Maurizio Pollini – Perfektionist und Visionär

Cosima (10.11.2007, 15:46):
Maurizio Pollini (geb. 1942 in Mailand)

Es war mir wichtig, einen Thread über Maurizio Pollini ins Leben zu rufen. Ich schätze diesen großartigen Pianisten sehr! Als Aufhänger benutze ich den Film von B. Ehrhardt „Eine Kielspur im Meer“ (A trail on the water) und ab’s Nachfrage bzgl. Luigi Nono.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51EP0HJ70CL._AA240_.jpg
Der Film macht die Freundschaft der drei Künstler (Abbado, Nono, Pollini) zum Thema; er entstand nach Nonos Tod. Der Komponist selber wird daher nicht durch Filmaufnahmen dokumentiert, sondern nur durch einzelne Bilder, Gedanken und Texte. Und eben durch die Gespräche mit Pollini, Abbado und Nuria Schönberg Nono, diverse Probenaufzeichnungen, Live-Mitschnitte, Bilder der Stadt Venedig etc.

Ich hatte vermutet, dass Pollini – ob seines eher kontrollierten Klavierspiels – ein introvertierter Mensch sein müsse. Dieses Vorurteil revidiere ich nun: Zu meiner großen Verblüffung und Freude durfte ich erleben, wie lebendig, engagiert (auch politisch), wach und vielschichtig dieser Künstler ist!

Zu Nono kann ich im Grunde nicht viel sagen, weil ich mich vorher nie mit ihm befasst habe (und wohl auch nicht befasst hätte, wenn es nicht gleichzeitig um Pollini gegangen wäre). Seine politisch inspirierte Musik behagt mir nicht; mir gefällt auch nicht, wie er bspw. Klänge der Straße in seine Kompositionen einbindet. Interessant fand ich seine Gedanken zur Stille und zu Dialogen in der Musik und seine Experimente mit Klangräumen. Anhand der Wirkung des Klanges im Raum wird der Bogen zurück zur Musik des Mittelalters und der Renaissance gespannt. Pollini ist nicht nur als Anwalt für Neue Musik tätig, sondern hatte im Rahmen seiner Konzertreihe „Progretto Pollini“ bei den Salzburger Festspielen auch Musik eben dieser vergangenen Epochen im Programm.

Nonos Werk „… sofferte onde serene…“ (1976) ist Pollini gewidmet. Das Stück ist ca. 7 Minuten lang; für Tonband und Klavier, bei dem Nono den Tonbandpart mit rohen und verfremdeten Klavierklängen des Pianisten komponiert hat. Pollini spielt seinen Klavierpart zu den Klängen vom Tonband, wobei es zu einer Verschmelzung der beiden Stimmen kommt, die sich aber dennoch voneinander abheben sollen.

Ich sage es offen: Ich war sehr berührt von diesem Live-Mitschnitt, habe aber deutlich an Pollinis Gesicht ablesen können, dass er sehr viel mehr in diesem Stück hört, als ich dazu in der Lage bin. Ich denke, dass ich mich nicht weitergehend mit Nonos Kompositionen auseinandersetzen werde, auch weil ich sicher bin, dass man gerade seine Klangexperimente live erleben muss, um einen wirklichen Höreindruck zu bekommen.

Von Pollinis makelloser Technik und seinem überaus klangschönen und kristallinen Ton habe ich schon oft geschwärmt. Und dass ich sein Chopin-Nocturne op. 27 Nr. 2 für die schönste und berührendste Interpretation überhaupt halte, dürfte sich auch herumgesprochen haben.

Was sind Eure Ansichten und Gedanken zu Maurizio Pollini?

Gruß, Cosima
Zelenka (11.11.2007, 19:27):
Liebe Cosima:

Ein eigener Faden für Pollini war sicher überfällig hier im Forum, ganz herzlichen Dank für Deinen Eröffnungsbeitrag!

Ich hätte bei Pollini auch eher auf einen introvertierten Menschen getippt, wortkarg ist er in früheren Zeiten zumindest gegenüber Journalisten auch mindestens mitunter gewesen, wie hier berichtet wird. Möglicherweise ist er tatsächlich in späteren Jahren lockerer geworden …

Ich teile Deine Ansicht, daß Pollini über eine makellose Technik und einen oft wunderschönen, kristallinen, lupenreinen Klang zaubert, hier gibt es meiner Meinung nach gar nichts zu diskutieren. Seit seinen Anfängen auf den Konzertpodien in den 60ern ist er allerdings immer wieder kontrovers beurteilt worden. Früh gab es Rezensenten, die meinten, er spiele die Noten nur möglichst schnell herunter, daß sein Spiel ohne Wärme sei, auch viel zu analytisch. Dem Moment, und da ist er anders als etwa mein Heros Kempff, überläßt Pollini wohl möglichst wenig. Ich vermisse immer wieder ein gewisses Maß an Spontaneität bei ihm, auch Wärme, als farblos allerdings würde ich sein Spiel keineswegs beschreiben. (Ich habe Pollini nie im Konzertsaal erlebt.)

Ich schätze es sehr, daß sich Pollini (vielleicht früher mehr als heute) für die moderne und modernste Musik eingesetzt hat, ich besitze etwa seine Schönberg-, Boulez- und Webern-Einspielungen. Dies sind sicher auf Dauer maßstabsetzende Leistungen. Bei den Klassikern ringe ich dann immer wieder respektvoll mit Pollini. Ich schätze seine Aufnahmen der späten Beethoven-Sonaten in ihrer Gesamtheit, ich habe mich auch an Versionen früherer Sonaten mittlerweile sehr gewöhnt. Noch in den letzten Tagen habe ich zum ersten Mal das vierte Beethoven-Konzert unter Böhm gehört und war ganz stark von der Innigkeit des Spiels beeindruckt. Ich halte seine Wanderer-Fantasie von Schubert für eine der besten Versionen überhaupt, vielleicht sogar die beste. Seine späten Schubert-Sonaten verstehe ich wohl immer noch nicht, ich habe anderswo leider etwas häßlich über sein D 960 geschrieben. (Ich verkneife mir, schon wieder das Urteil seines verstorbenen Kollegen S. Richter über sein Schubertspiel zu zitieren.) Sein Chopin überzeugt mich in weiten Teilen (Etüden, Polonaisen etc.) ungemein, nach einem anfänglichen Schock habe ich auch die noch recht neuen, sehr konzentriert gespielten Nocturnes schätzen gelernt. Pollinis frühe Aufnahme des ersten Chopin-Konzerts gehört sicher zu den Spitzenversionen. Sein Schumann hat mich in seiner Gesamtheit nicht sehr glücklich gemacht. Einiges wie seine Bartók-Konzerte kenne ich leider immer noch nicht. Bach (WTK I) hat er im Konzertsaal gegeben, aber leider bislang nicht aufgenommen. Ich könnte mir vorstellen, daß sein Bach interessant sein könnte.

Fazit: Pollini ist einer größten lebenden Pianisten, daß ihm zwei Folgen in der "Great Pianists"-Edition von Philips zuerkannt wurden, geht völlig in Ordnung. Ich habe mitunter Schwierigkeiten mit seinen Interpretationen, aber das macht sie nicht uninteressant, im Gegenteil!

Eine Pollini-Diskographie findet sich übrigens hier.

