Schostakowitsch - Streichquartett Nr. 8 - Musik gegen Gewalt
Heike (19.11.2010, 18:51): Schostakowitsch schrieb das Streichquartett Nr. 8 im Sommer 1960 in Dresden und versah es mit der Widmung „Dem Gedächtnis der Opfer von Faschismus und Krieg“. Dresden war im Krieg stark zerstört worden, immer noch sah man viele Bombenschäden. Schostakowitsch sollte dort an einer Filmmusik arbeiten. Er komponierte stattdessen erstmal dort das fünfsätzige Streichquartett in nur drei Tagen.
In einem Brief an den Musikologen Isaak Glikman schrieb Schostakowitsch über das Quartett: „… Wie sehr ich auch versucht habe, die Arbeiten für den Film im Entwurf auszuführen, bis jetzt konnte ich es nicht. Und stattdessen habe ich ein niemandem nützendes und ideologisch verwerfliches Quartett geschrieben. Ich dachte darüber nach, dass, sollte ich irgendwann einmal sterben, kaum jemand ein Werk schreiben wird, das meinem Andenken gewidmet ist. Deshalb habe ich beschlossen, selbst etwas Derartiges zu schreiben. Man könnte auf seinen Einband auch schreiben: ‚Gewidmet dem Andenken des Komponisten dieses Quartetts’.“
Schostakowitsch zitiert sich in dem Quartett sicher auch deshalb ausgiebig selbst, er schrieb weiterhin an Glikman: „Grundlegendes Thema des Quartetts sind die Noten D. Es. C. H., d.h. meine Initialen (D. Sch.). Im Quartett sind Themen aus meinen Kompositionen und das Revolutionslied ‚Gequält von schwerer Gefangenschaft’ verwandt. Folgende meiner Themen: aus der 1. Symphonie, der 8. Symphonie, aus dem Trio, dem Cellokonzert, aus der ‚Lady Macbeth’. Andeutungsweise sind Wagner (Trauermarsch aus der ‚Götterdämmerung’) und Tschaikowsky (2. Thema des 1. Satzes der 6. Symphonie) verwandt. Ach ja: Ich habe noch meine 10. Symphonie vergessen. Ein netter Mischmasch. Dieses Quartett ist von einer derartigen Pseudotragik, dass ich beim Komponieren so viele Tränen vergossen habe, wie man Wasser lässt nach einem halben Dutzend Bieren. Zu Hause angekommen, habe ich es zweimal versucht zu spielen, und wieder kamen mir die Tränen. Aber diesmal schon nicht mehr nur wegen seiner Pseudotragik, sondern auch wegen meines Erstaunens über die wunderbare Geschlossenheit seiner Form.“
Aufbau: Das gut 20-minütige Werk ist zyklisch angelegt. Die fünf Sätze gehen nahtlos ineinander über: Largo Allegro molto Allegretto Largo Largo.
Eine emotionale Deutung dazu (die man sicher nur als Anregung, nicht aber als allgemein gültig verstehen sollte!) findet sich hier (Zitat): "Das Quartett beginnt und endet in desolater Stimmung. Im ersten Satz werden Stationen des eigenen Weges erinnert. Der zweite Satz zeigt panisches Entsetzen, ein endloses Gehetztwerden des "D.Sch.", in dem nur zweimal die jüdische Musik wie ein Rettungsanker erscheint. Der dritte Satz beginnt, nachdem die Musik plötzlich den Atem angehalten hatte, mit einem Motiv, das einem "Anpfiff" gleicht. Das Allegretto dient Schostakowitsch häufig als Ausdruck marionettenhaften Mitmachens. Die Verbindung zum Cellokonzert bezieht diese Haltung selbstkritisch auf sich selbst, ja als Anschleimen bei den Mächtigen. Doch auch darauf erfolgt bloß ein zweiter "Anpfiff" und das entsprechende stolpernde Hasten. Der vierte Satz "zerschlägt" das Cellokonzert-Thema mit heftigen Tutti-Akkorden, als wolle er seine Fesseln zerschlagen. Das Zitat von der "Sklavenfron" kommt an diesem Punkt zurecht. Danach wird aus dem Cellokonzert-Motiv wieder das tragische d-es-c-h-Motiv, nun verbunden mit den "Unsterblichen Opfern". Doch auch auf das anschließende ("Serjoscha!"-) Winseln um Liebe folgt noch einmal ein Anrennen gegen die Entstellung des Cellokonzert-Motivs, gegen die Verfälschte Identität des D.Sch. Mit dem originalen d-es-c-h endet der Satz schließlich und führt in das abschließende Largo, das die hoffnungslose Stimmung des Anfangssatzes wiederaufnimmt."
