Mozarts Zauberflöte für Erwachsene

Peter Brixius (30.11.2010, 14:04):
Um nicht in dem anderen Thread auf die Dauer OT zu sein, habe ich diesen eröffnet. Dabei werde ich von Helmut Perls Buch "Der Fall Zauberflöte" (erschienen in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt 2000) ausgehen.

Das zweite Kapitel ist mit Der Dalk hat nichts verstanden überschrieben. Perl nimmt hier Bezug auf einen Brief von Mozart an Constanze, die gerade kurte, in dem er einen Besuch seiner Oper "Die Zauberflöte" beschreibt. Er betritt eine Loge, die mit Bekannten besetzt ist (die Namen, die Mozart nannte, sind später unkenntlich gemacht worden - von Nissen oder von Constanze), dann fährt er fort

Die Herren zeugten über alles recht sehr ihren beifall, aber Er, der allwissende, zeigte so sehr den bayern, daß ich nicht bleiben konnte, oder ich hätte ihn einen Esel nennen müssen; unglückseeligerweise war ich eben drinnen als der 2.te Ackt anfieng, folglich bey der feyerlichen Scene, er belachte alles; anfangs hatte ich gedult genug ihn auf einige Reden aufmerksam machen zu wollen; allein er belachte alles; da wardsmir nun zu viel, ich hieß ihn Papageno, und gieng fort, glaube aber nicht, daß es der dalk verstanden hat. (Brief vom 8.10.1791)

Mozart konnte voraussetzen, dass seine Frau seine Anspielungen verstand, dass sie begriff, dass ihn das Benehmen des "allwissenden" so aufbrachte, dass er die Loge wieder verließ. Entweder war das Verständnis der Oper dem Besucher verborgen - oder er verstand die Botschaft der Oper, lehnte sie aber ab. Dass er aks Wiener den "bayern" zeigte, weist auf ein bayrisches Ereignis hin: Ignaz von Born, führender Wiener Illuminat und Meister vom Stuhe der Loge "Zur wahren Eintracht" (Mozarts Loge, Mozart war mit von Born befreundet) war aus der Münchner Akademie der Wissenschaften ausgetreten. In seinem Schreiben hatte er das Vorgehen gegen die Illuminaten als Kannibalentum bezeichnet, er setzte Jesuitismus und Fanatismus mit Bosheit und Ignoranz gleich, Aberglauben mit Dummheit. Er bleibe ein eingeschworener Feind der unwissenden Mönche. Seine Denkweise sei genau das Gegenteil derjenigen, für die Bayern berühmt sei. Perl fasst zusammen: Der "bayer" war für Mozart also jemand, der die Gegenposition der Illuminaten vertrat, ein Anhänger klerikalen Aberglaubens (Perl, 13).

Mozart hatte dem arroganten Besucher auch noch "Papageno" als Schimpfwort nachgeworfen, stellte aber fest, dass dieser (im Unterschied zu Constanze) den Namen
gar nicht als Schimpfwort verstanden hatte Offenbar steckte für Mozart etwas anderes hinter der Oper als eine Kombination von freimaurerischen Symolen und Ritualen mit einer märchenhaften Handlung. (ich habe im anderen Thread schon die Nähe des Namens "Monostatos" mit der lateinischen Bezeichnung eines Mönches erwähnt,. hier greife ich vor, dass in dem Namen "Papageno" der Namensteil papa=(heiliger) Vater, Papst enthalten ist.

Mozart hatte an anderer Stelle geschrieben: was mich aber am meisten freuet, ist der stille beifall! man sieht recht wie sehr und immer diese Oper steigt (Brief vom 7./8. Oktober). Wenn man nun von den gelöschten Namen ausgeht, so musst die adäquate Rezeption (so Perl) etwas sein, was für die Obrikeit bedrohlich und staatsgefährdend war. Offensichtlich wurden die Namen zum Schutz der Betroffenen im Brief gelöscht - der (mehrfache) Besuch einer "Märchenoper" rechtfertigt ein solches Verhalten sicher nicht..

In meinem nächsten Beitrag möchte ich ein wenig genauer auf den Märchencharakter des Werkes sehen, in dem nicht etwa - wie üblich - drei Damen von dem Helden, sondern dieser Held von drei Damen vor einem Ungeheuer gerettet wird.

