Jeremias (08.05.2006, 20:28): Es wundert mich, dass Mendelssohn hier eher ein Schattendasein fristet. Ich höre seine Musik mittlerweile sehr regelmässig und dabei beschränke ich mich nicht nur auf das Violinkonzert. Einerseits haben seine Werke zwar manchmal etwas leicht oberflächlich virtuoses an sich, andererseits kenne ich kaum einen Komponisten, der für mich etwas derart tiefes, ergreifendes hat. Woran liegt dies? Weil er zwischen Klassik und Romantik lebte? Oder weil er seine großen Werke bereits in jungem Alter mit einer gewissen Reife schrieb?
Habt Ihr irgendwelche Lieblingsaufnahmen oder gibt es Werke, die Ihr bevorzugt hört?
nikolaus (08.05.2006, 20:56): Hallo Jeremias!
Ich besitze zwar (noch :wink) nicht sehr viele Aufnahmen von Mendelssohn, aber wenn ich Musik von ihm höre (z.B. im Radio), bin ich immer ganz begeistert. Toll finde ich z.B. seinen Sommernachtstraum in seinen unterschiedlichen Stimmungen. Leider besitze ich keine Aufnahme (hast du einen guten Tip?), ebensowenig eine seiner Italienischen Sinfonie ( :(sorry, ich habe die guten Ratschläge in diesem Forum noch nicht befolgt, habe es aber fest vor!!) Eine meiner Lieblingsaufnahmen generell ist
(Konzert für Violine, Klavier und Streichorchester).
Auch hier gibt es nicht nur virtuose Momente, sondern wirklich tief berührende (so erlebt im Konzert mit R.Capucon und Lilya Zilberstein).
LG Nikolaus.
Jack Bristow (08.05.2006, 21:46): "Leichtigkeit" wäre vielleicht etwas neutraler als Oberflächlichkeit. Die 3. und 4. Sinfonie, Sommernachstraum und Violinkonzert sind ja Standardrepertoire. Ich mag auch die (von ihm selbst verworfene) 5. Sinfonie sehr. Und natürlich Kammermusik, das grandiose Oktett, Meisterwerk eines 16jährigen; die Klaviertrios und jedenfalls die ersten beiden (a-moll und Es-Dur), sowie das letzte Streichquartett in f-moll. Die ersten beiden schrieb Mendelssohn mit knapp 20 und er reagiert damit als einziger Komponist seiner Generation auf die Provkation der späten Beethovenwerke. Das f-moll ist eine ergreifendes Werk, kurz vor seinem Tod, teils als in memoriam für die Schwester komponiert.
viele Grüße
J. Bristow
Karsten (08.05.2006, 21:48): - das sinfonische Werk, - die Orgelsonaten, - die Präludien und Fugen für Klavier solo.
Cosima (08.05.2006, 22:06): So richtig begeistert bin ich von Mendelssohn nicht. Das Violinkonzert ist wirklich schön, die Kammermusik mag ich auch. Auf den 3. Satz des Streichquartetts op. 13 (ABQ), der für mich zu den innigsten und zärtlichsten Stellen in der Kammermusik überhaupt zählt, habe ich bereits hingewiesen. Die Sinfonien liegen mir weniger. Selten aber ganz gerne höre ich die Klavierkonzerte 1 und 2 unter Ormandy mit Serkin, der sie elegant und teilweise recht leidenschaftlich spielt. Dann wäre da doch eine Aufnahme der beiden Konzerte für 2 Klaviere mit dem amerikanischen Brüderpaar Anthony und Joseph Paratore, die mir sehr liegt. Den Sommernachtstraum finde ich unter Herreweghe sehr treffend interpretiert.
Mehr fällt mir gerade nicht ein...
Gruß, Cosima
Rachmaninov (09.05.2006, 08:54): Also,
ich mag beide Violinenkonzerte
Konz. f. Violine u. Orch. e-moll op. 64 und Konz. f. Violine u. Streichorch. d-moll
Auch ein Sommernachtstraum gefällt mir und ab und an höre ich es gerne.
Nicht zu vergessen ist natürlich das Oktett. Würde behaupten (nahezu) unerreicht in seiner Art.
Schließe mich das Jack an! Leichtigkeit trifft den Punkt. Aber diese zu erreichen ist ein Zeichen von einer gewissen Klasse!
Gruß
Ganong (09.05.2006, 13:01): Lieber Rachnaninov !
K e i n Zweifel : beide Violinkonzert e! .
ich mochte Viktori aMuulova mit dem e-Moll-Konzert noch lieber als auf dieser CD . Ich hatte immer gehofft , dass sie es noch einmal aufnehmen würde .
Diese Violinkonzert habe ich immer als "Zwilling" zu
Jascha Horenstein (09.05.2006, 13:55): Cortot (!!!)Jawohl. Eine wichtige Nennung.
Jascha Horenstein (09.05.2006, 13:56): BTW:
Rubinstein mit Giulini?
Ganong (09.05.2006, 14:06): Lieber Jasch a,
so ist es .
ich meine die RCA - Aufanhe mit Rubinbstein , Giulini und dem Chicago S O .
Wie findest Du diese Einspielung ?
Viele Grüsse , Frank
Jascha Horenstein (09.05.2006, 14:11): Ich kenne die Einspielung noch nicht, hielt aber die Platte letzte Woche nachdenkend in der Hand. Der Plattenladen liegt auf dem Weg zur Universität, ich werde die Aufnahme heute kaufen und evtl. noch später am Abend meine Höreindrücke schildern.
Herzliche Grüße J.
Carola (09.05.2006, 16:00): Große Bedeutung hat Mendelssohn auch als Komponist geistlicher Musik, die ich weder als oberflächlich noch auch nur als "leicht" empfinde..
Besonders liebe ich seine Vertonung von Psalm 42: Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser" die gibt es in einer großartigen Aufnahme mit Philippe Herreweghe.
Und dann gibt es noch eine sehr gute Brillant-Box mit 10 CDs, die das gesamte Chorwerk Mendelssohn enthält. Psalmkantaten, Choralkantaten, Motetten - alles dabei.
Es singt der Chamber Choir of Europe unter Leitung von Nicol Matt. Preis bei 2001: 17,99 €
Mit Gruß von Carola
Zelenka (09.05.2006, 16:13): Ich habe etwas beim Verschicken dieser Wortmeldung gezögert, weil sie eine sehr ernste Note ins Spiel bringen muß. Jeremias, der diesen Thread betitelt hat, ist offenbar nicht bewußt, mit welchem Feuer er hier spielt. "Oberflächlichkeit" ist genau das, was Wagner pauschal allen jüdischen Komponisten zum Vorwurf gemacht hat, "jüdische Oberflächlichkeit" eben ("Das Judenthum in der Musik"). Wie gesagt, ich gehe davon aus, daß Jeremias es nicht so gemeint haben kann. Sowohl Jeremias als auch ich haben die Zeiten nicht erlebt, als Mendelssohn in Deutschland schlicht und einfach verboten war. Aber ein wenig historisches Gefühl und Wissen wären nicht fehl am Platze hier.
Das Wissen oder Unwissen sollte einen natürlich nicht davon abhalten, sein eigenes Verhältnis zu Mendelssohn zu suchen und zu finden.
Gruß,
Zelenka
Rachmaninov (09.05.2006, 16:40): @Zelenka,
danke für Deinen Hinweis hinsichtlich der traurigen "historischen Note" hinsichtlich des Begriffs "Oberflächlichkeit" in diesem Zusammenhang.
