Martin Stadtfeld - G. Gould Epigonie?

Rachmaninov (22.01.2007, 12:48):
Hallo Forianer,

als M. Stadtfeld seine Aufnahme der Goldbergvariationen von J.S.Bach veröffentlichte waren die Kommentare überschwänglich und es wurde von einem "neuen" G. Gould gesprochen und der junge Pianist über die Maßen gelobt.

Sein Label Sony pflegt diese Image gewaltig und sicherlich ziehen sowohl das Label als auch der Künstler erhebliche Vorteile aus dieser Situation.

Am Wochenende sah ich im Fernseh eine Aufnahme Stadtfeld mit einer Mozart Sonate.
Sein Mozart sagte mir gar nicht zu und ich empfand ihm als zu wenig "tänzerisch".
Dies sind aber natürlich meine eigenen Präferenzen.

Was ich allerdings fast schon lächelich emfand waren einige Rahmenbedingungen.
Da sitzt dieser junge Pianist wie einst G. Gould auf einem Stuhl, der ihn nicht nur in eine Sitzposition und Körperhaltung drängt wie sie einst bei G. Gould zu beobachten war sondern der Stuhl erinnerte mich extrem an Fotographien mit G. Gould aus den Studios der CBS in NY.

Außerdem wird mir Stadtfeld zu sehr auf "Bach" reduziert.

Insg. 5 Aufnahmen hat er veröffentlicht.

4 davon mit Werken von J.S.Bach und eine Aufnahme mit Werken Mozarts.
Letztere wohl auf obligatorisch im Mozart Jahr.

Was soll so etwas?

Warum läßt man einen Künstler nicht einen eigenen Weg gehen?

Irgendwann wird man sich seiner nicht wirklich erinnern!
So wird er höchstens eine G. Gould Epigonie.
Amadé (22.01.2007, 21:42):
Hallo Rachmaninow,
Du hast vöölig recht mit Deiner Beobachtung. Seine Plattenfirma Sony rückt ihn gezielt in die Ecke Glenn Goulds (und der Klaviermusik von Bach), mit ihm lies sich enorm viel verdienen, warum sollte das bei dem jungen "Gould" nicht auch möglich sein?

Aber das Repertoire von Stadtfeld ist keineswegs so schmal, wie uns das Sony glaubhaft macht. Ein Blick in die Programmankündigungen gibt ein anderes Bild:
Im Juli spielt er in Bad Kissingen 2 Bach-Partiten und die B_dur-Sonate von Schubert,
4 Tage später in Essen Mozart Fantasie KV 475, Liszt Sonate h-moll, Berg Sonate op.1 sowie Beethoven op.111.
In meiner Nähe (Provinz) dann nochmals die Goldbergvariationen (vielleicht ist der Veranstalter dem Halo-Effekt erlegen) sowie Beethoven As-dur op.110.

Erschreckend allerdings seine CD mit Mozart-Konzerten , das d-moll Konzert erreicht in meiner Übersicht auf meiner Homepage unangefochten den letzten Platz. Die Schuld trägt hier auch der Dirigent Bruno Weil sowie der Produzent des ganzen, oder gab es da gar keinen, ich glaube es fast? Alles klingt sehr konzeptlos und prima vista. Damit hat man Stadtfeld einen Bärendienst erwiesen.

Gruß Amadé
Ganong (23.01.2007, 18:53):
Lieber R. ,

lieber Amadé ,

erweist Stadtfeld durch seine Vermarktung nicht seit seinem Karrierebeginn nicht selbst einen Bärendienst ?

Grüsse ,

Frank

PS. Einer der ganz überschätzten Pianisten !

F.
Rachmaninov (23.01.2007, 19:02):
Original von Ganong
Lieber R. ,

lieber Amadé ,

erweist Stadtfeld durch seine Vermarktung nicht seit seinem Karrierebeginn nicht selbst einen Bärendienst ?

F.

genauso sehe ich das auch!
cellodil (25.01.2007, 15:52):
Ich hatte vorgestern durch einen Zufall das eher zweifelhafte Vergnügen, Martin Stadtfeld (in recht normaler Haltung vor dem Flügel) im Konzert mit den Festival Strings Lucerne zu hören.

