Severina (11.07.2010, 13:03): Ich muss vorausschicken, dass der erste Akt immer wieder durch Ton- und Bildstörungen beeinträchtigt war, am Aktschluss brach die Übertragung überhaupt zusammen. Angeblich wegen eines Gewitters über Strassbourg - so die Entschuldigung von ARTE. Da frage ich mich dann, ob es in den vergangenen vier Wochen tatsächlich nie Gewitter zwischen unseren Gefilden und Südafrika gegeben hat, denn von dort kam doch alles problemlos an.....
Überhaupt war der Ton ein ziemliches Ärgernis, denn die Aufnahmemikros waren wohl so schlecht platziert, dass man die Sänger immer unterschiedlich laut hörte, was eine Beurteilung ihrer Leistung nicht einfach macht. (Lag es z.B. wirklich an der mangelnden Durchschlagskraft von Uusitalo, dass er phasenweise ziemlich im Orchester unterging??)
Zur Inszenierung: Wofür Luc Bondy an der MET ausgebuht worden ist, frage ich mich wirklich. Gut, er verzichtet auf barocken Prunk im ersten, auf feudale Pracht im 2. Akt, lässt alles in sehr reduzierten Bühnenbildern spielen, aber es passiert absolut nichts, was gegen Musik oder Libretto gerichtet wäre. Ganz im Gegenteil, speziell der 1. Akt ist eine derart penible 1:1-Umsetzung, dass mich nur das intensive Spiel von Jonas Kaufmann vor tödlicher Langeweile bewahrt hat.
Bondys Sant' Andrea della Valle besteht aus einer Kombination roher Ziegelwände, deren Anordnung nicht zwingend an eine Kirche denken lässt. Nur ein Weihwasserbecken neben einer schlichten Gittertüre, die zur Kapelle der Attavanti führt, weist den Ort als Sakralraum aus. Auf der rechten Seite erhebt sich das unvermeidliche Malergerüst mir dem halbfertigen Bild der Maddalena, die allerdings wirklich nicht viel von einer Heiligen an sich hat. Der sündhafte Aspekt ist deutlich überbetont. Angelotti seilt sich durch ein Fenster ab, ein ziemlich überflüssiger Aktivismus, aber bitte. (Wie kam er von außen dort hinauf?, fragt man sich. Er wird doch nicht wie eine Katze über Dachfirste gesprungen sein!) Es folgt das übliche, auch bei Bondy mit einigen Gags angereicherte Geplänkel zwischen Cavaradossi (in fadem grauenm Kostüm - Hose, Giletmit einem blöden Stehkragen, etwas helleres Hemd) und dem Sagrestano, die dramtische Begegnung mit Angelotti, bevor, in sündhaft rotem Schleier, darunter eine Samtrobe in Lila und Dunkelviolett, Floria Tosca hereinrauscht und sich in eine immer hysterischere Eifersucht hineinsteigert. Das nervt, aber ein Blick in ihr Gesicht weckt dann doch Verständnis für diese Exaltiertheit: Karita Matila möge mir verzeihen, aber sie ist eine alternde Diva, die Angst hat, ihren um vieles jüngeren Lover zu verlieren. Eine andere plausible Erklärung finde ich für den Umstand nicht, dass sie und Kaufmann wie Mutter und Tochter wirken. Aber ihr Mario ist mit den Gedanken ohnehin nur bei Angelotti, ziemlich geistesabwesend hört er sich ihre Tiraden an, linst und horcht immer wieder zu der Türe hinüber, hinter welcher der Freund verborgen ist. Seine Zerstreutheit verstärkt bei Tosca den Verdacht seiner Untreue, sie rast, tobt (ein Sessel fliegt durch die Luft) und wirft sich in lasziver Pose auf den Boden, um ihn an Ort und Stelle zu verführen. Beinahe tut einem diese Frau Leid, die offensichtlich ihre Felle davonschwimmen sieht und bis zum Äußersten geht, um ihren jungen Geliebten zu halten. Cavaradossi zeigt sich denn auch nicht unempfänglich für ihr Angebot, zum Äußersten kommt es dann aber doch nicht (In chiesa :B!!!!), zumal er nicht einmal jetzt den armen Angelotti vergisst. Die Stimme von Karita Mattila habe ich auch etwas frischer in Erinnerung, aber im Großen und Ganzen bot sie eine gute Leistung.