Das Streichquartett wurde am 12. Oktober 1960 in Leningrad durch das Beethoven-Quartett uraufgeführt. Es ist heute wahrscheinlich das meistgespielte Quartett des Komponisten.
Rudolf Barschai bearbeitete das Quartett für Streichorchester, Schostakowitsch „autorisierte“ die Bearbeitung und nahm sie als „Kammersymphonie op. 110a“ in sein eigenes Werkverzeichnis auf.
Heike (19.11.2010, 19:35): Noch ein paar Worte zur Entstehung des 8. Quartetts, das zu Schostakowitschs Requiem wurde (es wurde auf seiner Beerdigung gespielt):
Die ZEIT schrieb hier (Zitat von http://www.zeit.de/2000/34/200034_schostakowitsch.xml)
"Das Achte Streichquartett kann als eine Erzählung aus dem Leben des Dmitri Schostakowitsch angesehen werden, gleichzeitig bilanziert es illusionslos die Situation der Kunst und des Künstlers im Schatten der Diktatur. ....
Wenige Wochen vor Entstehung des Achten Quartetts war Schostakowitsch in die kommunistische Partei eingetreten, auf massiven Druck von oben, aber eben doch in jene Partei, die er fürchtete und zugleich verachtete, weil sie auch nach Stalins Tod auf Gewalt basierte und Gewalt hervorbrachte. Der daraus resultierende innere Konflikt hat den hoch sensiblen Künstler fast zerrissen, die erst 1993 veröffentlichten Briefe an Isaac Glikman lassen daran keinen Zweifel. In einer Situation, die Schostakowitsch als Verrat an sich und seinen Überzeugungen empfand, versuchte er künstlerisch zu verarbeiten, was im Leben nicht zu bewältigen war. Das Achte Quartett ist ein mal verzweifelter, mal wütender Akt der Selbstvergewisserung. Kein zweites seiner Werke ist annähernd so deutlich, geradezu manisch, von der Tonfolge d-es-c-h (D.S.C.H.), seinen musikalischen Initialen, geprägt. "Mich gibt es noch", schreit diese Musik ..."
Armin70 (22.11.2010, 19:00): Original von Armin70 Dmitri Schostakowitsch:
Streichquartett Nr. 8 in der Bearbeitung für Streichorchester (op. 110a) von Rudolf Barshai:
und in der originalen Streichquartett-Fassung:
Bislang kannte ich Schostakowitschs 8. Streichquartett nur in Barshais Bearbeitung für Streichorchester als Kammersinfonie op. 110a. Diese Streichorchester-Bearbeitung gefällt mir allerdings sehr gut und wesentlich besser als z. B. Gustav Mahlers Streichorchester-Fassung von Franz Schuberts Streichquartett "Der Tod und das Mädchen". Man merkt, dass sich Rudolf Barshai sehr gut mit Schostakowitschs Musik auskannte und der Charakter des Originals weitestgehend erhalten blieb.
Dank einer lieben Forianerin ( :thanks) konnte ich endlich die originale Streichquartett-Fassung kennenlernen. Daher hatte ich vorhin mal beide Versionen im Vergleich gehört. Mein Fazit ist, dass die Wirkung des Originals noch direkter und unerbittlicher für mich ist. Die Musik finde ich insgesamt noch eindringlicher, da die Struktur der Musik besser zur Geltung kommt.
Insgesamt ergänzen sich beide Versionen ganz gut aber in Zukunft werde ich dann doch öfter das Original hören.
Cantus Arcticus (13.01.2011, 12:58): Original von Armin70
Bislang kannte ich Schostakowitschs 8. Streichquartett nur in Barshais Bearbeitung für Streichorchester als Kammersinfonie op. 110a. Diese Streichorchester-Bearbeitung gefällt mir allerdings sehr gut und wesentlich besser als z. B. Gustav Mahlers Streichorchester-Fassung von Franz Schuberts Streichquartett "Der Tod und das Mädchen". Man merkt, dass sich Rudolf Barshai sehr gut mit Schostakowitschs Musik auskannte und der Charakter des Originals weitestgehend erhalten blieb.
