Nicht konservierbar?

cellodil (18.10.2006, 12:32):
Kennt Ihr dieses Phänomen?

Es gibt Werke, die mich im Konzert immer wieder begeistern können, die ich aber auch nur im Konzertsaal hören kann.

Ein Beispiel?

Belá Bartók, Konzert für Orchester

oder auch Bartóks Streichquartette. Aber nicht nur Bartók...

... auch viel Sinfonisches (was ich aber eher damit in Zusammenhang bringe, dass diese Musik einfach auch Raum braucht) und manch Zeitgenössisches...

Da sitze ich mit aufgerissenen Ohren und atemlos vor Spannung im Konzert, bin völlig hingerissen (was beim "Konzert für Orchester" freilich auch am Cleveland Orchestra gelegen haben mag). Und wenn ich diese Werke auf CD höre, finde ich keinen Zugang oder die Musik bereitet mir so viel Unbehagen, dass ich fast die heimischen Wände hochgehen könnte (unabhängig von der Einspielung und von meiner aktuellen Stimmung).

Geht Euch das manchmal auch so? Bei welchen Werken und/oder Komponisten?

Und: Habt Ihr irgendeine Idee, woher das kommen könnte (ich vermute mal nicht, dass das an der durch atemlose Spannung hervorgerufenen Sauerstoffunterversorgung liegt...)?

Gespannt auf Eure Antworten

cellodil
ab (18.10.2006, 13:06):
Womöglich liegt es an Deiner Anlage!?

Womöglich liegt es daran, dass Stutdioproduktionen nicht selten zwar technisch perfekt, dafür aber steril und leblos erklingen.
Jürgen (18.10.2006, 15:48):
Hallo Cellodil,

bei mir ist es oft andersherum.

Die CD gefällt mir sehr gut, aber im Konzert denke ich nach der Hälfte: Hoffentlich ist es bald rum.
Wahrscheinlich bin ich unkonzentriert, weil der Sitz zu unbequem, die Luft zu schlecht, mir zu warm oder der Schlips zu eng ist.

Ich fürchte, ich bin von den Konserven zu verwöhnt. Zum einen hat man aus 50 Jahren Musikgeschichte Spitzenaufnahmen, zum anderen kann ich mich zuhause in einen Sessel setzen, Kopfhörer auf und Augen zu. Wenn ich nicht in der richtigen Stimmung für ein Stück bin, höre ich schnell was anderes oder ich mache aus. Im Gedächtnis bleiben dann meist die positiven Hörerlebnisse hängen. Im Konzertsaal kann ich nur zur Pause raus oder ausharren.

Jürgen
satie (18.10.2006, 17:42):
Hallo,

ich denke, die Frage ist grundsätzlich, ob man sich an allen konzertimmanenten Begleitklängen und optischen Phänomenen etc. eher erfreut oder nicht. So kann ich zwei Beispiele nennen, die grundsätzlich verschiedene Haltungen zeigen: Igor Strawinsky etwa mochte die Optik bei einem Konzert extrem gern. Er erwähnt irgendwo, dass er es interessant fand, wenn der Hornist von Zeit zu Zeit den Speichel aus seinem Instrument schüttelt. Auf solcherlei Dinge wollte Strawinsky nicht verzichten. Mein werter Lehrer und Freund Walter Zimmermann dagegen hört Musik fast immer mit geschlossenen Augen, damit er nicht durch die Optik von der Musik abgelenkt wird.
Ein anderes Gegensatzpaar wären etwa John Cage und Glenn Gould: Cage war strikt gegen jegliches Konservieren, weil er es nicht leiden konnte, dass dadurch der Eindruck entsteht, man könne das Stück in der jeweiligen Interpretation besitzen. Da man, laut seiner Philosophie, aber nichts besitzen kann, sind Aufnahmen Quatsch. Von Gould wissen wir ja alle, dass er nicht mehr auftrat und nur noch Aufnahmen machte. Die wahren Gründe dafür liegen meines Wissens im Verborgenen, ist auch nicht so wichtig.
Man kann natürlich sowohl für das eine wie für das andere plädieren, doch finde ich eher beides interessant. Im Konzert faszinieren mich eben auch die individuellen Begleitumstände, bei der CD schätze ich den klaren und ungetrübten Klang.

Satie
Gamaheh (18.10.2006, 23:37):
Hallo Cellodil (und auch die anderen),

mir geht es ganz wie Dir, nur daß ich sowieso und immer das Konzert, die lebendige Musik, der Konserve vorziehe, selbst Konzertaufnahmen, wenn es denn Aufnahmen sein müssen, den Studioaufnahmen.

Auch ich habe übrigens kürzlich Bartoks launiges Konzert für Orchester im Konzert gehört, und auch ich würde mir ganz viele Sachen, die ich im Konzertsaal höre, nie zuhause anhören, insbesondere moderne Musik, die ich aber wirklich live ausgesprochen gerne höre, nicht nur wegen der oft außergewöhnlichen Orchesterzusammensetzung, sondern auch, weil man gewisse Dinge, wenn man sie nicht sieht, einfach verpaßt.

So hatten wir z.B. die Ehre, daß der schwedische Komponist Leif Segerstam (der aussieht wie ein Brahms-Clone) kürzlich seine hundertxte Sinfonie hier in Hamburg uraufführte. Das Besondere daran war, daß der Dirigent (der Komponist) nicht am Pult stand, sondern an einem der beiden Klaviere mitten im Orchester saß, es also keinen Dirigenten gab. Gegen Ende verwandelte sich der Paukist, ganz hinten, in einen Triangulisten, der gewissermaßen Akzente setzte und dann langsam, seine Triangel schlagend, durch das Orchester wanderte, bis er mit dem letzten Ton auf dem Dirigentenpult stand und noch einmal, das Gesicht zum Publikum, die Triangel schlug. So wurde der Geringste des Orchesters zum Wichtigsten - eine schöne demokratische Geste!

Vor diversen Jahren hat mal Pollini in einem Recital ein ihm gewidmetes Stück von einem Landsmann (ich glaube Salvatore Sciarrino hieß er) hier aufgeführt. Aus ziemlicher Entfernung konnte ich mithilfe meines Feldstechers erkennen, daß der Notentext, der auf A3-Blättern stand und dem die Umblätterin (Umlegerin) offensichtlich nicht ohne Hilfe folgen konnte, nicht in der gewohnten Notation gehalten war, sondern wie Seiten voller Doodles aussah. Würde ich mir nie zuhause anhören! Aber im Konzert war es spannend. (Außerdem höre ich auch gerne die Kommentare anderer Besucher, in diesem Falle z.B. "Hat der das nötig?".)

Das sind nur zwei Beispiele. Auch ich mag gerne die Orchestermusiker beobachten, ob die Bläser ihre Instrumente ausschütteln oder der Tubaspieler seine Riesentüte zum Dämpfen aufsetzt. Jedes Konzert ist ein Unikat, immer ephemer.

Eigentlich völlig anachronistisch!, da hat Jürgen wohl recht. Und oft unbequem: Einmal habe ich anderthalb Stunden auf einer Parkbank in einem Gewächshaus in einem völlig verregneten Park gesessen, bin aber durch die Musik reichlich belohnt worden!