Was Stadtfeld mit Gould gemeinsam haben soll, das kann ich mir leider nicht zusammenreimen.

Das Konzert jedenfalls war ziemlich grauenhaft, zumindest die beiden Bach-Konzerte (BWV 1052 und BWV 1053), die Stadtfeld zusammen mit dem Streichorchester gespielt hat. Er saß an seinem Flügel und klimperte pedallastig und völlig autistisch vor sich hin. Eine einzige Zumutung.

Dazu fällt mir dann freilich doch ein Reim ein:
Wenn einer, der mit Mühe kaum
geklettert ist auf einen Baum
schon meint, dass er ein Vogel wär
so irrt sich der.

Versöhnt haben mich an diesem Abend die beiden Werke von Britten, die die Festival Strings Lucerne dann ohne gehypten Solisten gespielt haben. Ich war sehr angetan von der vielfältigkeit der Klangfarben und Gestaltung, von dem sehr harmonischen und freudvollen Zusammenspiel dieses Orchesters.

Grüße

Sabine
Gamaheh (25.01.2007, 20:47):
Von wem wird er denn überschätzt? Ich war mir gar nicht bewußt, daß er überhaupt so geschätzt wird. Wenn er sich selbst schätzt, so ist das wahrscheinlich gesund, und wenn es seine Schallplattenfirma tut, normal.

Der Vergleich mit Gould ist natürlich absurd (oder provokativ-ikonoklastisch), aber das weiß doch jeder. Ich habe seinerzeit seine Goldberg-Variationen gehört und fand sie nicht besonders bemerkenswert, aber so schlecht wiederum auch nicht.

Vor zwei Jahren habe ich ihn dann mal in einem (Freiluft-) Konzert gehört, in dem an einem Abend alle fünf Klavierkonzerte von Beethoven von verschiedenen mehr oder weniger jungen Pianisten gespielt wurden, von denen mir Stadtfeld, entgegen jeder Erwartung, neben Jonathan Gilad (3.) am besten gefiel, obwohl er wie ein unausgeschlafener Student daherkam. (Er spielte das 2. (1.: M. Kirschnereit, 4.: M. Helmchen, 5.: D. Proshchayev).

Ich war danach durchaus bereit, ihm eine erfolgreiche Karriere vorauszusagen und zu wünschen, wenn er erstmal die Flegeljahre hinter sich hat.

Grüße,
Gamaheh
Rachmaninov (28.01.2007, 11:17):
@Gamaheh,

die frage ist nur wie er die 'Flegeljahre' ablegen kann wenn sein Label ihn 'so' haben will....??
Gamaheh (29.01.2007, 22:20):
Lieber Rachmaninov,

solch eine Strategie funktioniert ja nicht endlos. Irgendwann wird es niemand mehr glauben. Dann wird er entweder "seriös" (was ich erwarten und hoffen würde), oder man vergißt ihn.

Grüße,
Gamaheh
Rachmaninov (13.02.2007, 07:52):
Original von Gamaheh
Lieber Rachmaninov,

solch eine Strategie funktioniert ja nicht endlos. Irgendwann wird es niemand mehr glauben. Dann wird er entweder "seriös" (was ich erwarten und hoffen würde), oder man vergißt ihn.

Grüße,
Gamaheh

Das letztere könnte sich durchaus ereignen!
Jürgen (13.02.2007, 08:28):
Original von Rachmaninov
@Gamaheh,

die frage ist nur wie er die 'Flegeljahre' ablegen kann wenn sein Label ihn 'so' haben will....??

Für mich stellen sich zwei Fragen:
1. Benimmt er sich so, weil es authentisch ist? Will er es so oder sein Label?
2. Letztlich entscheidet der Markt. Wenn das Publikum ihn so nicht akzeptiert, wird auch sein Label seine Haltung überdenken. (Oops, das war ja gar keine Frage. Macht nix.)

Für seine weitere Karriere sind primär nur seine pianistischen Fähigkeiten und das Marketing wichtig, das von Ganameh angsprochene Verhalten kann sich bei geschickter Vermarktung sogar positiv auswirken.

