Schostakowitsch-Sinfonien: Die favorisierten Aufnahmen der einzelnen Sinfonien
teleton (05.10.2007, 09:13): Liebe Klassikforianer und Schostakowitsch-Freunde,
es wäre interessant zun erfahren welche Aufnahmen für welche die einzelnen Sinfonien favorisiert werden. Wie bei allen Komponisten ist eine GA nicht erschöpfend, um in die Tiefe des sinfonischen Gesamtwerkes des Komponisten zu blicken. Bei Einzelbetrachtung werden dann doch ganz andere Aufnahmen hervorgehoben.
Es wäre äußerst interessant zu erfahren, welche Aufnahmen der einzelnen Schostakowitsch-Sinfonien ihr favorisiert !?! 1.) Eine kurze Begründung wäre angenehm muß aber nicht sein 2.) Bitte auch angeben, wenn nur eine Aufnahme der entsprechenden Sinfonie bei Euch vorliegt. 3.) Wenn die eine oder andere Sinfonie gar nicht vorhanden ist - einfach auslassen.
Kondraschin liefert sehr straffe Interpretionen ab, die nicht ganz so emotional überbordend sind, wie bei Roshdestwensky. Dieser Ansatz paßt zu den Sinfonien Nr.1, 9 und 11 besser, sodaß diese für mich die Referenz sind. An der Nr.13 mit Artur Eisen, Bass kommt IMO keiner vorbei.
Roshdestwensky bietet den härtesten Zugriff mit dem für mich höchsten Gänsehautfaktor. Einzig in der Sinf.Nr.11 überdeckt er so manche Orchesterstimmen durch zu fettes auftrumpfen - da ist Kondraschin unbedingt vorzuziehen.
Haitink schätzt nicht alle Sinfonien seiner GA, aber in den Sinfonien Nr.8, 11, 12 breitet er eine unsagbare Atmosphäre aus, die mich berührt. (Bei Nr.12 geht mir Kondraschin zu schnell über diese Stimmungen hinweg.) Die Nr.8 sind mit Kondraschin und Roshdestwensky aber auch allerste Wahl und es ist für mich schwer mich für eine der drei zu entscheiden.
Bei der Sinfonie Nr.10 schätze ich die Aufnahmen mit Kondraschin, Roshdestwensky (Eurodisc) und Karajan (DG) gleichermaßen - je hat das "gewisse etwas". Meine erste Aufnahme mit Swetlanow (Eurodisc) darf dabei auch nicht in Vergessenheit geraten.
Nr.2,3,14 interessieren mich nicht so sehr, aber wenn dann "richtig mit Saft und Kraft" - Roshdestwensky.
HenningKolf (05.10.2007, 11:43): Hallo Wolfgang,
nicht dass ich mich hier als Schostakowitsch - Experte gerieren will - das ist ganz klar unser admin - aber ich habe zur Zeit eine Aufnahme, die ich recht oft höre und die mir extrem gut gefällt
extrem breite Tempi im Kopfsatz, insgesamt braucht Rostropowitsch 18!!!! Minuten mehr als Kondraschin für die Sinfonie...ich persönlich finde, dass gerade diese Langsamkeit in der Entwicklung eine unheimliche Spannung aufbaut ... ich weiß aber, dass z.B. Rachmaninov diese Einspielung nicht schätzt
Kennst Du sie??
Ansonsten kenne ich die Gesamtsinfonien betreffend Kondraschin, verschiedene Einzelaufnahmen von Haitink und habe reichlich Material bei emusic geloadet, welches noch - irgendwann -gehört werden muss oder jedenfalls kann (Wigglesworth, Kreizberg, Slovak, Pletnev etc., bei Slovak habe ich schon mal reingehört, ein wenig Spielen nach Noten scheints, Wigglesworth mal angetestet, klang schon interessanter), aber da drängt mich nichts, weil ich mit Kondraschin recht zufrieden bin.
