Mitten aus dem Leben - Autobiographisches in der Musik

Sfantu (07.01.2020, 14:27):
Hier soll es darum gehen, Werke zu sammeln, welche einen autobiographischen Bezug zu ihrem Schöpfer / ihrer Schöpferin besitzen.
Das kann von namentlichen Nennungen, alter egos über verschlüsselte Anspielungen bis hin zu vom Komponisten / der Komponistin oder seinem / ihrem Umfeld verbrieften Intentionen zur Selbstreflexion, -darstellung oder -Verballhornung reichen.
Die Beispiele, die mir aus dem Stehgreif einfallen, stammen überwiegend aus der Romantik – was kaum verwundern dürfte. Schließlich war dies die Epoche, in der die Künstlerpersönlichkeit oder jene der / des unerreichbaren Geliebten, Gottes, von Geisterwesen oder dem Leibhaftigen ins Schwärmerische bis Rauschhafte überhöht & in der Naturphänomene als beseelt begriffen & interpretiert wurden.
Daher besteht hier die Gefahr, in Stücken eines Erzromantikers wie etwa Robert Schumann an allen Ecken & Enden Ich-Bezüge auszumachen oder herzustellen. An anderer Stelle beschrieb ich einmal einen Grund für meine Abneigung gegen die Musik Gustav Mahlers mit der Wendung «Diese Musik schreit immer nur: Ich! Ich! Ich!». Cetay entgegnete, « das ganze Wesen der Klassischen Musik seit Beethovens Eroica ein einziger Ich-Schrei». Also – eben dieser allenfalls zu erahnende, nicht als solcher genannte Ich-Bezug gilt natürlich nicht – wir kämen da vom Hundertsten ins Tausendste.

Bin gespannt, was wir hier alles zusammentragen können.

Viele Grüße,
Sfantu
Sfantu (07.01.2020, 14:31):
Den Anfang mache ich mit dem Noten-Motiv D - Es - C - H, das Dmitrij Schostakowitsch als Chiffre für sich selbst (seine Initialen in der deutschen Schreibweise) verwandte, beipielsweise in seinem Streichquartett Nr. 8 c-Moll.
Waldi (07.01.2020, 14:37):
Das wohl bekannteste Beispiel ist Richard Strauss mit seinem von ihm selbst getexteten "Intermezzo": Szenen einer Ehe, die das reale Leben des Komponisten und seiner Gattin spiegeln - obwohl man das Werk natürlich nicht nur auf diesen Aspekt beschränken kann.
Sfantu (07.01.2020, 14:41):
Merci, lieber Waldi,
daß Du den Ball so prompt zurückspielst!

Dann bleiben wir doch gleich bei Strauss mit seiner Sinfonia Domestica. Die müffelt schon arg nach Selbst-Beweihräucherung.
Waldi (07.01.2020, 17:07):
Lieber sfantu,

Sicher, das hat Strauss doch selbst bestätigt. Man darf aber nicht vergessen, daß auch das "Heldenleben" zwar autobiographische Züge trägt, daß aber Strauss das nicht so ernst und doch auch selbstironisch gemeint hat - wie aus diversen seiner Äußerungen hervorgeht. Neben einer gehörigen Portion Selbstbewußtsein verfügte er über genügend Realitätssinn (den er freilich auch verbarg, wenn es im wirklichen Leben heikel wurde). Sich selbst ein wenig auf die Schaufel zu nehmen, war ihm nicht fremd.
Sfantu (07.01.2020, 17:29):
Einer meiner all time favourites & eines der ersten Orchesterwerke, die mir das Tor zur Kunstmusik auftaten, sind die

Enigma Variations op. 36 von Edward Elgar, in denen er, bevor er sich selbst portraitiert, 12 Freunde & seine Frau musikalisch vorstellt.
Cetay (inaktiv) (08.01.2020, 06:44):
Eines der frühesten Beispiele dürfte Oswald von Wolkensteins autobiographisches Lied "es fügt sich" aus dem 15. Jhd. sein. In einer Textzeile macht er mit "ich, Wolkenstein" unmissverstandlich klar, um wen es geht.
Sfantu (08.01.2020, 19:51):
Danke, Cetay,

für den guten Oswald - hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm!