Auftritt Scarpia - ein auf den ersten Blick brutal wirkender Glatzkopf, doch ist er das auch? Zumindest im 1. Akt blieb Juha Uusistalo vieles an Rollengestaltung schuldig, und ich denke, jemand, der die Geschichte nicht kennt, würde ihm sein "Sorge" um Tosca abnehmen. Die bricht unter der angeblichen Beweislast für Marios Untreue völlig zusammen, so völlig, dass sie sich sogar trostsuchend an Scarpia klammert, ihr Gesicht an seinem Hals birgt. Die ständigen Ton- Bildstörungen bis hin zum Totalausfall verhindern eine weitere Beschreibung der Vorkommnisse im 1. Akt.
Der 2. Akt bietet von der Regie her dann wenigstens einige Spannungsmomente. Der Palazzo Farnese ist auf eine schmutziggelbe Wand mit einem riesigen Fenster reduziert, links und rechts davon führen Treppen in eine unbestimmtes Irgendwas, rechts eine Polstertüre in die Folterkammer, in die man auch durch ein kleines Fensterchen neben dieser Türe Einblick gewinnt, was später Sciarrone immer wieder tut, um Scarpia über den Stand der Folterungen auf dem Laufenden zu halten. Zwei knallrote Sofagarnituren flankieren das Fenster der Rückwand, ansonsten stehen noch einige Sessel verstreut im Raum herum. Scarpia amüsiert sich zu Beginn des Aktes mit drei Gespielinnen, für Nutten (so einige empörte Rezensenten), wirken diese Girlies aber viel zu harmlos. Sie umgirren Scarpia, der seinerseits in einer Art und Weise mit ihnen umgeht, die sein eigenes (verklausuliertes) Bekenntnis, dass ihn nur die Angst einer Frau erregt, zunächst Lügen straft. Diese Szene müsste wesentlich härter angelegt sein, damit sie Sinn macht. Auch Spoletta und Sciaronne sind ständig anwesend, ihnen hat Bondy wirklich Profil verliehen. Sie zittern einerseits vor den unberechenbaren Wutausbrüchen Scarpias, sind Opfer seiner Willkür, weiden sich aber andererseits mit sadistischem Vergnügen an den Qualen Cavaradossis und Toscas - typisches Verhalten von Getretenen, die auf alles hintreten, was noch schwächer ist als sie selber. Uusitalo gewinnt im 2. Akt deutlich an Profil, zieht seine Nummer konsequent durch. Die Frage ist, ob man den Polizeipräfekten so sieht (sehen will), wie Uusitalo ihn spielt. Während ein Siepi, ein Raimondi, ein Taddei mit der feinen Klinge arbeiteten, Gewalttätigkeit und Sadismus mit vordergründiger Noblesse maskierten, durch die nur immer wieder der blanke Zynismus durchblitzte, setzt Uusitalo von Anfang an auf rohe, ungeschminkte Brutalität. Nicht nur Cavaradossi gegenüber - das Verbalduell zwischen den beiden lässt zum ersten Mal an diesem Abend wirklich Spannung aufkommen - , sondern auch bei Tosca, die er keinen Augenblick im Zweifel darüber lässt, was er von ihr will und dass er gewohnt ist zu bekommen, was er will. Er stößt sie brutal herum, , schreit sie an, bedrängt sie, ist schon nahe daran, jede Beherrschung zu verlieren und sie zu vergewaltigen - alles unter den Augen seiner feixenden Gehilfen. Tosca ist zunehmend paralysiert und nur mehr ein zitterndes Häufchen Elend, erst der Anblick ihres geschundenen Geliebten - er wird leblos auf einer Plane hereingeschleift - facht ihren Widerstandswillen neu an. Sie tötet Scarpia ganz bewusst - bietet sich ihm scheinbar willig auf der Couch an, das Messer hinter ihrem Rücken. Robert Carsen hat in Zürich eine ähnliche Lösung gefunden, allerdings wesentlich stringenter als Luc Bondy. (Was auch an Emily Magee lag, die einfach über mehr Sexappeal verfügt als die Mattila und deren Tosca von vornherein als starker, ebenbürtiger Widerpart zu Scarpia angelegt war.) Der sterbende Scarpia kippt vom Sofa und bleibt mit dem Kopf nach unten hängen - eine interessante Variante zu der üblichen 0815-"Sterbehaltung" - ein Bein ausgestreckt, eines angewinkelt. Natürlich entfällt zwangsläufig das übliche Ritual mit Kandelabern und Kruzifix. Statt dessen steigt Tosca auf das geöffnete Fenster und scheint einen Augenblick ernsthaft zu überlegen, in die Tiefe zu springen. Im letzten Moment schreckt sie aber zurück und klettert herunter. Was sie dann tut, kann ich emotional nicht nachvollziehen: Anstatt so schnell wie möglich das Zimmer zu verlassen, legt sie sich völlig erschöpft auf das andere Sofa und fächelt sich Kühlung zu!!!! Bis der Vorhang fällt.
