Schostakowitsch 6. Sinfonie - die Amputierte?

Heike (01.06.2010, 08:42):
Anlässlich von Armins aktuellem Konzerterlebnis und weil mich diese Sinfonie schon länger fasziniert, eröffne ich diesen Thread.

Zunächst das aktuelle Zitat:

Zitat (Armin):
Nach der Pause dann Schostakowitschs 6. Sinfonie. Das ist schon ein merkwürdiges Werk mit diesem mächtigen Largo an erster Stelle. Dieser Satz erinnert mich immer an einen riesigen Planeten, der sich im Weltraum langsam um seine eigene Achse dreht. Gleichzeitig wirkt dieser Satz wie ein Klagegesang auf mich, als wenn Schostakowitsch damit sagen will, dass das dröhnende Finale der 5. Sinfonie nur aufgesetzte Fassade war und seine eigentlichen Stimmungen und Emotionen sich im Largo der 6. Sinfonie widerspiegeln. Dann die beiden schnellen Sätze, die zusammen noch nicht mal so lang sind wie der erste Satz. Diese beiden Sätze sind die pure Ironie, grelle und sarkastische Musik, die wie eine Verhöhnung des in der damaligen Sowjetunion gewünschten Pomp wirkt.


Zur Vorgeschichte:
1936 hatte Stalin Schostakowitschs Musik (nach dem Besuch seiner Oper) hart kritisiert und der vernichtende Artikel „Chaos statt Musik“ erschien, der Schostakowitsch zum Formalisten und kleinbürgerlichen Neuerer abstempelte. Damals arbeitete Schostakowitsch gerade an der 4. Sinfonie, die er 1936 fertigstellte, aber aus Angst vor weiterer Kritik und Verfolgung nicht (bzw. erst 1961) veröffentlichte.

Demgegenüber folgte 1937 seine 5. Sinfonie, die der in Ungnade gefallene unter großem politischen Druck schreiben musste. Seine Schwester war gerade nach Sibirien deportiert und sein Schwager verhaftet worden. Die Gewerkschaft der Leningrader Komponisten hatte beschlossen, Schostakowitsch solle ihnen sein Werk präsentieren, damit sich feststellen ließ, ob es der Öffentlichkeit zugemutet werden konnte. Schostakowitsch schrieb eine erzwungene Jubelsinfonie (die genauer betrachtet aber doch nicht so linientreu ist, wie sie auf den ersten Blick scheint).

Nun aber nochmal zur Sinfonie Nr. 6:
Die Sinfonie Nr. 6 h-Moll, op. 54 wurde dann als nächste 1939 geschrieben und am 21. November 1939 von den Leningrader Philharmonikern unter Jewgeni Mrawinski uraufgeführt.

Sie hat einen ganz untypischen dreisätzigen Aufbau:
1. Largo
2. Allegro
3. Presto

Ich finde diese Sinfonie ganz großartig. Es fehlt der Anfang und das Ende (der erste Satz ist kein Kopfsatz und der letzte kein Finale). Und ich denke, das ist genau die Anklage "ihr habt mir meine Musik verboten und jetzt seht, was davon übrig ist". Das ist amputierte Musik. Ich sehe das ganz genau wie Armin, der erste Satz ist das Trauerspiel der Zensur und die beiden folgenden beschreiben den Zirkus und die Farce, die danach kam. Kein Wunder nach der zurückgezogenen Vierten und der angeordnet anders geschriebenen Fünften, dass man so eine Musik schreibt. Großartig.

So, die Diskussion ist eröffnet!
Was haltet ihr von dieser Sinfonie? Welche Aufnahmen sind empfehlenswert?
Heike
teleton (01.06.2010, 10:45):
Hallo Heike,

vielen Dank für Deine interessanten, wie informativen Worte und Einführung zu Schostakowitsch Sinfonie Nr.6.

Ich schätze die Sinfonie Nr.6 genau so wie sie ist. Warum soll jede Sinfonie gleich aufgebaut sein, mit Allegro am Anfang, dann ein Adagio - das Scherzo und dann ein Allegro-Finale ???
Nein, ich finde es große Klasse, das Schostakowitsch hier auch vom Schema abweicht und finde dies alles andere als ?( :ignore "Amputiert" - so ein Hohn!

Ich sehe in dem Satzaufbau parallelen zu Copland Orgelsinfonie, die tempomäßig ähnlich steigernd aufgebaut ist.

Meine erste Aufnahme war Kondraschin (Melodiya/Eurodisc) auf LP, die ich auch heute noch in meinen hervorragend remasterten AULOS-CD´s in vorderster Front sehe.

Später kam auf CD Haitink (Decca) hinzu, der seine Sache auch TOP erledigt, aber weniger russisch klingt, dafür die fabelhafte Decca-Klangtechnik für sich verbuchen konnte.


