Sfantu (09.02.2021, 22:26): Nach einigem Zögern & Hin-&-her platziere ich dieses Thema nun hier & nicht unter Musikalische Gattungen > Instrumentalmusik > Instrumentalmusik allgemein, da prinzipiell ja alle anderen Besetzungen denkbar werden. Ich selbst kenne allerdings nur orchestrale. Sei's drum.
Im Unterschied zum Bruitismus resp. Rumorismo existiert meines Wissens kein fixer Terminus für Maschinen-oder Industriemusik. Ich wage daher selbst eine ungefähre Eingrenzung. Ersteren ging es um nichts weniger als eine Klangrevolution, um die Abkehr von aller bisherigen Klangästhetik: Luigi Russolo verkehrte in "L'arte dei rumori" die in der bisherigen Kunstmusik im allgemeinen maßgebliche Werthierarchie zwischen Klang und Geräusch kurzerhand in ihr Gegenteil, wies das Reich der Töne der Vergangenheit zu und erklärte an seiner Statt die Komposition mit Geräuschfarben zur Aufgabe der Zukunft. Die Beispiele dessen, was ich dagegen als Maschinenmusik wahrnehme, wandeln klangliche & optische Eindrücke von Maschinen, Bauten oder technischen Systemen in Musik, & zwar ausdrücklich im Sinne des (oben beschriebenen) traditionellen Primats des Klangs. Geräuschhaftes nimmt jedoch einen bedeutenden Teil der Kompositionen ein. Illustriert es Funktionsweisen? "Feiert" es die Technik? Wo im Einzelnen auch die Motivation ihrer Urheber gelegen haben mag - diese Maschinenmusik kann mitunter faszinierend sein - mich zieht sie jedenfalls immer wieder in ihren hypnotisierenden Strudel.
Das berühmteste Beispiel ist eines, über das wohl mehr geschrieben als daß es wirklich aufgeführt/gehört wurde:
Alexeij Wassiljewitsch Mossolow
Die Eisengießerei op. 19 (1927) Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin - Johannes Kalitzke (CD, Capriccio, 2015)
3'23
Weniger als dreieinhalb Minuten also, die Musikgeschichte schrieben. Der Originaltitel lautet заво́д (Sawod = Fabrik). Es ist der einzig Teil des geplanten Balletts сталь (Stahl = Stahl), den Mossolov fertigstellte. Aus unklaren Gründen bürgerte sich im Westen der Titel Eisengießerei ein. Eine musikalische Entwicklung findet praktisch nicht statt. Hier wird tatsächlich der rhythmische Lärm einer Fabrikhalle nachmusiziert, & zwar meisterhaft! Das Bild walzender, stampfender, pressender Maschinen entsteht unmittelbar. Plötzlich schweigt Alles bis auf die Trompeten, welche in Vierteln das immerselbe Motiv aus einem Sekund-& einem Terzschritt repitieren. Hörner kontern mit kurzen, scharfen Aufwärts-Glissandi, die Flöten stimmen im gleichen Rhythmus mit ein, klingen fast wie ein Quietschen, das nach einem Tropfen Öl dürstet. Das Ganze wirkt wie eine plötzlich frei drehende Antriebswelle. Mahnende Posaunen-Töne, bis der schwere Mechanismus wieder einkoppelt. Die überwältigenden, in behäbiger Bewegung daherpflügenden Klangmassen beschleunigen kurz hinauf zu einem trockenen Tusch - plötzlich Stille - das war's. Was für eine Wucht, eine Urgewalt!