Im letzten Akt läuft wieder alles nach Schema F ab. Die Bühne ist leer bis auf eine Ziegelmauer mit Turm und Treppe auf der rechten Seite. Zu Beginn exerzieren die Soldaten im Vordergrund, Cavaradossi schreibt seinen Brief auf einer Kiste, nichts, was irgendwie außer der Norm wäre.
Die Flucht Toscas vor ihren Häschern ist meist hart am Rande zur Lächerlichkeit, hier aber überschreitet sie ihn: Sie "rettet" sich auf die Stiege, alles in einem so atemberaubenden Tempo, dass die Soldaten erst einmal stehen bleiben müssen, damit sie sie am Ende nicht doch erwischen, dann entschließen sie sich doch zur Verfolgung, aber Tosca stößt den einen mit der Hand(!!!!) und den zweiten immerhin mit dem Fuß hinunter und verschwindet im Turm. Die Musik verstummt, die Bühne bleibt hell, alles wartet, dass etwas passiert. Es passiert aber nichts, weshalb mit einiger Verzögerung Applaus einsetzt. Tja, eigentlich hätte sich ein Stuntman vom Turm in die Tiefe stürzen sollen (das zumindest mailte mir eine Münchner Opernfreundin), der hat es aber offensichtlich vorgezogen, das 3:2 Deutschlands über Uruguay zu feiern......
Das Münchner Opernorchester unter Fabio Lauisi klang in erster Linie laut und undifferenziert, was ich zunächst der schlechten Aufnahmetechnik zuzuschreiben geneigt war. Als allerdings Luisi mit einem Buhkonzert empfangen wurde, war mir klar, dass der Eindruck vor Ort offensichtlich der gleiche war.
Buhs (allerdings auch Bravos) musste auch Juha Uusitalo einstecken, der tatsächlich alles andere als ein idealer Scarpia ist. So sehr ich ihn in Wagnerpartien schätze, für den Scarpia fehlt ihm nicht nur die nötige Schwärze der Stimme, sondern vor allem jede Italianitá. So kann man Puccini nicht singen.
Karita Matila habe ich bereits oben erwähnt: Eine runde, solide Leistung, aber auf meiner Tosca-Hitliste rangiert sie nur im guten Mittelfeld.
Bleibt also Jonas Kaufmann, der diesmal wirklich die Kastanien aus dem Feuer holte, obwohl ich ehrlich gesagt auch von ihm schon einen besseren Cavaradossi gehört habe. Besonders "E lucevan le stelle" klang schon einmal nuancierter, intensiver. Aber ein Jonas Kaufmann ist auch bei schwächerer Tagesverfassung immer noch ausgezeichnet, er trumpfte mit strahlenden Höhen auf und sandte auch einige seiner unvergleichlichen Piani in den römischen Sternenhimmel, besonders bei den "Dolci mani". Dass er ein Bilderbuchcavaradossi ist, dem man einfach jeden Gefühlsausbruch glaubt, der mit seiner diffizilen Darstellung immer wieder gefangen nimmt - alles das setzt man bei Jonas Kaufmann eigentlich voraus und braucht nicht extra betont zu werden.
Mein Fazit: Enttäuschung über die doch sehr konventionelle Regie von Luc Bondy, sehr durchwachsene Eindrücke von der musikalischen Umsetzung, in allen Belangen hinter der tollen Carsenproduktion in Zürich.
lg Sevi :hello
peter337 (11.07.2010, 20:53): Lieeb Severina!
