Spätromantische Farbenfülle - Die Klavierkonzerte von Joseph Marx

Nordolf (16.07.2007, 18:30):
Die große musikalische Entdeckung der letzten Zeit ist für mich diese herrliche CD mit den beiden Klavierkonzerten des Österreichers Joseph Marx (1882 - 1964):


http://www.jpc.de/image/cover/front/0/9659021.jpg

Am Piano ist David Lively zu hören und Steven Sloane dirigiert die Bochumer Symphoniker. Es sind also eher unbekannte Namen als Interpreten zu vernehmen - aber sie spielen wie die ganz Großen. Süßer und schmelzender kann ich mir auch die Wiener Philharmoniker nicht vorstellen. Den jungen amerikanischen Pianisten David Lively muss ich mir vormerken - genau diesen romantischen blühend-intensiven Ton (Prototyp: Arthur Rubinstein) liebe ich am Klavier. Zudem besitzt die CD einen hervorragenden weiträumigen Sound.

Die beiden Klavierkonzerte entstanden Anfang ("Romantisches Klavierkonzert") und Ende ("Castelli Romani") der Zwanziger Jahre. Genau die Stimmung dessen, was man als die "Goldenen Zwanziger" bezeichnet, erwecken sie zu neuem Leben. Das Klangbild ist warm, lyrisch und voller Farbigkeit. Diese völlig entrückt klingende Musik trägt einen konsequenten Eskapismus in sich. Der Hörer spürt regelrecht die Flucht in eine Märchenwelt vor Nachkrieg und Inflation. Häufig werde ich an die Filmmusik Hollywoods aus den Vierzigern erinnert. Im übrigen war ja der spätere Filmkomponist Erich Korngold mit Joseph Marx befreundet. Das "Castelli Romani" stellt in mancher Hinsicht eine Hommage des Komponisten an Ottorino Respighi dar, mit dem er ebenfalls eine Freundschaft pflegte. Marx bringt hier einige archaisierende Stellen, die an den Einsatz von Kirchentonarten bei Respighi erinnern.

Das "Romantische Klavierkonzert" in E-Dur steht in der Tradition des Ersten von Brahms oder des Konzerts von Dvorak. Klavier und Orchester sind also gleichberechtigt, was der Musik einen symphonischen Anstrich gibt. Natürlich durfte sich Marx wie seine berühmten Vorgänger die altbekannte Kritik vom "Symphonie mit obligatem Klavier" anhören. Nichtsdestotrotz stellt der Klavierpart eine große Herausforderung an den Virtuosen dar.
Das groß angelegte Anfangsthema, welches nach dem verhaltenen Paukeneinsatz erklingt, gehört für mich schon zum schönsten, was die Klavierkonzert-Literatur überhaupt zu bieten hat.

Die "Castelli Romani" in Es-Dur sind Ruinen von Anwesen und Befestigungsanlagen der römischen Antike und des Mittelalters. Majestätische Parts wechseln sich mit sehr ruhigen fast wehmütigen Momenten ab. Es ist eine musikalische Landschaftsmalerei wie man sie aus Beethovens "Pastorale", Richard Strauss' "Alpensinfonie", von Debussy oder eben Respighi kennt.

Harmonisch liegen beide Werke in der Nähe von Richard Strauss, Erich Korngold und Franz Schreker. Wer diese Komponisten liebt, wird seine helle Freude an den Klangzaubereien dieses leider immer noch zu wenig beachteten Anwalts der tonalen Musik haben. Auch die Freunde der Klavierkonzerte von Rachmaninov und Medtner sollten unbedingt bei Marx nachhören. Gleiches (allerdings mit Einschränkung) dürfte wohl auch für Debussy-, Ravel- und Scriabin-Hörer gelten.

Der legendäre Dirigent Furtwängler bekannte sich ebenfalls zur Musik von Marx. Für ihn stand sie wohl für die Renaissance einer modernen Romantik, die er sich als Theoretiker für die Neue Musik wünschte und der er seine eigenen Kompositionen widmete.
Manchmal finde ich es wie Furtwängler schade, das - trotz meines durchaus vorhandenen Interesses für die heutige Neue Musik - dieser Weg zu einer unverhohlenen spätromantischen Klangfülle nicht weiter beschritten wurde.

