Schumann: Waldszenen - Deutscher Wald mit doppeltem Boden

AcomA (27.07.2006, 13:55):
Robert Schumann erarbeitete seinen Zyklus Waldszenen im Jahre 1848. Ursprünglich umfasste das Werk acht Stücke. Mit der Ergänzung von ‚Vogel als Prophet’ wurden es dann neun Stücke, womit der Zyklus als op. 82 veröffentlicht wurde (1850). Schumann hatte sich viele Jahre nicht mehr mit dem Klavier beschäftigt. Album für die Jugend und Waldszenen waren die ersten Werke für dieses Instrument nach all der Zeit. Robert Schumann schrieb an seinen Verleger Bartholf Senff in Leipzig: "Sie empfangen hier die Waldszenen - ein lang und viel von mir gehegtes Stück. Möchte es Ihnen Lohn bringen, und wenn keinen ganzen Wald, so doch einen kleinen Stamm zum neuen Geschäft."

Die Waldszenen sind keine pianistisch schwierige Literatur. Die Komposition überzeugt mit der Einfachheit des Ausdruckes. Möglicherweise hatte er die Stücke auch für seine siebenjährige Tochter, Marie, im Sinn gehabt (gewidmet Fräulein Annette Preusser).

Robert Schumann versucht mit einfachen Mitteln eine ausdrucksvolle Musiksprache zu formulieren. Schon der „Eintritt“, das erste Stück, charakterisiert mit einem schlichten rhythmischen Muster, aber mit einem fein geführten fortlaufenden Stimmengeflecht das „Gehen auf thauumperltem Pfad“.

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So erhält jedes einzelne Stück durch unterschiedliche Gestaltungsmittel seinen unverwechselbaren Charakter, etwa durch die schlichte Kontrapunktik, dessen Dissonanzen dadurch umso stärker hervortreten in „Einsame Blumen“, oder durch den, leise gehaltenen und dadurch geheimnisvoll wirkenden französischen Ouvertürenrhythmus in „Verrufene Stelle“.

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Für mich bedeuten das Eröffnungsstück und der Mittelteil von ‚Vogel als Prophet’ absolute Höhepunkte Schumannschen Ausdruckes. Die Musik klingt so erhaben und rein, ja unschuldig ! Meine Lieblingsstücke !
Schumann versieht alle Stücke anfangs mit einem literarischen Motto. Einige Beispiele sollen aufgeführt werden.
Das ursprüngliche Motto zum ‚Eintritt’: „Wir gehn auf thauumperltem Pfad/Durch schlankes Gras, durch duftges Moos/Dem grünen Dickicht in den Schoos.“
G. Pfarrius.
Motto zur ,Verrufenen Stelle’: „Die Blumen, so hoch sie wachsen, Sind blass hier, wie der Tod; Nur eine in der Mitte Steht da im dunkeln Roth. Die hat es nicht von der Sonne; Nie traf sie deren Gluth; Sie hat es von der Erde, Und die trank Menschenblut.“ F. Hebbel.
’Vogel als Prophet’: „Hüte dich, sei wach und munter“ J. v. Eichendorff.
’Abschied’: „Leise dringt der Schatten weiter, Abendhauch weht schon durchs Tal, Ferne Höhn nur grüßen heiter, Noch den letzten Sonnenstrahl“ G. Pfarrius.

Waldszenen Op. 82:

Eintritt (B-Dur)
Jäger auf der Lauer (d-moll)
Einsame Blumen (B-Dur)
Verrufene Stelle (d-moll)
Freundliche Landschaft (B-Dur)
Herberge (Es-Dur)
Vogel als Prophet (g-moll)
Jagdlied (Es-Dur)
Abschied (B-Dur)

