Ganong (24.04.2006, 19:47):
"Dem Spieler möflichste Freiheit im Vortrage zu lassen , sind nur Stellen , die etwas vergriffen werden könnten , genauer bezeichnet " -Robert Schumann -
Toccata , C - Dur , opus 7
Die Toccata in C - Dur opus 7 ist sicherlich eines der technisch anspruchvollsten Klavierwerke überhaupt . Ein Prüfstein für eine perfekte Technik wie ein Demonstrationsstück für die Spitzenliga der Solisten im Hinblick auch auf die Stimmungen in dem Werk besonders jenen Ver - Dämmerungszustand im Piano in den letzten drei Takten . Eine geniale kompositorische Idee . Und der Komponist schafft damit einem dem Werk sonst ganz fremden psychologischen Zustand . Zweifellos : Verdammt schwer . Sergey Prokoviev , ein ausgezeichnet Pianist , hat später genau in den Notentext gesehen und in das Werk hineingehört . Es war Vorbild für seine eigene Toccata in d - Moll opus 11 , mit der die ganz junge Martha Argerich mit ihrer auf Tonträger festgehaltenen Interpretation beim Busoni - Wettbewerb Furore gemacht hat .
Aber was will uns Robert Schumann mit diesem Meisterwerk sagen ? Und was bedeuet es ?
Es bedeutet zunächst inhaltlich einen anderen Kompositionsstil . Die Toccata ist weit ins 20. Jahrhundert gerichtet !
Schumann vermeidet die poetisch - literarische wie psychologische Hintergründigkeit des Gegensatzes Florestan versus Eusebius in vielen seiner anderen Hauptwerke .
Der zum Kompositionsbeginn 1829 in Heidelberg sich zum ruhmreichen Pianisten und nicht Juristen anbahnende Robert Schumann orientierte sich an Carl Czernys opus 92 , aber er übertraf dessen kompositorische Enge und schuf eine "geniale Klaviermusik virtuosen Anspruchs" ( J. Kaiser , 1997 ) .
Aber : Nur "virtuosen Anspruchs?" . Kaiser verkennt als bekennender Liebhaber der Werke Robert Schumanns dann doch die verästelnde Differenziertheit des Werkes , auf die Clara Schumann schon sehr früh und dann in der von ihr besorgten Gesamtausgabe an ihrem Lebensende hingewiesen hatte . Sie spielte das Werk auch regelmässig in ihren Konzerten . Die Toccata ist meiner Meinung nach auch nicht an J. S. Bachs Toccaten orientiert . Die Schumannsche Toccata hat eindeutig eine enorme Suggestivkraft ohne hochvirtuoser Selbstzweck zu sein wie viele Kompositionen bedeutender Pianisten der damaligen Zeit .
Es beinhaltet eine ungeheuere Motorik besonders durch die Bassbewegungen , was möglicherweise mitentscheidend ist , dass die meisten Interpreten - schon zu Schumanns Lebenszeit - das Werk immer wieder in ihr Programm aufgenommen haben, und das Werk nicht erst mit Beginn der Tonträger - Ära gespielt und aufgenommen wurde .
Interessant ist dabei , dass Schumanns Freund Ludwig Schunke ( er starb nur wenige Monate nach der endgültigen Fertigstellung der Komposition an den Folgen einer Tuberkulose ) , der während der Überarbeitungszeit des Werkes ab 1832 / 1833 in Leipzig mit Robert ab 1833 in einem Haus gewohnt hat . Schunke war ein glänzender Pianist ( die Toccata ist ihm auch gewidmet , und er ist sicherlich ein würdiger Widmungsträger , wofür Schumann sonst nicht immer ein sicheres Gefühl hatte ) spielte das Stück nach Berichten von Ohrenzeugen als Etüde , weil er das Werk so in den Noten gelesen und auch empfunden hat . Clara Wieck dagegen spielte die Toccata "zart" und "poetisch" und mit "tiefgefühlten Schattierungen" ( so Berichte von zeitgenössischen Hörern ) . Aus diesen Ohrenzeugenberichten machten dann einige Schumannforscher später eine - unzulässige - Mischung , was in der Komposition entahlten und wie sie zu spielen sei .
Auch wenn es neuerdings oft anders dargestellt wird ( etwa der Leipziger Schumannforscher und Herausgenber einer Reihe seiner Werke Köhler ) , so ist die Toccata auch für den sehr geübten Meisterpianisten "grausam schwer" ( J. Kaiser , 1997 ) .
Das in einem äusseren Sonatensatz komponierte Werk enthält weitaus mehr Substanz als nur ein Bravourstück zu sein . Jede rein mechanische Interpretation verkkennt Schumanns Intentionen . Und es endet bezeichnenderweise auch nicht in Jubelstimmung , etwa in einem leuchtenden C - Dur , sondern versinkt in eine typische Schumannsche romantische Dämmerung ( der drittletztte Takt hat erstmals ein p ! ) , wie auch Sviatoslav Richter das Ende des Werkes richtig erfasst ( 1959 ; DGG ) .
Schumann hatte sich im Frühjahr 1832 die berühmte "Fingerlähmung" im Anfangsstadium zugezogen . Nach Meinung Alfred Cortots müsse es der Mittelfinger gewesen sein , um dessen Unabhängigkeit vom 4. Finger besser zu trainieren . Andereseits lesen wir in der Schumannliteratur , dass Ludwig Schunke gegenüber Robert Schumann sagt e( dies ist gesichert ) , dass er ihm beim Spiel der Toccata mehrfach zugehört habe und deswegen das Werk auswenig gekoonnt habe , als er es ihm das erste Mal vorspielte .
Die Geschichte über Schunke , der die Toccat beim ersten Mal einfach vom Blatt gespielt habe , ist somit durch die Beteiligten selbst eindeutig widerlegt .
Ausserdem muss Schumann das Werk schon spätestens zu Beginn seiner "Fingerdehnungen" gespielt haben , Mit einer schweren "Fingerverletzung" hätte er alleine die schwierigen Oktavstellen wohl nicht spielen können . Also können die für Schumanns Karriere als Pianist folgenschweren , irreparablen Läsionen im neuro-muskulären wie Sehnen - Bereich nicht vor etwa Mai 1834 bestanden haben . Eher noch später .
Dass die genaue Entstehungszeit in allen Einzelheiten nicht absolut sicher ist , geht aus der wissenschaftlichen Literatur hervor . Schumann schreibt selbst , dass er das Werk im Juli 1832 "ausgearbeitet" habe . Nach Roberts eigenen Eintragungen ist das Werk 1833 "fertiggestellt" gewesen . Und es wurde 1834 gedruckt . Im Jahr 1840 (!) erinnert sich der Komponist an diese Zeit und schreibt , dass die Toccata wohl "zu kurz und zu rhapsodisch" sei . Immerhin hat seine Komposition ihn nachhaltig noch nach Jahren beschäftigt . Und wir müssen festhalten , dass er seine Toccata für so vollendet angesehen hat , dass er - im Gegensatz zu mehreren anderen Werken - keine einzige Veränderung mehr vorgenommen hat .
Die Frage drängt sich auf , welche Interpretation als herausragend aus mehreren aussergewöhnlichen Aufnahmen - ganz subjektiv - empfohlen werden kann .
Teil 2 folgt
Frank