stiffelio (05.10.2014, 21:50): "Fierrabras" gehört zu Schuberts letzten von insgesamt 17 (!) Opern bzw. Singspielen, wenn man laut Wikipedia die Fragmente mitzählt. Sie wurde 1823 komponiert und erst lange nach dem Tod von Schubert 1897 stark gekürzt uraufgeführt. Wie auch andere Opern von Schubert leidet sie unter einem sperrig-pathetischen Libretto, das heute nur noch schwer anzuhören und noch schwerer glaubwürdig zu inszenieren ist. Es wurde im Fall von "Fierrabras" von Schuberts Freund Joseph von Kupelwieser geschrieben. Die erste weitgehend ungekürzte Aufführung fand erst 1982 in Augsburg statt, auf Bildträger aufgenommen wurden weitere Aufführungen 1988 in Wien (Dirigent: Claudio Abbado, Regie: Ruth Berghaus), 2002 in Zürich (Dirigent: Franz Welser-Möst, Regie: Claus Guth) und kürzlich von den Salzburger Festspielen 2014 (Dirigent: Ingo Metzmacher, Regie: Peter Stein). Die Musik von Schubert bleibt trotz der Bezeichnung "heroisch-romantische Oper" dem Liedhaften verpflichtet, die dramatischen Ausbrüche finden zwar statt, kommen aber relativ schaumgebremst daher. Wenn man sich an das Liedhafte gewöhnt hat, ist es aber eine wunderschöne Musik.
Die Story spielt vor dem Hintergrund eines Sarazenenfeldzugs von Karl dem Großen. Sie dreht sich um fünf junge Menschen: zwei Liebespaare und einen unglücklich Verliebten, der aber seine Eifersucht überwindet und zum Symbol der treuen Freundschaft wird. Bei Letzterem handelt es sich um die Titelfigur Fierrabras, den Sohn des Maurenfürsten Boland, der sich in Emma, die Tochter König Karls verliebt. Emma liebt aber heimlich den jungen Ritter Eginhard, der für eine Königstochter eigentlich kein standesgemäßer Bewerber ist. Mit Eginhard und Fierrabras befreundet ist der fränkische Heerführer Roland, der seinerseits die Schwester von Fierrabras liebt und von ihr wiedergeliebt wird. Gegenspieler der Liebespaare sind die beiden verfeindeten Väter der Bräute: König Karl und Fürst Boland. Das Happy-End mit Versöhnung und Doppelhochzeit kommt ebenso unmotiviert wie programmgemäß.
Aus meiner Sicht hat Schubert hier in einem romantisch-historischen Mäntelchen die Konflikte seiner eigenen Zeit thematisiert. Die Liebe und Freundschaft der fünf jungen Menschen geht quer über Standes- und Vaterlandsgrenzen hinweg. In der heimlichen Liebe zwischen Emma und Eginhard ebenso wie in der unglücklichen Liebe von Fierrabras zu Emma kann ich mit einiger Fantasie die Liebe von Schubert zu Caroline Esterházy wiedererkennen, in den Freundschaften der drei Männer untereinander die zahlreichen Männerfreundschaften Schuberts. König Karl spricht teilweise zu Emma auf eine Weise, die ich mir auch gut von Schuberts eigenem Vater vorstellen kann. Einerseits hegt er väterliche Stolz- und Liebesgefühle für sie, andererseits ist er aber auch sehr schnell dabei, sie zurückzustoßen, wenn sie sich nicht nach seinen Vorstellungen verhält.