Gruß, Zelenka
satie (11.11.2007, 20:58):
Lieber Zelenka,
ich schließe mich Dir im Großen und Ganzen an. Ich persönlich schätze Pollini ebenfalls vor allem als Interpreten der Neuen Musik. Es war mein erstes Erlebnis mit ihm überhaupt. Ich hatte gerade begonnen, mich mit Schönberg zu beschäftigen (ich war da so ungefähr 17 und hatte gerade angefangen, Klavier zu studieren). In einer Analyse-Stunde hörten wir zuerst Glenn Gould (es war gerade keine andere Aufnahme greifbar), in der Folgestunde hatten wir dann eine Aufnahme mit Pollini. Dass es keinen größeren Unterschied geben kann ist ja klar (Gould spielt, was er will und schaft es so, auf die ihm eigene Weise da auch etwas interessantes draus zu machen, aber Pollini hatte den Notentext ernst genommen, spielte zunächst einmal alles so korrekt wie nur denkbar und dann mit genau dem Quantum Individualität, die solche Musik verträgt).
Dann sind natürlich Nonos "sofferte onde serene" geradezu legendär, zumal das wirklich eine Komposition ist, die aus Pollinis Spiel entstanden zu sein scheint und weniger aus einer Initial-Idee Nonos (so etwas hätte Stockhausen etwa niemals schreiben können). Vergleichbar ist die Freundschaft zwischen diesen beiden Musikern etwa mit jener zwischen Cage und Tudor.
Mühe habe ich bei Pollini dann, wenn er denkt, er müsse unbedingt analytisch vorgehen und mathematisch exakt spielen, etwa bei Chopins E-Dur-Prelude. Diese Interpretation (vielleicht gibt es auch verschiedene von Pollini, das weiß ich nicht) scheint mir diesen Ruf zu unterstreichen, der ihm oft eben auch fälschlicherweise anhaftet. Aber wie immer sollte man einen Pianisten nicht allein nach seinen extremsten Eigenheiten beurteilen (sonst hat man bei vielen Probleme, bei Gould wie Pogorelich, bei Gulda wie Horowitz etc.). Pianisten haben auch ihr ganz bestimmtes Repertoire.
Pollini ist zweifellos einer der ganz Großen und sollte unbedingt gebührende Beachtung finden.

Herzlich,
S A T I E
Rachmaninov (12.11.2007, 22:02):
@Cosima,

danke für die schöne Eröffnung!

Meine Antwort kann ich Dir aber leider erst in einer Woche geben, also zumindestens in der ebochalenb zu erwartenden Länge :beer
Gamaheh (13.11.2007, 00:07):
Liebe Cosima und alle anderen,

Pollini ist seit ungefähr zwanzig Jahren einer meiner Lieblingspianisten, häufig sogar mein Lieblingspianist. Ich kenne die meisten seiner Aufnahmen und würde zögern, eine oder einige darunter besonders herauszuheben (aber Chopins Etüden gehören zweifellos dazu), wenn ich auch lange seinen Brahms nicht mochte; das mag aber an Brahms liegen und nicht an Pollini. Auch im Konzert habe ich ihn diverse Male gehört – er ist sogar der einzige, von dem ich eine ganze Sammlung von Autogrammen irgendwo habe (nichts Besonderes, meist auf den Eintrittskarten) – es gehört irgendwie dazu, und er ist immer willig: früher in seiner Garderobe, wo er immer filterlose Zigaretten rauchte, neuerdings – seit das in der Musikhalle Sitte ist – hat er es sich letztes Jahr auch nicht nehmen lassen, geduldig ungefähr 200 Leuten im Foyer ihre CDs zu signieren.

So sehr ich seine Aufnahmen schätze, kommen diese für mich auch nicht von weitem an seine Live-Auftritte heran. Neuerdings werden ja auch Konzertaufnahmen von ihm veröffentlicht, was lange nicht der Fall war, im Gegenteil stehen seine Studio-Aufnahmen in dem Ruf, sehr umfangreich nachbearbeitet zu sein, da er so ein Perfektionist war – ich denke, daß es vor allem das ist, was ihm den Ruf einer gewissen Kühle eingebracht hat (den ich persönlich nicht nachvollziehen kann, dazu trägt aber vielleicht auch sein nüchternes Auftreten bei, das auch als magistral bezeichnet worden ist, dazu habe ich anderswo in diesem Forum geschrieben).

Seine Konzerte waren für mich schon immer Highlights des Jahres, aber seit einigen Jahren hat sich da meiner Meinung nach noch etwas geändert; das habe ich hier an anderem Ort beschrieben und will mich nicht wiederholen. Das Eindrucksvollste, was ich von ihm gehört habe, war Schumanns Fantasie in C, vor drei Jahren, wenn ich mich nicht irre – sogar mein damals sechzehnjähriger Sohn ist noch heute davon begeistert, obwohl er eigentlich nur gelegentlich mitkommt, um mir einen Gefallen zu tun. Glücklicherweise kommt Pollini regelmäßig fast jedes Jahr nach Hamburg, zunächst an diesem Donnerstag; er spielt Chopin und Debussy, wenn ich mich nicht irre, aber auch wenn er Hänschen klein und den Flohwalzer spielte, würde es sicherlich ein Erlebnis werden.

Trotz allem würde ich zögern, ihn – oder sonst irgend jemanden – als „einen der größten lebenden Pianisten“ oder ähnlich zu bezeichnen, weil das objektiv klingt, was es offensichtlich nicht ist. Er ist sicherlich einer der bedeutendsten, weil er schon so lange auf so hohem Niveau und so sehr ernsthaft musiziert und nicht zuletzt, weil er einfach solch einen Status hat, der nichts Vorübergehendes ist. Aber woran will man sonst die Qualität messen? Was berechtigt zu solch einer Aussage? Eine Frage, die ich durchaus ernst meine und deren Beantwortung mich sehr interessieren würde. Umso mehr, als ich gerade ein amüsantes kleines Buch mit dem Titel „Literatur als Qual und Gequalle“ (Untertitel: „Über den Kulturbetriebsintriganten Günter Grass“) gelesen habe, in dem es natürlich auch darum geht, wie ein gewisser Ruf zustande kommt.

Möglicherweise ist es richtig, daß Pollini kein spontaner Musiker ist. Seine Interpretationen sind immer durchdacht, immer am Werk orientiert, nicht an der Selbstverwirklichung. Dadurch haben sie etwas Beständiges, sie sind nicht solche, die einen beim ersten Hören umwerfen und beim zweiten oder dritten Mal kalt lassen. Vielleicht ist es das, was Bruno Walter mit der „heiligen Nüchternheit“ meint (er zitiert Nietzsche), d.h. der „Besonnenheit in der Begeisterung“ (Von der Musik und vom Musizieren, S.42).

Übrigens habe ich mal eine schöne Aufnahme vom Lucerne Festival mit Beethovens Chorfantasie gesehen (Abbado), in der er richtig mitgeht, das macht ihm offenbar großen Spaß. Den Film, den Du erwähnst, kenne ich.

Beste Grüße,
Gamaheh
Zelenka (15.11.2007, 17:21):
Liebe Gamaheh:

Bleibt es sich nicht letztlich gleich, ob ich Pollini als einen der größten oder als einen der bedeutendsten lebenden Pianisten bezeichne? Ich hatte die große Philips-Edition "Great Pianists of the 20th Century" erwähnt, eine Sammlung "großer" Pianisten, in der Pollini mit zwei Doppel-CDs vertreten ist. Es ist endlos darüber gestritten worden, ob die Aufnahme bestimmter Pianisten in diese Edition gerechtfertigt oder nicht gerechtfertigt war oder um ihre jeweilige Gewichtung (= Zahl der ihnen zugestandenen Folgen). Objektive Maßstäbe gibt es nicht, man wird sich nicht an der Höhe der Honorarvorstellungen der einzelnen Pianisten orientieren wollen. Pollinis dürften allerdings eher hoch zu veranschlagen sein. (Es hält sich hartnäckig ein Gerücht, daß er die Hälfte seiner Gage seinem Klavierstimmer überlasse …)

In der Tat sind Pollinis Interpretation sehr durchdacht und sicher am Ideal einer größtmöglichen Werktreue orientiert. Aber auch Wilhelm Kempff hätte mit seiner größeren Spontaneität und mit dem einhergehenden Risiko (nicht alles gelingt!) von sich gesagt, daß er zuvörderst dem Werk diene. An "Selbstverwirklichung" dürfte gerade Kempff zuletzt gedacht haben, eher an "Nachschöpfung", auch für ihn stand der Komponist immer ganz im Vordergrund (er war auch selbst ein gar nicht schlechter). Beständig sind Kempffs Interpretationen ganz sicher: Sie werden oft mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Aufnahme immer noch angeboten, gekauft und wohl auch gehört. Möge dies Pollini auch so beschieden sein! Ich kann es nur wünschen.

