Meisterwerke der Kammermusik

Amadé (09.11.2011, 18:50):
Liebe Forianerinnen und Forianer,

da die Zahl der Kammermusikfreunde hier im Forum zahlenmäßig immer noch sehr gering ist, jedoch ein wenig anzuwachsen scheint, finde ich es angebracht, in diesem neuen Faden - von Zeit zu Zeit - besondere Stücke aus dem Bereich "Kammermusik" vorzustellen, incl. Aufnahmen, die bemerkenswert sind. Kammermusik bedeutet: Sonaten für 2 Instrumente, also Klavier und Violine, oder Klavier mit Cello, oder mit Klarinette, Streichtrios, Klaviertrios, Streichquartette, Klavierquartette und -quintette, Streichquintette u.-Sextette, Septette und Oktette, also ein sehr weit gefasstes Feld. Wenn ich heute den Anfang mache, bedeutet dies nicht, dass der Themenstarter ein Alleinvertretungsrecht reklamiert, alle Interessenten sind eingeladen hier zu posten.

Als erstes Meisterwerk stelle ich hier Mozarts Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello in g-moll kV 478 vor, ein Schwesterwerk des Quartetts Es-dur KV 493. Beide Quartette entstanden im Umfeld von Mozarts "Hochzeit des Figaro". Mozart war ein Meister des Kantablen, viele Themen seiner Instrumentalmusik sind gesanglich geformt, in manchen Partien einiger Klavierkonzerte glaubt man als Hörer eine imagiäre Opernbühne vor sich zu sehen. Auch in den beiden Quartetten findet man immer wieder kantable Partien. Das erste Quartett in g-moll wird viel häufiger gespielt als das zweite in Es-dur. Verantwortlich dafür ist sicher die Tonart g-moll, die bei Mozart eine ganz besondere Bedeutung hat, ähnlich c-moll bei Beethoven. Zwei Sinfonien, die einzigsten übrigens, stehen in g-moll, sein bekanntestes Streichquintett KV 516 ebenso, dann gibt es einige bedeutende Konzertsätze in g-moll, z.B. der 2.Satz des Klavierkonzerts B-dur KV 456, auch an einige Arien sei erinnert "Traurigkeit ward mir zum Loose" aus der Entführung, oder "Ach ich fühls, es ist verschwunden" aus der Zauberflöte. Wenn sich Mozart in dieser Tonart ausdrückte, können wir als Hörer gewiss sein, etwas Besonderem, tief Empfundenen zu begegnen.
Das erste Quartett beginnt mit einem herrisch anmutendem Kopfsatz in Sonatenform, ihm folgt ein inniges Andante, auch in Sonatenform, allerdings ohne Durchführung. Das Finale ist in Rondoform konzipiert. Als beste Aufnahmen halte ich diese:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41q-%2Bg6C5JL._SL500_AA300_.jpg
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51D-79IcSvL._SL500_AA300_.jpg
http://ecx.images-amazon.com/images/I/41fTk-2iohL._SL500_AA300_.jpg
http://ecx.images-amazon.com/images/I/41G559R7YQL._SL500_AA300_.jpg
Wer ein diskographischen Überblick sucht, klicke hier

Ich wünsche uns eine anregende Diskussion.
Grüße Amadé
Cetay (inaktiv) (13.11.2011, 11:35):
Ich mache mal weiter mit Mozarts Divertimento Es-Dur K 563. Ein "mehrsätziges Instrumentalstück mit unterhaltsamem, heiterem bis tanzartigem Charakter" würde man nicht unbedingt bei den Meisterwerken der Kammermusik vermuten. Mozart straft freilich den Titel Lügen und erreicht namentlich in den ersten beiden Sätzen eine Tiefe im Ausdruck und einen strengen, bisweilen düster-tragischen Charakter, der sich weit von der erwarteten heiteren Grazie abhebt. Der von der Besetzung herrührende karge Klangcharakter, das Zurücknehmen von Melodie und Begleitung zugunsten der Textur und die immer wieder überraschenden, oftmals ungewöhnlich modern anmutenden Wendungen sowie der hohe spieltechnische Anspruch (laut Interpret Henning Kraggerud etwa wie Beethovens Violinkonzert) dürften manchen Mozart-Skeptiker überraschen. Eingeklemmt zwischen die Trias der letzen Sinfonien und das Krönungskonzert fällt die Entstehung in eine schwierige Lebensphase, die in den Bittbriefen an Michael Puchberg zum Ausdruck kommt. Das ZPR-Trio (Zilliacus/Persson/Raitinen) hat unlängst die Konzert-Wiedergabe des Werkes mit einer Lesung aus diesen Briefen kombiniert. Das Werk besteht aus 6 Teilen (Allegro in Sonatenform, Adagio in Sonatenform, Menuett A–B–A, Andante Variationensatz, Menuett A–B–A–C–A und Allegro Rondo), dauert über 40 Minuten und ist damit immer noch ein Gipfelpunkt des Streichtrio-Repertoires. Erst Schönberg hat wieder etwas von ähnlichem Format für diese Besetzung geschrieben.

