht ganz den Eindruck einer sexuell missbrauchten bzw ausgebeuteten und traumatisierten Person, die nun zurückschlâgt und keine "echte Liebe mehr zulassen bzw ertragen bzw für möglich halten kann und dazu auch ihre Weiblcihckeit unter Männerkleidung und als Clown versteckt. Dass Don Alfonso ihr dauernd Alkohol zur Beruhigung gibt, wenn sie sich über die Männer echauffiert, spricht für sich. Freu mich auf spannende Diskussionen! Diese Oper macht mir jedenfalls wieder Lust mich zu beteiligen und Arte +7 ist eine tolle Einrichtung F.Q.
abendroth (23.06.2013, 21:59): Hallo Stiffelio, Einstein reagiert in der zitierten Passage auf Wagner. Der hatte sich froh darüber gezeigt, dass es Mozart nicht gelungen sei, zu Cosi ebenso gute Musik zu schreiben, als zu Figaro und Don Giovanni. M.a.W. Wagner war froh, dass Mozart in diesem Fall, nämlich wegen des schlechten Librettos, nicht sein Bestes gegeben habe. Daraufhin verteidigt Einstein mit den oben zitierten Worten Da Pontes Libretto und Mozarts Musik, "die um nichts schlechter oder 'weniger gut' als die zu den 'Nozze' ist". Zum Libretto schreibt er noch: "hier ist kein toter Punkt, die ganze Handlung entwickelt sich logisch und lustig, und am Ende haben wir das ästhetische Vergnügen, wie an einer gut gelösten Schachaufgabe, einem geglückten Zauberkunststück". Also, ehrlich gesagt, wenn man einmal davon absieht, dass sich die ganze Geschichte in sehr kurzer Zeit abspielt, dann erscheinen mir die Charaktere in Cosi nicht gerade unglaubwürdig. Und das Thema ist ein bisschen lebensechter als die Story in Figaros Hochzeit. Wenn man sich nicht an einer sprechenden Statue stört, weiss ich so wie so nicht, woran man sich bei Cosi stören soll.
Also was mich betrifft, kommt bei den Mozartopern Cosi an erster Stelle, vor Nozze und Don Giovanni.
Zefira trifft den Nagel auf dem Kopf, wenn sie vom "oszillierenden" und vom "finsteren Abgrund im Witz" spricht. Einstein sagt mit einem anderen Bild dasselbe: "Die Oper irisiert, wie eine herrliche Seifenblase, in den Farben der Buffonerie, der Parodistik, des echten und des geheuchelten Gefühls. Aber dazu kommt noch die Farbe der reinen Schönheit."
Aber was die Hanekeinszenierung betrifft, habe ich noch 2/3 vor mir. Und da ich im allgemeinen kein grosser Opernfan bin, habe ich natürlich verschlafen, dass genau dieselbe Inszenierung, mit denselben Sängern aber einem anderen Orchester und Dirigenten ca. 40 km von meinem Wohnort gespielt wird. freundliche Grüsse abendroth
abendroth (23.06.2013, 22:22): Mein Beitrag hat sich mit dem Fairy Queens überschnitten und ich freue mich bei ihr ein überzeugendes Plädoyer für die Glaubwürdigkeit der auftretenden Charaktere zu finden. Abstrus ist an der Wette nur, dass sich alles in ganz kurzer Zeit abspielt. Wer diese Abstrusität Da Ponte und Mozart nicht verzeihen kann, der sollte am besten gar nicht erst ein Opernhaus betreten. Aber wer von uns kennt nicht auch Beziehungen, bei denen er wirklich eine Wette eingehen würde im Hinblick auf das bescheidene Haltbarkeitsdatum? (Und trotzdem können diese Menschen echte Gefühle haben.)
stiffelio (23.06.2013, 23:06): Hallo Fairy und abendroth,
zunächst, damit das hier nicht untergeht: ich finde diese Inszenierung ja ebenfalls faszinierend und mindestens über weite Strecken auch sehr stimmig. Und das Libretto fand ich nie "objektiv" schwach, sondern (vor Haneke) nur für mich persönlich nicht interessant. Übrigens trotz großer Verdi- und Wagner-Affinität weder unmoralisch, noch abstoßend oder grotesk, sondern schlicht und einfach uninteressant. Mehr als ein Achselzucken hatte es mir nie entlockt.
Original von Fairy Queen Kleine Replik an Stiffelio: diese Despina ist durchaus in der Lage, es Don Alfonso mit gleicher Münze heimzuzahlen und ihn kaltzustellen, ich mache mir viel mehr Sorgen um ihre zerbrochenen Illusionen und ihre Bitterkeit als um ihre Widerstandskraft. Da scheine ich mich missverständlich ausgedrückt zu haben, ich sehe Despina nämlich ganz genauso. Meine Schauer kamen nicht aus der Gegenwart der Oper, sondern aus der Vergangenheit. Denn durch irgendetwas ist Despina so geworden und ich halte Don Alfonso für nicht unschuldig daran.
VG, stiffelio
Zefira (24.06.2013, 09:25): Hallo zusammen, es ist nun schon einige Tage her (und ich hatte auch sehr viel Bewegung hier daheim, deshalb erinnere ich mich möglicherweise nicht genau), aber ich meine, dass Don Alfonso die Paare am Ende so verheiraten wollte wie ursprünglich geplant, während die Paare selbst sich einander zunächst so gegenüber gestellt haben wie nach der Wette. Und genau dieser Widerspruch hat (so mein Eindruck) zu diesem Herumgezerre am Ende geführt, weil alle das Gefühl hatten, falsch zu stehen. Ich kann mich natürlich auch irren, ich müsste es noch einmal ansehen- Vielleicht komm ich im Lauf der Woche noch dazu. Werde dann auch das Wandgemälde noch einmal genauer ansehen; spontan habe ich es nicht wiedererkannt. Ich glaube, was viele Rezipienten der Oper heute ärgert, ist der Umstand, dass die Frauen auf die Anklagebank gesetzt werden, obwohl ja die Männer ebenso treulos sind. Vielleicht noch mehr, denn sie sind es bewusst und absichtlich, während die Frauen sich immerhin ein Weilchen zur Wehr setzen. Meiner Meinung nach muss sich eine moderne Inszenierung der Cosí mit diesem Punkt auseinandersetzen, wenn sie glaubwürdig wirken will. Die Oper hat in diesem Sinn kein richtiges "Ende". Es bleibt ein Chaos, das nicht mehr zu reparieren ist. Wahrscheinlich müssen alle Paare in Zukunft im Sinn einer Kommune der 60er unter einem Dach wohnen bleiben.
