Rossini: Semiramide - Die Apotheose der reinen Musik !

palestrina (06.01.2016, 11:07):
SEMIRAMIDE
Melodramma Tragico in due Atti -Opera Seria-
Libretto, Gaetano Rossi nach Voltaires "La Tragedie de Sémiramis"

Uraufführung am 3.2.1823 "Teatro La Fenice" Venedig , fast auf den Tag genau 10Jahre nach dem "Tancredi" auch auf ein Libretto von G.Rossi.
Es war die letzte Oper die Rossini für ein ital. Theater schrieb, anderseits steht Semiramide auch abseits der vorangegangenen ital.Werke.
In der zeitgenössischen Bühnenwelt Italiens waren Rossinis neapolitanische Opern ganz offensichtlich Experimente:Formal waren sie aber neu.
Der kühne Einsatz des Chores die Instrumentation erforderte ein größeres Orchester , auch wurde der Glanz und die Macht der menschlichen Stimme ausgenutzt.
Je mehr Rossini aus der Konvention der Frühwerke hinauswuchs , umso mehr geriet er in den Ruf schwierig und "deutsch" zu sein, Stendhal fand z.B.die Semiramide auch zu deutsch.

Vom Standpunkt der musikalischen Struktur betrachtet ist Semiramide trotz allem eine konservative Oper die kompositorisch mit den Frühwerken der neapolitanischen Schaffenszeit bricht. Sicher ist jedoch das Semiramide das wichtigste Bindeglied zwischen Rossini und der nachfolgenden ital.Komponisten Generation ist , man nehme nur die Duette Semiramide/Arsace , es sind direkte Vorläufer der Duette aus Norma. Rudolfo Celetti bezeichnet"Semiramide" als letzte und schönste Oper barocker Tradition, hierzu muss man ergänzen, das sie viel mehr ist nämlich die Vollendung des BELCANTO als Verschmelzung von Wahrheit und Kunst! Der Zauber der Semiramide und ihre Schönheit dürfen auch heute noch dem Publikum zugänglich sein.

Die Handlung und ihre Personen : Grundriss
Die Handlung spielt in Babylon im 9.Jahrhundert v.Chr.
SEMIRAMIDE , Königin von Babylon
ARSACE, Befehlshaber der Armee
ASSUR, Prinz aus dem Stamm Baals
AZEMA, Prinzessin aus dem Stamm Baals
IDRENO, indischer Prinz
OROE, Oberprister
MITRANE, Haupmann
Schatten des Ninos

Viel Jahre ehe die Handlung einsetzt , hatte Königin Semiramide sich mit Assur verschworen, ihren Gemahl König Ninos zu ermorden , um selbst auf den Thron zu gelangen.
In der Verwirrung des Anschlags der gelang, war der kleine Prinz Ninyas verschwunden.

1.Akt
Der Oberprister Oroe lässt die Tore des Tempels öffnen: Es ziehen Prinz Assur mit seinen Satrapen und Prinz Idreno mit Gefolge ein .Königin Semiramide , in deren Gefolge sich die Prinzessin Azema befindet. Nun endlich soll sie nach der Ermordung ihres Gemahls , einen Nachfolger auf den Thron auswählen. Ein Blitz jedoch löscht das Altarfeuer, verbreitet allgemeinen Schrecken und hindert die Königin somit daran, ihre Wahl zutreffen.Die Götter verlangen nach Sühne des Königsmordes.
Der Feldherr Arsace vertraut Assur seine liebe zu Azema an und erregt damit den Zorn es Prinzen.
Semiramide erfährt den Spruch des Orakels von Memphis : Friede im Lande und eine neue Vermählung. Da Semiramide ihrerseits Arsace liebt deutet sie das Orakel in ihrem Sinne und verkündet vor dem Grabmahl Ninos , Arsce zu ihrem Gemahl und damit zum neuen König machen zu wollen.Azema soll Idreno hiraten.
Mit einem göttlichen Blitz öffnet sich Ninos Grab und sein Schatten tritt furchterregend auf: Arsace muss König werden , aber zuvor muss er über dem Grabe Ninos ein Opfer bringen.