Frau Matila ist bei mir gleich nach Frau Papian eine der miesesten Toscas die ich je sah und hörte - nur hat sie schöne Kniekehlen, nur singt sie mit denen nicht,
mir tat der arme Jonas kaufmann nur Leid, denn der hat mir als einziger gefallen.
Herr Usistalo war ein Scarpia der mir Raimondigeschädigten aber schon gar nicht gefiel.
Ich war ja an der WStO schon einige miese Toscas gewohnt, im Februar warst Du ja auch bei Raimondi, dann bei Gallo mit Martina Serafin, die wieder wunderbar und Herr Kim ein wunderbarer Cavaradossi, denn kam im Mai der Blitzschlag alle drei schlecht, Hr. Shicoff singt wie ein Reibeisen.
Ein Sänger kann eine Tosca nicht retten, das sah man in München, gestern.
Also ein Ton und Bildausfall war das schuld an meiner Aufnahme, hätte sie mir aber ohnedies nicht behalten.
Severina (11.07.2010, 21:20): Lieber Peter, da sind wir ganz einer Meinung! Übrigens habe ich andernorts etwas von "homoerotischen Beziehungen" zwischen Cavaradossi und Angelotti gelesen - so ein Quatsch! Bondy und Kaufmann sprechen von Männerfreundschaft, nicht von Männerliebe, da besteht ja wohl ein Unterschied!Dass Mario seine Freundschaft zu Angelotti wichtiger ist als die Liebe zu Tosca, mag ja sein - auch im realen Leben gibt's Männer, denen ihre Kumpels wichtiger sind als die Ehefrauen. Trotzdem liebt er seine Floria, das geht wohl mehr als deutlich aus seinem Verhalten hervor. Heute habe ich mir meinen Mitschnitt noch einmal angeschaut, und da gefiel mir Kaufmann im ersten Akt stimmlich viel besser als gestern, eigentlich eine perfekte Leistung, aber im 3. Akt schwächelt er leider etwas, daran kann man nichts herumdeuteln. Menschlich aber auch verständlich, denn auf der Bühne hat's im Hochsommer dank Scheinwerfer über 40° (Davon wirst Du ja ein Lied zu singen wissen!), dazu kommt noch die begreifliche Nervosität wegen der Liveübertragung - Sänger sind schließlich auch nur Menschen!
lg Severina :hello
peter337 (12.07.2010, 06:56): Liebe Severina!
Das von Dir angezeigte Thema Cavaradossi / Angelotti ist eine reine Männerfrreundschaft, die aus politischen Gründen - auch - entstand, alles andere zu denken ist nur ein Schmarrn, aber das habe ich ja drüben gesagt, und sich Cavaradossi bemüht, seiner Tosca nicht alles zu zeigen was Baron Scarpia aus ihr herausbekommen hätte , und sie ihm mit ihrr Eifersucht auf die Nerven geht.
Bei mehr als 40 Grad auf der Bühne zu stehen ist wirklich kein Vergnügen und man muss aufpassen, dass alles bis zum Ende gut klappt, und das hat Jonas Kaufmann bewiesen, er ist ein Könner und bewundernswert gewesen, was man ja von seiner Partnerin und auch Baron Scarpia nicht sagen kann.
Woher sollen Finnen auch eine gewisse italianata haben, obwohl auch skandinavische Sänger, wie Birgit Nilsson die hatte, aber auch, der für mich manchmal unbeteilgte Jussi Björling, diese hatte.
Recht liebe morgendliche Grüße sendet Dir Dein Peter. :hello :hello :hello
Honoria Lucasta (12.07.2010, 07:45): Ihr Lieben,
ich kenne Tosca auswendig. Ich lasse mir keine Tosca entgehen, selbst, wenn ich weiß, daß ich höchstwahrscheinlich enttäuscht werde, weil die Tosca eben keine Callas, der Cavaradossi kein Domingo und der Scarpia kein Ruggero Raimondi ist.
Gestern aber, ich bekenne es, verließ mich zum ersten Mal der Mut: mein Mann hatte mir die Übertragung vom Samstag aufgenommen, und durch irgendeine Laune der Fernbedienung geriet ich nicht an den Anfang der Aufnahme, sondern mitten in den 2. Akt, wo eine quäkig dreinblickende Mattila von einem kahlen Finnen bedrängt und auch wieder nicht bedrängt wurde.