Da ich in der Instrumentalmusik großer Schubert-Fan bin, habe ich es immer wieder auch mit seinen Opern probiert. Die kürzliche Ausstrahlung der Aufnahme von den Salzburger Festspielen im TV bestätigt einmal mehr meine Erfahrung, dass es günstig ist, zunächst eine möglichst "unveränderte" (klar, das bedeutet für jeden etwas anderes) Aufführung einer Oper zu erleben, bevor man sich an mehr oder weniger gewagte Umdeutungen und tiefsinnige Interpretationen heranbegibt. Die Salzburger Aufführung hat mich wesentlich mehr beeindruckt als ihre Vorgänger aus Wien und Zürich, aber ich merkte schon jetzt dass sie mich auch die beiden letzteren besser verstehen lässt. Peter Stein hat aus der Handlung von Fierrabras m.E. nichts Großartiges herauslesen wollen, er bebildert sie mehr oder weniger als Märchen, aber das gekonnt. Die Papierkulissen und Kostüme sind so gestaltet, wie ich mir vorstelle, dass Opern Anfang des 19. Jh. aufgeführt worden sein könnten. Allerdings vermute ich, dass die Sänger damals wesentlich weniger gestische Emotionen gezeigt haben. Das lebendige Spiel der Protagonisten (ohne die Märchenebene zu verlassen) hat mich manche "Durststrecken" der Handlung, vor allem in der Chorszenen durchhalten lassen. Schade finde ich, dass das Geständnis Eginhards vor dem Maurenfürsten, seinen Sohn Fierrabras verraten zu haben, gekürzt wurde. Die Wut des Fürsten über die Christen wird so viel schwerer verständlich, ebenso wie sein unvermutetes Einlenken, als sein Sohn zu ihm zurückkehrt. Die Sänger in Salzburg lassen für mich keine Wünsche offen. Michael Schade ist ein sehr überzeugender Fierrabras mit einer kernigen Stimme, die sich gut von dem helleren Timbre des jugendlichen Liebhabers Eginhard (Benjamin Bernheim) abhebt. Georg Zeppenfeld ist mit seiner tief timbrierten Bassstimme ein umwerfender König Karl, Markus Werba kann mit seinem ebenfalls eher dunkelen Bariton genug Heroismus verströmen, um den Roland glaubhaft zu machen und ist gleichzeitg ein guter Kontrast in den Ensembles mit Fierrabras und Eginhard. Julia Kleiter ist eine mittelalterliche Königstochter, wie sie im Buche steht und Dorothea Röschmann kann genug Dramatik in ihre Rolle als zu allem entschlossene Maurenprinzessin legen. Peter Kálmán verkörpert ebenfalls einen Bilderbuch-Maurenfürsten. Ingo Metzmacher dirigiert mit viel Schwung und gleichzeitig Zartheit, er versucht nicht, das Liedhafte zu überspielen.
Ruth Berghaus hat in ihre Wiener Inszenierung 1988 viel mehr Tiefenpsychologie und Antikriegs-Symbolik hineingepackt. Die Kostüme sind aus der Biedermeierzeit entlehnt, bis auf die beiden Königsväter, die beide das gleiche Gewand tragen, das an eine römische Toga erinnert. Von den Sängern konnte mich nur Thomas Hampson als Roland (der die Rolle etwas weniger heroisch und mehr als treusorgender Freund anlegt) streckenweise mehr überzeugen als sein Gegenpart in Salzburg. Das mag teilweise daran liegen, dass mein Mitschnitt im Ton etwas dumpf und das Bild weniger klar ist als in der neueren Salzburger Aufnahme, aber darin allein ist es sicher nicht begründet. Die verklausulierte Interpretation ist zwar interessant, hat mich aber auch streckenweise ziemlich ratlos zurückgelassen. Die Zuspitzung des Kulturkampfes Christen-Muslime und die Kriegskritik stecken für mich in dieser Oper nicht wirklich drin, m.E. wurde dieser Hintergrund nur benutzt um die menschlichen Konflikte der Hauptpersonen zu begründen.
Claus Guth hat 2002 (DVD von 2007) in Zürich die Oper insofern gleich vollständig im Biedermeier belassen, als er sie als eine Art imitierte Stellprobe einer Schubertiade anlegt. Das hatte mir die Handlung soweit entfremdet, dass mich noch nicht einmal Jonas Kaufmann als Fierrabras und der von mir eigentlich sehr geliebte Laszlo Polgar als König Karl bei der Stange halten konnten.