Jedoch bin ich sicher das hier jeder "Oberflächlichkeit" völlig unabhängig von diesem Bezug verstanden hat. :) ´
Rachmaninov
Zelenka (09.05.2006, 16:51): Lieber Rachmaninov:
Ich will hier auch weiter kein Drama machen. Aber meine Bemerkungen erklären vielleicht, warum ich mich unter diesem Thread-Titel nicht an der Diskussion beteiligen mochte. Ich vergöttere zwar Mendelssohn nicht, aber ich schätze ihn als Komponisten sehr und hätte sonst schon etwas beigetragen.
Gruß,
Zelenka
Rachmaninov (09.05.2006, 16:54): Original von Zelenka Lieber Rachmaninov:
Ich will hier auch weiter kein Drama machen. Aber meine Bemerkungen erklären vielleicht, warum ich mich unter diesem Thread-Titel nicht an der Diskussion beteiligen mochte. Ich vergöttere zwar Mendelssohn nicht, aber ich schätze ihn als Komponisten sehr und hätte sonst schon etwas beigetragen.
Gruß, Zelenka
Das ist doch ein Beitrag wenn Du schreibt das Du ihn als Komponisten schätzt :D
Zelenka (09.05.2006, 16:57): Original von Rachmaninov Original von Zelenka Lieber Rachmaninov:
Ich will hier auch weiter kein Drama machen. Aber meine Bemerkungen erklären vielleicht, warum ich mich unter diesem Thread-Titel nicht an der Diskussion beteiligen mochte. Ich vergöttere zwar Mendelssohn nicht, aber ich schätze ihn als Komponisten sehr und hätte sonst schon etwas beigetragen.
Gruß, Zelenka
Das ist doch ein Beitrag wenn Du schreibt das Du ihn als Komponisten schätzt :D
Meine übliche liberale Inkonsequenz!
Gruß,
Zelenka
Cosima (09.05.2006, 17:08): Lieber Zelenka,
Jeremias hat vielleicht den Thread-Titel etwas unbedacht gewählt, aber in seinem Beitrag ganz klar gemacht, wie er es meinte und wie er Mendelssohns Musik begreift. Es gibt somit für mich keinen Grund, warum man sich nicht an der Diskussion beteiligen sollte.
Gruß, Cosima :)
Carola (09.05.2006, 17:38): Im - übrigens ganz hervorragenden - Booklet der Brillant Box mit Nicol Matt steht zu diesem Thema folgendes:
"Dass Mendelssohn heute kaum mehr die Wertschätzung erfährt, die seiner herausgehobenen Stellung im europäischen Geistes- und Kulturleben um 1840 entspräche, mag zum einen, wie oft behauptet, noch immer an der Verfemung seiner Person und der Ächtung seines Werks durch den Nationalsozialismus geschuldet sein. Von dem totalen Aufführungsverbot während der Zeit des "Dritten Reiches" hat sich sein Schaffen tatsächlich nie recht erholt; entsprechend ist die Wahrnehmung seiner Biographie nach wie vor nicht frei von Denkmustern, die sich mitunter gefährlich im Fahrwasser antisemitischer Rezeptionsmuster bewegen. Richard Wagners fatales Pamphlet über "Das Judentum in der Musik" hat hier schon 1850 die Stoßrichtung vorgegeben, und so scheint es, als habe sich der Nationalsozialismus lediglich auf perfide Weise zunutze gemacht, was an mehr oder minder künstlerisch motivierten Einwänden von jeher gegen Mendelssohn vorgebracht worden ist. (Seite 3f)
Christian Wildhagen´
Mendelssohn Musik galt ja übrigens den antisemitischen Hetzern damals auch als "weibisch". :D
All das verpflichtet natürlich niemanden dazu, Mendelssohns Musik zu mögen. Ich denke aber schon, dass die deutsche Kultur eine besondere Verantwortung zur Pflege seines musikalischen Erbes hat.
Mit Gruß von Carola
P.S. Ich fand übrigens, dass Jeremias seine Haltung in diesem Punkt sehr klar gemacht hat - er findet Mendelssohns Musik doch gerade nicht oberflächlich und hält diese Bewertung für ein Vorurteil.
Zelenka (09.05.2006, 18:45): Original von Carola Im - übrigens ganz hervorragenden - Booklet der Brillant Box mit Nicol Matt steht zu diesem Thema folgendes:
"Dass Mendelssohn heute kaum mehr die Wertschätzung erfährt, die seiner herausgehobenen Stellung im europäischen Geistes- und Kulturleben um 1840 entspräche, mag zum einen, wie oft behauptet, noch immer an der Verfemung seiner Person und der Ächtung seines Werks durch den Nationalsozialismus geschuldet sein. Von dem totalen Aufführungsverbot während der Zeit des "Dritten Reiches" hat sich sein Schaffen tatsächlich nie recht erholt; entsprechend ist die Wahrnehmung seiner Biographie nach wie vor nicht frei von Denkmustern, die sich mitunter gefährlich im Fahrwasser antisemitischer Rezeptionsmuster bewegen. Richard Wagners fatales Pamphlet über "Das Judentum in der Musik" hat hier schon 1850 die Stoßrichtung vorgegeben, und so scheint es, als habe sich der Nationalsozialismus lediglich auf perfide Weise zunutze gemacht, was an mehr oder minder künstlerisch motivierten Einwänden von jeher gegen Mendelssohn vorgebracht worden ist. (Seite 3f)
Christian Wildhagen´
Mendelssohn Musik galt ja übrigens den antisemitischen Hetzern damals auch als "weibisch". :D
All das verpflichtet natürlich niemanden dazu, Mendelssohns Musik zu mögen. Ich denke aber schon, dass die deutsche Kultur eine besondere Verantwortung zur Pflege seines musikalischen Erbes hat.
Mit Gruß von Carola
P.S. Ich fand übrigens, dass Jeremias seine Haltung in diesem Punkt sehr klar gemacht hat - er findet Mendelssohns Musik doch gerade nicht oberflächlich und hält diese Bewertung für ein Vorurteil.
Liebe Carola:
Da hat Brilliant offenbar wirklich ein ordentliches Booklet produziert, dem erst einmal nichts hinzuzufügen ist. Ich kann auch Deine eigenen Bemerkungen nur unterstreichen. Bis auf Dein P.S.: Schon beim Lesen des Thread-Titels heulte bei mir ein Alarm los: Wieder einmal Oberflächlichkeit im Zusammenhang mit dem Namen Mendelssohns, ein Quark, den Generationen von Musiklehrern in diesem Land verbreitet haben. Und im Thread-Einführungstext wird sehr wohl von "etwas leicht oberflächlich irtuose" gesprochen, das M.'s Werke manchmal an sich haben. Die Vokabel "oberflächlich" wird hier durchaus benutzt, um zumindest Aspekte von M.'s Werk zu charakterisieren. Ich habe meinerseits nur zu mehr Vorsicht beim Gebrauch des Wortes aufrufen wollen. Ein bißchen historische Reflexion kann wirklich nicht schaden.
Gruß,
Zelenka
Es wundert mich, dass Mendelssohn hier eher ein Schattendasein fristet. Ich höre seine Musik mittlerweile sehr regelmässig und dabei beschränke ich mich nicht nur auf das Violinkonzert. Einerseits haben seine Werke zwar manchmal etwas leicht oberflächlich virtuoses an sich, andererseits kenne ich kaum einen Komponisten, der für mich etwas derart tiefes, ergreifendes hat. Woran liegt dies? Weil er zwischen Klassik und Romantik lebte? Oder weil er seine großen Werke bereits in jungem Alter mit einer gewissen Reife schrieb?
Carola (09.05.2006, 19:58): Original von Zelenka
Liebe Carola:
Ich habe meinerseits nur zu mehr Vorsicht beim Gebrauch des Wortes aufrufen wollen. Ein bißchen historische Reflexion kann wirklich nicht schaden.
