Sechzehnjähriger als Interpret von Tschaikowsky-Sinfonik?

Glarean (14.08.2009, 07:28):
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Morgen Abend wird erstmals ein Jugendlicher das Sinfonie-Konzert eines amerikanischen
Spitzenorchesters leiten. Das renommierte Atlanta Symphony Orchestra verpflichtete den erst
16-jährigen Ilyich Rivas aus Venezuela für die Leitung eines Orchesterkonzerts mit Verdis Ouvertüre
zu «Les vêpres siciliennes», Mendelssohns Violinkonzert e-moll op. 64 sowie Tschaikowskys Vierter Sinfonie.

Ungeachtet der offensichtlichen Hochbegabung dieses jungen Musikers stellen sich mit seiner
«Verpflichtung» ans ASO doch kritische Fragen:
Reicht der aus «nur» 16-jähriger Denk- und Lebenserfahrung gespiesene «geistige Horizont» eines
Knaben aus für eine gültige Interpretation solcher kulturgeschichtlicher Höhepunkte wie der
Tschaikowski-Sinfonik? Wie gestaltet(e) sich überhaupt in einem solchen Fall die
orchesterpädagogische bzw. -psychologische Arbeit, da (zwangsläufig) relativ unerfahrener
Jugendlicher hundert hochkarätig ausgebildete und oft vieljährig erfahrene Spitzenkönner führen
muss? Oder ist dieses Engagement ganz einfach das Beispiel raffinierter neuer Marketing-Gags,
welche in Wirtschaftskrisen-Zeiten wieder mehr (sensationslüsterne) Besucher in die Konzerthallen
der finanziell überall serbelnden Spitzenorchester (nicht nur in Amerika) schwemmen sollen? Wie
weit will es der globale Musik-Kommerz noch treiben mit dem grassierenden Jugend-Kult?

Gruss: Glarean

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Wooster (14.08.2009, 11:46):
Es liegt natürlich eine Art Jugendkult/Sensation nahe. Ein Problem sehe ich hauptsächlich in mangelnder praktischer Erfahrung, Autorität, Personenführung usw. Andererseits könnte das Orchester derlei Schlachtrösser sicher auch abspielen, ohne überhaupt auf den Dirigenten zu achten. :cool
Daß nun eine besondere Lebenserfahrung zur "Deutung" der interpretierten Kunstwerke nötig sei, leuchtet mir weniger ein. Wenn noch jüngere Wunderkinder musikalisch gewichtigere Werke wie Beethovens Klavierkonzerte oder Bach Solopartiten spielen, sollte ein oberflächlicher Feger wie Tschaikowskys 4. nicht das große Problem sein.
Mendelssohn war zwar nicht beim Violinkonzert, aber beim Oktett und der Ouverture zum Sommernachtstraum auch nur 16, 17.

Es ist aber sicher kein Zufall, daß dirigentische "Wunderkinder" eher selten sind bzw. sich etwas mehr Zeit lassen als Instrumentalisten. Der einzige mir bekannte Fall eines bekannten Dirigenten, der als Teenager schon auftrat, sich dann aber wieder seiner Ausbildung widmete und mit Anfang 20 wiederkehrte, ist Lorin Maazel (Debut mit 9 Jahren, etliche Auftritte bis 16).

:hello

Wooster
kreisler (15.08.2009, 16:53):
Original von Glarean
Reicht der aus «nur» 16-jähriger Denk- und Lebenserfahrung gespiesene «geistige Horizont» eines
Knaben aus für eine gültige Interpretation solcher kulturgeschichtlicher Höhepunkte wie der
Tschaikowski-Sinfonik?

Ähm :S

Wie war das???

Was heißt hier geringer "geistiger Horizont"? :S
Knabe??
kulturgeschichtlicher Höhepunkt??? :D :D :D

...
Heike (15.08.2009, 20:59):
Über Ilyich Rivas kann ich nichts sagen, der ist mir völlig unbekannt (also sollte er aggressiv beworben werden, dann ging das bisher jedenfalls an mir vorbei)

Aber eine allgemeine Frage:
Erscheint euch die Deutung einer Sinfonie schwieriger als die Deutung einer Klaviersonate? Dass die Partitur komplexer ist, leuchtet unmittelbar ein, aber ist es auch schwieriger, den richtigen Ausdruck, die richtige Interpretation zu finden? Oder seht ihr das eher als praktisches Problem, weil die Regie für soviel verschiedene Instrumente/ Musiker natürlich viel mehr Führungspotential und auch Multitasking erfordert?
Heike
Glarean (15.08.2009, 22:02):
Original von kreisler
Original von Glarean
Reicht der aus «nur» 16-jähriger Denk- und Lebenserfahrung gespiesene «geistige Horizont» eines
Knaben aus für eine gültige Interpretation solcher kulturgeschichtlicher Höhepunkte wie der
Tschaikowski-Sinfonik?