Ich wünsche Dir auch ein schönes Pollini-Konzert am heutigen Donnerstag!

Gruß, Zelenka
Rachmaninov (16.11.2007, 08:47):
@Pollini-Freunde

Meine ersten Eindrücke von Pollini waren eher negativ.
Sein Spiel war mir anfangs zu analytisch, zu kühl wirkte es auf mich.

Aber nach und nach hat mich dieser Pianist, der übrigends als typischer
Gentleman der lombardischen Hauptstadt locker durchgeht, wie sie in
Mailand überall zu sehen sind, einfach durchaus überzeugt.

Und so ist er mittlerweile einer der ganz wenigen, der nicht russischen
Schule, die mich wirklich überzeugen.

Natürlich muss man hier einfach seine Chpoin Preludes aber vor allem seine
Chopin Etüden nenne. Diese Aufnahmen sind einfach spitze und zeigen Pollini's
Klasse, die auf höchstem technischen Niveau, mit unglaublicher Kunst in der
Anschlagsdifferenzierung diese Werke gestallten wie nur wenige.

Bereits Rubinstein meinte bei Pollini's Sieg 1960 ja:
Technisch ist er schon heute besser als alle in der Jury

Sicher ein sehr freundlich gemeintes Kompliment. Allerdigs zeigte es
auch die Wertschätzung Rubinsteins.

Seinen Beethoven mag ich, auch wenn ich ihn nicht für allgemeingültige
halte. Aber welche Beethoven Einspielung darf dieses schon für sich
beanspruchen. Man kann nur hoffen das er alle Sonaten einspielt.
Vor allem seine Hammerklaviersonate sollte ich durchaus nochmals hören.

Seine letzten drei Sonaten von Schubert kann man natürlich diskutieren.
Vielen werden sie schlicht zu analytisch klingen. Persönlich mag ich diesen
Schubert, aber eher aus der Begeisterung Pollini's Kunst. Es ist nicht
unbedint "meine" bevorzugte Art der Schubert interpretation.
Sicherlich wäre es interessant gewesen das Recital mit den letzten drei
Schubert Sonaten hintereinander zu erleben.

Seinen Schumann Sonate und die h-moll von Liszt haben mich damals nicht
so sehr überzeugt. Diese Eindrücke muss ich allerdings nochmals überprüfen,
da sie eher aus der "Ablehnungsphase" stammen.

Natürlich ist sein Einsatz für die moderne Musik sehr ehrenwert und sicherlich
ein großes Verdienst. (Boulez höre ich dennoch nicht :P)

Pollini hat interessante Interview's gegeben. U.A. in der PIano News und für "Partituren". Ich werde daraus noch berichten...
Cosima (16.11.2007, 23:36):
Hallo allerseits,

ich zögere überhaupt nicht (mehr): Für mich ist Pollini einer der größten (bedeutendsten… oder was auch immer) Pianisten. Und zwar überhaupt - nicht nur unter den noch unter uns weilenden Tastenkünstlern. Sein Klavierspiel zeichnet sich aus durch stupende Technik, Klangschönheit, Gespür für rhythmische Feinheiten, Sanglichkeit, Differenziertheit im Anschlag. Seine Interpretationen sind für mich durchweg feinsinnig, ästhetisch und dabei vor allem auch sehr natürlich. Gefühlsduselig klingen seine Interpretationen nie; jene „Kühle“, die ihm zuweilen vorgeworfen wird, mag tatsächlich vorhanden sein. Positiv könnte man aber auch formulieren, dass es sich dabei um wohltuende Objektivität handelt: Bei Pollini habe ich – auch wenn mir seine Interpretation nicht gleich zur Gänze behagen mag – stets das Gefühl, dass er sich mit dem Werk ernsthaft auseinandergesetzt hat. Aber all das wurde eh schon gesagt…

Es wäre müßig aufzuzählen, welche seiner Aufnahme ich besonders liebe: Einzig mit seinen Schumann-Interpretationen bin ich nicht ganz glücklich. Zu Schubert: Es mag manchem Hörer hier das Emotionale fehlen. Gleichwohl gleicht Pollini dieses evtl. Manko aus mit anderen Eigenschaften, die ihn gerade für diesen Komponisten qualifizieren, nämlich ungemein kantablem, fließendem Klavierspiel (und bei welchem Pianisten findet man das in diesem Maße? Ich erinnere nur an den letzten Satz der D 958!). Seinen Beethoven, Chopin und Bartók finde ich hervorragend, und auch die Liszt-Sonate gefällt mir inzwischen sehr gut. Die Mozart-Konzerte sind durchweg sehr hörenswert, sowohl die alten unter Böhm als auch jene unter seinem eigenen Dirigat mit den Wienern.

Ich gebe aber auch zu: Vollkommen unwiderstehlich ist Pollini dann, wenn er einmal die Leine loslässt, seiner Spontaneität und seinem Temperament Raum gibt (z.B. Chopin 1. Klavierkonzert). Oder wenn er Beethovens 4. Klavierkonzert unter Böhm voller Verschmitztheit und Raffinesse spielt. Das sind Momente, in denen er für mich der „perfekte“ Pianist ist!

Ich würde mir erstens wünschen, dass ich ihn endlich einmal live erleben kann. Und zweitens – als Ersatz – dass mehr Live-Konzerte von ihm veröffentlicht werden.

Gruß, Cosima
Cosima (17.11.2007, 00:00):
Ach ja: Und über allem thront für mich sein Chopin op. 27 Nr. 2 :). Hier als Live-Mitschnitt zu genießen: (ich finde die Studio-Version allerdings überwältigender!)

http://de.youtube.com/watch?v=6cxkLZoEFEk

Gruß, Cosima
Rachmaninov (17.11.2007, 11:20):
Original von Cosima
Hallo allerseits,

ich zögere überhaupt nicht (mehr): Für mich ist Pollini einer der größten (bedeutendsten… oder was auch immer) Pianisten.

Jedenfalls einer der wenigen nicht russischen Pianisten mit Weltklasse Niveau!
Gamaheh (19.11.2007, 00:47):
Original von Zelenka
Bleibt es sich nicht letztlich gleich, ob ich Pollini als einen der größten oder als einen der bedeutendsten lebenden Pianisten bezeichne?
Lieber Zelenka,

natürlich ist das, was ich da betreibe, Wortklauberei - Entschuldigung! Ich habe - glaube ich - generell Probleme mit diesen ganzen Superlativen. Gestern las ich schon wieder solche Vokabeln wie "Pianistenlegende" und "Pianistentitan", auch "Ausnahmepianist" ist so ein völlig nichtssagendes Wort, wenn es auf jeden zweiten Pianisten angewandt wird, und selbst "Jahrhundertpianisten" gibt es diverse! (Wobei man natürlich "Pianist" durch irgend eine andere Bezeichnung ersetzen kann - Künstler jedenfalls, "Kfz-Schlosser-Legenden" gibt es wohl eher nicht.) Irgendwo habe ich vor einiger Zeit gelesen, daß eine nicht weiter spezifizierte Versammlung von Musikkritikern Pollini zum "größten lebenden Pianisten" (oder ähnlich) gewählt hat - das finde ich (bei aller Wertschätzung) affig.

Beständig sind Kempffs Interpretationen ganz sicher: Sie werden oft mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Aufnahme immer noch angeboten, gekauft und wohl auch gehört. Möge dies Pollini auch so beschieden sein! Ich kann es nur wünschen.!

Das meine ich doch: Es gibt viele, die auf hohem Niveau musizieren, und manche davon beständig auch lange Zeit, nachdem sie aufgehört haben, zu musizieren bzw. nur noch die Harfe anschlagen.

Ich wünsche Dir auch ein schönes Pollini-Konzert am heutigen Donnerstag!

Vielen Dank, das war es (s. "Gestern im Konzert").

Grüße,
Gamaheh
satie (19.11.2007, 08:05):
Liebe Gamaheh,
ich schließe mich Dir an! Ich finde diese Superlative werden sehr oft zu leeren Attributen, zumal man eigentlich in der Regel nicht weiß, woher diese Titulierungen rühren (so werden ja durchaus gewisse Musiker nur aus einem Renommee heraus zu großen Musikern gemacht, welches primär aus der Vermarktung erwächst, sprich durch "Slogans" kreiert wurde). Und die Anwendbarkeit auf praktisch jeden der bekannteren Pianisten erleichtert die Sache nicht.

