Fairy Queen (30.11.2009, 22:25): Robert Schumann: Liederkreis op 39
« Der Eichendorff-Zyklus ist meine romantischste Musik und enthält viel von Dir ,geliebte Clara“ schreibt Robert Schumann 1840 an seine Frau Clara.
Es ist gleichzeitig der Erste seiner drei berühmt gewordenen Liedzyklen, die er im überreichen „Liederjahr“ 1840 komponierte. Neben dem Liederkreis opus 39 nach Eichendorff entstehen op 42 “Frauenliebe und –leben" nach Texten von Chamisso und der Heine-Zyklus op 48 „Dichterliebe“(der aber erst vier Jahre später publiziert wurde).
Dass Schumann ausgerechnet im Jahr seiner so hart erkämpften und lang und schmerzlich ersehnten Hochzeit mit seiner Geliebten, Frau und Muse Clara Wieck seine berümtesten Liedwerke schreibt, ist gewiss kein Zufall.
Die 12 Lieder des Zyklus nach Gedichten von Joseph von Eichendorff sind anders als in op 42 und 48 nicht in eine Art erzählende Handlung eingebunden. Sie sind als Gedichte in Eichendorffs Werk verstreut, also nicht als „Zyklus“ von ihm gedacht. Dennoch besteht zwischen ihnen eine ganz enge thematische und vor allen Dingen „stimmungsmässige“ Verbindung.
Der fast spürbare Gleichklang zwischen Eichendorff und Schumann spiegelt die ideale Begegnung zweier ähnlicher Gefühlswelten, die eine Einzige zu sein scheinen, so sehr klingen sie im selben Akkord. Beide sind Klassiker der Form, aber Priester der Natur und der Seele. Dichter und Komponist zeigen sich hier als Deutsche bis zum innersten Grund ihres Seins und beschwören mit gleicher Sprache und gleichem Gefühl die Inbegriffe der Romantik herauf:
Fern der Heimat, wo die Ihren lange gestorben sind, an einem Frühlingsabend im rauschenden Wald am Rhein, geben sich ein Dichter und ein Komponist ihren Träumen hin. In ihnen steigen die inneren Stimmen auf, Erinnerungen an die Vergangenheit und alte Legenden. Das letzte Abendrot verglüht., die Nacht steigt hinab und der Mond erscheint. Fûr einige Augenblicke wird die träumerische Sternenstille durch Hörnerklang unterbrochen: die Echos einer Hochzeiit.. Die ganze Natur erbebt .
Die Reihenfolge der Lieder:
1. In der Fremde 2. Intermezzo 3. Waldesgespräch 4. Die Stille 5. Mondnacht 6. Schöne Fremde 7. Auf einer Burg 8. In der Fremde 9. Wehmut 10. Zwielicht 11. Im Walde 12. Frühlingsnacht
Dies zunächst zur allgemeinen Einführung. Eine Vorstellung der einzelnen Stücke sowie eine Diskussion über Aufnahmen und Interpreten können bei Bedarf noch folgen.
Dieser Liedzyklus ist für mich zum Inbegriff deutscher Romantik geworden. Wie kaum ein anderes Werk beschwört der Liederkreis op39 das Beste dessen, was ich als deutsches Kunstlied empfinde herauf, und wird meiner Erfahrung nach auch von Ausländern ganz intensiv in diesem Sinne empfunden. Frei von "Kitsch, frei von doppelbödiger Ironie im Heine'schen Sinne, spiegelt er die unverstellte Romantik wieder und ist für mich eines der grössten Kunstwerke der gesamten Vokalliteratur. Eine so kongeniale Verbindung von Musik und Text hat Schumann meiner Ansicht nach in keinem anderen Zyklus erreicht.
Euphonia
satie (02.12.2009, 06:10): Hallo Euphonia und herzlich willkommen im Klassikforum!
Ich danke für den schönen neuen Thread, zu dem ich momentan leider gar nichts beitragen kann, aber das kommt dann wahrscheinlich noch.
Ich wollte in erster Linie mal hallo sagen! Ich hoffe, Du wirst Dich hier wohl fühlen.
Herzlich,
S A T I E
Fairy Queen (02.12.2009, 12:36): Danke für die nette Begrüssung! Da ich noch keinen Zugang zum Vorstellungsthread habe und mich erstmal an die hiesigen Aufnahme-Modi gewöhnen muss, erstmal nur ebenfalls Hallihallo! Weiteres folgt dann bei Gelegenheit. Jedenfalls ist das Kunstlied mein besonderes Steckenpferd und was den Liederkreis opus 39 angeht, kennen vielleicht Einige daraus schon das berühmteste Lied "Mondnacht"
"Es war, als hätt der Himmel die Erde still geküsst" Dazu werde ich aber noch mehr sagen, ich habe leider nur wenig Zeit übrig und schreibe oft zwischen Tür und Angel. Aber der Werbung von Peter Brixius, mich hier anzumelden und auch auf seine von mir hoch geschätzten Beiträge antworten zu kônnen, konnte ich dann doch nicht widerstehen. :hello Euphonia
ab (02.12.2009, 22:44): Hallo Euphonia,
schön, dass Du diesem wunderbaren Zyklus einen eigenen Faden eröffnest!
Schumanns op. 39 gehört - zusammen mit der Wintereise von Schubert sowie Schönbergs Buch der hängenden Gärten - zu meinen absoluten Lieblingen von deutschsprachigen Liederzyklen; vielleicht sogar mag ich ihn am liebsten von diesen dreien. Auch ich halten ihn für einen der größten Kunstwerke der gesamten Vokalliteratur.
Über folgendes aber hab ich mir noch nie eigenen Gedanken gemacht:
Eine so kongeniale Verbindung von Musik und Text hat Schumann meiner Ansicht nach in keinem anderen Zyklus erreicht.
Ich bestreite auch nicht im Geringsten Dein Urteil darüber, dass die genannte Kongenialität besteht; spontan aber hätte ich sie auch der Dichterliebe - gerade in puncto doppelbödiger Ironie - zugesprochen. Ich bin also bereits sehr gespannt, woran Du Dein Urteil, hier sei sie unübertroffen, im Folgenden noch belegen wirst!
Auch bin ich schon höchst gespannt, von einem erklärten Kunstliedliebhaber interessante Hinweise auf besondere Aufnahmen zu erhalten. Leider nämlich bin ich derzeit diesbezüglich nur ein ebensolcher in bloß theoretischer Hinsicht, einfach weil mir lebensphasenbedingt zur Praxis die nötige Muse und Zeit fehlt.
Herzlich willkommen also im Forum! :hello
Jürgen (03.12.2009, 09:03): Hallo Euphonia,
auch von mir ein herzliches Willkommen. Leider hast Du mir eine Lücke in meiner Plattensammlung aufgezeigt. Gleichzeitig hast Du mein Interesse mit Deinem fundierten Beitrag geweckt.
Ich brauche daher nicht extra erwähnen, dass ich auf Interpretationsempfehlungen sehr gespannt warte.
Grüße Jürgen
Fairy Queen (03.12.2009, 12:19): Ich freue mich sehr, auf Interesse zu stossen, denn das Kunstlied ist oft leider ein arges Nischenrepertoire und quasi missionierungsbedürftig. Zu den hier aufgeworfenen Fragen: Lieber ab, mein Urteil hinsichtlich der allergrössten Kongenialität zwischen Dichter Eichendorff und Komponist Schumann ist natürlich diskussionswürdig-fähig und -bedürftig. Die Dichterleibe ist selbstverständloch ein grossartiges Kunstwerk und ich liebe sie tief, aber für mein Empfinden trifft Schumann dort nicht wirklich und schon gar nciht in jedem Lied Heines ironischen Tonfall. Schumann schafft m.E. etwas sehr Eigenes und erzählt eine Geschichte in Tönen, die in Heines Lyrischem Intermezzo SO nicht erzählt wird. Wenn man z.B. "Ich grolle nciht" oder "Ich hab im Traum geweinet" nimmt, hat man bereits zwei Beispiele, in denen Schumann den Text viel mehr "beim authentischen Wortlaut" nimmt als es das Gedciht selbst tut. Einzelheiten dazu führen sehr weit und gehören auch eher in einen Thread über die Dichterliebe.
Mit Eichendorff, so habe ich das Gefühl, gibt es ein viel homogeneres Verschmelzen von Musik und Text. Das Werk ist eher eine Einheit und nicht eine andere Interpretation der Texte sondern deren mehr oder weniger kongruente Ausdeutung in Tönen. Wie gesagt: das ist diskussionsfähig!
Eine erste Hörempfehlung will ich auch schon geben, meine derzeitige Lieblingseinspielung: Leider weiss ich noch nciht, wie man hier CD-Cover einstellt udn welche Verlinkungen erlaubt sind, daher sicherheitshalber in Worten:
Bryn Terfel/ Malcolm Martineau erschienen bei Deutsche Grammophon
Terfel ist ein walisischer Bariton mit einer einwandfreien deutschen Diktion. Obschon er kein Native-Singer ist und den Liederkreis ausserdem wegen seiner tiefen Stimmlage transponiert singen muss, was normalerweise gar nicht mein Wohlgefallen findet, kommt an seine Interpretation wenig oder gar nichts heran. Von dem wunderschönen Stimmtimbre an sich mal ganz abgesehen- bei Sängern ein ganz entscheidendes Urteilskriterium, weil Stimmen oft quasi irrational anziehen oder abstossen können. Er geht nciht analytisch an den Zyklus heran wie etwa Fischer-Dieskau sondern sehr emotional und entwickelt damit eine Ausdrucksstärke und einen Farbenreichtum, die vollkommen natürlich und "echt" wirken. Martineau ist nicht mein liebster Liedbegleiter, aber doch sehr gut und er unterstützt Terfel mehr als ihn zu inspirieren (wie das etwa Helmut Deutsch bei Josef Protschka tut). Man bekommt auf dieser CD ausserdem noch etliche weitere Schumann-Lieder und allein schon wegen "Die bieden Grenadiere" würde sich die Anschaffung lohnen.
Ein Kritikpunkt könnte Terfels recht grosse und schwere Stimme sein, die iegentlich mehr dem Opern-als dem Liedfach gemäss ist. Aber er hat die seltene Fähigkeit, das vergessen zu machen udn eine so überzeugende Interpretation zu leifern, dass gerade dieses Doppel-Können ihn als wahren Künstler zeigt.
Für Liebhaber leichterer und weiblicher Stimmen und der hohen Originalversion kommen aber auch noch Empfehlungen. Euphonia
ab (03.12.2009, 14:02): Original von Euphonia
Die Dichterliebe ist selbstverständloch ein grossartiges Kunstwerk und ich liebe sie tief, aber für mein Empfinden trifft Schumann dort nicht wirklich und schon gar nicht in jedem Lied Heines ironischen Tonfall.
... in denen Schumann den Text viel mehr "beim authentischen Wortlaut" nimmt als es das Gedicht selbst tut.