Roschdestwenski wäre natürlich eine Überlegung wert, muss ich aber mal schauen, was das kosten würde..... (befürchte mal eher viel!!)
Gruß Henning
teleton (05.10.2007, 12:01): Hallo Henning,
nein ich kenne die 11.Sinfonie mit Rostropowitsch nicht, aber wenn er 18Minuten mehr braucht ist er IMO am Thema vorbei. Ich kenne diese langen Gefühlsausbreitungen von einigen Dirigenten - hier meine ich - fehl am Platze.
Bei der Sinfonie Nr.11 ist Kondraschin auf AULOS die Wucht ohne die langen Passagen unnötig auszuwalzen - im Grunde aber ähnlich wie Roshdestwensky, der hier trotz DDD nicht besser klingt und bei dem leiderviele Orchesterstimmen ineinander verschwimmen - deshalb klarer Favorit - Kondraschin auf AULOS - hier besser als DDD !
:beer Wie sieht es mit Deinen favoriten bei den anderen Sinfonien aus ? (Thema dieses Threads)
Rachmaninov (05.10.2007, 12:19): @teleton,
eine derartige klare Zuordnung und eindeutige Festlegung kann mir nicht gelingen. Schostakowitsch's Sinfonien sind, neben den SQ, Spiegelbild der Umstände und Seelenzustände. Kann man das überhaupt in einer einzigen Aufnahme / Interpretation darstellen?
P.S.: Werde mich bemühen und mal versuche eine Überischt zu erstellen. Bin aber etwas "knapp" an Zeit heute und am WE :B
HenningKolf (05.10.2007, 13:30): @ wolfgang, ich schrieb ja schon, dass ich hauptsächlich über Kondraschin den Zugang habe, allerdings klingt mein Kondraschin jedenfalls teilweise gerade so erträglich...ist AULOS wirklich so viel besser (kostet ja selbst gebraucht noch 60 €)? Von Haitink habe ich Einzelaufnahmen, nicht vollständig, meistens würde ich Kondraschin den Vorzug geben...von Haitink gefällt mir zwar alles gut, Kondraschin aber meist noch ein Quentchen besser (na ja, vielleicht bei der 5. andersrum), das ist aber durchaus stimmungsabhängig.......Von Rostropowitsch und dem LSO gibt es noch die 5. und 8., aber vom Hocker haut mich von ihm nur die 11.
Ich muss auch noch sagen, dass die Sinfonien 13 - 15 für mich noch ziemliches Neuland darstellen.
Was die angesprochenen downloads betrifft: wenn mich Slovak oder Wigglesworth wirklich begeistern würden, hätte ich es nicht bei einem ersten Höreindruck belassen, glaube ich.
Kennst du Kondraschin auch ursprünglich, ohne AULOS-Bearbeitung? Ich denke, dass die DDD von Rosch deutlich besser klingen als mein Kondraschin und nur schlechter als AULOS, oder??
Bei dem link, den Rachmaninov gesetzt hat, ist mir aufgefallen, dass zum einen Berglund sehr gut bewertet wird und zum anderen Mrawinski auch teilweise mit nicht ganz so alten Aufnahmen vertreten ist. Kannst du etwas zu Berglund sagen?? Mawrinski kann ich mir fast nur gut vorstellen, eigentlich müßten ja zumindest die nicht ganz so angejahrten Aufnahmen auch halbwegs klangtechnisch überzeugen??
Ashkenazy??
siehst Du, zu Schostakowitsch gibt es bei mir mehr Fragen an Dich als Antworten von mir :D
Henning
teleton (05.10.2007, 18:57): Hallo Henning,
das Du Kondraschin durchweg ein quentchen besser als Haiting findest kann ich gut nachvollziehen - bei mir ist es ein "großes Quentchen".