Da habe ich einfach abgeschaltet. Und später gelöscht. Ich mag keine miesen Toscen mehr. Ich mag auch keine "Deutungen" gerade dieser Oper mehr: die Geschichte an sich ist schon solch ein Reißer, daß man sie einfach nur SINGEN und SPIELEN muß, nichts weiter.
Ich werde zu den bewährten Aufführungen (auf DVD) zurückkehren und meine Wehmut darüber pflegen, daß alles auf Erden endlich ist, auch die Geschichte der grandiosen Aufführungen dieser grandiosen Oper.
Es grüßt
Honoria.
Fairy Queen (12.07.2010, 09:59): Liebe Honoria, ich sehe mir zwar sehr gerne gute moderne Aufführungen an und entdecke gerne neue Deutungen von Opernstoffen, aber ich kann dich trotzdem bestens verstehen. Trotz der dankenswert ausführlichen und zumindest nicht ganz Verriss- Kritiken von Severina und Nikolaus- mich hâtte hier ausser Jonas Kaufmann auch rein gar ncihts gereizt. Die Mattila ist gewiss eine gute Sängerin, aber wenn ich sie mir neben Kaufmann in dieser Rolle vorstelle (Sevi hat das ja serh gut beschrieben) und daneben das Rollenporträt einer Gheorghiu (für die ich nciht schwärme, aber die ich in der Rolle ûberzeugend finde) oder gar Callas vorstelle, möchte ich wirklch auch besser von vorneherein abschalten- zuerst das Bild, aber offensichtlich betrifft es ja auch nicht unwesentlich den Ton. Es gibt Opern, die sind einem so heilig, dass man solche Verschnitte nciht ertragen kann. Bei mir z.B. die Sonnambula oder die Puritani von Bellini oder Berlioz Troyens. Tosca ist für mich eine der ganz wenigen Puccini-Opern die ich mir freiwillig ansehen würde, aber wenn, dann muss es wirkliich rundum stimmen. Zwei finnische Kühlschränke in der römischen Sauna und ein Ödipuskomplex als Lovestory- nein danke! Und dazu noch ein mieser Dirigent- was haben die Münchner sich dabei eigentlich gedacht?
Liebe Sevi und lieber Peter, Wer auf die Idee kommt , Angelotti und Cavaradossi eine erotische Liaison unterzujubeln, kann auch Leporello und Don Giovanni verkuppeln- oder Susanna und die Contessa. :A Nur rächt sich das bei einem Italo-Macho wie Puccini doppelt- nichts hätte ihm wohl ferner gelegen, schâtze ich mal! Und da verstehen die italiensichen Opernfans nun wahrlich keinen Spass. Der arme Jonas Kaufmann, kann man da nur sagen! Allein eine ganze Produktion rauszureissen, muss kein grosses Vergnügen sein.
F.Q.
Solitaire (12.07.2010, 10:39): Ich danke euch für eure Eindrücke zu dieser Tosca! Ich habe sie nicht komplett gesehen, sondern zwischendurch immer mal wieder reingeschaut, denn nach vier Wochen Fußball war ich immerhin nun doch infiziert genug, auch das Spiel um die goldene Annanas sehen zu wollen. Was ich von der "Tosca" mit bekommen habe, hat mich dann auch nicht so gefesselt, daß ich dabei geblieben wäre. Allerdings habe auch ich mich gefragt, was denn an der Inszenierung so skandalös gewesen sein soll ... ?( Egal. Mein Problem mit dieser Oper ist, daß ich sie eigentlich nur mit dem Trio Callas-Gobbi-DiStefano so richtig genießen kann. Über Callas' Tosca was sagen zu wollen ist unnötig: und wenn sie nur diese eine Rolle gesungen hätte, es hätte gereicht, damit Musikgeschichte zu schreiben :down :down :down. DiStefano hat einiges gesungen womit er mir nicht gefallen hat, aber sein Cavaradossi ist für mich bis heute unerrecht, und Gobbi als Scarpia... :down Wie auch immer, das was ich vorgestern gehört und gesehen habe, hat mich nur bedingt überzeugt. Das Fairy Tosca für Marios Mutter hält finde ich noch sehr freundlich von ihr, mich hat sie an seine Oma erinnert,und ich weiß wirklich nicht, was sich der Maskenbildner dabei gedacht hat, denn ohne diese grausame Perücke und das verunglückte Make-Up ist Mattila immer noch eine attraktive Frau. Aber vielleicht war es ja wirklich Absicht und Toscas Verhalten sollte dadurch erklärt werden, daß eine alternde (um nicht zu sagen alte) Diva fürchtet, ihren jugendlichen Liebhaber zu verlieren. Schlüssiger finde ich da die Lösung im Tosca-Film mit dem Ehepaar Alagna und Ruggero Raimondi: hier ist Tosca jung, schön, sinnlich und man fragt sich, wie um alles sie darauf kommen kann, daß irgendein Kerl IHR untreu werden könnte. Gheorghiu aber macht irgendwie klar, daß hinter dieser Eifersucht eine sehr traurige Vorgeschichte steckt, und daß Mario um diese Vergangenheit weiß und daher so erstaunlich geduldig bleibt. Aber es geht ja nicht um Callas oder Gheorghiu, sodnern um Mattila und Kaufi. Mattila fand ih stimmlich absoluit okay, aber nicht umwerfend. Das was ich von Scarpia gehört habe, hat mich nicht überzeugt, allerdings muß ich zugeben, daß ich schändlicherweise nichts vom 2. Akt mitbekommen habe, und daher zumindest was Scarpia angeht eigentlich meine Klappe halten müßte, was ich hiermit tue.