2.Akt
Assur, Semiramides Helfer beim Königsmord , ruft ihr den Augenblick des gemeinsamen Verbrechens ins Gedächtnis zurück.
Der Oberprister Oroe enthüllt Arsace die Namen der beiden Königsmörder und seine wahre Identität: Er , Arsace, ist in Wirklichkeit der totgeglaubte Sohn des Königs Nino und Semiramides. Die Prister überreichen das Schwert und fordern von ihm, Assur zu töten. Assur will mit Gewalt in das Grabmahl Ninos eindringen und Arsace umbringen. Doch als er sich der Tür zu den Gewölben nähert verfällt er in Wahnsinn. Semiramide muss dem hinzukommenden Arsace den schrecklichen Mord an Nino zugeben . Arsace ist jedoch außerstande, an der Frau, die er nunmehr als seine Mutter erkennen muss, Rache zu nehmen.
Assur, Arsace und Semiramide befinden sich-ohne von einander zu wissen- im Inneren des Grabes: In der Finsternis des Gruft tötet Arsace Semiramide in dem Glauben, es sei Assur.
Als er den Irrtum bemerkt , will er sich das Leben nehmen .Aber das Volk ruft nach ihm als den neuen König !
Die Ödipus Situation wir somit auf brutale Weise durch den Muttermord gelöst!

Nummern


Sinfonia
Akt I
1. Introduzione Sì, gran Nume, t'intesi (Oroe, Chor, Idreno, Assur, Oroe, Azema, Mitrane, Semiramide)
2. Rezitativ und Cavatina: Eccomi alfine in Babilonia - Ah! quel giorno ognor rammento (Arsace)
3. Duett: Bella imago degli dei (Arsace, Assur)
4. Aria: O, me felice! - Ah dov'è, dov'è il cimento (Idreno)
5. Chor und Cavatina: Serena i vaghi rai - Bel raggio lusinghiero (Semiramide)
6. Duettino: Serbami ognor sì fido (Semiramide, Arsace)
7. Finale I Ergi omai la fronte altera (Chor, Semiramide, Assur, Arsace, Idreno, Oroe, Azema, Mitrane, Schatten des Nino)

Akt II
8. Duett: Se la vita ancor t'è cara (Semiramide, Assur)
9. Chor, Szene und Arie: In questo augusto soggiorno arcano - Ebben, compiasi omai - In sì barbara sciagura (Arsace)
10. Aria: La speranza più soave (Idreno)
11. Duett: Ebbene...a te... (Semiramide, Arsace)
12. Szene, Chor und Aria: Il di già cade - Ah la sorte ci tradì - Deh ti ferma... ti placa... perdona (Assur)
13. Finale II: Un traditor, con empio ardir (Chor, Arsace, Oroe, Assur, Semiramide)

Das Libretto hält sich eng an Voltaires Schauspiel.

Die Ouvertüre ist ist eine der kunstreichsten und im Orchestersatz aufwendigsten überhaupt.
Abgesehen von der langen Introduktion und den beiden großen Finali enthält sie sechs Solo Arien, 2 ohne 4mit Chor und vier Duette.
Manche Arien sind auch reine Vortragsnummern , so Arsaces Kavatina, Idrenos Arie"Ah dove" und Semiramides "Bel raggio" .
Andere Arien sind stärker in die Handlung einbezogen , so Arsaces Szene und Arie in der er seine wahre Herkunft erfährt "Ebben compiasi omai" und die Wahsinnsszene des Assur " Il di gia cade" in dieser veristischen Szene weist Rossini schon weit in die Zukunft .
Bei den Duetten sei erwähnt , besonders das Duett Semiramide/Arsace nachdem sie erfahren hat das Arsace ihr Sohn ist "Giorno d'orror"
Die duettierenden Cabaletten enthalten oft Rossinis schönste Melodien "Va', superbo" Arsace/Assur oder "Alle piu care immagine" Semiramide/Arsace.
Erwähnenswert ist noch das bewegende Terzett in der letzten Szene "L' usato ardir" Assur, Semiramide , Arsace!