Die Kondraschin-Eurodisc-LP´s damals fand ich gar nicht so übel, die waren klanglich zu ihrer Zeit eigendlich im guten Mittelfeld. Später auf CD habe ich wegen den Haiting-Decca-CD´s und dann den Eurodisc-CD mit Roshdestwensky, die ich alle einzeln kaufte ein wenig den Bezug zu Kondraschin auf meinen LP´s verloren. Es war aber auch nur schwer an die Aufnahmen ran zu kommen, bis ich 2005 den Entschluß faßte die Kondraschin-Aufnahmen auch auf CD zu kaufen. Den Anfang machte die Melodyia-CD mit den Sinfonien Nr.9+15. Ich war mit dieser CD ganz zufrieden, und suchte weiter, bis mich ein Forumskollege auf die AULOS-Aufnahmen aufmerksam machte. Er gab auch den Hinweis, dass diese genial gut klingen durch ein neues Remasteringverfahren. Ich erhielt die AULOS-CD´s von ihm (zum Test geliehen) und war total begeistert. Die späteren Aufnahmen mehr zu den 70ern hin klingen wie heutige DDD-Aufnahmen; die frühen Aufnahmen von 1962 (der Nr.4 z.Bsp.) merkt man schon an, das diese Aufnahmen "nicht ganz neu" sind, denn Wunder kann man durch das Remastering auch nicht vollbringen, wenn das Mutterbamd dies nicht hergibt.
Natürlich sind die DDD-Eurodisc-CD´s von 1984 mit Roshdestwensky im großen und ganzen natürlich noch besser (nicht bei der Nr.11, wie ich schon berichtete) aber Kondraschin auf AULOS ist schon wirklich Klasse. :cool Es lohnt auf jeden Fall der Wechsel, wenn man die Melodyia-CD-Ausgabe hat (in meinem Fall ja nur eine CD, die sogar aus den neueren Aufnahmen 1970 besteht) - AULOS ist um Klassen besser als die alte Melodyia-CD.
:beer Melodyia hat aber auch erkannt das Bedarf besteht und hat ebenfalls Ende 2006 die ganze GA neu remastert herausgegeben. Diese Melodyia-Box ist leicht erhältlich und hat sogar boch ein paar Werke incl.der Oistrach-Spitzenaufnahme des Violinkonzertes Nr.1 mehr zum Inhalt. Nach Auskunft in verschiedenen Foren soll das Melodyia-remasteríng genau so gut sein, wie bei AULOS. Vollends hat diese Frage noch keiner beantwortet, denn wer braucht schon die gleiche GA zwei mal ?
Zu Berglund: Ich denke da braucht man nicht so viele Worte verlieren. Berglund setzt IMO mehr auf Wohlklang und hat nicht die russische Seele, das hat nichts mehr mit den 3 großen Rosh, Kondr, Mraw zu tun. Seinen Sibelus Tapiola finde ich total langweilig.
- Zu Ashkenazy: Die GA würde ich mir auch zulegen wollen, da ich Ashkenazy auch als Dirigent sehr schätze. Leider ist die GA auch nur über den Japanische Import zu bekommen.
HenningKolf (05.10.2007, 21:05): immerhin die 5 und 7 mit Ashkenazy ist mir neulich noch auf amazon.uk begegnet......aber ich glaube in den nächsten Wochen werde ich mal einen Versuch mit einer nicht zu alten Mrawinski-Aufnahme starten, dann hätte ich ja hier auch was zu berichten
Henning
Rachmaninov (08.10.2007, 18:46): Original von teleton Zu Berglund: Ich denke da braucht man nicht so viele Worte verlieren. Berglund setzt IMO mehr auf Wohlklang und hat nicht die russische Seele, das hat nichts mehr mit den 3 großen Rosh, Kondr, Mraw zu tun. Seinen Sibelus Tapiola finde ich total langweilig.