:times10 Aber dann im Rahmen meiner Einzel-CD-Anschaffung aller Schostakowitsch - Sinfonien mit Roshdestwensky (Eurodisc) kam das AHA-Erlebnis. Roshdestwensky steigert das Werk unglaublich von Satz zu Satz; noch über Kondraschin hinausgehend. Unglaublich zupackend, voller Gänsehautstellen die dann von einem nie gehörten Finale den Zuhörer umhauen - der Wahnsinn !
Der Schluss ist ins gigantische gesteigert und bietet Pauken der Extraklasse.
(Im Prinzip empfinde ich die anderen Aufnahmen als kalter Kaffee dagegen.)

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41JR5HZ7WNL._SL500_AA300_.jpg
Staatliches Sinfonieorchester des Kultusministeriums der UdSSR / G.Roshdestwensky
Eurodisc, 1988, DDD


Ich besitze weiterhin Barshai (Brillant), Bernstein (SONY), Ashkenazy (Decca), M.Schostakowitsch (Supraphon), die alle nicht schlecht sind , aber Rostdestwensky ......
jünter (01.06.2010, 12:26):
Ich besitze bisher nur eine Aufnahme und habe diese erst vorgestern wieder gehört: Die auf dieser CD

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0782124218126.jpg

mit der 1. Symphonie gekoppelte Einspielung von Kurt Sanderling mit dem Berliner SO. Auch ohne tiefergehenden Vergleich mit anderen Einspielungen eine wie mir scheint sehr schlüssige, "richtige" Darstellung eines ausgewiesenen Schostakowitsch-Kenners, so dass ich bis auf weiteres keinen Bedarf an zusätzlichen Aufnahmen habe.
Heike (01.06.2010, 20:13):
Hallo teleton,
Nein, ich finde es große Klasse, das Schostakowitsch hier auch vom Schema abweicht und finde dies alles andere als "Amputiert" - so ein Hohn!
ohhh , ich mein das ganz und gar nicht negativ, ich liebe diese Sinfonie heiß und innig, so wie sie ist. Aber diese Assoziatio drängt sich mir förmlich auf
und klar, natürlich soll euch das auch ein wenig provozieren ;-)
Heike
Armin70 (01.06.2010, 20:54):
Bei dem gestrigen Konzert ist mir auch wieder bewusst geworden, was für ein bewegendes und faszinierendes Werk die 6. Sinfonie von Schostakowitsch ist.

Insbesondere bei Dmitri Schostakowitsch ist es meiner Meinung wichtig, sich auch etwas über sein Leben und die Zeit, in der er lebte, zu beschäftigen, weil sich dies doch mittel- und unmittelbar in seiner Musik widerspiegelt.

In meinem Konzertführer gibt es von Dietmar Holland einen interessanten Bericht über Schostakowitschs 6. Sinfonie. Da ich der gleichen Meinung wie Holland bin und es nicht besser formulieren könnte, erlaube ich mir, einiges daraus zu zitieren.

"...Unmittelbar nach der Uraufführung entbrannte ein Sturm der Entrüstung in Diskussionen und Kritiken darüber, wie Schostakowitsch es hätte wagen können, die Erwartungen des Publikums, mindestens die musikalische Ebene der 5. Sinfonie einzuhalten, wenn nicht gar zu überbieten, derart zu enttäuschen und eine dreisätzige (!) Sinfonie zu schreiben, die ein Rumpf ohne Kopf sei oder zumindest schizophrenen Charakter habe.

Die dreisätzige Form war damals zunächst der Hauptpunkt der Kritik. Des weiteren bemängelte man das Fehlen einer übergeordneten Idee, z. B. nach dem Motto "durch Nacht zum Licht". Auch meinte man die heroisch-optimistische Haltung zu vermissen."

Heike hatte bereits erwähnt, dass Schostakowitsch wegen seiner Oper "Lady Macbeth von Mzensk" im Jahr 1936 öffentlich gebrandmarkt wurde und ihm westliche Dekadenz vorgeworfen wurde.

Holland führt weiter aus:
"In der 6. Sinfonie spannt sich der Bogen vom Pathos der spätromantischen Sinfonie (z. B. Mahler oder 4. Sinfonie von Sibelius) über Strawinskys <> (Adorno) bis hin zum niederen Genre der Unterhaltungsmusik am Schluss des Presto-Finales. Eine Drehung um 180 Grad."

Holland meint weiter: "Es gibt keinen Grundcharakter dieser Sinfonie und das ist ihre Stärke."
Schostakowitsch sagte selbst: "Wahrscheinlich glaubten viele, ich sei nach meiner Fünften wieder aufgelebt. Nein, erst mit der Siebten begann ich wieder zu leben."