Im Grunde empfinde ich es als ein Privileg, dabeisein zu können, wenn die Musiker (insbesondere natürlich die Solisten), die häufig große Strapazen auf sich nehmen, um pausenlos um die Welt zu reisen und oft, glaube ich, für gar nicht soviel Geld (es gibt ja nicht so viele hochbezahlte Stars), ihre Musik und ihre Liebe zur Musik mit uns teilen (es sind ja auch nicht alle eitle Exhibitionisten).

In diesem Sinne alles Gute!
Gamaheh
LazarusLong (19.10.2006, 08:33):
Ich habe das Problem, dass ich hier noch nie die Möglichkeit hatte, wirklich hochklassige Aufführungen zu besuchen. Die technische Perfektion ist für mich bei einer Liveveranstaltung eher nebensächlich, wichtig ist für mich, dass mir das ganze Spass macht. Wenn die Aufführung nicht wirklich schlecht ist, ist das eigentlich immer der Fall. Den Fehler, mir nach der Aufführung eine CD von den Künstlern zu kaufen, habe ich nur einmal gemacht und war, wie nicht anders zu erwarten, sehr enttäuscht.
Zu Hause hingegen erwarte ich zumindest gute Qualität. Ich habe ein Zimmer mit ca 40qm als Bibliothek und Musikzimmer eingerichtet, dh. Anlage, Bücherregale, 2 Sessel und ein kleiner Tisch für die Fernbedienung und 2 Glas Wein. Wenn ich hier Musik höre oder mir eine Oper ansehe, so tue ich das sehr konzentriert, höre mir Passagen die mir gefallen auch mehrmals an und erwarte dann auch hohe Qualität.
Aus diesem Grunde kaufe ich auch keine Billiglabels mehr.

LazarusLong
(Frank)
sound67 (19.10.2006, 12:57):
Original von Gamaheh
Auch ich habe übrigens kürzlich Bartoks launiges Konzert für Orchester im Konzert gehört, und auch ich würde mir ganz viele Sachen, die ich im Konzertsaal höre, nie zuhause anhören, insbesondere moderne Musik, die ich aber wirklich live ausgesprochen gerne höre, nicht nur wegen der oft außergewöhnlichen Orchesterzusammensetzung, sondern auch, weil man gewisse Dinge, wenn man sie nicht sieht, einfach verpaßt. Gamaheh

Dem zweiten Argument stimme ich bei: Gerade moderne Musik lässt sich in der Live-Aufführung besser verstehen, gibt es hier doch oft komplizierte räumliche Aufstellungen, auf einer Konserve nicht reproduzierbare Mischeffekte etc. zu bewundern.

Im Ganzen aber finde ich, dass man sehr wohl Musik auf CD genauso gut, und womöglich konzentrierter, geniessen kann als im Konzert. Das einzige Problem bei der Konserve ist, dass sie aufgrund der "Nachbearbeitungsmöglichkeiten" dem Hörer eine Perfektion der Aufführung (ohne Nebengeräusche, falsche Töne etc.) vorgaukeln, die live nicht zu erzielen ist.

Gruß, Thomas
ab (19.10.2006, 13:07):
Original von LazarusLong
Ierwarte dann auch hohe Qualität.
Aus diesem Grunde kaufe ich auch keine Billiglabels mehr.


ein fatales Vorurteil: Billig ist nicht immer auch gleich schlecht; und umgekehrt: teure Labels, wie die von Universals, produzieren viele schlechte Aufnahmen! Dir werde so einige überragende CDs entgehen.
Rachmaninov (19.10.2006, 13:13):
Original von ab
Original von LazarusLong
Ierwarte dann auch hohe Qualität.
Aus diesem Grunde kaufe ich auch keine Billiglabels mehr.


ein fatales Vorurteil: Billig ist nicht immer auch gleich schlecht; und umgekehrt: teure Labels, wie die von Universals, produzieren viele schlechte Aufnahmen! Dir werde so einige überragende CDs entgehen.

dem kann ich mich voll anschließen!
Es gibt sehr sehr gute Aufnahmen u.A. von Naxos, die völlig Konkurenzfähig sind! Qualität und Preis stehen bei Klassikaufnahmen nicht wirklich in einem engen Zusammenhang.
cellodil (19.10.2006, 13:36):
Hi :hello !!! Euch allen

Habe gerade Eure Antworten alle mal gelesen. Finde vieles spannend und bedenkenswert und würde mich am liebsten gleich an eine ausführlichere Antwort machen, aber das muss leider noch ein bisschen warten...

Jedenfalls schon mal Danke :thanks für die interessanten Gedanken und bis bald...

Herzliche Grüße

Cellodil

Original von Rachmaninov
Original von ab
Original von LazarusLong
Ierwarte dann auch hohe Qualität.
Aus diesem Grunde kaufe ich auch keine Billiglabels mehr.


ein fatales Vorurteil: Billig ist nicht immer auch gleich schlecht; und umgekehrt: teure Labels, wie die von Universals, produzieren viele schlechte Aufnahmen! Dir werde so einige überragende CDs entgehen.

dem kann ich mich voll anschließen!
Es gibt sehr sehr gute Aufnahmen u.A. von Naxos, die völlig Konkurenzfähig sind! Qualität und Preis stehen bei Klassikaufnahmen nicht wirklich in einem engen Zusammenhang.


Eigentlich wollte ich hier keine Diskussion über Billiglabels und Hochpreisiges eröffnen :), sehe aber, dass die Qualität der Einspielungen (und dabei auch persönliche Vorlieben) schon auch eine gravierende Rolle spielt...
Rachmaninov (19.10.2006, 17:43):
@cellodil,

ich stimme aber dem Grundtenor von "ab" zu!
Sehr wichtig ist hier natürlich auch die entsprechende Anlage, die einem überhaupt die Musikalität bei nötiger Räumlichkeit vermitteln KANN!
LazarusLong (20.10.2006, 07:01):
Hallo alle miteinander

Ich wollte hier keine Diskussion über die Qualität der Billiglabels starten. Ich bin Opernfan und habe wirklich die Erfahrung gemacht, daß ich bei zB Deutsche Grammophon sicher sein kann gute Qualität zu bekommen, während ich bei Billiglabels oftmals die Künstler nicht kenne. Ich habe es schon öfters probiert und werde es auch weiterhin probieren, wenn ich preiswert ein neues Stück kennenlernen möchte, aber im Endeffekt bleibe icch dem alten Handwerkerspruch treu: "Wer bilig kauft, kauft zweimal".
@ab und Rachmaninow:
Wie wäre es, wenn Ihr einen Thread eröffnen würdet: Empfehlenswerte "BilligCDs"? Ich würde gerne mal in andere Bereiche der Klassik hinenhören, möchte aber für einen Versuch, der mir vielleicht nicht gefällt, nicht gleich 25€ oder mehr ausgeben. Auf der anderen Seite ist es gerade bei den Billiglabels schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Gruß

Frank
cellodil (20.10.2006, 08:58):
Original von LazarusLong

Ich wollte hier keine Diskussion über die Qualität der Billiglabels starten.

Hi Frank,
so hatte ich das auch nicht gemeint, ich wollte nur nicht, dass sich diese Diskussion in die Richtung entwickelt

Grüsse

Cellodil

Original von LazarusLong
Wie wäre es, wenn Ihr einen Thread eröffnen würdet: Empfehlenswerte "BilligCDs"? Ich würde gerne mal in andere Bereiche der Klassik hinenhören, möchte aber für einen Versuch, der mir vielleicht nicht gefällt, nicht gleich 25€ oder mehr ausgeben. Auf der anderen Seite ist es gerade bei den Billiglabels schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Gruß

Frank

Ich glaube, so etwas gibt es schon...
cellodil (20.10.2006, 09:00):
Original von Jürgen
Hallo Cellodil,

bei mir ist es oft andersherum.