Hallo Armin70
ich bin ein richtiger "Fan" von Shostakovitchs Kammermusik :J !
Sie gefällt mir gut, aber ich werde mir noch das eine oder andere Highlight zulegen.
Gruss Stefan
Cantus Arcticus (17.01.2011, 22:10): Original von Armin70
Bislang kannte ich Schostakowitschs 8. Streichquartett nur in Barshais Bearbeitung für Streichorchester als Kammersinfonie op. 110a. Diese Streichorchester-Bearbeitung gefällt mir allerdings sehr gut und wesentlich besser als z. B. Gustav Mahlers Streichorchester-Fassung von Franz Schuberts Streichquartett "Der Tod und das Mädchen". Man merkt, dass sich Rudolf Barshai sehr gut mit Schostakowitschs Musik auskannte und der Charakter des Originals weitestgehend erhalten blieb.
Hallo Armin70 ich habe die Kammersymphonie 110a in meiner Sammlung in der Jubiläumsbox "Milestones - 30 years of Chandos" wieder ausgegraben:
http://www.chandos.net/hiresart/CHAN%208357.jpg
Die Ähnlichkeit von Dmitri Junior und Dmitri Grossvater ist verblüffend....
Grüsse Stefan
Frido (08.05.2012, 09:55): Zunächst ein Dank an Heike :thanks für ihre ausführlichen Beiträge incl. der weiterführenden, sehr informativen Links, die mir für das Verständnis von Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8 sehr weitergeholfen haben. Vor allem das Drehbuch-Exposé von Bernd Feuchtner war sehr aufschlußreich. Leider ist sein Projekt von 1988 anscheinend bisher nicht realisiert worden. Schade. Hörte sich gut an.
Hinweisen möchte ich bei dieser Gelegenheit auf eine aktuelle Downloadmöglichkeit: Der SWR 2 bietet jeden Montag ein neues "Musikstück der Woche" zum freien Download an, leider nur als mp3: http://www.swr.de/swr2/musik/musikstueck/musikstueck-einfuehrung/-/id=2937886/nid=2937886/did=2898474/1pkeq5n/index.html einschließlich einer kleinen Werkeinführung. Auch als Podcast abonnierbar http://www.swr.de/swr2/musik/musikstueck/musikstueck-einfuehrung/-/id=2937886/nid=2937886/did=2898474/1pkeq5n/index.html . Inzwischen sind die neu eingestellten Musikstücke auch über längere Zeit downloadbar, die älteren zumindest live hörbar (vgl. das schon recht reichhaltige Archiv). Jüngst wurde auch eine Aufnahme des Quartetts Nr. 8 vom Szymanowski-Quartett eingestellt, ein Livemitschnitt eines Ettlinger Schlosskonzerts im Jahre 2008. Ich meine, das Szymanowski-Quartett hat hier eine sehr schöne, einfühlsame Interpretation des Werks geboten. Mich wunderte das allerdings nicht, da ich das Quartett 2011 im "Festival International de Musique" in Wissembourg (Elsaß) mit einer hinreißenden Interpretation von Schuberts Streichquintett hörte (mit Marc Coppey als 2. Cellisten), dabei übrigens auch die Künstler als menschlich sehr sympathisch erlebt habe. (Website des Quartetts: http://www.szymanowski-quartet.com/home_de.htm#) Noch kurz zum Wissembourg-Festival: Ist für alle,die nahe zum Elsaß wohnen, unbedingt zu empfehlen. Es ist auf Kammermusik ausgerichtet. Die Künstler sind zwar nicht die unbezahlbaren Spitzenleute, aber was gleich danach kommt. Die Akustik in der Kirche St. jean ist hervorragend. Die Preise noch moderat. (Achtung: günstige Abonnements!) Programm für 22. August - 9.September2012: http://www.wissembourg-festival.com/2009/de/de-programme.html. Übrigens wieder mit "meinem" Szymanowski-Quartett, dazu auch dem Ebène-Quartett und dem Zemlinsky Quartett.