satie (19.04.2006, 20:43): Liebe Freunde dieses Forums, es ist zwar eine alte Debatte, aber ich möchte sie hier trotzdem aufwerfen: ist Glenn Goulds Einspielung von Arnold Schönbergs Klavierwerken gut oder nicht? Für gewöhnlich bevorzugen die meisten Kenner die Interpretationen Maurizio Pollini oder ähnlich präzis spielenden Leuten. Da mich die Meinung stört, Neue Musik solle zum einen möglichst genau nach dem Notentext interpretiert und zum anderen möglichst nicht über dies hinausgehen(!), werfe ich die Frage in die Runde. Ich persönlich bin folgender Meinung: Schönbergs Musik ist immer eine hochexpressive, ganz egal, wie konstruktivistische mannches Exempel sein mag. Nie ging Schönberg so weit wie Anton Webern, der ja den Weg zum Serialismus sicher vorzeichnete. Insofern finde ich Goulds Interpretation sehr gelungen, denn sie hebt genau diesen expressiven Gestus wundervoll heraus. Dies tun die meisten anderen Interpreten nicht, bzw. niemals so sehr, dass sie sich größere Freiheiten mit dem Notentext erlauben würden. Die große Frage ist nun aber: ist das erlaubt oder nicht? Darf man mit einem schönbergschen Notentext frei umgehen, wenn es der Ausdruck erfordert?
Ich harre der Antworten und empfehle mich,
Satie
Jeremias (19.04.2006, 20:44): Mal eine andere, profane Frage: Hört Ihr solche Musik wirklich gerne?
satie (19.04.2006, 20:50): Lieber Jeremias, ich höre Schönberg in der Tat genau so gerne wie ich manchmal Dowland, Scarlatti, Chopin oder Haydn höre, genau derselbe Genuss. Aber vielleicht bin ich da anders geeicht, schon von Berufs wegen (selber Komponist). Ich nehme also an, Du hörst das gar nicht gerne??
Gruß Satie
Jeremias (21.04.2006, 00:17): Da hast Du recht. Ich bin zwar mittlerweile auch sehr für Musik des 20. Jahrhunderst interessiert, aber ich mag diese "Experimente" nicht. Musik muss mir gefallen und das tut sie nunmal nicht ?(
Daniel Behrendt (21.04.2006, 07:57): Ich muss zugeben: Vieles (nicht alles) von Schönberg löst bei mir Gähnkrämpfe aus. Zuhause kann ich solche - und noch radikalere - Musik kaum hören. Ich erlebe auf meinen Berlinreisen ziemlich häufig Uraufführungen, weil die Philharmoniker und das DSO recht viele Kompositionsaufträge vergeben - live ist's erträglich und manchmal sogar richtig an- und aufregend (allerdings wird derzeit fast jede zweite UA Jörg Widmann gewidmet - ich verstehe überhaupt nicht warum...)
Anton von Webern höre ich komischerweise wesentlich lieber, als Schönberg (und auch Alban Berg) - Vielleicht weil er den Bruch mit der Tonalität schlagartiger, radikaler, konsequenter vollzogen hat. Seine Kürzeststücke sind für mich so etwas wie poetische (Klang-)Konzentrate, so etwas wie Fragen (oder besser: Behauptungen), die in den Raum geworfen werden.
Andererseits: Diese ganze Übergangszeit zwischen Spätestromantik und Zweiter Wiener Schule erscheint mir eigenartig kopfig, ja fast lustfeindlich - als Hörer habe ich immer das Gefühl, irgendeine Arbeit verrichten zu müssen. Ich fürchte, mit diesem Gefühl bin ich nicht allein auf der Welt...
Heute haben's Komponisten leichter. ich glaube, es gibt nicht mehr diesen idiotischen Zwang zur Innovation, der aus einem blinden Fortschrittsglauben resultiert. Es ist alles gemacht worden - vor 100 Jahren hat die Musik die Tonalität überwunden, vor 50 Jahren hat sie sich das Geräuschhafte und die absolute Stille erschlossen... - angesichts dessen erscheint kaum noch etwas radikal oder verstörend - auch Schönberg nicht. Die meisten Konzertbesucher nehmen ihn Achselzuckend zur Kenntnis und freuen sich auf die Schubert-Sinfonie im zweiten Teil des Konzerts - kann man's ihnen verübeln?
LG! Daniel
satie (21.04.2006, 08:45): Lieber Daniel, eigentlich sollten diese Grundsatzfragen einen eigenen Thread erhalten, denn ich wollte hier nur über die Interpretation von Gould sprechen. Aber es ist schon interessant zu sehen, wohin man gleich gelangt, wenn man nur schon ein solches Thema anschneidet. Das würde bei der Schubert-Symphonie nicht passieren, da würde man über die Aufnahmen sprechen und nicht Schuberts symphonisches Werk an sich in Frage stellen (was man durchaus tun könnte). Warum geschieht das also? Es ist schon richtig, Adorno war sogar absolut der Meinung, es gäbe eine hierarchische Abstufung unter den Hörern, und nur der analytische Hörer sei ein guter Hörer (so wie "nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer" :-)). Aber das war ja hier nicht das Thema, hier sollen sich Leute melden, die zur Frage der Interpretation etwas zu sagen haben. Ansonsten verweise ich auf den Thread "Zeitgenössische Musik - gehasst oder geliebt?", dort passen solche Grundsatzfragen perfekt hin.
Merci
Satie
Jack Bristow (21.04.2006, 09:02): Original von Daniel Behrendt Andererseits: Diese ganze Übergangszeit zwischen Spätestromantik und Zweiter Wiener Schule erscheint mir eigenartig kopfig, ja fast lustfeindlich - als Hörer habe ich immer das Gefühl, irgendeine Arbeit verrichten zu müssen. Ich fürchte, mit diesem Gefühl bin ich nicht allein auf der Welt...
Das kann ich kaum nachvollziehen: Verklärte Nacht, Erwartung, Pierrot Lunaire, oder auch Straussens Salome und Elektra und was sonst noch ungefähr zwischen 1900 und 1914 entstanden ist, "kopfig", "lustfeindlich"? Diese Musik wird ja nicht umsonst manchmal als expressionistisch bezeichnet. Ich sehe das eher als eine Fortsetzung der Spätromantik mit allen exaltierten Möglichkeiten, d.h. Dekadenz, Sex, Horror usw. pur. Oder meinst Du spätere 12-tönige oder neoklassizistische Stücke? Da könnte ich es eher verstehen; es träfe indes Strawinsky u.a. wesentlich eher der Vorwurd der "Verkopftheit" als die m.E. doch immer noch von einer Art romantischem Impetus getriebenen Schönberg u. Berg.
Und wiederum komisch, dass man so selten gegenüber Bachs Kunst der Fuge oder Brahsm Streichquartetten den Vorwurf der "Verkopftheit" anbringt...scheint eher aus dem Bauch, nicht aus dem Kopf zu stammen :wink