Demzufolge liegt der Schluss nahe, dass die 6. Sinfonie ein Werk zwischen Leben und Tod ist, denn dieses Werk entstand in einer Zeit der akuten Lebensangst des Komponisten.
Schostakowitsch selbst über diese Zeit: "In der Periode war ich dem Selbstmord nahe. Die Gefahr schreckte mich. Ich sah keinen Ausweg. Ich war ganz und gar von Furcht beherrscht. War nicht Herr meines eigenen Lebens. Meine Vergangenheit war ausgestrichen. Meine Arbeit, meine Fähigkeiten - all das brauchte niemand."

Die Musik im Largo steht quasi auf der Stelle. Fast hat man den Eindruck als handelt es sich um ein riesiges Rezitativ, vor allem bei den schemenhaften Einschüben der Bläser, die ein marschartiges Motiv immer wieder andeuten. Holland sagt:"Die Solobläser klingen wie die Stimme des einsamen Rufers aus der Wüste." Diesem Satz lastet eine bleierne Schwere, Trauer und Gedrücktheit an, die permanent vorhanden ist und nicht weicht.

Der zweite Satz ist ein gespenstisches Scherzo, dem nicht der Schalk, sondern die pure nackte Angst im Nacken sitzt. "Die Musik endet am Ende in einem Salto mortale und es ist als fährt die Kamera davon" so Holland.

Das Presto-Finale ist wie ein verzerrter grotesker Galopp. Holland schreibt: "Oberflächlich strahlt der Satz eine übertriebene Daseinsfreude aus aber in Wahrheit ist das eine bösartige Burleske, eine paradoxe Tour de force, die jedoch nirgendwohin führt ausser ins falsche Tor des Coda-Taumels, bei dem virtuell die Instrumente zerschlagen werden. Es ist sicher keine Apotheose ungehemmter Fröhlichkeit, sondern ein Ritt über den Bodensee - die Kehrseite des Grübelns."

Folgende Aufnahmen habe ich von diesem Werk:



Royal Philharmonic Orchestra, Vladimir Ashkenazy (+ 1. Sinfonie)



BBC National Orchestra of Wales, Mark Wigglesworth (+ 5. + 10. Sinfonie)

Beide Aufnahmen gefallen mir sehr gut. Ashkenazy stellt meiner Meinung aber die Zerrissenheit der 6. Sinfonie etwas mehr heraus. Er hat etwas mehr Mut, die Extreme dieser Musik deutlich herauszuarbeiten. Bei Wigglesworth klingt das insgesamt etwas neutraler aber vielleicht ist das auch ein Plus dieser Aufnahme, weil man die Musik so besser überblicken kann, quasi wie von einem Aussichtsturm aus während man bei Ashkenazy mitten drin im Geschehen ist.
Heike (01.06.2010, 21:08):
Das Presto-Finale ist ....bösartige Burleske, eine paradoxe Tour de force, die jedoch nirgendwohin führt ausser ins falsche Tor des Coda-Taumels, bei dem virtuell die Instrumente zerschlagen werden
Wow, so treffend beschrieben ist mir das noch nie begegnet, das trifft es absolut!
Heike
teleton (02.06.2010, 10:40):

TOP-Beschreibung der Sinfonie Nr.6 von Armin:
I. Die Musik im Largo steht quasi auf der Stelle. Fast hat man den Eindruck als handelt es sich um ein riesiges Rezitativ, vor allem bei den schemenhaften Einschüben der Bläser, die ein marschartiges Motiv immer wieder andeuten. Holland sagt:"Die Solobläser klingen wie die Stimme des einsamen Rufers aus der Wüste." Diesem Satz lastet eine bleierne Schwere, Trauer und Gedrücktheit an, die permanent vorhanden ist und nicht weicht.

II. Der zweite Satz ist ein gespenstisches Scherzo, dem nicht der Schalk, sondern die pure nackte Angst im Nacken sitzt. "Die Musik endet am Ende in einem Salto mortale und es ist als fährt die Kamera davon" so Holland.

III. Das Presto-Finale ist wie ein verzerrter grotesker Galopp. Holland schreibt: "Oberflächlich strahlt der Satz eine übertriebene Daseinsfreude aus aber in Wahrheit ist das eine bösartige Burleske, eine paradoxe Tour de force, die jedoch nirgendwohin führt ausser ins falsche Tor des Coda-Taumels, bei dem virtuell die Instrumente zerschlagen werden. Es ist sicher keine Apotheose ungehemmter Fröhlichkeit, sondern ein Ritt über den Bodensee - die Kehrseite des Grübelns."