Die CD gefällt mir sehr gut, aber im Konzert denke ich nach der Hälfte: Hoffentlich ist es bald rum.
Wahrscheinlich bin ich unkonzentriert, weil der Sitz zu unbequem, die Luft zu schlecht, mir zu warm oder der Schlips zu eng ist.

Ich fürchte, ich bin von den Konserven zu verwöhnt. Zum einen hat man aus 50 Jahren Musikgeschichte Spitzenaufnahmen, zum anderen kann ich mich zuhause in einen Sessel setzen, Kopfhörer auf und Augen zu. Wenn ich nicht in der richtigen Stimmung für ein Stück bin, höre ich schnell was anderes oder ich mache aus. Im Gedächtnis bleiben dann meist die positiven Hörerlebnisse hängen. Im Konzertsaal kann ich nur zur Pause raus oder ausharren.

Jürgen

Hi Jürgen,
Deinen Beitrag fand ich spannend und sehr überraschend. Weil ich mir, als ich das Thema gestartet habe, auch Gedanken darüber gemacht habe, ob es den umgekehrten Fall auch gibt, dass ich bestimmte Stücke nur auf CD, aber nicht im Konzert hören mag oder gar im Konzert ganz und gar unerträglich finde, und mir ist kein einziges Werk eingefallen, bei dem das so wäre.
Deshalb würde ich da gerne noch einmal nachfragen:
@Jürgen
Sind das ganz konkrete Kompositionen oder Komponisten, bei denen es Dir so geht? Oder ist das eher so, dass Du generell die Konzertatmosphäre - mit all ihren angenehmen und weniger angenehmen Begleiterscheinungen - nicht so magst?

Grüsse

Cellodil
cellodil (20.10.2006, 09:08):
Hallo, alle miteinander!

Zunächst einmal fand ich es wirklich schön, dass Ihr Euch auf die Frage, die mich schon länger beschäftigt und auf die ich bislang noch keine wirkliche Antwort gefunden habe, auf ganz unterschiedliche Art eingelassen habt. Ich habe den Eindruck, dass ich durch Eure Beiträge, meiner Antwort ein Stück näher gekommen bin.

Zugleich ergeben sich aus der bisherigen Diskussion für mich neue Fragen und/oder Fußnoten. Deshalb versuche ich hier mal, die bisherige Diskussion kurz zusammenzufassen und die Fragen, die sich (für mich) aus dem bisher gesagten ergeben, aufzuzeigen.

Vielleicht mögt Ihr ja auch noch weiterdiskutieren...:beer

Der Ausgangspunkt meiner Frage war das, was Ganameh in seinem Beitrag so schön beschreibt: Dass es für mich Musikstücke gibt, die ich mit Freude im Konzert höre, die ich aber zu Hause eher unerträglich finde (Sciarrino, dessen "Infinito nero" ich vor zwei Jahren in einer Aufführung gehört und gesehen habe, ist - für mich jedenfalls - da auch ein wunderbares Beispiel).

Ich stimme ab und Rachmaninov zu, dass die eher "technischen" Aspekte - wie Anlage oder welche (Art von) Aufnahme - wichtig sind. Deshalb habe ich mir auch ziemlich viel Kopf- und Ohrenzerbrechen (wenn es so etwas gibt) über meine Anlage gemacht... Allerdings glaube ich, dass das die Heimspielaversion gegen bestimmte Werke nicht wirklich erklären kann.

Bei Saties Überlegung, dass es eher eine Typfrage ist, ob man die Konzertsituation schätzt oder nicht, ob man sehen will wie das Kollophonium staubt und der Schweiß aufs Instrument tropft, stehen individuelle Vorlieben im Vordergrund.
Ich denke, das ist ein guter Ausgangspunkt für weitere Überlegungen, um sich dem
Phänomen, dass manche Stücke nur/ eher im Konzert oder (siehe Jürgens Beitrag) nur/eher auf CD bei einem ankommen, anzunähern.
Vielleicht beeinflusst die persönliche Präferenz eine gewisse Grundgestimmtheit, die man als Hörer mitbringt. Denn es ist ja nicht so, dass man, weil man eher in die Richtung "Konzerthörer"/"Konservenhörer" tendiert, deshalb alles, was einem in Konzerten/auf CDs so zu Gehör gebracht wird, auch gleich grandios findet.
Könnte es vielleicht sein, dass diese positive Grundstimmung die Rezeption unter den entsprechenden Bedingungen (Konzert/Konserve) leichter macht, dass man dann leichter einen Zugang zu bestimmten Stücken findet?

Nachvollziehbar und aufschlussreich fand ich auch den Gedanken von Gamaheh und Thomas, dass gerade zeitgenössische oder moderne Musik in der Live-Aufführung besser verständlich sei - auch wegen häufig komplizierter Aufstellungen, die sich nicht in Aufnahmen reproduzieren lassen.
Was aus meiner Sicht auch für diese These sprechen würde, das ist, dass ich zeitgenössische Solo-Werke (vor allem für Cello, grins), bei denen die Frage der Aufstellung nicht diese Relevanz hat, auch sehr gerne auf CD höre.

Meint Ihr, dass sich dieser Gedanke vielleicht etwas weiter fassen ließe?

anders gefragt:

Braucht gerade zeitgenössische Musik die Sinnlichkeit des Konzerterlebnisses?

Oder sind das nur ganz bestimmte Werke (s.o.)?

Ist das von den Komponisten vielleicht bewusst intendiert?

Was würde das bedeuten? Musik nur im Augenblick des Musizierens? Die Erkenntnis, das jeder Augenblick einzigartig und unwiederbringlich ist? Dass alles nur im Hier und Jetzt existiert? Eine Absage an Reproduzierbarkeit - in einer Welt, die doch häufig so tut, als wenn alles reproduzierbar (und beherrschbar) wäre, wenn nicht jetzt, so doch in näherer Zukunft? Oder....???

Was meint Ihr?

Neugierig :leb

Cellodil
ab (20.10.2006, 09:49):
Original von cellodil

Ich glaube, so etwas gibt es schon...

freilich, nämlich hier und da und dort in der Rubrik Classix.
LazarusLong (20.10.2006, 09:53):
Original von cellodil

Braucht gerade zeitgenössische Musik die Sinnlichkeit des Konzerterlebnisses?

Oder sind das nur ganz bestimmte Werke (s.o.)?

Ist das von den Komponisten vielleicht bewusst intendiert?

Was würde das bedeuten? Musik nur im Augenblick des Musizierens? Die Erkenntnis, das jeder Augenblick einzigartig und unwiederbringlich ist? Dass alles nur im Hier und Jetzt existiert? Eine Absage an Reproduzierbarkeit - in einer Welt, die doch häufig so tut, als wenn alles reproduzierbar (und beherrschbar) wäre, wenn nicht jetzt, so doch in näherer Zukunft? Oder....???

Was meint Ihr?