Nicht fehlen darf in unserer Auflistung Bedřich Smetanas erstes Streichquartett e-moll von 1876 mit dem Titel
"Z mého života" ("Aus meinem Leben"), in dessen Finale der plötzliche Abbruch der freudig-enthusiastischen Musik durch einen schneidend hohen Ton der Primgeige, unterlegt vom Tremolo der Anderen, den quälenden Tinnitus illustriert, welcher den Beginn Smetanas allmählicher Ertaubung markierte.
Nicolas_Aine (08.01.2020, 20:30):
hm, zählt hier auch die Symphonie fantastique, in der sich Berlioz seinen Liebeskummer von der Seele schreibt (um mal wiki zu zitieren :D )?
Sfantu (08.01.2020, 20:48):
Hallo Nicolas,

unbedingt zählt die Fantastique dazu - danke Dir!
Nicolas_Aine (08.01.2020, 21:40):
:thumbup:

dann fallen mir noch der American in Paris von Gershwin ein, auch Dvoraks 9. Symphonie dürfte dazuzählen, um beim amerikanisch-europäischem Austausch zu bleiben. Und natürlich das Violinkonzert von Alban Berg, "Dem Andenken eines Engels", in dem er seine Erschütterung über den Tod Manon Gropius' verarbeitet.
Sfantu (09.01.2020, 08:45):
Zeitlich weit zurück zum Virginalisten John Bull & seinem knappen selbstironischen Stück

Doctor John Bull's My Selfe
Cetay (inaktiv) (09.01.2020, 12:06):
Es ist etwas weit hergeholt, aber das Volkslexikon benennt Franz Liszts Werk Der Blinde Sänger explizit autobiographische Komposition. Liszt schrieb mehrere Melodramen, aber sie blieben unbekannt, da sich die Gattung nicht durchgesetzt hat. Schliesslich komponierte er das Melodram nach einer Ballade von Byron. Der Sänger glaubt, er würde vor einem Publikum stehen. Da er jedoch blind ist, bemerkt er nicht, daß kein einziger Zuhörer anwesend ist, so daß er vergeblich singt. Es hört ihm niemand zu.
Sfantu (09.01.2020, 12:54):
Weniger subtil als Cetays interessantes Beispiel zu Liszt:

"Bryllupsdag på Troldhaugen" ("Hochzeitstag auf Troldhaugen") aus den Lyriske stykker (Lyrischen Stücken) op. 65 Nr. 6 von Edvard Grieg
Werther (09.01.2020, 21:00):
Um mal wieder mein Steckenpferd Beethoven zu reiten:

Klaviersonate Nr. 26 Op.81a "Les Adieux" - geschrieben zum Abschied seines Schülers und Freundes Erzherzog Rudolph, der vor den herannahenden napoleonischen Truppen aus Wien fliehen musste. Der autobiografische Bezug ist hier m.E. eindeutig.

Nicht ganz so eindeutig, aber vielleicht noch wichtiger ist er beim Andante favori - einem seiner gelungensten und pfiffigsten Stücke, das ursprünglich als Mittelsatz der Waldstein-Sonate fungieren sollte, dann aber aus stilistischen Gründen wieder herausgenommen wurde.

Beethoven hat das Autograph des Stücks (das niemals einen offiziellen Widmungsträger bekam) seiner großen Liebe Josefine Brunswik geschenkt. Im Begleitbrief heißt es: "hier ihr - ihr - Andante".

Es ist sogar spekuliert worden, dass die Anfangsmotive ihren Namen deklamieren: Josefine, Josefine. Beweisen lässt sich das allerdings nicht.
Werther (09.01.2020, 21:09):
Und noch einmal der alte Grantler:

Beethoven liebte die Natur und die Aufenthalte auf dem Land.

Spricht nicht alles dafür, dass die Pastorale - "mehr Ausdruck der Empfindungen als Malerei" - extrem autobiografisch ist?

Sie setzt sich mit ihrer heiteren Stimmung auch sehr deutlich vom Rest seines Werkes ab, ähnlich wie das Andante favori.