@Wolfgang, insgesamt schätze ich auch eine "russische" Interpretationsweise, aber ist Schostakowitsch nicht so "facettenreich", daß nicht auch andere Sichtweise ab und an spannend, oder legitim sind, sein können? Genau das finde ich so spannend bei seinen Sinfonien!
teleton (09.10.2007, 09:02): Hallo Rachmaninov,
Du hast prizipiell Recht mit dem was Du schreibst. Aber warum soll ich eine Interpretation anhören, die mich im Endeffekt langweilt, wenn ich weiss das es besseres gibt ?
Hier soll es um die favorisierten Aufnahmen der einzelnen Sinfonien gehen und das sehe ich bei Berglund nicht. :ignore Oder hast Du eine Schostakowitsch - Sinfonie mit Berglund, die Du favorisieren würdest ?
Rachmaninov (09.10.2007, 09:49): Original von teleton Hallo Rachmaninov,
Du hast prizipiell Recht mit dem was Du schreibst. Aber warum soll ich eine Interpretation anhören, die mich im Endeffekt langweilt, wenn ich weiss das es besseres gibt ?
Ich meine ja nicht, dass man eine langweilige hören sollte, sondern eine andere, ebenfalls spannende, Sicht!
Hier soll es um die favorisierten Aufnahmen der einzelnen Sinfonien gehen und das sehe ich bei Berglund nicht. :ignore Oder hast Du eine Schostakowitsch - Sinfonie mit Berglund, die Du favorisieren würdest ?
nö
teleton (26.11.2007, 10:22): Hallo Rachmaninov,
da hatte ich offenbar den gleichen Gedanken zwei mal, das gleiche Thema nochmal einzustellen. man wird alt - ich hatte es vergessen.
Meine neuste GA mit Ashkenazy (Decca), die Klanglich spitze ist hat es geschafft hier und da gleichzuziehen und sogar bei einer Sinfonie komplett die Führung in der Aufnahmen-Ranking-Liste zu übernehmen. Aber ich habe noch nicht alle Sinfonien aus der Ashkenazy-Box gehört und werde da vielleicht nochmal meine Liste nachbessern müssen.
Hier die neuste überarbeitete Liste (Stand 11/2007):
Ashkenazy liefert mit dem NHK SO bei der Sinfonie Nr.4 absolutes Vollblutmusizieren. Die Aufnahmen der Sinfonien Nr.4, 13, und 14 mit diesem Klangkörper sind bislang unveröffentlichte Aufnahmen, die nur in der GA erstmals enthalten sind. Meine Durchsicht früher Kritiken zeigte mir, das er vor 1990 schonmal eine Aufnahme (mit guter Kritik) mit dem Royal PO (Decca) gemacht hatte. Es hat sicher seinen Grund weshalb in der GA nun die Neue von 2006 enthalten ist.
Rachmaninov (26.11.2007, 14:18): Original von teleton :) Meine neuste GA mit Ashkenazy (Decca), die Klanglich spitze ist hat es geschafft hier und da gleichzuziehen und sogar bei einer Sinfonie komplett die Führung in der Aufnahmen-Ranking-Liste zu übernehmen. Aber ich habe noch nicht alle Sinfonien aus der Ashkenazy-Box gehört und werde da vielleicht nochmal meine Liste nachbessern müssen.
Ashkenazy liefert mit dem NHK SO bei der Sinfonie Nr.4 absolutes Vollblutmusizieren. Die Aufnahmen der Sinfonien Nr.4, 13, und 14 mit diesem Klangkörper sind bislang unveröffentlichte Aufnahmen, die nur in der GA erstmals enthalten sind. Meine Durchsicht früher Kritiken zeigte mir, das er vor 1990 schonmal eine Aufnahme (mit guter Kritik) mit dem Royal PO (Decca) gemacht hatte. :wink Es hat sicher seinen Grund weshalb in der GA nun die Neue von 2006 enthalten ist.