Das andere Aushängeschild dieser Musikrichtung:
Arthur Honegger
Pacific 231- mouvement symphonique (1924) Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, München - Charles Dutoit (LP, Erato, 1986)
6'14
Honegger realisiert hier weit mehr als die Klangwerdung einer Maschine. Als absoluter Eisenbahn-Fan setzt er der im Titel genannten Dampflokomotive ein musikalisches Denkmal. Es gibt ein Foto von ihm, wie er im Maschinisten-Overall & mit monströsem Schraubenschlüssel in der Hand stolz vor einer Lok posiert. Vom schnaubenden Anfahren, dem langsam sich in Bewegung setzenden Gestänge, gehüllt in Dampf-Fontainen, begleitet vom Pfeifen der Signale, bis der elegante Koloss nach & nach in volle Fahrt gerät. Schließlich der gewaltig in Szene gesetzte Bremsakt. Honegger selbst betonte, das Werk sei "nicht die Nachahmung der Lokomotiv-Geräusche sondern die Wiedergabe eines visuellen Eindrucks und einer physisch empfundenen Freude mit Hilfe einer musikalischen Konstruktion". Später vermerkte er ausdrücklich das Vorherrschen der rein musikalischen Idee: "Ich habe eine Art großen Choral mit Variationen komponiert". Unter den Aufnahmen, die mir vorliegen - u. a. Serge Baudo/Tschechische Philharmonie, Bernstein/NYPO, Plasson/Toulouse - sticht jene von Charles Dutoit heraus: vollendet verzahnte Kräfte, entfesselte Energie, kluge, kontrollierte dynamische Entwicklung - das macht ihm so schnell keiner nach. Mossolov berief sich übrigens auf Honegger als Inspirationsquelle.
Eine Neuentdeckung für mich & als Dritte im Bunde schließlich Anstoß genug, diesen Faden ins Auge zu fassen:
Die Brücke. Allegro moderato 8'04 Der Telegraphenmast. Andante 6'00 Wasserkraft. Scherzo 5'30 Fabrik. Andante - Allegro 7'53
Zádor liefert das wohl distinguierteste Beispiel ab. Niemals drängt sich das Geräuschhafte, Illustrative in den Vordergrund, niemals wird der feste Grund der Dur-Moll-Tonalität wirklich verlassen. Feine, an Respighis Impressionismus erinnernde Einsprengsel sorgen für wohltuende Kontraste. Die ersten beiden Sätze müssen naturgemäß auf alles Kinetische verzichten (siehe Titel), Zádor setzt hier also auf Atmosphäre, auf Skizzierung der Gestalt, der Masse, der Anmutung, im Falle des Telegraphenmastes auch der unsichtbaren elektrischen Spannung & Funktion: sechsstimmige, sordinierte Violinen. Holzbläser könnten auf den Kabeln sitzende Vögel verkörpern? Oder doch oszillierende Elektronen? Das Klavier wird gegen Streicher-Glissandi gesetzt, die Farben & Stimmungen sind licht & ätherisch. Vielleicht das suggestivste Stück ist die Nummer 3 mit ausgeklügelter Instrumentation. Das Blech wirkt teils wie unter Wasser "gedöppt", es entstehen Eindrücke hydraulischer Kräfte, die sich gegen immense Widerstände behaupten müssen. Im Schlußsatz nähert sich Zádor Mossolw & Honegger noch am ehesten. Ein lebhafter Widerstreit Blech gegen Holz, aber auch widerstreitende Potentiale an Kraft & eine zwingende Energetik beeindrucken nachhaltig. Am Ende steht ein fahler, unaufgelöster Blechbläser-Akkord, der wie im Nichts verhallt.
Zwar liefern die Ungarn - soweit ersichtlich - die bisher einzige Aufnahme der Sinfonia Technica. Allein, die Ausführung ist voll & ganz überzeugend.
Kann jemand meine Begeisterung für "Maschinenmusik" verstehen? Oder sogar teilen? Welche Kandidaten wären noch zu nennen?
Neues Handbuch der Musikwissenschaft, Band 7: Hermann Dauser - Die Musik des 20. Jahrhunderts, S. 99 (Laaber, Lilienthal, 1996)
Cetay (inaktiv) (10.02.2021, 02:40): Kann jemand meine Begeisterung für "Maschinenmusik" verstehen? Oder sogar teilen? Welche Kandidaten wären noch zu nennen? Verstehen kann ich alles, teilen im konkreten Fall nicht. ^^ Aber einen Kandidaten habe ich noch:
Hier muss Ondrej Adamek genannt werden. Die Produktbeschreibung zu seiner CD Körper und Seele verrät: 'Nahezu durch das gesamte Werk des Komponisten ziehen sich Mischformen, in denen das Natürliche mit dem künstlich Mechanischen, konkrete Rituale mit Abstraktion, verschiedene Sprachen, auch Klangsprachen miteinander konfrontiert werden und eine schließlich eigene Mixtur erzeugt wird.' Die oben genanten Kriterien für Maschinenmusik in Reinform werden von Dusty Rusty Hush erfüllt. Bei 'Dusty Rusty Hush' agiert das gesamte Orchester wie eine große Maschine, stampft, ächzt und kreischt und erweckt damit ein stillgelegtes brandenburgisches Stahlwerk wieder zum Leben. Mein Stromdienst hat die CD leider nicht verfügbar und YT ist hier gesperrt, deshalb muss ich auf die Beschreibung in derFreitag (mit Link zum Video) verweisen.