Gruß,
Zelenka
Lieber Zelenka,
damit hast Du zweifellos recht. Und es ist gut, dass Du durch Deinen "Zwischenruf" diese historische Reflektionsebene eingefordert und eingebracht hast.
Noch eine Ergänzung:
Dem bereits zitierten Booklet kann man auch entnehmen, dass die Mehrzahl von Mendelssohn Choralkantaten erstmalig zwischen 1972 und 1983 veröffentlicht wurde!
Mir war bisher auch neu, dass Mendelssohn in der Saison 1843/44 den Berliner Domchor geleitet hat. In dieser Zeit entstehen auch einige wichtige Werke aus dem Bereich der geistlichen Musik.
In diesem Zusammenhang schreibt Wildhagen:
" Dass er als getaufter Jude den protestantischen Glauben ernster nahm als mancher seiner christlichen Zeitgenossen, ist durch zahlreiche Schilderungen belegt, wird aber durch die antisemitischen Verzerrungen der Rezeption noch immer zu wenig beachtet. Themen- wie Textwahl entsprangen durchweg seinen Überzeugungen und legen zugleich Zeugnis ab von seiner umfassenden Bildung in Fragen der Religion und des biblischen Schrifttums." (Seite 19)
Dass die Evangelische Kirche ihr Mitglied Mendelssohn damals tapfer und energisch gegen die antisemtiische Hetze verteidigt hätte, ist leider nicht anzunehmen. Schande über sie!
Mit Gruß von Carola
Karsten (09.05.2006, 20:01): wird aber durch die antisemitischen Verzerrungen der Rezeption
Erzählt uns Wildhagen hierzu irgendwelche konkreten Details?
:hello
Carola (09.05.2006, 21:26): Original von Karsten
Erzählt uns Wildhagen hierzu irgendwelche konkreten Details?
:hello
Möglicherweise, ich kann mich nicht mehr an alles erinnern (die Einführung hat 25 Seiten und ich habe sie vor längerer Zeit gelesen). Ich hab´jetzt nur zitiert, was ich mir damals als Arbeitsnotiz/Exzerpt rausgeschrieben hatte.
Mit Gruß von Carola
ab (24.05.2006, 17:35): Meine Lieblingsaufnahmen sind:
Das e-Violinkonzert (vor allem in der Aufnahme mit Mischa Elman, dem Orchester der Wiener Staatsoper und Vladimir Golschmann).
Die Sinfonien Nr. 3 und 4 mit dem Chamber Orchestra of Europe und Nikolaus Harnoncourt. !!!:down
Die Streichquartette.
Die Klaviersonaten haben mir gefallen, nicht aber die Aufnahmen davon, die ich gehört habe...
Ganz im Allgemeinen finde ich immer noch, dass die Tradition, Mendelssohn - statt klassizistisch - spätromantisch oder romantisierende zu spielen, verfehlt ist! Auch geht mir der übliche oft geradezu weinerliche Ton nicht selten auf die Nerven! Nur anderes ist so gut wie nie zu hören. Warum?
(Von den Streichquintetten gibt es derzeit überhaupt keine einzige Aufnahme!)
Zelenka (24.05.2006, 17:41): Original von ab
(Von den Streichquintetten gibt es derzeit überhaupt keine einzige Aufnahme!)
Das stimmt nicht ... Es gibt z.B. eine wohlfeile (EUR 9.99 bei Amazon) Aufnahme der Quintette mit dem Ensemble Hausmusik auf historischen Instrumenten. Die Versionen sind empfehlenswert und sicher nicht spätromantisch gespielt.
Gruß,
Zelenka
Cosima (24.05.2006, 17:49): Original von Zelenka Das stimmt nicht ... Es gibt z.B. eine wohlfeile (EUR 9.99 bei Amazon) Aufnahme der Quintette mit dem Ensemble Hausmusik auf historischen Instrumenten. Die Versionen sind empfehlenswert und sicher nicht spätromantisch gespielt.
http://www.wom.de/image/cover/front/0/2440938.jpg
Die sind in der Tat empfehlenswert, auch das Oktett.
Gruß, Cosima
ab (24.05.2006, 20:31): Danke! Ich kenne diese Aufnahmen aber dachte irrtümlich, sie sei vergriffen. (So wie zB ihre sehr schöne Box mit Mozart-Quintett-Aufnahmen)
martin (25.05.2006, 21:05): Mendelssohn gehört nicht zu meinen Lieblingskomponisten, aber das mag sich natürlich irgendwann einmal ändern. Ich kenne natürlich seine 3. und 4. Sinfonie, sein Violinkonzert, die ich schätze ohne daß sie mich eigentlich wirklich berühren. Neulich hörte ich die 5. Sinfonie im Radio, eine gute Aufnahme mit Abaddo, die ich mitschnitt, aber beim Wiederhören nicht mochte und dementprechend löschte.
Woran liegt es, daß ich Mendelssohn nicht so mag? Ich weiß es nicht. Es ist nun einmal so. Es liegt vielleicht schon auch daran, daß mir die Musik der "Hochromantik" oder wie dies heißt, schon ohnehin nicht so liegt. Auch Schumann sagt mir eigentlich wenig. Allerdings hörte ich neulich Schumanns 4. und sie gefiel mir dann doch sehr. So mag es mir mit Mendelssohn auch noch gehen.
Aber irgendwie kann mich die Romantik nicht so sehr faszinieren. Da sagen mir eben Schubert und Beethoven mehr. Und dann wieder die Spätromantiker.
Aber vielleicht - wer weiß - mag sich das irgendwann noch mal völlig ändern. Das kann ich mir vorstellen. Der Geschmack ändert sich mit der Zeit. Was einen einmal fasziniert hat kann langweilig werden oder doch zumindestens an Faszination einbüßen, was man mal langweilig fand, kann plötzlich faszinierend werden.
Ich bin vielleicht auch immer noch zu sehr von dem geprägt, wie ich klassische Musik in meiner Jugend sah. Für einen jungen Menschen ist nun mal Mahler faszinerender als Mendelssohn.
Zu diesem wirklich unangenehmen Thema: Mendelssohn und die antisemitische Unterdrückung durch die Nazis. Es mag sein, das will ich nicht ausschließen, daß die Unterdrückung Mendelssohns noch heute fortwirkt.
Andererseits nun wieder: Gustav Mahler war auch Jude, seine Musik wurde auch durch die Nazis unterdrückt und diese Unterdrückung ist nun wirklich mit Sicherheit nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland völlig abgeschüttelt worden. Aber es ist nun einmal so: Mahlers Musik traf nach dem 2. Weltkrieg, wo sie ja erst eigentlich ihren Siegeszug nahm, den Nerv der Zeit ( keine glückliche Formulierung), deshalb wurde sie - auch in Deutschland - ungeheuer populär. Bei Mendelssohn mag es dagegen tatsächlich so sein, daß die rassistische Unterdrückung seiner Musik später mit einem Zeitgeist zusammentraf, der mit Mendelssohn wenig anfangen konnte, dem Mendelssohns Musik zwar als gekonnt, auch wohl schon schön, aber etwas "biedermeierlich" erschien. Und das ist mit Sicherheit sehr unfair! Aber der Zeitgeist, dem ich leider auch unterliege, mag sich auch wieder ändern und Mendelssohns Musik auch wieder nach vorne bringen.
Gruß Martin
ab (26.05.2006, 10:44): Mendelssohn als Spätromantiker zu bezeichnen, scheint mir verfehlt.
martin (26.05.2006, 17:10): Original von ab Mendelssohn als Spätromantiker zu bezeichnen, scheint mir verfehlt.
Worauf bezieht sich das? Auf meinen Beitrag? Also ich bin mir da keiner "Schuld" bewußt, sehe aber im moment auch nicht, worauf sich das sonst beziehen könnte. Ich hatte Mendelssohn der Hochromantik zugerechnet.