Ich wäre dafür, dass man endlich neue Slogans auf Musiker anwendet und die abgedroschenen durch diese ersetzt.
Beispiele wären etwa:
Willi Kempff - Und danebenlangen ist Geschichte.
Maurizio Pollini - der auch mit 65 noch kraftvoll zupacken kann.
Cyprien Katsaris - perfekter Halt dank Dreiwettertaft.
Helene Grimaud - wenns mies klingt, siehts trotzdem schön aus.
Gebrüder Paratore - wir lächeln auch dann, wenn wir nicht mehr weiterwissen.
Glenn Gould - Sensation: der Welt erster wirbelloser Pianist.
György Cziffra - kann gleichzeitig Krawatten binden und mit dem kleinen Finger Schurken verprügeln!
Vladimir Horowitz - Wo Schönheit an den Tasten sitzt.

Ich wusste es ja schon immer: ich hätte in die Werbung gehen sollen. Ich hätte schon noch aus all den Musikern gute Produkte gemacht...

Herzlich,
S A T I E
Zelenka (19.11.2007, 17:49):
Original von Satie
Liebe Gamaheh,
ich schließe mich Dir an! Ich finde diese Superlative werden sehr oft zu leeren Attributen, zumal man eigentlich in der Regel nicht weiß, woher diese Titulierungen rühren (so werden ja durchaus gewisse Musiker nur aus einem Renommee heraus zu großen Musikern gemacht, welches primär aus der Vermarktung erwächst, sprich durch "Slogans" kreiert wurde). Und die Anwendbarkeit auf praktisch jeden der bekannteren Pianisten erleichtert die Sache nicht.

Herzlich,
S A T I E

Liebe Gamaheh, lieber Satie:

Diese semantischen Diskussionen über Bedeutungsentleerung bringen uns, glaube ich, nicht so arg viel. Man darf doch wohl seinem Respekt vor der Lebensleistung bestimmter Pianisten mit Adjektiven wie "groß" oder "bedeutend" ausdrücken, ohne daß Grundsatzdiskussionen entbrennen müßten. Dies ist ein Faden zu Pollini, kein Semantik-Seminar ...

Gruß, Zelenka
satie (20.11.2007, 00:01):
Also für mich war die semantische Diskussion eigentlich schon abgeschlossen...
Und natürlich, lieber Zelenka, darfst Du wen auch immer nennen wie immer Du möchtest.

Herzlichst,
S A T I E
Zelenka (20.11.2007, 12:08):
Original von Satie
Also für mich war die semantische Diskussion eigentlich schon abgeschlossen...
Und natürlich, lieber Zelenka, darfst Du wen auch immer nennen wie immer Du möchtest.

Herzlichst,
S A T I E

:down Danke!

Gruß, Zelenka
ab (03.12.2007, 09:10):
Heute zu seiner Neueinspielung des Beethovenvenschen op. 2 folgendes gefunden.

http://magazin.klassik.com/records/covers/11615_400x400.jpg
Cosima (03.12.2007, 12:51):
Original von ab
Heute zu seiner Neueinspielung des Beethovenvenschen op. 2 folgendes gefunden.


Ich kann dem Rezensenten nur beipflichten. "Unzeitgemäß zeitlos" - das trifft es tatsächlich. Sehr empfehlenswerte Aufnahmen!
Cosima (10.11.2007, 15:46):
Maurizio Pollini (geb. 1942 in Mailand)

Es war mir wichtig, einen Thread über Maurizio Pollini ins Leben zu rufen. Ich schätze diesen großartigen Pianisten sehr! Als Aufhänger benutze ich den Film von B. Ehrhardt „Eine Kielspur im Meer“ (A trail on the water) und ab’s Nachfrage bzgl. Luigi Nono.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51EP0HJ70CL._AA240_.jpg
Der Film macht die Freundschaft der drei Künstler (Abbado, Nono, Pollini) zum Thema; er entstand nach Nonos Tod. Der Komponist selber wird daher nicht durch Filmaufnahmen dokumentiert, sondern nur durch einzelne Bilder, Gedanken und Texte. Und eben durch die Gespräche mit Pollini, Abbado und Nuria Schönberg Nono, diverse Probenaufzeichnungen, Live-Mitschnitte, Bilder der Stadt Venedig etc.

Ich hatte vermutet, dass Pollini – ob seines eher kontrollierten Klavierspiels – ein introvertierter Mensch sein müsse. Dieses Vorurteil revidiere ich nun: Zu meiner großen Verblüffung und Freude durfte ich erleben, wie lebendig, engagiert (auch politisch), wach und vielschichtig dieser Künstler ist!

Zu Nono kann ich im Grunde nicht viel sagen, weil ich mich vorher nie mit ihm befasst habe (und wohl auch nicht befasst hätte, wenn es nicht gleichzeitig um Pollini gegangen wäre). Seine politisch inspirierte Musik behagt mir nicht; mir gefällt auch nicht, wie er bspw. Klänge der Straße in seine Kompositionen einbindet. Interessant fand ich seine Gedanken zur Stille und zu Dialogen in der Musik und seine Experimente mit Klangräumen. Anhand der Wirkung des Klanges im Raum wird der Bogen zurück zur Musik des Mittelalters und der Renaissance gespannt. Pollini ist nicht nur als Anwalt für Neue Musik tätig, sondern hatte im Rahmen seiner Konzertreihe „Progretto Pollini“ bei den Salzburger Festspielen auch Musik eben dieser vergangenen Epochen im Programm.

Nonos Werk „… sofferte onde serene…“ (1976) ist Pollini gewidmet. Das Stück ist ca. 7 Minuten lang; für Tonband und Klavier, bei dem Nono den Tonbandpart mit rohen und verfremdeten Klavierklängen des Pianisten komponiert hat. Pollini spielt seinen Klavierpart zu den Klängen vom Tonband, wobei es zu einer Verschmelzung der beiden Stimmen kommt, die sich aber dennoch voneinander abheben sollen.

Ich sage es offen: Ich war sehr berührt von diesem Live-Mitschnitt, habe aber deutlich an Pollinis Gesicht ablesen können, dass er sehr viel mehr in diesem Stück hört, als ich dazu in der Lage bin. Ich denke, dass ich mich nicht weitergehend mit Nonos Kompositionen auseinandersetzen werde, auch weil ich sicher bin, dass man gerade seine Klangexperimente live erleben muss, um einen wirklichen Höreindruck zu bekommen.

Von Pollinis makelloser Technik und seinem überaus klangschönen und kristallinen Ton habe ich schon oft geschwärmt. Und dass ich sein Chopin-Nocturne op. 27 Nr. 2 für die schönste und berührendste Interpretation überhaupt halte, dürfte sich auch herumgesprochen haben.

Was sind Eure Ansichten und Gedanken zu Maurizio Pollini?

Gruß, Cosima
Zelenka (11.11.2007, 19:27):
Liebe Cosima:

Ein eigener Faden für Pollini war sicher überfällig hier im Forum, ganz herzlichen Dank für Deinen Eröffnungsbeitrag!

Ich hätte bei Pollini auch eher auf einen introvertierten Menschen getippt, wortkarg ist er in früheren Zeiten zumindest gegenüber Journalisten auch mindestens mitunter gewesen, wie hier berichtet wird. Möglicherweise ist er tatsächlich in späteren Jahren lockerer geworden …

Ich teile Deine Ansicht, daß Pollini über eine makellose Technik und einen oft wunderschönen, kristallinen, lupenreinen Klang zaubert, hier gibt es meiner Meinung nach gar nichts zu diskutieren. Seit seinen Anfängen auf den Konzertpodien in den 60ern ist er allerdings immer wieder kontrovers beurteilt worden. Früh gab es Rezensenten, die meinten, er spiele die Noten nur möglichst schnell herunter, daß sein Spiel ohne Wärme sei, auch viel zu analytisch. Dem Moment, und da ist er anders als etwa mein Heros Kempff, überläßt Pollini wohl möglichst wenig. Ich vermisse immer wieder ein gewisses Maß an Spontaneität bei ihm, auch Wärme, als farblos allerdings würde ich sein Spiel keineswegs beschreiben. (Ich habe Pollini nie im Konzertsaal erlebt.)