Liebe Grüße Peter
Peter Brixius (01.12.2010, 14:00):
Die Ouvertüre wird bei Stefan Kunze (Mozarts Opern, 1984) ausführlich analysiert, ohne dass die Schlüsse, die Kunze zieht, für mich überzeugend sind. Kunze geht davon aus, dass die Ouvertüre zusammen mit dem Priestermarsch als letztes Stück komponiert worden ist. Daraus schließt er: Nachdem das Ganze durch die kompositorische Einbildungskraft hindurchgegangen war, konnte Mozart in der Ouvertüre Rück- und Überschau halten (566). Entsprechend findet Kunze allein im Fugenthema neben dem Prüfungsthema das selbstvergessen und zwanglos Spielerische insbesondere Papagenos und seiner Späße, die szenischen Kontraste, die lächelnde Anmut der drei Knaben, der drei Damen in der Introduktion und im ersten Quintett: dies alles enthalten im Fugenthema mit seinem federnden, leichten Staccato, der unerwartet gegen den Takt eintretenden Doppelschlag-Figur im Forte, dem agilen Hin und Her der fortsetzenden Achtel, die auf der Stelle treten, nachdem die beiden ersten Takte mit Fanfaren-Elan das fundamentale Quintintervall (es-b) von Es-dur exponierten, und in dem auch rhythmisch kontrapunktierend eintretenden Gang mit dem Gegenakzent auf dem zweiten Viertel des Taktes. (567)

Zweifellos findet man Elemente in der Ouvertüre, die Mozart an für die Handlung wichtigen Stellen wieder aufgegriffen hat. Aber dennoch scheint mir die Vorstellung einer Rück- und Übersicht überzogen zu sein, eine Anspielung auf Papageno, die drei Damen wie die drei Knaben nicht nachvollziehbar.

Wesentlich bedeutender scheint mir eine Tatsache zu sein, die Kunze überhaupt nicht erwähnt: im Unterschied zu allen anderen Mozart-Opern trägt hier die Ouvertüre die Nr. 1 - sie wird eben nicht über- sondern eingeordnet, sie steht im Zeitstrahl am Anfang, kann also noch nicht antizipieren, was sie noch nicht weiß.

Tamino wird in den ersten Szenen deutlich machen, dass er sich auf der Suche nach Weisheit befand, die er bei der sternenglänzenden Königin zu finden hofft.Die Akkorde bezeichnen mE das Ziel, das er fälschlicherweise mit der Königin der Nacht identifiziert.

Die Fuge braucht mE nicht das Handwerkliche zu bedeuten, das ja auch das Freimaurerische repräsentiert, es kann im wörtlichen Sinne die Flucht bedeuten. Denn wenn der Prinz endlich physisch auf die Bühne tritt, ist er wafenlos und (schon wieder) auf der Flucht. Es ist davon auszugehen, dass er wohlausgerüstet, wahrscheinlich mit Gefolge vom Hof seines Vaters ausgezogen ist. Die Gefährlichkeit des Weges hat ihn von den Gefährten getrennt, hat ihn seine Ausrüstung verlieren lassen, so dass er die Szene in einer deutlich anderen Verfassung betritt, als man es von einem Helden erwarten dürfte. Könnte die Ouvertüre nicht einfach Schilderung des Schreckenweges sein, den Tamino zurück gelegt hat. Ein Indiz dafür ist die Lage der Flötenstimme, die in der Höhe viel Chromatik verlangt - was bei der historischen Flöte, die Mozart für das Orchester voraussetzte, schrille und schräge Töne verursachte - wohl zu einer Schreckensszenerie passend,. einem hektisch flüchtenden Prinzen.

Wenn man die Ouvertüre nicht wie zu einem Bühnenweihestspiel aufführt, wird man - so meine ich - meine Überlegungen nachvollziehen können. Wird alles mit feierlicher Gemütlichkeit eingedickt, kann man natürlich auch jede Anspielung der Welt entdecken.

Taminos Verhalten der Königin ist auf jeden Fall davon geprägt, dass er sein Ziel der Weisheit erreicht hat. Die Macht und Zauberkraft, die er erfährt, scheinen ihn zu bestätigen. Doch die drei Akkorde wird er erst später hören - und dann wissen, dass ihn die Königin getäuscht hat.