Das erste mal, dass ich mit diesem Zyklus partiell konfrontiert wurde, war während der Schulzeit, als ich ‚Vogel als Prophet’ mit Arthur Rubinstein hörte, es war seine Platte, Ende der 70er Jahre in Rom aufgenommen zusammen mit der Kreisleriana. Während meiner Reise nach Daun (Vulkaneifel), musste ich beim Besuch eines typischen mitteldeutschen Mischwaldes an den Zyklus denken ! Obgleich dieser Zyklus selten aufgeführt wird, bin ich gespannt auf die Mitteilungen der Freunde.

http://kijiji.ebayimg.com/i21/01/i/07/4a/55/26_18.JPG

Gruß, siamak :engel
Zelenka (27.07.2006, 19:47):
Lieber Siamak:

Erst einmal herzlichen Dank für die in jeder Hinsicht gutgeratene neue Folge der Schumann-Projekts!

Die Waldszenen mögen pianistisch auf den ersten Blick nicht schwierig sein, aber, ähnlich wie im Falle der Kinderszenen, die auch bald im Forum besprochen werden sollen, sind sie vielleicht doch öfter in Gefahr, überinterpretiert zu werden, wo doch gerade eine unmittelbar berührende Schlichtheit des Ausdrucks und ein großes Maß an Poesie gefordert sind. Hinzu kommt der ständige Stimmungswechsel zwischen den Einzelstücken. Wie der Titel Deines Fadens schon andeutet, ist der Wald hier natürlich kein Idyll, sondern auch unheimlich (wie es sich eben für einen deutschen Wald nun einmal gehört, Dein Waldbild oben ist ein wenig zu sonnig-idyllisch!).

Ich besitze nur drei Aufnahmen der Waldszenen: Kempff (DG), Richter (letztendlich DG) und Katsaris (Teldec). Was die Poesie angeht, liegt vielleicht Kempff eher erwartungsgemäß vorn, während Richter oft nicht ganz so innig ist, aber sehr schön den unterschiedlichen Charakter der einzelnen Stücke herausarbeitet. Katsaris erscheint mir ein wenig zu glatt und unverbindlich.

Gruß,

Zelenka
Rachmaninov (29.07.2006, 11:23):
Die Waldszenen gehören für mich zu meinen persönlichen Lieblingen der Klavierliteratur R. Schumann's.
Die Eigenständigkeit der einzelnen Stücke die dennoch in ihrer beschreibenden Form etwas vermiteln was jeder kennt und erlebt haben kann.

Als Kind verbrachte ich jeden Sommer mit Freunden während der Sommerferien im Wald. Zeiten völliger Unbeschwertheit und Glück.

Daran erinnere ich mich jedesmal wenn ich die Waldszenen höre.

Siamak's Aussage

Für mich bedeuten das Eröffnungsstück und der Mittelteil von ‚Vogel als Prophet’ absolute Höhepunkte Schumannschen Ausdruckes. Die Musik klingt so erhaben und rein, ja unschuldig ! Meine Lieblingsstücke !

Kann ich mich durchaus anschließen.

Aber auch die Spannung des Jagdlied (Es-Dur) erliege ich immer wieder.

Eine fesselnde Aufnahme dieses Werks legte für mich Valery Afanassiev vor.



Natürlich bin ich sehr gespannt auf weitere Empfehlungen :engel
AcomA (29.07.2006, 12:00):
lieber Jan Dismas (Z) und Sergejewitsch (R),

dass man drei aufnahmen des werkes besitzt (Z) ist IMO schon sehr viel ! daher erscheint mir das 'nur' als understatement. :cool das wilhelm kempff den richtigen poetischen ton trifft, kann ich mir sehr gut vorstellen, leider hörte ich seine interpretation nicht. zu sviatoslav richters aufnahme wird Cosima sicherlich einiges erzählen können. :hello

nun, die interpretation valery afanassievs ist auch in meinen ohren wunderbar (R). im rundfunk hörte ich ausschnitte des zyklus mit gerhard oppitz, herrlich.

mein persönlicher favorit ist die interpretation des zyklus durch den jungen igor shukov in einer melodiya-aufnahme aus 1965. ich finde, dass er die linien noch behutsamer und sonorer phrasiert, als afanassiev. eine echte 'perle', diese aufnahme. :engel

http://images.amazon.com/images/P/B000001HD4.03._SS400_SCLZZZZZZZ_V1133549959_.jpg

gruß, siamak :engel
Cosima (30.07.2006, 18:18):
Original von AcomA
zu sviatoslav richters aufnahme wird Cosima sicherlich einiges erzählen können.