Mich hat überrascht, dass Peter Stein von der Presse offenbar viel Kritik für seine "antiquiert-verstaubte" Inszenierung einstecken musste. Wie seht ihr das, wo liegen die Vorzüge und Nachteile der einzelnen Fierrabras-Interpretationen?
VG, stiffelio
Schweizer (06.10.2014, 13:16): Liebe stiffelio, ich habe am 14.Nov02 die zweite Vorstellung des Zürcher *Fierrabras* gesehen/gehört: auf Grund der im Vorfeld von der Intendanz respektive Dramaturgie gemachten Anpreisungen (Stil: zu Unrecht vergessenes Meisterwerk etc) und der Bezeichnung "heroisch-romantische Oper" bin ich den Abend mit übertrieben-freudiger Erwartungshaltung angegangen und landete auf dem harten Boden der Realität. Denn wie Du richtig anmerkst ist die Musik sehr ausgeprägt "dem Liedhaften verpflichtet, die dramatischen Ausbrüche finden zwar statt, kommen aber relativ schaumgebremst daher." Mein damaliges Fazit: ein mir neues Werk der gepflegten Langeweile kennen gelernt, muss ich mir kein zweites Mal im Leben antun! Und so habe ich nach den tendenziell negativen Kritiken der Salzburger Produktion dieses Sommers für den Abend der Übertragung ohne eine Sekunde zu zögern eine Einladung bei Freunden angenommen. Entsprechend kann ich Deinem Wunsch nach einem Vergleich nicht nachkommen. Die Regie von C.Guth des mir unbekannten Werks habe ich als gefällig, nicht verstörend, verständlich in vager Erinnerung. Weder Franz Welser-Möst als handwerklicher Könner, aber wie stets uncharismatischer Langweiler noch die aufgebotene, illustre Sängerschar mit u.a. Joanna Kozlowska/Emma, Jonas Kaufmann/Fierrabras, Laszlo Polgar/König Karl, Michael Volle/Roland konnten mich für das Werk begeistern. Gruss vom Schweizer
stiffelio (06.10.2014, 19:20): Lieber Schweizer,
wie schön, dass du wieder da bist! :hello
...und der Bezeichnung "heroisch-romantische Oper" bin ich den Abend mit übertrieben-freudiger Erwartungshaltung angegangen und landete auf dem harten Boden der Realität Interessant, exakt genauso ist es mir mit meiner ersten Schubert-Oper "Alfonso und Estrella" und leztlich zunächst auch mit "Fierrabras" ergangen. Nicht zuletzt die Kulissen der Wiener Inszenierung von Berghaus, die meinen Erstkontakt mit "Fierrabras" begleiteten, hatten in mir eine Erwartung geweckt, die die Musik in keiner Weise einlösen konnte. U.a. deshalb halte ich den Ansatz von Stein für soviel angemessener: in seinen Kulissen fühle ich mich z.B. an eine frühe Mozartoper erinnert und dazu passt die Musik dann sehr gut. Vielleicht magst du ja doch nochmal in den 3sat-Link hineinschauen: z.B. das Terzett von 1h4min-1h7min - ist das nicht wunderbare Musik? Oder auch das Finale ab 2h33min. Natürlich kann man das kitschig hoch drei findet, aber ist das vom Finale der Zauberflöte (weniger musikalisch, als vom Gedanken der "Allversöhnung" her) so weit entfernt?
Was die Guth-Inszenierung angeht, da musste ich mir dann gestern abend beim ersten vollständigen Durchschauen verblüfft die Augen reiben: Guth hat da ja tatsächlich 1:1 das umgesetzt, was ich für Schuberts Intentionen halte und im Eingangsposting formuliert habe: die drei jungen Männer als alter ego von Schubert bzw. seinem Freundeskreis, der Maskenbildner hat Emma ganz eindeutig als Caroline Esterázy herausstaffiert und König Karl ebenso wie Fürst Boland als drohende Vaterfiguren Schuberts! Das zeigt mir mal wieder, dass ich es absolut nicht leiden kann, wenn ein Regisseur mir mit dem Holzhammer eine bestimmte Sichtweise überbraten will, und das offenbar selbst dann, wenn sie meiner eigenen entspricht :A. Viel lieber komme ich durch Andeutungen und Nachdenken selbst darauf. Aber jetzt, mit der Stein-Inszenierung im Hintergrund gefällt mir auch Guths Ansatz immer besser. Es ist ein wenig so, als solle man ein Negativ von einem Foto wertschätzen, ohne den Positivabzug zu kennen, Das wird (zumindest bei mir) in den meisten Fällen nicht funktionieren. Aber wenn ich das Positiv kenne, kann ich auch am Negativ Interessantes erkennen.