Und nun wünsche ich viel Freude beim anhören einer meiner liebsten Rossini Opern !

LG palestrina

Quellen, Reto Müller, Philip Gossett , Rudolfo Celetti , Programmheft der Oper Frankfurt sowie Wikipedia
palestrina (06.01.2016, 13:40):
Bevor die kritische Ausgabe von Gosset und Zedda herauskam für die Fondazione Rossini , Pesaro, waren die Aufnahmen stark gekürzt .
Alle Sutherland Live Aufnahmen !

http://ecx.images-amazon.com/images/I/412GX64FSML._SY350_.jpg

Auch diese Studio GA von 1966 ist etwas gekürzt , erstens fehlt die schöne Arie des Idreno aus dem 1.Akt und der Schluss der Oper hat eine Umstellungen in der Reihenfolge !
Das war meine erste Begegnung mit dieser Oper , und damals war man DANKBAR dafür , bis man div. andere Aufnahmen hörte und feststelle da ist noch mehr Potential drin !
Das beste an dieser Aufnahme sind die beiden Damen Horne/Sutherland , da geht ganz schön die Post ab , aber die Herren liegen weit dahinter , von gut bis zum vergessen (Tenor) !

Machmal höre ich mir dann mal die Duette an , aber als GA nicht mehr !

LG palestrina
palestrina (06.01.2016, 21:59):
Nun komme ich zur zweiten GA (Studio) ,die bis auf unmerkliche kleinste Striche , soweit vollständig ist !

http://ecx.images-amazon.com/images/I/616DECF6KGL._SY350_.gif https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/61o+clbDhkL._CR37,0,426,426_UX256.jpg

Das größte plus dieser Aufn. ist Samuel Ramey als Assur, das ist schon ein Pfund an Ausdruck und Beweglichkeit der Stimme . Als weiterer plus Punkt , Frank Lopardo als Idreno , kein säuselnder Rossini Tenor sondern aus echten Saft und Kraft !
Nun zu den Damen, Cheryl Studer ist eine sehr geerdete Semiramide etwas entfernt vom Klischee der Koloratursoprane auf Hochdruck , macht sie aber aber für ihre Verhältnisse sehr gut !
Und dann noch Jennifer Larmore als Arsace , beim ersten hören wünschte ich mir etwas mehr Tiefe , aber später hat sie mich schon überzeugt mit ihrem gut verständlichem Mezzo und der Kraft im Forte !
Hier sei auch das Orchester und der Chor besonders hervorzuheben , das Tempo könnte man hier und da etwas anziehen !

Alles in allem , eine sehr gute Aufnahme !

LG palestrina
Amonasro (12.04.2016, 23:28):
Ich kenne Semiramide noch nicht sehr lange, finde sie aber eine der musikalisch ansprechendsten Opern von Rossini. Die Musik wirkt weniger plakativ als in einigen seiner früheren Opern. Hier kam ihm sicher auch das Libretto sehr entgegen, dass einige wirklich subtile Situationen bereithält, z. B. wenn Assur Semiramide die Mordnacht und Ninos Geist in Erinnerung ruft oder die Szene, in der er selbst von der Furcht vor dem Geist gepackt wird. Semiramide ist auch deutlich ambivalenter als so manch andere Titelfigur bei Rossini.