Ich schätze es sehr, daß sich Pollini (vielleicht früher mehr als heute) für die moderne und modernste Musik eingesetzt hat, ich besitze etwa seine Schönberg-, Boulez- und Webern-Einspielungen. Dies sind sicher auf Dauer maßstabsetzende Leistungen. Bei den Klassikern ringe ich dann immer wieder respektvoll mit Pollini. Ich schätze seine Aufnahmen der späten Beethoven-Sonaten in ihrer Gesamtheit, ich habe mich auch an Versionen früherer Sonaten mittlerweile sehr gewöhnt. Noch in den letzten Tagen habe ich zum ersten Mal das vierte Beethoven-Konzert unter Böhm gehört und war ganz stark von der Innigkeit des Spiels beeindruckt. Ich halte seine Wanderer-Fantasie von Schubert für eine der besten Versionen überhaupt, vielleicht sogar die beste. Seine späten Schubert-Sonaten verstehe ich wohl immer noch nicht, ich habe anderswo leider etwas häßlich über sein D 960 geschrieben. (Ich verkneife mir, schon wieder das Urteil seines verstorbenen Kollegen S. Richter über sein Schubertspiel zu zitieren.) Sein Chopin überzeugt mich in weiten Teilen (Etüden, Polonaisen etc.) ungemein, nach einem anfänglichen Schock habe ich auch die noch recht neuen, sehr konzentriert gespielten Nocturnes schätzen gelernt. Pollinis frühe Aufnahme des ersten Chopin-Konzerts gehört sicher zu den Spitzenversionen. Sein Schumann hat mich in seiner Gesamtheit nicht sehr glücklich gemacht. Einiges wie seine Bartók-Konzerte kenne ich leider immer noch nicht. Bach (WTK I) hat er im Konzertsaal gegeben, aber leider bislang nicht aufgenommen. Ich könnte mir vorstellen, daß sein Bach interessant sein könnte.

Fazit: Pollini ist einer größten lebenden Pianisten, daß ihm zwei Folgen in der "Great Pianists"-Edition von Philips zuerkannt wurden, geht völlig in Ordnung. Ich habe mitunter Schwierigkeiten mit seinen Interpretationen, aber das macht sie nicht uninteressant, im Gegenteil!

Eine Pollini-Diskographie findet sich übrigens hier.

Gruß, Zelenka
satie (11.11.2007, 20:58):
Lieber Zelenka,
ich schließe mich Dir im Großen und Ganzen an. Ich persönlich schätze Pollini ebenfalls vor allem als Interpreten der Neuen Musik. Es war mein erstes Erlebnis mit ihm überhaupt. Ich hatte gerade begonnen, mich mit Schönberg zu beschäftigen (ich war da so ungefähr 17 und hatte gerade angefangen, Klavier zu studieren). In einer Analyse-Stunde hörten wir zuerst Glenn Gould (es war gerade keine andere Aufnahme greifbar), in der Folgestunde hatten wir dann eine Aufnahme mit Pollini. Dass es keinen größeren Unterschied geben kann ist ja klar (Gould spielt, was er will und schaft es so, auf die ihm eigene Weise da auch etwas interessantes draus zu machen, aber Pollini hatte den Notentext ernst genommen, spielte zunächst einmal alles so korrekt wie nur denkbar und dann mit genau dem Quantum Individualität, die solche Musik verträgt).
Dann sind natürlich Nonos "sofferte onde serene" geradezu legendär, zumal das wirklich eine Komposition ist, die aus Pollinis Spiel entstanden zu sein scheint und weniger aus einer Initial-Idee Nonos (so etwas hätte Stockhausen etwa niemals schreiben können). Vergleichbar ist die Freundschaft zwischen diesen beiden Musikern etwa mit jener zwischen Cage und Tudor.
Mühe habe ich bei Pollini dann, wenn er denkt, er müsse unbedingt analytisch vorgehen und mathematisch exakt spielen, etwa bei Chopins E-Dur-Prelude. Diese Interpretation (vielleicht gibt es auch verschiedene von Pollini, das weiß ich nicht) scheint mir diesen Ruf zu unterstreichen, der ihm oft eben auch fälschlicherweise anhaftet. Aber wie immer sollte man einen Pianisten nicht allein nach seinen extremsten Eigenheiten beurteilen (sonst hat man bei vielen Probleme, bei Gould wie Pogorelich, bei Gulda wie Horowitz etc.). Pianisten haben auch ihr ganz bestimmtes Repertoire.
Pollini ist zweifellos einer der ganz Großen und sollte unbedingt gebührende Beachtung finden.

Herzlich,
S A T I E
Rachmaninov (12.11.2007, 22:02):
@Cosima,

danke für die schöne Eröffnung!

Meine Antwort kann ich Dir aber leider erst in einer Woche geben, also zumindestens in der ebochalenb zu erwartenden Länge :beer
Gamaheh (13.11.2007, 00:07):
Liebe Cosima und alle anderen,

Pollini ist seit ungefähr zwanzig Jahren einer meiner Lieblingspianisten, häufig sogar mein Lieblingspianist. Ich kenne die meisten seiner Aufnahmen und würde zögern, eine oder einige darunter besonders herauszuheben (aber Chopins Etüden gehören zweifellos dazu), wenn ich auch lange seinen Brahms nicht mochte; das mag aber an Brahms liegen und nicht an Pollini. Auch im Konzert habe ich ihn diverse Male gehört – er ist sogar der einzige, von dem ich eine ganze Sammlung von Autogrammen irgendwo habe (nichts Besonderes, meist auf den Eintrittskarten) – es gehört irgendwie dazu, und er ist immer willig: früher in seiner Garderobe, wo er immer filterlose Zigaretten rauchte, neuerdings – seit das in der Musikhalle Sitte ist – hat er es sich letztes Jahr auch nicht nehmen lassen, geduldig ungefähr 200 Leuten im Foyer ihre CDs zu signieren.

So sehr ich seine Aufnahmen schätze, kommen diese für mich auch nicht von weitem an seine Live-Auftritte heran. Neuerdings werden ja auch Konzertaufnahmen von ihm veröffentlicht, was lange nicht der Fall war, im Gegenteil stehen seine Studio-Aufnahmen in dem Ruf, sehr umfangreich nachbearbeitet zu sein, da er so ein Perfektionist war – ich denke, daß es vor allem das ist, was ihm den Ruf einer gewissen Kühle eingebracht hat (den ich persönlich nicht nachvollziehen kann, dazu trägt aber vielleicht auch sein nüchternes Auftreten bei, das auch als magistral bezeichnet worden ist, dazu habe ich anderswo in diesem Forum geschrieben).

Seine Konzerte waren für mich schon immer Highlights des Jahres, aber seit einigen Jahren hat sich da meiner Meinung nach noch etwas geändert; das habe ich hier an anderem Ort beschrieben und will mich nicht wiederholen. Das Eindrucksvollste, was ich von ihm gehört habe, war Schumanns Fantasie in C, vor drei Jahren, wenn ich mich nicht irre – sogar mein damals sechzehnjähriger Sohn ist noch heute davon begeistert, obwohl er eigentlich nur gelegentlich mitkommt, um mir einen Gefallen zu tun. Glücklicherweise kommt Pollini regelmäßig fast jedes Jahr nach Hamburg, zunächst an diesem Donnerstag; er spielt Chopin und Debussy, wenn ich mich nicht irre, aber auch wenn er Hänschen klein und den Flohwalzer spielte, würde es sicherlich ein Erlebnis werden.