VG, stiffelio
Severina (07.10.2014, 18:19): Liebe Stiffelio,
ich habe den Salzburger "Fierrabras" bewusst geschwänzt, obwohl ich die Musik sehr mag, aber Michael Schade und vor allem Peter Stein haben mich bewogen, den Abend anregender zu verbringen. Stein steht für mich für gepflegte Langeweile, denn auch sein "Simon Boccanegra" ist nur dann spannend, wenn die Sänger etwas daraus machen. Im Unterschied zu Dir fühle ich mich nicht intellektuell "vergewaltigt", wenn mir ein Regisseur seine spezielle Sicht auf das Werk vermittelt, ganz im Gegenteil: Das ist in meinen Augen sein Job, eine Interpretation anzubieten und nicht bloß eine nette Bebilderung des Librettos. Ich muss mich seiner Deutung ja nicht anschließen, ganz im Gegenteil: Gerade wenn mich etwas aufregt im negativen Sinn, animiert mich das viel mehr zu eigenen Überlegungen als eine einschläfernde Inszenierung a la Stein. (Wobei ich jetzt nicht behaupte, sein "Fierrabras" sei einschläfernd, weil ich ihn wie gesagt nicht kenne, ich beziehe mich auf seine Wiener Arbeiten, speziell auf dem Theater. Gerade läuft an der Burg sein "Lear" - ich kam mir vier Stunden vor wie im Theatermuseum....)
Von Claus Guths Züricher "Fierrabras" war ich hingegen begeistert, nicht nur wegen Jonas Kaufmann, aber Guth zählt generell zu meinen Lieblingsregisseuren.
lg Severina :hello
stiffelio (07.10.2014, 20:18): Liebe Severina,
so weit sind wir gar nicht auseinander (diesen Satz von dir zitiere ich mal aus einem anderen Thread :wink) Auch ich habe primär nichts dagegen, wenn Regisseure Deutungen anbieten, im Gegenteil. Aber erstens gefallen sie mir meist umso besser, je subtiler sie inszeniert sind und zweitens finde ich sie in der Regel umso spannender, wenn ich erstmal eine Version ohne spezielle "Umdeutungen" kennenlernen durfte - und gerade bei den seltener gespielten Opern kann das schwierig sein. Aber über die prinzipielle Güte des Guth-Fierrabras brauchen wir uns sicher nicht mehr zu streiten, den sehe ich inzwischen auch rauf und runter und wie geschrieben: er gefällt mir immer besser und einzelne Szenen sogar schon besser als der Stein-Fierrabras :ignore (dem gebürt dennoch mein Dank als "Türöffner").
Auch an dich daher noch eine Frage, die ich schon in einem anderen Forum gestellt habe: der Schubert-Darsteller reißt sich ja immer wieder, besonders betont im Finale, Haare aus. Hast du dafür eine Deutung? Eine Weile habe ich auch über Fierrabras Rolle am Schluss gegrübelt: er ist ja sichtlich erbost, als Schubert ihm keine eigenes Gesangsheft zuteilt und blättert am Schluss ungläubig, als als er noch einen anderen Schluss suche. Meine momentane Deutung: Fierrabras rechnet eigentlich damit, dass er als Titelfigur doch noch einen "heldischeren" Abgang bekommt und Schuberts Achselzucken darauf deutet an: So ist halt das Leben, mehr Lohn gibt es nicht. Was meinst du dazu?