Neugierig :leb

Cellodil

Ich glaube jede Musik braucht das Liveerlebnis. Ich habe mal Kartren für ein Howard Carpendale Konzert geschenkt bekommen, war dort und hatte Spass. (Ist schon 25 Jahre her). Eine Absage an die Reproduzierbarkeit? Nein danke. Ich geniesse es viel zu sehr mir "Konserven" zu Hause im gemütlichen Sessel anzuhören.

Frank
sound67 (20.10.2006, 10:04):
Eines sollte man auch bedenken: Manche Konzertwerke funktionieren auch aus akustisch-technischen Gründen auf Tonträger besser als Live:

so z.B. Mahlers "Lied von der Erde" - im Konzertsaal haben die Solisten die größten Probloeme, sich gegen die üppige Orchestration durchzusetzen - Stützmikros für die Sänger bei der Aufnahme lassen dieses Werk erst richtig "funktionieren".

Gruß, Thomas
cellodil (20.10.2006, 10:15):
Original von sound67
Eines sollte man auch bedenken: Manche Konzertwerke funktionieren auch aus akustisch-technischen Gründen auf Tonträger besser als Live:

so z.B. Mahlers "Lied von der Erde" - im Konzertsaal haben die Solisten die größten Probloeme, sich gegen die üppige Orchestration durchzusetzen - Stützmikros für die Sänger bei der Aufnahme lassen dieses Werk erst richtig "funktionieren".

Gruß, Thomas

Hi Thomas,

ich habe das "Lied von der Erde" bisher nur ein einziges Mal im Konzert gehört und da war es wirklich so, wie Du das beschreibst. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass das auch oder vor allem am Dirigenten lag...

Ich finde, das ist aber grundsätzlich ein guter Gedanke, dass es doch auch den umgekehrten Fall gibt, dass Werke ihre Wirkung eher in Form von Aufnahmen entfalten können. Den sollten wir in der weiteren Diskussion berücksichtigen...!

Grüße

Cellodil
Gamaheh (21.10.2006, 00:29):
Original von sound67

Im Ganzen aber finde ich, dass man sehr wohl Musik auf CD genauso gut, und womöglich konzentrierter, geniessen kann als im Konzert. Das einzige Problem bei der Konserve ist, dass sie aufgrund der "Nachbearbeitungsmöglichkeiten" dem Hörer eine Perfektion der Aufführung (ohne Nebengeräusche, falsche Töne etc.) vorgaukeln, die live nicht zu erzielen ist.



Hallo Thomas,

Entschuldigung, um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Ich bin nicht der Meinung, daß man sich nicht usw., sondern daß ich persönlich es vorziehe, sie live zu hören, wenn ich die Gelegenheit habe. Ich höre täglich Musik aus der Konserve, aber ich empfinde es als Ersatz. Und bei Studioaufnahmen stört mich die Perfektion in der Tat häufig eher. Ich persönlich kann mich auch im Konzert viel besser konzentrieren als zuhause ...

Beste Grüße,
Gamaheh
cellodil (21.10.2006, 15:13):
Hi, liebe Mitdenker und Mitdiskutierer! :hello

Ich versuche mich noch einmal mit einem neuen Anlauf...

Mir scheint, nach allem, was Ihr geschrieben habt, dass jeder von uns seine grundsätzlichen persönlichen Vorlieben beim Musikhören hat: Die einen gehen lieber ins Konzert und können sich da auch besser konzentrieren, die anderen hören Musik lieber zu Hause. (Eventuell gibt's da auch noch den Mischtypus, der beides mag)

Ich denke, so weit würdet Ihr mir zustimmen, oder?

Was ich mir jetzt überlege (das hat jetzt auch wieder mit meiner Eingangsfrage zu tun):

Ob es vielleicht so sein könnte, dass wir uns bei Werken, die - aus welchen Gründen auch immer (das wäre vielleicht ein anderes Thema) - nicht so leicht zugänglich sind, leichter tun, wenn wir diese in der von uns präferierten Umgebung hören?

Uuups, das hört sich jetzt aber doch ein bisschen naja an... :leb

Also ich mach's einfach mal an mir fest. Ich liebe die Konzertatmosphäre und höre Musik gerne im Moment, wenn sie auch "gemacht" wird (bin aber dankbar, dass es CD-Player gibt, weil die feudalen Zeiten ja vorbei sind und der Unterhalt eines Kammerorchesters, selbst der eines Triangelspielers, um Gamahehs Erzählung aufzugreifen, eher out of reach ist...). Und ich könnte mir vorstellen, dass ich mich auf manche Werke, die vielleicht auch mehr Konzentration oder Offenheit beim Hören brauchen, im Konzert dann leichter einlassen kann.

Was meint Ihr, würde diese Schlussfolgerung quasi als (Zwischen-)Stand der Diskussion für Euch auch Sinn machen?

Grüße

Cellodil
LazarusLong (23.10.2006, 07:07):
@cellodil

"Ob es vielleicht so sein könnte, dass wir uns bei Werken, die - aus welchen Gründen auch immer (das wäre vielleicht ein anderes Thema) - nicht so leicht zugänglich sind, leichter tun, wenn wir diese in der von uns präferierten Umgebung hören?"

Meine präferierte Umgebung ist der Fernsehsessel zu Hause. Die Vor- und Nachteile dieser Präferenz kennen wir ja alle. Ein Nachteil, den wir hier noch nicht angesprochen haben: Wenn ich Probleme habe, Zugang zu einem Stück zu finden, stehe ich auf und lege ein anderes ein. Die Auswahl ist groß genug und ich habe keine Lust mich zu Hause mit einem Stück zu kasteien, das mich nicht fesselt. Im Konzert kann ich das nicht, da muß ich durch, da bleibe ich sitzen, schließlich habe ich ja dafür bezahlt. :W und stelle überrascht fest, daß mir das Stück vielleicht doch gefällt und ich mich weiter damit auseinandersetzen will. Zusammengefasst: Ich muß Stücke, die mir schwerfallen, in einer Umgebung hören, die mir keine Fluchtmöglichkeit bietet.

Frank
cellodil (23.10.2006, 17:55):
Original von LazarusLong
Zusammengefasst: Ich muß Stücke, die mir schwerfallen, in einer Umgebung hören, die mir keine Fluchtmöglichkeit bietet.


Hi Frank,

das ist natürlich auch eine Erklärung... Obwohl: Ich bin auch schon aus Konzerten geflüchtet (geht allerdings nur wenn man einigermaßen am Gang sitzt).

Grüße

Sabine
cellodil (18.10.2006, 12:32):
Kennt Ihr dieses Phänomen?

Es gibt Werke, die mich im Konzert immer wieder begeistern können, die ich aber auch nur im Konzertsaal hören kann.

Ein Beispiel?

Belá Bartók, Konzert für Orchester

oder auch Bartóks Streichquartette. Aber nicht nur Bartók...

... auch viel Sinfonisches (was ich aber eher damit in Zusammenhang bringe, dass diese Musik einfach auch Raum braucht) und manch Zeitgenössisches...

Da sitze ich mit aufgerissenen Ohren und atemlos vor Spannung im Konzert, bin völlig hingerissen (was beim "Konzert für Orchester" freilich auch am Cleveland Orchestra gelegen haben mag). Und wenn ich diese Werke auf CD höre, finde ich keinen Zugang oder die Musik bereitet mir so viel Unbehagen, dass ich fast die heimischen Wände hochgehen könnte (unabhängig von der Einspielung und von meiner aktuellen Stimmung).