Meine einzige Aufnahme ist diese:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51lbURTrvNL._SL350_.jpg

und ich bin sehr zufrieden. Zuerst hätte ich fast die Sutherland/Horne-Aufnahme gekauft; da die aber anscheinend stark gekürzt ist, bin ich froh eine andere zu haben. Ehrlich gesagt wüsste ich gar nicht, was es hier zu kürzen gibt: Es gibt sowieso nur relativ kurze, und dazu abwechslungsreich orchestrierte, Rezitative, sodass das ganze beim Hören fast durchkomponiert wirkt. Ich langweile mich dabei keine Minute.
Alex Penda klingt teilweise etwas schrill in der Höhe, macht das aber mit einer sehr dramatischen Gestaltung mehr als wett. Erfahrungsgemäß vermute ich, dass bei Joan Sutherland (die ich sehr gerne höre) dagegen die Dramatik etwas auf der Strecke bleibt. Mit Marianna Pizzolato harmoniert sie in den Duetten hervorragend. John Osborn (neben Lorenzo Regazzo der einzige, den ich schon vor dieser Aufnahme kannte) singt wie immer tadellos, Lorenzo Regazzo könnte im Duett mit Semiramide vielleicht noch einen Zacken böser klingen, das ist aber Kritik auf hohem Niveau. Auch die restliche Besetzung lässt bei mir erstmal keine Wünsche offen.

Auf youtube habe ich Ausschnitte mit Marilyn Horne und Samuel Ramey gehört, die ich auch sehr beeindruckend fand.

Auffällig finde ich, dass es fast nur Arien und Duette gibt, obwohl die größeren Ensembles (Terzette,....,Sextette) bei Rossini sonst zu den Highlights gehören. Auch dass der Tenor hier quasi eine Nebenrolle spielt (in anderen wie Otello wimmelt es ja geradezu von Tenören) und die weibliche Hälfte des Liebespaares Azema fast gar nichts zu singen hat, finde ich ungewöhnlich. Das Herzstück des Ganzen sind hier auf jeden Fall die Duette der drei Hauptfiguren und die beiden Finali.

Für die Bayern vielleicht erwähnenswert: 2017 wird es Semiramide an der BSO geben. Die Besetzung liest sich sehr interessant (DiDonato, Barcellona, Brownlee, Esposito).

Gruß Amonasro :hello
Falstaff (01.03.2017, 23:45):
Meine Erstbegegnung mit der 'Semiramide' war eine konzertante Aufführung in Hamburg in dieser Besetzung:



Allerdings dirigierte, wenn mich nicht alles täuscht, Michel Plasson. Sicher bin ich mir aber nicht.

Die Caballé war, es muss ca. 1983 gewesen sein, schon ein wenig über ihren stimmlichen Höhepunkt hinaus. Da waren Schärfen zu vernehmen und die Gestaltung klang ein wenig routiniert. (Gott, dass ist jetzt wirklich meckern auf hohem Niveau. :) )

Araiza blieb blass. Zuverlässig und auf gutem Niveau, wie damals sehr häufig. Aber er konnte mit den ausgesprochenen Rossini-Spezialisten nicht mithalten.

Ramey und Horne waren schlichtweg die Ereignisse des Abends. Die Horne in gewohnt stupender Form sang wirklich alles in Grund und Boden. Und das meine ich ausnahmslos positiv. So etwas hatte ich vorher live noch nicht erlebt. Mit ihr erblühte nicht nur die Person des Arsace, sondern v.a. die Musik Rossinis. So muss man ihn singen. Mit all den Verzierungen, Ausschmückungen, auch Freiheiten. Dann, und nur dann kann man erleben, welche einmalige Qualität dieser Komponist hatte und was seine Musik in einem selber 'anrichten' kann. Unabhängig vom Drama zeigt er uns, wie geradezu körperlich faszinierend, wie erotisch es ist, wenn Menschen an die Grenzen ihrer (hier stimmlichen) Möglichkeiten gehen.

Ramey stand der Horne quasi in nichts nach. Ein Bass mit dieser belcantistischen Agilität, mit dieser Virtuosität. Das live erleben zu dürfen, war eine Sternstunde für mich. Unvergessen und danach auch nicht mehr erlebt.

Nicht nur ich war an diesem Abend im Delirium. Das Haus 'kam runter'. In einer Tour und immer wieder. Es war ein Rausch.

:hello Falstaff