Sofia Gubaidulina: Violinkonzert - Dialog. Ich und Du (2018)

Sfantu (14.02.2022, 23:03):
Das dritte Violinkonzert
führt wiederum einen prominenten Virtuosen als Widmungsträger: Vadim Repin. Die Uraufführung fand mit dem Dirigenten Andres Mustonen 2018 in Nowosibirsk statt. "Ich und Du" bezieht Gubaidulina auf einen (ihren) Dialog mit Gott. So erwähnt das Booklet, daß sie während der Komposition viel gebetet und sich im Zwiegespräch mit dem Schöpfer befunden habe. Gemeinsamkeiten / Wiedererkennungs-Punkte im Hinblick auf die beiden älteren Gattungsbeiträge sehe ich am ehesten in den unbegleiteten kadenzartigen Abschnitten. Allerdings ist die Verflechtung, ja vielleicht tatsächlich der "Dialog" hier greifbarer und stofflicher gearbeitet als in den Schwesterwerken. Schon die Spielzeit deutet auf eine Tendenz zur Verknappung hin. Insgesamt "passiert" im dritten Konzert mehr. Oftmals vermittelt sich der Eindruck opernhafter Rezitative mit entsprechend auffahrend-dramatischer Geste. Nur: sieht so Demut vor dem Göttlichen aus? Erlaubt sich das Individuum nicht zu viel Anklage im Angesicht des Ewigen? Aber vielleicht darf ich als Hörer den Werktitel auch "nur" als Vorschlag zum Erleben und Verstehen dieser Musik zur Kenntnis nehmen, mir am Ende aber auch ein "Ich und Du" zwischen zwei irdischen Seelen auf Augenhöhe deuten und erleben? Für mich wäre das stimmiger, schlüssiger.
Nochmal: im Unterschied zu den ersten beiden Konzerten passiert hier in kürzerer Zeit mehr. Die Klangpalette ist farbiger (viel Pauken und Klangröhren), die Klangereignisse sind in größerer Nähe zueinander, die Textur also dichter. Das letzte Wort hat das Tutti (das Prinzip des Göttlichen repräsentierend?). Jedoch ohne jede Vehemenz. Sondern in sanftem, friedvollem Verklingen.



Vadim Repin,
Gewandhausorchester Leipzig - Andris Nelsons
(CD, DG, 2021)

21`30

Eine vollauf überzeugende, klangprächtige Einspielung.