Sfantu (10.02.2021, 07:02): @Cetay
danke, daß Du diese spannenden Beispiele beisteuert. Aus dem Adámek-Album habe ich mir Auszüge via YT angehört/gesehen. Die mit dem Gebläse verbundene Flöte samt Handschuh-Ballett (wie auf dem Cover abgebildet) würde mich als reine Hörspur irritieren: die erzeugten Töne hätte ich ohne das Bild mit nichts Konkretem verbinden können, so verfremdet sind sie.
Dusty Rusty Hush ist vorgemerkt.
Guenther (10.02.2021, 13:28): In einem weiteren Sinne möchte ich auch die Filmmusik zu"Moderne Zeiten" nennen.
Beispiel:
https://www.youtube.com/watch?v=6n9ESFJTnHs
Maurice inaktiv (10.02.2021, 19:38): Dann bitte auch George Antheil nicht vergessen:
Philidor (10.02.2021, 20:17): Arthur HoneggerPacific 231- mouvement symphonique (1924) Ein später Nachfahre dieses modernen Klassikers ist
Steve Reich: Different Trains (1988) für Streichquartett und Tonband
Vordergründig geht es um eine Eisenbahnfahrt, tatsächlich nimmt das Stück den Hörer mit auf eine Zeitreise - vor den Zweiten Weltkrieg, in den Zweiten Weltkrieg und in die Nachkriegszeit.
Herzlichst empfohlen!
Ein anderer Fall von Maschinenmusik ist freilich
György Ligeti: Poème symphonique (1962) für 100 Metronome
Auch schon wieder ein Klassiker.
Gruß Philidor
:hello
Sfantu (10.02.2021, 21:53): @Guenther @Maurice André @Philidor Danke, daß ihr euch beteiligt!
Sfantu (10.02.2021, 21:57): @Guenther @Maurice André wenn ihr mögt, schreibt doch ein paar Worte zu der von euch genannten Musik. Wie fügt sie sich hier in unser Genre?
Maurice inaktiv (11.02.2021, 00:41): wenn ihr mögt, schreibt doch ein paar Worte zu der von euch genannten Musik. Wie fügt sie sich hier in unser Genre? Oh, ich bin da eigentlich nicht der Richtige für, hatte aber die CD mal gekauft und mir angehört. Doch ich bemühe mich mal darum.
George Antheil : Ballet Mecanique
Antheil dürfte um 1922 herum in Berlin bereits damit angefangen haben zu schreiben. Ausgangspunkt war der Besuch eines Konzertes des großen Igor Strawinsky in Paris, Es wurde "Les Noces" gespielt, ein Werk, was er einen Tag später in den Räumen der Klavierfabrik Pleyel erneut hörte. Das Werk beinhaltet etwa ein Pianola , dazu andere mechanische Instrumente. Davon war Antheil offenbar ziemlich begeistert. Antheil begann dann, wie bereits geschrieben, 1922 in Berlin ein Stück zu schreiben, was unter dem Titel "Message to Mars" herausgekommen ist, ein Werk ebenfalls für Pianola.
Recht schnell kam man auf die Idee, dieses Stück für einen Film zu verwenden, was aber am Ende nicht geklappt hatte, da Film und Musik nicht zusammengebracht werden konnte. 1923/24 entstand dann daraus das komplett neue Werk "Ballet Mecanique". Es gab wohl eine Fassung für vier Klaviere, eine weitere Fassung für 16 Pianolas, dann 1953 eine dritte Fassung ohne Pianolas. Es gab in dem Werk keine herkömmlichen Instrumente eines Symphonie-Orchesters, wenn man von einem Klavier und gewisser Percussion absieht.