Grüße von Zefira
Fairy Queen (24.06.2013, 10:22): Liebe Zefira, genau so habe ich das Ende auch verstanden: keiner weiss mehr, zu wem er eigentlich gehört und das Gezerre auf der Bühne entspricht genau diesem inneren Hin-und Hergerissensein der Paare. M.E. eine sehr gute Regie- Lösung. Und ja, die Paare finden sich am Ende erst mehrfach so wie nach der Wette und ich glaube, dass zumindest für Fiordiligi und Ferrando, diese Konstellation die einzig Mögliche wäre und der erneute Partnerwechsel nur zum Unglück führen kann. Der "tolle Tag" hat ja irgendwie auch einen inneren Reifungsprozess gebracht und dass es sich dabei nur um einen einzigen Tag handelt, muss man hier einfach mal nicht so genau nehmen und der Dramenkonzeption zu Gute halten. Die Konstellation Tenor-Sopran, Ferrando-Fiordiligi Bariton -Mezzo Gulliellmo-Dorabella spricht ja bereits genau dafür, was eigentlich zusammengehört. Was die Kommune angeht, wäre das aus heutiger Sicht sicher eine Lösung :D Allerdings muss man bedenken, dass die vorromantischen Vorstellungen von Liebe und Ehe zumindest in einigen Teilen Europas durchaus vorsahen, dass man neben einer konventionellen Zwangsehe ein Liebesverhältnis pflegen konnte. Wenn es allerdings der Mann der eigenen Schwester ist, kann das einerseits die Sache erleichtern( z.B. im Hinblick auf Nachwuchs und Erbe) anderseits aber auch grössere emotionale Komplikationen mit sich bringen....... Wir machen uns hier wirklich grosse Sorgen um das Lebensglûck der armen Protagonisten :engel
Was die ambivalente Rolle der Männer und Frauen in diesem Spektakel angeht, ist Despina die moderne Referenz für mich. Sie fordert eindeutig das Recht der freien Lebens- Entscheidung für die Frauen und schreckt dabei auch vor Lug und Betrug ncht zurück. Die gesellschaftlichen Umstände lassen nichts Anderes zu also muss frau mit allen Mitteln ihre Vorteile suchen und nutzen. Die Männer werden schamlos ausgenutzt und sind ja eh ein bisschen einfältig und Mozart- da Ponte stellen sich m.E. auf die Seite von Despina. Sie ist hier viel radikaler als Susanna oder Zerlina Zu Despina gibt es gerade in dieser Inszenierung sehr viel zu sagen, ich halte sie hier bei Haneke fïur die interessanteste Figur des Sextetts. Mir fiel auf, dass die Cambreling-Haneke Version ziemlich vollständig war, einige Ensembles und Arien die sonst oft gestrichen werden, waren da, aber mir ist irgendwie die Arie der Dorabella "Amor é un ladroncello" entgangen. War die da oder nicht?
Guten Wochenstart in nah und fern F.Q.
stiffelio (24.06.2013, 21:50): Original von Fairy Queen Und ja, die Paare finden sich am Ende erst mehrfach so wie nach der Wette und ich glaube, dass zumindest für Fiordiligi und Ferrando, diese Konstellation die einzig Mögliche wäre und der erneute Partnerwechsel nur zum Unglück führen kann.
Liebe Fairy,
ich habe mir gerade das Ende noch einmal angesehen und da ist mir eines neu aufgefallen: es ist gar kein wahlloses Herumgezerre, sondern Fiordiligi und Ferrando klammern sich eindeutig aneinander fest, die anderen versuchen, sie auseinanderzuziehen. Das unterstreicht natürlich deine obige Analyse. Wobei es mich interessieren würde, ob du das auch an anderen Stellen der Oper festmachen kannst - inwieweit haben sich Fiordiligi und Ferrando nachhaltiger ineinander verliebt als das andere Paar? Es gibt ein paar Stellen, die ich mir als Beleg für Fiordiligi vorstellen kann, aber für Ferrando habe ich bisher keine entsprechenden Stellen gefunden. Im Gegenteil, bei ihm scheint mir nach dem "Umfallen" von Dorabella ganz viel Trotz und natürlich auch Wut auf Guglielmo im Spiel zu sein.
Ganz interessant fand ich auch noch http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/michael-hanekes-cosi-fan-tutte-die-liebe-vertraegt-kein-menschenexperiment-12093043.html
VG, stiffelio
Fairy Queen (25.06.2013, 12:50): Liebe Stiffelio, danke für die FAZ Kritik die mir gut gefäll(besser als die aus der ZEIT! Was Fiordiligi angeht, glaube ich auch , dass sie sich ernsthaft in Ferrando verliebt hat, schon ihr Widerstand gegen diese neuen Gefühle spricht Bände. Da diese Liebesgefühle sie viel mehr gekostet haben als die für Gulliellmo und ich hier durchaus einen Reifungsprozess sehe, ist das Drama für sie eindeutig am grössten. Was ja auch ihrem Opernrang als Prima Donna entspricht. Bei Ferrando hast Du Recht, dass das viel schwieirger festzumachen ist. Ich glaube aber, dass er durch die nicht leicht errungene Kapitulation Fiordiligis und den gleichzeitigen leichtherzigen Betrug Dorabellas in seiner männlichen Eitelkeit bestârkt bzw verletzt ist und damit leichte Beute für Fiordiligi wäre, wen sie denn nach dem letzten Vorhang dürfte und kônnte, wie sie wollte. Die Beiden passen von der Anlage der Personen und der Stimmen eindeutig besser zusammen so wie auch Dorabella und Gulliellmo eindeutig besser zusammen passen. Das ist kein Zufall- Tenor und Sopran gehören in der Oper normalerweise als Prima donna und Primo uomo zusammen- Da Ponte als Italiener weiss das ganz genau und spielt hier wunderbarr damit. Das Auseianderziehenwollen und nicht können der Beiden am Ende, das du so gut beobachtet hast, passt dazu ganz genau. Das Duett Ferrando-Fiordiligi "Fra gli amplessi" wo sie am Ende singt "Mach mit mir was du willst" ist von ganz anderem dramatischem Kaliber als das Dorabella-Gulliellmo Gegenstück "il core vi dono" Verliebtes Spiel oder echte Leidenschaft werden musikalisch ausgedrückt und vielleciht sollte man der Musik einfach auch glauben? Ich mag diese Oper shcon von jeher sehr, weil die Musik einfach umwerfend gut ist, aber diese Inszenierung hat mir auch den Inhalt viel nâher gebracht. Was kann denn ein Regisseur Besseres machen????? Liebe Grûsse F.Q.