@teleton,
kein Problem mit der 2-3fach Einstellung des Thread's. Allerdings frage ich mich dann ob Du Dich dann noch so gut an die gehörten Aufnahmen erinnerst :haha :ignore
Aufgrund Deiner bisherigen Empfehlung habe ich mir nun Ashkenazy auf den virtuellen Wunschzettel gelegt. Dort befindet sich aber ebenfalls S. Bychkov .....
teleton (27.11.2007, 08:08): Hallo Rachmaninov,
es ist manchmal so, das ich morgens aufwache, bevor der Wecker klingelt. Dann denkt man nach
und da war mir gestern halt eingefallen die Favorisierten Aufnahmen nochmal zu überarbeiten, weil der neue Ashkenazy so einiges zu bieten hat.
Da ich den Beitrag auch anderenorts eingestellt hatte, war mir entfallen, dass er auch hier bei DAS KLASSIKFORUM schon vorhanden war - nochmals sorry.
:beer Nein, ich habe eine sehr gute Erinnerung an gehörte Aufnahmen und auch meine CD-Sammlung kenne ich total auswendig - ich führe keine CD-Liste, wie es viele machen. :cool Meine CD-Liste ist meine CD-Schrank ! Da sehe ich doch was da ist, bei bester Ordnung, sodaß man jede CD sofort findet.
:times10 Ein Forianer aus einem anderen Forum hat es treffend ausgedrückt und Ashkenazy´s Schostakowitsch als moderne Referenz bezeichnet. Fand ich gut !
Ich bin gespannt wie Dir diese Aufnahmen zusagen werden, wenn Du diese hast. Ich wurde bereits zu meinem Kauf beglückwünscht !
Rachmaninov (03.12.2007, 21:09): Original von teleton
:times10 Ein Forianer aus einem anderen Forum hat es treffend ausgedrückt und Ashkenazy´s Schostakowitsch als moderne Referenz bezeichnet. Fand ich gut !
Ich bin gespannt wie Dir diese Aufnahmen zusagen werden, wenn Du diese hast. Ich wurde bereits zu meinem Kauf beglückwünscht !
@teleton.
bin noch hin und her gerissen! Mich begeistert derzeit auch Bychkov mit seinen Aufnahmen der Sinfonien #4 und #11. Zur letzteren werde ich mich noch im passenden Thread äußern.
Aber die Neugier auf Ashkenazy hast Du schon richtio gesteigert bei mir...
ab (04.02.2008, 11:38): endlich eine Rezension von der 15. Sinfonie mit Kondrashin aus Dresden gerunden, nämlich hier.
Das Urteil ist klar, einzig eine Schilderung, wie der Rezensent dazu kommt, fehlt :S
Nikolaus (28.04.2019, 19:34):
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Administrator: Das Klassikforum Hallo Rachmaninov,
was machen die Bostoner aus Schostakowitsch? Wie kommt das Ergebnis bei Dir an?
VG, Sfantu Na, dann dskutier' ich das mal mit mir selbst:In unserem hiesigen Kulturradio kam dieser Tage eine Besprechung mit Hörbeispielen. Da ganz altmodisch via Tuner über die HiFi-Anlage verfolgt, kam ich dann auch in den vollen klanglichen Genuss dieser Aufnahme. Ich muss schon sagen: das Boston Symphony seziert diese Musik messerscharf, alles (genauer: die martialischen Knalleffekte beider Werke) wird exemplarisch herausgespielt. Es herrscht eine quasi Letztgültigkeit an Detailschärfe & Transparenz, die staunen macht.Ohne etwas darüber zu wissen, wie Nelsons die ruhigeren Passagen angeht, würde ich die Einspielung ohne Weiteres zumindest mal für den Einstieg empfehlen. Über die Elfte sag' ich hier & heute nichts - mit ihr bin ich nie so richtig warm geworden. Stattdessen habe ich an zwei Tagen "meine" beiden Aufnahmen der Vierten nach gehöriger Pause mal wieder durchgehört:
London Philharmonic Orchestra - Bernard Haitink (CD, Decca, 1979)
"Detailschärfe, Transparenz, Ausspielen der Knalleffekte" - kann es da überhaupt noch eine Steigerung geben angesichts Haitink? Diese Version bleibt meine Nummer Eins. Mehr noch als die erwähnten Extreme an Schall-& Alpdruck schlägt mich der Schlussabschnitt des Finales in den Bann mit diesem drückenden, geheimnisvollen Verebben (oder besser: Ersterben?). Da ist am Ende so garnichts geklärt, es bleiben alle Fragen offen...Souveräne Gestaltung! Formidabler ADD-Stereo-Klang!