VG, stiffelio
stiffelio (16.10.2014, 20:00): der Schubert-Darsteller reißt sich ja immer wieder, besonders betont im Finale, Haare aus. Hast du dafür eine Deutung? Das hat sich übrigens geklärt: http://de.wikipedia.org/wiki/Trichotillomanie Guth ist in dieser Inszenierung zum Glück relativ sparsam mit dem Verteilen psychiatrischer Diagnosen umgegangen, aber ganz ohne geht es beim ihm wohl doch nicht... :P
VG, stiffelio
Rotkäppchen (17.07.2015, 15:47): Seit kurzem sind's der auf-DVD-verewigten Fierrabrasse zwei :
Links die schon seit Jahren auf DVD erhältliche Regiearbeit von Claus Guth und, rechts, neu im Handel, die hier und anderswo kontrovers aufgenommene Inszenierung von Peter Stein aus dem letzten Jahr:
Beide eher in der gehobenen Preiskategorie -- wie es sich für Raritäten gehört :D.
LG, Rk
stiffelio (18.07.2015, 12:53): Liebe Rotkäppchen,
danke für deinen Hinweis auf diese DVD/Blu-ray. Ich kämpfe mit mir, ob ich sie mir zusätzlich zu meinem TV-Mitschnitt zulege. (Vermutlich warte ich aber damit, bis ich mal einen Blu-ray-Player habe.) Du hast mir damit auch erneut Appetit auf "Fierrabras" gemacht, ich werde heute nachmittag nochmal reinschauen. :)
Die Diskussion bei a...n über die Regie von Peter Stein hab ich mir durchgelesen. Das unterstreicht nochmal, wie weit die Ansichten auseinandergehen. Nachvollziehen kann ich die Kritik schon, auch wenn ich sie nach wie vor nur begrenzt teile (bei allen Klischees: die Auseinandersetzung Fierrabras-Eginhard-Emma und später noch Karl am Ende des 1. Aktes finde ich nach wie vor richtig gut gelungen und das Finale des 2. Aktes auch). Aber mit dem letzten Vorschlag, in einer modernen "Fierrabras" Inszenierung die mittelalterliche Ritterwelt in einer realistischen und nicht romantisch-verklärten Sicht darzustellen, kann ich mich überhaupt nicht anfreunden. Das würde für mich nicht funktionieren, weil weder die Musik noch das Libretto für mich auch nur einen Hauch "realistisches" Mittelalter atmen. Ich habe es schon weiter oben und andernorts geschrieben: Schubert hat hier seine eigene Zeit vertont und dargestellt, nicht das Mittelalter. Das kann man nun, wie Peter Stein in einer "Märchensicht" auf die Bühne bringen (also uns quasi durch Schuberts Brille sehen lassen) oder wie Claus Guth in einer psychologisierten Schubertsicht (also uns einen Blick in Schuberts - vermutliches - Innenleben gewähren), aber ein realistisches Mittelalter kann man daraus nicht stricken, dann würde sich das Bühnengeschehen völlig unverbunden vom Rest abspielen. Ich könnte mir eher noch vorstellen, dass ein sehr geschickter Regisseur es schaffen könnte, die romatischen Ideale von Freundschaft und Liebe in ein (vielleicht auch modernes) Umfeld zu transportieren, in dem sie ihre Bedeutung behalten und diese uns vielleicht noch besser vermitteln könnten. Z.B. zwei rivalisierende "Cowboy und Indianer" Kinderbanden der heutigen Zeit?
VG, stiffelio
Rotkäppchen (18.07.2015, 13:31): Liebe stiffelio,
das sehe ich genauso: Schuberts Musik passt überhaupt nicht zum echten Mittelalter. Ebenso halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass Stein mit seiner Arbeit irgendwelche Schwächen der Oper verstärkt darstellen wollte -- auf so eine abstruse Idee kommt man schließlich nicht so leicht. Mal sehen, ob sich mittelfristig mal wieder jemand an das Stück heranwagt; den Transport in ein modernes Umfeld hielte ich aber für sehr ambitioniert. Schon allein dieser ungeheure Verzicht von Fierrabras ist doch zutiefst romantisch (Guth hat das ja auch abgeändert), oder?