Zefira (25.06.2013, 19:06): Hallo zusammen, noch ein Nachtrag hierzu, ich glaube es kam von Severina: Kerstin Avemo hat bei uns schon mehrfach an der Oper gesungen und ich verstehe nciht, wei man auf die Idee kommt, zu glauben, sie würde wegen ihres Aussehens genommen??????
Es war nicht als Kritik gemeint. Ich habe Frau Avemo das erste Mal in der Don Giovanni-Inszenierung in Aix-en-Provence gesehen. In dieser sehr modernen Inszenierung gehörten alle Personen zur selben Familie, mit dem Komtur als Padre Padrone. Frau Avemo sang die Zerlina als sehr junge Cousine von Donna Anna. In Jeans und Turnschuhen sah sie aus wie ein Teenager, was zur der Inszenierung hervorragend passte. Und wie alt ist Despina eigentlich? Ich meine, es kommt eine Textzeile vor, in der sie sich als 15jährige ausgibt. Ich kann mir keine professionelle Sängerin vorstellen, die dieses Alter glaubwürdiger verkörpern könnte als Frau Avemo. Sie ist sicher eine hervorragende Darstellerin, mit ihrem Timbre kann ich mich allerdings nicht recht anfreunden, aber das ist natürlich Geschmackssache, ich bestreite ihr Können keineswegs.
Grüße von zefira
Ulrica (25.06.2013, 19:38): Bis jetzt hat m. E. noch keine Inszenierung es fertiggebracht, schlüssig darzulegen, warum die beiden jungen Frauen ihre Männer nicht erkennen können. In Prinzip wird in diesem Libretto weibliche Intelligenz sowieso, aber auch weibliche Intuition beleidigt. Vielleicht kann man das auch gar nicht stimmig inszenieren.
Der einzige Grund, irgendwann sich ernsthaft "umzuverlieben" wäre, wenn von Anfang an jeweils der andere Objekt der Begierde wäre. Ein solches Motiv kommt aber nie, auch nicht subtil, heraus.
Die Naivität junger Damen aus "besseren Kreisen" zur Zeit Mozart kann diese haarsträubende Dummheit auch nicht erklären. Also, für mich ist somit der "Start" schon so unstimmig, dass alles, was sich daraus entwickelt, nicht mehr glaubwürdig im Sinne einer Darstellung von tiefgründender menschlicher Psychologie ist.
Eine Versetzung in die Gegenwart machte es - zimindest bei den Inzsenierungen, die ich gesehen habe - nicht eben besser, weil in der heutigen Zeit diese Konstellation immer weniger nachvollziehbar ist.
Auch wenn das Thema Erpressung durch angeblichen Suizidversuch durchaus spannend wäre und auch die sog. Heilung durch eine sog. medizinische Koryphäe (etwa modern eine esotherische Quacksalberin: bräuchte Despina sich gar nicht so verstellen), so gerät die Szene doch regelmäßig zum Klamauk und untergräbt einen ernsthaften Anspruch noch zusätzlich.
Ganz banal: Ich mag die Musik und einige schöne Arien und mehr gibt es mir eher kaum her.
Despina widerspiegelt in meinen Augen nicht wirklich eine moderne Frau, hat allerdings m. E. schon einen interessanteren Charakter als ihre Mit - Damen. Sie hat Raffinesse und schon einiges an Erfahrung, was durchaus Merkmal einer cleveren Frau ihres Standes ist, weiß aber auch nicht so recht, wie sie mit dem fiesen Charakter des Alfonso umgehen soll. Sie macht mit. Ob sie es will oder muss oder beides, wird nie klar, versucht aber doch, unter der Hand ein wenig zu warnen.
Ich fand diese bleiche bulimische Sängerin ais der Haneke - Inszenierung allerdings weder stimmlich noch vom Typ her überzeugend (sang ziemlich oft zu tief und etwas kraftlos).
LG
Zefira (25.06.2013, 19:50): Uiweh, warum denn die Einschätzung "bulimisch"?? "Anorektisch" könnte ich ja noch verstehen ...
Severina (25.06.2013, 20:48): Original von Ulrica Bis jetzt hat m. E. noch keine Inszenierung es fertiggebracht, schlüssig darzulegen, warum die beiden jungen Frauen ihre Männer nicht erkennen können. In Prinzip wird in diesem Libretto weibliche Intelligenz sowieso, aber auch weibliche Intuition beleidigt. Vielleicht kann man das auch gar nicht stimmig inszenieren.
Der einzige Grund, irgendwann sich ernsthaft "umzuverlieben" wäre, wenn von Anfang an jeweils der andere Objekt der Begierde wäre. Ein solches Motiv kommt aber nie, auch nicht subtil, heraus.
Die Naivität junger Damen aus "besseren Kreisen" zur Zeit Mozart kann diese haarsträubende Dummheit auch nicht erklären. Also, für mich ist somit der "Start" schon so unstimmig, dass alles, was sich daraus entwickelt, nicht mehr glaubwürdig im Sinne einer Darstellung von tiefgründender menschlicher Psychologie ist.
Ganz banal: Ich mag die Musik und einige schöne Arien und mehr gibt es mir eher kaum her.
LG
Ulrica hat das Problem, das ich mit der Cosi habe, exakt auf den Punkt gebracht. Nun habe ich generell Probleme mit Verkleidungs/Verwechslungsszenen - deshalb nervt mich auch die "Fledermaus" immer ein bisschen - aber in der Cosi ist für mich diesbezüglich der Gipfel an Unglaubwürdigkeit erreicht.
Daher fand ich Guths Ansatz in Salzburg auch so interessant, das ganze als bewusstes Partnertausch- Partyspiel zu starten, nur hat er diese Idee nicht logisch/konsequent genug weiter entwickelt, sodass die Geschichte für mich am Ende genauso unlogisch und unbefriedigend blieb wie bei konventionellen Inszenierungen.