Mit den Epochenbezeichnungen bin ich allerdings auch nicht so ganz firm. Ich kenne diese Einteilung: Frühromantik: Schubert, Weber, Hochromantik: Schumann, Mendelssohn, Spätromantik: Wagner, Bruckner, Brahms etc., Nachromantik: Mahler, Strauss.
Nur habe ich auch wieder ganz anderes gelesen. Also meinetwegen, daß man den Schubert doch der Klassik zuschlägt, und ich glaube der Begriff "Nachromantik" in Bezug auf Strauss, Mahler ist auch nicht so populär, "Spätromantik" ist schon geläufiger. Na ja, Namen sind Schall und Rauch.
Themenwechsel. Was ich mal wissen wollte, zum Thema Mendelssohn. Brilliant Classics hat da ja ein grundsätzlich sehr verführerisches Angebot ( preislich gesehen), nämlich die Masterworksbox für 35 Euro. Kennt die jemand? Ist die empfehlenswert? Das sind natürlich 40 CDs und ich weiß nicht, ob ich soviel Mendelssohn brauche, aber vielleicht irgenwann einmal?
Gruß Martin
Jeremias (08.05.2006, 20:28): Es wundert mich, dass Mendelssohn hier eher ein Schattendasein fristet. Ich höre seine Musik mittlerweile sehr regelmässig und dabei beschränke ich mich nicht nur auf das Violinkonzert. Einerseits haben seine Werke zwar manchmal etwas leicht oberflächlich virtuoses an sich, andererseits kenne ich kaum einen Komponisten, der für mich etwas derart tiefes, ergreifendes hat. Woran liegt dies? Weil er zwischen Klassik und Romantik lebte? Oder weil er seine großen Werke bereits in jungem Alter mit einer gewissen Reife schrieb?
Habt Ihr irgendwelche Lieblingsaufnahmen oder gibt es Werke, die Ihr bevorzugt hört?
nikolaus (08.05.2006, 20:56): Hallo Jeremias!
Ich besitze zwar (noch :wink) nicht sehr viele Aufnahmen von Mendelssohn, aber wenn ich Musik von ihm höre (z.B. im Radio), bin ich immer ganz begeistert. Toll finde ich z.B. seinen Sommernachtstraum in seinen unterschiedlichen Stimmungen. Leider besitze ich keine Aufnahme (hast du einen guten Tip?), ebensowenig eine seiner Italienischen Sinfonie ( :(sorry, ich habe die guten Ratschläge in diesem Forum noch nicht befolgt, habe es aber fest vor!!) Eine meiner Lieblingsaufnahmen generell ist
(Konzert für Violine, Klavier und Streichorchester).
Auch hier gibt es nicht nur virtuose Momente, sondern wirklich tief berührende (so erlebt im Konzert mit R.Capucon und Lilya Zilberstein).
LG Nikolaus.
Jack Bristow (08.05.2006, 21:46): "Leichtigkeit" wäre vielleicht etwas neutraler als Oberflächlichkeit. Die 3. und 4. Sinfonie, Sommernachstraum und Violinkonzert sind ja Standardrepertoire. Ich mag auch die (von ihm selbst verworfene) 5. Sinfonie sehr. Und natürlich Kammermusik, das grandiose Oktett, Meisterwerk eines 16jährigen; die Klaviertrios und jedenfalls die ersten beiden (a-moll und Es-Dur), sowie das letzte Streichquartett in f-moll. Die ersten beiden schrieb Mendelssohn mit knapp 20 und er reagiert damit als einziger Komponist seiner Generation auf die Provkation der späten Beethovenwerke. Das f-moll ist eine ergreifendes Werk, kurz vor seinem Tod, teils als in memoriam für die Schwester komponiert.
viele Grüße
J. Bristow
Karsten (08.05.2006, 21:48): - das sinfonische Werk, - die Orgelsonaten, - die Präludien und Fugen für Klavier solo.
Cosima (08.05.2006, 22:06): So richtig begeistert bin ich von Mendelssohn nicht. Das Violinkonzert ist wirklich schön, die Kammermusik mag ich auch. Auf den 3. Satz des Streichquartetts op. 13 (ABQ), der für mich zu den innigsten und zärtlichsten Stellen in der Kammermusik überhaupt zählt, habe ich bereits hingewiesen. Die Sinfonien liegen mir weniger. Selten aber ganz gerne höre ich die Klavierkonzerte 1 und 2 unter Ormandy mit Serkin, der sie elegant und teilweise recht leidenschaftlich spielt. Dann wäre da doch eine Aufnahme der beiden Konzerte für 2 Klaviere mit dem amerikanischen Brüderpaar Anthony und Joseph Paratore, die mir sehr liegt. Den Sommernachtstraum finde ich unter Herreweghe sehr treffend interpretiert.
Mehr fällt mir gerade nicht ein...
Gruß, Cosima
Rachmaninov (09.05.2006, 08:54): Also,
ich mag beide Violinenkonzerte
Konz. f. Violine u. Orch. e-moll op. 64 und Konz. f. Violine u. Streichorch. d-moll
Auch ein Sommernachtstraum gefällt mir und ab und an höre ich es gerne.
Nicht zu vergessen ist natürlich das Oktett. Würde behaupten (nahezu) unerreicht in seiner Art.
Schließe mich das Jack an! Leichtigkeit trifft den Punkt. Aber diese zu erreichen ist ein Zeichen von einer gewissen Klasse!
Gruß
Ganong (09.05.2006, 13:01): Lieber Rachnaninov !
K e i n Zweifel : beide Violinkonzert e! .
ich mochte Viktori aMuulova mit dem e-Moll-Konzert noch lieber als auf dieser CD . Ich hatte immer gehofft , dass sie es noch einmal aufnehmen würde .
Diese Violinkonzert habe ich immer als "Zwilling" zu
Jascha Horenstein (09.05.2006, 13:55): Cortot (!!!)Jawohl. Eine wichtige Nennung.
Jascha Horenstein (09.05.2006, 13:56): BTW:
Rubinstein mit Giulini?
Ganong (09.05.2006, 14:06): Lieber Jasch a,
so ist es .
ich meine die RCA - Aufanhe mit Rubinbstein , Giulini und dem Chicago S O .
Wie findest Du diese Einspielung ?
Viele Grüsse , Frank
Jascha Horenstein (09.05.2006, 14:11): Ich kenne die Einspielung noch nicht, hielt aber die Platte letzte Woche nachdenkend in der Hand. Der Plattenladen liegt auf dem Weg zur Universität, ich werde die Aufnahme heute kaufen und evtl. noch später am Abend meine Höreindrücke schildern.
Herzliche Grüße J.
Carola (09.05.2006, 16:00): Große Bedeutung hat Mendelssohn auch als Komponist geistlicher Musik, die ich weder als oberflächlich noch auch nur als "leicht" empfinde..
Besonders liebe ich seine Vertonung von Psalm 42: Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser" die gibt es in einer großartigen Aufnahme mit Philippe Herreweghe.
Und dann gibt es noch eine sehr gute Brillant-Box mit 10 CDs, die das gesamte Chorwerk Mendelssohn enthält. Psalmkantaten, Choralkantaten, Motetten - alles dabei.
Es singt der Chamber Choir of Europe unter Leitung von Nicol Matt. Preis bei 2001: 17,99 €
Mit Gruß von Carola
Zelenka (09.05.2006, 16:13): Ich habe etwas beim Verschicken dieser Wortmeldung gezögert, weil sie eine sehr ernste Note ins Spiel bringen muß. Jeremias, der diesen Thread betitelt hat, ist offenbar nicht bewußt, mit welchem Feuer er hier spielt. "Oberflächlichkeit" ist genau das, was Wagner pauschal allen jüdischen Komponisten zum Vorwurf gemacht hat, "jüdische Oberflächlichkeit" eben ("Das Judenthum in der Musik"). Wie gesagt, ich gehe davon aus, daß Jeremias es nicht so gemeint haben kann. Sowohl Jeremias als auch ich haben die Zeiten nicht erlebt, als Mendelssohn in Deutschland schlicht und einfach verboten war. Aber ein wenig historisches Gefühl und Wissen wären nicht fehl am Platze hier.