Trotz allem würde ich zögern, ihn – oder sonst irgend jemanden – als „einen der größten lebenden Pianisten“ oder ähnlich zu bezeichnen, weil das objektiv klingt, was es offensichtlich nicht ist. Er ist sicherlich einer der bedeutendsten, weil er schon so lange auf so hohem Niveau und so sehr ernsthaft musiziert und nicht zuletzt, weil er einfach solch einen Status hat, der nichts Vorübergehendes ist. Aber woran will man sonst die Qualität messen? Was berechtigt zu solch einer Aussage? Eine Frage, die ich durchaus ernst meine und deren Beantwortung mich sehr interessieren würde. Umso mehr, als ich gerade ein amüsantes kleines Buch mit dem Titel „Literatur als Qual und Gequalle“ (Untertitel: „Über den Kulturbetriebsintriganten Günter Grass“) gelesen habe, in dem es natürlich auch darum geht, wie ein gewisser Ruf zustande kommt.

Möglicherweise ist es richtig, daß Pollini kein spontaner Musiker ist. Seine Interpretationen sind immer durchdacht, immer am Werk orientiert, nicht an der Selbstverwirklichung. Dadurch haben sie etwas Beständiges, sie sind nicht solche, die einen beim ersten Hören umwerfen und beim zweiten oder dritten Mal kalt lassen. Vielleicht ist es das, was Bruno Walter mit der „heiligen Nüchternheit“ meint (er zitiert Nietzsche), d.h. der „Besonnenheit in der Begeisterung“ (Von der Musik und vom Musizieren, S.42).

Übrigens habe ich mal eine schöne Aufnahme vom Lucerne Festival mit Beethovens Chorfantasie gesehen (Abbado), in der er richtig mitgeht, das macht ihm offenbar großen Spaß. Den Film, den Du erwähnst, kenne ich.

Beste Grüße,
Gamaheh
Zelenka (15.11.2007, 17:21):
Liebe Gamaheh:

Bleibt es sich nicht letztlich gleich, ob ich Pollini als einen der größten oder als einen der bedeutendsten lebenden Pianisten bezeichne? Ich hatte die große Philips-Edition "Great Pianists of the 20th Century" erwähnt, eine Sammlung "großer" Pianisten, in der Pollini mit zwei Doppel-CDs vertreten ist. Es ist endlos darüber gestritten worden, ob die Aufnahme bestimmter Pianisten in diese Edition gerechtfertigt oder nicht gerechtfertigt war oder um ihre jeweilige Gewichtung (= Zahl der ihnen zugestandenen Folgen). Objektive Maßstäbe gibt es nicht, man wird sich nicht an der Höhe der Honorarvorstellungen der einzelnen Pianisten orientieren wollen. Pollinis dürften allerdings eher hoch zu veranschlagen sein. (Es hält sich hartnäckig ein Gerücht, daß er die Hälfte seiner Gage seinem Klavierstimmer überlasse …)

In der Tat sind Pollinis Interpretation sehr durchdacht und sicher am Ideal einer größtmöglichen Werktreue orientiert. Aber auch Wilhelm Kempff hätte mit seiner größeren Spontaneität und mit dem einhergehenden Risiko (nicht alles gelingt!) von sich gesagt, daß er zuvörderst dem Werk diene. An "Selbstverwirklichung" dürfte gerade Kempff zuletzt gedacht haben, eher an "Nachschöpfung", auch für ihn stand der Komponist immer ganz im Vordergrund (er war auch selbst ein gar nicht schlechter). Beständig sind Kempffs Interpretationen ganz sicher: Sie werden oft mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Aufnahme immer noch angeboten, gekauft und wohl auch gehört. Möge dies Pollini auch so beschieden sein! Ich kann es nur wünschen.

Ich wünsche Dir auch ein schönes Pollini-Konzert am heutigen Donnerstag!

Gruß, Zelenka
Rachmaninov (16.11.2007, 08:47):
@Pollini-Freunde

Meine ersten Eindrücke von Pollini waren eher negativ.
Sein Spiel war mir anfangs zu analytisch, zu kühl wirkte es auf mich.

Aber nach und nach hat mich dieser Pianist, der übrigends als typischer
Gentleman der lombardischen Hauptstadt locker durchgeht, wie sie in
Mailand überall zu sehen sind, einfach durchaus überzeugt.

Und so ist er mittlerweile einer der ganz wenigen, der nicht russischen
Schule, die mich wirklich überzeugen.

Natürlich muss man hier einfach seine Chpoin Preludes aber vor allem seine
Chopin Etüden nenne. Diese Aufnahmen sind einfach spitze und zeigen Pollini's
Klasse, die auf höchstem technischen Niveau, mit unglaublicher Kunst in der
Anschlagsdifferenzierung diese Werke gestallten wie nur wenige.

Bereits Rubinstein meinte bei Pollini's Sieg 1960 ja:
Technisch ist er schon heute besser als alle in der Jury

Sicher ein sehr freundlich gemeintes Kompliment. Allerdigs zeigte es
auch die Wertschätzung Rubinsteins.

Seinen Beethoven mag ich, auch wenn ich ihn nicht für allgemeingültige
halte. Aber welche Beethoven Einspielung darf dieses schon für sich
beanspruchen. Man kann nur hoffen das er alle Sonaten einspielt.
Vor allem seine Hammerklaviersonate sollte ich durchaus nochmals hören.

Seine letzten drei Sonaten von Schubert kann man natürlich diskutieren.
Vielen werden sie schlicht zu analytisch klingen. Persönlich mag ich diesen
Schubert, aber eher aus der Begeisterung Pollini's Kunst. Es ist nicht
unbedint "meine" bevorzugte Art der Schubert interpretation.
Sicherlich wäre es interessant gewesen das Recital mit den letzten drei
Schubert Sonaten hintereinander zu erleben.

Seinen Schumann Sonate und die h-moll von Liszt haben mich damals nicht
so sehr überzeugt. Diese Eindrücke muss ich allerdings nochmals überprüfen,
da sie eher aus der "Ablehnungsphase" stammen.

Natürlich ist sein Einsatz für die moderne Musik sehr ehrenwert und sicherlich
ein großes Verdienst. (Boulez höre ich dennoch nicht :P)

Pollini hat interessante Interview's gegeben. U.A. in der PIano News und für "Partituren". Ich werde daraus noch berichten...
Cosima (16.11.2007, 23:36):
Hallo allerseits,

ich zögere überhaupt nicht (mehr): Für mich ist Pollini einer der größten (bedeutendsten… oder was auch immer) Pianisten. Und zwar überhaupt - nicht nur unter den noch unter uns weilenden Tastenkünstlern. Sein Klavierspiel zeichnet sich aus durch stupende Technik, Klangschönheit, Gespür für rhythmische Feinheiten, Sanglichkeit, Differenziertheit im Anschlag. Seine Interpretationen sind für mich durchweg feinsinnig, ästhetisch und dabei vor allem auch sehr natürlich. Gefühlsduselig klingen seine Interpretationen nie; jene „Kühle“, die ihm zuweilen vorgeworfen wird, mag tatsächlich vorhanden sein. Positiv könnte man aber auch formulieren, dass es sich dabei um wohltuende Objektivität handelt: Bei Pollini habe ich – auch wenn mir seine Interpretation nicht gleich zur Gänze behagen mag – stets das Gefühl, dass er sich mit dem Werk ernsthaft auseinandergesetzt hat. Aber all das wurde eh schon gesagt…

Es wäre müßig aufzuzählen, welche seiner Aufnahme ich besonders liebe: Einzig mit seinen Schumann-Interpretationen bin ich nicht ganz glücklich. Zu Schubert: Es mag manchem Hörer hier das Emotionale fehlen. Gleichwohl gleicht Pollini dieses evtl. Manko aus mit anderen Eigenschaften, die ihn gerade für diesen Komponisten qualifizieren, nämlich ungemein kantablem, fließendem Klavierspiel (und bei welchem Pianisten findet man das in diesem Maße? Ich erinnere nur an den letzten Satz der D 958!). Seinen Beethoven, Chopin und Bartók finde ich hervorragend, und auch die Liszt-Sonate gefällt mir inzwischen sehr gut. Die Mozart-Konzerte sind durchweg sehr hörenswert, sowohl die alten unter Böhm als auch jene unter seinem eigenen Dirigat mit den Wienern.