Wenn es also Haneke schafft, mir die Cosi nahe zu bringen (und das könnte durchaus sein, nach dem, was Ihr hier so geschrieben habt) gebührt ihm dafür ein zweiter Oscar!!! :D
lg Sevi :hello
Ulrica (25.06.2013, 21:56): Liebe zefira,
meine Formulierung hat keinesfalls die Bedeutung einer medizinischen Diagnose, denn das wäre vermessen, zumal wohl Kostüm und Schminke eine Rolle speilen können. Übrigens dürfte Anorexie ein ernsthafter Hinderungsgrund sein, überhaupt eine Opernpartie durchstehen zu können. Dieser Typ strahlte für mich jedenfalls keine Despina aus, überhaupt und gar nicht. Dieses Mädchen stelle ich mir jung und keck, attraktiv und fraulich mit jugendlicher Kraft vor. Diese Doktorverkleidung mit Pappnase fand ich nur noch peinlich. Die Sängerin wirkte jedenfalls eher ungesund, frühzeitig gealtert und verlebt (was die Schminke ggf. ausmacht)
Ganz anders Doarbella und Fiordiligi (stimmlich klasse), die wirklich attraktiv sind (was die Verhaltensweisen noch unerklärlicher werden ließ).
Liebe Severina,
die Inszenierung hat mir die Sinnhaftigkeit der Oper auch nicht nähergebracht.
LG
abendroth (25.06.2013, 22:07): Da ich beruflich diese Woche sehr beansprucht bin, habe ich diese 'Cosi' noch immer nicht bis zum Ende sehen können.
Zwei Bemerkungen: Wenn ich es gut in Erinnerung habe, schaut Despina dem Treiben Don Alfonsos zunächst deutlich missbillgend zu. Aber sobald Don Alfonso zu zweifeln beginnt, ob er seine Wette gewinnen wird, übernimmt sie mir deutlichem Vergnügen die Regie. Sie dagt doch mehr oder weniger zu Don Alfonso: komm, lass mich mal machen, dann wird die Sache in deinem (Don Alfonsos Sinne) schon gut ausgehen. Und ihre Anstiftung zur Untreue ist ja gar nicht so schlecht und wie wir sehen durchaus wirkungsvoll. Wie und warum es zu diesem Umschwung kommt, ist mir nicht deutlich.
Eine andere Sache, die mir aufgefallen ist: Die Maskerade ist ja recht schnell vorbei. Schon sehr bald treten die beiden Verführer nicht mehr maskiert auf. Dahinter muss doch wohl eine Absicht des Regisseurs stecken. Ich sehe das (nämlich Hanekes Intention) so: solange die Herren maskiert sind, meinen sie die Verführung nicht ernst, sondern spielen sie nur die Rolle des Verführers (mit recht lächerlichen Platitüden). Aber von dem Moment an, wie aus dem Spiel Ernst wird und die beiden wirklich die jeweilige Freundin des Partners verführen wolle, lassen sie die Masken fallen. D.h. Fiordiligi und Dorabella wissen, mit wem sie es zu tun haben. In dieser Deutung (die ja auch Fairy Queen erwogen hat) werden Ulricas Sorgen, die beiden Schwestern (das sind sie doch?) seien ziemlich blöd, oder zumindest von Da Ponte als unbeschreiblich blöd konzipiert, überflüssig. (Wer an solchen Verkleidungsszenen Anstoss nimmt, der sollte gar nicht erst ein Opernhaus betreten). Ich würde noch immer dafür plädieren, Cosi ernst zu nehmen. Da Ponte war vielleicht kein genialer Librettist - aber Einsteins Einschätzung, Cosi sei sein bestes Libretto und die story durchaus 'logisch' halte ich nicht für ganz falsch. Zu beklagen, dass die Heilungsszene zum Klamauk gerät, kann mich als Kritik nicht überzeugen. Es wäre wohl eher peinlich, wenn sie nicht zum Klamauk geriete. In der Heilungsszene wird ja ein zur Zeit der Entstehung der Oper wirklich erfolgreicher und berühmter Arzt in Wien verspottet: nämlich (wenn ich mich recht erinnere) Dr. Anton Mesmer und sein Magnetismus. Also, trotz aller Wertschätzung der 'feministisch' inspirierten Kritik an Cosi, für mich bleibt diese Oper noch immer Mozarts Nr. 1 mit freundlichen Grüssen abendroth
Zefira (25.06.2013, 22:45): Ich weiß nicht, ob es hier schon erwähnt wurde: Haneke hat in einem Interview dazu gesagt, er könne überhaupt nicht nachvollziehen, warum die Oper immer wieder als Komödie inszeniert würde. Das sei seiner Meinung nach eine Fehlinterpretation.
Fairy schrieb oben: Die Konstellation Tenor-Sopran, Ferrando-Fiordiligi Bariton -Mezzo Gulliellmo-Dorabella spricht ja bereits genau dafür, was eigentlich zusammengehört.
Meine Tochter (hier als Mimí registriert), die sich weit besser auskennt als ich, hat mir vorhin gesagt, dass die anfängliche Paarung zu Mozarts Zeiten ein No-Go war. Das Publikum muss von Anfang an das Gefühl gehabt haben, dass die beiden Paare absolut nicht zusammen passen und dass diese Konstellation nicht so bleiben kann. Im Grunde wäre dann diese Anfangskonstellation etwas "Verkleidetes" und die Männer, die sich infolge der Wette an die Braut des jeweils anderen wenden, wären nicht maskiert, sondern de-maskiert.
Dann warte ich nur noch auf den Regisseur, der die Bräutigame VOR der Wette maskiert zeigt, und DANACH nehmen sie die Maske ab.
Grüße von Zefira
stiffelio (25.06.2013, 22:45): Original von Ulrica Dieser Typ strahlte für mich jedenfalls keine Despina aus, überhaupt und gar nicht. Dieses Mädchen stelle ich mir jung und keck, attraktiv und fraulich mit jugendlicher Kraft vor. Diese Doktorverkleidung mit Pappnase fand ich nur noch peinlich. Die Sängerin wirkte jedenfalls eher ungesund, frühzeitig gealtert und verlebt (was die Schminke ggf. ausmacht)
Hallo Ulrica, Despina wird hier in der Tat ganz anders dargestellt als in einer "landläufigen" Interpretation. Aber genau das hat die Oper für mich so interessant gemacht. Der Eindruck der frühzeitigen Alterung wird für mich durch das hervorgerufen, was Fairy treffend "Verbitterung" nannte. Die Haneke-Inszenierung bietet mir fernab von der üblichen Sichtweise eine überzeugende und spannende Deutung an, warum Don Alfonso und Despina sich so verhalten wie sie sich verhalten und erzählt eine völlig neue Geschichte hinter der Oper. Die Beziehung zwischen Don Alfonso und Despina ist von Liebe in Haß umgeschlagen (derart brennender Haß kann nur herrschen, wo früher Liebe war), beide sind in allem was sie tun, hauptsächlich darauf aus, den anderen zu verletzen. Don Alfonso startet die Wette, um Despina (vermutlich nicht zum ersten Mal) zu zeigen: Frauen (und damit meint er speziell Despina persönlich) sind ein treuloser (=wertloser?) Haufen, sie fallen schneller um, als eine Kerze bei Zugluft erlischt. Despina ahnt von Anfang an, dass diese Aktion gegen sie geht und kontert darauf (sicher auch nicht zum ersten Mal) mit: Du willst mir beweisen, dass Frauen treulos sind? Nur zu, viel Spaß dabei - aber ICH werde dir zeigen, dass in Wirklichkeit wir Frauen es sind, die dabei die Fäden in der Hand behalten. WIR bestimmen, wann wir uns von wem verführen lassen und WIR haben unseren Spaß dabei. Es geht bei diesem ganzen Puppenspiel nur darum, wer die Macht behält, wer die Puppen tanzen lässt. Dabei haben in Wirklichkeit weder Don Alfonso noch Despina Spaß an der Sache, viele von den Pfeilen, die sie im Laufe der Oper verschießen, sind echte Treffer, was den anderen immer nur noch weiter anstachelt, zurückzuschießen.