Liebe Grüße Peter
Fairy Queen (17.12.2010, 22:02):
Auch wenn das nichts mit Peters interessanten Beiträgen zu tun hat: ich bin gerade in den Genuss einer Zauberflöte vom 7.4.1963 gekommen.(eignet sich für Kinder und Erwachsene würde ich mal sagen) Wolfgang Sawallisch dirigiert die Wiener Symphoniker, Regie Herbert Junkers. Der Original Zauberflötenvorhang und eine herrlich naturalistisch altmodische Aufführung mit phantasievollen Kostümen und guten Sängern. Von Selbigen will ich aber nur einen namentlich nennen, nämlich den 1. Knaben, der niemand anders ist als unser gestreifter Wiener Opernfreund Peter alias oper337 und dessen wunderschönen reinen und hochmusikalischen
Knabensopran ich nun endlich einmal hören kann. :down :down :down
Sehend hätte ich ihn niemals wiedererkannt, jedenfalls nicht von den im Forum kuriserenden Photo. Seit 1963 sind dann doch ein paar Jährchen vergangenn, schliesslich war ich da noch nichtmal geboren.... :wink
Auf Cd hab ich ihn auch noch und zwar in einer anderen Zauberflöte von 1962 unter Karajan und ausserdem als Bastienne. Welche Wonne, welche Lust!
Grand merci, ich bin ganz stolz auf diese Gaben! :leb :engel
F.Q.
Severina (17.12.2010, 23:57):
Original von Fairy Queen
Auch wenn das nichts mit Peters interessanten Beiträgen zu tun hat: ich bin gerade in den Genuss einer Zauberflöte vom 7.4.1963 gekommen.(eignet sich für Kinder und Erwachsene würde ich mal sagen) Wolfgang Sawallisch dirigiert die Wiener Symphoniker, Regie Herbert Junkers. Der Original Zauberflötenvorhang und eine herrlich naturalistisch altmodische Aufführung mit phantasievollen Kostümen und guten Sängern. Von Selbigen will ich aber nur einen namentlich nennen, nämlich den 1. Knaben, der niemand anders ist als unser gestreifter Wiener Opernfreund Peter alias oper337 und dessen wunderschönen reinen und hochmusikalischen
Knabensopran ich nun endlich einmal hören kann. :down :down :down
Sehend hätte ich ihn niemals wiedererkannt, jedenfalls nicht von den im Forum kuriserenden Photo. Seit 1963 sind dann doch ein paar Jährchen vergangenn, schliesslich war ich da noch nichtmal geboren.... :wink
Auf Cd hab ich ihn auch noch und zwar in einer anderen Zauberflöte von 1962 unter Karajan und ausserdem als Bastienne. Welche Wonne, welche Lust!
Grand merci, ich bin ganz stolz auf diese Gaben! :leb :engel
F.Q.

Willst Du damit sagen, dass er kein gestreiftes Jäckchen trug?? :D

lg Sevi :hello
Fairy Queen (18.12.2010, 14:07):
:rofl :rofl :rofl
Irgendwie scheint sich die Mode inden letzten 40 Jahren dann doch gewandelt zu haben....... :wink

F.Q.
peter337 (19.12.2010, 20:41):
Meiine liebe Fairy und Severina!

Sehend hätte ich ihn niemals wiedererkannt, jedenfalls nicht von den im Forum kuriserenden Photo. Seit 1963 sind dann doch ein paar Jährchen vergangenn.

Ich kann es auch nicht glauben, aber über 40 Jahre ist das nun her, da kann ich nur mit Hildegard Knef sagen "Aber schön war es doch".

Gestreift war damals nicht "in", wir waren damals seriöser gekleidet, aber mit dem gereiften Alter hat sich meine Bekleidung verjüngert, meine Stimme ist zum Bassbariton geworden.