Vielleicht kein Zufall.
Maurice inaktiv (11.01.2020, 06:17):
Man kann durchaus auch Mahlers 5.Sinfonie dazu zählen oder Ralph Vaughan-Williams' 3.Sinfonie, die zwar den Titel "Pastorale" trägt, aber in der er seine Kriegserlebnisse aus den 1.Weltkrieg verarbeitet hat.

Smetanas Zyklus "My Vlast" dazu zu zählen, dürfte vielleicht nicht bei allen hier Einklang finden, aber ich finde, dass das Werk sein Persönlichstes war.
Sfantu (12.01.2020, 19:35):
Schöne Beispiele bis jetzt, danke euch!

@ Nicolas_Aine,

Wenn schon die Fantastique, dann auch ihre Fortsetzung: Lélio ou le retour à la vie op. 14b für Rezitator, Tenor, konzertierendes Klavier, Chor und Orchester.

Dieser Wurmfortsatz der Symphonie fantastique ist vielleicht eher aus musikhistorischen denn aus musikalischen Gründen interessant. In jedem Fall haben wir es hier ebenso mit einem Vollbad in autobiographischer Nabelschau zutun.
Amonasro (13.01.2020, 10:24):
Auch bei dem ein oder anderen Klavierwerk Rossinis wird man fündig: Marche et Réminiscences pour mon dernier voyage ... (Marsch und Erinnerungen für meine letzte Reise ...) ist eine halbernste Vision seines eigenen Todes, auf dem Weg zur Himmelspforte erklingen zu einem Trauermarsch Melodiefetzen aus 8 seiner Opern: Tancredi, La Cenerentola, La donna del lago, Semiramide, Le Comte Ory, Guillaume Tell, Otello, Il barbiere di Siviglia.

Gruß Amonasro
Cetay (inaktiv) (16.01.2020, 07:55):
Eins habe ich noch. So aktuell, dass es noch gar nicht im Druck erschienen ist:
"Entschuldigen Sie, können Sie mir vielleicht sagen, wer ich bin" für Mallet-Quintett (Vibraphon, Xylophon & 3 Marimba) von Manfred Menke. Er selbst weist dem Titel eine autobiographische Dimension zu, mit dem Hinweis, dass er zu seinem 35. Geburtstag fertig gestellt wurde. Für meinen Geschmack ist das etwas zu früh für die Identitätskrise in der Lebensmitte?!
Sfantu (18.01.2020, 15:16):
"Entschuldigen Sie, können Sie mir vielleicht sagen, wer ich bin" für Mallet-Quintett (Vibraphon, Xylophon & 3 Marimba) von Manfred Menke.
Grandios! Auf das Stück bin ich gespannt!

Ich führe noch Rachmaninows erste Sinfonie an. Sie ist quasi eine auskomponierte Liebeskummer-Selbstzerfleischung.
Nach einer unerwiderten Liebe wird es hier nur so krachen gelassen. Destruktiv, lärmend, leidend.
Cetay (inaktiv) (10.03.2020, 10:25):
Da spricht der Beiname des Werks für sich:

Erwin Schulhoff; Streichsextett op. 45, WV 70 "Das Autobiographische"
Sfantu (20.04.2020, 17:14):
@ Cetay,
der Schulhoff hat natürlich den Werktitel zu bieten, der hier den Nagel auf den Kopf trifft - oder besser: der den Faden ins Öhr buchsiert - Kompliment!
Wir bleiben mit Sibelius bei der Kammermusik:

Streichquartett d-Moll op.56 "Voces intimae"

Auch hier spricht der Name eigentlich schon für sich. Folgerichtig durchlebt der Komponist in diesem Werk, insbesondere im III. Satz, seine von Selbstzweifeln & einer gesundheitlichen Krise verursachte innere Zerrissenheit.
Das Quartett ist neben der zeitlich nah zu ihm entstandenen 4. Sinfonie sicher eine Wegmarke: dem spätromantischen Überschwang allmählich den Rücken kehrend & sich einer eigenen, klareren, schrofferen Tonsprache öffnend.
Sfantu (21.04.2020, 16:06):
Leoš Janáček - Po zarostlém chodničku (Auf verwachsenem Pfade)