Das Wissen oder Unwissen sollte einen natürlich nicht davon abhalten, sein eigenes Verhältnis zu Mendelssohn zu suchen und zu finden.
Gruß,
Zelenka
Rachmaninov (09.05.2006, 16:40): @Zelenka,
danke für Deinen Hinweis hinsichtlich der traurigen "historischen Note" hinsichtlich des Begriffs "Oberflächlichkeit" in diesem Zusammenhang.
Jedoch bin ich sicher das hier jeder "Oberflächlichkeit" völlig unabhängig von diesem Bezug verstanden hat. :) ´
Rachmaninov
Zelenka (09.05.2006, 16:51): Lieber Rachmaninov:
Ich will hier auch weiter kein Drama machen. Aber meine Bemerkungen erklären vielleicht, warum ich mich unter diesem Thread-Titel nicht an der Diskussion beteiligen mochte. Ich vergöttere zwar Mendelssohn nicht, aber ich schätze ihn als Komponisten sehr und hätte sonst schon etwas beigetragen.
Gruß,
Zelenka
Rachmaninov (09.05.2006, 16:54): Original von Zelenka Lieber Rachmaninov:
Ich will hier auch weiter kein Drama machen. Aber meine Bemerkungen erklären vielleicht, warum ich mich unter diesem Thread-Titel nicht an der Diskussion beteiligen mochte. Ich vergöttere zwar Mendelssohn nicht, aber ich schätze ihn als Komponisten sehr und hätte sonst schon etwas beigetragen.
Gruß, Zelenka
Das ist doch ein Beitrag wenn Du schreibt das Du ihn als Komponisten schätzt :D
Zelenka (09.05.2006, 16:57): Original von Rachmaninov Original von Zelenka Lieber Rachmaninov:
Ich will hier auch weiter kein Drama machen. Aber meine Bemerkungen erklären vielleicht, warum ich mich unter diesem Thread-Titel nicht an der Diskussion beteiligen mochte. Ich vergöttere zwar Mendelssohn nicht, aber ich schätze ihn als Komponisten sehr und hätte sonst schon etwas beigetragen.
Gruß, Zelenka
Das ist doch ein Beitrag wenn Du schreibt das Du ihn als Komponisten schätzt :D
Meine übliche liberale Inkonsequenz!
Gruß,
Zelenka
Cosima (09.05.2006, 17:08): Lieber Zelenka,
Jeremias hat vielleicht den Thread-Titel etwas unbedacht gewählt, aber in seinem Beitrag ganz klar gemacht, wie er es meinte und wie er Mendelssohns Musik begreift. Es gibt somit für mich keinen Grund, warum man sich nicht an der Diskussion beteiligen sollte.
Gruß, Cosima :)
Carola (09.05.2006, 17:38): Im - übrigens ganz hervorragenden - Booklet der Brillant Box mit Nicol Matt steht zu diesem Thema folgendes:
"Dass Mendelssohn heute kaum mehr die Wertschätzung erfährt, die seiner herausgehobenen Stellung im europäischen Geistes- und Kulturleben um 1840 entspräche, mag zum einen, wie oft behauptet, noch immer an der Verfemung seiner Person und der Ächtung seines Werks durch den Nationalsozialismus geschuldet sein. Von dem totalen Aufführungsverbot während der Zeit des "Dritten Reiches" hat sich sein Schaffen tatsächlich nie recht erholt; entsprechend ist die Wahrnehmung seiner Biographie nach wie vor nicht frei von Denkmustern, die sich mitunter gefährlich im Fahrwasser antisemitischer Rezeptionsmuster bewegen. Richard Wagners fatales Pamphlet über "Das Judentum in der Musik" hat hier schon 1850 die Stoßrichtung vorgegeben, und so scheint es, als habe sich der Nationalsozialismus lediglich auf perfide Weise zunutze gemacht, was an mehr oder minder künstlerisch motivierten Einwänden von jeher gegen Mendelssohn vorgebracht worden ist. (Seite 3f)
Christian Wildhagen´
Mendelssohn Musik galt ja übrigens den antisemitischen Hetzern damals auch als "weibisch". :D
All das verpflichtet natürlich niemanden dazu, Mendelssohns Musik zu mögen. Ich denke aber schon, dass die deutsche Kultur eine besondere Verantwortung zur Pflege seines musikalischen Erbes hat.
Mit Gruß von Carola
P.S. Ich fand übrigens, dass Jeremias seine Haltung in diesem Punkt sehr klar gemacht hat - er findet Mendelssohns Musik doch gerade nicht oberflächlich und hält diese Bewertung für ein Vorurteil.
Zelenka (09.05.2006, 18:45): Original von Carola Im - übrigens ganz hervorragenden - Booklet der Brillant Box mit Nicol Matt steht zu diesem Thema folgendes:
"Dass Mendelssohn heute kaum mehr die Wertschätzung erfährt, die seiner herausgehobenen Stellung im europäischen Geistes- und Kulturleben um 1840 entspräche, mag zum einen, wie oft behauptet, noch immer an der Verfemung seiner Person und der Ächtung seines Werks durch den Nationalsozialismus geschuldet sein. Von dem totalen Aufführungsverbot während der Zeit des "Dritten Reiches" hat sich sein Schaffen tatsächlich nie recht erholt; entsprechend ist die Wahrnehmung seiner Biographie nach wie vor nicht frei von Denkmustern, die sich mitunter gefährlich im Fahrwasser antisemitischer Rezeptionsmuster bewegen. Richard Wagners fatales Pamphlet über "Das Judentum in der Musik" hat hier schon 1850 die Stoßrichtung vorgegeben, und so scheint es, als habe sich der Nationalsozialismus lediglich auf perfide Weise zunutze gemacht, was an mehr oder minder künstlerisch motivierten Einwänden von jeher gegen Mendelssohn vorgebracht worden ist. (Seite 3f)
Christian Wildhagen´
Mendelssohn Musik galt ja übrigens den antisemitischen Hetzern damals auch als "weibisch". :D
All das verpflichtet natürlich niemanden dazu, Mendelssohns Musik zu mögen. Ich denke aber schon, dass die deutsche Kultur eine besondere Verantwortung zur Pflege seines musikalischen Erbes hat.
Mit Gruß von Carola
P.S. Ich fand übrigens, dass Jeremias seine Haltung in diesem Punkt sehr klar gemacht hat - er findet Mendelssohns Musik doch gerade nicht oberflächlich und hält diese Bewertung für ein Vorurteil.
Liebe Carola:
Da hat Brilliant offenbar wirklich ein ordentliches Booklet produziert, dem erst einmal nichts hinzuzufügen ist. Ich kann auch Deine eigenen Bemerkungen nur unterstreichen. Bis auf Dein P.S.: Schon beim Lesen des Thread-Titels heulte bei mir ein Alarm los: Wieder einmal Oberflächlichkeit im Zusammenhang mit dem Namen Mendelssohns, ein Quark, den Generationen von Musiklehrern in diesem Land verbreitet haben. Und im Thread-Einführungstext wird sehr wohl von "etwas leicht oberflächlich irtuose" gesprochen, das M.'s Werke manchmal an sich haben. Die Vokabel "oberflächlich" wird hier durchaus benutzt, um zumindest Aspekte von M.'s Werk zu charakterisieren. Ich habe meinerseits nur zu mehr Vorsicht beim Gebrauch des Wortes aufrufen wollen. Ein bißchen historische Reflexion kann wirklich nicht schaden.