Liebe Grüße sendet Euch Euer Peter. :hello :hello
Mozart (03.01.2012, 12:03):
Ich habe mir vor einigen Tagen alle Opern von Mozart gekauft (diese Box - M22), darin ist ja auch die Zauberflöte enthalten ;)

Ricardo Muti (Dirigent) + Wiener Philharmoniker
Christian Gerhaher
Genia Kühmeier
Paul Groves
Diana Damrau
René Pape


Ich habe bisher nur den ersten Akt gesehen / gehört, wage aber trotzdem ein Zwischenfazit: Meiner Meinung nach eine moderne Inszenierung. Sie ist sehr bunt gehalten, das Bühnenbild gefällt mir zum Teil überhaupt nicht (zum Beispiel die Schlange zu Beginn, sieht nicht aus wie eine Schlange), oder die drei Knaben die mit einem Flugzeug (!) eingeführt werden bzw. dieses kleine Auto mit dem Pamina und Papageno zum Teil unterwegs sind.

Gesanglich habe ich bisher nichts zu bemängeln.
Billy Budd (27.01.2012, 22:23):
Ich erlaube es mir, diesen Thread wieder zu beleben, obwohl derzeit hier eine äußerst interessante Diskussion läuft.

In diesem Thread findet sich folgender Satz von Fairy, der sich auf Monostatos bezieht:
ich habe eh Mitleid mit dem armen Schwein udn finde Sarastros Vorgehen unangemessen. Er sollte ihm leber, so wie dem Papageno, eine Monostata besorgen, dann wird das schon wieder. :cool
Vorausgeschickt sei, dass ich kein Fan der "Zauberflöte" bin, mir sie nur dann anschaue, wenn mich eine interessante Besetzung in die Oper lockt und mich daher mit ihr nicht gründlich beschäftigt habe.

Sarastro ist natürlich auch keine Lichtgestalt, aber trotzdem finde ich, dass er hier richtig handelt.
Monostatos will Pamina vergewaltigen und droht, sie umzubringen. Sarastro hält ihn davon ab und jagt ihn fort. Ich finde seine Vorgehensweise nicht falsch, denn hielte er ihn bei sich, erscheint es plausibel, dass er bald wieder ein solches Vergehen unternimmt.
Dann schließt er sich noch dem Todfeind Sarastros, nämlich der Königin, an, die ihm Pamina verspricht.

Also für mich ist Monostatos einer der recht wenigen unsympatischen Tenöre. Oder stehe ich mit meiner Meinung ganz alleine da?

Billy :hello
Fairy Queen (28.01.2012, 15:54):
Lieber Billy Budd, Wenn man die Sache unverfälscht und ohne Hintergedanken betrachtet, hast du natürlich Recht. Da ist Monostatos ein lüsterner Wüstling und Wendehals und hat seine Strafe verdient. Wenn man sich aber mal in seine Lage versetzt?
Er ist als Mohr schon mal ohnehin ein Aussenseiter und warum ausgerechnet der Bösewicht vom Dienst als Mohr dargestellt ist, darüber lässt sich auch eine Diskussuion führen. Genauso wie papageno sehnt er sich nach einem Mädchen oder Weibchen. Selbiges ist aber nicht in Sicht, statt dessen die wunderschöne Prinzessin Pamina. Wenn Sarastro wirklich so weise wâre, hätte er entweder einen Eunuchen zu ihrer Wache abgestellt oder seinen charakterfestesten Priester der bereits alle Gelübde und Prüfungen bestanden hat. Aber nicht einen frustrierten Underdog! Wenn Monostatos eine Monostata bekommen hâtte wie Papageno seine Papagena und Tamino seine Pamina, wäre das ein beweis von Weisheit, Menschenliebe und Vergebung. So aber regieren doch wieder nur Rache und Bestrafung- von wegen in diesen heilgen Hallen......

Ich befasse mich gerade intensiv mit den Figuren der Zauberflöte im Zusammenhang eines therapeutischen Projekts mit Jugendlichen und wir versuchen in den nâchsten Monaten, neue Lösungen für die einzelnen Personen zu finden und eine moderne Version des Libretto zu schreiben. Daher meine etwas gegen den Strich gebürstete Version von Monostatos..... :cool
Interessant, was Jugendliche, die vollkommen unbefangen an dieses Werk herangehen, dazu meinen. Ganz spontan waren fast Alle überzeugt, dass Sarastro in Wahrheit Paminas Vater oder selbst "scharf auf sie" sei- warum habe er sie sonst entführen wollen????
Fûr mich gewinnt diese Oper im Moment jedenfalls vollkommen neue Dimensionen.