Ähm :S

Wie war das???

Was heißt hier geringer "geistiger Horizont"? :S
Knabe??

...

Ich meine, romantische Sinfonik gehört nicht in die Hände von Teenagern.


Original von kreisle

kulturgeschichtlicher Höhepunkt??? :D:D:D



Das verrät dich jetzt als Jugendlichen... ;-)

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Glarean (15.08.2009, 22:19):
Original von Wooster
Es liegt natürlich eine Art Jugendkult/Sensation nahe. Ein Problem sehe ich hauptsächlich in mangelnder praktischer Erfahrung, Autorität, Personenführung usw. Andererseits könnte das Orchester derlei Schlachtrösser sicher auch abspielen, ohne überhaupt auf den Dirigenten zu achten. :cool



...weshalb ich von "Interpretation" schrieb; dass alle gemeinsam fertig werden, ist ja nicht das Problem.

Original von Wooster
Daß nun eine besondere Lebenserfahrung zur "Deutung" der interpretierten Kunstwerke nötig sei, leuchtet mir weniger ein. Wenn noch jüngere Wunderkinder musikalisch gewichtigere Werke wie Beethovens Klavierkonzerte oder Bach Solopartiten spielen, sollte ein oberflächlicher Feger wie Tschaikowskys 4. nicht das große Problem sein.


Aber ein Unterschied besteht schon, ob ich einer Solostimme gerecht werde, oder ob ich
mehr- bzw. vielstimmige Sinfonik gültig deuten muss. Das spielt IMO eine Liga höher.

Dass Tschaikowskys Vierte gleich ein "oberflächlicher Feger" sei, nur weil inzwischen
jeder Depp eine oder zwei Melodien daraus nachpfeifen kann, denke ich nicht.
Vielmehr lese man des Komponisten ureigenstes "romantisches Programm" zu
dieser Sinfonie, und entscheide dann, ob der Erfahrungsschatz eines Teenagers
solcher geforderten Ausdrucksweite gerecht werden kann.

Nun ja, vielleicht taucht ja schon bald auf Youtube ein Konzertausschnitt des Rivas-Auftritts
mit dem "Atlanta" auf, dann können wir hören... :-)

Gruss: Glarean

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kreisler (16.08.2009, 00:21):
Original von Glarean
Ich meine, romantische Sinfonik gehört nicht in die Hände von Teenagern.


Moment, du erlaubst dass ich frage: Meinst du das im Ernst?
Dann will ich nämlich von dir mal ganz genau Wissen, was das mit dem Alter zu tun hat!

Und ob man gerade Tschaikowsky´s 4. als kulturgeschichtlichen Höhepunkt sehen will wäre doch sehr zu bezweifeln, schon weil die Symphonie schon den beiden Nachfolgenden in einigem zurücksteht; sowohl kompositorisch, als auch vom musikalischen Gehalt...

(Nebenbei: Mein Beitrag dazu war doch auch etwas humoristisch gemeint und natürlich bewundere ich Tschaikowsky und höre auch seine 4. gerne, aber "kulturgeschichtliche Höhepunkte" wäre dann in meinen Augen dann doch eher etwas à la "Faust", "Krieg und Frieden" , in der Musik etwa der "Figaro" oder auch Michelangelos "David"...aber Moment: Der Figaro kann ja gar nicht genug Tiefgang besitzen, schließlich war Mozart ja erst 30 und hatte noch nichts erlebt:wink)

Jetzt möchte ich doch von dir auch noch ganz gerne wissen, was du denn in deinem Leben als "Erwachsener" schon so erlebt hast, das dir erlauben würde eine Tschaikowsky-Symphonie zu dirigieren?

Entschuldigung wenn ich dir da etwas böse bin, aber ich mag es einfach nicht, wenn ältere Menschen glauben, sie hätten in irgend einer Weise einen "geweiteten Horizont", gerade was Musik betrifft; und außerdem bin ich auf das Wort "Teenager" allergisch,-
Glarean (16.08.2009, 08:54):
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Auf dein hohes Ross zu springen bin ich zu alt...