Dass K 563 nicht die Beliebtheit anderer Werke von Mozart erreicht hat, verwundert kaum, entsprechend fällt auch die Diskographie nicht ganz so üppig aus, wie bei populäreren Werken. In den letzen Jahren hat sich viel getan, es scheint so, dass das Werk von der heutigen Generation erst so richtig (wieder-)entdeckt wird. Wer gerne die Referenzen der Fachpresse hört, muss zum gefeierten Grumiaux-Trio (Philips) greifen. Historisch Interessierte nehmen das Trio Pasquier (Music & Arts). Auch schon 25 Jahre auf dem Buckel hat die bekannte Einspielung mit Kim Kashkashian, Gidon Kremer und Yo-Yo Ma (SONY). Dieser Dreier betont den kargen, düster-tragischen und dramatischen Aspekt des Werkes über Gebühr und dürfte damit Hörertypen, die dem "leichten" Mozart ratlos gegenüberstehen, einen Zugang bieten. Meine Lieblingsaufnahmen sind neueren Datums. Das schon erwähnte ZPR-Trio (Caprice) spielt mit einer zärtlich-innigen Hingabe (oder falle ich da einer Täuschung anheim? - das Cover verleitet zu einem solchen Vorurteil), vergisst dabei aber weder Spielfreude noch Tiefe. Das Trio Zimmermann (BIS) ist geradliniger und zupackender, aber auch etwas kühl. Irgendwo dazwischen und einfach mit dem so schwer zu greifenden gewissen Etwas steht die klangschöne Aufnahme mit Henning Kraggerud (Naxos). Leider kann ich nichts über das Trio Echnaton (Coviello Classics) sagen. Deren Aufnahme gilt als provokative Neubewertung mit phantasievoller und dramatischer Ausreizung von Farben und Dynamik. Die Kopplung mit dem Streichtrio von Volker David Kirchner -einer meiner liebsten Zeitgenossen- macht das allerdings zum Pflichtkauf, so dass es beizeiten einen Nachtrag geben wird. Reizvoll wäre wegen der Kopplung mit dem Schönberg-Trio op. 45 auch das Arnold-Schönberg-Trio (Campanella), aber mir fällt deren Interpretation von K 563 etwas zu indifferent aus.

(Quelle: Strings Onlinemagazin.)

Meine Empfehlungen:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51O0cd4iFBL._SL500_AA240_.jpg
ZPR-Trio

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51eyYEbaH3L._SL500_AA240_.jpg
Henning Kraggerud et al.
Amadé (15.11.2011, 17:38):
Ich füge noch etwas aus meiner Sammlung kommentarlos hinzu:

eine Aufnahme auf Originalinstrumenten:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41H8Ui%2BhkVL._SL500_AA300_.jpg

http://ecx.images-amazon.com/images/I/414kAH7M3VL._SL500_AA300_.jpg

Meine allerste intensive Begegnung mit dem Werk war die LP des Trio Italiano d'Archi, DGG, längst vom Markt verschwunden.

Gruß Amadé
Heike (03.01.2012, 22:49):


Janacek. Die beiden Streichquartette
Mandelring Quartett

Das besonders interessante ist, dass hier das 2. Streichquartett auch in der Viola d'amore-Version (mit Gunter Teuffel) gespielt wird, also man unmittelbar vergleichen kann. Spannend.
Heike
Armin70 (03.01.2012, 23:50):
Bekanntlich höre ich eher wenig Kammermusik aber ein Werk aus dieser Gattung fasziniert mich immer wieder und zwar handelt es sich um die Sonate für Flöte, Bratsche und Harfe (1915) von Claude Debussy.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach fühlte sich Debussy in seinem Schaffen wie gelähmt und ein Jahr komponierte er keine einzige Note. Aufgrund seines Alters und seiner Krebserkrankung war Debussy selbst nicht mehr in der Lage, aktiv am Krieg teilzunehmen und deshalb wollte er, dass zumindest seine Musik deutliche französische Züge trägt. Debussy plante, insgesamt sechs Sonaten für verschiedene Instrumente zu schreiben. Damit wollte er "den Beweis liefern, dass, gäbe es auch dreißig Millionen Boches, das französische Denken nicht auszurotten ist". Drei dieser geplanten Sonaten konnte Debussy fertigstellen und diese tragen den Zusatz "Claude Debussy, französischer Musiker".

In der o. g. Sonate knüpft Debussy nicht an Mozart, Beethoven oder einen anderen deutschsprachigen Komponisten an, sondern er orientierte sich an der klassizistisch-französischen Tradition eines Rameau oder Couperin. Von diesen übernimmt er Strenge, Klarheit und Klangaskese, ohne seine stilistischen Experimente dabei preiszugeben.
Dieses Werk ist einerseits von einer Art rokokohaften Verspieltheit mit ihren tänzerischen Formen sowie andererseits von einer diatonisch, modal gefärbten Harmonik geprägt.

Claude Debussy sagte über dieses Werk, welches wie eine klagende Idylle in Kriegszeiten erscheint: "Ich weiß nicht, ob man dabei lachen oder weinen soll. Vielleicht beides zugleich."

Diese Sonate kenne ich zwar nur in dieser Aufnahme, die ich aber sehr gut finde:


Armin

(Quelle: CD-Booklet)
Hörbert (03.11.2012, 08:26):
Hallo!

Eines der für mich bedeutensten Werke der Kammermusik des frühen 20. Jahrundert ist Max Regers Klaviertrio Op.102 e-Moll.

Das gewaltige Werk sprengt den von Beethoven und Brahms vorgegebenen Rahmen nicht, erfüllt ihn aber mit neuen Formen die -typisch Reger-, bis an die Grenzen der tradionellen Formen und der tradionellen Musiksprache gehen.

Eine der für mich besten Interpretationen dieases Werken die auf Tonträger zu haben ist stellt die altere Jecklin-Aufnahme mit Christine Ragaz (Violine) Regula Häusler (Cello) und John Buttrik (Klavier) dar.

MFG Günther