Ich gebe aber auch zu: Vollkommen unwiderstehlich ist Pollini dann, wenn er einmal die Leine loslässt, seiner Spontaneität und seinem Temperament Raum gibt (z.B. Chopin 1. Klavierkonzert). Oder wenn er Beethovens 4. Klavierkonzert unter Böhm voller Verschmitztheit und Raffinesse spielt. Das sind Momente, in denen er für mich der „perfekte“ Pianist ist!

Ich würde mir erstens wünschen, dass ich ihn endlich einmal live erleben kann. Und zweitens – als Ersatz – dass mehr Live-Konzerte von ihm veröffentlicht werden.

Gruß, Cosima
Cosima (17.11.2007, 00:00):
Ach ja: Und über allem thront für mich sein Chopin op. 27 Nr. 2 :). Hier als Live-Mitschnitt zu genießen: (ich finde die Studio-Version allerdings überwältigender!)

http://de.youtube.com/watch?v=6cxkLZoEFEk

Gruß, Cosima
Rachmaninov (17.11.2007, 11:20):
Original von Cosima
Hallo allerseits,

ich zögere überhaupt nicht (mehr): Für mich ist Pollini einer der größten (bedeutendsten… oder was auch immer) Pianisten.

Jedenfalls einer der wenigen nicht russischen Pianisten mit Weltklasse Niveau!
Gamaheh (19.11.2007, 00:47):
Original von Zelenka
Bleibt es sich nicht letztlich gleich, ob ich Pollini als einen der größten oder als einen der bedeutendsten lebenden Pianisten bezeichne?
Lieber Zelenka,

natürlich ist das, was ich da betreibe, Wortklauberei - Entschuldigung! Ich habe - glaube ich - generell Probleme mit diesen ganzen Superlativen. Gestern las ich schon wieder solche Vokabeln wie "Pianistenlegende" und "Pianistentitan", auch "Ausnahmepianist" ist so ein völlig nichtssagendes Wort, wenn es auf jeden zweiten Pianisten angewandt wird, und selbst "Jahrhundertpianisten" gibt es diverse! (Wobei man natürlich "Pianist" durch irgend eine andere Bezeichnung ersetzen kann - Künstler jedenfalls, "Kfz-Schlosser-Legenden" gibt es wohl eher nicht.) Irgendwo habe ich vor einiger Zeit gelesen, daß eine nicht weiter spezifizierte Versammlung von Musikkritikern Pollini zum "größten lebenden Pianisten" (oder ähnlich) gewählt hat - das finde ich (bei aller Wertschätzung) affig.

Beständig sind Kempffs Interpretationen ganz sicher: Sie werden oft mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Aufnahme immer noch angeboten, gekauft und wohl auch gehört. Möge dies Pollini auch so beschieden sein! Ich kann es nur wünschen.!

Das meine ich doch: Es gibt viele, die auf hohem Niveau musizieren, und manche davon beständig auch lange Zeit, nachdem sie aufgehört haben, zu musizieren bzw. nur noch die Harfe anschlagen.

Ich wünsche Dir auch ein schönes Pollini-Konzert am heutigen Donnerstag!

Vielen Dank, das war es (s. "Gestern im Konzert").

Grüße,
Gamaheh
satie (19.11.2007, 08:05):
Liebe Gamaheh,
ich schließe mich Dir an! Ich finde diese Superlative werden sehr oft zu leeren Attributen, zumal man eigentlich in der Regel nicht weiß, woher diese Titulierungen rühren (so werden ja durchaus gewisse Musiker nur aus einem Renommee heraus zu großen Musikern gemacht, welches primär aus der Vermarktung erwächst, sprich durch "Slogans" kreiert wurde). Und die Anwendbarkeit auf praktisch jeden der bekannteren Pianisten erleichtert die Sache nicht.

Ich wäre dafür, dass man endlich neue Slogans auf Musiker anwendet und die abgedroschenen durch diese ersetzt.
Beispiele wären etwa:
Willi Kempff - Und danebenlangen ist Geschichte.
Maurizio Pollini - der auch mit 65 noch kraftvoll zupacken kann.
Cyprien Katsaris - perfekter Halt dank Dreiwettertaft.
Helene Grimaud - wenns mies klingt, siehts trotzdem schön aus.
Gebrüder Paratore - wir lächeln auch dann, wenn wir nicht mehr weiterwissen.
Glenn Gould - Sensation: der Welt erster wirbelloser Pianist.
György Cziffra - kann gleichzeitig Krawatten binden und mit dem kleinen Finger Schurken verprügeln!
Vladimir Horowitz - Wo Schönheit an den Tasten sitzt.

Ich wusste es ja schon immer: ich hätte in die Werbung gehen sollen. Ich hätte schon noch aus all den Musikern gute Produkte gemacht...

Herzlich,
S A T I E
Zelenka (19.11.2007, 17:49):
Original von Satie
Liebe Gamaheh,
ich schließe mich Dir an! Ich finde diese Superlative werden sehr oft zu leeren Attributen, zumal man eigentlich in der Regel nicht weiß, woher diese Titulierungen rühren (so werden ja durchaus gewisse Musiker nur aus einem Renommee heraus zu großen Musikern gemacht, welches primär aus der Vermarktung erwächst, sprich durch "Slogans" kreiert wurde). Und die Anwendbarkeit auf praktisch jeden der bekannteren Pianisten erleichtert die Sache nicht.

Herzlich,
S A T I E

Liebe Gamaheh, lieber Satie:

Diese semantischen Diskussionen über Bedeutungsentleerung bringen uns, glaube ich, nicht so arg viel. Man darf doch wohl seinem Respekt vor der Lebensleistung bestimmter Pianisten mit Adjektiven wie "groß" oder "bedeutend" ausdrücken, ohne daß Grundsatzdiskussionen entbrennen müßten. Dies ist ein Faden zu Pollini, kein Semantik-Seminar ...

Gruß, Zelenka
satie (20.11.2007, 00:01):
Also für mich war die semantische Diskussion eigentlich schon abgeschlossen...
Und natürlich, lieber Zelenka, darfst Du wen auch immer nennen wie immer Du möchtest.

Herzlichst,
S A T I E
Zelenka (20.11.2007, 12:08):
Original von Satie
Also für mich war die semantische Diskussion eigentlich schon abgeschlossen...
Und natürlich, lieber Zelenka, darfst Du wen auch immer nennen wie immer Du möchtest.

Herzlichst,
S A T I E

:down Danke!

Gruß, Zelenka
ab (03.12.2007, 09:10):
Heute zu seiner Neueinspielung des Beethovenvenschen op. 2 folgendes gefunden.

http://magazin.klassik.com/records/covers/11615_400x400.jpg
Cosima (03.12.2007, 12:51):
Original von ab
Heute zu seiner Neueinspielung des Beethovenvenschen op. 2 folgendes gefunden.


Ich kann dem Rezensenten nur beipflichten. "Unzeitgemäß zeitlos" - das trifft es tatsächlich. Sehr empfehlenswerte Aufnahmen!
Rachmaninov (27.03.2008, 07:02):
@Daniel,

Du schriebst in einem anderen Thread

Original von daniel5993
Der einzige Pianist (von dem ich weiß) der fast alles spielt und das auch noch überdurchschnittlich gut (meist sogar Weltklasse) ist soweit mir bekannt ist, Maurizio Pollini.

Da Du hier Pollini ansprichst antworte ich Dir in diesem Thread.

Deine Aussage ist inhaltlich völlig falsch. Pollini spielt nicht fast alles. Zwar hat er ein Spektrum vom Mozart, Schubert, Beethoven bis in die Moderne Musik, jedoch hat er immer wieder in zahlreichen Interviews betont, dass er sich mit den Werken, die er spielt sehr intensiv beschäftigt und gerade deshalb auch zahlreiche Werke gar nicht spielt.
Soweit mit bekannt gibt es keine Skrijabin, Rachmaninov oder Prokofiev Aufnahmen mit ihm. Nur mal exemplarisch.
Zelenka (27.03.2008, 16:04):
Original von Rachmaninov
Soweit mit bekannt gibt es keine Skrijabin, Rachmaninov oder Prokofiev Aufnahmen mit ihm.