Liebe Grûsse an nah und fern
F.Q.
Solitaire (28.01.2012, 17:14):
Original von Fairy Queen
Ganz spontan waren fast Alle überzeugt, dass Sarastro in Wahrheit Paminas Vater oder selbst "scharf auf sie" sei- warum habe er sie sonst entführen wollen????

Wir hatten es ja mal an anderer Stelle, aber das ging mir als Kind auch so: für mich war Pamina früher ganz klar ein Scheidungskind und Sarastro der Verflossene von Frau Königin.

Was das "selber scharf auf Pamina" angeht, so gibt mir Sarastros Satz "Zur Liebe will ich dich nicht zwingen" jedesmal mal wieder zu denken.
Und nein: in diesen heil'gen Hallen ist wirklich nicht alles in Ordnung.
golioni (01.02.2012, 15:23):
Original von Billy Budd
Monostatos will Pamina vergewaltigen und droht, sie umzubringen. Sarastro hält ihn davon ab und jagt ihn fort. Ich finde seine Vorgehensweise nicht falsch, denn hielte er ihn bei sich, erscheint es plausibel, dass er bald wieder ein solches Vergehen unternimmt.


Hallo Billy,

ich sehe das im Prinzip genauso, allerdings wenn ich dich richtig verstehe meinst du das "jagt ihn fort" im Sinne einer Verbannung damit er nicht "bald wieder ein solches Vergehen unternimmt". Ich bin mir nicht sicher ob das im Libretto so gemeint ist :



ELFTER AUFTRITT
Vorige, Sarastro.

MONOSTATOS
So fahr denn hin!
Sarastro hält ihn schnell ab
Herr, mein Unternehmen ist nicht strafbar; man hat deinen Tod geschworen, darum wollt ich dich rächen.

SARASTRO
Ich weis nur allzuviel. - Weiss, dass deine Seele eben so schwarz als dein Gesicht ist. - Auch würde ich dies schwarze Unternehmen mit höchster Strenge an dir bestrafen, wenn nicht ein böses Weib, das zwar eine sehr gute Tochter hat, den Dolch dazu geschmiedet hätte. - Verdank es der bösen Handlung des Weibes, dass du ungestraft davon ziehst. - Geh! -
MONOSTATOS
im Abgehen
Jetzt such' ich die Mutter auf, weil die Tochter mir nicht beschieden ist.ab


Für mich klingt das eher so als würde Monostatos aus eigenen Stücken zur Mutter gehen weil ihm "die Tochter nicht beschieden ist". Wie auch immer, Fakt ist jedenfalls, dass er UNGESTRAFT davon kommt wie auch schon zuvor :


SIEBENTER AUFTRITT
Das Theater verwandelt sich in einen angenehmen Garten; Bäume, die nach Art eines Hufeisens gesetzt sind; in der Mitte siebt eine Laube von Blumen und Rosen, worin Pamina schläft. Der Mond beleuchtet ihr Gesicht. Ganz vorn steht eine Rasenbank, Monostatos kommt, setzt sich nach einer Pause.

MONOSTATOS.
Ha, da find' ich ja die spröde Schöne! - Und um so einer geringen Pflanze wegen wollte man meine Fusssohlen behämmern? - Also bloss dem heutigen Tage hab' ichs zu verdanken, dass ich noch mit heiler Haut auf die Erde trete.