Lieber Siamak, liebe Schumann-Freunde,

ich freue mich sehr über diesen schönen Thread, auch darüber, dass das Schumann-Projekt nun weiter geht! Danke Dir! :down

Ich besitze zwei Aufnahmen: Richter natürlich und Afanassiev. (Wenn drei Aufnahmen „sehr viel“ sind, dann sind zwei immer noch „viel“. :) )

Derzeit vertrage ich - wegen der Temperaturen - nur ganz leichte musikalische Kost, werde mich aber in Kürze in diesem Thread wieder zu Wort melden.

Gruß, Cosima
Cosima (02.08.2006, 16:29):
Lieber Siamak, liebe Schumann-Gemeinde,

nun möchte ich auch endlich etwas zu den „Waldszenen“ schreiben, die mir sehr am Herzen liegen. Vielleicht zu sehr, denn ich habe gelegentlich eine seltsame Scheu, mich allzu intensiv in die Schumannschen Welten zu begeben. Bei ansonsten keinem anderen Komponisten kommt es mir vor, als ob dessen Musik meine Stimmung in jegliche Richtung derartig verstärken würde, wie es bei Schumanns Werken der Fall ist. Obacht ist deshalb manchmal notwendig, wenngleich ich Schumann so sehr liebe!

Zu den neun Charakterstücken und ihrer berührenden Schlichtheit wurde ja schon einiges gesagt - 1848/49 sind sie entstanden. Vorangegangen waren nicht nur körperliche Krisen und Schwermut des Komponisten, sondern zudem der Tod seines Freundes Mendelssohn im November 1847, der in Schumann düstere, ihn verfolgende Todesgedanken auslöste. In den „Waldszenen“ scheint Schumann sein inneres Gleichgewicht einigermaßen wieder gefunden zu haben; zumindest scheint es so, wenn man der wundervollen musikalischen Poesie lauscht, die in jedem Stück auf besondere Art und Weise zutage tritt.

Meine Lieblingsstücke sind „Verrufene Stelle“ und „Vogel als Prophet“. Meine vorliegenden Aufnahmen benannte ich bereits oben.

Ich meine, dass Sviatoslav Richters Interpretation sehr gut ist. Zumindest mich berührt sie stark, stellt sie doch eben jene poetische, innige Schlichtheit heraus, ohne aber gleichförmig zu wirken. Im Gegenteil: Richter vermag, die Vortragsanweisungen sehr genau umzusetzen und jedem Stück den betreffenden Charakter und Rhythmus in ganzer Klarheit zu verleihen. Mir gefällt die Aufnahme so gut, dass ich eigentlich nie nach einer Alternative suchte.

An eine weitere Einspielung geriet ich denn auch zufällig, weil Afanassievs „Kreisleriana“ (die mir sehr gut gefällt) mit den Waldszenen gekoppelt ist. Was Zelenka weiter oben schrieb…

Die Waldszenen mögen pianistisch auf den ersten Blick nicht schwierig sein, aber, ähnlich wie im Falle der Kinderszenen, die auch bald im Forum besprochen werden sollen, sind sie vielleicht doch öfter in Gefahr, überinterpretiert zu werden, wo doch gerade eine unmittelbar berührende Schlichtheit des Ausdrucks und ein großes Maß an Poesie gefordert sind.

… würde ich für Afanassievs Interpretation unterschreiben: Ich empfinde sie als überinterpretiert.

Ein Vergleich der Zeiten:

„Verrufene Stelle“: Richter 3:16, Afanassiev 5:17

Obgleich die Vortragsanweisung „ziemlich langsam“ lautet, zerstört m.E. Afanassiev die zugrunde liegende düstere, melancholische Poesie, indem er das Stück fast statisch gestaltet. Da fließt nichts, da gerät der Zusammenhang aus den Fugen.