Das Werk soll wohl eines der "Schlüsselwerke" des 20.Jahrunderts gewesen sein, was - typisch für Neue Musik - bei der Aufführung in der berühmten Carnegie Hall am 10.April 1927 - zu einem handfesten Skandal ausgeartet sein. 2002 wurde das Werk beim Klavierfestival Rhein-Ruhr in Essen aufgeführt.
Man möge mir bitte diese sehr kurze Zusammenfassung verzeihen, aber es ist nicht meine Welt, daher habe ich versucht, den wohl wichtigsten Teil hier zu schreiben. Ich selbst kann damit wenig anfangen, allerdings ist das rhythmisch natürlich extrem geil. Als Jazzer sicher hochinteressant, als Klassiker mit ganz anderem Schwerpunkt sehr weit weg.
aiel (11.02.2021, 15:33): Hallo,
ich habe mir gerade Alexeij Wassiljewitsch Mossolow Die Eisengießerei op. 19 angehört. Das klingt sehr interessant. Wenn ich es beschreiben müsste, würde ich sagen, dass mich der Stil an Le Sacre erinnert.
Da ich auch schon die Einstürzenden Neubauten gehört habe, klingt es für mich vielleicht weniger abschreckend.
Gruß Ronald
Sfantu (11.02.2021, 23:24): @Maurice André
Danke für die Eindrücke zu Antheil.
Sfantu (11.02.2021, 23:25): @aiel
Freut mich, daß Du den Mossolow interessant findest.
Maurice inaktiv (11.02.2021, 23:43): ich habe mir gerade Alexeij Wassiljewitsch Mossolow Die Eisengießerei op. 19 angehört. Das klingt sehr interessant. Es ist wohl auch das bekannteste Stück von ihm, und auch aus diesem Bereich überhaupt. Sehr passend für das damalige russische Verständnis. Schostakowitsch hat eigentlich dazu auch etwas geschrieben, aber völlig anders verarbeitet. Ich glaube, eines der Stücke heißt "Der Bolzen". Es gibt auch noch eine Zugfahrt, doch hier weiß ich den Titel nicht mehr. Es könnte so ähnlich wie "Moskau-Cheryomushki heißen. Vielleicht weiß das jemand viel besser als ich, der kann sich dann gerne jetzt austoben.
Sfantu (07.03.2021, 11:05):
Music from the machine age
Prokofiew - Ala und Lolly - Skythische Suite op. 20 Schulhoff - "Ogelala" - Konzertsuite op. 53 Bartók - "Der wunderbare Mandarin" op. 19 Sz 73 Holst - Ballettmusik aus "The perfect Fool" op. 39 Ravel - La Valse
Borusan İstanbul Filarmoni Orkestrası - Sascha Goetzel (CD, onyx, 2011)
Gehen wir allein nach seinem Titel, dann paßt dieses Album geradezu perfekt in unseren Faden. Auf den zweiten Blick erkennen wir allerdings, daß nicht eines der Werke irgendetwas mit Maschinen zu tun hat. Sicher - es wird auf das Maschinenzeitalter bezug genommen. & diese Musiken entstanden auch etwa zeitgleich zu unseren bisher genannten Klassikern. Die Sujets sind hier allerdings komplett maschinenfremd. Bei Prokofiew & Schulhoff sind es blutige, kultische Handlungen, Krieg, Vergeltung & Hinrichtung. In Holsts symbolistischer Oper befinden wir uns im Reiche von Geistern & Feen. Die populäreren Werke Bartóks & Ravels zeigen ebenfalls keine Verbindung zu Maschinen auf. Was sich allenfalls als roter Faden ausmachen läßt, ist das explizit unromantisch Repetitive, Rhythmische. Hier klingen gewisse Parallelen zu unseren Maschinen-Stücken an.
Kurios also, sich mit diesem Programm auf die Maschinen-Epoche zu beziehen ohne jedoch Maschinen-Musik zu spielen. Dennoch ist die Platte möglicherweise interessant für alle, die die Stücke noch nicht kennen & etwas im Geiste der Maschinenmusik suchen (was eigentlich ein (charmantes) Paradoxon ist, da wir Maschinen doch gemeinhin als geistlos, also als nicht beseelt begreifen). Die CD besitze ich nicht, da die Stücke bereits zum Teil mehrfach in anderen Aufnahmen meine Regale bevölkern.