Gruß,
Zelenka
Es wundert mich, dass Mendelssohn hier eher ein Schattendasein fristet. Ich höre seine Musik mittlerweile sehr regelmässig und dabei beschränke ich mich nicht nur auf das Violinkonzert. Einerseits haben seine Werke zwar manchmal etwas leicht oberflächlich virtuoses an sich, andererseits kenne ich kaum einen Komponisten, der für mich etwas derart tiefes, ergreifendes hat. Woran liegt dies? Weil er zwischen Klassik und Romantik lebte? Oder weil er seine großen Werke bereits in jungem Alter mit einer gewissen Reife schrieb?
Carola (09.05.2006, 19:58): Original von Zelenka
Liebe Carola:
Ich habe meinerseits nur zu mehr Vorsicht beim Gebrauch des Wortes aufrufen wollen. Ein bißchen historische Reflexion kann wirklich nicht schaden.
Gruß,
Zelenka
Lieber Zelenka,
damit hast Du zweifellos recht. Und es ist gut, dass Du durch Deinen "Zwischenruf" diese historische Reflektionsebene eingefordert und eingebracht hast.
Noch eine Ergänzung:
Dem bereits zitierten Booklet kann man auch entnehmen, dass die Mehrzahl von Mendelssohn Choralkantaten erstmalig zwischen 1972 und 1983 veröffentlicht wurde!
Mir war bisher auch neu, dass Mendelssohn in der Saison 1843/44 den Berliner Domchor geleitet hat. In dieser Zeit entstehen auch einige wichtige Werke aus dem Bereich der geistlichen Musik.
In diesem Zusammenhang schreibt Wildhagen:
" Dass er als getaufter Jude den protestantischen Glauben ernster nahm als mancher seiner christlichen Zeitgenossen, ist durch zahlreiche Schilderungen belegt, wird aber durch die antisemitischen Verzerrungen der Rezeption noch immer zu wenig beachtet. Themen- wie Textwahl entsprangen durchweg seinen Überzeugungen und legen zugleich Zeugnis ab von seiner umfassenden Bildung in Fragen der Religion und des biblischen Schrifttums." (Seite 19)
Dass die Evangelische Kirche ihr Mitglied Mendelssohn damals tapfer und energisch gegen die antisemtiische Hetze verteidigt hätte, ist leider nicht anzunehmen. Schande über sie!
Mit Gruß von Carola
Karsten (09.05.2006, 20:01): wird aber durch die antisemitischen Verzerrungen der Rezeption
Erzählt uns Wildhagen hierzu irgendwelche konkreten Details?
:hello
Carola (09.05.2006, 21:26): Original von Karsten
Erzählt uns Wildhagen hierzu irgendwelche konkreten Details?
:hello
Möglicherweise, ich kann mich nicht mehr an alles erinnern (die Einführung hat 25 Seiten und ich habe sie vor längerer Zeit gelesen). Ich hab´jetzt nur zitiert, was ich mir damals als Arbeitsnotiz/Exzerpt rausgeschrieben hatte.
Mit Gruß von Carola
ab (24.05.2006, 17:35): Meine Lieblingsaufnahmen sind:
Das e-Violinkonzert (vor allem in der Aufnahme mit Mischa Elman, dem Orchester der Wiener Staatsoper und Vladimir Golschmann).
Die Sinfonien Nr. 3 und 4 mit dem Chamber Orchestra of Europe und Nikolaus Harnoncourt. !!!:down
Die Streichquartette.
Die Klaviersonaten haben mir gefallen, nicht aber die Aufnahmen davon, die ich gehört habe...
Ganz im Allgemeinen finde ich immer noch, dass die Tradition, Mendelssohn - statt klassizistisch - spätromantisch oder romantisierende zu spielen, verfehlt ist! Auch geht mir der übliche oft geradezu weinerliche Ton nicht selten auf die Nerven! Nur anderes ist so gut wie nie zu hören. Warum?
(Von den Streichquintetten gibt es derzeit überhaupt keine einzige Aufnahme!)
Zelenka (24.05.2006, 17:41): Original von ab
(Von den Streichquintetten gibt es derzeit überhaupt keine einzige Aufnahme!)
Das stimmt nicht ... Es gibt z.B. eine wohlfeile (EUR 9.99 bei Amazon) Aufnahme der Quintette mit dem Ensemble Hausmusik auf historischen Instrumenten. Die Versionen sind empfehlenswert und sicher nicht spätromantisch gespielt.
Gruß,
Zelenka
Cosima (24.05.2006, 17:49): Original von Zelenka Das stimmt nicht ... Es gibt z.B. eine wohlfeile (EUR 9.99 bei Amazon) Aufnahme der Quintette mit dem Ensemble Hausmusik auf historischen Instrumenten. Die Versionen sind empfehlenswert und sicher nicht spätromantisch gespielt.
http://www.wom.de/image/cover/front/0/2440938.jpg
Die sind in der Tat empfehlenswert, auch das Oktett.
Gruß, Cosima
ab (24.05.2006, 20:31): Danke! Ich kenne diese Aufnahmen aber dachte irrtümlich, sie sei vergriffen. (So wie zB ihre sehr schöne Box mit Mozart-Quintett-Aufnahmen)
martin (25.05.2006, 21:05): Mendelssohn gehört nicht zu meinen Lieblingskomponisten, aber das mag sich natürlich irgendwann einmal ändern. Ich kenne natürlich seine 3. und 4. Sinfonie, sein Violinkonzert, die ich schätze ohne daß sie mich eigentlich wirklich berühren. Neulich hörte ich die 5. Sinfonie im Radio, eine gute Aufnahme mit Abaddo, die ich mitschnitt, aber beim Wiederhören nicht mochte und dementprechend löschte.
Woran liegt es, daß ich Mendelssohn nicht so mag? Ich weiß es nicht. Es ist nun einmal so. Es liegt vielleicht schon auch daran, daß mir die Musik der "Hochromantik" oder wie dies heißt, schon ohnehin nicht so liegt. Auch Schumann sagt mir eigentlich wenig. Allerdings hörte ich neulich Schumanns 4. und sie gefiel mir dann doch sehr. So mag es mir mit Mendelssohn auch noch gehen.
Aber irgendwie kann mich die Romantik nicht so sehr faszinieren. Da sagen mir eben Schubert und Beethoven mehr. Und dann wieder die Spätromantiker.
Aber vielleicht - wer weiß - mag sich das irgendwann noch mal völlig ändern. Das kann ich mir vorstellen. Der Geschmack ändert sich mit der Zeit. Was einen einmal fasziniert hat kann langweilig werden oder doch zumindestens an Faszination einbüßen, was man mal langweilig fand, kann plötzlich faszinierend werden.
Ich bin vielleicht auch immer noch zu sehr von dem geprägt, wie ich klassische Musik in meiner Jugend sah. Für einen jungen Menschen ist nun mal Mahler faszinerender als Mendelssohn.
Zu diesem wirklich unangenehmen Thema: Mendelssohn und die antisemitische Unterdrückung durch die Nazis. Es mag sein, das will ich nicht ausschließen, daß die Unterdrückung Mendelssohns noch heute fortwirkt.