„Vogel als Prophet“: Richter 2:42, Afanassiev 6:11

„Hüte dich, sei wach und munter“ heißt das Motto, die Vortragsanweisung „langsam, sehr zart“. Afanassievs Vogel klingt, als würde er zum letzten Mal sein Lied singen und den morgigen Tag nicht mehr erleben. Da ist auch nichts von Richters Innigkeit zu spüren.
Vielleicht kann es mir jemand erklären, denn ich habe keine Ahnung, was der Pianist sich dabei dachte, dieses Stück so endlos zu dehnen. (Ich muss unwillkürlich an Pogorelichs zerdehnten „Ochsenkarren“ denken. :()

Ich sage ganz ehrlich: IMO hat Afanassiev dieses Schumann-Werk richtiggehend zerstört (frei nach dem Motto: Dem drücke ich nun meinen „Exzentrik-Afanassiev-Stempel“ auf); auch als Ganzes gesehen empfinde ich es bei ihm nicht als schlüssig. Für mich fast unvorstellbar nach seiner großartigen Interpretation der Kreisleriana.

Auf weitere Empfehlungen freue ich mich! Außerdem würde ich gerne die Zeiten von Kempff wissen, in denen er die beiden genannten Stücke spielt. Vielleicht verstehe ich hier ja irgendetwas noch falsch oder bin wegen Richter voreingenommen.

Gruß, Cosima
Zelenka (02.08.2006, 16:37):
Original von Cosima


Ein Vergleich der Zeiten:

„Verrufene Stelle“: Richter 3:16, Afanassiev 5:17

Obgleich die Vortragsanweisung „ziemlich langsam“ lautet, zerstört m.E. Afanassiev die zugrunde liegende düstere, melancholische Poesie, indem er das Stück fast statisch gestaltet. Da fließt nichts, da gerät der Zusammenhang aus den Fugen.

„Vogel als Prophet“: Richter 2:42, Afanassiev 6:11


Ich sage ganz ehrlich: IMO hat Afanassiev dieses Schumann-Werk richtiggehend zerstört (frei nach dem Motto: Dem drücke ich nun meinen „Exzentrik-Afanassiev-Stempel“ auf); auch als Ganzes gesehen empfinde ich es bei ihm nicht als schlüssig. Für mich fast unvorstellbar nach seiner großartigen Interpretation der Kreisleriana.

Auf weitere Empfehlungen freue ich mich! Außerdem würde ich gerne die Zeiten von Kempff wissen, in denen er die beiden genannten Stücke spielt. Vielleicht verstehe ich hier ja irgendetwas noch falsch oder bin wegen Richter voreingenommen.

Gruß, Cosima

"Verrufene Stelle" Kempff = Richter 3:16

"Vogel als Prophet" Kempff 3:23

Gruß,

Zelenka
Cosima (02.08.2006, 16:43):
Original von Zelenka
"Verrufene Stelle" Kempff = Richter 3:16

"Vogel als Prophet" Kempff 3:23


Danke Dir! Vielleicht hatte Richter es beim Propheten-Vogel also etwas eilig, aber immerhin hat er ihn nicht sterben lassen. :)

Gruß, Cosima
Zelenka (02.08.2006, 16:45):
Original von Cosima
Original von Zelenka
"Verrufene Stelle" Kempff = Richter 3:16

"Vogel als Prophet" Kempff 3:23


Danke Dir! Vielleicht hatte Richter es beim Propheten-Vogel also etwas eilig, aber immerhin hat er ihn nicht sterben lassen. :)

Gruß, Cosima

Dafür sind wir Richter sicher alle sehr dankbar! :D

Gruß,

Zelenka
Cosima (02.08.2006, 18:30):
Original von Cosima
Für mich fast unvorstellbar nach seiner großartigen Interpretation der Kreisleriana.