Das erklärt wenigstens zum Teil auch abendroths Frage Wie und warum es zu diesem Umschwung kommt, ist mir nicht deutlich.
Mich beschäftigt seit dem ersten Ansehen dieser Aufführung die Überlegung, was zwischen Don Alfonso und Despina vor dem Beginn der Oper geschehen ist, was sie beide so werden ließ. Und da die Inszenierung darauf viele Anspielungen und Hinweise liefert, finde ich es eine sehr spannende Sache, die "Geschichte hinter der Geschichte" zu entschlüsseln.
VG, stiffelio
stiffelio (25.06.2013, 23:00): Original von Zefira Im Grunde wäre dann diese Anfangskonstellation etwas "Verkleidetes" und die Männer, die sich infolge der Wette an die Braut des jeweils anderen wenden, wären nicht maskiert, sondern de-maskiert.
Dann warte ich nur noch auf den Regisseur, der die Bräutigame VOR der Wette maskiert zeigt, und DANACH nehmen sie die Maske ab.
das wäre doch mal ein super Inszenierungsansatz (wenn natürlich auch ein völlig anderer als von Haneke): Don Alfonso als der "Gute", der von Anfang an ahnt/weiß, dass sich hier die Falschen heiraten wollen und diese Wette nur aus Mitleid inszeniert, um endlich die Richtigen zusammen zu bekommen. Das wäre dann eine echte Komödie! Natürlich müssen sich dann auch F-F und D-G am Schluss wirklich heiraten, also anders als in der üblichen Interpretation, aber der reine Singtext gibt das meiner Erinnerung nach durchaus her.
VG, stiffelio
Zefira (25.06.2013, 23:11): Natürlich müssen sich dann auch F-F und D-G am Schluss wirklich heiraten, also anders als in der üblichen Interpretation, aber der reine Singtext gibt das meiner Erinnerung nach durchaus her.
Ich meine mich zu erinnern, dass Peter Sellars es in den Neunzigern bei seiner Serie mit den "italienischen Opern" Mozarts so gemacht hat. Vielleicht erinnert sich jemand besser als ich.
Sellars hatte damals recht ausgefallene Inszenierungsansätze, zum Beispiel zeigte er Don Giovanni und Leporello als (schwarze) Zwillingsbrüder.
/edit: Sorry, ich meine mit den "italienischen Opern Mozarts" die drei Da Ponte-Opern. Von Mozarts italienischen Opern zu reden, war Dummschwatz :ignore
Fairy Queen (25.06.2013, 23:43): Liebe Ulrica, ich kann deine Sicht auf die Cosi ja druchaus verstheen, aber an Opernlibretti vor Wagner darf man m.E. absolut nicht mit den Massstäben des Realismus herangehen. Es handelt sich hier nicht um logisch nach -vollziehbare Verkleidungsaktionen, sondern um Theatertopoi , die bis in die antike zurückreichen. Jemand der seine Maske wechselt, wechselt die Person, denn Persona bedeutet nicht anderes als Maske. Mit dem Aufsetzen der Maske gehcieht so etwas wie iene mzgische verwandlung und ich sehe die Verkleidungen in der Oper genau in dieser Tradition. Bei da Ponte ist auch die Commedia dell'arte noch lebendig- man kann das nicht mit heutigen Augen sehen. Natürlich erkennt jede Frau ihren Geliebten, allein schon am Geruch, an der Stimme und wenn es gar in engere Umarmungen geht erst recht. Das wussten Da Ponte und Mozart genauso wie wir, Beide waren schliesslich alles andere als keusche, lebensferne Eremiten :D Aber sie haben sich halt der theatertopi bedient und die Operngänger haben sie auch so verstanden. Wir sind heute mit einer ganz anderen Theaterauffassung grossgeworden und uns scheint das Verwechslungsspiel deshalb heute absurd. Ja, liebe Stiffelio, das was Despina und Alfonso vor der Cosi gelebt und gelitten haben, steckt bei Haneke mit drin und das macht es so spannend, das sehe ich genauso. Ich denke da fast schon an Bergmann, schliesslich ist Haneke ein Filmregisseur...... Ich begreife nur immer noch nciht, warum Despina ein androgyner Pierrot sein muss. Traurig, verzweifelt, vom Leben verbittert, ihre Weiblichkeit zum einen forsch besingend und dann wieder unter diesem unfôrmigen Kittel versteckt- eine schillernde Figur! Was die 15 Jahre angeht ist das ein verbreiteter Irrtum. Sie singt in ihrer Arie nicht, dass sie 15 ist sondern dass schon jedes Mädchen mit 15 wissen muss, wie man mit Männern umzugehen hat "Una donna à quindic'anni" hab das oft genug gezwitschert, um den Text genau zu kennen. :engel Despina selbst kann jedes Alter haben, 15 ist sie gewiss nicht mehr, aber sie wusste schon mit 15 wie es geht.... vielleiciht auch schon viel früher Und das war für die Haneke -Avemo-Despina höchstwahrscheinlich eine traumatisierende Erfahrung. Ich finde ihre Stimme auch nicht sonderlich schôn und die Höhen ziemlich scharf, aber sie hat eine sehr eigene Ausstrahlung. Ach, mir fehlt gerade wieder mal Rideamus ganz furchtbar. Was hâtte er als Filmmensch und Cosi-Fan wohl dazu gesagt? Gute Nacht ringsum F.Q.
stiffelio (26.06.2013, 19:42): Original von Fairy Queen Ich begreife nur immer noch nciht, warum Despina ein androgyner Pierrot sein muss.