Geht Euch das manchmal auch so? Bei welchen Werken und/oder Komponisten?

Und: Habt Ihr irgendeine Idee, woher das kommen könnte (ich vermute mal nicht, dass das an der durch atemlose Spannung hervorgerufenen Sauerstoffunterversorgung liegt...)?

Gespannt auf Eure Antworten

cellodil
ab (18.10.2006, 13:06):
Womöglich liegt es an Deiner Anlage!?

Womöglich liegt es daran, dass Stutdioproduktionen nicht selten zwar technisch perfekt, dafür aber steril und leblos erklingen.
Jürgen (18.10.2006, 15:48):
Hallo Cellodil,

bei mir ist es oft andersherum.

Die CD gefällt mir sehr gut, aber im Konzert denke ich nach der Hälfte: Hoffentlich ist es bald rum.
Wahrscheinlich bin ich unkonzentriert, weil der Sitz zu unbequem, die Luft zu schlecht, mir zu warm oder der Schlips zu eng ist.

Ich fürchte, ich bin von den Konserven zu verwöhnt. Zum einen hat man aus 50 Jahren Musikgeschichte Spitzenaufnahmen, zum anderen kann ich mich zuhause in einen Sessel setzen, Kopfhörer auf und Augen zu. Wenn ich nicht in der richtigen Stimmung für ein Stück bin, höre ich schnell was anderes oder ich mache aus. Im Gedächtnis bleiben dann meist die positiven Hörerlebnisse hängen. Im Konzertsaal kann ich nur zur Pause raus oder ausharren.

Jürgen
satie (18.10.2006, 17:42):
Hallo,

ich denke, die Frage ist grundsätzlich, ob man sich an allen konzertimmanenten Begleitklängen und optischen Phänomenen etc. eher erfreut oder nicht. So kann ich zwei Beispiele nennen, die grundsätzlich verschiedene Haltungen zeigen: Igor Strawinsky etwa mochte die Optik bei einem Konzert extrem gern. Er erwähnt irgendwo, dass er es interessant fand, wenn der Hornist von Zeit zu Zeit den Speichel aus seinem Instrument schüttelt. Auf solcherlei Dinge wollte Strawinsky nicht verzichten. Mein werter Lehrer und Freund Walter Zimmermann dagegen hört Musik fast immer mit geschlossenen Augen, damit er nicht durch die Optik von der Musik abgelenkt wird.
Ein anderes Gegensatzpaar wären etwa John Cage und Glenn Gould: Cage war strikt gegen jegliches Konservieren, weil er es nicht leiden konnte, dass dadurch der Eindruck entsteht, man könne das Stück in der jeweiligen Interpretation besitzen. Da man, laut seiner Philosophie, aber nichts besitzen kann, sind Aufnahmen Quatsch. Von Gould wissen wir ja alle, dass er nicht mehr auftrat und nur noch Aufnahmen machte. Die wahren Gründe dafür liegen meines Wissens im Verborgenen, ist auch nicht so wichtig.
Man kann natürlich sowohl für das eine wie für das andere plädieren, doch finde ich eher beides interessant. Im Konzert faszinieren mich eben auch die individuellen Begleitumstände, bei der CD schätze ich den klaren und ungetrübten Klang.

Satie
Gamaheh (18.10.2006, 23:37):
Hallo Cellodil (und auch die anderen),

mir geht es ganz wie Dir, nur daß ich sowieso und immer das Konzert, die lebendige Musik, der Konserve vorziehe, selbst Konzertaufnahmen, wenn es denn Aufnahmen sein müssen, den Studioaufnahmen.

Auch ich habe übrigens kürzlich Bartoks launiges Konzert für Orchester im Konzert gehört, und auch ich würde mir ganz viele Sachen, die ich im Konzertsaal höre, nie zuhause anhören, insbesondere moderne Musik, die ich aber wirklich live ausgesprochen gerne höre, nicht nur wegen der oft außergewöhnlichen Orchesterzusammensetzung, sondern auch, weil man gewisse Dinge, wenn man sie nicht sieht, einfach verpaßt.

So hatten wir z.B. die Ehre, daß der schwedische Komponist Leif Segerstam (der aussieht wie ein Brahms-Clone) kürzlich seine hundertxte Sinfonie hier in Hamburg uraufführte. Das Besondere daran war, daß der Dirigent (der Komponist) nicht am Pult stand, sondern an einem der beiden Klaviere mitten im Orchester saß, es also keinen Dirigenten gab. Gegen Ende verwandelte sich der Paukist, ganz hinten, in einen Triangulisten, der gewissermaßen Akzente setzte und dann langsam, seine Triangel schlagend, durch das Orchester wanderte, bis er mit dem letzten Ton auf dem Dirigentenpult stand und noch einmal, das Gesicht zum Publikum, die Triangel schlug. So wurde der Geringste des Orchesters zum Wichtigsten - eine schöne demokratische Geste!

Vor diversen Jahren hat mal Pollini in einem Recital ein ihm gewidmetes Stück von einem Landsmann (ich glaube Salvatore Sciarrino hieß er) hier aufgeführt. Aus ziemlicher Entfernung konnte ich mithilfe meines Feldstechers erkennen, daß der Notentext, der auf A3-Blättern stand und dem die Umblätterin (Umlegerin) offensichtlich nicht ohne Hilfe folgen konnte, nicht in der gewohnten Notation gehalten war, sondern wie Seiten voller Doodles aussah. Würde ich mir nie zuhause anhören! Aber im Konzert war es spannend. (Außerdem höre ich auch gerne die Kommentare anderer Besucher, in diesem Falle z.B. "Hat der das nötig?".)

Das sind nur zwei Beispiele. Auch ich mag gerne die Orchestermusiker beobachten, ob die Bläser ihre Instrumente ausschütteln oder der Tubaspieler seine Riesentüte zum Dämpfen aufsetzt. Jedes Konzert ist ein Unikat, immer ephemer.

Eigentlich völlig anachronistisch!, da hat Jürgen wohl recht. Und oft unbequem: Einmal habe ich anderthalb Stunden auf einer Parkbank in einem Gewächshaus in einem völlig verregneten Park gesessen, bin aber durch die Musik reichlich belohnt worden!

Im Grunde empfinde ich es als ein Privileg, dabeisein zu können, wenn die Musiker (insbesondere natürlich die Solisten), die häufig große Strapazen auf sich nehmen, um pausenlos um die Welt zu reisen und oft, glaube ich, für gar nicht soviel Geld (es gibt ja nicht so viele hochbezahlte Stars), ihre Musik und ihre Liebe zur Musik mit uns teilen (es sind ja auch nicht alle eitle Exhibitionisten).

In diesem Sinne alles Gute!
Gamaheh
LazarusLong (19.10.2006, 08:33):
Ich habe das Problem, dass ich hier noch nie die Möglichkeit hatte, wirklich hochklassige Aufführungen zu besuchen. Die technische Perfektion ist für mich bei einer Liveveranstaltung eher nebensächlich, wichtig ist für mich, dass mir das ganze Spass macht. Wenn die Aufführung nicht wirklich schlecht ist, ist das eigentlich immer der Fall. Den Fehler, mir nach der Aufführung eine CD von den Künstlern zu kaufen, habe ich nur einmal gemacht und war, wie nicht anders zu erwarten, sehr enttäuscht.
Zu Hause hingegen erwarte ich zumindest gute Qualität. Ich habe ein Zimmer mit ca 40qm als Bibliothek und Musikzimmer eingerichtet, dh. Anlage, Bücherregale, 2 Sessel und ein kleiner Tisch für die Fernbedienung und 2 Glas Wein. Wenn ich hier Musik höre oder mir eine Oper ansehe, so tue ich das sehr konzentriert, höre mir Passagen die mir gefallen auch mehrmals an und erwarte dann auch hohe Qualität.
Aus diesem Grunde kaufe ich auch keine Billiglabels mehr.