Stattdessen einfach Bruno Walter (selber ein "Früher"):

"Wenn die Persönlichkeit eines Dirigenten nicht fähig ist,
die geistigen Anforderungen der Werke, die er aufführt,
zu erfüllen, werden seine Deutungen unbefriedigend bleiben,
auch wenn ihre musikalische Darbietung exemplarisch sein mag".
(Zitat aus: Schonberg, Die grossen Dirigenten)

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kreisler (16.08.2009, 11:08):
Das weicht nur meiner Frage aus, warum den ein 16 nicht in der Lage sein soll , diese geistigen(!) Anforderungen zu erfüllen

lg kreisler
satie (16.08.2009, 14:51):
Also ich kenne auch 60jährige, die es verpasst haben, sich überhaupt einen geistigen Horizont zuzulegen...
Es ist meiner Meinung nach schon etwas pauschal, Teenagern die Fähigkeit solcher Deutung abzusprechen, denn manche haben durchaus genug Tiefschläge gehabt, um auch Tragisches und Verzweifeltes sehr gut zu verstehen. Auch muss man nicht alles erlebt haben, um es nachzuvollziehen (wenngleich es letztlich natürlich erlebt worden sein muss, damit man es wirklich kann).
Technisch gesehen und von der Erfahrung im Sinne von Routine würde ich beipflichten: Dirigent wird man nicht von heute auf morgen, überhaupt würde ich von der Musikertätigkeit sagen, dass sie viele Jahre der Entwicklung braucht. Das bedeutet ja doch aber nicht, dass nicht auch ein junger Mensch seine Sichtweise mit einbringen könnte. Die kann viel interessanter sein als etwa die eines im Grunde verbrauchten Greises, der immer nur noch seine Standardinterpretation abspult. (Das von allen alten Musikern zu sagen, wäre genau so eine polarisierende Sichtweise, die genau so wenig gerechtfertigt wäre).
Ehrlich gesagt verstehe ich nicht ganz, warum bei so was immer gleich die Fetzen fliegen müssen und es auf eine persönliche Ebene gehen muss. Das überlassen wir lieber den vielen Mittags-Talkshows, die außer polarisieren gar nix können. Es gibt genau so reife Teenies wie völlig unreife Erwachsene. Nur weil einer jahrelang von Hartz IV gelebt hat oder schon dreimal geschieden ist, muss das nicht bedeuten, dass er aus seinen Erfahrungen auch etwas mitgenommen hat. Und das ist doch der entscheidende Punkt: nicht, dass man etwas erlebt - denn das tun alle - sondern dass das Erleben die Persönlichkeit und das Denken formt.

Reden wir also bitte hier nicht über "die Teenager", sondern über diesen einen konkreten Knaben und seine Interpretationen. Alles andere ist Quatsch.

Herzlich,
S A T I E
kreisler (16.08.2009, 15:30):
Hallo Satie,

dein Beitrag ist wie immer Gold wert, weil du immer alles so schön klarstellst :)

In zwei Dingen muss dir klar beipflichten:

Zum einen hast du natürlich recht, dass die praktische Erfahrung natürlich nur mit der Zeit kommt. Wobei ich behaupte, dass es auch Menschen gibt, die auch das recht schnell erlernen und somit schon in verhältnismäßig jungen Jahren - im positiven Sinne - recht routiniert sind. Aber das ist hier freilich nicht der Fall, da es so scheint, dass unser "16-Jähriger" zum ersten mal etwas vergleichbares dirigert. Hier stellt sich die Frage, ob das denn überhaupt so ein großes Problem darstellt: Ich behaupte, das ein "amerikanisches Spitzenorchester" wohl selbst routiniert genug ist, um solch einem unerfahrenen Dirigenten entgegenzukommen und zu helfen.

Außerdem wurde es hier natürlich wieder mal recht pauschal (nicht nur von meiner Seite!), und man muss freilich die Person einzeln betrachten, ohne gewisse "Vorurteile" was das Alter betrifft. Dass würde aber dann den Thread in Frage stellen bzw. die gestellte Frage für unwichtig erklären.

"Auch muss man nicht alles erlebt haben, um es nachzuvollziehen..."

Den Satz von dir finde ich aber noch um einiges interessanter, da er meine Sicht über die Interpretation eines Werkes an sich bekräftigt.
Ich würde sogar soweit gehen, dass ich den Gedanken, man könnte als Interpret nur dann wahrhaft richtig empfinden, wenn man selber gelitten (oder was auch immer) hat, als ziemlich großen Schmarren
zu verwerfen.
Die Musik schafft es doch gerade, bei ihren Hörern bestimmte Emotionen auszulösen, die diese noch gar nicht kannten und die auch sonst nicht durch andere Dinge hervorgerufen werden kann!

Nun wie dem auch sei, ich bin felsenfest überzeugt, dass zum verstehn von Tschaikowsky´s 4. nicht mehr und nicht weniger benötigt wird, als Begeisterung, etwas Sensibilität und ein bestimmtes Maß an natürlicher Musikalität.

Viele Grüße,
Kreisler