Für DG hat Pollini immerhin Prokofievs 7. Sonate eingespielt, es gibt eine Live-Aufnahme des dritten Prokofiev-Konzerts.

Gruß, Zelenka
Rachmaninov (27.03.2008, 17:56):
Original von Zelenka
Original von Rachmaninov
Soweit mit bekannt gibt es keine Skrijabin, Rachmaninov oder Prokofiev Aufnahmen mit ihm.

Für DG hat Pollini immerhin Prokofievs 7. Sonate eingespielt, es gibt eine Live-Aufnahme des dritten Prokofiev-Konzerts.

Gruß, Zelenka

Oh, danke für die Information. Hatte ich nicht gewusst :thanks
Rachmaninov (29.07.2008, 12:51):
Vor ein paar Tagen schrieb Zelenka im Thread "internationale Presse"

Original von Zelenka
Das Blindhören im Juli/August-Heft von "Classica" widmete sich Beethovens Klaviersonate No. 23 op. 57, der "Apassionata". Dabei wurde erst einmal der Ballast der Vergangenheit abgeworfen, sprich die Aufnahmen vor den 90ern. Eine Ausnahme wurde gestattet, Moravec' Version (VAI) stammt zwar aus dem Jahre 1962, wurde aber zumindest in Frankreich erst Mitte des letzten Jahrzehnts bekannt.

Das Resultat:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/31KCARQP3FL._SL500_AA240_.jpg

10

1. Maurizio Pollini (live) DG 4744512


Diesem Beitrag folgten hier und das einige Diskussionen.

Pollini's Aufnahme der Appassionata ist IMHO grandios. Nach längerer Zeit hörte ich sie nochmals und muss sagen, dass es wohl kaum einen Pianisten gibt, der sowohl das Werk in seiner Gesamtheit so erfasst hat und dennoch jeden einzelnen Anschlag so wohl überlegt und differenziert spielt.

:times10
Dr. Schön (04.08.2008, 21:19):
Aus den letzten Jahren mag ich sie neben der von Aimard auch am liebsten.
Cosima (11.10.2008, 22:30):
Ein paar erste Eindrücke hierzu:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51kDx-K%2BNZL._SL500_AA240_.jpg

Pollini ist einer meiner liebsten (Chopin-) Interpreten überhaupt. Was soll ich also zu seiner neuen Aufnahme schreiben? Er selber sagt, dass er inzwischen mit mehr Freiheit spielen würde als in frühen Jahren. Ja, so ist auch mein Eindruck, als ich die ältere Aufnahme der 2. Sonate aus 1985 mit dieser neuen Einspielung verglichen habe. Die Tempi driften – bis auf den Marche funèbre – nicht allzu sehr auseinander:

1. Satz: 1985 - 7’16; 2008 - 7’34
2. Satz: 1985 - 6’14; 2008 - 6’11
3. Satz: 1985 - 8’24; 2008 - 7’39
4. Satz: 1985 - 1’23; 2008 - 1’34

Der Trauermarsch (aber nicht nur der) in der neuen Aufnahme ist m.E. ausdrucksstark und nuanciert gespielt. Überhaupt ist in der Sonate und den anderen Werken nichts zu hören von einem zarten, schwächlichen Chopin: Pollini spielt energievoll, durchaus zupackend, aber wie immer mit noblem Anschlag.

Ich habe die Strenge und diamantene Klarheit des frühen Pollini sehr gemocht. Da hat sich das Spiel des Pianisten im Laufe der Jahre etwas gewandelt: Brillant und elegant ist sein Spiel heute noch immer, aber es ist etwas runder, gelöster und vom Gesamteindruck vitaler geworden. Gefällt mir aber auch sehr gut!

Allerdings empfinde ich seine Interpretationen der Walzer als etwas zu forsch und direkt - hier ziehe ich zum Beispiel Tharauds fragiler klingenden Ansatz vor. Das soll Pollinis Herangehensweise nicht abwerten, ich habe nur ein bestimmtes, anders klingendes Ideal im Sinn.

Die übrigen Chopin-Werke sind ebenfalls sehr hörenswert. Einzig die Mazurka op. 33 Nr. 4 war m.E. eine Spezialität von ABM, so dass ich dessen überragende Aufnahmen immer im Ohr habe und unwillkürlich vergleiche. Aber das ist nicht wichtig – insgesamt bin ich jedenfalls begeistert von Pollinis neuer Chopin-CD! Über alles andere mögen kritischere Geister als ich urteilen, ich mag diesen Künstler einfach zu sehr… :)

Gruß, Cosima
Gamaheh (16.10.2008, 20:12):
Original von Cosima
Ein paar erste Eindrücke hierzu:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51kDx-K%2BNZL._SL500_AA240_.jpg

Ich habe hier einen "rave review" von dieser Aufnahme gelesen, sie aber leider noch nicht hören können - ich hoffe, das in der allernächsten Zeit nachzuholen.

Grüße,
Gamaheh
Gamaheh (28.02.2009, 16:13):
Pollini hat in letzter Zeit ein wenig seine Zurückhaltung aufgegeben und sich sogar in einer italienischen Fernsehsendung offenbar populärer Ausrichtung interviewen lassen. Dies ist für uns bei youtube nachvollziehbar:

Teil 1 (leider am Anfang abgeschnitten)

Teil 2

Etwas ärgerlich, daß er immer wieder durch irgendwelche inanen Bemerkungen des Interviewers unterbrochen wird, besonders wenn dieser meint, daß das, was Pollini im Begriff ist zu sagen, zu "schwierig" für das Publikum ist. Pollini ist aber ein höflicher Mensch und ärgert sich nicht, und es gelingt ihm trotzdem, etwas über die Bedeutung der zeitgenössischen Musik zu sagen. Besonders schön fand ich seine Antwort auf die Frage, warum denn die "Musik von Qualität" (wie er statt "klassischer" oder "ernster" Musik etwas weniger einschränkend sagt) seiner Meinung nach wichtig auch für die jungen Leute sei: "Weil ich meine, daß Qualität guuut tut!"

Hier auch noch ein Interview aus der französischen Zeitschrift L'Express rezenten Datums, in dem er über den Warschauer Wettbewerb und Artur Rubinstein spricht, über - natürlich - die neue Musik, wo seiner Meinung nach die Atonalität die Töne demokratisiert hat, über seine diesjährige Serie von Konzerten in der Pariser Salle Pleyel, in der er programmatisch Beispiele der Neuen Musik der klassischen gegenüberstellt.

Interessant seine Bermerkung, daß er seine frühen Aufnahmen jetzt bisweilen etwas kühl findet und meint, mit wachsender Erfahrung mehr Freiheit in der Interpretation zu gewinnen, besonders bei Chopin.

Grüße,
Gamaheh
sahrapa92 (26.05.2014, 15:52):
habe die aufnahmen seiner späten schubertsonaten anfangs der 70ziger das erste mal gehört, nur gedacht, das ist es, besser gehts nicht.
dann habe ich ihn im konzert gehört, chopinetuden, opus 10.1 einmal rausgekommen, virtuos gelöst. die chopin-etuden at its best.
auch die zweite schumann-sonate, besser gehts nicht. dass sich musikalität und gute spieltechnik in einer person vereinen, ist leider sehr selten. pollini ist so ein weisser elefant. er ist ein perfektionist um der musik willen. ich kenne keine schlechte aufnahme von ihm. ach doch, eine frühe einspielung der polonaisen klingt überkühlt, wenig engagiert, fast so wie vom blatt gespielt. ob er den pathos nicht mag, damals nicht in der lage war, dem affen zucker zu geben, ich weiss es nicht.
mein professor schwärmte von seinen einspielungen von schoenberg, mit dem ich biis heute nichts anfangen kann.
wie soll man ihn bezeichenen? einen interlektuellen musiker?? musiker sind nicht interlekuell, sie sind halt musiker, die ihre gefühlswelt in der sprache der musik mitteilen. womit ich eigentlich einen neuen threat über barenboim eröffnen müsste.
vielleicht ein andermal....