Meilensteine und Glanzlichter der Musikliteratur

Shruti (08.09.2013, 17:43):
Zu jeder Zeit gab bzw. gibt es Glanzlicher, also Werke, die ihre Zeit geprägt haben und schon zur Zeit Ihrer Entstehung eine herausragende Stellung einnahmen - also "epochale" Werke.
Und dann wieder gab und gibt es Werke, die als Meilensteine der Musikgeschichte nicht immer "epochal", aber ihrer Zeit voraus waren, einen Beitrag zur Weiterentwicklung von Form, Tonalität, Instrumentieurung, Aufführungspraxis etc. geleistet haben.

Welches sind für Euch Glanzlicher und Meilensteine der Musikliteratur? Und warum?
Ich bin sehr gespannt, auch auf unerwartete Vorschläge...
Florestan (08.09.2013, 20:26):
Hallo

Ich habe zu diesem Thema schon seit langem eine Meinung, und die Liste der Werke hat sich in den letzten 25 Jahren nicht verändert. Ich wähle nur 10 Werke aus, obwohl man wesentlich mehr nennen könnte. Natürlich ist die Auswahl höchst subjektiv. Ausschlaggebend ist für mich dabei die Singularität der Werke.

J.S. Bach ==> Matthäuspassion
Das Oratorium schlechthin und Vorbild für alle Nachfolger. In Bezug auf musikalischen Ausdruck und Dichte selbst im Schaffen von Bach ein Solitär.

J.S. Bach ==> Goldbergvariationen
Als Variationszyklus einzigartig und seiner Zeit weit voraus. Dies ist zeitlose Musik. In der Art und Weise wie hier eine schlichte Arie verändert wird zeigt sich das wahre Genie.

L.v. Beethoven ==> Diabelli Variationen
In der Nachfolge zu den Goldbergvariationen der 2. Geniestreich was Variationen anbelangt. Hier ist das Thema noch banaler, aber Beethoven erschafft einen ganzen Mikrokosmos, der einen staunend zurücklässt. Musik für die Ewigkeit.

L.v. Beethoven ==> Missa Solemnis
Beethovens Vermächtnis an die Welt. Höchste Kontemplation wechselt sich mit Dramatik und dem Ruf nach Frieden ab.

L.v. Beethoven ==> Streichquartett a-moll op.132 (als Beispiel für die Kette der späten Quartette op.127,131-133
Diese Musik ist ebenfalls zeitlos und weist weit in die Zukunft voraus. Es hat nahezu 100 Jahre bedurft, bis Schönberg hier angeknüpft hat (s.u.)

F. Liszt ==> Sonate h-moll
Keine Sonate im herkämmlichen Sinn, aber ein Ausdruck höchster Verdichtung kompositorischer Mittel. Viele Generationen von Komponisten und Musikern haben sich an diesem Werk abgearbeitet. Das wohl genialste Werk eines der wichtigsten Komponisten überhaupt.

R. Wagner ==> Tristan und Isolde
Das bahnbrechende Meisterwerk in der 2. Hälfte des 19.Jh. Danach war die Oper nicht mehr wie vorher. Die Radikalität der Klangsprache und des musikalischen Ausdrucks hat ganze Generationen beschäftigt, und beschäftigt sie noch heute.

I. Strawinsky ==> Le Sacre du Printemps
In einer skandalreichen Zeit einer der Höhepunkte. Keiner hat so radikal mit der Tradition gebrochen, und damit Maßstäbe für die Zukunft gesetzt.

A. Schönberg ==> Streichquartett op.10
Der Durchbruch zur freien Tonalität. Das 20. Jh wäre musikalisch ohne dieses Werk anders verlaufen.

Alban Berg ==> Wozzek
Die wohl wichtigste Oper im 20. Jh. Kein Zeitgenosse hat auch nur annähernd dieses Niveau erreicht. Das Standardwerk des Expressionismus.

Herzliche Grüße Florestan
Shruti (09.09.2013, 09:59):
Hallo Florestan,
vielen Dank für Deine Antwort! Klar, die Frage kann nur höchst subjektiv beantwortet werden.

Original von Florestan
Alban Berg ==> Wozzek
Die wohl wichtigste Oper im 20. Jh. Kein Zeitgenosse hat auch nur annähernd dieses Niveau erreicht. Das Standardwerk des Expressionismus.

Einverstanden, Wozzeck gehört zu den Standardwerken des Expressionismus. Aber, ich finde, dass die Oper zwar ein "Exempel" ist, aber eben doch kein Meilenstein.

Ich persönlich halte Richard Strauss' Salome (und von mir aus auch Elektra) für den "Wegbereiter von Wozzeck". Als durchkomponierte Oper durchaus dem Musikdrama Wagners nicht unähnlich überschreitet Strauss die Grenzen der Tonalität.

