Rollenstudium und "Operngesang" -Ü

Hosenrolle1 (03.11.2016, 11:02):
Ein wenig kreativer Titel, ich weiß, ich kann das auch noch nachträglich ändern.

Im "Was höre ich gerade jetzt"-Thread begann eine Diskussion zwischen Keith M. C. und mir, die man vielleicht lieber in einen passenden Thread verlegen sollte.

Wenn Keith M. C. und Satie nichts dagegen haben, würde ich darum bitten, die Beiträge 51, 52 und 53 hier her zu verschieben :)




LG,
Hosenrolle1
satie (04.11.2016, 23:42):
Leider geht simples Verschieben nicht mehr, ich kopiere es und füge es hier als Zitate ein. Man will damit verhindern, dass Beiträge aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen werden... Das Kopieren ist ziemlich mühsam, daher bitte bitte: so etwas nur im Notfall von mir verlangen!! Danke!! Satie




Zu: „Voi che sapete“(Le nozze di Figaro)




Lieber Hosenrolle1,


Suzanne Danco hat den Schwerpunkt selten auf gesteigerte Expressivität gelegt. Ihre Wirkung erzielte sie durch saubere Technik und Diktion. Die emotionale Wirkung erreichte sie durch „kühle“ Klarheit; sie ist als Belgierin der französischen Gesangsschule näher. Eigentlich sollte der Gesang von Suzanne Danco Deinen bevorzugten Kriterien nahe kommen. Du schreibst sie klingt „jung“. Das spricht für ihren Gesang, denn sie war bei der Aufnahme von 1955 bereits etwas älter; sie ist 1911 geboren.


Die Aufnahme von 1948 ist zurückhaltender gesungen und technisch „verrauscht“; oder hörte ich die falsche Aufnahme? Ich bevorzuge die Aufnahme von 1955.


Alternativ höre und schaue Dir auf Youtube einmal diese beiden Künstlerinnen an:


Maria Ewing, vom Typ ein glänzender, sehr burschikoser Cherubino:


„bing.com/videos/search?q=youtu…BF08019EE84A55&FORM=VIRE“

Cecilia Bartoli, deren Gesang Dir nicht behagen wird (Vibrato im Gegensatz zu Danco u. a.), aber ihre Toneinfärbungen sind hervorragend. Beim Mimenspiel solltest Du gnädig sein und berücksichtigen, dass diese Übertreibungen in der Oper aufgrund der Entfernung zur Bühne ohne Kamera-Nahaufnahme anders wirken:


„bing.com/videos/search?q=Cecil…204CD21021EBF3&FORM=VIRE“

Bis dann.


P. S. Ich hoffe, dass die Links stimmen.

Nein, das war schon die richtige Aufnahme. Ich stimme dir da auch zu, wobei ich finde, dass beide Versionen sich irgendwie ergänzen. Die von 1955 hat eine VIEL bessere Tontechnik (ich vermute, die 48er wird eine Schellack-Aufnahme sein), und der Gesang gefällt mir hier von der Interpretation her (damit meine ich den Ausdruck, also wie man eine Figur spielt) auch besser.
Die 1948er Version finde ich, was die Stimme angeht, etwas besser, weil sie hier m.E. etwas jünger und schlanker klingt und ein bisschen weniger Vibrato einsetzt.


Die beiden Links (funktionieren beide!) habe ich mir ebenfalls angehört.
Ich weiß nicht, vielleicht bin ich zu streng, oder habe einen schlechten Geschmack, aber mir haben beide Versionen nicht zugesagt. Bei der Ewing hatte ich das Gefühl, dass der Gesang zu monoton klang, und es keine wirkliche Interpretation der Figur gab. Bestimmte Töne, die länger ausgehalten werden, wurden immer etwas forciert.


Bei der Bartoli hätte ich nach 5 Sekunden wieder abgedreht, aber ich wollte mir den ganzen Vortrag anhören. Das Minenspiel stört mich dabei gar nicht wirklich, aber die Stimme ist für mich VIEL zu tief, viel zu schwer, da geht mir völlig die jugendliche Leichtigkeit ab, der schlanke Sopran oder Mezzosopran.


"Voi che sapete" ist für mich vergleichbar mit dem "Abendsegen" aus HUG: beides sind ziemlich ruhige, leise Stücke, sparsam instrumentiert, und beide werden quasi von Kindern gesungen. Der Abendsegen wird so oft dramatisch gesungen, viel Vibrato, forcieren und heftiges Crescendo, als müsste man sich gegen ein riesiges Wagnerorchester stemmen, und auch die Cherubino-Arie, wo überhaupt nur ein paar Streicher pizzicati spielen und wenige Holzbläser dabei sind, wird da - für meine Begriffe - unnötig dramatisch gesungen. Ich bin immer noch auf der Suche nach Interpretationen, die ich gelungen finde, und werde die dann auch hier vorstellen


Vermutlich ist das auch alles Geschmackssache, aber es ist schön, dass man sich hier darüber unterhalten kann, was einem gefällt und WIESO es einem gefällt. Einfach nur sagen "Gefällt mir" oder "Gefällt mir nicht" ist langweilig. Ich möchte ja auch wissen, wie andere Hörer diese Arie bzw. diese Figur interpretiert hören wollen.