Ein Trauma geriet hier zur Quelle künstlerischer Inspiration als auch quälender Selbsttherapie. Dieser Klavierzyklus - ursprünglich für Harmonium geschrieben & vom Komponisten über Jahre & Jahrzehnte immer wieder erweitert - ist die Klang gewordene Erinnerung an seine 1903 verstorbene Tochter Olga.
Sfantu (08.12.2020, 12:33):
besteht hier die Gefahr, in Stücken eines Erzromantikers wie etwa Robert Schumann an allen Ecken & Enden Ich-Bezüge auszumachen oder herzustellen. An anderer Stelle beschrieb ich einmal einen Grund für meine Abneigung gegen die Musik Gustav Mahlers mit der Wendung «Diese Musik schreit immer nur: Ich! Ich! Ich!». Cetay entgegnete, « das ganze Wesen der Klassischen Musik seit Beethovens Eroica ein einziger Ich-Schrei». Also – eben dieser allenfalls zu erahnende, nicht als solcher genannte Ich-Bezug gilt natürlich nicht – wir kämen da vom Hundertsten ins Tausendste.
Diese meine Beschränkungsklausel modifiziere ich jetzt einmal:
Es sind auch Werke möglich, die (begründbar & schlüssig nachvollziehbar, also nicht auf reine Spekulation gestützt) einen autobiographischen Bezug haben. Es muss also nicht explizit aus dem Werktitel hervorgehen. Eine Erweiterung in diese Denkrichtung hatte sich hier ohnehin schon eingeschlichen. Also - wenn es nicht zu sehr an den Haaren herbei gezogen ist: warum nicht?

Daher platziere ich hier & heute dieses weitere Beispiel:

Richard Strauss - Metamorphosen für 23 Solostreicher.

Der Stimmungsgehalt dieses in der Endphase des 2. Weltkrieges entstandenen Werkes ist bodenlose Trauer. Strauss litt sehr darunter, wie alles, was ihm geistige Heimat & Wirkungsstätte war, in Trümmern lag: München, Dresden, Weimar. Vielleicht auch eine uneingestandene Mitschuld, nicht offen gegen das Unrechtsregime aufgestanden zu sein?
Die Musik trägt jedenfalls alle diese Implikationen in sich.
Philidor (08.12.2020, 15:55):
Das kann von namentlichen Nennungen, alter egos über verschlüsselte Anspielungen bis hin zu vom Komponisten / der Komponistin oder seinem / ihrem Umfeld verbrieften Intentionen zur Selbstreflexion, -darstellung oder -Verballhornung reichen.
Schöner Thread, danke!

Makaber wird es bei Mahlers 6. Sinfonie, worin es drei Hammerschläge gibt, denen man nachsagt, der Komponist habe damit drei Schicksalsschläge seines Lebens antizipiert - den Verlust der Direktorenstelle an der Wiener Staatsoper, den Tod eines Kindes und die Diagnose eines Herzfehlers.

Gruß
Philidor

:hello
Cetay (inaktiv) (09.12.2020, 12:48):
Ich hab jetzt zweimal nachgesehen, aber Josef Suks Asrael Sinfonie fehlt wirklich noch:

Anfang 1905, etwa acht Monate nach Antonín Dvořáks Tod, begann sein Schwiegersohn Josef Suk die Komposition einer Trauersymphonie. Noch während der Arbeit traf Suk ein zweiter Schicksalsschlag – der Tod seiner geliebten Frau Otilie. Er widmete die fünfsätzige Symphonie Dvořák und dessen Tochter Otilie und gab seinem Werk den Namen des Todesengels „Asrael“ (BEST-EDITION)
Jan Van Karajan (29.12.2020, 10:54):
An sich könnte man hier auch gut das geistliche Werk von Anton Bruckner nennen. seine Frömmigkeit ist ja bekannt, er soll auch teilweise religiöse Visionen gehabt haben. Kein Wunder also, dass die geistliche Musik in seinem Schaffen eine große Rolle spielte. Vielleicht nicht autobiografisch im engeren Sinne, aber durch meine gestern begonnene Lektüre kam mir der Gedanke.
Grüße
Jan :hello
Sfantu (29.12.2020, 11:52):
Danke, Jan, für Deinen Beitrag. & nachträglich alles Gute zum Geburtstag!

