Jürgen (21.04.2015, 15:56): Rafael Kubelik ist fast 20 Jahre tot, und hat(te bislang) noch keinen eigenen Faden.
In meiner Jugend (70er Jahre) wurde mir die Musik Dvoraks durch seine Interpretationen nahegebracht. Auch meine erste Mahlerannäherung geschah durch seine Einspielungen.
Daher mache ich diesen Faden auf.
Rafael Kubelik wurde in Böhmen (heute Tschechien) geboren. Sein Vater Jan Kubelik war ein bekannter Violinist, der Rafael auch auf diesem Instrument unterwies. Mit 14 trat er in das Prager Konservatorium ein und studierte Violine, Klavier, Komposition und Dirigieren. Seinen Abschluss machte er 1933. Danach begleitete er seinen Vater bei diversen Konzerten (auf dem Klavier), bis er 1939 musikalischer Leiter der Oper Brünn wurde. 1941 wurde die Oper allerdings von den Nazis geschlossen und Kubelik wurde erster Dirigent des Tschechischen Philharmonischen Orchesters. Nachdem er einige Male mit der deutschen Besatzungsmacht aneinander geraten war (er weigerte sich, Wagner zu spielen und verweigerte dem Reichsprotektor den Hitlergruß), zog er es 1944 vor, in den Untergrund zu gehen. Direkt nach dem Krieg nahm er die Dirigententätigkeit wieder auf. Als die Kommunisten 1948 die Macht in der Tschechoslowakei übernommen hatten, setzte er sich während eines Engagements in England ab. Er nahm später die schweizerische Staatbürgerschaft an. Von 1950 bis 53 leitete er das Chicago Symphony Orchestra. Für Mercury Records entstanden damals viele Aufnahmen. Von 1955 bis 58 leitete er The Royal Opera, Covent Garden. 1961 wurde er musikalischer Leiter des Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Diese Stellung behielt er 18 Jahre, bis er 1979 zurücktrat.
Kubeliks Hinterlassenschaft auf Tonträgern ist nicht so umfangreich wie bei seinen Altersgenossen Solti, Bernstein oder Karajan. Dennoch lohnt es sich, die Schwerpunkte seines Schaffens (die 3 Tschechen Dvorak, Janacek und Smetana, sowie Mahler) näher zu betrachten. Ich beginne mal mit Dvorak:
Die Sinfonien, zwischen 1966 und 73 mit den Berliner Philharmonikern entstanden, zählen für mich neben Kertész und Neumann zu den besten auf dem Markt erhältlichen Gesamteinspielungen. Auch die Sinfonischen Dichtungen, Slawischen Tänze und Ouvertüren (Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks) waren lange Zeit meine einzigen Einspielungen im damaligen LP-Regal.
Amadé (21.04.2015, 20:20): Danke, Jürgen, dass Du an einen Dirigenten erinnerst, der zwar überall wichtige Positionen innehatte, aber sich nie so ins Rampenlicht drängte, wie andere Kollegen.
Meine erste Aufnahme war ein Rundfunkmitschnitt mit dem Deutschen Requiem von Brahms aus dem Münchner Herkulessaal mit Chor und SO des BR und den Solisten E. Wächter und E. Mathis. Die Interpretation gefällt mir auch heute noch gut. Die ersten Platten (LPs) mit Kubelik waren die 2. Schumann-Sinfonie samt Genoveva-Ouvertüre mit den Berliner Philharmonikern, gefolgt von einer Edel-Aufnahme, den Konzerten von Schumann und Grieg mit Geza Anda und demselben Orchester, alles DGG.
Bemerkenswerte Aufnahmen sind für mich Schönbergs Gurre-Lieder, Pfitzners Palestrina sowie Klavierkonzerte von Beethoven und Mozart sowohl mit Rudolf Serkin als auch mit Clifford Curzon, sämtlich Konzert-Mitschnitte.
Live habe ich Kubelik leider nicht erlebt (Provinz), meine Frau und ich sind ihm allerdings vor Jahrzenten, ich glaube es war 1976, im burgenländischen Bernstein begegnet.
Gruß Amadé
Hosenrolle1 (21.04.2015, 20:39): Kubelik habe ich "kennengelernt" über eine LP mit Opern-Ouvertüren:
Auf dieser war eine Freischütz-Ouvertüre drauf, dirigiert in den 60er Jahren von Kubelik, und schon der erste anschwellende Ton war so bedrohlich, wie ich es von sonst keiner Aufnahme kannte. Auch der Rest hat mich völlig überzeugt.