Eigentlich gar nicht so unvorstellbar, wie ich zunächst annahm. Die acht Fantasiestücke der Kreisleriana sind an sich schon exzentrische Stücke. Ich habe eben nachgelesen, was Zelenka im Thread schrieb:

Was Afanassiev angeht: In einem Überblick über die Kreisleriana-Interpretationen wird er unter der Rubrik "Exzentriker etc." geführt. Ich kenne die Interpretation nicht, aber es scheint mir zu Recht. Wie ich lese, mißachtet er völlig ein vom Komponisten vorgegebenes Tempo. Welche Vermessenheit, Schumann umschreiben zu wollen! Schumann überholen zu wollen, was romantische Zerrissenheit angeht? Grotesk!

Siamak schrieb über Kreisler:

Eine skurrile Erscheinung, ein Fanatiker, der an seinen Bedürfnissen und seiner Zerrissenheit zugrunde geht.

Nehme ich beide Aussagen zusammen: In der Kreisleriana ergibt Afanassievs exzentrische Sichtweise einen Sinn für mich. Nicht so in den Waldszenen. Es scheint so, als habe der Pianist einfach fortgeführt, was er in der Kreisleriana begonnen hat. Ohne Rücksicht darauf, dass die Charakterstücke der Waldszenen ganz anders angelegt sind. Er hat quasi erneut seinen Kreisler losgeschickt; dieses Mal verkleidet als Jäger, Vogel bzw. als Beobachter der Szenerie. Ich glaube nicht, dass dies Schumanns Intention war und empfinde es daher – mit Zelenkas Worten – als vermessen und grotesk.

Gruß, Cosima
satie (02.08.2006, 19:13):
Empfehlung von mir:
Clara Haskil (1954), bei Philips erschienen

Kempff ist mir beim Vogel als Prophet zu phlegmatisch. Auch der "Jäger auf der Lauer" ist mir zu lauwarm... Aber ich kenne nur eine Aufnahme mit ihm.

Ebenfalls empfehlen kann ich Wilhelm Backhaus. Leider weiss ich nicht, von wann die Aufnahme ist. Jedenfalls schön transparent und plastisch.

Satie
AcomA (02.08.2006, 22:51):
lieber Cosima,

bei igor shukow, verrufene stelle 3:00 vogel als prophet 2:55.

herzlichen dank für deine eingehende analyse und für deinen afanassiev-verriss. :D

gruß, siamak :engel
Cosima (03.08.2006, 07:25):
Original von AcomA
herzlichen dank für deine eingehende analyse und für deinen afanassiev-verriss. :D


Lieber Siamak,

gern geschehen, bei Schumann kenne ich keine Gnade. :rofl Der Herr Shukov ist mir sympathisch.

Gruß, Cosima
Zelenka (03.08.2006, 18:06):
Original von Satie

Kempff ist mir beim Vogel als Prophet zu phlegmatisch. Auch der "Jäger auf der Lauer" ist mir zu lauwarm... Aber ich kenne nur eine Aufnahme mit ihm.

Satie

Nach der umfangreichsten Kempff-Diskographie (Stand 1995!) hat K. die Waldszenen nur einmal 1973 für DG eingespielt. Enthalten in der 4-CD-Box mit Schumann-Werken (Collectors Edition). Mit Deinem Urteil über das Temperament des Vogels bei Kempff bin ich natürlich nicht einverstanden.

Kennt jemand Cortots Vogel von 1948? Soll "magic" sein.

Gruß,

Zelenka
Zelenka (03.08.2006, 18:21):
Original von Cosima

Nehme ich beide Aussagen zusammen: In der Kreisleriana ergibt Afanassievs exzentrische Sichtweise einen Sinn für mich. Nicht so in den Waldszenen. Es scheint so, als habe der Pianist einfach fortgeführt, was er in der Kreisleriana begonnen hat. Ohne Rücksicht darauf, dass die Charakterstücke der Waldszenen ganz anders angelegt sind. Er hat quasi erneut seinen Kreisler losgeschickt; dieses Mal verkleidet als Jäger, Vogel bzw. als Beobachter der Szenerie. Ich glaube nicht, dass dies Schumanns Intention war und empfinde es daher – mit Zelenkas Worten – als vermessen und grotesk.