Ihr solltet Euch unbedingt die Website der Joseph-Marx-Org. anschauen:

joseph-marx.org/deutsch

Dort gibt es den deutschen Text des Booklets, welcher der CD nur in Englisch beiliegt:

Booklet deutsch

Herzliche Grüsse!
Jörg (Nordolf)
Nordolf (16.07.2007, 18:30):
Die große musikalische Entdeckung der letzten Zeit ist für mich diese herrliche CD mit den beiden Klavierkonzerten des Österreichers Joseph Marx (1882 - 1964):


http://www.jpc.de/image/cover/front/0/9659021.jpg

Am Piano ist David Lively zu hören und Steven Sloane dirigiert die Bochumer Symphoniker. Es sind also eher unbekannte Namen als Interpreten zu vernehmen - aber sie spielen wie die ganz Großen. Süßer und schmelzender kann ich mir auch die Wiener Philharmoniker nicht vorstellen. Den jungen amerikanischen Pianisten David Lively muss ich mir vormerken - genau diesen romantischen blühend-intensiven Ton (Prototyp: Arthur Rubinstein) liebe ich am Klavier. Zudem besitzt die CD einen hervorragenden weiträumigen Sound.

Die beiden Klavierkonzerte entstanden Anfang ("Romantisches Klavierkonzert") und Ende ("Castelli Romani") der Zwanziger Jahre. Genau die Stimmung dessen, was man als die "Goldenen Zwanziger" bezeichnet, erwecken sie zu neuem Leben. Das Klangbild ist warm, lyrisch und voller Farbigkeit. Diese völlig entrückt klingende Musik trägt einen konsequenten Eskapismus in sich. Der Hörer spürt regelrecht die Flucht in eine Märchenwelt vor Nachkrieg und Inflation. Häufig werde ich an die Filmmusik Hollywoods aus den Vierzigern erinnert. Im übrigen war ja der spätere Filmkomponist Erich Korngold mit Joseph Marx befreundet. Das "Castelli Romani" stellt in mancher Hinsicht eine Hommage des Komponisten an Ottorino Respighi dar, mit dem er ebenfalls eine Freundschaft pflegte. Marx bringt hier einige archaisierende Stellen, die an den Einsatz von Kirchentonarten bei Respighi erinnern.

Das "Romantische Klavierkonzert" in E-Dur steht in der Tradition des Ersten von Brahms oder des Konzerts von Dvorak. Klavier und Orchester sind also gleichberechtigt, was der Musik einen symphonischen Anstrich gibt. Natürlich durfte sich Marx wie seine berühmten Vorgänger die altbekannte Kritik vom "Symphonie mit obligatem Klavier" anhören. Nichtsdestotrotz stellt der Klavierpart eine große Herausforderung an den Virtuosen dar.
Das groß angelegte Anfangsthema, welches nach dem verhaltenen Paukeneinsatz erklingt, gehört für mich schon zum schönsten, was die Klavierkonzert-Literatur überhaupt zu bieten hat.

Die "Castelli Romani" in Es-Dur sind Ruinen von Anwesen und Befestigungsanlagen der römischen Antike und des Mittelalters. Majestätische Parts wechseln sich mit sehr ruhigen fast wehmütigen Momenten ab. Es ist eine musikalische Landschaftsmalerei wie man sie aus Beethovens "Pastorale", Richard Strauss' "Alpensinfonie", von Debussy oder eben Respighi kennt.

Harmonisch liegen beide Werke in der Nähe von Richard Strauss, Erich Korngold und Franz Schreker. Wer diese Komponisten liebt, wird seine helle Freude an den Klangzaubereien dieses leider immer noch zu wenig beachteten Anwalts der tonalen Musik haben. Auch die Freunde der Klavierkonzerte von Rachmaninov und Medtner sollten unbedingt bei Marx nachhören. Gleiches (allerdings mit Einschränkung) dürfte wohl auch für Debussy-, Ravel- und Scriabin-Hörer gelten.

Der legendäre Dirigent Furtwängler bekannte sich ebenfalls zur Musik von Marx. Für ihn stand sie wohl für die Renaissance einer modernen Romantik, die er sich als Theoretiker für die Neue Musik wünschte und der er seine eigenen Kompositionen widmete.
Manchmal finde ich es wie Furtwängler schade, das - trotz meines durchaus vorhandenen Interesses für die heutige Neue Musik - dieser Weg zu einer unverhohlenen spätromantischen Klangfülle nicht weiter beschritten wurde.

Ihr solltet Euch unbedingt die Website der Joseph-Marx-Org. anschauen:

joseph-marx.org/deutsch

Dort gibt es den deutschen Text des Booklets, welcher der CD nur in Englisch beiliegt:

Booklet deutsch

Herzliche Grüsse!
Jörg (Nordolf)