Aber willst Du nach dieser Beschreibung diese Sinfonie von einem Aussichtsturm beobachten ? Ich finde man muß, wen man Schosty hört, mitten im Geschehen drinn sein, um geniessen zu können !
Richtig, Ashkenazy (Decca) ist da schon sehr nah dran. Moderne Referenz hatte ich mal an in einem anderen Thread über seine GA geschieben.
Aber umgehauen wird man bei der 6. erst durch die russischen Aufnahmen von Kondraschin und ganz vollendet durch Roshdestwensky.
Der Uraufführungsdirigent Mrawinsky hat IMO leider klanglich nichts brauchbares hinterlassen. Schade !

@heike
Welche Aufnahme/n der 6ten favorisiertst Du eigendlich ?
Heike (02.06.2010, 11:03):
Hallo,
Welche Aufnahme/n der 6ten favorisiertst Du eigendlich ?
Ich habe ja Dsch erst vor ca 2 Jahren für mich entdeckt und habe deslalb von der 6. bisher nur eine Aufnahme, die aus der Barshai Box. Die ist ganz ordentlich, reißt mich aber nicht vom Hocker. Extrem begeistert für diese Sinfonie hat mich erst ein live-Erlebnis im letzten Jahr mit Nelsons am Pult.
Ich habe danach in mehrere CDs bei Dussmann reingehört, aber konnte mich für keine so begeistern, dass ich sie gekauft habe (wobei ich sagen muss, dass ich sowieso mehr Kammer- und Klaviermusik kaufe). Ich bin jetzt aber nicht sicher, ob die von Roshdestwensky vor Ort war und ich da auch reingehört habe.
Heike
Cetay (inaktiv) (02.06.2010, 11:46):
Original von Heike
Hallo,
Welche Aufnahme/n der 6ten favorisiertst Du eigendlich ?
Ich habe ja Schostakowitsch erst vor ca 2 Jahren für mich entdeckt und habe deslalb von der 6. bisher nur eine Aufnahme, die aus der Barshai Box. Die ist ganz ordentlich, reißt mich aber nicht vom Hocker. Extrem begeistert für diese Sinfonie hat mich erst ein live-Erlebnis im letzten Jahr mit Nelsons am Pult.
Ich habe danach in mehrere CDs bei Dussmann reingehört, aber konnte mich für keine so begeistern, dass ich sie gekauft habe (wobei ich sagen muss, dass ich sowieso mehr Kammer- und Klaviermusik kaufe). Ich bin jetzt aber nicht sicher, ob die von Roshdestwensky vor Ort war und ich da auch reingehört habe.
Heike

Ich bin mir sicher, dass dir Neeme Järvi (Chandos) gefallen wird.
Heike (02.06.2010, 11:51):
Ich bin mir sicher, dass dir Neeme Järvi (Chandos) gefallen wird.
Warum?
Heike
Armin70 (02.06.2010, 17:39):
Von den bei Eurodisc/Melodia erschienen Aufnahmen der Schostakowitsch-Sinfonien mit dem Staatlichen Sinfonieorchester des Kultusministeriums der UdSSR (das glaube ich mit den Leningrader Philharmonikern identisch war ?) unter der Leitung von Gennadi Roshdestwenskij habe ich die Doppel-CD mit den Sinfonien Nr. 5 + 7.

Interpretatorisch gehört diese Gesamtaufnahme meiner Meinung zum Besten was man kaufen kann. Leider ist die Klangqualität meiner Meinung nach sehr problematisch, weil die Lautstärkeverhältnisse irgendwie verzerrt sind: Eine Soloflöte klingt fast genauso laut wie das Fortissimo des gesamten Orchesters.

Keine Ahnung, was die Tontechniker damals für ein Klangideal erzielen wollten. Nach meiner Meinung ging das Klangkonzept jedenfalls gründlich daneben. Aus dem Grund hatte ich mir aus dieser Gesamtaufnahme dann auch keine weiteren Aufnahmen, geschweige denn die Gesamtaufnahme, gekauft.
Cetay (inaktiv) (03.06.2010, 17:40):
Original von Heike
Ich bin mir sicher, dass dir Neeme Järvi (Chandos) gefallen wird.
Warum?

Es gehört zu meiner Forenkultur, möglichst jeden Beitrag (in allen Unterforen) zu lesen. Und nach deinen > 1700 Beiträgen, kombiniert mit meinem Elefantengedächtins und der Fähigkeit, mehrfach um die Ecke zu kombinieren und dabei der Intuition mindestens genau so viel zu vertrauen wie dem Verstand, weiß ich es einfach.

Ich fürchte, ich komme nicht drum herum, etwas zur 6. zu schreiben, wenn ich nun schon mal diesem Faden bin.
Ich liebe diese Sinfonie. Gerade der Stufenplan vom ellenlangen, statisch um sich kreisenden Largo bis zum völlig überdrehten, surreal anmutenden Presto hat es mir angetan. Ich kenne den von Armin teilwiese zitierten Holland-Text und habe selten eine zwingendere "Analyse" eines Musikstücks gelesen. Allerdings finde ich, dass das Werk ohne weiteres als absolute Musik bestehen kann.