Was nun Kaufmann angeht, so ist das seltsam mit ihm und mir: ich höre immer wieder von kompetenten und erfahrenen Operngängern, daß er ein sehr guter Sänger ist, und ich glaube euch das auch, aber ich kann und kann mir nicht helfen: ich werde mit diesem Sänger nicht warm und ich weiß und weiß nicht, woran das liegt... Er hat eine schöne Stimme, er kann spielen, er sieht klasse aus...was will ich eigentlich mehr? Vielleicht kann mir mal jemand erklären, was mit mir nicht in Ordnung ist, daß ich mich der großen Jonas-Begeisterung nur sehr eingeschränkt anschließen kann...sein Alfredo allerdings ist toll, und auch das was ich vom Lohengrin gehört habe hat mir gefallen. Aber er hat mich weder als Florestan, noch als Don José, noch als italienischer Sänger im Rosenkavalier begeistern können. Ich fand ihn okay, aber auch nicht mehr. Ich bin wohl etwas seltsam gestrickt. Naja, was soll's. Am Samstag hat mir "E lucevan..." gut gefallen, wengistens hat er das Stück nicht zerbrüllt, wie ich es schon so oft von anderen gehört habe, allerdings hatte ich den Eindruck, daß seine Stimme im Piano etwas belegt klang, kann das sein oder höre ich mit zu kritischen Ohren?
Zum Thema MännerLIEBE: sowas nervt mich immer wieder, auch im Don Carlo (obwohl es da aufgrund gewisser Untertöne bei Schiller immerhin noch passender ist). Nicht daß eine homosexuelle Liebe etwas schlimmes wäre, weiß Gott nicht! Aber mich stört bei solchen Auslegungen das eindimensionale Denken solcher Regisseure, für die es offenbar nur eine menschliche Gefühlsregung zu geben scheint: erotische Liebe, egal ob zu Männlein oder Weiblein. Daß es neben erotischer/romantischer Liebe zu einem (männlichen oder weiblichen) Menschen auch noch andere Gefühlsregungen gibt können sich sollte Leute nicht denken. Denen geht es nur ims f*. :ignore Sorry, aber ist doch wahr... :I So, was war jetzt Alles in Allem ein etwas wirrer Beitrag, aber hier ist es schon wieder sauheiß und ich bin eigentlich beim Kofferpacken. Morgen geht es nach München, und am Samstag in den "Figaro" :leb
Fides (12.07.2010, 12:31): Nun, das wird mein erstes Posting und deshalb "Danke", dass ich hier mitmachen darf.