LazarusLong
(Frank)
sound67 (19.10.2006, 12:57):
Original von Gamaheh
Auch ich habe übrigens kürzlich Bartoks launiges Konzert für Orchester im Konzert gehört, und auch ich würde mir ganz viele Sachen, die ich im Konzertsaal höre, nie zuhause anhören, insbesondere moderne Musik, die ich aber wirklich live ausgesprochen gerne höre, nicht nur wegen der oft außergewöhnlichen Orchesterzusammensetzung, sondern auch, weil man gewisse Dinge, wenn man sie nicht sieht, einfach verpaßt. Gamaheh

Dem zweiten Argument stimme ich bei: Gerade moderne Musik lässt sich in der Live-Aufführung besser verstehen, gibt es hier doch oft komplizierte räumliche Aufstellungen, auf einer Konserve nicht reproduzierbare Mischeffekte etc. zu bewundern.

Im Ganzen aber finde ich, dass man sehr wohl Musik auf CD genauso gut, und womöglich konzentrierter, geniessen kann als im Konzert. Das einzige Problem bei der Konserve ist, dass sie aufgrund der "Nachbearbeitungsmöglichkeiten" dem Hörer eine Perfektion der Aufführung (ohne Nebengeräusche, falsche Töne etc.) vorgaukeln, die live nicht zu erzielen ist.

Gruß, Thomas
ab (19.10.2006, 13:07):
Original von LazarusLong
Ierwarte dann auch hohe Qualität.
Aus diesem Grunde kaufe ich auch keine Billiglabels mehr.


ein fatales Vorurteil: Billig ist nicht immer auch gleich schlecht; und umgekehrt: teure Labels, wie die von Universals, produzieren viele schlechte Aufnahmen! Dir werde so einige überragende CDs entgehen.
Rachmaninov (19.10.2006, 13:13):
Original von ab
Original von LazarusLong
Ierwarte dann auch hohe Qualität.
Aus diesem Grunde kaufe ich auch keine Billiglabels mehr.


ein fatales Vorurteil: Billig ist nicht immer auch gleich schlecht; und umgekehrt: teure Labels, wie die von Universals, produzieren viele schlechte Aufnahmen! Dir werde so einige überragende CDs entgehen.

dem kann ich mich voll anschließen!
Es gibt sehr sehr gute Aufnahmen u.A. von Naxos, die völlig Konkurenzfähig sind! Qualität und Preis stehen bei Klassikaufnahmen nicht wirklich in einem engen Zusammenhang.
cellodil (19.10.2006, 13:36):
Hi :hello !!! Euch allen

Habe gerade Eure Antworten alle mal gelesen. Finde vieles spannend und bedenkenswert und würde mich am liebsten gleich an eine ausführlichere Antwort machen, aber das muss leider noch ein bisschen warten...

Jedenfalls schon mal Danke :thanks für die interessanten Gedanken und bis bald...

Herzliche Grüße

Cellodil

Original von Rachmaninov
Original von ab
Original von LazarusLong
Ierwarte dann auch hohe Qualität.
Aus diesem Grunde kaufe ich auch keine Billiglabels mehr.


ein fatales Vorurteil: Billig ist nicht immer auch gleich schlecht; und umgekehrt: teure Labels, wie die von Universals, produzieren viele schlechte Aufnahmen! Dir werde so einige überragende CDs entgehen.

dem kann ich mich voll anschließen!
Es gibt sehr sehr gute Aufnahmen u.A. von Naxos, die völlig Konkurenzfähig sind! Qualität und Preis stehen bei Klassikaufnahmen nicht wirklich in einem engen Zusammenhang.


Eigentlich wollte ich hier keine Diskussion über Billiglabels und Hochpreisiges eröffnen :), sehe aber, dass die Qualität der Einspielungen (und dabei auch persönliche Vorlieben) schon auch eine gravierende Rolle spielt...
Rachmaninov (19.10.2006, 17:43):
@cellodil,

ich stimme aber dem Grundtenor von "ab" zu!
Sehr wichtig ist hier natürlich auch die entsprechende Anlage, die einem überhaupt die Musikalität bei nötiger Räumlichkeit vermitteln KANN!
LazarusLong (20.10.2006, 07:01):
Hallo alle miteinander

Ich wollte hier keine Diskussion über die Qualität der Billiglabels starten. Ich bin Opernfan und habe wirklich die Erfahrung gemacht, daß ich bei zB Deutsche Grammophon sicher sein kann gute Qualität zu bekommen, während ich bei Billiglabels oftmals die Künstler nicht kenne. Ich habe es schon öfters probiert und werde es auch weiterhin probieren, wenn ich preiswert ein neues Stück kennenlernen möchte, aber im Endeffekt bleibe icch dem alten Handwerkerspruch treu: "Wer bilig kauft, kauft zweimal".
@ab und Rachmaninow:
Wie wäre es, wenn Ihr einen Thread eröffnen würdet: Empfehlenswerte "BilligCDs"? Ich würde gerne mal in andere Bereiche der Klassik hinenhören, möchte aber für einen Versuch, der mir vielleicht nicht gefällt, nicht gleich 25€ oder mehr ausgeben. Auf der anderen Seite ist es gerade bei den Billiglabels schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Gruß

Frank
cellodil (20.10.2006, 08:58):
Original von LazarusLong

Ich wollte hier keine Diskussion über die Qualität der Billiglabels starten.

Hi Frank,
so hatte ich das auch nicht gemeint, ich wollte nur nicht, dass sich diese Diskussion in die Richtung entwickelt

Grüsse

Cellodil

Original von LazarusLong
Wie wäre es, wenn Ihr einen Thread eröffnen würdet: Empfehlenswerte "BilligCDs"? Ich würde gerne mal in andere Bereiche der Klassik hinenhören, möchte aber für einen Versuch, der mir vielleicht nicht gefällt, nicht gleich 25€ oder mehr ausgeben. Auf der anderen Seite ist es gerade bei den Billiglabels schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Gruß

Frank

Ich glaube, so etwas gibt es schon...
cellodil (20.10.2006, 09:00):
Original von Jürgen
Hallo Cellodil,

bei mir ist es oft andersherum.

Die CD gefällt mir sehr gut, aber im Konzert denke ich nach der Hälfte: Hoffentlich ist es bald rum.
Wahrscheinlich bin ich unkonzentriert, weil der Sitz zu unbequem, die Luft zu schlecht, mir zu warm oder der Schlips zu eng ist.

Ich fürchte, ich bin von den Konserven zu verwöhnt. Zum einen hat man aus 50 Jahren Musikgeschichte Spitzenaufnahmen, zum anderen kann ich mich zuhause in einen Sessel setzen, Kopfhörer auf und Augen zu. Wenn ich nicht in der richtigen Stimmung für ein Stück bin, höre ich schnell was anderes oder ich mache aus. Im Gedächtnis bleiben dann meist die positiven Hörerlebnisse hängen. Im Konzertsaal kann ich nur zur Pause raus oder ausharren.