Liebe Fairy,
du hast es doch weiter oben selbst sehr gut erklärt: Despinas Weiblichkeit ist "unter die Räder gekommen". Sie kann an keine Liebe mehr glauben und setzt seit langem ihre Weiblichkeit - wenn überhaupt - nur noch als Waffe ein und damit ist dieser das Fundament entzogen. Ich finde, diese Darstellung passt sehr gut in diese Inszenierung.
VG, stiffelio
abendroth (28.06.2013, 21:45): Inzwischen habe ich diese Cosi bis zum Schlussvorhang gesehen und gehört. Es hat mich schon fasziniert, dem Treiben zuzuschauen. Wenn ich Da Pontes Libretto lese, neige ich zu einer Deutung, die von der Hanekes sehr abweicht, aber von vielen vielleicht als trivial empfunden wird. Irgendwann gegen Schluss, nachdem deutlich ist, wer diese Albaner waren, sagt Don Alfonso (nicht wörtlich, aber sinngemäss): Okay ihr lieben: sowas passiert (recht häufig sogar), nun macht mal kein Drama daraus, nehmt's leicht, versöhnt euch und heiratet wie ursprünglich vorgesehen. Dieser Rat scheint mir nicht dumm zu sein und es gibt wohl viele Inszenierungen, die es so sehen.
Jetzt ist aber die Frage, ob der Komponist es auch so sieht. Oder komponiert Mozart an den Intentionen Da Pontes vorbei, indem seine Botschaft ist, so wie ihr's ursprünglich vorgesehen habt, passt ihr gar nicht zueinander? Dieser Standpunkt wurde hier in der Diskussion auch verteidigt, und wer ihn verteidigt befindet sich ja in der guten Gesellschaft Ulrich Schreibers, der auch argumentiert, dass Sopran und Tenor zusammengehören.
Wie dem auch sei, vielleicht ist das ja gerade der Reiz dieser Oper, dass sie sozusagen zwischen diesen Sichtweisen oszilliert. Allerdings bleibt mir bei allen möglichen Sichtweisen ein Rätsel, warum Hanekes Don Alfonso manchmal geradezu angewidert dem Treiben seiner 'Opfer' zuschaut.
stiffelio (28.06.2013, 23:09): Hallo abendroth,
ich würde aus dem Stand sagen: nicht nur Despinas sondern auch Don Alfonsos Liebensfähigkeit ist (spätestens) bei dem Rosenkrieg zwischen den beiden unter die Räder gekommen. Hanekes Don Alfonso kann ebenso nicht mehr an Liebe glauben wie Despina. Für alles, was in diese Richtung geht, hat er bestenfalls ein zynisches Lächeln, schlimmstenfalls Widerwillen bis hin zu Ekel übrig. Hinzu kommt evtl. noch, dass Don Alfonso zwar gegenüber Despina die Oberhand behalten will, aber gleichzeitig Verachtung gegenüber seinen "Puppen" verspürt, die sich so leicht manipulieren lassen.
Es ist wirklich eine sehr desillusionierende, düstere Sicht, die Haneke hier verbreitet. Freilich ist auch Don Alfonso am Ende nicht der Triumphierende, er ist genauso Verlierer wie alle anderen. Haneke hat hier lediglich ein Modell inszeniert, wie es nicht geht, eine Art "Anleitung zum Unglücklichsein" (freilich weitgehend ohne ein zwinkerndes Auge). Wer will, kann versuchen, daraus eine Art Gegenmodell abzuleiten, aber das erscheint nicht auf der Bühne.
VG, stiffelio
Fairy Queen (29.06.2013, 02:30): Lieber abendroth, die Sichtweise: "sowas passiert nun mal, macht aber bitte kein Drama draus sondern heiratet trotzdem", ist m.E. die Mozart und da Ponte und ihrer Zeit sehr Naheliegende Mozart hat selbst auch erst die eine Schwester (Aloysia) geliebt und dann die Andere (Constanze) geheiratet und in der Mozart -Ehe haben, wenn man den Briefzeugnissen und Biographen Glauben schenkt, gelegentliche Seitensprünge beiderseits das Glück nicht nachheltig zerstört. Cosi fan tutte- so machen's halt Alle. Es gibt aber eben auch sensiblere Naturen wie Fiordiligi für die das etwas komplizierter ist- und diese Ambivalenz in Musik und Text macht einen grossen Reiz der Mozart-da Ponte Opern aus. Die Figaro-Grâfin oder Donna Elvira sind ja ebenfalls vom exclusiven romantishcen Liebesgedanken angekränkelt und Opfer einer offenen oder promiskuitiven Sicht auf die Liebe. Bei Mozart/da Ponte gibt es eine grosse Bandbreite môglicher Befindlichkeiten und Haneke nimmt sich die Freiheit , eine sehr subjektive und idealistische Interpretation zu liefern. Ja, das Augenzwinkern und die Leichtigkeit des Seins fehlen hier total, aber seine Interpetation ist für Menschen des 21.Jh sehr gut zu verstehen finde ich und so gut reflektiert und umgesetzt, dass sie mich überzeugt. In dem Wissen , dass es eben EINE Interpretation ist und man das auch anders sehen kann. Er nimmt die Figuren SEHR ernst (vielleicht zu ernst, wie Kritiker berechtigterweise einwenden kônnen) aber ich finde, dass er trotzdem nciht an der Musik vorbei inszeniert. Was Don Alfonso angeht, ist er hier der blasierte Puppenspieler, der das Ganze von oben zu betrachten scheint, aber an dem Ergebnis seiner eigenen Inszenierung nicht die geringste Freude haben kann, weil er selbst tief in der Liebesfalle verstrcikt ist. Er steht keinesfalls philosophisch über den Dingen sondern mittendrin (wie Stiffelio ja oben auch sagt). Seine Selbsttäuschung ist genauso zum Scheitern verurteilt wie die Täuscheung der Anderen. Am Ende verlieren Alle, weil es in menschlichen Beziehhungen- ganz im Gegensatz zu Despinas bitter sarkastischer Philosophie- langfristig mit berechnenden Tricks und Lûgen eben nichts zu gewinnen gibt. Man kann zwar die Tricks und Lügen als conditio humana bewusst in Kauf nehmen und trotzdem versuchen "glûcklich" zu sein, so wie es Mozart und da Ponte vielleicht zeigen wollen, aber das ist nicht die Sicht von Haneke und nciht die Sicht einer romantischen Liebesauffassung. Man stelle sich mal bitte denselben Stoff bei Verdi oder Wagner vor! Wahrscheinlch hâtte sich Fiordiligi mit einer leidenschaftlichen Arie entleibt nachdem sie zuvor Don Alfons erstochen oder verflucht hâtte, Ferrando und Gugliellmo wâren zu ewigen Feinden geworden, Dorabella in Reue zerflossen und zusammen mit Despina im Konvent oder Irrsinn entschwunden ......... :I Schônes Wochenende ringsum F.Q.
stiffelio (15.07.2013, 21:17): Original von Severina Wenn es also Haneke schafft, mir die Cosi nahe zu bringen (und das könnte durchaus sein, nach dem, was Ihr hier so geschrieben habt) gebührt ihm dafür ein zweiter Oscar!!! :D
Liebe Severina,
was ist denn nun eigentlich mit dem Oscar für Haneke?