Weiter mit
Pjotr I. Tschaikowskij - Souvenir d'un lieu cher op. 42 für Violine & Klavier.

Mit "lieu cher" ist offenbar Brailivo in der Ukraine gemeint - der Landsitz von Nadjeschda von Meck, der Mäzenin des Komponisten. Dort schrieb er im Frühjahr 1878 zumindest die letzten beiden der drei Sätze dieser Komposition nieder.
Jan Van Karajan (29.12.2020, 13:14):
Danke, Jan, für Deinen Beitrag. & nachträglich alles Gute zum Geburtstag!
Vielen Dank, mein lieber Sfantu :)
Jan Van Karajan (01.01.2021, 18:48):
Gestern habe ich die Mahler-Biografie von Kurt Blaukopf gelesen und erfahren, dass Mahler seine "Auferstehungssymphonie" teilweise auch unter dem Eindruck des Todes von Hans von Bülow geschrieben hat. Vor allem das Begräbnis soll ihn zum Schlusschor inspiriert haben. Also findet auch dieses Werk hier seinen Platz.
Grüße
Jan :hello
Jan Van Karajan (13.02.2021, 10:13):
Man könnte hier sicherlich auch noch Bachs Clavierbüchlein für Anna Magdalena anführen. Ohne seine Frau hätte er dieses ja wahrscheinlich niemals niedergeschrieben. Es handelt sich zwar um ein eher unterschätztes Werk von Bach, sollte hier aber dennoch Platz finden.
Grüße
Jan :hello
Philidor (13.02.2021, 10:17):
Von wem wird es Deiner Meinung nach unterschätzt? Und in welcher Funktion - als Lehrbuch oder als absolute Musik?

Gruß
Philidor

:hello
Jan Van Karajan (13.02.2021, 10:34):
Ich beziehe mich hier vor allem auf das Konzertleben. Als Lehrstück ist mir diese Sammlung teilweise sogar im normalen Schulunterricht begegnet. Allerdings ist mir keine Einspielung oder Aufführung durch renommierte Pianisten bekannt, auch wenn ich da natürlich für Belehrungen offen bin ;)
Philidor (13.02.2021, 10:58):
Ach ja, Belehrungen ... ;) ... mal rein hypothetisch: Wenn jemand sich als Experte gerieren wollte, ohne einer zu sein (" ... denn deine Sprache verrät dich", musste sich schon Petrus sagen lassen), der würde es sich freilich verbitten, wenn ein anderer etwas in die Diskussion einfließen ließe, was er selbst entweder nicht wusste oder anders dargestellt hatte. Dass jemand in einer solchen Situation virtuell aufschreien könnte und dann auf verborgenen Wegen fake news verbreiten würde und die "Gegenredner" möglichst schlecht darstellen würde, um den Mythos seiner selbst zu retten, das könnte ich mir zumindest vorstellen. Jedenfalls, wenn ich an Gestalten wie Norman Bates oder Hannibal Lecter denke. Obwohl, Letzterer ist freilich hochintelligent ... Im richtigen Leben gibt es so etwas hoffentlich nicht. - Hypothese beendet, zurück zur Musik:

Als Diskussionsbeitrag auf Augenhöhe ohne belehrende Intention ;) - ich denke, wir können durch das Zusammentragen der bei uns einzeln vorhandenen Informationen nur profitieren - : Das Notenbüchlein von Anna Magdalena Bach wurde freilich auch von prominenten Cembalist*innen zusammen mit weiteren Musikern - es sind ja nicht nur Clavierstücke - aufgeführt und aufgenommen. Hier ein paar Beispiele:



Weitere Aufnahmen findest Du mühelos bei den einschlägigen Anbietern.

Warum die Pianisten sich weniger darum kümmern? Zunächst mal: Im Klavierunterricht wird es m. E. hochgeschätzt und kommt weidlich zum Einsatz. Das hast Du ja selbst erfahren. Darum fragte ich "in welcher Rolle unterschätzt?"

Schon Glenn Gould wusste zu berichten, dass, wenn die hochgezüchteten Virtuosen sich überhaupt mal zu so etwas Einfachem wie Bach herablassen, sie dann zur Chromatischen Fantasie und Fuge oder zum Italienischen Konzert greifen würden.