Viele Grüße, Rk :hello
stiffelio (18.07.2015, 14:21): Liebe Rotkäppchen,
wenn man nicht gerade die von Neitzel bearbeitete Version heranzieht, finde ich den Verzicht von Fierrabras auf Emma gar nicht so extrem. Ihm ist sonnenklar, dass Emma nicht ihn liebt, sondern Eginhardt. Das kann man (finde ich) in einem "modernen" Verständnis, das in Frauen kein mehr oder weniger willenloses Heiratsmaterial sieht, fast noch besser verstehen. In moderner Sicht ist schon eher extrem, dass Fierrabras für Eginhards Schuld und aus Liebe zu einer Frau, die seine Liebe nicht erwidert, in den Kerker geht. Aber gut, er hat unmittelbar zuvor sein Wort für sein Stillschweigen verpfändet. Genau diese Szene finde ich übrigens von Stein (bzw. von Schade) eher noch glaubwürdiger herausgearbeitet als von Guth bzw. Kaufmann: Fierrabras nicht nur als empfindsamer Mann, der edelmütig stillhält, als er verhaftet wird, sondern als ein Heißsporn, der sich in dieser Situation zunächst fast verrät und dann nur mit äußerster Beherrschung zur Ruhe zwingt - und dann auch einen Hauch Verachtung für Eginhard nicht unterdrücken kann.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (18.07.2015, 18:41): Liebe stiffelio,
ich sehe schon, dass ich mir das Werk auch mal wieder zu Gemüte führen muss, solche Feinheiten sind mir gar nicht mehr so bewusst, sondern eben nur die Tatsache, dass ausgerechnet der Titelheld am Ende leer ausgeht :( und es erstaunlicherweise mit Fassung trägt :cool.
:hello und Grüße, Rk
stiffelio (18.07.2015, 20:37): Liebe Rotkäppchen,
das ist wieder ein Grund, warum mir das Finale bei Stein besser gefällt als bei Guth - und letztlich auch seine gesamte Sicht auf die Fierrabras-Rolle. Bei Stein ist gut nachvollziehbar, warum die Oper "Fierrabras" heißt: er spielt die Hauptrolle, auch und gerade im Finale. Auch wenn es oberflächlich betrachtet als Rampensingen erscheinen mag, es findet ungeheuer viel Interaktion in Steins Finale statt, und Fierrabras ist der überwiegende Fädenzieher. Seine Rückkehr versöhnt (einigermaßen nachvollziehbar) den Vater, er schlägt die Heirat zwischen Roland und Florinda vor und er besiegelt schließlich das Bündnis zwischen Karl und Boland und damit den dauerhaften Frieden. Stein hat sich da nach Kräften bemüht, die Rolle von Fierrabras aufzuwerten und deutlich zu machen, dass er zwar keine Frau, aber viel anderes Wertvolles (u.a. zwei Freundschaften und ein Kriegsende) gewonnen hat. Bei Guth könnte die Oper genausogut "Emma und Eginhard" heißen oder zumindest "Die Macht der Treue" o.ä. (wird ja auch im Finale gesungen: "Das Glück ward gewonnen durch Treue allein.") Guth hat Frierrabras zwar psychologisch interessant ausgestaltet (und dabei eher den Anti-Held betont), aber ich empfinde ihn in seiner Inszenierung letztlich nicht wichtiger als Eginhard oder Roland. Alle drei sind darin Schattierungen der Schubert-Figur.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (19.07.2015, 09:04): Liebe stiffelio,
beim Lesen Deines detaillierten Beitrags habe ich mich gefragt, welcher Teil des Publikums (und der Kritikerschaft) wohl dieses Nicht-Mainstream-Werk so verinnerlicht hatte? Vielleicht war das auch einer der Gründe für die teils harsche Kritik an der "Märcheninszenierung", dass solche gelungenen Feinheiten, die Du beschreibst, einfach niemand wahrgenommen hat?