VG, stiffelio
Severina (15.07.2013, 22:49): Liebe Stiffelio,
ich habe zwar inzwischen einen Mitschnitt bekommen, konnte aber noch nicht hineinschauen. D.h. gekonnt hätte ich natürlich schon, aber das Wetter ist im Moment einfach zu schön, um drinnen im Wohnzimmer drei Stunden vor der Glotze zu sitzen. Und Opern häppchenweise mag ich gar nicht, ich will mir eine Produktion immer in einem Durchgang anschauen. Für meine brandneue "Attila"-DVD habe ich mir die Zeit genommen, weil ich auf die schon ganz hibbelig war, aber wie schon erwähnt, zählt die Cosi halt nicht zu den Opern, die zu sehen ich gar nicht erwarten kann :S :ignore Morgen fahre ich für eine Woche in die Provinz, dann bekomme ich Besuch von meinen Züricher Freunden, aber danach nehme ich das Projekt Cosi in Angriff - versprochen!!
lg Sevi :hello
Fairy Queen (16.07.2013, 14:48): Liebe Sevi, ich bin jedenfalls gespannt ob und wie es Dir gefallen wird- egal wann. Ich bin den Sommer über auch immer nur zwischendurch mal da und in diesem Forum ist die Geduld und die Halbwertzeit der Threads ja glücklicherweise lang. :D Liebe Sommergrüsse an Alle und schône erholsame Ferien für die, die verreisen oder daheim Urlaub machen. F.Q. :engel
ar (17.07.2013, 11:21): Mittlerweile steht die Così auf meiner Favoritenliste vor Don Giovanni und gleich hinter Le Nozze di Figaro. Um die Ausgangsfrage in einem Satz zu beantworten: Sehr viel Witz, obwohl einem der Abgrund oft während dem Lachen bewusst wird. Gerade beim Schluss, welcher nun wirklich alles andere als ein Happy End ist. Falls die Paare wirklich „happily ever after“ leben, dann zweifle ich gewaltig an deren Sozialkompetenzen. Es betrügen nicht nur die beiden Mädchen ihre Verlobten, nein, besagte Männer betrügen ihre Frauen, nur um einer Wette willen. Wenn ich mich in Ferrando versetze (als Bariton mache ich das eigentlich nur bei Guglielmo), dann suchte ich einen neuen besten Freund, nachdem der aktuelle mit meiner Frau geschlafen hat, nur um ein paar Münzen zu gewinnen. Deswegen gibt Ferrando auch erst nach diesem Betrug (ausgeübt von den zwei Menschen, welche ihm am nächsten stehen) Vollgas bei Fiordiligi. Dabei fällt auch auf, wie jung diese Menschen sind und wie schlecht die beiden Jungs ihre Mädchen und umgekehrt kennen. Gerade der Aspekt, dass die zwei Liebespaare blutjung und unerfahren sind, geht nämlich oft vergessen (was vielleicht an der hohen Schwierigkeit der Rolle der Fiordiligi liegt). Claus Guth hat zwar in Salzburg sehr gut die tragischen Seiten des Stücks hervorgehoben, aber dabei die Komödie völlig vergessen (jedenfalls für mich, da ich wegen der hyperaktiven over-the-top Despina von Petibon kein einziges Mal lachen musste). Toll war aber, dass er bei diesem unglaubwürdigen Versteckspiel gleich von Anfang an die Vorzeichen gewechselt hat.
Severina (04.08.2013, 00:06): Nur ein kurzes "Piep" von mir - bei der Hitze (38° in Wien) kann ich momentan weder tiefschürfende Gedanken gebären noch sie in Worte fassen - zur Cosi, die ich inzwischen einmal an mir vorüberziehen ließ:
Leider kein Oscar für Haneke, denn ich sehe es auch jetzt wie Ulrica: So faszinierend Hanekes Personenführung im Detail ist, so wenig kann er mir die grundsätzliche Unsinnigkeit (Für mich!) des Plots mit Sinn aufladen. Dass ich mich allerdings bei dieser Cosi weniger gelangweilt habe als üblich, den Anfang (bis zur Ankunft der vermeintlichen Albaner) sogar als ziemlich spannend empfunden habe, liegt eben an dieser Personenführung. Erstens die höchst interessante Konstellation Despina - Don Alfonso, zu der Stiffelio, Fairy, Zefira &CO ja schon viel Kluges und Zutreffendes geschrieben haben, dann aber auch das so ausdrucksstarke Spiel der übrigen Protagonisten. Denn selbst wenn ich ihr Handeln nicht nachvollziehen kann, so ist es doch absolut fasszinierend, ihre Mimik zu beobachten. Denn dafür gebührt Haneke wohl wirklich ein Oscar, nämlich für die Kunst, Sänger zu einem völlig natürlichen, ausdrucksstarken Spiel ohne jede Standardgestik animiert zu haben. Schauspielerisch zählt diese Cosi zum Beeindruckendsten, was ich je an Opernübertragungen gesehen habe, aber das ändert nichts an meinem grundlegenden Problem: Ich kann mit dem Inhalt schlicht und ergreifend nichts anfangen, ich "verstehe" die Handlungsweise der verirrten/verwirrten Paare nicht, und dass sich das alles (verlieben - entlieben - umlieben usw.) an einem einzigen Tag abspielt, setzt der Absurdität für mich noch die Krone auf.
Ja, ich verstehe auf intellektueller Ebene, was Fairy mit dem Wesen der Maske meint, aber es erreicht mich auf der emotionalen Ebene nicht. Und nein, sprechende Statuen bereiten mir in der Tat weniger Probleme als zwei Frauen, die ihre Verlobten in lächerlichen Maskeraden nicht erkennen. Dass sie bei Haneke diese Masken dann überhaupt fallen lassen, macht die Sache für mich noch absurder. Vielleicht komme ich ja noch dahinter, was er damit sagen will - wenn es endlich kühler wird und ich mir die Aufzeichnung noch ein paarmal anschauen kann.