Ich habe am Samstag zwischen Tosca und Fußball hin und her geschaltet, kann also keinen wirklich qualifizierten Kommentar zur Inszenierung etc. abgeben. Ich muss gestehen, dass ich eigentlich nur wegen Jonas Kaufmann überhaupt reingehört habe....und meine Vorbehalte ihm gegenüber nur noch gestiegen sind! Da kann ich mich Solitaire nur anschließen!!! Ich finde, dass er Piani singt, die grausam klingen, unnatürlich...wie für meine Ohren seine gesamte Stimmproduktion unnatürlich klingt. Wo mal sängerisch "Arsch in der Hose"...sorry....gefragt wäre, flüchtet er sich in zarte Tönchen, die wohl emotionales Engagement simulieren sollen, bei mir aber nur Fassungslosigkeit ob so viel Chuzpe bewirken. In den von mir gehörten und gesehenen Ausschnitten, überwiegend aus dem 3. Akt, konnte ich auch von seinen viel gerühmten schauspielerischen Fähigkeiten wenig sehen....einem sehr guten Sängerschauspieler gelingt es, auch mit einer Partnerin wie Frau Mattila...wer hat deren Maske verbrochen?...deren Attraktivität nicht mal mehr im Auge des Betrachters liegt, eine spürbare Verbindung herzustellen, davon konnte ich nichts sehen und SPÜREN! Für mich ist das die Crux: JK ist mit sich und nicht mit seiner Partnerin beschäftigt, nicht mit denen, mit denen gemeinsam das Kunstwerk erst entsteht...SCHADE!!!
LG Fides :hello
Severina (12.07.2010, 12:51): Liebe Solitaire,
erstens stimmt mit Dir alles - die eine Stimme berührt einen, die andere nicht, das kann man nicht rational erklären und braucht es auch nicht, das haben die anderen einfach zu akzeptieren. Mir geht es ja auch bei einigen Sängern so (früher Alfredo Kraus, aktuell Joseph Calleja....), denen ich ihr Können nicht abspreche, trotzdem lassen sie mich völlig kalt. Und damit jetzt der arme Luc Bondy nicht ins Kreuzfeuer gerät: Er hat keineswegs Cavaradossi und Angelotti ein homoerotisches Verhältnis aufoktroyiert, das in der Tat absurd wäre, sondern nur die Freundschaft zwischen ihnen besonders betont. JK meinte eben in besagtem Interview, für Cavaradossi käme diese Freundschaft noch vor der Liebe zu Tosca, und dieser Satz wurde wohl von einigen in die falsche Richtung interpretiert. (Wobei man natürlich auch über diesen Ansatz diskutieren kann!) Als Indiz, dass Mario mehr auf Männer stünde, wurde u.a. angeführt, dass er sich nach dem Kuss von Tosca den Mund (ich habe aber nur die Wange gesehen) abwischt. Nur glaube ich nicht, dass das eine bewusste Handlung war - wenn bei der Gluthitze, die auf der Bühne geherrscht haben muss, eine klatschnasse Wange an der deinen klebt, ist das wohl ein ganz natürlicher Reflex. Das Grausame an Großaufnahmen ist halt, dass man wirklich alles hautnah mitkriegt und dann wahrscheinlich das eine oder andere überinterpretiert. Ich würde aus diesem Abwischen jetzt keinesfalls herauslesen, dass Cavaradossi Tosca in Wahrheit verabscheut - das widerspricht doch völlig seiner Mimik und sonstigen Körpersprache. Und warum hätte er sich dann überhaupt mit ihr eingelassen? Weil er einen Mutterkomplex hat? Nö, also wirklich.....
lg Sevi :hello
Ingrid (12.07.2010, 21:38): Liebe Severina,
da habe ich ja was angestellt (sitze unter dem Stuhl :( ) Die Kombination Hitze, Fußball, diese Inszenierung und vorher zwei Vorstellungen, auch noch auf der falschen Seite, ließen mich wohl zu verkehrten Schlüssen kommen. Du hast mit Deinen Vermutungen bestimmt Recht und vielen Dank für Deinen tollen Bericht.