...
Fazit: neben Haitink brauche ich keine weitere Schostakowitsch 4. Insgesamt werde ich mir künftig diesen Klang gewordenen Seelenstrip nur noch nach reiflicher mentaler Einstimmung geben & wer weiss, wie oft noch in diesem Leben? 2x in 48 Stunden geht jedenfalls an meine persönlichen Grenzen. Ein Koloss, dieser Dmitrij Dmitrijewitsch! Dann werfe ich mal etwas ein: Ich habe Andris Nelsons mit dem Boston Symphony Orchestra im September live in Paris erlebet - eben mit dieser 4. Sinfonie. Das war eines der intensivsten Musikerlebnisse, die ich bisher hatte, einfach überwältigend (und ich gebe dir Recht: auch ich stoße da eine meine persönlichen Grenzen...).
Das liegt natürlich an dieser großartigen Musik (v.a. der letzte Satz, nicht nur das Finale, sondern auch die Steigerungen davor!!), aber - davon bin ich überzeugt - auch an der kompromisslosen Interpretation durch Nelsons und sein Orchester. Die Spannungsbögen waten teilweise kaum zu ertragen (s.o.), und er gestaltete die Übergänge zwischen den unterschiedlichen Stimmungen so, dass das ganze nicht auseinanderfielen.
Haitinks Aufnahme habe ich auch, ebenfalls großartig! Im Vergleich wäre bei mir Nelsons vorne, aber eben mit dem live-Erlebnis. Deshalb habe ich mir die Aufnahme bestellt und kann dann besser vergleichen.
Gruß, Nikolaus. Diese postings sind schon ein paar Monate her, aber ich will doch den angekündigten Vergleich noch nachholen und habe deshalb diesen thread wieder aktiviert.
Mir gefällt doch Nelsons ein bißchen besser, auch nach mehrmaligem Hören beider Dirigenten. Beide überwältigen mich zwar, aber während Haitink das bei mir durch eine fast abschreckende Schroffheit erreicht, halte ich Nelsons für den detailschärferen und transparenteren und ist für mich dadurch "zugänglicher". Vielleicht liegt das auch an der Klangtechnik. Und nach wie vor schwingt bei mir das live-Erlebnis immer mit.
Zwischenzeitlich habe ich mir auch alle anderen bisher verfügbaren Sinfonien mit Nelsons und dem Boston Symphony Orchestra zugelegt, die mich alle begeistern...