Ich bin mit der Einspielung von Neeme Järvi und dem Scottisch National Orchestra glücklich. Järvi's klanglicher Ansatz ist dunkel, warm, voll, rund und wuchtig, mit einem betörenden Farbenreichtum. Unwiderstehlich ist der Zug, mit dem Järvi von Beginn an einen Sog aufbaut, der den Hörer (genauer: mich) mitfließen lässt - bis zum letzen Akkord. (Für Audio Freaks: Järvi ist die Eintakt-Triode unter den DSCH Dirigenten.) Es wird nichts zerfasert, aber bei aller Kompaktheit geht kein Detail verloren. Die resignative Weltverlorenheit der Holzbläser-Rezitative im Largo wirkt nicht interpretiert, sondern fast schon beiläufig, was die Wirkung umso beklemmender macht. In den beiden schnellen Sätzen ist man auch bei Järvi Mitten im Getümmel, muss aber nicht befürchten, umgehauen zu werden, weil er es schafft, dem Grellen die Schärfe zu nehmen - freilich ohne auch nur ein bisschen zu verharmlosen. Im Gegenteil, ich meine, dass die Kontraste stärker sind, als bei anderen Dirgenten (Roschdestwenski, Boreyko, Rahbari, Haitink, Jansons - im zugegebenermaßen etwas heiklen Quervergleich mit deren Aufnahmen anderer DSCH Sinfonien), nur ist die gesamte Skala bei Järvi in Richtung "warm" verschoben.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/410DSH440JL._SL500_AA240_.jpg
Heike (03.06.2010, 18:29):
Ahhh danke für die Erklärung. Ich werde reinhören.
Heike
(>1700 Beiträge, ach du meine Güte!)
ab (16.08.2010, 22:08):
Original von Heike
Ich bin mir sicher, dass dir Neeme Järvi (Chandos) gefallen wird.
Warum?
Heike

Auch ich höre am liebste diese Järvi-Aufnahme aus Schottland bei Chandos!

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51Ht%2BJnjhJL._SL500_AA300_.jpg

An anderer Stelle meiner zahllosen Beiträge schrieb ich schon einmal:

(nicht nur, weil er einzigartig (und einzig er) die Trompete im dritten Satz so hervorhebt

Ich hörte Neeme Järvi auch vor vielen Jahren mit dieser Sinfonie mit dem Gustav Mahler Jugendorchester in ganz phantastischer Akkustik. Ein unvergessliches Konzert: Dort hob er die Trompete zwar leider nicht mehr hervor, zog aber zum Abschluss das Tempo so derart dramatisch an, dass das ganze Auditorium incl. meiner völllig überfahren und geplättet nur der Mund offen stand. Noch bevor sich der erste überhaupt nur rühren konnte - und ich wäre wohl normal der erste und lauteste gewesen - begann er selbst im Umdrehen mit dem Applaudieren.

Ich ziehe diese Aufnahme Järvis jedenfalls der von Roschdéswenskij vor (obwohl das Orchester an den Rand seiner Möglichkeiten kommt und Järvi - wie leider so oft - etwas leger agiert; und trotz der mich nicht zufriedenstellenden 1. Sinfonie, die damit gekoppelt ist.) Beide sind es, die bei Schostakowitsch stark die Kontraste hervorheben, letzterer mehr das Parodistische und Groteske.
:hello
teleton (22.08.2010, 12:16):
Original von Armin70
Von den bei Eurodisc/Melodia erschienen Aufnahmen der Schostakowitsch-Sinfonien mit dem Staatlichen Sinfonieorchester des Kultusministeriums der UdSSR (das glaube ich mit den Leningrader Philharmonikern identisch war ?) unter der Leitung von Gennadi Roshdestwenskij habe ich die Doppel-CD mit den Sinfonien Nr. 5 + 7.

Interpretatorisch gehört diese Gesamtaufnahme meiner Meinung zum Besten was man kaufen kann. Leider ist die Klangqualität meiner Meinung nach sehr problematisch, weil die Lautstärkeverhältnisse irgendwie verzerrt sind: Eine Soloflöte klingt fast genauso laut wie das Fortissimo des gesamten Orchesters.

Keine Ahnung, was die Tontechniker damals für ein Klangideal erzielen wollten. Nach meiner Meinung ging das Klangkonzept jedenfalls gründlich daneben. Aus dem Grund hatte ich mir aus dieser Gesamtaufnahme dann auch keine weiteren Aufnahmen, geschweige denn die Gesamtaufnahme, gekauft.