Gruß, Cosima

Ich habe inzwischen auch noch Afanassievs Waldszenen gehört. Der "Vogel als Prophet" ist wirklich entsetzlich flügellahm. Zeitweise erinnerte mich das Spiel an die Manier, in der Saties Gymnopédies vorgetragen werden. Direkt anschließend an den Vogel ungeheuer übertriebener Tastendonner zu Anfang des Jagdlieds.

Gruß,

Zelenka
Ganong (11.08.2006, 15:39):
Lieber Zelenka ,
liebe Freunde unseres Schumann - Projektes !

Siamak hat eine sehr gute Einführung verfasst .
Die "Waldszenen" spielen in der Schumann - Literatur eine viel grössere bedeutung als man angesichts ihrer sehr seltenen Aufführung als gesamtwerk annehemen würde . Mitbegründet dürfte dies dadurch sein , dass dieses geschlossenen Ganze ( und keine willkürliche Aneinanderreihung von Miniaturen mit der um das immer wieder gespielte Stück "Der Vogel als Prophet" -, dem sich aber wohl in seiner einzigartigen Schönheit , seiner Luzidität , seiner Innigkeit und seiner makellosen reinheit der komposition , niemand entziehen kann ) auch in Zusammenhang damit gesehen werden muss , dass Robert Schumann lange nichts "Grosses" für Klavier solo komponiert hatte . Ob man von einem tatsächlichen "Spätwerk2 Schumanns sprechen kann und sollte , sei dahingestellt . ich persönlich meine auch nicht , dass dem Komponisten "die Ideen für Klavierkompositionen" ausgegangen waren .

Zelenka hat es wundervoll formuliert : Berührende Schlichtheit des Ausdrucks ; grosses Mass an Poesie .. ständige Stimmungswechsel..." . Besser kann wohl niemand beschrieben und nachempfinden , w i e Schumanns Klaviermusik grundsätzlich aufgebaut ist . Und auch interpretiert werden sollte .

Ich hatte früher auf die Interpretation durch Radu Lupu bei seinem Liveabend in Düsseldorf in diesem Jahr hingewiesen . Lupu hat all dies von Zelenka in schumanns Musik Erfasste und Beschriebene wundervoll gespielt . Es wäre dumm eine - ganz subjektive Feststellung der leichten Überbetonung der Poesie - hier zu diskutieren . Lupu hat das Gesamtwerk als einheit gespielt . Grosses Klavierspiel ( nicht nur für Düsseldorfer verhältnisse ! ) !

Siamak hat interessanterweise in seiner Einführung seine Lieblingsinterpretation(en) nicht genannt ( was auch euinmal guttut ) .

Ich möchte , ja muss mich nochmals Zelenka anschliessen und Wilhelm Kempffs Notentextexegese besonders hervorheben .

Auserdem noch auf die Interpretation durch Aldo Ciccolini hinweisen . Auch wenn diese vielleicht zu einseitig die pure Posie überbetont .

Cyprien Katsaris ist in beiden Aufnahmen leider fast unbeteiligt ( über die Jahre hinweg geblieben ) .

Beste Grüsse ,
F r a n k
Rachmaninov (21.08.2006, 21:36):


Was Richters Aufnahme der Waldszenen angeht so schließe ich mich dem allgemeiner Tenor hier an. Pianistisch auf höchstem Niveau, aber in der Poesie der Aussage fehlt mri das doch einiges im Ausdruck und in der Gestalltung des deutschem Waldes.