In fast allen Inszenierungen aber auch in Aufnahmen wird diese Passage gestrichen. Ich habe mir mal meine Aufnahmen dahingehend angehört, dazu noch andere bei youtube und simfy insgesamt sicher weit mehr als 20. Nur bei 2 !!!!(Jacobs 2010 und Östmann 1993) wird die Stelle so wiedergegeben wie im Libretto. Meist wird sie einfach weggelassen, es geht aber auch noch schlimmer. Bei youtube gibt es eine Zauberflöte aus Paris(2001), da wird aus "wollte man meine Fußsohlen behämmern", "hat man mir die Fußsohlen behämmert". Der folgende Satz fehlt dann natürlich.
So gesehen ist es natürlich nicht verwunderlich, dass die meisten "normalen Opernfans", die sich nicht mit Partitur oder Libretto beschäftigen, glauben dass Monostatos wie angedroht bestraft wurde.
Wie dem auch sei, was zählt ist das Libretto,d.h. die Bestrafung wurde definitiv nicht durchgeführt. Dass also in "diesen heil'gen Hallen" nur "doch wieder nur Rache und Bestrafung regieren" wie Fairy oben schreibt kann ich absolut nicht nachvollziehen, in dem Zusammenhang von Rache zu reden finde ich gerade zu absurd :ignore.
Fairy Queen (02.02.2012, 11:29):
Lieber Golioni, Du hast natürlich mit Deinem Hinweis Recht aber ich habe zu meiner Ehrenrettung einen Gesamtklavierauszug der Zauberflöte und auch die Texte in verschiedenen Sprachen. Wenn ich den Monostatos und damit auch Sarastro etwas gegen den Strich betrachten möchte, ist das auch ein Stück Provokation und mit den Augen meiner jungen Patienten, die von Zauberflöte noch nie etwas gehört oder gesehen haben, gesehen. Warum muss Monostatos z.B. schwarze Haut haben? Und warum darf er überhaupt Pamina bewachen? Wenn Sarastro so weise wâre, hätte er die Katastrophe ja vorausahnen kônnen! Ein einsamer Outdog und eine schöne hilflose Prinzessin. :A
Aber wie in allen Mârchen muss es halt auch Bösewichte geben ... Man darf sich aber ausnahmsweise auch mal mit denen identifizieren, vor allen Dingen wenn man jung ist und sich selbst eher als Outdog denn als Prinzessin fûhlt und von "weisen Überväter" die Faxen dicke hat... :hello
Und warum dei Königin der Nacht so böse sein soll, leuchtet so manchem auch nciht gazn ein... Weil sie eine Frau ist???????
:engel
F.Q.
Jürgen (02.02.2012, 13:45):
Original von Fairy Queen
Warum muss Monostatos z.B. schwarze Haut haben?

Ich denke mal political correctness war zu Mozarts Zeiten anders ausgeprägt als heute.


Original von Fairy Queen
Und warum darf er überhaupt Pamina bewachen? Wenn Sarastro so weise wâre, hätte er die Katastrophe ja vorausahnen kônnen!

Darf ich es mir so einfach machen und behaupten: Bei der Zauberflöte ist die Musik um Größenordnungen besser als das Libretto. ?

Wenn ich also über Ungereimtheiten stolpere, schreibe ich sie der Schwäche des Librettos zu und nehme sie hin.

Grüße
Jürgen
golioni (04.02.2012, 11:24):
Original von Jürgen

Darf ich es mir so einfach machen und behaupten: Bei der Zauberflöte ist die Musik um Größenordnungen besser als das Libretto. ?



"Ist das, was du gesagt, erwiesen? ". "Erklär dich näher mir, dich täuschet ein Betrug. " :D
Fairy Queen (05.02.2012, 10:03):
Natürlich ist in viel grossen Opern das Libretto eher eine Inspirationsquelle als geichwertiges Kunstwerk, ich denke mal nur an Bellini...
Aber da ich mich nunmal derzeit bei der Zauberflöte mit dem Inhalt befasse, erlaube ich mir Selbigen auch ein bisschen zu hinterfragen.
Interessant genug ist mir das allemal, grandiose Musik(wer zweifelt das ernsthaft an?????? :D) hin oder her.
:engel Eisige Sonntagsgrüsse in nah und fern
Mime (15.02.2012, 18:20):
Original von Fairy Queen
Und warum dei Königin der Nacht so böse sein soll, leuchtet so manchem auch nciht gazn ein... Weil sie eine Frau ist???????
:engel
F.Q.

"Sie ist ein Weib, hat Weibersinn"