Hallo Armin und alle Schostakowitsch-Freunde,

es stimmt, das die Tontechniker besonders bei der Aufnahme der Leningrader etwas ungewöhnlich ausgesteuert haben, sodass bestimmte Instrumentengruppen zu weit im Vordergrund erscheinen.

Man sollte dies jedoch nicht auf die GA beziehen und ich muß dir sagen, wenn Du nur wegen einer Soloflöte, die etwas lauter ist oder auch anderen Beispielen der Aussteurungswut weitere Aufnahmen "verschmäht" hast, dann hast Du ganz schön etwas verpasst.
:engel Es handelt sich um Digitalaufnahmen aus den 80er-Jahren, die auf den Eurodisc-CD´s wirklich eindrucksvoll klingen. Wenn deine worte über den Klang nun Schostakowitsch-Hörer ggf vom Kauf abhalten, dann wäre dies wirklich schade - denn ich halte den Roshdestwensky-Melodiya-eurodisc-Sound für gut und eindrucksvoll.
:beer Im Prinzip finde ich in diesen Aufnahmen auch meine alten Hörgewohnheiten meiner alten Eurodisc-Platten mit dem typisch russischen Orchesterklang wieder - fabelhaft ! Ich habe alle 15 als Eurodisc-Einzel-CD´s. Ich war seinerzeit richtig wild darauf alle möglichst bald zusammen zubekommen - nur die CD der 8ten hatte sich um Jahre verzögert.


Schade, das Du die Aufnahme der Sinfonie Nr.6, die ohne Fehl und Tadel ist nicht kennst, obwohl auch du in deinem Beitrag anerkennst, dass es sich um eine der besten GA handelt. Das ist eine Steigerung bis zum äußstersten auf Sidehitze gebrachten Finale, die alles andere hinter sich läßt.
Es stimmt das Roshdestwensky das Parodistische und Groteske hervorhebt, aber wie
zum abheben - der Wahnsinn !

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41JR5HZ7WNL._SL500_AA300_.jpg
Eurodisc, 1988, DDD


Das SO des Kuturministeriums der UDSSR hatte seinen Sitz in Moskau und ist nicht mit den Leningrader PH, den spätere Petersburg PH, identisch
Armin70 (22.08.2010, 13:39):
Hallo Teleton,

was die interpretatorische Qualität der Roshedestwenzky-Aufnahmen angeht, sind wir, so denke ich jedenfalls, einer Meinung, dass diese wirklich sehr gut sind.

Über die klanglichen "Meriten" dieser GA habe ich lediglich meine eigenen persönlichen Eindrücke widergegeben. Ich erinnere mich auch noch dunkel daran, dass in einer Ausgabe der Musikzeitschrift FonoForum Ende der 1980er Jahre die Klangqualität auch sehr kritisch bzw. skeptisch betrachtet wurde.

Im übrigen halte ich meine Worte bzw. meine Meinung nicht für so gewichtig, dass sich andere daran orientieren und sich aufgrund dessen eine Aufnahme entweder kaufen oder nicht. Letztlich muss sich jeder seine eigenes Urteil bilden und wenn einige mit der Klangqualität dieser GA weniger Probleme haben, dann ist das doch ok.

Gruß
Armin
ab (23.08.2010, 09:11):
Original von teleton


es stimmt, das die Tontechniker besonders bei der Aufnahme der Leningrader etwas ungewöhnlich ausgesteuert haben, sodass bestimmte Instrumentengruppen zu weit im Vordergrund erscheinen.


Ich meine mich zu entsinnen, dass vor langer Zeit einmal igendwo mir jemand auf meine Frage, ob auch auf der Neuausgabe bei Melodyia die Instrumente so unnatürlich - den Anforderungen dynamikarmer Schlapattenspieler entgegenkommend - hervorgehoben würde, die Antwort kam, dass die GA neu abgemisch worden sei und dort ein orchesternatürliches Klangbild hergestellt worden sei. Ich weiß aber nicht, ob das wirklich zutreffend ist...
:hello

http://img.hmv.co.jp/image/jacket/400/14/4/0/100.jpg
teleton (23.08.2010, 12:16):
Hallo ab,

über Remastering-Künste haben wir uns schon bei Kondraschin zu genüge ausgelassen. Dort war bei den alten Analogaufnahmen aus Russland ein gutes Remastring auch wünschenswert und bei AULOS dann auch höchst erfolgreich.

:cool Hier bei Roshdestwensky liegen uns Digitalaufnahmen der 80er-Jahre für die CD vor und keine dynamikarmen Schallplatten oder Schallplattenspieler ... Was soll da groß remastert werden ?