Jürgen

Hi Jürgen,
Deinen Beitrag fand ich spannend und sehr überraschend. Weil ich mir, als ich das Thema gestartet habe, auch Gedanken darüber gemacht habe, ob es den umgekehrten Fall auch gibt, dass ich bestimmte Stücke nur auf CD, aber nicht im Konzert hören mag oder gar im Konzert ganz und gar unerträglich finde, und mir ist kein einziges Werk eingefallen, bei dem das so wäre.
Deshalb würde ich da gerne noch einmal nachfragen:
@Jürgen
Sind das ganz konkrete Kompositionen oder Komponisten, bei denen es Dir so geht? Oder ist das eher so, dass Du generell die Konzertatmosphäre - mit all ihren angenehmen und weniger angenehmen Begleiterscheinungen - nicht so magst?

Grüsse

Cellodil
cellodil (20.10.2006, 09:08):
Hallo, alle miteinander!

Zunächst einmal fand ich es wirklich schön, dass Ihr Euch auf die Frage, die mich schon länger beschäftigt und auf die ich bislang noch keine wirkliche Antwort gefunden habe, auf ganz unterschiedliche Art eingelassen habt. Ich habe den Eindruck, dass ich durch Eure Beiträge, meiner Antwort ein Stück näher gekommen bin.

Zugleich ergeben sich aus der bisherigen Diskussion für mich neue Fragen und/oder Fußnoten. Deshalb versuche ich hier mal, die bisherige Diskussion kurz zusammenzufassen und die Fragen, die sich (für mich) aus dem bisher gesagten ergeben, aufzuzeigen.

Vielleicht mögt Ihr ja auch noch weiterdiskutieren...:beer

Der Ausgangspunkt meiner Frage war das, was Ganameh in seinem Beitrag so schön beschreibt: Dass es für mich Musikstücke gibt, die ich mit Freude im Konzert höre, die ich aber zu Hause eher unerträglich finde (Sciarrino, dessen "Infinito nero" ich vor zwei Jahren in einer Aufführung gehört und gesehen habe, ist - für mich jedenfalls - da auch ein wunderbares Beispiel).

Ich stimme ab und Rachmaninov zu, dass die eher "technischen" Aspekte - wie Anlage oder welche (Art von) Aufnahme - wichtig sind. Deshalb habe ich mir auch ziemlich viel Kopf- und Ohrenzerbrechen (wenn es so etwas gibt) über meine Anlage gemacht... Allerdings glaube ich, dass das die Heimspielaversion gegen bestimmte Werke nicht wirklich erklären kann.

Bei Saties Überlegung, dass es eher eine Typfrage ist, ob man die Konzertsituation schätzt oder nicht, ob man sehen will wie das Kollophonium staubt und der Schweiß aufs Instrument tropft, stehen individuelle Vorlieben im Vordergrund.
Ich denke, das ist ein guter Ausgangspunkt für weitere Überlegungen, um sich dem
Phänomen, dass manche Stücke nur/ eher im Konzert oder (siehe Jürgens Beitrag) nur/eher auf CD bei einem ankommen, anzunähern.
Vielleicht beeinflusst die persönliche Präferenz eine gewisse Grundgestimmtheit, die man als Hörer mitbringt. Denn es ist ja nicht so, dass man, weil man eher in die Richtung "Konzerthörer"/"Konservenhörer" tendiert, deshalb alles, was einem in Konzerten/auf CDs so zu Gehör gebracht wird, auch gleich grandios findet.
Könnte es vielleicht sein, dass diese positive Grundstimmung die Rezeption unter den entsprechenden Bedingungen (Konzert/Konserve) leichter macht, dass man dann leichter einen Zugang zu bestimmten Stücken findet?

Nachvollziehbar und aufschlussreich fand ich auch den Gedanken von Gamaheh und Thomas, dass gerade zeitgenössische oder moderne Musik in der Live-Aufführung besser verständlich sei - auch wegen häufig komplizierter Aufstellungen, die sich nicht in Aufnahmen reproduzieren lassen.
Was aus meiner Sicht auch für diese These sprechen würde, das ist, dass ich zeitgenössische Solo-Werke (vor allem für Cello, grins), bei denen die Frage der Aufstellung nicht diese Relevanz hat, auch sehr gerne auf CD höre.

Meint Ihr, dass sich dieser Gedanke vielleicht etwas weiter fassen ließe?

anders gefragt:

Braucht gerade zeitgenössische Musik die Sinnlichkeit des Konzerterlebnisses?

Oder sind das nur ganz bestimmte Werke (s.o.)?

Ist das von den Komponisten vielleicht bewusst intendiert?

Was würde das bedeuten? Musik nur im Augenblick des Musizierens? Die Erkenntnis, das jeder Augenblick einzigartig und unwiederbringlich ist? Dass alles nur im Hier und Jetzt existiert? Eine Absage an Reproduzierbarkeit - in einer Welt, die doch häufig so tut, als wenn alles reproduzierbar (und beherrschbar) wäre, wenn nicht jetzt, so doch in näherer Zukunft? Oder....???

Was meint Ihr?

Neugierig :leb

Cellodil
ab (20.10.2006, 09:49):
Original von cellodil

Ich glaube, so etwas gibt es schon...

freilich, nämlich hier und da und dort in der Rubrik Classix.
LazarusLong (20.10.2006, 09:53):
Original von cellodil

Braucht gerade zeitgenössische Musik die Sinnlichkeit des Konzerterlebnisses?

Oder sind das nur ganz bestimmte Werke (s.o.)?

Ist das von den Komponisten vielleicht bewusst intendiert?

Was würde das bedeuten? Musik nur im Augenblick des Musizierens? Die Erkenntnis, das jeder Augenblick einzigartig und unwiederbringlich ist? Dass alles nur im Hier und Jetzt existiert? Eine Absage an Reproduzierbarkeit - in einer Welt, die doch häufig so tut, als wenn alles reproduzierbar (und beherrschbar) wäre, wenn nicht jetzt, so doch in näherer Zukunft? Oder....???

Was meint Ihr?

Neugierig :leb

Cellodil

Ich glaube jede Musik braucht das Liveerlebnis. Ich habe mal Kartren für ein Howard Carpendale Konzert geschenkt bekommen, war dort und hatte Spass. (Ist schon 25 Jahre her). Eine Absage an die Reproduzierbarkeit? Nein danke. Ich geniesse es viel zu sehr mir "Konserven" zu Hause im gemütlichen Sessel anzuhören.

Frank
sound67 (20.10.2006, 10:04):
Eines sollte man auch bedenken: Manche Konzertwerke funktionieren auch aus akustisch-technischen Gründen auf Tonträger besser als Live:

so z.B. Mahlers "Lied von der Erde" - im Konzertsaal haben die Solisten die größten Probloeme, sich gegen die üppige Orchestration durchzusetzen - Stützmikros für die Sänger bei der Aufnahme lassen dieses Werk erst richtig "funktionieren".