Hier und da klingt es eher wie die "schroffen" Wälder seiner Heimat :engel

Muss ich dann doch noch die Kempff Aufnahme hören ? :D
Zelenka (22.08.2006, 12:32):
Original von Rachmaninov

Was Richters Aufnahme der Waldszenen angeht so schließe ich mich dem allgemeiner Tenor hier an. Pianistisch auf höchstem Niveau, aber in der Poesie der Aussage fehlt mri das doch einiges im Ausdruck und in der Gestalltung des deutschem Waldes.

Hier und da klingt es eher wie die "schroffen" Wälder seiner Heimat :engel

Muss ich dann doch noch die Kempff Aufnahme hören ? :D

Ja, Richard, mußt Du! Da führt kein Weg dran vorbei! :D

Gruß,

Zelenka
Walter (22.08.2006, 20:55):
@Siamak

vielen Dank für Deine hervorragende Einführung in das Thema. Ich merke, dass mir dadurch ein ganz anderer Einstieg in diese wunderschöne Musik ermöglicht wird. :thanks

Ich höre gerade die äußerst gefühlvolle Interpretation von Elisso Wirssaladze, die mir Richard empfohlen hat.

http://images.amazon.com/images/P/B00007GXW3.01._SCMZZZZZZZ_.jpg

- ich stehe geradezu im Wald - und bin berührt. :B

Ich muss dann ein andermal mit Richter oder Afanassiev prüfen, ob ich einer besonderen Stimmung verfallen bin, oder ob es die Aufnahme ist.
Rachmaninov (23.08.2006, 14:35):
@Zelenka,

ist dies die Kempff-Aufnahme mit den Waldszenen?

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/3237401.jpg
Zelenka (23.08.2006, 14:36):
Original von Rachmaninov
@Zelenka,

ist dies die Kempff-Aufnahme mit den Waldszenen?

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/3237401.jpg

Jawoll!!! :D

Gruß,

J.D.Z.
Rachmaninov (28.08.2006, 07:15):
Original von Walter

http://images.amazon.com/images/P/B00007GXW3.01._SCMZZZZZZZ_.jpg

- ich stehe geradezu im Wald - und bin berührt. :B



@Walter,

was die Waldszenen von Elisso Wirssaladze, aufgenommen am 16.12.1973 im
Tchaikovsky Konservatorium Moskau, angeht kann ich Dir nur Dir nur
zustimmen.

Das ist IMO Schumann's Klaviermusik auf ganz hohem Niveau.

Man höre nur die Spannung und das Bedrohnliche bei "Jäger auf der Lauer"
und gleich im Anschluß die "Einsame Blumen"...........

Oder der "Vogel als Prophet". Da sieht man den Vogel fast
schon zwitschernd und hin und her hünpfend irgendwo
auf einem Ast.

Und der Abschied ist voller Traurigkeit und dennoch
vermag man ein wenig Zuversicht raushören durch die
neuen Erfahrungen denen man sich nun widmen wird.
Rachmaninov (14.04.2008, 12:38):
Forianer, Schumann Freunde,

nachem ich die Waldszenen länger nicht mehr hörte habe ich mir im Verlauf der letzten Woche einige mal die Aufnahme von Abdel Rahman el Bacha angehört.

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/3399240167220.jpg

In gewisser Weise, aufgrund der langen Zeit seit der letzten Beschäftigung, kann man fast von einer neutralen Näherung sprechen.

Nun, so recht was ich von Abdel Rahman el Bacha Aufnahme halten soll weiß ich bis her nicht.

Die Aufnahme ist aus pianistischer Sicht wirklich klasse und El Bacha glänzt als Pianist. Kein wunder, daß er hier bereits mehrfach angesprochen wurde.
Stellenweise finde ich die Aufnahme daher vorzüglich, aber irgendwie fehlt mir hier das "lyrische" Element. Vielleicht spielt El Bacha dafür einfach zu "brilliant"?!