Andererseits nun wieder: Gustav Mahler war auch Jude, seine Musik wurde auch durch die Nazis unterdrückt und diese Unterdrückung ist nun wirklich mit Sicherheit nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland völlig abgeschüttelt worden. Aber es ist nun einmal so: Mahlers Musik traf nach dem 2. Weltkrieg, wo sie ja erst eigentlich ihren Siegeszug nahm, den Nerv der Zeit ( keine glückliche Formulierung), deshalb wurde sie - auch in Deutschland - ungeheuer populär. Bei Mendelssohn mag es dagegen tatsächlich so sein, daß die rassistische Unterdrückung seiner Musik später mit einem Zeitgeist zusammentraf, der mit Mendelssohn wenig anfangen konnte, dem Mendelssohns Musik zwar als gekonnt, auch wohl schon schön, aber etwas "biedermeierlich" erschien. Und das ist mit Sicherheit sehr unfair! Aber der Zeitgeist, dem ich leider auch unterliege, mag sich auch wieder ändern und Mendelssohns Musik auch wieder nach vorne bringen.
Gruß Martin
ab (26.05.2006, 10:44): Mendelssohn als Spätromantiker zu bezeichnen, scheint mir verfehlt.
martin (26.05.2006, 17:10): Original von ab Mendelssohn als Spätromantiker zu bezeichnen, scheint mir verfehlt.
Worauf bezieht sich das? Auf meinen Beitrag? Also ich bin mir da keiner "Schuld" bewußt, sehe aber im moment auch nicht, worauf sich das sonst beziehen könnte. Ich hatte Mendelssohn der Hochromantik zugerechnet.
Mit den Epochenbezeichnungen bin ich allerdings auch nicht so ganz firm. Ich kenne diese Einteilung: Frühromantik: Schubert, Weber, Hochromantik: Schumann, Mendelssohn, Spätromantik: Wagner, Bruckner, Brahms etc., Nachromantik: Mahler, Strauss.
Nur habe ich auch wieder ganz anderes gelesen. Also meinetwegen, daß man den Schubert doch der Klassik zuschlägt, und ich glaube der Begriff "Nachromantik" in Bezug auf Strauss, Mahler ist auch nicht so populär, "Spätromantik" ist schon geläufiger. Na ja, Namen sind Schall und Rauch.
Themenwechsel. Was ich mal wissen wollte, zum Thema Mendelssohn. Brilliant Classics hat da ja ein grundsätzlich sehr verführerisches Angebot ( preislich gesehen), nämlich die Masterworksbox für 35 Euro. Kennt die jemand? Ist die empfehlenswert? Das sind natürlich 40 CDs und ich weiß nicht, ob ich soviel Mendelssohn brauche, aber vielleicht irgenwann einmal?
Gruß Martin
Heike (03.02.2009, 20:06): Happy Birthday!
:engel Heike
Nicolas_Aine (03.02.2009, 21:13): also ich finde Mendelssohn alles andere als oberflächlich, ich finde seine Musik hat viel mehr Tiefgang als so mancher Spätromantiker, er gehört auch zu meinen Lieblingskomponisten.
Wobei ich festgestellt habe, dass das noch viel extremer auffällt, wenn man die Sachen spielt. Ich hab zum Beispiel mal im hiesigen Jugendorchester das g - moll KK begleitet und das e - moll VK schon selbst gespielt, das ist einfach noch mal was ganz anderes, als wenn man es nur hört. Diese Erfahrung hab ich bei vielen Komponisten nicht so gemacht, teils sogar andersrum, z.B. bei Tchaikovsky.
Von seinen Werken gefallen mir besonders die beiden Violinkonzerte und auch das Konzert für Violine, Klavier und Orchester d- moll, die Klavierkonzerte, hiervon insbesondere das d - moll Konzert für Klavier und Streichorchester, außerdem die beiden Klaviertrios, von denen ich evt. das 2. mit 2 Freunden in den Sommerferien einstudieren werde, und die Schottische und die Italienische Symphonie.
Zu den beiden VK will ich irgendwann mal noch einen Thread eröffnen, aber das wird wohl noch eine Weile dauern :/
kreisler (03.02.2009, 21:19): Original von Hebre Happy Birthday!
:engel Heike
:hello jetzt bist du mir zuvor gekommen... :D
ich hab irgendwie vergessen noch etwas in den Mendelssohn-Thread zu schreiben. Höre aber die ganze Zeit nur seine Musik, und entdecke sie dabei erst richtig. Wirklich toll!!! :down
Geburtstagsgrüße auch von mir!
Hoffentlich kommen sie auf seiner Wolke im Musikhimmel an, ganzschön langer Weg, bis da oben. (Ach ja, dann kann er dem Wolferl gleich noch ein Gruß von mir aussrichten :D.
kreisler
(Ach ja, nächstes Jahr ist dann Schumann dran oder?...:D)
ab (03.09.2009, 13:09): Wie ja schon lange bekannt, weil hier im Forum wiederholt nachdrücklich darauf hingewiesen, bin ich bei den Streichquartetten ein großer Fan des Artis Quartett Wiens (siehe auch hier)
Heute habe ich im Radio blind einen Ausschnitt erstmals vom Quatuor Mosaique (Astree) gehört, und muss meine Hochachtung zollen!
(Damals, als sie neu war, hatte ich sie damit im Konzert gehört und hätte daraufhin sie mir nie angehört: Ein typisches Studioquartett, dass in Konzerten lieder wenig erfreulich ist.)
:hello
sahrapa92 (28.04.2015, 17:10): ichbin schlichtweg entsetzt. die nazipropaganda scheint bis heute in den gehirnen ihr unwesen zu treiben. mendelssohhn war der mozart des 19ten jahrhunderts. wer je eines seiner lieder ohne worte gespielt hat, im chor eines seiner werke gesungen hat, weiss es . mendellsohn war ein genie. so ganz nebenbei hat er das feuer der bachbegeisterung mit der auffuehrung der matthaeuspassion ab 1830 entfacht. bach galt bis dahin als komponist namhafter kompositionen fuer die ausbildung von pianisten, dass er grosse chorwerke verfasst hatte, war einfach unbekannt. kongenial ist einfach der sommernachtstraum. kein komponist hat je die gefuehlswelt shakespeares intensiver getroffen. das gift, dass wagner in seinem aufsatz ueber das judentum in der musik verspritzte, es wirkt auch noch heute in den gehirnen. ich habe in jungen jahren die artikel ueber mendelssohen im buch ueber klaviermusik von georgij von 1942 gelesen: 12 zeilen, emotionale kaelte, der schlussatz: mendellsohn war jude. in der ausgabe nach dem krieg 15 seiten ueber mendellsohn als wiedergutmachung. in der schublade romantik tummeln sich komponisten der unterschiedlichsten stile. lizst und mendellsohn sollen sich einmal im zarten alter von 13 in venedig ueber den weg gelaufen sein. nein, sie wurden keine freunde. mendellsohn erwaehnt ihn in seinem tagebuch als hirnlosen virtuosen.
Amonasro (28.04.2015, 17:32): Ich kann auch nicht verstehen, wie man Mendelssohns Musik als oberflächlich bezeichnen kann. Auf das Pamphlet von Wagner sollte man da nichts geben. Gerade die Sinfonien (besonders die "Schottische") höre ich immer wieder gerne. Besonders gefällt mir auch die Kantate "Die erste Walputgisnacht" nach Goethe; die ist von so zupackender Dramatik, dass ich mir auch eine Oper von ihm hätte vorstellen können.
Gruß Amonasro :hello
Peter Brixius (28.04.2015, 18:43): Lieber Amonasro,
Opern gab es ja von ihm, hörenswerte, wenn auch leider keine erfolgreiche. Aber die von ihm komponierte Bühnenmusik ist wohl nicht zu überbieten (auch wenn man es in dunkler Zeit vergeblich versuchte): die Musik zu Shakespeares A Midsummer Night's Dream.
Ich bin mit Dir vollkommen einer Meinung, Mendelssohns Musik ist alles andere als oberflächlich.
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (28.04.2015, 18:57): Original von sahrapa92 das gift, dass wagner in seinem aufsatz ueber das judentum in der musik verspritzte, es wirkt auch noch heute in den gehirnen.