Gruß, Thomas
cellodil (20.10.2006, 10:15):
Original von sound67
Eines sollte man auch bedenken: Manche Konzertwerke funktionieren auch aus akustisch-technischen Gründen auf Tonträger besser als Live:

so z.B. Mahlers "Lied von der Erde" - im Konzertsaal haben die Solisten die größten Probloeme, sich gegen die üppige Orchestration durchzusetzen - Stützmikros für die Sänger bei der Aufnahme lassen dieses Werk erst richtig "funktionieren".

Gruß, Thomas

Hi Thomas,

ich habe das "Lied von der Erde" bisher nur ein einziges Mal im Konzert gehört und da war es wirklich so, wie Du das beschreibst. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass das auch oder vor allem am Dirigenten lag...

Ich finde, das ist aber grundsätzlich ein guter Gedanke, dass es doch auch den umgekehrten Fall gibt, dass Werke ihre Wirkung eher in Form von Aufnahmen entfalten können. Den sollten wir in der weiteren Diskussion berücksichtigen...!

Grüße

Cellodil
Gamaheh (21.10.2006, 00:29):
Original von sound67

Im Ganzen aber finde ich, dass man sehr wohl Musik auf CD genauso gut, und womöglich konzentrierter, geniessen kann als im Konzert. Das einzige Problem bei der Konserve ist, dass sie aufgrund der "Nachbearbeitungsmöglichkeiten" dem Hörer eine Perfektion der Aufführung (ohne Nebengeräusche, falsche Töne etc.) vorgaukeln, die live nicht zu erzielen ist.



Hallo Thomas,

Entschuldigung, um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Ich bin nicht der Meinung, daß man sich nicht usw., sondern daß ich persönlich es vorziehe, sie live zu hören, wenn ich die Gelegenheit habe. Ich höre täglich Musik aus der Konserve, aber ich empfinde es als Ersatz. Und bei Studioaufnahmen stört mich die Perfektion in der Tat häufig eher. Ich persönlich kann mich auch im Konzert viel besser konzentrieren als zuhause ...

Beste Grüße,
Gamaheh
cellodil (21.10.2006, 15:13):
Hi, liebe Mitdenker und Mitdiskutierer! :hello

Ich versuche mich noch einmal mit einem neuen Anlauf...

Mir scheint, nach allem, was Ihr geschrieben habt, dass jeder von uns seine grundsätzlichen persönlichen Vorlieben beim Musikhören hat: Die einen gehen lieber ins Konzert und können sich da auch besser konzentrieren, die anderen hören Musik lieber zu Hause. (Eventuell gibt's da auch noch den Mischtypus, der beides mag)

Ich denke, so weit würdet Ihr mir zustimmen, oder?

Was ich mir jetzt überlege (das hat jetzt auch wieder mit meiner Eingangsfrage zu tun):

Ob es vielleicht so sein könnte, dass wir uns bei Werken, die - aus welchen Gründen auch immer (das wäre vielleicht ein anderes Thema) - nicht so leicht zugänglich sind, leichter tun, wenn wir diese in der von uns präferierten Umgebung hören?

Uuups, das hört sich jetzt aber doch ein bisschen naja an... :leb

Also ich mach's einfach mal an mir fest. Ich liebe die Konzertatmosphäre und höre Musik gerne im Moment, wenn sie auch "gemacht" wird (bin aber dankbar, dass es CD-Player gibt, weil die feudalen Zeiten ja vorbei sind und der Unterhalt eines Kammerorchesters, selbst der eines Triangelspielers, um Gamahehs Erzählung aufzugreifen, eher out of reach ist...). Und ich könnte mir vorstellen, dass ich mich auf manche Werke, die vielleicht auch mehr Konzentration oder Offenheit beim Hören brauchen, im Konzert dann leichter einlassen kann.

Was meint Ihr, würde diese Schlussfolgerung quasi als (Zwischen-)Stand der Diskussion für Euch auch Sinn machen?

Grüße

Cellodil
LazarusLong (23.10.2006, 07:07):
@cellodil

"Ob es vielleicht so sein könnte, dass wir uns bei Werken, die - aus welchen Gründen auch immer (das wäre vielleicht ein anderes Thema) - nicht so leicht zugänglich sind, leichter tun, wenn wir diese in der von uns präferierten Umgebung hören?"

Meine präferierte Umgebung ist der Fernsehsessel zu Hause. Die Vor- und Nachteile dieser Präferenz kennen wir ja alle. Ein Nachteil, den wir hier noch nicht angesprochen haben: Wenn ich Probleme habe, Zugang zu einem Stück zu finden, stehe ich auf und lege ein anderes ein. Die Auswahl ist groß genug und ich habe keine Lust mich zu Hause mit einem Stück zu kasteien, das mich nicht fesselt. Im Konzert kann ich das nicht, da muß ich durch, da bleibe ich sitzen, schließlich habe ich ja dafür bezahlt. :W und stelle überrascht fest, daß mir das Stück vielleicht doch gefällt und ich mich weiter damit auseinandersetzen will. Zusammengefasst: Ich muß Stücke, die mir schwerfallen, in einer Umgebung hören, die mir keine Fluchtmöglichkeit bietet.

Frank
cellodil (23.10.2006, 17:55):
Original von LazarusLong
Zusammengefasst: Ich muß Stücke, die mir schwerfallen, in einer Umgebung hören, die mir keine Fluchtmöglichkeit bietet.


Hi Frank,

das ist natürlich auch eine Erklärung... Obwohl: Ich bin auch schon aus Konzerten geflüchtet (geht allerdings nur wenn man einigermaßen am Gang sitzt).

Grüße

Sabine
Sfantu (16.12.2020, 12:12):
Beide Fraktionen - die der Live- und die der Konserven-Hörer - haben in ihren Argumentationen ihre Berechtigung.
Wenn ich bei einem mir neuen Werk Stellen nicht verstehe oder mir unsicher bin, kann ich die Passage beliebig oft nachhören, kann etwas dazu nachlesen. Das führt zu Erkenntnisgewinn, im Konzert nicht - zumindest nicht bewusst nachvollziehend. Ich kann aber auch nach dem 2. Satz Pause machen, mich mit etwas völlig Anderem beschäftigen & später fortfahren. Eher nachteilig für mein Musikerleben, mitunter aber von grossem Vorteil für mein Zeitmanagement. Im Konzert wirkt das Werk als Ganzes auf mich (Lazarus spricht von der fehlenden Fluchtmöglichkeit). Alles Visuelle & Atmosphärische, nicht nur die akustischen Ereignisse, hinterlässt seinen Fussabdruck in meiner Erinnerung. Das kann für mich persönlich zu einem emotionalen Mehrwert führen, andererseits aber auch den Blick (das Hören) auf die Musik verzerren.

Was bleibt, ist also ein gewisses Dilemma - & ganz auflösen lässt es sich letztendlich nicht. Am Ende zähle ich mich doch ganz überwiegend zu den Konserven-Konsumenten.

Eine Gattung, die (besser: ein Instrument, das) ich als Konserve nur schwer ertragen kann, ist die Kirchenorgel. Sie gehört an dem Ort gehört, an dem sie steht. Erklären kann ich diese Meinung / Haltung / Präferenz nicht. Schliesslich ist ein Klavierkonzert ebenso wenig für mein Musikzimmer geschrieben worden. Trotzdem: in dem Fall geht es seltsamerweise in Ordnung. Bei einer Orgel aber fühle ich mich einfach fremd & fehl am Platze, wenn das daheim aus den Lautsprechern schallt.