Also habe ich nach Gesamtaufnahmen gesucht, denn ich wollte unbedingt einen ganzen Freischütz von Kubelik hören, und tatsächlich: 1980 nahm er das Werk auf.
Da die CD ziemlich teuer war, habe ich mir einfach eine Schallplattenbox besorgt:
Einziger Wermutstropfen: Hildegard Behrens als Agathe.
Die GA ist zwar nicht meine Lieblings-Einspielung des Werks, jedoch ist die Ouvertüre für mich persönlich die bisher beste, die ich gehört habe.
LG, Hosenrolle1
Jürgen (22.04.2015, 08:49): Als Kubelik seine Heimat verließ, gab er als Grund an, dass er schon einmal unter einem tyrannischen Regime gelebt habe, und dass er es nicht ein zweites Mal tun wolle. Nach der Samtenen Revolution kehrte er 1990 auf Einladung von Václav Havel nach Prag zurück, um dort das Eröffnungskonzert des Prager Frühlings, eines Festivals, dass er 1946 noch mitbegründet hatte, zu dirigieren. Auf dem Programm stand Má Vlast von Smetana, das als Mitschnitt vom Label Supraphon erschien:
Leider kenne ich diese Aufnahme noch nicht, sie wurde jedoch von teleton hier schon erwähnt. Die CD steht jedoch auf meiner Must-Have-Liste.
Kubelik starb 1996 in der Schweiz, wurde aber in Prag beigesetzt.
Bevor ich es vergesse: Die Biographischen Daten habe ich mir in Wikipedia (haupsächlich im englischen) angelesen.
Jürgen (22.04.2015, 10:51): Mit den Mahlersinfonien wäre Kubelik beinahe eine Pionierleistung geglückt. Wenn Bernstein nicht ein wenig schneller gewesen wäre, hätte er den ersten Sinfonienzyklus auf Schallplatte gebannt. Mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks nahm er die Sinfonien zwischen 1967 und 1971 auf.
Nur wenige Jahre später besuchte ich als Schüler die Musikbibliothek der nächstgrößeren Stadt. Dort hatte ich meinen Erstkontakt mit Mahler. Ich leihte mir die 3. & 6. als LP (natürlich) aus. Aber warum Mahler/Kubelik? Ich glaube, weil mich die Cover mit Klimtbildern so beeindruckt haben. Zuhause kopierte ich mir die Platten auf MC, das war total angesagt damals. Nichtsdestotrotz sagte mir die Musik damals nicht zu. Erst einige Jahre später halfen mir Solti und Bernstein, Mahler zu mögen.
Wesentlich später (2010) legte ich mir den Sinfonienzyklus mit Kubelik auf CD zu, als er zu einem Schnäppchenpreis zu haben war.
Unter dem Label Audite wurden später Livemitschnitte der Sinfonien auf CD veröffentlicht, die zum Teil einige Jahre später aufgenommen worden sind, bei den schwierigeren/aufwändigeren Werken (3, 6 & 8) jedoch zeitlich ganz dicht an den Studioaufnahmen lagen. Aber davon vielleicht später mehr. (bzw. von jemand anderem, da ich diese Aufnahmen nicht kenne)
Grüße Jürgen
Jürgen (30.04.2015, 11:17): Wagner war nicht unbedingt Kubeliks Schaffensschwerpunkt. Dennoch nahm er mit dem Chor und Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks drei Wagneropern komplett auf. (mehr habe ich zumindest nicht gefunden)
Lohengrin 1971: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51qtqjzvx1L._SL500_AA300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/61ASTTP1C9L.gif Diesen Lohengrin hatte ich schon zu Vinylzeiten. Auch heute finde ich ihn gut, bis auf die Dame Gwyneth Jones, die ich grundsätzlich nicht mag. Aber alle anderen Beteiligten, insbesondere Kubelik, machen ihre Sache gut.
Parsifal 1980 & Meistersinger 1967: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51tZ3uJCg4L._SX300_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/51CwjRGpeQL._SX300_.jpg Den Parsifal habe ich gestern und heute gehört. Es ist nicht meine liebste Einspielung, aber durchaus unter den Top Ten. Kurt Moll++
Zu den Meistersingern kann ich nichts sagen, die kenne ich nicht.
Diese Aufnahme von 1967 besitze ich schon zig Jahre, allerdings mit anderem Cover von Calig, es ist eine ziemlich solide bis gute Angelegenheit. Leider hätte sie einen anderen Beckmesser verdient. Thomas Hemsleys Deutsch ist gewöhnungsbedürftig, in dieser zentralen Rolle ein Schwachpunkt. Thomas Stuart macht da eine bessere Figur. Außerdem begegnet man noch einmal Sandor Konya als Walter, Gundula Janowitz als Evchen, sonst auf keiner kommerziellen Aufnahme festgehalten.