Aber immerhin: Hanekes Cosi ist die erste, bei der ich überhaupt das Bedürfnis verspüre, sie mir noch einmal anzuschauen und vielleicht doch das eine oder andere zu entschlüsseln. Denn langweilig ist diese Inszenierung sicher nicht.
Zu den Sängern kann ich jetzt gar nichts sagen, weil ich so auf die Inszenierung fokussiert war, dass ich auf die Stimmen gar nicht so achtete. Die Fiordiligi ließ mich allerdings aufhorchen, die gefiel mir sehr gut.
lg Severina :hello
PS (04.08.2013, 14:39): Original von Severina Leider kein Oscar für Haneke, denn ich sehe es auch jetzt wie Ulrica: So faszinierend Hanekes Personenführung im Detail ist, so wenig kann er mir die grundsätzliche Unsinnigkeit (Für mich!) des Plots mit Sinn aufladen. .... Ich kann mit dem Inhalt schlicht und ergreifend nichts anfangen, ich "verstehe" die Handlungsweise der verirrten/verwirrten Paare nicht, und dass sich das alles (verlieben - entlieben - umlieben usw.) an einem einzigen Tag abspielt, setzt der Absurdität für mich noch die Krone auf.
Das ist doch bei (fast) allen Opern sehr ähnlich ... ... und kaum dem Regisseur anzulasten. :)
stiffelio (04.08.2013, 22:27): Liebe Severina,
vielen Dank für dein in Anbetracht der Hitze durchaus tiefschürfendes Piepsen!
Du beschreibst auch ziemlich genau meine Sicht: eine meiner Lieblingsopern ist die COSI nämlich trotz Haneke nicht geworden. Für mich standen halt dank seiner Regieeinfälle Despina und Don Alfonso so stark im Vordergrund, dass das emotional schwer fassbare Verwechselungsspiel der beiden anderen Paare weniger wichtig wurde.
VG, stiffelio
PS: kurze OT-Interessensfrage: wie empfindest du eigentlich die Verwechselungsszene Don Giovanni-Leporello gegenüber Donna Elvira? Mich stört sie etwas weniger, weil sie nicht so im Zentrum der Handlung steht, aber glaubwürdiger ist sie im Prinzip doch auch nicht, oder? Leporello hat vielleicht die Beleuchtungsverhältnisse auf seiner Seite, dafür dürfte Donna Elvira Don Giovanni noch wesentlich intimer kennen als zwei gutbürgerliche Bräute ihre Verlobten.
Zefira (04.08.2013, 23:42): Ich bin zwar nicht Severina, muss aber trotzdem noch mal in diesem Zusammenhang auf Sellars verweisen: er hat Don Giovanni und Leporello als Zwillingsbrüder dargestellt (und dafür zwei Sänger gefunden, die tatsächlich Zwillingsbrüder sind). Ich habe mir 1992 die Übertragung komplett ansehen können und war platt von der Überzeugungskraft dieses Ansatzes. Es geht ja nicht nur um die Verwechslungsszene, Leporello erschien in dieser Inszenierung quasi als "nachwachsender" Don Giovanni, noch mit leichten Skrupeln, aber jedenfalls hoffnungsvoller Nachwuchs ... Hier ein Ausschnitt aus dem 2. Akt mit der unvergessenen Lorraine Hunt als Elvira.
Ah taci, ingiusto core
Grüße von Zefira
Fairy Queen (05.08.2013, 23:45): Liebe Zefira, danke für den Link, das ist eine Don Giovanni-Version, die ich leider noch nicht kenne und die einen hochinteressanten Ansatz hat- und Lorraine Hunt ist tatsächlich umwerfend als Elvira. :down Was die mangelhafte Glaubwürdigkeit von Verwechslungspielchen in Opern angeht, ist die Cosi ja nun absolut kein Ausnahmefall. Die Maskeraden sind nichts anderes als bewusst künstliche Theatertricks und kein Librettist des Barock oder der Klassik geht m.E. davon aus, dass es sich dabei um veristische und verifizierbare Verkleidungen handelt. Es geht vielmehr darum, die tiefere Wahrheit unter der oberflächlichen Maske zu zeigen und in der Cosi ist das die Austauschbarkeit der Partner in unreifen Liebesbeziehungen. Man und frau ist so blind und unbewusst, dass man ihm und ihr mit Schmeichelworten ein X für ein u vormachen kann. Ob der der die Langeweile vertreibt, und die kurzlebigen Leidenschaften anheizt und Nerbvenkitzel bietet, nun Ferdi oder Willy heisst- egal- Hauptsache er ist da und steht aus Fleisch und Blut vor den Damen. Ob das heutzutage bei vielen(nciht allen versteht sich) 16jâhrigen soviel anders ist, bezweifle ich. So schnell wie da manchmal die Partner wechseln, kann man als Eltern kaum die Namen behalten! Und immer mit viel Drama und grosser Leidenschaft- smanie implacabile...... und come scoglio! Mir sind schon etliche Dories und Flories begegnet und ich war selbst auch mal Eine. :engel Ich verstehe aber gut, wenn man mit dieser Oper nichts anfangen kann; sie hat auch für mich sehr zynische und verstörende Seiten, aber gerade das zu zeigen, gelingt Haneke m.E. in herausragender Weise. Fast zu gut, denn alle Leichtigkeit bleibt dabei auf der Strecke. Die schauspierleischen Sängerleistungen sind wirklich beeindruckend, da bin ich ganz Sevis Ansicht und wenn Haneke es sogar schafft, dich zu einem zweiten Anschauen-mit Klimaanlage?- zu verführen, ist das ja schon mehr als erwartet!!!! Hoffe, ihr seici n Wien bald vom Schmelzpunkt weg- selbst in der so angenehm tempereirten Bretagne war es dieses Jahr so heiss, dass sogar ich ins Meer gesprungen bin- bei 18Grad Wassertemperatur muss man mich da schon arg vorher brutzeln... Liebe ankühlende Grüsse F.Q.
Hosenrolle1 (10.07.2016, 16:53): Ich möchte gerne auf diese Seite hinweisen: http://www.cosi-fan-tutte.de/index2.html
Die Oper kenne ich zwar nicht, aber beim schnellen Überblicken kommt mir sehr interessant vor, was da steht. Das Ganze erinnert ein bisschen an die Opernführer von Kurt Pahlen: es wird der Text der Oper im Original und in dt. Übersetzung gezeigt, und immer kommentiert.
Schade, dass es sowas nicht auch für andere Opern gibt!