Nun, die Zeiten sind lange vorbei, dennoch ist das Einspielen von Lehrwerken die Ausnahme geblieben. Auch Czernys "Schule der Geläufigkeit" ist ja nicht gerade ein Renner bei Klavieraufnahmen.

Gruß
Philidor

:hello
Jan Van Karajan (13.02.2021, 12:11):
Ich danke für die Aufklärung, lieber Philidor :) . Und so haben wir wieder noch was für die Einkaufsliste :D . In der Schule musste ich zum Menuett aus dem Büchlein mal ein Notendiktat schreiben. Ich habe kläglich versagt :leb . Spielen kann ich das Klavier leider ohnehin nicht, da eine körperliche Einschränkung es mir erschwert, die Finger der linken Hand unabhängig voneinander zu bewegen. Es bleibt also hauptsächlich beim Hören :D . Aber wie auch immer. Jedenfalls habe ich heute wieder was Neues hier gelernt :) .
Grüße
Jan :hello
Philidor (13.02.2021, 12:46):
Spielen kann ich das Klavier leider ohnehin nicht, da eine körperliche Einschränkung es mir erschwert, die Finger der linken Hand unabhängig voneinander zu bewegen.
Oh - das tut mir leid!

Gruß
Philidor

:hello
Jan Van Karajan (13.02.2021, 14:18):
Das muss es nicht, lieber Philidor :) . Mit der Zeit lernt man, mit körperlichen Einschränkungen zu leben. Umso dankbarer ist man, wenn der Geist vernünftig funktioniert. :)
Grüße
Jan :hello
Philidor (13.02.2021, 15:20):
Umso dankbarer ist man, wenn der Geist vernünftig funktioniert.
Das ist wahr! Der Geist ist es, welcher die Beschränkungen des Körpers transzendiert.

Gruß
Philidor

:hello
Jan Van Karajan (13.02.2021, 16:22):
Als ich mich nach einer Operation am Knie mal in die Reha begeben müsste, wurden auch viele mehrfach Schwerstbehinderte auf dieser Station behandelt. Eine Schwester sagte mir damals, dass es traurig sei, dass sie ihre Fortschritte gar nicht wahrnehmen könnten. In diesem Moment hab ich mir wirklich gedacht, dass mein Los gar nicht das Schlechteste war. Ich habe mich an meiner Schule auch lange für Inklusion eingesetzt, müsste aber am eigenen Leib erfahren, dass diese auch Grenzen hat.
Grüße
Jan :hello
Sfantu (14.02.2021, 18:34):
Jón Leifs
verarbeitete den Verlust seiner jüngsten Tochter Líf (sie ertrank 1947 in ihrem 18. Lebensjahr beim Baden vor der schwedischen Küste) in insgesamt 4 Werken:

Torrek op. 33a für Singstimme & Klavier
Requiem op. 33b für gemischten Chor a cappella
Erfiljóð op. 35 für Männerchor a cappella
Streichquartett Nr. 2 op. 36 "vita e mors"
Sfantu (20.07.2022, 10:19):
Größer besetzte, autobiografische Kammermusiken dürfte es nicht so viele geben:

Miroslav Weber
(1854 - 1906)

Septett E-dur "Aus meinem Leben"
Sfantu (25.05.2023, 17:41):
George Onslow

schrieb sein Streichquintett c-moll op.38 "de la balle" (=etwa: von der Gewehrkugel/vom Bleigeschoss) als künstlerische Verarbeitung eines dramatischen Erlebnisses:
bei einem Jagdunfall wurde er versehentlich getroffen und hätte um ein Haar sein Leben verloren. Die einzelnen Sätze schildern teils ziemlich bildhaft das Geschehen, auch der Gewehrschuss wird eindrucksvoll plastisch in Szene gesetzt - jedenfalls in dieser packenden Einspielung:




L'Archibudelli & Smithonian Chamber Players
(CD, Sony, 1995)

Allegro Moderato ed Espressivo 9'15
Menuetto Presto, Dolore, Febbre E Delirio 4'24
Andante Sostenuto, Convalescenza 4'10
Finale, Guarigione 7'29