Richard Wagner: "Lohengrin", Vorspiel zum 1. Akt

Moderato assai (19.07.2025, 09:37):
Da nun in Kürze die Bayreuther Festspiele wieder ihre Türen für die Opernfreunde aus aller Welt öffnen, habe ich sozusagen als Appetitmacher die Diskographie des Lohengrin-Vorspiels zum ersten Akt durchforstet. Mit Lohengrin wird zwar nicht eröffnet, aber es gibt eine Wiederaufnahme einer älteren Inszenierung, die von Christian Thielemann musikalisch geleitet wird. Es ist nicht unbegründet anzunehem, dass die zumindest musikalisch zu einem der Höhepunkte dieses Sommers werden könnte. Das Vorspiel dazu darf wohl als eines der schönsten in der Musikgeschichte bezeichnet werden. Die Aufnahmegeschichte geht nicht zuletzt deshalb weit zurück bis in die 20er Jahre. Ich habe versucht die Sache etwas aufzulockern und teilweise vielleicht eine etwas zu humorige Sicht auf die Dinge geworfen, die manch einen hartgesottenen Wagnerianer vielleicht verärgern mag, in diesem Fall schon einmal ein ernst gemeintes "Sorry", war für einen guten Zweck gedacht. Denn vielleicht kann damit die schwindende Anzahl von Freunden des Komponisten (man sieht es nicht zuletzt an der für Bayreuth geradezu alamierend geringen Nachfrage nach Tickets) wenigstens um ein paar Seelen begrenzt werden. Das wäre schon ein Erfolg, denn die Musik ist es immer noch wert kennengelernt zu werden.

Hier geht es zum Vergleich der Aufnahmen über die Jahrzehnte (fast ist es schon ein Jahrhundert) hinweg:

https://www.klassik-kompass.de/wagner/wagner-lohengrin-vorspiel-zum-1-akt

Dann wünsche ich mal eine interessante Lektüre. ;)
Philidor (19.07.2025, 11:55):
Vielen Dank!

Ich meine, Longinus, so dies sein Name war, hätte Jesus von Nazareth mit der Lanze nicht ins Herz gestochen, sondern in die Seite.
Ein Stich ins Herz hätte ja einen schnellen Tod bedeutet, was die Idee der Kreuzigung mit ihrem langsamen, qualvollen Sterben konterkariert hätte.

Der Stich in den Bauch eines Gekreuzigten war üblich, um festzustellen, ob er wirklich tot war. Ein noch lebender Mensch würde wenigstens zucken. Die römischen Soldaten mussten die Gekreuzigten bis zu ihrem Tod streng bewachen. Außerdem ging nach biblischem Bericht Blut und Wasser ab, das deutet darauf hin, dass Jesus an Erstickung gestorben ist; das ist eine der Möglichkeiten, warum man durch die Kreuzigung überhaupt stirbt (die Nägel sind es natürlich nicht).

Aus meiner Sicht müsste man im Vorspiel zum ersten Akt zwischen dem überirdisch in Szene gesetzten A-Dur-Akkord und dem Gralsmotiv unterscheiden.

Der A-Dur-Akkord wird mit drei Elementen in Szene gesetzt:
(1) Alle Violinen (außer vieren, die das dritte Element beisteuern) spielen vierfach geteilt einen A-Dur-Akkord (von unten nach oben: a' - cis'' - a'' - e'''), bei Bayreuther Verhältnissen sind das also immerhin 28 Violinen, die da spielen.
(2) Zwei Flöten und zwei Oboen, die einen halben Takt später einsetzen und ebenfalls einen A-Dur-Akkord spielen, nur etwas anders aufgestellt (von unten nach oben: a' - cis'' - e'' - e'''').
(3) Vier Solo-Violinen, die abermals einen halben Takt später einsetzen und folgende Töne via Flageolett hervorbringen: a'' - cis''' - a''' - e''''.

Da jede Gruppe ihren Akkord für einen Takt und ein Achtel aushält, bleibt der Flageolett-Akkord für drei Achtel unbegleitet. Dies erzeugt die überirdische Anmutung, sozusagen Glanz aus einer anderen Welt. Meisterhaft gesetzt, in der Tat.

Zweimal wird der A-Dur-Akkord in dieser Weise entfaltet und setzt den Grundton (i. S. v. Stimmung) und die Grundtonart für das Vorspiel - und für die ganze Oper.

Als Gralsmotiv wird üblicherweise das bezeichnet, was nachfolgt - übrigens von allen Violinen gespielt, 32 in Bayreuth, wobei die vier Soloviolinen unterwegs nochmal eine besondere Aufgabe bekommen, bevor erst die Holzbläser und dann die tieferen Streicher samt Hörnern einsetzen. Dabei spielen sie allerdings nicht mehr im Flageolett.

Der zweifach in hoher Lage entfaltete A-Dur-Akkord leitet die Gralserzählung des Lohengrin ein, selbstverständlich abermals in A-Dur. Das Gralsmotiv taucht erst dann auf, wenn Lohengrin tatsächlich vom Gral singt.
Moderato assai (19.07.2025, 12:01):
Lieber Philidor,

der Dank ist ganz auf meiner Seite. Dank für die Ergänzungen und Richtigstellungen auch bzgl. des Lanzenstichs. Einleuchtend. Ich habe es mal richtig gelernt, das zum Schutz meiner ehemaligen Bildungseinrichtung aber es ist schon sooo lange her...