Sfantu (23.02.2022, 20:29):
Thomas Agerfeldt Olesen
"Tonkraftwerk" für Kammerorchester (1999)
Århus Sinfonietta - Søren K. Hansen (CD, Dacapo, 2003)
10`23
Dieses Album flatterte heute ins Haus, Es enthält Musik mit vom ersten Takt an wahrnehmbar starkem Eigenprofil. Vordergründig kommt das oftmals als Klamauk daher. Spätestens ab dem zweiten Durchlauf scheint aber mehr und mehr Doppel-bis Mehrbödigkeit durch - absolut packend! Olesen zeichnet in purer nackter Funktionalität das Sich-Abschnurren einer Maschinerie. Stur repetitiv wechseln sich Holz mit Schlagwerk hier, Streicher mit Klavier dort, als Haupt-Nockenwelle ab. Wiederholte nervöse Aufwärts-Läufe der Trompete begreife ich als schrill kreischendes Überdruckventil. Jäh und brüsk dreinfahrend Rohrglocke oder Posaune als akustische Warnsignale (simultan dazu sehe ich in roter Leuchtschrift Wörter wie "Error" oder "Not-Aus". Das ganze System läuft allmählich heiß (nervöses accelerando) bis alles mit einem mächtigen Wums implodiert. Abgeschwächt unrundes Weiter-Leiern, welches nach und nach an Kraft und Schub verliert. Verzweifelt pflichtbewußt dreht ein einzelnes Zahnrädchen immer weiter (Piccoloflöte), während im Hintergrund die Maschinentrümmer abkühlen und verklingen. Zwecks Vermeidung eines nachsinnend traurig-leisen Entschwebens werden die letzten kaum noch hörbaren gehaltenen Töne von Geige und Flöte durch ein trockenes akustisches Ausrufezeichen von Kontrabaß (oder Klavierakkord ganz weit links) und Pauke abgeschnitten, als habe jemand den Stecker gezogen. Grandios!
Joe Dvorak (24.04.2022, 03:47):
Annie Gosfield - Flying Sparks and Heavy Machinery
Die dem Album den Titel verleihende Komposition (fuer Streichquartett und Perkussions-Quartett) zeigt schon durch den Namen die Gehoerigkeit zu diesem Diskussionsbrett an. Bei dem sehr ausgedehnten Werk EAW7 ist die Besetzung ein Fingerzeig: for Sampling Keyboard, Electric Guitar, Electronics, Drums & Percussion and Metal Factory Percussion. Dass mit dem Keyboard keine zwitschernde Voegel und murmelnden Baeche gesamplet wurden, ist nahelieged.
Da kommt unmittelbar Egdard Varèse - Déserts in den Sinn. --> Link zum Komponistenfaden.
Retrobrain (03.06.2022, 16:47): Das berühmteste Beispiel ist eines, über das wohl mehr geschrieben als daß es wirklich aufgeführt/gehört wurde:
Alexeij Wassiljewitsch Mossolow
Die Eisengießerei op. 19 (1927) Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin - Johannes Kalitzke (CD, Capriccio, 2015)
3'23
Weniger als dreieinhalb Minuten also, die Musikgeschichte schrieben. Der Originaltitel lautet заво́д (Sawod = Fabrik). Es ist der einzig Teil des geplanten Balletts сталь (Stahl = Stahl), den Mossolov fertigstellte. Aus unklaren Gründen bürgerte sich im Westen der Titel Eisengießerei ein.
Ja, das ist eine tolle Aufnahme. Ich mag solche „musikalischen Experimente“. Ich habe noch eine andere (?) Aufnahme gefunden:
Iron Foundry in der Version Columbia Lb 17 und Parlophone E11374. Die hören sich für meine Ohren „dreckiger“ an, dafür ist der Klang etwas gedämpfter.
Kennt jemand diese Aufnahmen?
Sfantu (05.06.2022, 07:28): Iron Foundry in der Version Columbia Lb 17 und Parlophone E11374. Die hören sich für meine Ohren „dreckiger“ an, dafür ist der Klang etwas gedämpfter.
Kennt jemand diese Aufnahmen?
Leider nein. Den Kürzeln nach zu urteilen dürften das Schallplatten sein - richtig? Ich beneide Dich! Welche Orchester mit welchen Dirigenten sind dort zu hören?
Retrobrain (05.06.2022, 09:23): Guten Morgen. Ich bin da leider vollkommen ahnungslos. Ich entdeckte diese beiden Stücke nämlich auf Apple Music. Ich schaue gleich mal, ob ich dazu nähere Angaben finde. Ein schönes Pfingstfest! :engel
Retrobrain (06.06.2022, 17:20): @Sfantu: Gefunden! Es handelt sich um eine Live-Aufnahme des American Symphony Orchestra mit Leon Botstein. Scheinbar als LP.
Joe Dvorak (07.06.2022, 04:02): Da regen sich bei mir leise Zweifel. Die Columbia und Parlaphone Aufnahmen klingen aufnahmetechnisch viel aelter und werden viel schneller gespielt als bei Botstein (2:59 & 3:09 vs 3:44). Der Jadgtrieb war geweckt und ich konnte Beute machen: E11374 ist eine Schellack mit dem E.I.A.R. Symphony Orchestra Turin & Victor De Sabata und Lb17 ist eine Schellack mit dem Orchestre Symphonique de Paris & Julius Ehrlich. Mit ihrem gnadenlos einschlagenden Gestampfe zermalmt die Columbia modernere Wiedergaben von Svetlanov und Chailly so wie eine 1000-Tonnen-Presse einen Sack voller Valiumpillen.
uhlmann (08.06.2022, 17:35): Interessant finde ich Arseni Awraamows "Symphonie der Fabriksirenen", in der er auch die Internationale verarbeitet. Awraamow scheint ein echter Avantgardist gewesen zu sein. Laut Wikipedia "entwickelte er 1926 ein eigenes universales Tonsystem aus 48 Tönen, für das er auch Symphonien aus Kanonendonner, abstürzenden Flugzeugen, Militärmärschen und anderen Elementen komponierte."
Auf YT gibt es Rekonstruktionen des Stücks:
https://www.youtube.com/watch?v=3v3u2sU54Os (Rekonstruktion von Sergej Khismatov – Infos hier:http://khismatov.com/The_Symphony_of_Industrial_Horns.html)
https://www.youtube.com/watch?v=Kq_7w9RHvpQ
Wikipedia Eintrag:https://de.wikipedia.org/wiki/Arseni_Michailowitsch_Awraamow
Hört mal rein. Klingt für 1922 sehr modern.
Sfantu (12.06.2022, 20:18): @uhlmann
danke für die Links. Habe sie mir jetzt einmal hintereinander durchgehört - und bin nun ziemlich geschafft, muß ich sagen. Den Namen Awraamow kannte ich nicht. Für 1922 sehr modern? Allerdings. Allenfalls Varèse hätte ich seinerzeit Vergleichbares zugetraut (oder eben den Bruitisten). Was ich mich vor allem fragte ist dreierlei:
1.) Ist das zunächst mal für die Schublade geschrieben worden? Solche Klänge hätten der damaligen Kultur-Doktrin sicher nicht entsprochen. Bei ernsthafter Absicht, so etwas in jener Zeit in der Sowjetunion aufzuführen (was sicher zum Scheitern verurteilt gewesen wäre), hätte den Komponisten wohl einzig der exzessive Einsatz der "Internationalen" vor dem Gulag (oder Schlimmerem) bewahrt. Dafür ist das, was man hört, denn doch zu avantgardistisch, zu "unerhört".
2.) Zudem hätte in den 20ern das technische Equipment zur Realisierung noch nicht zur Verfügung gestanden. Sirenen: ja. Glockengeläut, Chöre, Gewährsalven: sicher. Aber Dampflokomotiv-Schnaufen? Die Überblendung der Klangschichten? Oder schwebte ihm doch eine (zumindest in Teilen) Realisation auf konventionellem Instrumentarium vor?
3.) Wie konkret mag die originale Niederschrift / die Notation Awraamows sein? Schließlich handelt es sich ja um Rekonstruktionen. Denn die Ergebnisse unterscheiden sich doch gewaltig voneinander. Was Aufführungsdauer, Textur und Gliedrung betrifft.
Der Anfangsabschnitt des ersten Clips ist für mein Empfinden am weitesten entfernt von allem, was zur Entstehungszeit realisierbar war. Hätte drunter gestanden, das sei ein Track von Klaus Schulze aus den 70ern, hätte ich das ohne zu Zögern geglaubt. Der Mittelteil mit der "Internationalen" in Dauerschleife mit begleitendem Orgel-Gewummer wirkt auf mich ermüdend und scheint mir nicht sehr einfallsreich. Im zweiten Clip finde ich die zwischendurch intonierte Internationale per verstärkter Blockflöte auf erfrischende Weise respektlos - gefällt mir. Insgesamt ist die zweite Version aber weniger geschlossen, was die Konzeption angeht.
Maschinenmusik ist das wohl nur bedingt. Uninteressant finde ich es keineswegs. Dieser Tage kann einem sowjetisches Säbelrasseln und sowjetischer Hurra-Patriotismus (wenn auch von Abraamow vielleicht nicht ohne Brüche intendiert) allerdings auch schonmal im Hals quer sitzen bleiben. Ich hoffe, man bekommt gelegentlich - und natürlich gern aus sichereren Quellen - mehr von diesem interessanten Komponisten zu Gehör.
satie (12.06.2022, 21:59): Lieber Sfantu, ich bin zwar nicht gefragt, aber meines Wissens wurde die russische Avantgarde bis zu den 30er Jahren absolut gefördert. Es wurde unglaublich experimentiert, und Klänge von Maschinen wurden tatsächlich einbezogen. Ich habe einmal gelesen von einer Komposition, die an einem Hafen aufgeführt wurde mit Integration von Nebelhörnern u.a. Erst im Stalinismus wären solche Dinge nicht mehr möglich. Man muss sich nur die Biografie von Mossolow anschauen, der ebenfalls ein kompromissloser Avantgardist war. Dies zur Klärung Deiner ersten Frage.
Herzliche Grüße Satie
Sfantu (12.06.2022, 22:09): Hey Satie,
vielen Dank für die Infos!
Herzlichst, Sfantu
uhlmann (13.06.2022, 11:01): Es gibt einen interessanten Artikel über Avraamow auf der Website der „Red Bull Music Academy“ (was RB nicht alles sponsert). https://daily.redbullmusicacademy.com/2017/07/revolutionary-arseny-avraamov
Hier finden sich zumindest Beispiele einer musikalischen Notation, die Avraamow ca. 1930 für einen experimentellen Film (Piatiletka)anwandte.
(Moscow, 1930: First artificially-drawn ornamental soundtracks by Arseny Avraamov. Courtesy of Andrey Smirnov)
Auszug aus dem Artikel: On August 20th, 1930, during the First Conference on Animation Techniques in Moscow, Avraamov demonstrated the artificially-drawn sound pieces in a presentation titled “Ornamental Sound Animation.” An article published in 1931 described the nuts-and-bolts of this stunning technique: “Instead of common sound recording on film by means of microphone and photocell, simply draws geometrical figures on paper before photographing them onto the sound track of the filmstrip. Afterwards, this filmstrip is played as a common movie by means of a film projector... Being read by photocell, amplified and monitored by loudspeaker, this filmstrip turns out to contain a well-known musical recording, while its timbre is impossible to associate with any existing musical instrument. Comrade Avraamov is now conducting a study into the recording of more complicated geometrical figures. For instance, recording graphical representations of the simplest algebraic equations and drawing the molecular orbits of some chemical elements.”
Er war jedenfalls sehr experimentierfreudig in alle möglichen Richtungen. Man könnte ihn als einen Vorläufer der Musique concrete sehen.
Joe Dvorak (27.09.2022, 04:51): Einar Torfi Einarrson hat ein Stueck mit dem Titel Desiring-Machines geschrieben. Auf seiner Netzseite 'erklaert' er das Werk. Es fallen Begiffe wie Nicht-Identitätsstruktur, kontinuierliche Multiplizität, destabilisierte Form, Fraktalisierung, Schaltungsunterbrecher und der Destabilisator/Trenner (Leiter als abstrakte Maschine). Auf der Querschnitt-CD Quanta von Kairos finden sich weitere Steucke, die alle einen Bezug zu Maschinen haben und das ist unueberhoerbar. Wer es lieber schwarz auf weiss hat, liest im Booklet: Sie sind Maschinen mit ähnlicher Konstruktion, ähnlichem Material und ähnlichen Fähigkeiten: Eines der Dinge, die sie gemeinsam haben, um genau zu sein, ist, dass sie nicht sehr gut zu funktionieren scheinen. Ihre Chrongenese ist ineffizient und erfolglos. In ihren Versuchen, eine Zeitspanne zu öffnen, die sie selbst bewohnen können, bohren sie sich in den Felsen, dann bleiben sie stecken, drehen sie sich, hören sie auf, dann fangen sie wieder an, dann hören sie wieder auf. Erstaunlich -da meiner Erfahrung nach alles andere als selbstverstaendlich- ist, dass diese eigenwillige, reiche Komponistengedankenwelt recht Anhoerliches (zumindest fuer diejenigen, die Varèses Déserts mit Interludien gerne als leicht unterhaltende Untermalung zum Sonntagsmorgenkaffee goutieren) mit entsprechendem musikalischem Gehalt hervorbringt. Das ist eine erfreuliche Addition zum Hoerrepertoire.
Sfantu (25.05.2025, 09:45): Auf das folgende Werk aufmerksam wurde ich durch einen Beitrag im Radio. Auf SRF 2 Kultur wurde zu seinem 100. Geburtstag am 22. Mai an den Objektkünstler Jean Tinguely erinnert. 1964 entstand für die Schweizer Landesausstellung in Zusammenarbeit zwischen ihm und Rolf Liebermann dies hier:
Rolf Liebermann
Symphonie *Les Échanges" für 156 Bureaumaschinen
Eine tolle Maschinen-Klangstudie. Perkussiv, den Hörer wie in einen Sog, einen Strudel hineinziehend. Ob man wohl heraushört, wenn eklusiv Adler-, Triumph- oder Olivetti-Maschinen im Einsatz sind? Nur knappe 3 Minuten dauert das Stück. Ein neues Etappenziel für den Vinyl-Jäger.
Sfantu (22.09.2025, 21:40):
Sebastian Currier (*1959)
"Time Machines" für Violine und Orchester (2007)
Anne Sophie Mutter, New York Philharmonic - Alan Gilbert (CD, DG, 2011)
Fragmented Time 2'36 Delay Time 4'19 Compressed Time 1'29 Overlapping Time 3'44 Entropic Time 6'26 Backwards Time 1'39 Harmonic Time 8'52
Der Eindruck des Maschinenhaften vermittelt sich hier kaum unmittelbar. Den Titeln folgend und nach wiederholtem Hören schälen sich dann aber doch einzelne vage Bild-oder Filmsequenzen vor dem geistigen Auge heraus. In "Delay Time" spüre ich dem ziellosen Schlendern, dem Unpünktlichen und Fahrigen nach, das ich leider von mir selbst kenne und mich daher oft als wandelndes Phlegma wahrnehme. "Compressed Time" beginnt mit einem Peitschenknall, der zusammenzucken läßt. Ruhelos getriebene Klänge, lärmende Hektik. In "Overlapping Time" erklingen abschnittweise tatsächlich unterschiedliche Metren zeitgleich. Während "Entropic Time" Phasen brutaler Klangballungen durchschreitet, nähert sich die ausklingende "Harmonic Time" tonalen Zentren (ohne sie zu erreichen), wirkt fast romantisch. Leises Verebben. Dazu Mutter im Booklet mit einer nicht ganz ernst gemeinten Beschwerde über ihr gewidmete Kompositionen: "Man schenkt mir einfach keine "flashy endings", ich weiß nicht, weshalb". "Time Machines" ist im übrigen die Umarbeitung eines zuvor von Currier für Mutter geschriebenen Violinkonzerts, das eine monströse Orchesterbesetzung forderte, wodurch wohl die Chancen für eine Realisierung gegen null schwanden. Das Ergebnis, ein Konzert für normale Orchestergröße, wirkt ausgewogen und stimmig in seiner Gewichtung aus Solo und Tutti, ist farbig und wirkungsvoll instrumentiert unter markanter Beteilung der Schlagwerker.
Stupende Darbietung, luxuriöse Klangqualität.
Joe Dvorak (23.09.2025, 01:05): (...) "Time Machines" (...) Joe gefällt das.