:hello Ingrid
Severina (12.07.2010, 22:58): Liebe Ingrid, absolut kein Grund, unterm Stuhl zu sitzen! Jeder macht halt seine Beobachtungen und interpretiert sie, der eine so, der andere so, und aus der Konfrontation der "So's" ergeben sich interessante Diskussionen. :D Ich kann übrigens jeden Sänger (geschlechtsneutral gemeint) verstehen, der sich den Mund abwischt, denn so wie die Armen manchmal schwitzen, muss eine Kussszene alles andere als prickelnd sein. Wenn dann die Chemie zum Partner nicht 100%ig stimmt (und den Eindruck hatte ich zwischen Kaufmann und Mattila), kann ich mir gut vorstellen, dass man sich da eines gewissen Ekelgefühls nicht erwehren kann und dann rein reflexartig den Mund abwischt. Ich finde z.B. Großaufnahmen von heftig transpirierenden Sängern (besonders arg Peter Seifferts Tannhäuser) nicht wirklich appetitlich, und die Vorstellung von dem jetzt an die schweißnasse Brust gedrückt zu werden - nein, danke!!! :ignore
lg Severina :hello
Ingrid (12.07.2010, 23:26): Liebe Severina,
danke für Dein Verständnis :) Habe wohl wieder mehr in diese Geschichte hineingeheimnist, als sie hergab. Das nasse Gesicht oder wirklich der Lippenstift könnten der banale Grund gewesen sein. Selbst in der Schlussszene, als die Liebe ja wirklich zwischen den Beiden groß war, passierte es ihm erneut. Der Reflex und die Hitze sind wahrscheinlich die treibenden Kräfte gewesen und wir hätten es nicht anders gemacht. Ist ja eben auch nicht die eigene Ehefrau, die man so dicht an sich dran läßt, sondern eine Wildfremde. Da kommt dann vielleicht auch mal ein so spielfreudiger und überzeugender JK ein wenig ins Schleudern ;-)
Gute Nacht :hello Ingrid
Fairy Queen (13.07.2010, 08:10): Was die Überwindung von Ekelgefühlen und der zwang zu intimer Nähe mit Menschen, die man sich nicht selbst ausgesucht hat und vielleicht auch mal nicht ausstehen kann, angeht, muss man in allen Büihnenberufen eine Menge ertragen. Je sensbiler der eigene Geruchs-und Geschmacksinn ist, desto schlimmer! Man versetze sich nur mal in die Situation bei 35 ° Hitze auf der Bühne und in ein viel zu warmes Kostüm eingezwängt, einen nciht eben sympathischen Bühnenpartner, den man im Wortsinne nciht riechen kann, in überzeugender Weise ewige Liebe bis über den Tod hinaus in einem Duett , das an Mund zu Mund Beatmung grenzt , erklären zu müssen. Ich habe selbst nur sehr bescheidene Amateur-Bühnenerfahrungen aber soviel weiss ich auch: das ist grässlich und allein gesanglich dabei die Contnance zu wahren, fordert eine Menge Kraft. Ob man die Mimik und Gestik da immer genau unter Kontrolle hat, ist eiserne Disziplin und Selbstbeherrschungssache- die kann aber auch mal nachlassen...... :A
Heisse Liebesszenen wie zwischen Netrebko und Villazon in der Traviata oder Romeo und Juliette sind zwar eine Augenweide fürs Publikum und transportieren punktgenau den Inhalt des Librettos, aber sie müssen gespielt und gesungen werden! Und zwar Abend für Abend. Mit einaml ist keinmal kommt man/frau da auch nciht mehr durch. Wenn da die Chemie zwischen den Partnern nicht stimmt, grenzt das an Folter und jeder sensible Zuschauer wird merken, dass der Sänger sich innerlich windet.
Kaufmann und Mattila als Liebespaar auf die Bühne zu bringen, ist in meinen Augen, auch ohne die Aufführung zu kennen, schon per se daneben; so braucht man sich nicht wundern, wenn da diverse Unglaubwürdigkeiten rüberkommen. Allen Berichten nach zu urteilen kann man wohl folgern, dass das keine Opernsternstunde war und sich ein Erwerb der aufnahme nciht lohnt- oder?
F.Q.
Severina (13.07.2010, 17:02): Liebe Fairy,
um gleich auf deine letzte Frage zu kommen: Für echte Kaufmannfans natürlich schon, aber wer in der "Tosca" mehr als eine Tenoroper sieht, wird wohl mit dieser Aufführung nicht glücklich werden. Leider werden halt immer die falschen Vorstellungen aufgezeichnet - was gäbe ich für die Züricher "Tosca" mit Magee, Kaufmann und Hampson und in der wesentlich spannenderen Regie von Carsen. Aber obwohl man in Zürich den Großteil aller PR auf DVD bringt - just diese nicht X( X( X(
Mit Deinen übrigen Ausführungen unterstreichst Du exakt das, was ich meine. Ich weiß nicht, ob ich mich als Sängerin je hätte überwinden können, von z.B. Pavarotti als Schweißtuch missbraucht zu werden :ignore.