Grüße
Jürgen
Rachmaninov (22.01.2007, 12:48):
Hallo Forianer,

als M. Stadtfeld seine Aufnahme der Goldbergvariationen von J.S.Bach veröffentlichte waren die Kommentare überschwänglich und es wurde von einem "neuen" G. Gould gesprochen und der junge Pianist über die Maßen gelobt.

Sein Label Sony pflegt diese Image gewaltig und sicherlich ziehen sowohl das Label als auch der Künstler erhebliche Vorteile aus dieser Situation.

Am Wochenende sah ich im Fernseh eine Aufnahme Stadtfeld mit einer Mozart Sonate.
Sein Mozart sagte mir gar nicht zu und ich empfand ihm als zu wenig "tänzerisch".
Dies sind aber natürlich meine eigenen Präferenzen.

Was ich allerdings fast schon lächelich emfand waren einige Rahmenbedingungen.
Da sitzt dieser junge Pianist wie einst G. Gould auf einem Stuhl, der ihn nicht nur in eine Sitzposition und Körperhaltung drängt wie sie einst bei G. Gould zu beobachten war sondern der Stuhl erinnerte mich extrem an Fotographien mit G. Gould aus den Studios der CBS in NY.

Außerdem wird mir Stadtfeld zu sehr auf "Bach" reduziert.

Insg. 5 Aufnahmen hat er veröffentlicht.

4 davon mit Werken von J.S.Bach und eine Aufnahme mit Werken Mozarts.
Letztere wohl auf obligatorisch im Mozart Jahr.

Was soll so etwas?

Warum läßt man einen Künstler nicht einen eigenen Weg gehen?

Irgendwann wird man sich seiner nicht wirklich erinnern!
So wird er höchstens eine G. Gould Epigonie.
Amadé (22.01.2007, 21:42):
Hallo Rachmaninow,
Du hast vöölig recht mit Deiner Beobachtung. Seine Plattenfirma Sony rückt ihn gezielt in die Ecke Glenn Goulds (und der Klaviermusik von Bach), mit ihm lies sich enorm viel verdienen, warum sollte das bei dem jungen "Gould" nicht auch möglich sein?

Aber das Repertoire von Stadtfeld ist keineswegs so schmal, wie uns das Sony glaubhaft macht. Ein Blick in die Programmankündigungen gibt ein anderes Bild:
Im Juli spielt er in Bad Kissingen 2 Bach-Partiten und die B_dur-Sonate von Schubert,
4 Tage später in Essen Mozart Fantasie KV 475, Liszt Sonate h-moll, Berg Sonate op.1 sowie Beethoven op.111.
In meiner Nähe (Provinz) dann nochmals die Goldbergvariationen (vielleicht ist der Veranstalter dem Halo-Effekt erlegen) sowie Beethoven As-dur op.110.

Erschreckend allerdings seine CD mit Mozart-Konzerten , das d-moll Konzert erreicht in meiner Übersicht auf meiner Homepage unangefochten den letzten Platz. Die Schuld trägt hier auch der Dirigent Bruno Weil sowie der Produzent des ganzen, oder gab es da gar keinen, ich glaube es fast? Alles klingt sehr konzeptlos und prima vista. Damit hat man Stadtfeld einen Bärendienst erwiesen.

Gruß Amadé
Ganong (23.01.2007, 18:53):
Lieber R. ,

lieber Amadé ,

erweist Stadtfeld durch seine Vermarktung nicht seit seinem Karrierebeginn nicht selbst einen Bärendienst ?

Grüsse ,

Frank

PS. Einer der ganz überschätzten Pianisten !

F.
Rachmaninov (23.01.2007, 19:02):
Original von Ganong
Lieber R. ,

lieber Amadé ,

erweist Stadtfeld durch seine Vermarktung nicht seit seinem Karrierebeginn nicht selbst einen Bärendienst ?

F.

genauso sehe ich das auch!
cellodil (25.01.2007, 15:52):
Ich hatte vorgestern durch einen Zufall das eher zweifelhafte Vergnügen, Martin Stadtfeld (in recht normaler Haltung vor dem Flügel) im Konzert mit den Festival Strings Lucerne zu hören.