Im Grunde hat Berg doch das konsequent zu Ende gebracht, was in Salome/Elektra weitestgehend schon angelegt ist...
Jürgen (09.09.2013, 10:43):
Original von Florestan
J.S. Bach ==> Goldbergvariationen
Als Variationszyklus einzigartig und seiner Zeit weit voraus. Dies ist zeitlose Musik.


Hallo Florestan

Es liegt sicherlich am Montagmorgen, dass ich Schwierigkeiten habe, zu verstehen, wie ein Werk einerseits seiner Zeit voraus und andererseits zeitlos sein kann :D

Mein Beitrag zum Thema:

Alessandro Striggio - Ecce beatam lucem
Der Meilenstein der polyphonen Renaissancemusik. Vorbild für Tallis' Spem in alium.


Grüße
Jürgen
Florestan (09.09.2013, 11:39):
Original von Jürgen


Es liegt sicherlich am Montagmorgen, dass ich Schwierigkeiten habe, zu verstehen, wie ein Werk einerseits seiner Zeit voraus und andererseits zeitlos sein kann :D

Hallo Jürgen

Das war etwas ungeschickt formuliert, und liegt nicht am Montagmorgen :wink
Das Werk ist zeitlos, wie vieles von Bach, das sich von der Musik seiner Zeitgenossen unterscheidet.

Die Elektra hatte ich auch zunächst in die Liste aufnehmen wollen, aber der Unterschied zum Wozzeck liegt darin, das Strauss seine kompositorischen Mittel überwiegend deskriptiv einsetzt, um den dramatischen Verlauf zu illustrieren. Im Wozzeck dagegen wird vor allem ein formales Exempel gesetzt. In dieser Konsequenz hat das meines Wissens kein Zeitgenosse so gemacht. Selbst Moses und Aaron ist hier anders angelegt.
Strauss ist für mich mich in erster Linie ein stilbildender Komponist, an dem sich viele seiner Zeitgenossen orientiert haben, und insofern singulär, nach dem Motto "oft kopiert, doch nie erreicht".
Wir könnten hier ein ergänzendes Thema mit dem Titel "einzigartige Komponisten" aufmachen. da wären dann auch sicher Mozart, Chopin und andere mit von der Partie.
Aber wie gestern schon gesagt, die Liste der Meilensteine liesse sich noch beliebig verlängern.

LG Florestan
Shruti (09.09.2013, 11:41):
Original von Jürgen
Alessandro Striggio - Ecce beatam lucem
Der Meilenstein der polyphonen Renaissancemusik. Vorbild für Tallis' Spem in alium.

JA!! Alessandro Striggio (der Ältere) hat mit dieser Motette einen weit über die Renaissance hinauswirkenden Beitrag zur Polyphonie geleistet.
Auch die Idee des "Raumklangs" wird auf einmalige Weise antizipiert: vier Chöre, die räumlich verteilt singen!
Wenn das nicht schon der Anfang der stereophonen Aufführungspraxis ist, die Bartok in seiner Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta aufgreift.... :-)

Wie muss dann erst Striggios 60-stimmige Messe in 40 Teilen geklungen bzw. gewirkt haben....
Shruti (09.09.2013, 11:45):
Original von Florestan
Aber wie gestern schon gesagt, die Liste der Meilensteine liesse sich noch beliebig verlängern.


Nur zu! Auch gerne kontrovers, denn ein wenig Spaß sollen die Threads ja auch machen.... :-)
Shruti (09.09.2013, 15:56):
Original von Florestan
J.S. Bach ==> Goldbergvariationen
Als Variationszyklus einzigartig und seiner Zeit weit voraus. Dies ist zeitlose Musik. In der Art und Weise wie hier eine schlichte Arie verändert wird zeigt sich das wahre Genie.


Die Goldberg-Variationen sind ohne Zweifel ein Glanzstück ihrer Zeit. Ich sehe aber nicht, dass das Werk seiner Zeit voraus war, vielmehr bündelt Bach in diesem Werk mehr als 100-Jahre Kompositionstechnik und bringt diese zu barocker Vollendung.

In meinen Augen ist die Chromatische Fantasie und Fuge (ChrFF) deutlich wegweisender, ein echter Meilenstein mit Wirkung über ihre Zeit hinaus, vor allem auf Beethovens Spätwerk.

Ist nicht die ChrFF die Inspiration für Op. 111? Sind nicht die Freiheit und expeimentelle Charakter der ChrFF die treibende Kraft hin zur Loslösung von der strengen Sonatenhauptsatzform, deren Auflösung sich in Op. 111 manifestiert?
Und über Schuberts Op. 15 (Wandererphantasie) zur H-Moll-Sonate von Liszt führt, die sicherlich auch als Fantasie mit Elementen der Sonatenform angesehen werden kann?