Ich finde meine Eurodic-CD´s mit den Roshdestwensky-Aufnahmen bei allen 15 Sinfonien voll akzeptabel und gut ! Klanglich wird da niederschmetterdes geboten.
Hinzu kommt, dass ich mich auch an den Sound gewöhnt habe - so will ich den russischen Orchesterklang weiterhin hören !
ab (23.08.2010, 13:48):
Original von teleton
Hier bei Roshdestwensky liegen uns Digitalaufnahmen der 80er-Jahre für die CD vor und keine dynamikarmen Schallplatten oder Schallplattenspieler ... Was soll da groß remastert werden ?


Nun, es sollte von den einzelnen originalen Bändern einfach ein neues Master abgemischt werden, wobei man verzichten könnte, einzelnen Instrumente unnatürlich hervorzuheben. (Es ginge also nicht um breitere Dynamik, die leider wegen des frühen Digitals natürlich nicht mehr verbessert werden kann: es sind ja keine Analogbänder.)

Ich selbst habe aus dieser Eurodisc-Serie die Sinfonien 3, 6, 14 und & 15 und bin damit klanglich hinreichend zufrieden, mich enerviert das Unnatürlche nicht so sehr, wie andere meines Bekanntenkreises, und kann gut damit leben. (Bei den drei letztgenannten Sinfonien ziehe ich übrigens andere Einspielungen vor (nämlich Järvi 6, Turovsky 14 & Kondraschin 15), was nicht heißen soll, dass ich sie nocht dennoch sehr schäzte!)

:hello
ab (01.09.2010, 11:01):
Habe im Laden entdeckt, dass die New Yorker Einspielung der 6. Sinfonie (1963) durch Leonard Bernstein - gekoppelt mit der Sinfonie Nr. 1 (1971) - soeben wieder veröffentlicht worden ist, nämlich in der Billigreihe: Esprit

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0886977403026.jpg
Cetay (inaktiv) (30.08.2012, 01:39):
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51%2BwaieA6kL._SL500_AA240_.jpg

Eine Jahrhundertaufnahme. Schon alleine das Largo: Wie bringt man ein Orchester dazu, die totale Resignation, das Ende jedes Aufbegehrens, die Vernichtung des Egos durch die Depression so eindringlich -so glaubhaft, so authentisch- in Töne zu fassen? Andere Dirigenten haben mehr oder weniger erfolgreich versucht, die im Largo ausgebreitete dunkle Nacht der Seele darzustellen (als Archetyp wohlgemerkt; ich weigere mich beharrlich zu glauben, dass ein Genie wie Shostakovich seine Kunst missbraucht hat, um sich selbst darzustellen); aber es ist halt immer noch gespielt. Petkov nimmt sich dagegen einfach aus der Gleichung, die total vernichtende Melancholie kriecht ohne Filter ins Bewußtsein des Hörers. Nicht in der Nähe von hohen Brücken konsumieren! Noch sensationeller ist freilich, dass Petkov diese Grundstimmung in die so extrem konstrastiereden nachfolgenden Sätze hinüber trägt, was deren grotesken Charakter noch verschärft. Das Unwirkliche wird hier nicht durch plakativ-grelle Übertreibungen dargestellt, sondern durch Reminiszensen an das Vorhergehende. Besonders deutlich wird das beim kurzen Flötenrezitativ im 2. Satz. Bei keiner anderen mir bekannten Aufnahme habe ich an dieser Stelle überhaupt einen Bezug zum Largo gehört. Petkov drosselt hier einfach das Tempo ein wenig herunter ... Et voilà!. Das ist nun das genaue Gegenteil der oben ausgelobten Nicht-Interpretation, aber genau das hebt diese Aufnahme so turmhoch heraus. Da und nur da, wo es Sinn macht, wird interpretiert, aber dann so richtig erhellend. Blabla ... das sind alles nur Worte, das muss man gehört haben!

N.B. Diskographisch ist das eine recht verwirrende Angelegenheit. Offiziellen Quellen zufolge gibt es keine Einspielung von Petkov mit den Sofioten. Die 6. und 9. waren mal auf LP gekoppelt, da war bei der 6. allerdings das Orchester aus Plauen am Werk. Diese Auifnahme gibt es auch als Livestream, allerdings weichen die Spielzeiten von der hier besprochenen Ausgabe des Bulgarischen Radios ab. Weiß jemand etwas Näheres?
Heike (30.08.2012, 07:30):
Hallo,
danke für den Hinweis, das klingt vielversprechend. Leider gibt es das nicht als CD, nur als download?

ich weigere mich beharrlich zu glauben, dass ein Genie wie Shostakovich seine Kunst missbraucht hat, um sich selbst darzustellen
Ist nicht in den archetypischen Meisterwerken fast immer auch ein Stück Seele des Komponisten? Missbräuchlich finde ich das nicht, sondern eher zutiefst menschlich.
Heike
Cetay (inaktiv) (30.08.2012, 16:07):
Ja, ich habe das nur als Download oder Livestream gesehen. Die Aufnahmequalität ist sehr bescheiden und ich weiß nicht, ob ich das als aufgebohrten Remaster hören wollte, weil das kompakte, dunkel-verhangene Klangbild die Interpretation unterstützt - wenn es nicht sogar einen eigenen Beitrag zur Wirkung beisteuert.