Was Stadtfeld mit Gould gemeinsam haben soll, das kann ich mir leider nicht zusammenreimen.

Das Konzert jedenfalls war ziemlich grauenhaft, zumindest die beiden Bach-Konzerte (BWV 1052 und BWV 1053), die Stadtfeld zusammen mit dem Streichorchester gespielt hat. Er saß an seinem Flügel und klimperte pedallastig und völlig autistisch vor sich hin. Eine einzige Zumutung.

Dazu fällt mir dann freilich doch ein Reim ein:
Wenn einer, der mit Mühe kaum
geklettert ist auf einen Baum
schon meint, dass er ein Vogel wär
so irrt sich der.

Versöhnt haben mich an diesem Abend die beiden Werke von Britten, die die Festival Strings Lucerne dann ohne gehypten Solisten gespielt haben. Ich war sehr angetan von der vielfältigkeit der Klangfarben und Gestaltung, von dem sehr harmonischen und freudvollen Zusammenspiel dieses Orchesters.

Grüße

Sabine
Gamaheh (25.01.2007, 20:47):
Von wem wird er denn überschätzt? Ich war mir gar nicht bewußt, daß er überhaupt so geschätzt wird. Wenn er sich selbst schätzt, so ist das wahrscheinlich gesund, und wenn es seine Schallplattenfirma tut, normal.

Der Vergleich mit Gould ist natürlich absurd (oder provokativ-ikonoklastisch), aber das weiß doch jeder. Ich habe seinerzeit seine Goldberg-Variationen gehört und fand sie nicht besonders bemerkenswert, aber so schlecht wiederum auch nicht.

Vor zwei Jahren habe ich ihn dann mal in einem (Freiluft-) Konzert gehört, in dem an einem Abend alle fünf Klavierkonzerte von Beethoven von verschiedenen mehr oder weniger jungen Pianisten gespielt wurden, von denen mir Stadtfeld, entgegen jeder Erwartung, neben Jonathan Gilad (3.) am besten gefiel, obwohl er wie ein unausgeschlafener Student daherkam. (Er spielte das 2. (1.: M. Kirschnereit, 4.: M. Helmchen, 5.: D. Proshchayev).

Ich war danach durchaus bereit, ihm eine erfolgreiche Karriere vorauszusagen und zu wünschen, wenn er erstmal die Flegeljahre hinter sich hat.

Grüße,
Gamaheh
Rachmaninov (28.01.2007, 11:17):
@Gamaheh,

die frage ist nur wie er die 'Flegeljahre' ablegen kann wenn sein Label ihn 'so' haben will....??
Gamaheh (29.01.2007, 22:20):
Lieber Rachmaninov,

solch eine Strategie funktioniert ja nicht endlos. Irgendwann wird es niemand mehr glauben. Dann wird er entweder "seriös" (was ich erwarten und hoffen würde), oder man vergißt ihn.

Grüße,
Gamaheh
Rachmaninov (13.02.2007, 07:52):
Original von Gamaheh
Lieber Rachmaninov,

solch eine Strategie funktioniert ja nicht endlos. Irgendwann wird es niemand mehr glauben. Dann wird er entweder "seriös" (was ich erwarten und hoffen würde), oder man vergißt ihn.

Grüße,
Gamaheh

Das letztere könnte sich durchaus ereignen!
Jürgen (13.02.2007, 08:28):
Original von Rachmaninov
@Gamaheh,

die frage ist nur wie er die 'Flegeljahre' ablegen kann wenn sein Label ihn 'so' haben will....??

Für mich stellen sich zwei Fragen:
1. Benimmt er sich so, weil es authentisch ist? Will er es so oder sein Label?
2. Letztlich entscheidet der Markt. Wenn das Publikum ihn so nicht akzeptiert, wird auch sein Label seine Haltung überdenken. (Oops, das war ja gar keine Frage. Macht nix.)

Für seine weitere Karriere sind primär nur seine pianistischen Fähigkeiten und das Marketing wichtig, das von Ganameh angsprochene Verhalten kann sich bei geschickter Vermarktung sogar positiv auswirken.

Grüße
Jürgen