LG,
Hosenrolle1
Lieber Hosenrolle1,


ja, genau. Ich halte die Arie - von M. Ewing gesungen - ebenfalls für sehr einförmig. Aber: Es gab lange Zeit die Vorgabe, innerhalb e i n e r Arie e i n e Stimmung auszudrücken. Bzgl. des Gesangs kenne ich auch bessere, aber der Typ 'Cherubino' gefällt mir hier sehr gut. Eben sehr burschikos, nicht so herb in der Wirkung wie z. B. A. Baltsa oder F. v. Stade.


Bzgl. C. Bartoli: Das wusste ich.


Bis dann.
Hosenrolle1 (05.11.2016, 15:07):
Aber: Es gab lange Zeit die Vorgabe, innerhalb e i n e r Arie e i n e Stimmung auszudrücken.
Wenn ich das richtig verstehe, meinst du damit, dass in einer Arie z.B. nur ein fröhlicher, oder nur ein trauriger, oder nur ein verschlagener Tonfall ok war, und keine "Stimmungswechsel"?

Ich habe mir kürzlich diese Arie von Angelika Kirchschlager angehört. Ich mochte ihre Stimme ebenfalls nicht, aber mir gefiel, dass sie da mehr Gefühl in die Worte legte, manche Wörter stärker betont hat, andere schwächer. Besonders fiel mir das bei der Stelle "Sento un affetto pien di desir,", wo sie das Wort "pien" eher gehaucht als gesungen hat; eben so, als würde man den Text und das eigene Gefühl transportieren wollen, und nicht, wie laut und voll man in allen Lagen singen kann.


Ich hoffe ja immer noch, wie damals beim Hänsel, auf einen Cherubino zu stoßen, wo ich sage "Ja, der ist für mich genau richtig, da stimmt einfach alles, Timbre, Stimme, Ausdruck".


Dazu habe ich mich schon durch mehrere YouTube Clips durchgeklickt, und ich höre mir auch unbekannte Nachwuchssängerinnen an. Was mir da aber leider auffällt: viele junge Sängerinnen, die vielleicht so um die 16, 17, 18 herum sind, und diese Arie singen, versuchen sehr gekünstelt, "großen Operngesang" nachzumachen, indem sie übertrieben viel Vibrato einsetzen und viel tiefer und schwerer singen. Mir scheint, dass viele junge Nachwuchssänger meinen, dass Operngesang IMMER so klingen müsse, und alles andere wäre unpassend. Man richtet sich offenbar nicht danach, wer die Figur ist, und wie alt sie ist, sondern folgt lieber einen "allgemeinen" Vorstellung davon, wie Operngesang sein muss.





LG,
Hosenrolle1
Nicolas_Aine (08.11.2016, 01:34):
Das gibt es leider nicht nur bei Sängern. Auch viele Instrumentalisten, insbesondere junge, versuchen oft mehr zu zeigen, was sie können, als eine sinnvolle Interpretation zu entwickeln :( Ein großes Problem in dem Zusammenhang sind m. E. Wettbewerbe, bei denen sehr oft der gewinnt, der am virtuosesten spielt...

Vor ein oder zwei Jahren habe ich an einem Meisterkurs bei Ingolf Turban teilgenommen. Dort war eine junge, 14jährige Geigerin, die Tchaikovsky gespielt hat. Sie hat das im Unterricht dann erstmal vorgespielt, und das war v. a. auf Virtuosität getrimmt, Spitzentöne rausgeknallt, Läufe brillant, aber auch die gesanglichen Stellen, die es in diesem Konzert ja so viel gibt, dick, fett, Hauptsache Klang gezeigt und schnell vorbei, dass man wieder mit einer Passage angeben kann. Nachdem Turban sie etwas "zusammengeschissen" hat (auf seine wie immer äußerst freundliche und nette Art), hat sie den ersten Satz nochmal gespielt - wie verwandelt. Das war unglaublich, so intim, berührend, gesanglich, und es gibt ja in diesem Konzert trotzdem noch mehr als genug Möglichkeiten, seine Technik vorzuführen. Nur hat Turban dann halt gesagt, dass sie so nicht unbedingt beim Wettbewerb gewinnt... und um eine Karriere zu starten, sind Wettbewerbe halt leider doch eine gute Möglichkeit.