Nina Stemme

Billy Budd (22.03.2012, 15:33):
Derzeit ist Nina Stemme in Wien als Tosca zu erleben. In der Besprechung der ersten Aufführung der Serie habe ich mich folgendermaßen über die Darbietung geäußert:
Nina Stemme ist ein bei uns gern gesehener Gast. Am heutigen Abend gab sie ihr wiener Rollendebüt als Tosca. Die Schwedin ist eine sehr umstrittene Sängerin; ich gehöre zu denen, die ihr wenig abgewinnen können. Was mich hauptsächlich stört, ist die scheppernde Höhe, die mich stets an das Blöken eines Schafs erinnert (Bitte dies nicht als Beleidigung, sondern als Feststellung aufzufassen!).
Ich habe eingesehen, dass ich mich hier wohl etwas im Ton vergriffen habe. So etwas sollte man nicht in einem Bericht von sich geben. (Deshalb wurde mir in einem anderen Forum ja auch Größenwahn, Anmaßung und Arroganz unterstellt.)

Wie auch immer; ich bin der Meinung, dass Nina Stemme bei uns einen eigenen Thread verdient.

Ich habe sie drei Mal live gehört (Wiener Staatsoper):
17. März 2010: Senta
7. März 2011: Ariadne
19. März 2012: Tosca
Ziemlich sicher werde ich sie Ende März nochmals als Tosca und Mitte April als Marschallin erleben. Wenn die Gerüchte stimmen, singt sie in zukünftigen Saisonen in Wien Brünnhilde, Isolde und Minnie.

In keiner Aufführung konnte sie mich überzeugen. Bei uns am Stehplatz gibt es auch sehr kontroverse Meinungen über sie.

Deshalb möchte ich die Frage in den Raum stellen: Wie steht Ihr zu dieser Sängerin?

Billy :hello
Karolus Minus (22.03.2012, 16:20):
Original von Billy Budd
Derzeit ist Nina Stemme in Wien als Tosca zu erleben. In der Besprechung der ersten Aufführung der Serie habe ich mich folgendermaßen über die Darbietung geäußert:
Nina Stemme ist ein bei uns gern gesehener Gast. Am heutigen Abend gab sie ihr wiener Rollendebüt als Tosca. Die Schwedin ist eine sehr umstrittene Sängerin; ich gehöre zu denen, die ihr wenig abgewinnen können. Was mich hauptsächlich stört, ist die scheppernde Höhe, die mich stets an das Blöken eines Schafs erinnert (Bitte dies nicht als Beleidigung, sondern als Feststellung aufzufassen!).
Ich habe eingesehen, dass ich mich hier wohl etwas im Ton vergriffen habe. So etwas sollte man nicht in einem Bericht von sich geben. (Deshalb wurde mir in einem anderen Forum ja auch Größenwahn, Anmaßung und Arroganz unterstellt.)

Einsicht ist der erste Weg zur Besserung :wink

Zur Stemme selbst kommt sicher noch was von mir, hab aber überhaupt keine Zeit mehr heute.
Gruß
Karolus Minus
ar (22.03.2012, 19:39):
Ok, dann hier eine leicht veränderte Kopie meines Beitrages aus einem anderen Thread:

Als ich Nina Stemme zum ersten Mal hörte, kam ich zu einem ähnlichen Urteil wie Billy Budd: Ich fand die Stimme ziemlich schrill... Als ich dann mein Gesangsstudium startete und begonnen habe eine Technik zu erarbeiten, hat sich meine Meinung zu Stemme geändert. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich über alle Wagnersänger so gedacht habe und alle klangen schrill für mich.

Zurück zu Frau Stemme. Die Sopranistin ist keine Hochdramatische, aber eine Jugendlich-Dramatische. Die Stimme sitzt selbst im Piano auf dem vollen Körper. Sie ist fähig grosse Bögen zu singen und kann ihre Register alle verblenden. Manchmal gelingen ihr einige Höhen schrill (also eigentlich höre ich das nur bei der Brünnhilde so).

Wenn ich jetzt die Aufnahme aus Covent Garden höre (Isolde), höre ich eine selten schrille, immer vom mf/mp ausgehende Isolde. Besonders fällt mir auf, dass das Ganze wie ein Schubertlied gestaltet wird.

Langes BlaBla, kurzer Sinn: IMO die stärkste Isolde unserer Zeit.

Lg

@ Billy Budd: Ich mag deine Polemik eigentlich, da ich auch dazu neige. Arroganz hätte ich dir nie unterstellt. Gerade solche Äusserungen führen ja dazu, dass man sich über Sänger unterhalten kann (trotzdem habe ich einfach andere Assoziationen als die eines blökenden Schafs, wenn ich Frau Stemme höre. ;-)
Karolus Minus (23.03.2012, 17:11):
So, jetzt ist ein bißchen Zeit da.

Ich muß vorausschicken, daß ich die Stemme nie live gehört habe doch einiges an Aufnahmen (live, Studio zählt für mich nicht) kenne, die Isolde aus London und den Ring aus San Francisco (war - soweit ich weiß - ihr erster vollständiger) als Audio; Sieglinde (Stockholm) und Walküren-Brünnhilde (Scala), die Wiener Senta und Vier letzte Lieder (Stockholm und Hamburg) sowie die Züricher Aida als Video.

Für mich eine erstklassige Sängerin mit souveräner Technik (den Ausführungen von ar ist da nichts hinzuzufügen), die nie über ihren Möglichkeiten gesungen hat und immer eher vorsichtig mit dem Weitergehen ins schwerere Fach war. So ist sie z.B. in Stockholm 2005 noch die Sieglinde gewesen, als die ja auch eher lyrische Katarina Dalayman schon alle drei Brünnhilden sang.

Was das Timbre angeht, so ist das - logischerweise - nordisch und für meine Ohren relativ kühl, was mich bei den Wagner-Partien aber nicht im geringsten stört, weil sie da einfach zu gut singt. Im italienischen Fach liegt die Sache ein bißchen anders; sicher, auch die Aida ist gut gesungen (vor allem bei den gerade in der Partie dünn gesäten Alternativen), aber wirklich überzeugen tut sie mich nicht. Die Forza-Leonore kenne ich nicht und bei der Tosca könnte wahrscheinlich das eine Problem stark zum tragen kommen, das ich wirklich mit ihr habe, nämlich die optische Seite. Mit Ausnahme der Wiener Senta fadiert sie mich nämlich (jedenfalls am Bildschirm). Ich höre eine tolle Stimme und sehe eine Person, von der für mich nichts ausgeht; mein Problem, ich weiß, ändert aber nichts daran. Weswegen ich der meinung von ar beim Vergleich Stemme/Meier zur Isolde auch nur beim akustischen Teil zustiommen kann, denn die Meier besitzt eine phänomenale Bühnenpersönlichkeit (gerade in der Partie), mit der sie sich auch über stimmlich weniger gelungene Passagen retten kann.
Ein schönes Wochenende wünscht Karolus Minus, der dann leider diesmal Nachtschicht arbeiten muß