Das sollten wir wirklich einmal in einem entsprechenden Faden bei Gelegenheit erörtern. Mir scheint - vorweg gesagt -, dass der Klavierpart den Wortlaut "authentisch nimmt", dem entgegen dies der Vokalpart kontrastierend bricht (woran nur die Sänger nur in der Regel - bis hin zu solche Intellektualisten wie DiFiDi - scheitern). Aber, ich muss gestehen, diese Ansicht kommt gerade mehr aus meiner Intutition sozusagen aus dem Bauch heraus, als durch Hörerfahrung überprüft.
:hello
Danke für den Hinweis auf Martineau, mir ist das irgendwie entgangen, dass er sie aufgenommen hatte. Ich werde es endlich nachholen, sie mir anzuhören.
Wen schätzt Du denn als Liedbegleiter beim op. 39 am meisten. Bei mir ist es bislang eindeutig Brendel, obwohl ich ihn sonst (abseits von Schumann) eigentlich gar nicht mag.
(Meine erste Begegnung mit dem op. 39 war als Student die Hörvorbereitung mittels DiFiDi mit Eschenbach (DG) auf meinen ersten Liederabend mit Robert Holl, ich glaube es war mit Jansen. Holl hat mich damals schon sehr beeindruckt (im Gegensatz zur Begleitung), auch wenn ich fürchte, dass mir dereinst ein Großteil der Ausdrucksnuancen völlig unbemerkt vorübergerauscht sein dürfte.)
Fairy Queen (04.12.2009, 08:58): Lieber ab, Brendel als Begleiter habe ich leider bisher nicht gehört. Im Moment ist mein Lieblingsbegleiter Helmut Deutsch, der den Liederkreis zusammen mit dem Tenor Josef Protschka eingespielt hat.
Protschka, den ich erst durch diese Aufnahme kennengelernt habe, war Rektor der MH Köln und seine Interpretation des op39 ist die zweite Einspielung, die ich unbedingt empfehlen kann. Eine sehr schön timbrierte eher leichte Tenorstimme,der auf derselben CD eine genauso wunderbare Interpretation der Dichterliebe gibt.
Deutsch und Protschka nehmen die Tempi oft überraschend langsam(z.B. bei Wehmut oder Auf einer Burg) und arbeiten so, obschon das für den Sänger viel schwieriger ist, Farben heraus, die bei schnelleren Tempi verloren gehen. Das lyrisch-romantische Element wird sehr betont, die Sehnsucht, die für mich das magische Wort und der Kern des Zyklus ist, kommt sanfter und weicher daher als bei Terfel, dessen grosse, voluminöse Stimme den Worten ein anderes Gewicht gibt. Helmut Deutsch ist für mich ein beispielhafter Liedbegleiter, denn er ist eben nicht nur ein Begleiter sondern ein echter Kammermusikpartner, der eigene Ideen und Inspiirationen einbringt. Schwächen könnte man hier nur darin sehen, dass Protschkas Stimme manchmal an ihre Grenzen kommt (z.B. bei Mondnacht, dem gesanglich schwierigsten Stück des Zyklus oder auch bei dem für einen Tenor extrem tiefen "Zwielicht") Ein leichter lyrischer Tenor ist eben kein Wagner-Opernbariton, aber mich persönlich stört das überhaupt nciht und wird durch die sehr einfühlsame Interpretation, die schöne Stimme und den phantastischen Pianisten ohnehin mehr als wettgemacht.
Als weitere aufnahmen habe ich nun noch Margaret Price mit Graham Johnson, Mitsuko Shirai und Hartmut Höll und Ian Postridge mit Jennifer Postridge. Einzelne Lieder des Zyklus habe ich auf mehreren Sänger-Anthologien. Gerade die "Mondnacht" ist ja ein Hit und Publikumsrenner, wenngleich so schwierig zu singen, dass man sie live leider eher selten hört.
Euphonia
P.S. Gibt es irgendwo eine Erklärung/Anweisung wie ich in diesem Forum CD Cover einstellen darf/kann?
Fairy Queen (06.12.2009, 13:30): Das erste Lied im Liederkreis 39 heisst
In der Fremde
Aus der Heimat hinter den Blitzen rot Da kommen die Wolken her, Aber Vater und Mutter sind lange tot, Es kennt mich dort keiner mehr. Wie bald, ach wie bald kommt die stille Zeit, Da ruhe ich auch, und über mir Rauscht die schöne Waldeinsamkeit, Und keiner kennt mich mehr hier.
Das Lied steht in fis-moll. Die Tessitur der Singstimme erstreckt sich über genau eine Oktave e1-e2. Das zeigt ein recht typisches Merkmal romantischer Liedliteratur. Die Tessitur ist meist sehr angenehm für mittlere Stimmen geschrieben; Extreme nach oben oder unten werden meistens vermieden. Die Lieder können daher von fast allen Stimmfächern gesungen werden-am Besten sind die hohen Mezzi und Baritone "bedient". Ausnahmen gibt es selbstverständlich und Notenausgaben eigens für hohe und tiefe Stimmen transponiert ebenso. Ich gehe hier aber selbstverständlich von der Originalkomposition aus.
Diese kurze Romanze(etwa 2 Min) fliesst in einem Lauf dahin . Die Klavierbegleitung besteht aus harfenartigen Arpeggien, es gibt einen halben Takt Vorlauf und 2 1/2 Takte Nachspiel. Höhepunkt,auch im Sinne des höchsten Tons,des Liedes, ist die Vision des eigenen Todes:" Da ruhe ich auch", die durch Wiederholung verstärkt wird. Ebenso wird wiederholt: Und keiner kennt mich mehr hier. Die Wiederholung der letzten Phrase, mit einer Modulation auf dem Wort "kennt von h1 nach d2 kann entweder als schmerzlicher Aufschrei oder als resignatives sich Ergeben interpretiert werden. Je nachdem werden die Ausführenden vom Piano ins Forte oder eben umgekehrt wechseln. Von Schumann ist da nichts in den Noten notiert(in meinen Ausgaben). Das gesangstechnisch nicht allzu komplizierte Lied bietet dem Interpreten aber eine besondere Schwierigkeit: der Satz "und über mir rauscht die schöne Waldeinsamkeit" müsste normalerweise auf einen Atem gesungen werden, was aber schwierig zu schaffen ist.(jedenfalls LIVE, bei Aufnahmen geht natürlich Alles) Man hört da dann die verschiedendsten Variationen: von Atmen vor dem Wort "Waldeinsamkeit" bis der zu meines Erachtens idiomatisch besten Variante vor dem "rauscht. Wie fast immer bei Schumann ist die Klavierpartie" anspruchsvoll.
Mich erinnert der Text dieses Liedes eklatant an Goethes "Über allen Wipfeln ist Ruh", das ja von Schubert so kongenial vertont wurde. Im Unterschied zu dessen "klassischer" Ruhe(in allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch") und geradezu stoischen Gelassenheit im Angesicht der Vanitas vanitatum ist ein Romantiker dabei von roten Blitzen und Wolken umgeben. Und der romantische Wald rauscht gewiss nciht ohne " kaum einen Hauch".
Dieses Eingangslied könnte auch ein Programm der Romantik sein. Fremd bin("eingezogen".... wie eng Schumann mit Schubert, seinem Idol verbunden war, zeigt sich einmal mehr)) verlassen bin ich und sterben muss ich und suche meine Zuflucht in der Natur, respektive im Wald. Schumann hatte zu Beginn ein anderes Lied in D-Dur vorgesehen. Im April des Jahres 1840 traf er sich mit Clara ( die Hochzeit fand im September statt) nd Mendelssohn in Berlin und nahm dort wahrscheinlich die endgültige Fassung vor.
Für mich ist dieses erste Lied ein sehr charakteristischer Einstieg in diesen Liederkreis und enthält bereits "die ganze Welt".
Euphonia
Fairy Queen (09.12.2009, 07:30): Lieder Nummer 2
Intermezzo
Dein Bildnis wunderselig Hab ich im Herzensgrund, Das sieht so frisch und fröhlich Mich an zu jeder Stund'. Mein Herz still in sich singet Ein altes schönes Lied, Das in die Luft sich schwinget Und zu dir eilig zieht.
In A-Dur , 1 1/2 Minuten kurz und Eines der am leichtesten zu Singenden. Die Tessitur der Gesangsstimme geht von dis1 bis zum fis2. Ein Intermezzo der glücklichen Art zwischen zwei eher düster oder gar fatalen (Waldesgespräch) Stücken. Die Klavierbegleitung besteht aus Akkorden, die rhytmisch der Gesangsstimme in Synkopen und Sechzehntel oder Achtel-Vor-Boten die Erinnerung schon vorantragen. Die Mittelpartie wird bis zu "und zu dir eilig zieht" sowohl im Tempo als auch in der Tônhöhe deutlich gesteigert, so dass eine drängende Sehnsucht evoziert wird. Eine sehr eingängige Melodie, die im angedeuteten klasssichen ABA Schema vertont ist, aber durch starke Chromatismen und Modulationen besonders auch im sechstaktigen Nachspiel "romantisiert " wird.
Zwischen Todesahnung und Loreley- Gefahr haben wir hier das Intermezzo der glücklcihen Liebeserinnerung und das Motiv der Liebessehnsucht.
Auch hier fällt mir spontan ein vertontes Goethe-Gedicht zum selben Thema ein: "Nähe des Geliebten"( vertont von Schubert). Wenn Schumann seiner Clara schreibt, "es sei sehr viel von ihr in diesem Zyklus op 39," dann kann man ein solches Intermezzo mit Fug und Recht als Liebeserklärung betrachten. Ich halte eine biographische Verbindung in diesem Falle für sehr deutlich und eine Interpretation in dieser Richtung daher angemessen. Das ändert ja ncihts an der Allgemeingültigkeit von Motiv und Thema. Robert und Clara haben jahrelange Trennungen ertragen müssen und mussten tatsächlich sehr lange mit dem Bildnis des Anderen im Herzensgrund auskommen . Da es weder Telefon noch Intenet sondern vielmehr einen Vater gab, der jeden Kontakt zu verhindern suchte, ist das Bildnis gar nicht wörtlich genug zu verstehen. Der drängende aber optimistische Ton des Liedes zeigt jedoch, wenn man auf der biographischen Linie bleibt, dass nun im Jahr 1840 das Ende der reinen Bildniszeit in Sicht ist. Im September war Hochzeit, der Zyklus wurde im Mai publiziert.
Euphonia
Fairy Queen (11.12.2009, 12:13): Lied Nummer 3
Waldesgespräch Es ist schon spät, es ist schon kalt, Was reitest du einsam durch den Wald? Der Wald ist lang, du bist allein, Du schöne Braut! Ich führ dich heim!
"Groß ist der Männer Trug und List, Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist, Wohl irrt das Waldhorn her und hin, O flieh! Du weißt nicht, wer ich bin."
So reich geschmückt ist Roß und Weib, So wunderschön der junge Leib, Jetzt kenn ich dich - Gott steht mir bei! Du bist die Hexe Lorelei. -
"Du kennst mich wohl - vom hohen Stein Schaut still mein Schloß tief in den Rhein. Es ist schon spät, es ist schon kalt, Kommst nimmermehr aus diesem Wald."
Dieses Lied steht in E-Dur, Tempobezeichnung ist "ziemlich rasch" und es dauert durchschnittlcih etwa 2Min 30. Es hat ein Vor-wie ein Nachspiel im Klavier, was in diesem Zyklus nicht immer der Fall ist. Die Tessitur ist hier deutlich grösser als in den beiden vorangegangenen Liedern. Von H (unter dem System) bis zum gis 2. Der dramatische Aspekt des Liedes wird dadurch betont. Für die "Extremtöne" gibt es jedoch eingezeichnete Alternativen, die mir allerdings als ein Verlust an Expressivität erscheinen.
Schumann verlässt hier die romantische Innenschau und geht zur Erzählung bzw zur Aktion. Musikalisch wird das durch Anklänge an Hörnerklang, rasch vordrängende Achtelbewegungen beim Reiter und harfenartig- zauberische Arpeggien bei der Loreley verdeutlicht.
Märchen und Sagen sind ein wichtiges Thema der Romantik und mit dem Thema Loreely haben wir eine der volkstümlichen deutschen Sagen, die zum Mythos geworden sind, vor uns. Man vergleiche z.B. die Lorelei-Vertonungen von Liszt oder Clara Schumann.
Wieder gibt es eine für mich eklatante Parallele zu Goethe/Schubert und zwar in diesem Fall dem Erlkönig.
Eine fatale Begegnung nachts im Walde "was reitest du einsam durch den Wald ?" bzw "wer reitet so spät bei Nacht und Wind?" wird in Dialogform als dramatische Liedszene vertont und führt am Ende in Tod und Verderben.
Dieses Lied stellt besondere Ansprüche an die Interpreten, denn man ist gehalten, stimmlich die beiden Rollen lebendig werden zu lassen. Der einsame Reiter und die Loreley, die mit je ganz eigenen Sprachen sprechen müssen(auch musikalisch tun sie das natürlich,sonst wäre Schumann wohl ein schlechter Komponist). Hier zeigt sich einmal mehr die Anforderung an den Liedsänger/Pianisten auf kleinstem Raum eine Handlung und die dazugehörende Atmosphäre ohne Bühnenbild und Kostüm ans Publikum zu bringen. In der Oper dagegen singt/spielt ein Sänger in der Regel nur eine Rolle und hat drei Stunden Zeit und sowohl Anspielpartner als auch einen Regisseur. Wer (immer noch glaubt), Liedgesang sei etwas für verhinderte oder "abgehalfterte" Opernsänger, sollte sich das mal zu Herzen nehmen. Das ist keine Wertung pro Lied contra Oper sondern nur die Feststellung, dass es sich einfach um zwei Paar verschiedene Schuhe handelt, die lange nicht immer derselben Person passen.
Ich mache die Qualität einer Einspielung des Op39 an zwei Liedern fest: der Mondnacht und dem Waldesgespräch. Zwei Pole für die Interpreten, die auf den ersten Blick weit voneinander entfernt zu sein scheinen.
Hier für das Waldesgespräch nenne ich als erstklassigen Interpreten zur Charakterisierung der beiden Personen und der Dialoge Bryn Terfel./Malcolm Martineau . Besprechung der Cd siehe oben.
Der Reiter bekommt sein etwas machohaftes Gehabe von einer zunächst sanften und ernsthaft warnenden aber dann eben fatalen Loreley ausgetrieben. Terfel hat mich sehr überrascht mit seiner geradezu vulgären Betonung des Wortes "Leib und damit eine Interpretationsrcihtung gezeigt, die echtes Mitgefühl mit der Loreley hervorruft. Hier will einer zuallererst ihren Leib und sie wird aufs Neue bestätigt in ihrer Enttäuschung was" der Männer Trug und List "angeht. Dass der Reiter am Ende sterben muss, da er ihre Warnung "o flieh o flieh"nciht ernstgenommen hat, sondern sich von nacktem Begehren leiten liess, wird fast zur gerechten Strafe.
Wie beim Erlkönig hängt es auch hier von Stimmfarbe und Akzentgebung des Interpreten ab WIE der Hörer die Lorelei und den Reiter am Ende bewerten.
Eines meiner Lieblingslieder des Zyklus, dass sich auch nicht selten einzeln bei Liederabenden/CDs findet.
Euphonia
Fairy Queen (14.12.2009, 19:39): Hier das Lied Nummer 4
Stille
Es weiß und rät es doch keiner, Wie mir so wohl ist, so wohl! Ach, wüßt es nur einer, nur einer, Kein Mensch es sonst wissen 1 So still ist's nicht draußen im Schnee, So stumm und verschwiegen sind Die Sterne nicht in der Höh, Als meine Gedanken sind. Ich wünscht', es wäre schon Morgen, Da fliegen zwei Lerchen auf, Die überfliegen einander, Mein Herz folgt ihrem Lauf.] Ich wünscht', ich wäre ein Vöglein Und zöge über das Meer, Wohl über das Meer und weiter, Bis daß ich im Himmel wär!
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Die kursiv gedruckte Strophe gehört zum Eichendorff-Text, wurde aber von Schumann nicht berücksichtigt-warum auch immer.
Nach der dramatischen Loreley-Szene hier wieder eine Innenschau. In optimistischem G-Dur ,keine 2 Minuten kurz, im walzerhaften 6/8 Takt , mit der Tempobezeichnung "nicht schnell, immer sehr leise". Die Tessitur reicht von d1-e2 . Meiner persönlichen Erfahrung nach das am einfachsten zu musizierende Stück des Zyklus. Eine echte Erholung NACH dem Waldesgespräch und VOR der Mondnacht. Hier wird trotz aller seligen Zufriedenheit am Beginn des Liedes ein auch typisches Motiv romantischer Dichtung eingeführt: Dort wo Du nciht bist, da ist das Glück. Die Stimmung der Mondnacht wird hier positiv vorbereitet und der Sehnsucht werden bereits Flügel geschaffen, die sich ja dann später ausbreiten werden. Der fallende Schnee wird in der Klavierbegleitung, im Staccato-Bass angedeutet. Das Lied erreicht seinen lebhaften Höhepunkt im "bis dass ich im Himmel wär". Da sich dieser Himmel im nächsten Lied aufs Allerschönste öffnen wird, möchte ich es bei dieser kurzen Erläuterung belasssen.
Euphonia
Fairy Queen (18.12.2009, 14:51): Nun komme ich zum berühmtesten Lied des Liederkreises, das vielleicht sogar Schumanns berühmtestes Lied überhaupt ist : Mondnacht
An Superlativen bei der Beschreibung wird nicht gespart. Mein frz. Liedführer sagt dazu: „Chef-d’oeuvre d’une insondable beauté“ Meisterwerk von unvergleichlicher Schönheit. Dieses Lied findet sich auch ganz unabhängig vom Zyklus auf Lied-Samplern und in Konzerten wieder und es gibt sicher wenige Klassikhörer mit einem Faible für Vokales, die die Mondnacht NICHT kennen. Ob es auch solche gibt, die sie nicht MÖGEN, würde mich besonders interessieren.
Die Bedeutung dieses Lieds im Zyklus wird auch dadurch unterstrichen, dass es mit einer Dauer zwischen 3Min30 und 4 Min(je nach Einspielung) das Längste ist.
Ich will hier ein bisschen ausführlicher analysieren, weil ich davon ausgehe, dass das Lied Vielen schon bekannt ist. Zunächst der Text:
Es war, als hätt' der Himmel, Die Erde still geküßt, Daß sie im Blütenschimmer Von ihm nur träumen müßt.
Die Luft ging durch die Felder, Die Ähren wogten sacht, Es rauschten leis die Wälder, So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte Weit ihre Flügel aus, Flog durch die stillen Lande Als flöge sie nach Haus.
Die Komposition steht in(vielfach moduliertem) E-Dur und hat sowohl Klavier-Vorspiel als auch Nachspiel . Die Tessitur erstreckt sich vom e1 bis zum fis2, gerade eben eine gute Oktave. Dass es dennoch das am schwierigsten zu singende Stück des Zyklus ist, hat damit nicht das Geringste zu tun.
Es handelt sich um ein stilisiertes Strophenlied, in dem zwei identische Strophen am Ende in eine dritte etwas modifizierte münden, ähnlich wie bei Mendelssohn. Man kann also eigentlich nicht von einem durchkomponierten Lied sprechen, zumindest nicht, was die Gesangsstimme angeht. Trotzdem ist es vom Volksliedton des Strophenlieds meilenweit entfernt. Worin liegt der besondere Zauber dieses Liedes? Jeder wird das anders beantworten, ich habe zunächst mal versucht, musikalisch etwas mehr zu verstehen. Einen überaus interessanten Hinweis habe ich wiederum in einem französischen Liedführer gefunden. Dort wird erklärt, dass Schumann die Tonika und die Dominante der Grundtonart E-Dur(die ja nciht zufällig gewählt wurde!) in besonderer Weise in diesem Lied verflechtet. E-h-e oder h-e-h als sich umschlingende Tonfolge kommt vielfach vor. Es geht im Text um die E-h-e zwischen Himmel und Erde, die damit musikalisch ihren Ausdruck findet. Ich halte (nicht nur) aus diesem Grund eine Transponierung dieses Lieds in andere Tonarten für besonders problematisch.
Die Verbindung von Himmel und Erde wird noch anders dargestellt. Gleich im Klavier-Vorspiel(und auch später noch) haben wir eine abfallende Tonfolge vor uns-der Himmel sinkt auf die Erde herab. Die Singstimme nimmt mehrfach die umgekehrte Richtung und steigt von der Erde in den Himmel auf. Hier der zweite Grund , warum mir eine Transponierung unangemessen scheint: der ätherische Himmelsklang der hohen Sopran oder Tenor- Töne geht damit einfach verloren. Dieser ätherisch-zauberische Charakter des Lieds wird noch zusätzlich unterstrichen, indem die Singstimme durch eine quasi una-corda Begleitung nackt und bloss in das Vorspiel sich einfädelt und auch im Laufe des Lieds mehr oder weniger nackt und bloss bleibt. Das macht die ganz besondere Schwierigkeit für den Sänger aus: erbarmungslos wird jede allerkleinste Intonationstrübung oder ein nicht so harmonisches oder schönes Timbre enthüllt. Eine perfekte Beherrschung der Stimme und der Atemstütze ist bei Mondnacht Grundvorraussetzung. Ausserdem wird „zart und heimlich“ als Interpretationsangabe verlangt, ein fast dauerndes Piano und sehr unangenehme Aufgänge ausgerechnet in der Passagiolage von cis 2 zu fis 2(für Soprane zumindest ist das so). Einzig bei „Und meine Seele spannte, weit ihre Flügel aus“ gibt es dann ein Crescendo, die Begleitung wird dicker und die Stimme kann ein bisschen „aufdrehen“ und sich in die Klavierbegleitung fallenlassen.
Ich habe mir heute morgen vier verschiedene Aufnahmen angehört. Margaret Price/G. Johnson, Barbara Bonney/V. Ashkenazy, Elisabeth Schumann/G Reeves und Bryn Terfel/Martineau. Terfel ist ein wunderbarer Schumann –Sänger, aber ich lehne die Transponierung bei DIESEM Lied ab und da er eine Terz tiefer singt, scheidet er für mich aus. Elisabeth Schumann hat die ideale Stimme aber ich mag ihre (damals modernen? 1932) Portamenti überhaupt nicht. Margaret Price und Barbara Bonney singen das Original und trotz der Meisterschaft der Price ziehe ich hier Bonney vor. Sie HAT einfach das ätherische zwischen Himmel und Erde Schweben bereits in der Stimme und ein so wunderbares Legato dazu , dass nichts zu wünschen übrig bleibt.
Zum Text und Liedinhalt selbst nur wenige Stichworte. Alle Begriffe der Romantik sind in geballter Form vereint. Nacht- Blüten-Seele-Flügel- Heimat Und über allem die Sehnsucht und deren selige Erfüllung, in der Ehe zwischen Himmel und Erde. Wenn man an die ENDLICH nahende Ehe der Schumanns denkt, kann man natürlich auch biographisch interpretieren. Aber das wäre nur ein Zusatz, denn das Lied spricht für sich allein und ist davon ganz unabhängig. So wie alle gute Kunst die Biographie zwar einschliesst, aber nicht plakativ vor sich herträgt. Mondnacht ist zwar nicht ganz mein persönliches Lieblingslied des Zyklus, aber doch ein unbestrittenes Kron-Juwel der deutschen Liedkunst par excellence und ein Schmuck jedweden Konzertes und jedes Interpreten, der es meistern kann. Euphonia
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Fairy Queen (03.01.2010, 16:30): Hier die Nummer 6 des Zyklus:
Schöne Fremde
Es rauschen die Wipfel und schauern, Als machten zu dieser Stund Um die halbversunkenen Mauern Die alten Götter die Rund.
Hier hinter den Myrtenbäumen In heimlich dämmernder Pracht, Was sprichst du wirr wie in Träumen Zu mir, phantastische Nacht?
Es funkeln auf mich alle Sterne Mit glühendem Liebesblick, Es redet trunken die Ferne Wie vom künftigem, großem Glück.
Diese sehr kurze(1Min 15) Lied in H-dur, fliegt geradezu atemlos dahin. Die Bezeichnung "innig bewegt" scheint mir fast eine Untertreibung zu sein. Nach der Mondnacht wird hier eine andere Nacht heraufbeschworen, die nichts Meditatives mehr an sich hat. Nicht zufällig finden sich in diesem Lied die höchsten Töne des Zyklus, die Tessitura reicht von fis 1 bis gis2. Ob es ein Zufall ist das die Worte "Myrthenbäume" "Liebesblick"und "trunken" besonders hoch exponiert sind, kann ich mangels Quellen nicht entscheiden. Wenn man biographisch denkt(und das muss man hier fast zwangsläufig, da in einer bewegenden Emphase von "künftigem grossen Glück" gesungen wird) ist der Zusammenhang evident. Die drängende Liebessehnsucht und Erwartung des Zukünftigen wird durch die phantastische Atmosphäre der nächtlichen Bilder bis zur Trunkenheit gesteigert. Bei den halbversunkenen Mauern mit den alten Göttern kommen mir Gedanken an Caspar David Friedrichs Gemälde! Besonders schön ist das jubilerende Klaviernachspiel . Die Parallen der Nummer 6 zum letzten Lied "Frühlingsnacht" Nummer 12 sind evident. Hier, in der Mitte des Zyklus ist das grosse Glück noch eine Sehnsucht und am Ende heisst es dann genauso jubilierend: "Sie ist Deine , sie ist dein!" Liedselige Grüsse und beste Wünsche für das Neue Jahr 2010 Euphonia
Fairy Queen (05.01.2010, 19:18): Auf einer Burg
Eingeschlafen auf der Lauer Oben ist der alte Ritter; Drüber gehen Regenschauer, Und der Wald rauscht durch das Gitter.
Eingewachsen Bart und Haare Und versteinert Brust und Krause, Sitzt er viele hundert Jahre Oben in der stillen Klause.
Draußen ist es still' und friedlich, Alle sind ins Tal gezogen, Waldesvögel einsam singen In den leeren Fensterbogen.
Eine Hochzeit fährt da unten Auf dem Rhein im Sonnenscheine, Musikanten spielen munter, Und die schöne Braut, die weinet.
Dieses Lied gehört zusammen mit Waldesgespräch zu den Sagen/Märchen/ Legenden im Zyklus, die jenseits des lyrischen Ichs einen erzählenden Charakter haben. Hier gibt es aber im Gegensatz zum Waldesgespräch keine "Action" sondern 1000jährige Grabesstille.
Das Lied steht in a-moll und endet nicht auf der Tonika, sondern wird erst in der folgenden Nummer aufgelöst, die ebenfalls in a-Moll steht. Mit über 3 Minuten gehört es zu den langen Liedern, die Tempobezeichnung ist Adagio. Die Tessitur ist ungewöhnlich tief , c1-c2, und für hohe Stimmen ist dieses Lied auch wegen der statischen Melodiebehandlung und des langsamen Tempos sehr unangenehm zu singen. Es werden auffällig viele Sexten in der Gesangsstimme eingesetzt, falls jemand dafür eine Erklärung findet, wäre ich serh dankbar für Ergänzung. Ich kenne die Sexte aus der Schule als "Märchenintervall" und habe sie anhand des Beispiels "Es waren zwei Köngiskinder" gelernt, aber ob das hier bewusst zum Einsatz kommt, weiss ich leider nicht.
Die Klavierbegleitung hebt sich von der der anderen Lieder ab und unterstreicht die Erzählung mit archaischen Akkorden und langen Haltenoten. Man muss fast an einen Choral denken. Der chromatische und harmonisch unaufgelöste Schluss auf das wort "weinet" lässt mich ebenfalls an Stellen aus Bachs Passionen denken. Eine für diesen Zyklus einzigartige Komposition mit umso eindringlicherem Charakter.
Was den Text angeht, bleiben mir Fragen offen. Hier werden einmal mehr verschiedene Elemente der Romantik zusammengefasst. Märchen, Burg, Waldesrauschen, Vergangenheit, singende Vöglein, Einsamkeit, Tod und Fatalität und der Rhein als Symbol deutscher Romantik, siehe auch Loreley. Zwei Geschichten, der Ritter und sein versteinertes Schicksal und die schöne junge weinende Braut, die wahrscheinlich Gefahr läuft in einer Unglücklichen (aufgezwungenen?) Ehe bald zu versteinern werden in Zusammenhang gesetzt. Ich frage mich,ob es da auch eine direkte Verbindung gibt. Warum lag der Ritter "auf der Lauer"? Auf was hat er gewartet, bevor ihn die Versteinerung ereilte? Ging es ihm evtl so wie dem Jüngling in der Dichterliebe, dass er das Flöten und Geigen einer Hochzeit im Tale hörte, die ihm seine Liebste entführte und ihn versteinerte? Ist diese Geschichte einer bestimmten Sage entnommen?
Oder will diese Gegenüberstellung Ritter und Braut hier nur sagen: egal ob alt oder jung, tot oder lebendig, einst oder heute, Versteinerung oder Hochzeit mit Musikanten, euer Schicksal ist dasselbe!
Eines der Lieder, die sich mir atmosphärisch sehr gut erschliessen aber bei denen ich (wie beim Zwielicht) trotzdem viele Geheimnisse zu enträtseln habe.
Euphonia
Agravain (05.01.2010, 19:47): Original von Euphonia Dieser Liedzyklus ist für mich zum Inbegriff deutscher Romantik geworden. Euphonia
Hallo liebe Euphonia,
vielen Dank für die äußerst interessanten Einszelanalysen der Schumannschen-Lieder nach Eichendorffschen Texten, die ich sehr gern lese (zumal ich selbst op. 39 schon mit meinen bescheidenen Mitteln habe sängerisch gestalten dürfen :D).
Einzig der Umstand, dass der Begriff Romantik so ungenau genutzt wird (s.o.), scheint mir irritierend. Eine deutsche Romantik gab es ja schließlich nicht, schon gar nicht in der Literatur (nach dem Dafürhalten der inländischen, geschweige denn der ausländischen Germanistik). Wie soll man auch das facettenreiche Geistesgebäude beschreiben, dass sich von den platonisch-erotischen Fanatsien Schlegels (1799) bis Ende des 19. Jahrhunderts hinzog unter einer Etikette versammeln sollen?
Ich finde wir sollten hier schon deutlich machen, dass Schumann der Romantik Eichendorffscher Prägung (und überraschender Weise ja auch demromantique défroqué Heine) besonders nahe stand.
Wenn Dir Eichendorff textlich jedoch besonders am Herzen liegt, möchte ich Dich auf einen Aufsatz Richard Alewyns hinweisen, der Dir - falls Du ihn nicht kennst - sicher zusagen wird, und zwar: Alewyn, Richard: Eine Landschaft Eichendorffs. In: Stöcklein, Paul (hg.): Eichendorff heute. Darmstadt 1960.
Viele Grüße Agravain
Fairy Queen (06.01.2010, 05:28): Lieber Argrawain, danke für das Kompliment und ich freue mich besonders, einen Sänger des Zyklus zum Leser zu haben! Welche Stimmlage hast Du denn? Bescheiden oder nicht- solange wir mit unseren Mitteln (meine sind ebenfalls bescheiden!) nicht das grosse Geld verdienen wollen und nicht vorgeben, Stars zu sein, finde ich oft genug sogenannte Nicht-Profis (was immer das jenseits vom Broterwerb heisst) besonders motiviert und nah an der Sache und bin heilfroh, dass es uns gibt und uns niemand verbietet, zu singen, was wir wollen. :hello Was den Begriff der Romantik angeht, hast Du natürlich Recht! Ich habe da nciht differenziert und schon gar nicht literaturwissenschaftlich argumentiert, sondern ein rein subjektives Empfinden ausgedrückt. Und das, obschon ich mal Komparatisktik studiert habe und es eigentlich besser wissen müsste. Aber in mehr oder weniger "populärwissenschaftlich" orientierten Artikeln nehme ich das leider nciht so genau und es ist gut, mich darauf aufmerksam zu machen. Die Tatsache dass ich im Ausland lebe und ein besonderes Heimweh-Verhältnis zu der von mir wie oben gesagt "gefühlten" deutschen Romantik habe, tut ihr übriges. Natürich gehört der Ironiebegriff unbedingt zu dieser Diskussion, auch bei Eichendorff, der keinesfalls ein "Idylliker war". Es gibt da auch eine sehr interessante These von Veronica Beci, die meint dass Schumann Eichendorff verharmlost und daher Unrecht getan habe. Das sehe ich zwar etwas anders, aber es ist ein interessanter Ansatz. Was Heine angeht, hätte ich persönlch ein Problem damit , ihn einfach so in die Romantik einzuordnen. Er steht m.E. mindestens mit einem Fusss schon draussen, aber das ist nun wieder ein neues Thema. Euphonia
Agravain (06.01.2010, 09:12): Original von Euphonia Lieber Argrawain, danke für das Kompliment und ich freue mich besonders, einen Sänger des Zyklus zum Leser zu haben! Welche Stimmlage hast Du denn?
Hallo Euphonia -
vielen Dank für die nette Antwort. Mehr Infos Stimmlage usw. findest du HIER!
Viele Grüße Agravain
Heike (06.01.2010, 16:31): Liebe Euphonia, ich lese das auch mit Interesse, seit du den Thread aufgemacht hast! Zwar habe ich wenig Ahnung von Liedern, aber ich höre sie in den letzten Jahren zunehmend lieber. Und wenn man so "häppchenweise" wunderbar detaillierte Infos zu den einzelnen Liedern erhält, dann bekommt man richtig Lust, eine entsprechende CD zum Werk anzuschaffen. Zum Glück gibts ja Dussmann zum Probehören - oder hast du eine ultimative Kauf-Empfehlung? Heike
Fairy Queen (06.01.2010, 17:04): Liebe Hebre, das zu lesen, freut so richtig mein Kunstlied-Missionarinnen-Herz! Ich habe mehrere ultimative CD-Empfehlungen, bei Stimmen ist es ja vor allem eine Geschmacksfrage: mag ich das Timbre oder nicht. Da kann die Interpretation noch so durchdacht und perfekt sein, wenn die Stimme an sich nicht gefällt, kann mans vergessen.
Eine meiner Lieblingsstimmen der derzeit aktiven Sänger-Generation ist Christian Gerhaher. Seit ich ihn live im Konzert mit seinem kongenialen Klavierpartner Gerold Huber erlebt habe, bin ich hin und weg; Nicht nur, dass die Stimme selbst von bewegender Schönheit ist, auch die Iinterpretation udn das wirklich jkammermusikalsiche Zusammenspiel mit Huber ist vorbildlich.
Die Aufnahme von Bryn Terfel, dem Waliser Bassbariton und Malcolm Martineau, habe ich ja oben bereits beschrieben. Für die Liebhaber grosser voluminöser und warm timbrierter tiefer Stimmen ein Hochgenuss.
Wer lieber untransponiert und von einer hoihen Stimme besungen werden möchte, sollte dem Tenor Joseph Protscka, dem ehemaligen Direktor der Kölner MH sein Ohr leihen. Er wird von einem phantastischen Helmut Deutsch, der in diesem Zyklus udn auch in der "Dichterliebe" viele eigene Akzente setzt, begleitet.
Wer Frauenstimmen bevorzugt: ich kann Mitsuko Shirai/Hartmut Höll empfeheln, aber auch Margaret Price. Um den tiefen Passagen des zyklus gerecht zu werden, braucht es schon ein satte lyrische Stimme mit sehr guter Mittellage und Tiefenexpansion. Weitere Details auf Anfrage. Euphonia
Heike (06.01.2010, 17:09): Ganz lieben Dank! Heike
Agravain (06.01.2010, 18:35): Original von Hebre ... eine ultimative Kauf-Empfehlung? Heike
Liebe Hebre,
war zwar nicht an mich gerichtet und ist auch schon beantwortet worden, aber ich denke, eine der ordentlichsten Einspielungen der letzten Jahre ist auch die folgende:
An Quasthoff als Liedgestalter kann und sollte man im Grunde gegenwärtig nicht vorüber gehend da er idR eine ausgesprochen textbezogene Interpretation liefert, wie im Übrigen auch hier.
Im Gegensatz zu Quasthoffs eher sattem Timbre ist die Interpretation des sehr tenoral gefärbten Wolfgang Holzmair eine ebenfalls empfehlenswerte Alternative:
Fairy Queen (07.01.2010, 08:31): Lieber Agravain, die Quasthoff-Aufnahme kenne ich nicht, kann also leider dazu nichts sagen- bei einem Live-Konzert in Amsterdam mit Schubert, Loewe, Fauré und Poulenc hat er mich allerdings ziemlich beeindruckt. auch wenn er laut mancher Aussagen ein furchtbar unsympathischer Lehrer/Mensch sein soll.....
Hier nun das nächste Lied
In der Fremde
Ich hör' die Bächlein rauschen Im Walde her und hin. Im Walde, in dem Rauschen, Ich weiß nicht, wo ich bin.
Die Nachtigallen schlagen Hier in der Einsamkeit, Als wollten sie was sagen Von alter, schöner Zeit.
Die Mondesschimmer fliegen, Als säh ich unter mir Das Schloß im Tale liegen, Und ist doch so weit von hier!
Als müßte in dem Garten, Voll Rosen weiß und rot, Meine Liebste auf mich warten, Und ist doch lange tot.
Das Lied beginnt mit der Auflösung des offenen Schlussakkords von "Auf einer Burg" und steht demzufolge ebenfalls in a-moll. Von einer engen inneren Verbindung der Nummern 7 und 8 muss man ausgehen, auch wenn der Charakter auf den ersten Blick vollkommen anders zu sein scheint. In der Nummer 8 beherrschen unterbrochene Sechzehntelbewegungen das Bild der Klavierstimme und auch in der Gesangslinie sind die kurzen Phrasen durch dauernde Achtel und Sechzehntelpausen wie abgebrochen. Die Unruhe und Beklemmung des Stücks wird dadurch unterstrichen. Als Interpretations- Bezeichnung dennoch dasselbe wie bei der Mondnacht: zart, heimlich. Wieder zeigt sich der Januskopf der Romantik : zart und heimlich kann sowohl ins Grauen als auch in die Seligkeit führen.
Die Tessitur von e1 bis f2 ist sehr angenehm gesetzt und das Lied gehört für die Ausführenden nicht zu den Schwierigsten des Zyklus. Der Schlusstakt des Klaviers greift das Motiv des Rauschens noch einmal im tiefen Bass auf und lässt als letzten Eindruck das Geisterhaft-Spukende zurück.
Die thematische Verknüpfung der einzelnen Lieder zeigt sich mir hier noch einmal besonders eindringlich. Zum einen der Titel:" In der Fremde" ist identisch mit Nummer 1 und "Schöne Fremde" gibt es auch in Nummer 6. Das Thema "Fremd sein", in der Fremde umheriirren und eine Heimat suchen ist ein wichtiger Topos der romantischen Dichtung. Wieder ist ein lyrisches Ich im Walde vom Rauschen umgeben, wieder werden dabei Bilder der Vergangenheit heraufbeschworen. Wieder ist das Ich fern der Heimat und irrt in einer bedrohlich wirkenden Natur umher. Es gibt wie in der Nummer 7 ein Schloss, das etwas Verwunschenes hat. Die Assoziation von Dornröschen, Schneeweisschen und Rosenrot und anderen deutschen Märchenbildern drängt sich in der letzten Strophe geradezu auf . Die Endzeile "und ist doch lange tot" wird durch dreimalige Wiederholung intensiviert. Der Liebesschmerz, der Verlust stehen also eindeutig im Vordergrund und bilden den Gegenpol zum Schluss der Nummer 6 und Nummer 12, wo am Ende jeweils das künftige Glück heraufbeschworen wird. Parallelen zur Nummer 7 und Nummer 11 mit ihren traurigen oder erträumten Hochzeiten sind dagegen unverkennbar.
Beide Varianten-tiefes Unglück und grosse Seligkeit sind im Laufe des Zyklus immer wieder denkbar und das Glück bleibt bis zum Ende zerbrechlich .
Euphonia
Agravain (07.01.2010, 08:42): Original von Euphonia Lieber Agravain, die Quasthoff-Aufnahme kenne ich nicht, kann also leider dazu nichts sagen- bei einem Live-Konzert in Amsterdam mit Schubert, Loewe, Fauré und Poulenc hat er mich allerdings ziemlich beeindruckt. auch wenn er laut mancher Aussagen ein furchtbar unsympathischer Lehrer/Mensch sein soll.....
Liebe Euphonia, ich kenne ihn persönlich (wir sind auf das gleiche Gymnasium gegangen und haben beide in der gleichen Kantorei gesungen, bei der er dann in Folge, schon als er die Karriereleiter zu erklimmen begann, immer wieder aufgetreten ist, obschon die Gemeinde ihn hätte nicht mehr bezahlen können. Im Herbst diesen Jahres singt er dort den Elias.). Er ist kein Sympath. Die Liedinterpretationen sind dennoch empfehlenswert. Grüße Agravain
Fairy Queen (11.01.2010, 20:09): Nun zu meinem Lieblingslied des opus 39, bei dem ich für etwaige schwärmerische Anwandlungen vorab um Verzeihung bitte:
Wehmut
Ich kann wohl manchmal singen, Als ob ich fröhlich sei, Doch heimlich Tränen dringen, Da wird das Herz mir frei.
Es lassen Nachtigallen, Spielt draußen Frühlingsluft, Der Sehnsucht Lied erschallen Aus ihres Kerkers Gruft.
Da lauschen alle Herzen, Und alles ist erfreut, Doch keiner fühlt die Schmerzen, Im Lied das tiefe Leid.
Dieses recht schlicht wirkende Strophenlied steht in E-Dur wie Waldesgespräch und Mondnacht und trägt die Vortragsbezeichnung "sehr langsam". Der sehr reiche Klavierpart verdoppelt die Singstimme, was bei Schumann ausserordentlich selten vorkommt. Ein Charakteristikum der Schumann-Lieder ist gerade die mehr und mehr eigenständige Begleitung. Wehmut könnte also auch ein "Lied ohne Worte" sein- musikalisch würde wenig fehlen. In einem frz. Liedfüher wird diese Verdopplung als Metapher für das Gefangensein des Gesangs im (Instrumental) Kâfig interpretiert und mit dem traurigen Gesang einer gefangenen Nachtigall verglichen
Die Tessitur der Singstimme ist ausserordentlich angenehm fis1 -e2 und das Lied bietet musikalisch wenig Schwierigkeiten . Die wunderschöne romantisch-melancholische Melodie scheint sich fast von selbst zu singen.
Der Text hingegen ist m.E. alles andere als schlicht und-wie gesagt- mein Lieblingsgedicht des gesamten Zyklus.
Hier tritt die gesamte Ambivalenz und Zerrissenheit der Romantik in nuce zutage. Das Leiden im Glück und das Glück im/am Leiden. Aber nicht dekadent oder übersüsst oder sarkastisch wie in der Spätromantik und auch nicht ironisiert wie bei Heine, sondern vollkommen authentisch und wahrhaftig. Der doppelte Boden der Gefühle wird nicht aufgelöst, man muss ihn aushalten. Er ist, wie er ist und dass er so ist, ist wunderschön, denn daraus ensteht Kunst. Nämlich das Lied, das alle Herzen froh macht, ohne dass sie das tiefe Leid darinnen wahrnehmen. Natürlich steckt auch ein gewisses elitäres Sendungsbewusstsein des Romantikers in diesen Worten . Er allein weiss um die Blaue Blume und das, was die Anderen sehen, ist nur die fröhliche Oberfäche. Und viel Selbstcharakiterisierung und Identifikation ist wahrscheinlich auch darinnen. Aber der echte Herzschlag ohne jeden Anklang von Falschheit macht das Lied über jeden Zweifel erhaben.
Die schlicht wirkende melancholische Schönheit der Melodie im Zusammenhang mit einem solchen Text hat mich vollkommen bezaubert und trifft mich bis auf den Grund der Seele.
Euphonia
Fairy Queen (20.01.2010, 12:10): Zwielicht
Dämmrung will die Flügel spreiten, Schaurig rühren sich die Bäume, Wolken ziehn wie schwere Träume – Was will dieses Grau’n bedeuten?
Hast ein Reh du lieb vor andern, Laß es nicht alleine grasen, Jäger ziehn im Wald und blasen, Stimmen hin und wieder wandern.
Hast du einen Freund hienieden, Trau ihm nicht zu dieser Stunde, Freundlich wohl mit Aug’ und Munde, Sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.
Was heut gehet müde unter, Hebt sich morgen neugeboren. Manches geht in Nacht verloren – Hüte dich, sei wach und munter!
"Zwielicht" macht seinem Namen alle Ehre, denn es ist das ambivalenteste, verstörendste und schwierigste Lied des ganzen Zyklus. Allein das Gedicht gibt schon grosse Rästel auf und hat scheinbar wenig mit dem Rest des Zyklus gemein. Hier wird vordergründig die Stunde der Dämmerung im Wald und deren Gefahren beschworen: man kann die Liebe, den Freund, das Leben verlieren. Warum wird nicht gesagt, Ahnungen von Geisterhänden, Schauern, Umbrüchen- wir sind hier mit einem Fuss in der schwarzen Romantik, bei Gespenstern, Irrlichtern udn bösen Zaubern. Besondere Beachtung verdient die letzte Strophe, die sciher in ihren Deutungsmöglichkeiten weit über das das Wald/Dämmerung-Motiv hinausreicht. Man kann hier alles mögliche Politische und Gesellschaftskritische hineintragen. Die ganz eigenartige und unerklärlche, eben zwielichtige Stimmung drückt auch die Musik aus. Sie wiirkt wie aus der Welt der anderen Lieder gefallen:ein Kontrapunkt, der an Inventionen von Bach erinnert in der linken Hand des Klaviers, eine Verdopplung aber gleichzeitig auch Reibung der Singstimme mit der rechten Hand des Klaviers. Viele Dissonananzen Das lange Vorspiel und die sehr tiefe Tessitur des Liedes sind ebenfalls ungewöhnlich. Eigentlich wird hier gar nicht richtig gesungen, sondern es handelt sich fast um eine Art rezitativischen Sprechgesang und das Ende in tiestmöglciher Lage(für Tenöre und Soprane eine Zumutung!) kann schon rein stimmtechnisch kaum richtig gesungen werden- ein Ausweichen in die Sprechstimme ist quasi erzwungen. " Hüte dich, sei wach und munter!" wird als so als echte Mahnung deklamiert. Das Lied strahlt eine archaische Bedrohung aus, die scih im Zusammenspiel von Text und Musik kongenial vervielfacht. Schumann hat hier eine andere Seite der Romantik in Musik gesetzt und sicher auch seine Affinität zu Doppelgängern, zwiegespaltenen Persönlichkeiten (Eusebius und Florestan) zum Ausdruck gebracht. Man kann wenn man will, das Lied auch als eine Manifestation drohenden "Wahnsinn" sehen, ich will eher nciht. Ich finde es faszinierend als Kontrapunkt und besondere Facette in diesem Zyklus.
euphonia
Gamaheh (20.01.2010, 23:49): Liebe Euphonia,
vielen Dank für die Anregung, diese Lieder mal wieder mit Interesse zu hören, indem Du sie so detailliert besprichst. Es ist leider schon sehr lange her, daß ich mich intensiv für Lieder interessiert habe ...
Teilweise erinnern mich diese Lieder sehr an einige der Schubert/Müller-Lieder, besonders aus der Schönen Müllerin, wenn sie auch vom Gefühl oft anders sind. Das Reh, der Jäger usw. z.B. ("Der Jäger"), "Ich hör die Bächlein rauschen"/"Ich hört ein Bächlein rauschen"; und ob es die Nachtigallen schlagen oder ob es durch den Hain schallt, sie ist mein (oder dein, was soll's?). Immerhin ist das eine ein echter Zyklus (mein liebster übrigens) mit einer Geschichte und einem roten Faden, das andere eine Sammlung.
Dichter und Komponist zeigen sich hier als Deutsche bis zum innersten Grund ihres Seins schreibst Du am Anfang. Wie meinst Du das? Vermutlich als Deutsche ihrer Zeit? Ich frage mich, wo diese ganze Symbolik von Wald, Bach, Mühle, Nachtigall usw. herkommt bzw. wo dieser intensive Gebrauch derselben ihren Anfang nahm.
Zurück zu Schumanns Liedersammlungen, die bekannt geworden sind: Du sprichst von dreien - wo bleiben für Dich der Liederkreis op.24 (Heine), die Kerner-Lieder (op.35), Myrten (op.26), alle - wenn ich mich nicht irre - von 1840? Und ich wollte nicht wählen müssen zwischen allen von ihnen!
Zurück zu op.39, von denen - wenn ich wählen müßte - wahrscheinlich "Mondnacht" mein liebstes wäre (oder "Frühlingsnacht"). Von den Interpretationen, die ich gehört habe, ist mir allein Hermann Prey (mit Karl Engel am Klavier) im Gedächtnis geblieben.
Jetzt habe ich Terfel und Gerhaher gehört. Ersteren würde ich nicht verstehen, um ehrlich zu sein, wenn ich den Text nicht schon kennen würde (oder ihn vor mir hätte), seine Aussprache ist alles andere als makellos (die Vokale sitzen fast alle falsch). Seine Stimme scheint in den ersten Liedern zu zitter, so als wäre er 70 oder betrunken, später wird es besser; kurzum: Seine Stimmlage scheint nicht ideal zu allen diesen Liedern zu passen. Gerhaher gefällt mir von der Stimme her hier besser. Aber er klingt für mich häufig angestrengt und gekünstelt (was hier so gar nicht paßt). Auch seine Vokale sind nicht makellos, seine "Seele" klingt für mich z.B. wie irgendwas zwischen "Sööle" und "Süüle", aber Rundung höre ich auch bei anderen "e", möglicherweise, um das Ansatzrohr zu verlängern. Also auch nicht die ideale Stimmlage für alle dieser Lieder. Ideal ist für mich nach wie vor Hermann Prey, der in der schönsten und vollkommen natürlich anmutender Weise das ganze stimmliche Spektrum dieser Lieder abdeckt, exzellent auch Karl Engel am Klavier. Hier kommt auch meiner Meinung nach die Sprache am besten zur Geltung. Leider ist diese Aufnahme wahrscheinlich nicht mehr zu haben (sie war Teil der Lied-Edition von Prey).
Genug für heute.
Beste Grüße, Gamaheh
Fairy Queen (21.01.2010, 07:58): Guten Morgen , lieber Gamamah und danke für Deine Stellungnahme Ich hfreue mich , dass ich anregen kann, schumann wieder zu hören, denn das ist gewiss keine verlorene Zeit. Was das "Deutschsein" in dem von mir gemeinten Sinne angeht: ich habe mich da sicherl etwas missverständich ausgedrückt, was auch damit zusammenhängen wird, dasss ich im ausland lebe und Für mich die deutsche Romantik im eichendorffschen Sinne ein Inbegriff von Heimweh und sehnscuht, nach Waldesrauschen, Bächlein, Burgruinen und dem Rhein darstellt. Die Naturmetaphern in den romantischen Gedichten dieser Zeit drücken ja gleichzeitig Heimat und Zuhausesein, wie auch Fremdsein und Bedrohlchkeit aus. diese ambivalnz ist im Liederkreis 39 besonders gut gelungen udn für mich daher ein besonders eindringliches Beispiel . Evtl kann ein hiesiger Germanist dazu noch viel klügere Dinge sagen als ich. Was die Wertung der Zyklen angeht: echte zyklen im Sinne einer tiefen inhaltlichen und musiklaishcen Verbindung sind für mich Opus 39,,42 und 48. Die Myrthen sind wunderschön und nethalten einige der "Hits" so z.B. die jubilierende Liebeserklärung "Widmuing"aber eher eine Liedsammlung, dasselbe gilt für die Kerner-Lieder.
Zur Interpretation: ich komme nciht aus einer Gesangsschule, die Artikulation über alles Andere setzt und DIFIDI ist nicht mein Ideal im Liedgesang. Im Gesang können Vokale um der Tongebung und Öffnung der Resonanzräume willen sehr selten so rein sein wie in der Sprache und ich gebe einem runden und warmen Klang im Zweifelsfalle den Vorzug vor gestochener Artikulation. Ich habe an Terfels und Gerhahers Aussprache so wenig auszusetzen, dass das für mich angesichts ihrer anderen Tugenden nicht ins Gewicht fällt. Terfel hat eine grosse Opernstimme, das habe ich ja oben bereits eingestanden udn ich war selbst zunächst serh skeoptisch wie das beim Kunst-Lied gehen kann. Es geht m.E. wunderbar , denn er nimmt sich in genau dem richtgien masse zurück. Und da michr die Gesamtinterpretation und deren emotionale Eindringlichkeit absolut überzeugt haben und ich auch nichts von "Betrunkensein oder 70 Jahre alt :wink" empfinde, ist Terfel für mich ein hervorragender Interpret des Zyklus.
Hermann Prey habe ich leider noch nicht damit gehört und werde versuchen, an eine Aufnahme zu kommen. l.G. Euphonia
Mime (21.01.2010, 17:39): Guten Tag Euphonia,
schöner Name übrigens; bist du nun eine Sprachmaschine oder eine Vogelgattung?
Deine Op.39-Beiträge finde ich sehr interessant, doch glaube ich diese schon früher an anderer Stelle gelesen zu haben.
Darf ich dich fragen, welche Quellen du benützt hast? Als Liebhaber des Kunstlieds bin ich sehr wissbegierig. :thanks
Fairy Queen (21.01.2010, 18:26): Lieber Mime, ich habe diese Serie vor längerer Zeit in einem anderen Forum (Tamino)unter einem anderen Nick- Namen gemacht und hier nun ein bisschen überarbeitet. Falls du dort früher mal gelesen hast, wird es das gewesen sein. Meine Quellen sind ein frz. Liedführer, meine Schumann-Noten, meine zahlreiche Lektüren zum Leben von Robert und Clara Schumann, viele Diskussionen mit Musikfreunden und mein eigener bescheidener Geist und Sinn bzw meine langjährige Erfahrung mit Lied und Gedicht. Wie gesagt: das Ganze ist bitte nicht nach wissenschaftlichen Kriterien zu beurteilen, sondern sehr subjektiv und einzelne Aspekte beleuchtend . Es osll vor allen Dingen Liednovizen Lust machen, scih mit diesem wunderbaren Zyklus zu befassen. Über Ergänzungen, Berichtigungen etc bin ich daher serh froh.
Mein Name hängt mit meinem Beruf zusammen ,kommt aus dem Griechischen und bedeutet in etwa "wohltuender Klang" . Eu= gut/ausgeglichen/wohltuend phonein= klingen. Dass das auch eine Vogelgattung oder eine Sprachmaschine ist wusste ich nicht. ?( Schön, noch einen Liebhaber des Kunstlieds hier zu treffen! Austausch ist meinerseits immer erwünscht. Euphonia
Gamaheh (21.01.2010, 21:33): Liebe Euphonia,
versteh mich bitte nicht falsch: Ich lege nicht soviel Wert auf das Wort, daß ich mir die Deklamationen von Fischer-Dieskau zu meiner Erbauung anhören würde, aber wenn ich beides haben kann: einen runden Klang und einen verständlichen Text, dem die Melodie zur Bedeutung verhilft, dann bevorzuge ich das (wie bei Prey). Ich bin da zugegebenermaßen nicht unvoreingenommen, denn Preys Stimme liebe ich seit meiner Kindheit, und von ihm habe ich all diese Lieder zuerst gehört.
Es ist interessant, was Du als im Ausland Lebende sagst, denn auch ich habe mich mit dem deutschen Kunstlied besonders intensiv beschäftigt, als ich im Ausland gelebt habe. Da war es allerdings das, was gerade im Goethe-Institut vorhanden war, und das war in erster Linie die Schubert-Kassette der Lied-Edition von Hermann Prey sowie Schumanns Dichterliebe und Frauenliebe- und leben mit Lotte Lehmann und Bruno Walter (wunderbar!), deshalb kenne ich die am besten.
Übrigens schreibt Hermann Prey in seiner (Auto-)Biographie "Premierenfieber" (München: Kindler, S. 312): "Zwei Beispiele vollendetster Übereinstimmung von Text und Musik sind die Liederzyklen Opus 39 und Opus 48 ...".
Das war eine schwer greifbare Zeit, in der all diese Gedichte und Lieder entstanden, die von dem zeugen, was Du sagst; die Zeit nach der französischen Besetzung, in der sich Europa neu orientierte, in der es ein "Deutschland" als nationales Gebilde noch nicht gab, nur durch die Sprache zusammengehalten, aber ein Gefühl und ein Bestreben, daß es es geben müßte, in der sich die einen in die biedermeierliche, enge Häuslichkeit zurückzogen, die anderen in die weite Natur schweiften, in der sie nicht fanden, was sie suchten (die vielbeschworene Heimat - da gibt es so viele Lieder!), aber voller Nostalgie, andere wieder die Revolution planten. Schumann war ein echtes Examplar der Zeit, zerrissen zwischen seinem Freidenkertum und dem Eskapismus des Biedermanns, eloquent in seinen Schriften und scheu und fast peinlich lakonisch in der Konversation!
Mehr davon ein anderes Mal!
Beste Grüße, Gamaheh
P.S.: Gamaheh ist übrigens eine Prinzessin aus Famagusta, eine literarische Figur von E.T.A. Hoffmann aus "Meister Floh". Nicht, daß sie eine Heldin von mir wäre, aber der Name klingt so schön!
Agravain (22.01.2010, 08:18): Original von Gamaheh Ich frage mich, wo diese ganze Symbolik von Wald, Bach, Mühle, Nachtigall usw. herkommt bzw. wo dieser intensive Gebrauch derselben ihren Anfang nahm.
Jetzt habe ich Terfel und Gerhaher gehört. Ersteren würde ich nicht verstehen, um ehrlich zu sein, wenn ich den Text nicht schon kennen würde (oder ihn vor mir hätte), seine Aussprache ist alles andere als makellos (die Vokale sitzen fast alle falsch). Seine Stimme scheint in den ersten Liedern zu zitter, so als wäre er 70 oder betrunken, später wird es besser; kurzum: Seine Stimmlage scheint nicht ideal zu allen diesen Liedern zu passen. Gerhaher gefällt mir von der Stimme her hier besser. Aber er klingt für mich häufig angestrengt und gekünstelt (was hier so gar nicht paßt).
Beste Grüße, Gamaheh
@gamaheh
Hallo, ich zitiere mich nicht gerne selber, es sieht immer so wichtig aus. Dennoch, wenn Du etwas zur Landschaftssymbolik speziell Eichendorffs erfahren möchtest, dann am besten hier:
Alewyn, Richard: Eine Landschaft Eichendorffs. In: Stöcklein, Paul (hg.): Eichendorff heute. Darmstadt 1960.(immer noch aktuell)
Ich suche aber - bei interesse gern noch nach anderen relevanten Titeln. Das Ganze jetzt hier auszuarbeiten, würde den Rahmen des Threads wahrscheinlich sprengen, aber vielleicht kann ich am Wochende mal einige Thesen Alewyns vorstellen.
Viele Grüße
Agravain
P.S. Terfel - dessen Platte auch bei mir im Schrank steht - ist bei Schumann auch nicht so meines. Ich habe sie aufgrund des Threads nach einiger Zeit der Abstinenz noch einmal gehört und fand mein persönliches Urteil von ehedem bestätigt. Ich bevorzuge Quasthoffs artikulatorisch und klangästhetisch recht solide Einspielung (s.o.). Aber der Funke einer Stimme springt ja doch sehr unterschiedlich über. Ich z.B. ertrage - trotz angeblicher Sakrosanz - Maria Callas nicht, bin aber immer wieder schwerst beeindruckt von der frühen bis mittleren Caballé. So ist's halt.
Fairy Queen (22.01.2010, 09:22): Liebe Gamameh und ich dachte schon, Dein Name sei eine Figur aus einem der derzeit so beliebten Fantasy-Filme- die haben eben auch ncihts Anderes zum Ur-Vorbild als unsere grossen Dichter. :wink
Ich bin sehr neugierig, weiter mit dir zu diskutieren, denn das deutsche Kunstlied ist für mich im Ausland wirklich eine kulturelle Identifikation und Heimat. Kennst du vielleicht von Schumann: "Sehnsucht nach der Waldgegend" aus den Kerner-Liedern? "Wär ich nie aus euch gegangen, Wälder, her und wunderbar " fängt der Text an.
Ich konnte dieses Lied anfangs überhaupt nicht singen, weil es mir sofort die Kehle zuschnürte, denn da wo ich jetzt wohne, gibt es keinen Wald, keinen Fluss und auch keinen Berg. Und ich komme aus einer Gegend in Deutschland, die der Inbegriff romantischer Metaphern war. Siehe Lorelei und Rhein. Für mich drückt der Liederkreis 39 einfach eine ganze Welt aus, in der ich mich vielschichtig wiederfinde, und diese Vielschichtigkeit macht diesen Zyklus so faszinierend für mich. Was Lotte Lehmann und Bruno Walter angeht, hazbe ich diese einspeilung hier shcon geannnt, allerdings im Zusammenhang mit der Winterresie. Sei ist phantastisch und auch hier haben wir es mit einer grossen dramatischen Stimme zu tun, der man wie bei Terfel, Liedgesang nciht so ohne weiteres abnimmt. dei seltene Kunst ist aber gerade, dass sie es fertigbringen, sich auf das jeseilige genre einzuschwingen.
In puncto Stimmen ist aber kein Kraut gegen Abneigungen oder spontane Empathien gewachsen. Das timbre ist etwas so Persönliches und spricht so viele Teile des Unterbewussten in uns an, dass wir uns gar nicht wehren und es auch nicht begründen können wenn uns eine Stimme nciht erreichen kann oder sogar abstösst. Die Callas ist das beste Beispiel. Ich bete sie an, weiss aber genau, dass sie seh viele Ansatzpunkte zum Gegenteil bietet.
Die Prey-Einspielung muss ich unbedingt hören, ich vertraue da deinem Urteil.
Lieber Agravain, es wäre schön,wenn sich ein kleine oder grosse Diskussion zur Romantik im Eichendorffschen/Schmannschen Verständnis entwickeln würde. Vielleicht kann dann Peter Brixius als Germanist auch noch dafür gewonnen werden. ich bin wie gesagt nur dilettierende Lied-Enthusiastin mit ein bisschen Hintergrundwissen, das ich hier vollkommen unzureichend eingestreut habe und mich über jede Ausführung freue.
Euphonia
Agravain (22.01.2010, 09:47): Original von Euphonia Vielleicht kann dann Peter Brixius als Germanist auch noch dafür gewonnen werden. Euphonia
Dann wären wir ja schon zu zweit (Ich habe eine ganze Zeit lang Neuere deutsche Literatur an einer deutschen Uni gelehrt :D). Allerdings sollten wir zusehen, dass wir dann nicht allzusehr ins Literaturwissenschaftliche abdriften. :ignore
Viele Grüße
Agravain
Gamaheh (22.01.2010, 10:21): Hallo Agravain,
vielen Dank für den Literatur-Hinweis (den ich in der Tat überlesen hatte). Ich habe das Buch gerade mal in der Bibliothek gesucht, aber da es Präsenzbestand ist, komme ich frühestens nächste Woche dazu ... Ich habe vor einiger Zeit mal auf Radio France Musique eine Sendung mit dem Titel "La forêt allemande" gehört - es ist sogar möglich, daß ich sie aufgenommen habe (muß mal suchen). Ansonsten ist es besonders die Mühle, die mich interessiert, denn die ist für mich als Symbol weniger offenkundig, sie tritt aber allenthalben auf (meiner Beobachtung nach sogar musikalisch).
Ja, das mit den Stimmen ist in der Tat so eine Sache, und es fängt bei den Sprechstimmen schon an (das ist jedenfalls eine Marotte von mir, daß mir Menschen oft in erster Linie von der Stimme her sympathisch oder unsympathisch sind - leider funktioniert das in so einem Forum nicht ...).
Viele Grüße, Gamaheh
P.S.: O ja, bitte nicht ins Literaturwissenschaftliche, und schon gar nicht ins Germanistische, bitte !!!
P.P.S.: Wenn Du derweil einen kurzen Einblick in Alewyns Thesen geben würdest, wäre ich Dir dankbar. Wie lang ist denn das Kapitel (in Seiten)?
Was mir in dem Zusammenhang mit der romantischen Ikonographie noch einfällt, das ist Safranskis Romantik-Buch.
Rüdiger Safranski, Romantik: Eine deutsche Affäre Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 2 (2. September 2009) ISBN-10: 3596182301 ISBN-13: 978-3596182305
Da geht es zwar nicht nur um diese spezifische Fragestellung, aber er verdeutlicht gattungsübergreifend Zusammenhänge und leistet auch eine gewisse historische Einordnung. Ich fand das sehr erhellend.
Liebe Grüße
Sabine
Gamaheh (22.01.2010, 14:40): Liebe Euphonia,
sicher kenne ich das Lied "Sehnsucht nach der Waldgegend", es ist sehr schön und drückt wie so viele andere diese Nostalgie aus (auch, wie ich finde, wenn einem der Wald oder die Einzelheiten nicht so viel bedeuten). Hierzu gehören auch Lieder wie das von Schubert, das den Text enthält "Wo bist du, mein geliebtes Land ... das Land, das meine Sprache spricht" usw., das aber eine metaphorische Heimat anspricht und für mich ein schöner Ausdruck dieser romantischen Nostalgie ist; und auch das syntaktisch herausfordernde Lied aus dem Schwanengesang "In der Ferne" fällt mir gerade dazu ein. Nicht ohne Grund war in früheren Zeiten das Exil eine furchtbare Strafe, aber heute ist das ja ganz anders. In welchem Ausland lebst Du denn?
Viele Grüße, Gamaheh
P.S.: Nicht Fantasy-Film, sondern derzeit beliebter Fantasy-Roman. Ich halte eigentlich gar nichts von Fantasy-Geschichten, aber die von Hoffmann sind toll !!
Gamaheh (22.01.2010, 14:41): Liebe Sabine,
vielen Dank für den Hinweis auf Safranskis Romantik-Buch. Ich habe bisher einen großen Bogen um dieses Buch gemacht - warum, weiß ich nicht genau ...
Viele Grüße, Gamaheh
Agravain (22.01.2010, 20:57): Original von Gamaheh P.P.S.: Wenn Du derweil einen kurzen Einblick in Alewyns Thesen geben würdest, wäre ich Dir dankbar. Wie lang ist denn das Kapitel (in Seiten)?
Hallo Gamaheh,
wenn ich Zeit habe gern (nur ist mein Wochenede prall gefüllt, was ich eigentlich gar nicht so mag... :I). Sonst mehr davon demnächst.
Viele Grüße
Agravain
Gamaheh (23.01.2010, 12:37): Original von Euphonia Die Prey-Einspielung muss ich unbedingt hören, ich vertraue da deinem Urteil.
Vielen Dank für Dein Vertrauen, liebe Euphonia - sieh mal hier und da und dort (in der Reihenfolge).
Du hast mich richtig infiziert, ich bin schon wieder beim Lieder-Hören!
Viele Grüße, Gamaheh
Fairy Queen (23.01.2010, 13:35): Liebe Gamameh, grand merci für diese Hörlinks. Ich bin noch nicht ganz durch mit dem Hören, aber das ist in jedem Fall eine sehr gute Interpretation, auch wenn dsie nicht so ganz meinen Geschmack trifft, mir fehlt ein bisschen die Emphase, die Terfel in Fülle hat. Besonders gut gelungen finde ich bisher die Mondnacht und "Auf eienr Burg" das ist Beides nun wahnsinnige schwierig zu singen und zeugt von Preys grossen vokalen Qualitäten. :down Mich stört ein bisschen sein dauernd anwesendes Portamento bzw Glissando, das früher viel gemacht wurde und eine Art Modeerscheinung war. Heute durh die HIP-Erfahrungen auch im Gesang ist das für mich schwer zu hören, aber auch das ist eine reine Geschmacksfrage.
dei Aussprache ist im Vergleich zu Terfel natürlch ein anderes Kapitel, da gebe ich euch vollkommen Recht, nur stört mich das bei Terfel kein bisschen. Besodners deutlich wird mir der unterschied im Temperament von Terfel und Prey bei Waldesgespräch. Das ist Eleganz gegen Leidenschaft. Ich finde Leidenschaft mit eleganz zwar am allerattraktivsten, aber wenn ich zwischen dem Einen oder anderen wählen muss.....
Deisen allerersten Eindruck werde ich aber noch weiter vertiefen und evtl noch revidieren, wenn ich den ganzen Zyklus durch gehört habe. Danke und liebe Grüsse
euphonia
Fairy Queen (26.01.2010, 19:25): Im Walde
Es zog eine Hochzeit den Berg entlang, Ich hörte die Vögel schlagen, Da blitzten viel Reiter, das Waldhorn klang, Das war ein lustiges Jagen!
Und eh' ich's gedacht, war alles verhallt, Die Nacht bedecket die Runde, Nur von den Bergen noch rauschet der Wald Und mich schauert's im Herzensgrunde.
Nach der enigmatischen und mysteriösen Warnung am Ende von Zwielicht, und den düsteren Schlussakkorden erscheint dem Zuhörer das fröhliche A-Dur des "Im Walde" zunächst wie eine Erlösung. Hörnerklang, ein flotter 6/8 Rhytmus und der Text der ersten Strophe suggerieren uns frohe Hochzeitsstimmung.
Aber auch hier zeigt sich schneller als gedacht der Januskopf und die Stimmung schlägt radikal um. Das Tempo wird langsamer, die Ankläge an Hôrnerklang und Jagdmotive verschwinden aus der Klavier- Begleitung und machen einer seufzenden Chromatik Platz, die auf "mich schauert's im Herzensgrunde" ihren Höhepunkt bzw Tiefpunkt erreciht. Durch diesen sehr raschen Wechsel in Tempo und Stimmung ist das Lied nciht leicht zu interpretieren. Em Ende tut sich erneut ein Abgrund in sehr tiefe Tessitura auf, den man hier auch im wörtlichen Sinne als Abgrund der Seele verstehen kann.
Das Motiv der geplatzten oder unglücklichen oder illusionaren Hochzeit kommt in diesem Zyklus derart gehäuft vor, dass man sich wirklich noch einmal die biographische Situation von Schumann beim Komponieren dieses Zyklus vor Auge führen muss. Die so schmerzlich ersehnte Hochzeit mit Clara Wieck stand über 5 Jahre auf des Messers Schneide und das Paar war lange Zeiten von jeder Kontaktmöglcihkeit abgeschnitten. Wenn man dazu bedenkt, dass es jenseits der Ehe kaum oder gar keine Möglichkeiten zu intimer Nähe gegeben hat und eine intensive Liebe , die scih jahrelang nur in ferner Sehnsucht verzehren muss, ein prägender Seelenzustand werden kann, wird ganz klar, dass in diesem Zyklus sehr viel von Schumans eigener innerer Zerrissenheit stecken muss Euphonia
Fairy Queen (02.02.2010, 13:11): Ich komme nun zum zwölften und letzten Lied dieses Zyklus:
Frühlingsnacht
Über'n Garten durch die Lüfte Hört' ich Wandervögel ziehn, Das bedeutet Frühlingsdüfte, Unten fängt's schon an zu blühn.
Jauchzen möcht' ich, möchte weinen, Ist mir's doch, als könnt's nicht sein! Alte Wunder wieder scheinen Mit dem Mondesglanz herein.
Und der Mond, die Sterne sagen's, Und im Traume rauscht's der Hain, Und die Nachtigallen schlagen's: Sie ist deine! Sie ist dein!
Am Ende des Zyklus steht dieses jublierende "Happy End" in Fis-Dur. Ziemlich rasch, leidenschaftlich hat Schumann zur Interpretation angegeben und das Lied reisst den Zuhörer automatisch in eine euphorische Hoffnung mit . Die Verheissung vom "künftigen grossen Glück" aus der Nummer 6, die genau die Mitte des Zyklus bildet, ist hier zur Gewisstheit geworden: Sie ist Deine, sie ist Dein! Die ganze Natur ist an diesem Jubel beteiligt, der insbesondere durch die pulsierenen Sechzehntel -Triolen-Bewegungen der sehr anspruchsvollen Klavierbegleitung unterstrichen wird. Zusammen mit der sich von dis1 bis zu fis2 emporschwingenden Melodie der Singstimme bekommt das Lied einen Glanz, dem es gewiss auch seine grosse Beliebtheit verdankt.
Schumann hatte zunächst "Auf einer Burg" am Ende des Zyklus eingetragen, die Frühlingsnacht stand an 8. Stelle.
Wäre sie dort geblieben, hätte eine ganz andere Deutung Raum, und das das "Ist mir doch als könnt's nciht sein" und der "Traum" würden in den Vordergrund rücken. Da würde sich dann das lyrische Ich einen Erlösungszustand und neue Frühlingshoffnung ersehen, aber von der Wirklichkeit wieder eingeholt werden. (Zwielicht, Im Walde, Auf einer Burg, die alle drei zunächst NACH dem Frühlingstraum kamen.)
Man kann für diese änderungen der Reihenfolge und Ausrichtung nun allerlei Erklärungen finden: biographische, psychoanalyische, ästhetische.
Einmal wird Schumanns manisch-depressiver Zustand als Erklärung für den dauernden Wechsel zwischen Euphorie und Depression herangezogen, ein andermal spiegeln die Lieder angeblich ncihts Anderes als den chronologischen Verlauf seiner Liebesbeziehung zu Clara wieder. Vom ersten Liebesüberschwang bis zu den Auseinandersetzungen mit Vater Wieck zu den Gerichtsverhandlungen und der so letztlich erzwungenen Hochzeit im September 1840.. In "Auf einer Burg" soll dann etwa Wieck der alte erstarrte Ritter sein und Clara die weinende Braut. Nur, dass Schumann all diese Verse eben nicht geschireben hat, sondern Eichendorff.......
Ich würde das biographische Elemant hier jedoch keinesfalls unterschätzen wollen und dafür spricht auch die Platzierung des Frühlingstraum am Ende des Zyklus, nachdem die Liebe zu Clara endlich ihre Erfüllung gefunden hat.
Schumann war von dieser Liebestragödie mit bis zum Ende immer wieder unsicherem Ausgang auch als Komponist wahrscheinlich serh stark beeinflusst. Einmal schreibt er an Clara im Zusammenhang mit seinen Phantasiestücken op12: ( Brief vom 17.3. 1838 von mir aus dem Französchen rückübersetzt, daher kann der eigentliche Wortlaut ein wenig anders lauten) "Am Ende löst sich Alles in einer fröhlichen Hochzeit,und dennoch, wenn ich dein Bild vor Augen habe kehrt vor dem Ende der Schmerz zurück. Das klingt dann wie eine Mischung aus Hochzeitglocken und Todeskälte."
Im Schicksalsjahr 1840( mit den belastenden Gerichtsverhandlungen und Hochzeit) darf man davon ausgehn, dass Schumann Biographisches in seine Musik hat einfliessen lassen. Dennoch finde ich eine rein biographische Deutung zu kurz gegriffen, denn es spielgelt sich in diesem Liederkreis auch ein Lebensgefühl in nuce und als Prototypus wieder. Siehe Eingansposting.
Die Frühlingsnacht könnte auch ganz einfach ein Abschütteln der "alten bösen Lieder", diesmal allerdings ironiefrei, wie in der Dichterliebe bedeuten.
Über eine Diskussion zu dem Zyklus als Ganzes würde ich mich freuen. Fragen, Anmerkungen,Deutungen sind sehr willkommen. F.Q.
ab (15.02.2010, 10:08): Original von Fairy Queen Auf einer Burg
Was den Text angeht, bleiben mir Fragen offen.
Vielleicht interessiert Dich folgendes:
Erstarrte Idylle. Schumanns Eichendorff-Verständnis im Lied op. 39/VII (Auf einer Burg) * Karlheinz Schlager * Archiv für Musikwissenschaft, 33. Jahrg., H. 2. (1976), pp. 119-132 (article consists of 14 pages) * Published by: Franz Steiner Verlag siehe hier.