Gruß Amadé
Peter Brixius (30.05.2015, 14:26): Rafael Kubelik hat mich auf vielfältige Weise durch mein Leben als Klassikfreund begleitet. Beginnen möchte ich mit einer Einspielung, die es bei MYTO gab, die aber bedauerlicherweise im Moment nicht im Repertoire vorhanden ist.
Als Glucks "Iphigenie in Tauris" auf Deutsch aufgeführt werden sollte (Wien 1781), schrieb J. B. Alxinger das deutsche Libretto. Gluck beließ es nicht bei den vielen sprachlichen Anpassungen, es gibt auch gravierende Änderungen. Die wichtigste ist, dass in der deutschen Fassung Orest und Pylades von zwei Tenören gesungen werden (im französischen Original Bariton und Tenor).
Unter Rafael Kubelik wurde diese Fassung im Alten Residenztheater, München, vom 17.3.1965 bis zum 20.3.1965 eingespielt. Die Besetzung war sensationell:
Fritz Wunderlich (Pylades), Sena Jurinac (Iphigenie), Hermann Prey (Orestes), Kieth Engen (Thoas), Marjorie Heistermann (1. Priesterin), Erika Rüggeberg (2. Priesterin), Antonia Fahberg (Diana), Karl Kreille (ein Skythe), Joseph Weber (Diener). Es sang der Chor des Bayerischen Rundfunks, es spielte das RSO München.
Ich hoffe ja, dass diese schöne Einspielung nicht auf Dauer aus den Läden verschwunden ist. Meine Mytho-Einspielung bietet ehrliches Mono und ist mir lieb und teuer.
finden sich immerhin zwei Ausschnitte mit Wunderlich. Da wird es wohl mit den Rechten geklärt sein. Und der Stars wegen sollte es ein Interesse an einer Neuauflage geben.
Toi, toi, toi.
Liebe Grüße Peter
Cantus Arcticus (01.06.2015, 13:55): Interessanterweise verbinde ich Kubelik immer mit Karl Amadeus Hartmann, da ich erst diese Einspielungen von ihm hatte:
Obwohl Kubelik hier nicht der einzige Dirigent ist (1. Symphonie unter Fritz Rieger, die 7. Symphonie unter Zdenek Macal), ist diese GA für mich untrennbar mit ihm verbunden.
Ebenso die Symphonischen Hymnen sowie das Concerto funebre: http://ecx.images-amazon.com/images/I/512%2BBPD5ykL.jpg
Grüsse :hello Stefan
Maurice inaktiv (21.06.2015, 12:15): Man sollte auch seine Bruckner-Einspielung der Vierten nicht verachten, dazu die Schumann-Sinfonien, die auf SOny mal rauskamen, und sehr gut besprochen wurden.
Sein Dvorak und Mahler waren für mich der Start in eine andere Welt. Dazu den von ihm, glaube ich 5x eingespielte Zyklus "Ma Vlast" von Smetana und dessen Orchesterwerke,die auch einmal einspielte Anfang der 1970-er Jahre mit dem SO des BR, SEINES Orchesters.
Über "Ma Vlast" habe ich mich im entsprechenden Thread ausführlich geäußert, man kann dort gerne nachschauen.
Ich packe das nicht mehr mit dem Bilder reinstellen, auch die Anleitung dazu macht mich nicht glücklich, aber vielleicht wird es mal wieder was im Laufe der Zeit, sonst hätte ich den Schumann mal reingestellt.
Es gibt ja inzwischen eine "Symphony Edition" von der DG, dazu von der Sony "R.K. Conducts the great Symphonies" mit allen Schumann-Sinfonien, einigen von Mozart und der Dritten und Vierten Bruckner.
Ebenfalls erhältlich ist eine Box mit allen Aufnahmen der HmV bei Warner nun mit gleich 5 verschiedenen Orchestern.
10 CDs umfasst die Box, die "R.K.-Complete Masterpieces" heißt und u.a. Mahlers Erste und Fünfte enthält (1951 & 1955 aufgenommen), Martinus Vierte , Bartoks Konzert für Ochester von 1959 dazu Werke von Hindemith,Schönberg,Brahms,Mozart, Dvorak,Smetana,Bruch,Mendelssohn,Janacek enthält.
Die Schumann-Sinfonien hat er auch noch einmal mit der DG eingespielt, mit den Berliner Philharmonikern als Orchester. Diese Aufnahmen müssen aus den 1960-er Jahre stammen.
Peter Brixius (21.06.2015, 12:38): Da helfe ich gerne: