Salzburger Festspiele 2012: Carmen

Hyacinth (13.08.2012, 21:52):
Am Sonntag kam ich in den Genuss einer Freikarte der Generalprobe von Carmen im großen Festspielhaus.

Ein Mensch kam vor Beginn der Probe auf die Bühne und verkündete, die vorsichtige Singweise der Sänger zu entschuldigen, da sie sich für die Premiere schonen würden. Ich war gespannt.

Das Bühnenbild im ersten Akt bestand aus einer orangen Spanplattenwand mit Gitarristenbild drauf, die sich dann nach dem Prelude auseinanderschob.
Die Inszenierung ist im spanischen Bürgerkrieg angesiedelt, die Regisseurin Aletta Collins findet nur so die übermäßige Präsenz von Soldaten logisch.
Außerdem hat sie einen Schwerpunkt auf den Tanz gelegt (sie ist ja Choreografin). Was in Interviews alles lang und breit erklärt wird, ist eher unspektakulär. Eben weil es wenig mit Flamenco zu tun hat, sondern eher mit Hüftenwackeln und permanentem Rock hochschupfen. Carmen hat eindeutig eine erotische Komponente, aber in dieser Inszenierung wird mit eindeutigen Posen und nicht viel dahinter übertrieben. Ebenso sind die Soldaten hinter allem her, was zwei Beine hat. Auch Carmen landet nach der Habanera am Boden. Die Ironie dabei - Carmens Worte "Prends gard a toi" und ihre offensichtliche körperliche Unterlegenheit gegen das männliche Geschlecht - ist nicht zu übersehen.

Dann hat sich Collins allerdings etwas wunderschönes einfallen lassen. Der Moment in dem Carmen Jose zum ersten Mal begegnet findet nicht wie immer statt à la "Jose putzt sein Gewehr und Carmen schmeißt ihm eine Blume vor die Füße". Jose hält Carmen die Hand hin und zieht sie auf, wenn auch ein Klischee ein magischer Moment. Im Hintergrund hört man den Todesmoment und einem wird klar, dass diese Romantik, die aus einer Hollywood-Komödie stammen könnte nicht von Dauer ist.

Im zweiten Akt befindet man sich eher in einem mit rotem Samt ausstaffierten Edelpuff als in einer Schenke, aber gut. Schon als man Carmen vor ihrem ersten Auftritt mit Zuniga im Aufzug gesehen hat, beide damit beschäftigt ihre jeweiligen Kleidungsstücke zuzuknöpfen, musste man sich denken, dass es bei der Inszenierung keine Zweideutigkeiten, sondern Eindeutigkeiten gibt.
Die Geschehnisse hier sind allerdings vergleichsweise harmlos, Carmen tanzt, Escarmillo singt und Zuniga wird erschossen (die Regisseurin meinte, Jose müsste einen wirklichen Grund haben um mit Carmen zu gehen). Zum Schluss hängen Männer von den Lustern und laden Gewehre hinunter. Die Chefin des Etablissements hilft beim Schmuggeln tatkräftig mit, keine sonderliche Überraschung. Dass Mercedes und Frasquita Zwillinge sind, ist zwar ganz nett, aber eher unbedeutend.

Geschmuggelt wird hier ebenfalls nicht in den Bergen sondern in einem Tunnel. Während Jose oben Wache hält, singt Micaela ihre Arie in der trockenen Kanalisation. In der Kartenszene hockt Carmen alleine auf der Brücke, die das Orchester vom Zuschauerraum trennt. Escarmillo wirkt hier ziemlich fehl am Platz. Was hat ein Torero in einem Kanal zu suchen? Noch dazu mit Wanderstab?

Der Tunnel fährt hinauf und zum Vorschein kommen Häuserfronten, die am Bühnenende eine enge Gasse bilden. Es werden die obligatorischen spanischen Fahnen geschwungen, allerdings keine Orangen verkauft - der Text wurde dahingehend geändert - und es marschieren keine Toreros, sondern Männer mit übergroßen Masken herein, die für einen berühmten Torero stehen. Escarmillo und Carmen sind überhaupt nicht zusammenpassend gekleidet. Carmens Kleid passt nicht auf die Straßen von Sevilla, eher zum englischen Tee.
Das Finale ist wirklich eindrucksvoll. Denn der gewohnte Moment verstreicht und Carmen lebt immer noch. Sie dreht sich um und geht Richtung Arena, woraus man schon längst den Chor hört. Allgemeine Verwirrung und umso mehr Erschrecken, als Jose ihr hinterherläuft und sie von hinten ersticht. Dann werden die beiden von langsam näherkommenden Tänzerinnen umringt.

Magdalena Kozena ist für mich nicht die ideale Carmen. Ihre Stimme ist voll und strömt an den lyrischen Stellen, allerdings fehlt es ihr an dramatischer Tiefe und Sinnlichkeit. Die strahlt sie leider auch nicht aus. Es liegt ganz sicher nicht an ihrer Haarfarbe, für mich hat sie einfach nicht das gewisse Etwas, das Carmen haben muss. Wie sie ans gefesselt Stiegen die Seguidille sind, verstehe ich nicht ganz, wieso Jose sie freilassen würde. Tut er auch nicht, Carmen klaut ihm den Schlüssel.
In der Todesszene ist sie erschüttert, aber ihre tiefen Ausbrüche "la mort!" hört man kaum.
Und das Tanzen bei Lillas Pastia wird eher peinlich. Wahrscheinlich kam Collins die Idee, Carmen ungelenke, hölzerne und stockende Bewegungen machen zu lassen, die überhaupt nicht zur Musik passen. Vielleicht kann Kozena auch nicht tanzen.
Die Posen, in denen sie sich permanent befindet, machen es ihr schwer Nuancen oder verschiedene Stimmungen zu spielen. Diese Carmen hockt die ganze Zeit breitbeinig mit hochgeschobenem Rock herum, kleine Gesten gibt es nicht.
Die Regie inszeniert sie nicht als Carmen, die freiwillig in den Tod geht, sie wirkt eher belustigt über Don Jose und gelangweilt. Das nimmt zwar nicht ihrem plötzlichem Tod, aber dem Schlussduett einiges an Stärke, was sehr schade ist.
Kozena war weder schlecht noch besonders gut, schauspielerisch ganz ok ist als Carmen aber zu wenig.

Auf Jonas Kaufmann war ich ja besonders gespannt und meine Erwartungen haben sich großteils erfüllt. Er hatte ab und zu seine etwas "geschlossenen" Töne in der Mittellage, mir ist aber er erst in der Mitte der ersten Aktes eingefallen, dass ich auf etwaiges "Geknödel" achten wollte. Das "Geknödel" kam auch nicht mehr. Er legt den Jose fast schizophren an, könnte man sagen. Am Anfang ist er ein ehrlicher Mensch, man sieht ihm seine Zuneigung zu Micaela deutlich an, dagegen ist seine Liebe zu Carmen eher zögerlich, da er sich am Anfang abweisend verhält. Seine Fassade bröckelt später, als man es gewohnt ist. Im zweiten Akt wird er brutal und aggressiv, als Carmen ihn nicht gehen lassen will. Seine Blumenarie ist voll der Reue und der Entschuldigung, sein "je t'aime" das leiseste hörbare Pianissimo und erzeugt einfach Gänsehaut.
Einzig als Micaela kommt blitzt sein alter Charakter wieder auf, im vierten Akt ist er dann voll Rache, Bitterkeit und Entschlossenheit. Er will zustechen, aber wirft das Messer weg und wird von Carmen ausgelacht.
Seine letzten Worte zu ihr sind wie nach dem Streit: liebend und reuevoll.

Genia Kühmeier singt die Micaela seit Jahren und man könnte meinen, sie wäre eine Überbesetzung. Doch in dieser Inszenierung ist Micaela eine Frau Anfang dreißig, Krankenschwester vom Beruf (weil nur die zu Kriegszeiten alleine reisen durften) die Jose als letzte Chance hat. Sie ist jedoch ebenso Hals über Kopf verliebt in ihn, verträumt und mädchenhaft, doch sie hat die nötige Bodenhaftung und Dramatik.
Wie sie ihre Ausbrüche gegen Carmen in der Arie im dritten Akt schmettert, hat man den Eindruck, sie wolle Carmen selbst den Kampf ansagen. Sie ist hin- und hergerissen und zwischen Angst und Liebe. Und ein Funken Wut ist auch dabei. Ich habe von ihr noch nie so eine dramatische Micaela, gesungen wie gepielt, gesehen. Der Moment, als sie von Jose an die Tunnelwand geschleudert am Boden kauerte, ihm sagte, das seine Mutter im Sterben liege und seine ganze Wut wich und ihn zu einem gebrochenen Mann machte, war der stärkste der ganzen Oper.

Der Escarmillo von Kostas Smoriginas war so unauffällig, das mir jetzt - einen Tag nachher - kaum etwas von ihm in Erinnerung ist. Die Arie war weder gebrüllt, noch zu leise, aber nicht sehr aufregend. Das Liebesduett mit Carmen im letzten Akt war sehr schön, aber auch nicht besonders bemerkenswert. Daher hülle ich mich lieber in den Mantel des Schweigens, als etwas falsches zu sagen.

Der Rest des Ensembles war recht gut, das Schmugglerquintett wurde durch aufstehen und hinsetzen choreographiert, was albern wirkte. Der Chor war wie immer manchmal ein bisschen uneinig mit dem Orchester, aber im Großen und Ganzen gut.

Da ich von Dirigieren wenig Ahnung habe, enthalte ich mich genauen Aussagen über das Dirigat von Sir Simon Rattle, nur so viel: Die Tempi waren gut - das übliche eben, das Orchester nie zu laut und die Bläsersoli und Zwischenspiele sehr schön.

Das waren meine ausführlichen Eindrücke :wink

Hyacinth :hello
Severina (13.08.2012, 22:35):
Liebe Hyacinth,

vielen Dank für diesen Bericht, nun kann mir ich zu den akustischen Eindrücken der Radioübertragung bei den Osterfestspielen die Optik dazudenken!
Schon da hatte ich den Eindruck, dass Magdalena Kozena alles andere als eine ideale Carmen ist, und Du bestätigst das nun. Auch Kaufmann schien mir zumindest am Radioapparat nicht so engagiert wie sonst, woraus ich schloss, dass möglicherweise die Chemie zwischen ihm und seiner Partnerin nicht so ganz stimmte. Aber natürlich ist das immer eine gewagte These, wenn man die Szene nicht vor Augen hat.
Welchen Eindruck hattest denn Du?

Wirklich überzeugt hat mich zu Ostern nur Genia Kühmeier. Ich finde es ja immer sehr interessant, wenn ein Regisseur die Micaela nicht nur als unbedarftes, naives Hascherl zeigt, denn in der Partie steckt wesentlich mehr, wie schon Matthias Hartmann in Zürich gezeigt hat.

Die Escamillos sind wohl immer ein Problem, in den letzten Jahren habe ich keinen mehr erlebt, der mich rundum überzeugt hätte.

lg Severina :hello
Hyacinth (13.08.2012, 22:49):
Kaufmann war sehr engagiert. Vor allem eben seine aggressiven Ausbrüche gegenüber Carmen waren sehr stark, beim Kennenlernen (wie oben beschrieben) war die Chemie zwischen den beiden da, aber danach wars mit der Romantik vorbei. Es ist ja schon im Sinne des Stückes, dass es in der Beziehung der beiden keinen perfekten Moment nach dem ersten gibt, aber hier wurde das von der Regie zu sehr betont. Jose war auch weniger verliebt als wütend und genervt von Carmens Allüren. Dann kamen aber immer so Momente, wo seine Gefühle durchblitzten, eben die Blumenarie. Kaufmann hat das sehr gut gemacht, finde ich.

Kühmeier war für mich auch das perfekteste Gesamtpaket (obwohl ich da manchmal nicht ganz objektiv sein kann :wink ). Ich habe versucht das Erstaunen und die Gänsehaut zu beschreiben, als ich ihre Micaela gesehen habe, ich weiß nicht, obs mir gelungen ist, auf jeden Fall hat sie mich einmal mehr fasziniert, mehr als je zuvor, vor allem, weil sie die nötige Dramatik in der Stimme und im Spiel hatte und aber trotzdem unglaublich verknallt in Jose war.

Ja, ich habe mein ganzes Leben noch keinen Escarmillo gesehen, den ich super fand. Laurent Naouri finde ich toll, aber ich habe ihn nur auf Youtube gesehen.

Hyacinth :hello
Ingrid (13.08.2012, 23:01):
Bin über Deinen Bericht richtig glücklich, liebe Hyacinth. Kannst Dir sicher denken, warum :wink

Wünsche Dir noch eine ganz spannende und schöne Zeit in Salzburg.
:hello Ingrid
Hyacinth (13.08.2012, 23:04):
Ich war auch ganz glücklich, dass mein neues Bild von Kaufmann nicht gleich im entstehen zerschmettert wurde. Mein Lieblingssänger wird er nicht, aber mir fällt so schnell kein besserer Jose ein :wink
Ingrid (14.08.2012, 10:43):
Original von Hyacinth
Ich war auch ganz glücklich, dass mein neues Bild von Kaufmann nicht gleich im entstehen zerschmettert wurde. Mein Lieblingssänger wird er nicht, aber mir fällt so schnell kein besserer Jose ein :wink

Mir eben auch nicht, besonders, da ich ihn schon mehrmals zusammen mit Elina Garanca live erleben durfte, die ja auch einige als nicht so ideal ansehen. Zusammen waren sie einfach atemberaubend gut. Da stimmte halt auch die Chemie zwischen beiden und beider Schauspielfreude spürte man bis in das hinterste Eckchen. Dadurch wurde auch jeder Abend ein klein wenig anders und ein enorm spannendes Erlebnis.

Zumindest konnte Dich Jonas Kaufmann nun doch dazu bringen, ihn als einen sehr intelligenten Sänger und Gestalter zu sehen und vielleicht kommen mit der Zeit ja noch mehr Rollen dazu, die Dich überzeugen. Schätze mal, dass ihn so eine Entwicklung sehr viel mehr freut, als wenn man einfach auf diesen Hype-Zug aufspringt. Ich war z.B. nach seinem ersten Konzert in München auch ziemlich enttäuscht, nachdem mich sein Florestan in Zürich fast umgeworfen hat. Alles braucht seine Zeit.

:hello Ingrid
Hyacinth (14.08.2012, 11:04):
*NeidNeidNeid* :wink Elina Garanca ist meine ideale Carmen, aber Carmen ist eben eine große Geschmackssache, daher verstehe ich auch, dass manche sie nicht so passend finden.

Hyacinth :hello
Billy Budd (14.08.2012, 11:21):
Original von Hyacinth
Carmen ist eben eine große Geschmackssache
Übrigens gibt es hier einen Thread dazu:
Wer ist Eure Carmen?
Billy :hello
Karolus Minus (14.08.2012, 14:14):
Hallo Hyacinth,
erstmal vielen Dank für den langen und vor allem sehr differenzierten Bericht.

Ich würd aber gern wissen, welche Fassung gespielt worden ist. Die mit den Rezitativen von Guiraud oder die - meist ziemlich gekürzte - mit den Original-Dialogen? Und - falls letztere - sind die Melodram-Passagen (also gesprochener Text mit Musik dazu) gemacht worden?
Lg
Karolus Minus
Hyacinth (14.08.2012, 14:31):
Ja, es war die Dialogfassung, Rattle wollte die ursprüngliche Fassung rekonstruieren, soweit ich weiß, Melodrampassagen waren auch ein paar dabei (zum Beispiel Dialog Jose - Morales im 1. Akt). Die Habanera war allerdings in der gewohnten Fassung, nicht der ursprünglichen, was sicher lustig gewesen wäre :wink

Hyacinth :hello
Karolus Minus (14.08.2012, 17:30):
Original von Hyacinth
Ja, es war die Dialogfassung, Rattle wollte die ursprüngliche Fassung rekonstruieren, soweit ich weiß, Melodrampassagen waren auch ein paar dabei (zum Beispiel Dialog Jose - Morales im 1. Akt). Die Habanera war allerdings in der gewohnten Fassung, nicht der ursprünglichen, was sicher lustig gewesen wäre :wink

Hyacinth :hello

Die "Erst"-Habanera kenn ich nur aus einem Garanca-Konzert, die ist ja ein völlig anderes Stück (für meine Ohren das interessantere, aber vielleicht auch nur, weil einem die übliche zu den Ohren wieder rauskommt).

Hat es am Ende vom ersten Akt auch die übliche Variante gegeben? In Zürich ist nämlich der allerletzte Schluß, wenn José Carmen abführt und dann laufen läßt, deutlich kürzer, das kannte ich vorher gar nicht. Und dort ist im Abspann (oder vorneweg) "revidiert nach dem Autograph" angegeben, wenn ich mich nicht irre.
Lg
Karolus Minus
Hyacinth (14.08.2012, 19:30):
Genau, Garanca hat die Urfassung der Habanera auch auf ihrer gleichnamigen CD drauf. Das Stück hat einen ganz anderen Charakter und da wird das "Prend gard a toi" nicht von schmeichelnden Tönen untermalt. Es ist beides spannend, die heutzutage übliche Fassung vielleicht nicht so direkt und gibt auch Möglichkeiten auf Stimmungen zwischen den Tönen, weil die Musik nicht so plakativ ist.
Aber mir geht es genauso, mir hängt die Habanera - vor allem nach 5 Tagen Carmen-Camp - zu den Ohren raus.

Ich glaube, der Schluss war wie immer, aber ich bin mir nicht ganz sicher, auswendig kann ich Carmen noch nicht :wink

Hyacinth :hello
Hyacinth (15.08.2012, 12:11):
Ausschnitt aus der Kritik vom BR:

Dass sich ein Mann für Carmen interessiert und nicht für die fühlende, menschliche Micaela ist nach dieser Produktion unverständlich.

Hatte wohl nicht nur ich den Eindruck :D

Hyacinth :hello