:hello
Billy Budd (27.07.2012, 22:33):
Ich habe nicht wie vorgesehen die ganze Übertragung gehört, sondern nach Sarastros "O Isis und Osiris" abgeschaltet, weil ichdieses Mozart-Gedudl bis auf wenige Ausnahmen abgesehen nur sehr schwer ertrage. Folglich würde ich auch die Aufführung nicht beurteilen, aber da ich heute Vormittag kundgetan habe, Eindrücke zu liefern, hier ein paar Sätze:
Mit hat die Vorstellung sehr gut gefallen - jedenfalls war sie um Klassen besser, wie die letzte an der Staatsoper (keine Kunst!).
Am meisten interessiert hat mich Georg Zeppenfeld, den ich für eine Zukunftshoffnung im Bassfach (gehört als Sarastro und Peneios) halte. Er kann nichts dafür, dass es für mich nur einen Sarastro gibt, weswegen es ungerecht wäre, ihm vorzuhalten, dass er nicht über die immense Tiefenresonanz eines Walter Fink verfügt. Zeppenfeld ist sicher einer der besten der unter 60-jährigen Interpreten dieser Rolle. Wohltuend war, dass die sehr tiefen Töne (ich glaub, es geht bis zum c runter, bin mir aber nicht sicher) gesungen und nicht gekrächzt wurden. In den Dialogen war jedes Wort verständlich. Wenn er so weitermacht, wird er sich gewiss zu einem erstklassigen Bassisten entwickeln.
Wehmutstropfen in dieser sehr guten Besetzung ist Bernard Richter, der recht schlampig sang und die Dialoge zu hölzern aufsagte.
Sehr angetan war ich von der mir bis heute unbekannten Julia Kleiter (Pamina). Mandy Friedrich sang eine durchschnittliche Königin (ein wenig unsicher in den Läufen und das f in der ersten Arie war nur ein mickriges Tönchen).
Markus Werba war ein erfrischender Kontrast zu dem, der den Papageno an der Staatsoper gepachtet hat, nur sagte er die Dialoge zu steif auf.
Martin Gantner erreichte als Sprecher die letzte tiefe Note ("Band" bei "zum ew'gen Band") nicht und vermittelte zu wenig Autorität. Gemeinsam mit Lucian Krasznec und Andreas Hörl (dessen Sarastro in Wien ziemlich peinlich war) verkörperte er die männlichen Nebenrollen (Priester und geharnischte Männer).
Sandra Trattnigg, Anja Schlosser und Wiebke Lehmkuhl sangen drei gute Damen; Rudolf Schasching war ein verlässlicher Monostatos. Drei Tölzer Knaben sangen drei gute Knaben.
Nikolaus Harnoncourt hat sehr eigenartige Tempovorstellungen (beispielsweise schaffte er die Ouvertüre in sechs Minuten), die aber keineswegs so störend sind wie die eines Thielemann (da graut mir schon vor dem Holländer morgen!).

Billy :hello
ar (20.04.2013, 08:24):
Liebe Stiffelio
Sorry, für meine späte Antwort, aber ja, machen wir hier weiter.

P.S.: die drei Knaben sind mir sowieso im "üblichen" Verständnis (Königin böse, Sarastro gut) einer Zauberflöte am rätselhaftesten. Die drei Damen empfehlen die ausdrücklich als Führer. Ist die Königin so irregeleitet, dass sie nicht durchblickt, woauf das hinausläuft?Kennst du da eine einleuchtende Interpretation? Gern auch im Zauberflöten-Thread.

Einleuchtend nicht, darum fand ich Carstens Ansatz auch toll, weil mich die drei Knaben auch immer wieder verwirren:
Im ersten Akt sollen sie die Diener der Königin sein und im zweiten plötzlich auf Sarastros Seite? Nee, das geht für mich nicht auf!
stiffelio (20.04.2013, 10:21):
Lieber ar,

für mich auch nicht. Und ich fand Carsens Ansatz (Königin und Sarastro beide gut, es ist "nur" eine Prüfung) in diesem Punkt deshalb auch einleuchtend. Man könnte sagen, er hat einen Widerspruch damit beseitigt, aber dafür leider am Ende bei der Auflösung unnötig neue Merkwürdigkeiten erzeugt.

Vielleicht gibt es ja noch jemanden anderen hier im Forum, der zu der Sinnhaftigkeit der drei Knaben generell etwas Erhellendes beitragen kann?

VG, stiffelio
Solitaire (21.04.2013, 09:46):
Über die drei Knaben habe ich mir auch schon so meine Gedanken gemacht. Ich kenne bisher keine Inszenierung, die den Konflikt wirklich schlüssig auflöst. Für mich erkläre ich mir die Sache so:
Die Knaben stehen weder in Diensten der Königin noch in Diensten Sarastros, sie repräsentieren "das Gute" an sich. In diesem Fall: einen verliebten jungen Mann bei der Suche nach seinem Mädchen zu helfen und ihn zu gegebener Zeit zu ermutigen, diverses Bühnenpersonal vom Selbstmord abzuhalten und zwei Liebespaare einander zuzuführen etc.
Aus bösen Absichten kann, jedenfalls in der Oper, Gutes entstehen, dafür stehen m.E. die drei Knaben.