Wie seht ihr das?
Amadé (14.04.2008, 23:16):
@ Rachmaninov
Nach einem Hörvergleich mit der Aufnahme Wilhelm Kempffs (eine seiner letzten Einspielungen) muss ich feststellen, dass sich Kempff tiefer zu den "Blumen" des Waldes hinabbeugt und uns etwas mehr von ihrem Duft ahnen lässt als der jüngere, sonst von mir geschätzte El Bacha. Kempff nimmt sich mehr Zeit für den Gesang des Vogels, vieleicht hat er in seiner Jugend auch den Hörnerschall im WAld erlebt.

Gruß Amadé
Rachmaninov (15.04.2008, 05:29):
Original von Amadé
@ Rachmaninov
Nach einem Hörvergleich mit der Aufnahme Wilhelm Kempffs (eine seiner letzten Einspielungen) muss ich feststellen, dass sich Kempff tiefer zu den "Blumen" des Waldes hinabbeugt und uns etwas mehr von ihrem Duft ahnen lässt als der jüngere, sonst von mir geschätzte El Bacha. Kempff nimmt sich mehr Zeit für den Gesang des Vogels, vieleicht hat er in seiner Jugend auch den Hörnerschall im WAld erlebt.

Gruß Amadé

@Amade,

ich kenne zwar die Kempff Aufnahme (immer noch) nicht, muß aber zugeben, daß mich trotz allem brillianten Klavierspiel's und Phrasierungskunst EL Bacha's, die durchaus ihren Reiz hat, der deutsche Wald meiner Jugend nicht wieder in dem Sinn kam. Auch da, wie AcomA, es im Titel schrieb "doppelbödige" blieb mir weiterhin verborgen.

:)
Sfantu (14.08.2024, 23:40):
Vor und nach meinem zurückliegenden Wander-Wochenende im Kaiserstuhl beschäftigten mich die Waldszenen mehr als einmal.
Die Waldeinsamkeit, die schwer beschreibbare Atmosphäre, die wohltuende Kühle beim Eintritt nach anstrengendem Marsch durch die brütende Hitze der Weinberge - all das (selbstverständlich ohne Knopf im Ohr) gibt mir so viel mehr als spektakuläres Sightseeing an touristischen hot spots. Oder, vielleicht besser formuliert: es bringt andere Saiten zum Schwingen.

Wenn ich es richtig überblicke, sind sechs Einspielungen in meiner Sammlung.
Den Anfang machte heute Abend



Trudelies Leonhardt (Schwester von Gustav)
auf einer Replik eines Benignus Seidner-Fortepianos von 1815, gefertigt von Otto Rindlisbacher, Zürich, 1977
(CD, DUO, 1992)

Eintritt 2'01
Jäger auf der Lauer 1'40
Einsame Blumen 2'11
Verrufene Stelle 3'44
Freundliche Landschaft 1'16
Herberge 2''20
Vogel als Prophet 4'06
Jägerlied 3'03
Abschied 3'46

Der hervorherrschende Eindruck dieser Interpretation ist der einer großen Natürlichkeit. Der *andere* Klang des Hammerklaviers rückt dabei schnell in den Hintergrund - so einfühlsam, wie Leonhardt hier gestaltet. Einzig an ihrem Jägerlied stören mich die etwas aufgeblasen wirkenden Rubati, welche einen geschmeidigen Fluß nicht so recht zustande kommen lassen. Von diesem kleinen Manko abgesehen ist dies eine runde Sache in natürlichem Klanggewand.

Ein erfreulicher Anfang. Und doch erhoffe ich mir hie und da vielleicht ein Mehr.
An Poesie? Versenkung? Märchenzauber?
Wer weiß.
Sfantu (14.08.2024, 23:48):
Für mich bedeuten das Eröffnungsstück und der Mittelteil von ‚Vogel als Prophet’ absolute Höhepunkte Schumannschen Ausdruckes. Die Musik klingt so erhaben und rein, ja unschuldig ! Meine Lieblingsstücke !
Ja . "Vogel als Prophet" ist ein Stück, das sich der Beschreibbarkeit entzieht. Und das seinen Schöpfer vielleicht wie nichts Anderes aus seiner Feder als den Erzromantiker aller Romantiker manifestiert.