Cetay (inaktiv) (29.04.2019, 16:32): (...) OHNE einen irgendwie spürbaren Persönlichkeitsstempel des Dirigenten der Musik zu verpassen, dass man sich (zumindest ging es mir so) endlich mal ungefiltert der Gedankenwelt von Schostakowitsch zuwenden konnte. Wenn dies erwünscht ist - und in meinen altersstarrsinnig beschränkten Ohren ist das nicht nur wünschenswert, sondern die einzig legitime Herangehensweise (deswegen kann ich Currentzis so wenig ab - weil er ein personifizierter Stempel ist und nicht weil er im Orchester herumhampelt), dann habe ich was für dich. Ich darf ich mich mal wieder selbst zitieren:
Das Ausprobieren der verschiedenen Kombination aller möglichen Transliterationen der Namen des Komponisten und des Dirigenten bei der Suche haben nichts gefruchtet. Die Namen Shostakovich und Slovák wurden abgesehen von einigen kommentarlosen Coverbildchen-Postings meinerseits noch nie zusammen in einem Beitrag genannt; bei einem zumindest zeitweise DSCH-verrückten Forum kaum nachvollziehbar. Dabei ist Ladislav Slovák keine fern liegende Wahl, hat er doch u. a. von 1954–55 bei Mravinsky in Leningrad gelernt. Sein Statement zu Shostakovich hat er in den späten Achtzigern in Form einer Aufnahme des kompletten Sinfonienzyklus für Naxos abgegeben. Und der hat es in sich. Bei den Interpreten lassen sich -wissentlich grob vereinfachend, aber als Orientierung brauchbar- zwei Richtungen ausmachen. Da gibt es die emotionalen Lesearten, die die ganze Palette von Trauer, Wut und Resignation über das Grotesk-Sarkastische und Parodistisch-Überdrehte bis hin zum Apokalyptischen bisweilen hart an der Grenze zum bloßen Spektakel herausstellen. Das kann dann leicht lärmend-plakativ und trivial hohl wirken – und auch wenn das ein gewollter Aspekt dieser Musik sein sollte, ist mir das persönlich zu anstrengend. Forderungen nach Pepp, Feuer und dynamischen Exzessen, die mich vom Stuhl hauen, kann ich nicht unterschreiben. Und es gibt die eher sachlich-nüchternen Deutungen, die sich auf das transparente Herausarbeiten von harmonischen und formalen Verläufen konzentrieren und die außermusikalischen Elemente hinten anstellen. Solche Aufnahmen werden schnell mit dem Etikett "langweilig" belegt und für mich sind sie es bisweilen auch, aber ob man das der Interpretation, die sich eng an das hält was geschrieben steht, anlasten muss oder nicht eher dem Werk an sich, bleibt offen. Selbstverständlich gibt es zwischen diesen Rändern alle möglichen Mischformen und Schattierungen. Wo befindet sich nun Slovák? Exakt in der Mitte. Die Art und Weise wie er überlegt und überlegen die Architektur heraus meißelt und gleichzeitig die ganze emotionale Palette als inhärentes Element -ohne die schwer verdaulichen Nebenwirkungen- mitliefert, finde ich sagenhaft. Die für eine absolute Spitzenaufnahme notwendige Individualität kommt ausgerechnet von der Seite, die diesem Zyklus die meiste Kritik einbracht hat: dem Orchester. Sicher, das Slowakische Radiosinfonieorchester ist nicht das LSO – logisch, denn niemand außer dem LSO ist das LSO. Wer als Punktrichter Abzüge vergeben will tut dies für: vernehmlich zweitklassiges Spiel, schwaches Blech, stahlige Saiten, indifferenten Klang und kreischendes, blutleeres und tonlich grobes Spiel (-> hier von Hurwitz konstatiert). Das verpasst diesem Ensemble einen charakteristischen Sound, der zu der Musik wie die Faust aufs Auge passt, weswegen die B-Note das locker kompensiert und diesen Zyklus auf den ersten Platz hievt. Ich mache es mir bei der Beurteilung von Einspielungen nicht unnötig schwer. Wenn ich eine Aufnahme immer und immer wieder gerne höre, dann muss sie gut sein, sonst würde ich sie nicht hören wollen. In dieser Beziehung ist das hier eine absolute Spitzenaufnahme. Denn dass ich eine Shostakovich-GA quasi verschlinge -ohne Aussitzen und ohne Nervfaktor- hat es noch nie gegeben; und dass ich mich überhaupt wieder für diesen groß-orchestralen Überfluss interessiere, verdanke ich diesem seltenem Juwel einer Aufnahme, die nicht als die nächste Sensation daher kommt, sondern nachhaltig mit ruhiger Besonnenheit ihre ungemein intensive Wirkung entfaltet. Kurz: Ich bin restlos begeistert.