Da bin ich mir nicht so sicher, denn wieviele haben Wagners Aufsatz tatsächlich gelesen, dazu noch vollständig, nicht nur auszugsweise? UND verstanden?
Wieviele von denen, die einfach nur klassische Musik hören, wissen überhaupt von diesem Aufsatz?
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (28.04.2015, 19:19): Lieber hosenrolle1,
es ist ja leider nicht so, dass man ein Pamphlet gelesen haben muss, um seinen Inhalt zu verbreiten. Die Wiederauflage von "Das Judentum in der Musik" hat auf jeden Fall einen hohen Grad an Aufmerksamkeit erweckt, nicht zuletzt auch, weil es nun ablehnende Reaktionen gab. Inhaltlich kann man sowieso über Mendelssohn in dem Pamphlet nichts erfahren außer dem Neid eines vermeintlich Zukurzgekommenen. Mendelssohn und Meyerbeer waren einfach deshalb verhasst, weil sie den Ruhm bekamen, den Wagner für sich allein haben wollten.
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (28.04.2015, 19:37): Alles klar, danke!
Ich habe den Satz zuerst so aufgefasst, als hätten "alle", auch die Menschen von heute, diesen Text gelesen und sich deswegen ihr Urteil gebildet.
Mir selbst gefällt das Capriccio Brillantvon Mendelssohn am besten.
LG, Hosenrolle1
Amonasro (28.04.2015, 19:47): Dass Mendelssohn auch Opern komponiert hat, wusste ich gar nicht. Wieder etwas dazugelernt.
Um Meyerbeer steht es eigentlich schlimmer; Mendelssohn wird ja relativ häufig gespielt, während Meyerbeer, vielleicht auch wegen solcher Feindseligkeiten, kaum aufgeführt wird.
Gruß Amonasro :hello
Amadé (29.04.2015, 17:55): Was mir bei Mendelssohns Musik schon lange aufgefallen ist, dass eigentlich keine Entwicklung während seiner Kompositionszeit festzustellen ist. Schon der 17 Jährige schreibt er die geniale Sommernachtstraum-Ouvertüre, Musik auf höchstem Niveau. Die folgenden Werke sind zwar anders geartet, jedoch die Kompositionshöhe ist ziemlich immer dieselbe. Bei Beethoven kann man bei zunehmenden Lebensabschnitten eine Verfeinerung der Technik, eine Zunahme der Ausdrucksmittel, zum Ende wieder auch eine Reduzierung auf Wesentliches, eine Abstrahierung feststellen. Bei Schubert läuft es ähnlich. Mendelssohn dagegen blieb auf einem sehr hohen Niveau stehen, das will nicht heißen, dass seine Musik deswegen minderwertiger sein muss. Biographien berichten übereinstimmend, dass ihm die Musik in die Wiege gelegt sei, dass er nicht so sehr an seiner "Kompositionswissenschaft" (Haydn) habe arbeiten müssen wie andere Kollegen. Liegt vielleicht darin ein Grund für seine kaum vorhandene Entwicklung?
Gruß Amadé
Peter Brixius (29.04.2015, 18:34): Lieber Amadé,
es ist - so meine ich - eine Sache der Perspektive. Wenn man die "Sommernachts-Ouvertüre" als Maß aller Dinge nimmt, so stimmt es, die hat er nicht wieder übertroffen (Aber hat Mozart sein "Bastien und Bastienne" übertoffen? Was heißt hier "übertroffen?)
Sieht man aber etwa die Chowerke von dem Beginn bis zu den großen Oratorien "Paulus" und "Elias" kann man mE durchaus eine Entwicklung feststellen. Oder bei den Sinfonien von den Streichersinfonien, bei denen man ja die Fortschritte unmittelbar verfolgen kann, bis hin zu der "Reformationssinfonie" und dem "Lobgesang". Die erste Sinfonie c-moll wird formal auf jeden fall in vieler Hinsicht übertroffen.
Oder der Abstand zwischen dem frühen d-moll und dem bekannten e-moll Violinkonzert. Und, und ...
Nein, ich halte die Behauptung für oberflächlich und verzerrend, auch wenn man sie öfters liest. Und das Quartett f-Moll für zwei Violinen, Viola und Violoncello op. 80 (1847) ist nun tatsächlich ein einzigartiges Werk, das wenn man so will, einen Spätstil repräsentiert.
Liebe Grüße Peter
Amadé (29.04.2015, 20:30): Original von Peter Brixius Und das Quartett f-Moll für zwei Violinen, Viola und Violoncello op. 80 (1847) ist nun tatsächlich ein einzigartiges Werk, das wenn man so will, einen Spätstil repräsentiert.
Lieber Peter, Vor der (von mir) als Leuchtturm angesprochenen Sommernachtstraum-Ouvertüre hat Mendelssohn schon komponiert und dabei auch gelernt, das steht doch außer Frage. Damals entstand viel Kammermusik in kleiner Beseztung, oft auch nur einzelne Sätze. Die 12 Streichersinfonien sowie die 1. Sinfonie in c-moll wurden zwischen 1821-24 komponiert, also vor op.21. Da hatte der Komponist seine Höhe erreicht und viele Meisterwerke folgten nun, z. B. die Streichquartette. Beim f-moll Quartett op.80 kann ich im Gegensatz zu Dir einen Spätstil nicht herauslesen. Die ausgesprochene Emotionalität der Musik rührt doch eher von der Ergriffenheit und Betroffenheit beim/vom überraschenden Tod der geliebten Schwester Fanny Mendelssoh-Hensel her. Von einem Spätstil kann man m.E. hier nicht sprechen. Felix Mendelssohns Tod kam ebenfalls überraschend, ohne eine vorhergehende bedrohliche Erkrankung. Die Musikwelt hätte noch viele Werke erwarten können. Bei der Chormusik sollte man die Oratorien nicht mit den vielen anderen geistlichen Stücken vergleichen, sie bieten natürlich mehr, aber es ist eine andere Kategorie.
Viele Grüße Amadé
Peter Brixius (29.04.2015, 21:01): Lieber Amadé,
gleich mal zugegeben, das mit dem Spätstil war metaphorisch. Ein Spätstil konnte sich (leider) bei Mendelssohn nicht entwickeln. Aber einfach nur biografischer Reflex ist mir auch zu wenig.
Dort, wo Mendelssohn viel geschrieben hat, lassen sich mE durchaus Entwicklungen wahrnehmen. Es gibt Genres, wo ihm keine Chance gegeben wurde, wie bei der Oper. Viel hat er für den familiären Kreis geschrieben, z.T. im Charakter einer Liederoper (wie Humperdincks HuG). Aber Dank der Intrigen von Spontini wurde ihm auf der großen Bühne schnell der Hals gebrochen. Dabei bringt er alle Mittel mit sich (wie man es an der "Walpurgisnacht" schon sehen und hören kann).
Durch die geistlichen Werke habe ich mich mal letztes Jahr durchgehört, das muss ich mal wiederholen (und strikt chranologisch anlegen). Vermutet sind da aber bei mir erkennbare Entwicklungen.
Bei den Liedern, mit denen ich mich ausführlicher beschäftigt habe, muss man deutlich unterscheiden zwischen Gelegenheits- und Salonkompositionen, sogenannten Albumsblättern. Der scheinbare Nichtfortschritt kommt mE eben auch dadurch, dass man da unterschiedliche Genres zusammen wirft.
Anderes wie die Bühnenmusik zur "Athalia" ist einfach (noch) zu wenig bekannt. Du ermunterst mich, lieber Amadé, mich mal wieder auf eine Pilgerfahrt durch Mendelssohn zu begeben, diesmal mit bewussten Wahrnehmen von Entwicklungslinien.