Das Thema, inwieweit man von einem Werk auf die Stimmungs- und Gefühlslage des Komponisten zurückschließen darf, ist schon unendlich und ergebnislos in der Forenlandschaft diskutiert worden. Bei Mozart geht man dabei mit großer Sicherheit in die Irre, bei Shostakovich sieht es möglicherweise anders aus (die späten Quartette sollen regelrechte Psychogramme sein). Ich bin ein extremisitischer Verfechter des Ideals der absoluten Musik, weil Musik etwas aussagt (aussagen kann, soll), das jenseits der Möglichkeiten der Sprache liegt. (Deswegen interessiert mich das Musiktheater genau so wenig wie Symphonische Dichtungen - es sei denn, die Musik kann ohne Kenntnis des Libretto bzw. des Programms bestehen). Wenn der Komponist bewußt seine eigene Gefühlswelt komponiert, dann nutzt er die Komposition lediglich als "Verlängerung" der Sprache. Das als Mißbrauch zu bezeichnen, ist natürlich übertrieben und der nächtlichen Stunde in Verbindung mit reichlich Drambulie und der totalen Erschütterung angesichts des zuvor Gehörten geschuldet.
:engel
teleton (30.08.2012, 17:17):
Hallo Cetay,

die Sinfonie nr.6 schätze ich ebenfalls wie Du sehr hoch.

Das ist ja schade, das man von einer Neuaufnahme 2012 gleich von "Die Aufnahmequalität ist sehr bescheiden" schreiben muss, wenn sie auch von der Interpretation gut sein soll. Disqualifiziert sich so eine Bulagia-Aufnahme sich damit nicht selbst ?

Die 3 Sätze steigern sich ja bis zum äussersten; vom ruhigen beseelten Largo bis zum Schlussallegro.
Ich finde 3.Satz kann man kaum besser und spannender wiedergeben, als Roshdestwensky (Melodiya/Eurodisc, 1984, DDD). Wie sich die Energie dann zum Finale entläd, lässt mich stumm und jedes mal immer wieder mit Begeisterung zurück. Ich bin "geplättet", sitze wortlos in minem Sterohörsessel, bleibe sitzen und lasse das gerde erlebte erst mal auf mich wirken - bin fertig - herrlich !!!

??? Wie steht es da mit Petkov im 3. Satz und dem Wahnsinnsfinale ?

In diesem Thread wurde ja auch (kurz vorher) die Bernstein-Aufnahme (SONY) mit den New Yorker PH von ab ins Spiel gebracht. Eine CD die ich bereits in der ROYAL-Bernstein-Edition habe. Satz 1 und 2 , auch 3 soweit OK, wie nicht anders von Bernstein zu erwarten. Aber im Vergleich zum Roshdestwensky klingt mir das Finale bei Bernstein zu sehr auf dem eppioch bleibend. das gilt für die meisten anderen Aufnahmen auch.
:times10 Ich will eigendlich nur noch Roshdestwensky (mein absoluter favorit für die 6) hören, wie er den Wahnsinn pur produziert. Und die von Armin in Frage gestellte Klangregie durch hervorheben von Instrumentengruppen, halte ich für soweit in Ordung, das sehe ich so ganz und gar nicht als einen entscheidenden Nachteil.
Wenn hier wieder klanglich durch "rumremastern" etwas verändert würde, würde mich das mehr stören (das wäre ja auch der Hohn bei einer DDD-Aufnahme !!!).
:beer Ich habe alle 15Sinfonien in der Eurodisc-Erstausgabe und bin damit megazufrieden.
Cetay (inaktiv) (30.08.2012, 19:53):
Bei dem BNR-File handelt es sich sicher um keine Neuaufnahme, da Petkov schon 1987 gestorben ist. Die Aufnahmedatum ist mit 1972 angegeben; vermutlich handelt es sich um Rundfunk-Archivaufnahmen, die suboptimal gelagert wurden.
Dass hier kein spekatuläres Wahnsinnsfinale à la Roshdestwensky geboten wird, geht aus meiner Beschreibung schon hervor - und das macht für mich eine der Stärken aus. Sinnbildlich: Roshdestwensky mag einen im Finale "umhauen"; Petkov kann das nicht, weil er einen nach dem niederdrückenden Largo erst gar nicht mehr aufstehen läßt.