Die Königin in ihrer (nicht immer unberechtigten!) Wut glaubt tatsächlich, daß sich alles so entwickeln wird wie sie das gerne hätte wenn sie die Strippen nur geschickt genug zieht, und kommt nicht auf den Gedanken, daß die Knaben sozusagen selber denken können und das Gute und Richtige unterstützen wo und wie sie es finden.
Irgendwie so. :cool
Aber vielleicht waren Mozart und Schikaneder ja auch einfach nur im Zeitdruck und haben sich gesagt "Ah geh, passt scho. Merkt eh kein Schwein" :D

Ich habe die Salzburger Inszenierung leider nicht gesehen und vergessen, sie aufzuzeichnen. Schade, schade.
stiffelio (21.04.2013, 13:50):
Hallo Solitaire,

so hab ich die drei Knaben bislang auch begriffen, aber 100%ig zufrieden war ich damit nie...
Carsens Inszenierung kannst du dir noch auf arte ansehen: "http://liveweb.arte.tv/de/video/Zauberfloete_Berliner_Philharmoniker/"
oder auch auf YT: "http://www.youtube.com/watch?v=TWFO1hMYr2E".

VG, stiffelio
stiffelio (20.07.2014, 17:20):
Die Zauberflöte 2014 Aix en Provence

Sarastro - Christof Fischesser
Tamino - Stanislas de Barbeyrac
Sprecher - Maarten Koningsberger
Königin - Kathryn Lewek
Pamina - Mari Eriksmoen
Erste Dame - Ana-Maria Labin
Zweite Dame - Silvia de la Muela
Dritte Dame - Claudia Huckle
Papagena - Regula Mühlemann
Papageno - Josef Wagner
Monostatos - Andreas Conrad
Erster Geharnischter - Elmar Gilbertson
Zweiter Geharnischter - Krzysztof Baczyk
Erster Knabe - Juls Serger
Zweiter Knabe - Matthias Gude-Casares
Dritter Knabe - Fynn Köhler
Freiburger Barockorchester
Dirigent: Pablo Heras-Casado
Inszenierung: Simon McBurney

Hallo an Alle,

gestern habe ich mir die diesjährige Zauberflöte der Aix-en-Provence-Festspiele im Netz angesehen. Von den Sängern war mir nur Christof Fischesser ein Begriff, der den mir sehr wichtigen Sarastro solide, wenn auch nicht mit der Tiefenresonanz z.B. von Zeppenfeld (oder früher von Martti Talvela) sang und spielte.
Auch an den anderen Stimmen hatte ich nichts auszusetzen, da war alles da, ohne Patzer und oft sehr stimmschön, wenn auch keine mich völlig vom Hocker gerissen hat.
Die Inszenierung war in die Moderne versetzt, mit den drei Damen in Militärjacken, die Königin der Nacht im Rollstuhl, Papageno alternativ angehaucht, die Versammlung der Priester in Maßanzügen am Konferenztisch und Monostratos ist auch kein Mohr sondern ein Scherge (auch im Singtext so geändert). Durchschaut habe ich das Ganze nicht wirklich, aber es war vor allem anfangs recht spannend gemacht. Zumindest hat es mich auf Ideen gebracht, wie ich selbst gerne eine Zauberflöte inszenieren würde... :wink
Dazu eine Frage: ich kenne es nur im Zauberflöten-Film von Branagh so, dass die Feuer- und Wasserprüfung nicht Prüfungen zu reinem Prüfungszweck darstellen, sondern echte Bedrohungen (im Film: Feuer=Kriegsgeschützfeuer), die überwunden werden müssen. Auch in der aktuellen Aix-Inszenierung sind Feuer und Wasser lediglich computertechnisch aufs Bühnenbild projiziert, obwohl sich meiner Meinung nach in diesem Konzept auch andere Lösungen angeboten hätten. Kennt jemand noch eine andere Zauberflöten-Inszenierung, in der die Überwindung von Feuer und Wasser noch einen anderen Sinn außer dem Prüfungszweck entfaltet?

VG, stiffelio