Vielleicht fantasiere ich selbst :-) und trage hier eine sehr gewagte Hypothese vor....
Shruti (09.09.2013, 18:25):
Zu den Meilensteinen der Musikliteratur gehören m. E. die Sonaten von Domenico Scarlatti, welche in ihrer Vilefalt und Eigenart mindestens ein Jahrhundert der Musikgeschichte vorwegnehmen:

1. die Sonaten begründen die Spieltechnik des modernen Klavierspiels - unter virtuosem Einsatz aller zehn Finger;

2. Strukturell, hinsichtlich der Stimmführung und der etablierten Kompositionsregeln, löst sich Scarlatti von den Vorbildern seiner Zeit (Polyphonie, Generalbass oder Kontrapunkt);

3. er fusioniert diverse europäische Stile seiner Zeit mit volksmusikalischen Elementen (z.B. napoletanischen und andalusischen) und kreiert mit diesem Stil eine eigene musikalische Sprache;
Florestan (09.09.2013, 19:39):
Original von Shruti
Original von Florestan
J.S. Bach ==> Goldbergvariationen
Als Variationszyklus einzigartig und seiner Zeit weit voraus. Dies ist zeitlose Musik. In der Art und Weise wie hier eine schlichte Arie verändert wird zeigt sich das wahre Genie.


Die Goldberg-Variationen sind ohne Zweifel ein Glanzstück ihrer Zeit. Ich sehe aber nicht, dass das Werk seiner Zeit voraus war, vielmehr bündelt Bach in diesem Werk mehr als 100-Jahre Kompositionstechnik und bringt diese zu barocker Vollendung.

In meinen Augen ist die Chromatische Fantasie und Fuge (ChrFF) deutlich wegweisender, ein echter Meilenstein mit Wirkung über ihre Zeit hinaus, vor allem auf Beethovens Spätwerk.

Ist nicht die ChrFF die Inspiration für Op. 111? Sind nicht die Freiheit und expeimentelle Charakter der ChrFF die treibende Kraft hin zur Loslösung von der strengen Sonatenhauptsatzform, deren Auflösung sich in Op. 111 manifestiert?
Und über Schuberts Op. 15 (Wandererphantasie) zur H-Moll-Sonate von Liszt führt, die sicherlich auch als Fantasie mit Elementen der Sonatenform angesehen werden kann?

Vielleicht fantasiere ich selbst :-) und trage hier eine sehr gewagte Hypothese vor....

Die Anlage der Goldbergvariationen und der Charakter der einzelnen Variationssätze fußt zwar auf barocken Formen, aber wie er diese behandelt ist das Besondere (z.B. Var5,13, 25 oder 26), und insofern der Zeit voraus. Es gibt meines Wissens keinen Zeitgenossen, der ein Thema so erschöpfend behandelt hat. Es handelt sich hierbei mehr um Methamorphosen als um Variationen wie sie zu der Zeit und auch später üblich waren.

Die chromatische Fantasie und Fuge ist für mich ein Experimentierstück. Chromatische Elemente finden sich z.B. in beiden Bänden des Wohltemperierten Klaviers (bis hin zu einem veritablen 12-Ton Thema in der Fuge h-Moll im ersten Band). Und das Non Plus Ultra der Fugenkompositionen findet sich dort wie vor allem in der Kunst der Fuge.

Der erste Satz in Beethovens op.111 ist übrigens ein blitzsauberer Sonatenhauptsatz mit allem was dazugehört. Der zweite Satz dann eine Variationsfolge, wie sie nicht nur bei Beethoven durchaus schon früher üblich war. Diese Sonate ist daher wesentlich konventioneller als z.B. die in As-Dur op.110.

Florestan
Wooster (11.09.2013, 22:54):
Original von Florestan
J.S. Bach ==> Matthäuspassion
Das Oratorium schlechthin und Vorbild für alle Nachfolger.

Das Stück ist in der historischen Nachwirkung ziemlich irrelevant geblieben. Welchem bekannten Oratorium des späteren 18., 19. oder 20. Jhs. sollte es denn als unmittelbares Vorbild gedient haben?

Ich will der Passion den Ausnahmerang nicht absprechen. Aber sie ist doch weit eher ein "Schlussstück" als ein "Vorbild", nicht nur weil die Vokalmusik JS Bachs nach seinem Tod nicht allzu verbreitet war.
Jürgen (12.09.2013, 08:02):
Claudio Monteverdi: Er hat mit seinen Madrigalbüchern den Übergang von der Renaissance- zur Barockmusik beschrieben. Das achte Madrigalbuch, mit den Madrigali guerrieri et amorosi, wird vielfach als der Gipfel der Madrigalkunst angesehen.

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